Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied Frankfurter Verlagsanstalt

Auf der Shortlist des Bloggerpreises von Das Debüt 2020 steht auch Amanda Lasker-Berlins Roman „Elijas Lied„. Es geht um drei Schwestern, die sich seit langem wiedersehen um eine Wanderung zu machen, die sie früher mit den Eltern öfter machten. Die Einladung kommt von Loth und die Schwestern sind nicht gleich begeistert davon. Eines Tages ist es dann doch soweit und die Autorin nutzt den Wandertag, der in Uhrzeiten aufgeteilt ist, die gleichzeitig als Kapitelüberschriften fungieren, um die drei jungen Frauen vorzustellen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Und ich frage mich tatsächlich das ganze Buch hindurch, warum sie sich auf diese Wanderung überhaupt einlassen, denn leiden können sie sich eigentlich nicht. Sie stehen sich selbst im Weg. Sie verbindet nur, dass sie Schwestern sind. Echte Nähe mag einzig in der Szene auf dem als Wanderziel gesetzten Berggipfel zu erkennen sein. Als Elija das Lied singt, dass der Vater für sie gedichtet hat …

Jede für sich hätte einen Roman füllen können, denn viel mehr Ungewöhnlichkeit geht fast gar nicht. Dazu kommen die bedeutungsschwangeren biblischen Namen, die alle drei tragen. Da ist Loth, die rechtsextreme Ansichten öffentlich vertritt, für eine rechtsextreme Partei arbeitet, entsprechende Lieder singt und Videos postet. Sie lebt in einer WG mit Gleichgesinnten und ist gleichzeitig Narzisstin und Magersüchtige mit Reinlichkeitszwang. Dann gibt es Noa, die einen Job in einer großen Kantine hat, sich ein Zubrot mit Sexdiensten in Pflegeeinrichtungen verdient und gleichzeitig mit einem gut verdienenden jungen Workaholic liiert ist.

„Aber Elija wirbelt ihre Arme durch die Luft. So wie sie es im Theater zum Aufwärmen macht. Sie kreist die Schultern, damit sie Flügel werden, sie beugt die Knie, knickt den Rumpf. Auf einer Bühne muss man kein Mensch sein. Da kann man das sein, was die Natur aus einem gemacht hat, findet sie.“

Und es gibt Elija, die mit Trisomie geboren wurde. Sie wurde als Teenager schwanger, musste durch die Eltern veranlasst abtreiben und wurde zwangssterilisiert (was mich wundert, da die Eltern praktizierende Christen sind). Elija schafft es jedoch mittels ihrer Tätigkeit in einem Theater, in dem die Regisseurin ein Soloprogramm für die begabte Elija produzieren will, ihren Schmerz zumindest heilsam auszugleichen. Meiner Ansicht nach sind alle drei Schwestern extrem traumatisiert. Beim Lesen denke ich unwillkürlich, dass die Autorin zu viel in ihre Geschichte gepackt hat. Weniger wäre hier womöglich mehr gewesen.

Auch sprachlich ist es ein Balanceakt. Manche Metaphern wirken sehr künstlich („Ihre Pulsader pocht blau in den Wald hinein.“) . Manche Szenen jedoch, wie etwa die, in denen Elija sich mit der ausgestopften Eule in einem Gasthaus identifiziert, weil sie dabei an ihre Abtreibung, den Verlust des Ungeborenen denkt, finde ich sehr gelungen. Teils sind es extrem kleinteilige sinnliche Beschreibungen, viel Haut, viel Geruch, viel Körper, die großen Themen hingegen werden kaum verdichtet. Erklärungen sucht man sich zwischen den Zeilen und so wirkt das Buch auch nach der Lektüre noch lange als Denkanstoß.

Die  1994 geborene Autorin schreibt vor allem fürs Theater. Ihr Romandebüt erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Ein schönes Porträt der Autorin gibt es hier:

 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Bodo Kirchhoff: Betreff: Einladung zu einer Kreuzfahrt Hörbuch Frankfurter Verlagsanstalt

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„Die Reederei würde sich freuen, Sie als Gastkünstler an Bord begrüßen zu dürfen!“

Bissig, sarkastisch und irgendwie doch „schrecklich amüsant“, wie sich schon der geniale amerikanische Schriftsteller David Foster-Wallace in seinem Kreuzfahrtbuch äußert, sind die Erwiderungen Bodo Kirchhoffs auf die Einladung zu einer Kreuzfahrt durch die Karibik. Diesen in Brief- oder Mailform gehaltenen Antwort-Monolog gibt es auch als Buch. Vom Autor selbst gelesen ist es aber vielleicht sogar noch böser, klingt zumindest aber deutlich unbescheiden, wie sich Kirchhoff ja oftmals gibt und zudem sich in Rage redend, bisweilen geistreich und scharfzüngig zugleich.

Sehr geehrte Frau Faber-Eschenbach!
Haben Sie Dank für die Einladung zu einer zweiwöchigen Kreuzfahrt durch die Karibik in einer Außenkabine mit Balkon bei freier Verpflegung sowie freien Getränken an jeder Bar unter der Bedingung mehrerer Lesungen aus meinem Werk, jeweils zur Prime Time, wie es in Ihrem Schreiben heißt, das Ganze auch gültig für eine Begleitperson einschließlich des Fluges nach Havanna auf Kosten der Reederei Arkadia Line – was kann ein Mensch dazu anderes sagen als ja? Und doch erlaube ich mir einige Gedanken vor einer Zusage, die, wie Sie betonen, möglichst umgehend erfolgen soll, obgleich die Reise erst für die Zeit um die Jahreswende eingeplant ist und wir uns noch kaum im März befinden.

Ihr Angebot traf am frühen Nachmittag ein, und auch wenn elektronische Post keine Zeiten kennt, keine innere Uhr, kennt sie doch der, der so ein Schreiben mittags versendet – er kann davon ausgehen, dass sich der Empfänger auf einem Tagestiefpunkt befindet, fast von allein bereit, die Einladung zu einer Kreuzfahrt als Glücksfall zu sehen.
( … )
Allerdings legt die Eile, zu der Sie mich anhalten, eine Vermutung nahe: Ob Sie wohl unter Druck stehen, etwa diese und jene unerwartete Absage erhalten haben, weil die Angefragten doch ein häusliches Weihnachten und Silvester vorziehen, oder bin genau ich es, den die Reederei auf dem Schiff haben will, natürlich auf Ihre Empfehlung hin, weil man in Chefetagen nur Bilanzen liest? „

So beginnt Kirchhoffs Tirade, die sich als Antwort tarnt, sich aber in Wirklichkeit viel weiter in Fragen vertieft: Was ist ein Künstler/Schriftsteller zu tun bereit, wenn es um Berühmtheit oder ums liebe Geld geht? Wie weit geht die moderne Vergnügungssucht in ihren immer bizarreren Formen? Reicht eine „normale“ Lesung oder gar die stille Lektüre zuhause nicht mehr aus? Muss alles nur noch aus Performance mit möglichst exotischem Drumherum bestehen? Fragen, die ich für absolut berechtigt halte.

Wie auch immer, Frau Faber-Eschenbach wird sich wundern, wenn Sie Kirchhoffs Antwort tatsächlich erhält. Falls sie Kirchhoff-Fan ist, wird sie diese vielleicht aber auch freuen.

Als Ergänzung zu David Foster Wallace klugem Buch „Schrecklich amüsant, aber in Zukunft ohne mich“ (der allerdings wirklich eine Woche lang auf einem Luxusliner verbrachte und durchhielt) für alle zukünftigen Kreuzfahrtreisenden zu empfehlen (obgleich man natürlich besser von jeglicher Kreuzfahrt abrät, allein schon wegen des Umweltschutz und der zunehmenden Gefahr des Kenterns). Oder für Kirchhoff-Fans, die mehr über das Selbstbild ihres Lieblingsautors erfahren wollen.

Buch und Hörbuch sind in der Frankfurter Verlagsanstalt erschienen. Hier eine
 Hörprobe . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine Besprechung von Bodo Kirchhoffs 2016 buchpreisgekröntem Roman „Widerfahrnis“ gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) Frankfurter Verlagsanstalt/ Ullstein Verlag

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Was für eine Geschichte! Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben“ einen hochkarätigen Roman über eine georgische Familie geschrieben, der auch gleichzeitig die Geschichte Georgiens als Teil der Sowjetunion aufzeigt. Beginnend im Jahr 1900 spannt Haratischwili einen Bogen fast bis zur Gegenwart. Sie hat auch soeben den Bertolt-Brecht-Preis und das Stipendium des Lessing-Preises 2018 gewonnen. Beinahe 1300 Seiten dick ist der Roman und es ist keine Seite, keine Zeile zuviel.

„Weil es ein Geheimrezept ist. Eine kleine Dosis meines Geheimnisses mische ich in alle unsere Schokoladenwaren, aber das Rezept ist ursprünglich für diese Heiße Schokolade erfunden worden, die du nun kosten durftest. Aber … Er hielt inne und sah seine Tochter unablässig an. – Aber sie ist gefährlich.“

Seit der Lektüre dieses beeindruckenden Romans habe ich ein Faible für Heiße Schokolade. Denn alles beginnt in einer Schokoladenfabrik in einer Kleinstadt in Georgien. Es beginnt mit dem Konditormeister, Stasias Vater und dessen Geheimrezept für Heiße Schokolade. Es beginnt mit Stasia, die im Jahr 1900 geboren wird und sich später in Simon Jaschi verliebt, einem Oberstleutnant der weißen Garde. Haratischwili teilt den opulenten Roman in 7 Kapitel auf, die jeweils vorwiegend einem Familienmitglied gewidmet sind, das 8. und letzte Kapitel heißt Brilka und es ist noch leer, denn es wird gerade erst gelebt. So entsteht dann ein beeindruckender Familienstammbaum, wie er am Ende des Buches abgedruckt ist, der hilfreich ist, um den Überblick über die Figuren zu behalten, die einem allesamt ans Herz wachsen, egal wie schrullig oder kompliziert sie auch sind.

Immer wieder ist es spannend zeitgeschichtliches statt mit dem westlichen Blick, mit dem Georgiens zu betrachten. Was beispielsweise dort geschah, nachdem Gorbatschow Staatsoberhaupt der Sowjetunion wurde, sieht von dieser Warte aus betrachtet ganz anders aus. Wirklich spannend vermischt die Autorin georgische und sowjetische Geschichte mit dem Leben der zahlreichen Familienmitglieder. Die Personen sind rundweg großartig geschildert: ob nun hoher Parteifunktionär, Spion, Popsängerin, Geisterseherin, Schauspielerin, Filmemacher, bildschöne Tante, jähzorniger Großvater, Tänzerin, alle tragen schwer an ihrer Vergangenheit, an ihrer Herkunft, immer beeinflusst von der wechselvollen Geschichte ihres Landes. Schauplätze sind außer Tbilissi, wo die Erzählerin 1973 geboren wurde, Petrograd, Leningrad, Prag, Wien, London. So gerät der/die Leser*in die Wirren der Revolution in Moskau, hört von der Straße des Lebens, die zur Versorgung Leningrads während des Krieges übers Eis führte, erlebt das Prag zur Zeit des Prager Frühlings und die Zeit des Kalten Krieges. Bis zum Ende bleibt es spannend.

Ich danke Nino Haratischwili für diesen Roman, der mir in unvergleichlicher Weise so viel über ihr Land und eine schier unglaubliche mitreißende Familiengeschichte erzählt. Ich bin gespannt auf den neuen Roman. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman ist gebunden in der Frankfurter Verlagsanstalt und auch als Taschenbuch bei Ullstein erhältlich, wobei sich die gebundene Ausgabe aufgrund des Seitenumfangs als stabiler anbietet. Eine Leseprobe gibt es hier.