Annie Ernaux: Die Jahre Suhrkamp Verlag

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„Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.“

Es ist eine Biografie, obgleich kein einziges Mal das Wort ich benutzt wird. Es ist eine indirekte Biografie, die aus den äußerlichen Gegebenheiten einer Vergangenheit das Bild einer Person zusammenfügt. Gleichzeitig ist es die Biografie einer ganzen Generation und ein Gesellschaftsporträt Frankreichs. Annie Ernaux wählte diese Form ganz bewußt. Sie nennt es kollektive Biografie.

Die 1940 geborene Annie Ernaux, in Frankreich weitaus bekannter als hierzulande, hat, wie man an der Banderole des Suhrkamp Verlages sehen kann, mit „Die Jahre“ einen Bestseller geschrieben. Es erschien dort bereits im Jahr 2008. Im Zuge der Frankfurter Buchmesse 2017 mit Gastland Frankreich ist das Buch auch hierzulande endlich entdeckt worden. Gehört man Ernauxs Generation ganz oder teilweise an, spricht das Buch Bände. Man erkennt sich selbst oder die eigene vergangene Welt wieder und Erinnerungen werden geweckt.

Annie Ernaux erschafft eine Kindheit, eine Jugend, eine Nachkriegswelt, in der es vor allem um Materielles geht. Um neue technische Errungenschaften, die man auf Raten oder Kredit kauft, um ein beschauliches Familienleben, weitab von den Träumen und Plänen, die eigentlich gelebt werden wollten. In diesem Fall etwa das Schreiben, das Lernen und Wissen, das anders sein wollen, das Aufstreben, das Ausscheren aus der Arbeiterfamilie.

Als die 68er Revolution beginnt, als die Studenten auf die Straßen gehen, scheint sich alles zu ändern scheint ein neues Denken zu beginnen. Es geht um die Pille, Abtreibung, die Rechte der Frau, die Emanzipation. Es geht um die sexuelle Befreiung, Selbstfindung, den kreativen Ausdruck, Landleben, Yoga etc.

„Wir, die wir in Küchen abgetrieben hatten, die wir uns hatten scheiden lassen, die wir geglaubt hatten, dass unsere Emanzipationsbemühungen es anderen leichter machen würden, waren mit einem Mal sehr müde. Wir wussten nicht, ob die Revolution der Frauen überhaupt stattgefunden hatte.“

Dann älter werdend: scharfe Blicke auf die Politik, die Veränderungen und Entwicklungen im Weltgeschehen.

„Man machte kurzen Prozess, die Sowjetunion wurde aufgelöst und in „Russische Förderation“ umbenannt. Boris Jelzin wurde Präsident, und Leningrad hieß wieder Sankt Petersburg, was auch praktischer war, so fand man sich besser in Dostojewskis Romanen zurecht.“

Ernauxs Fliesstext hat eine hohe Informationsdichte und ist spannend zu lesen. Da merkt man, welch gute Erzählerin sie ist, welch glasklaren klugen Blick sie für die wichtigen Ereignisse der jeweiligen Zeit hat. Ob Fernsehgerät, Mobiltelefon, Computer, Internet („Die Suche nach der verlorenen Zeit fand im Internet statt“): Alles wird beleuchtet. Dazu gehören auch die jeweils aktuellen Lieder, Bücher, Werbetexte, Krankheiten, Kriege etc.

Zwischendurch lässt Ernaux den Blick immer wieder konkret auf eine Einzelperson fallen, eine Frau, sie selbst, die sie anhand von Fotografien („Trouville, März 1999“) beschreibt: deren Gedanken, deren Standpunkt zu bestimmten Zeiten in der Welt. Welche Bruchstellen gab es? Wie fühlt sie sich? Diese Frau fragt sich auch immer wieder, wie sie ihr Leben schreiben könnte, verankert in eine Geschichte dieser Zeit.

„Sie will aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gesellschaftliche Zeit rekonstruieren, eine Zeit, die vor Langem begann und bis heute andauert – sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen.“

Gelungen ist ihr das unglaublich gut: In solch kurzer Form eine ausdrucksstarke französische Gesellschaftsgeschichte niederzuschreiben, die auch sprachlich überzeugt, das muß man Ernaux erst mal nachmachen. Ein Leuchten!

„Die Jahre“ erschien in der Bibliothek Suhrkamp, fadengeheftet, gedruckt auf feinem Papier. Das zarte Coverbild zeigt die Autorin im Alter von 20 Jahren. Übersetzt wurde das Buch von Sonja Finck. Eine Leseprobe und ein schönes Interview mit der Autorin gibt es hier.

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Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

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Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit  „Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman Kalkutta kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden …
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Frankfurter Buchmesse 2017: Ehrengast Frankreich

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Mit Frankreich ist diesmal wieder ein direktes Nachbarland Ehrengast auf der Frankfurter Buchmesse. Wie ich erfreut feststelle, habe ich bisher schon recht oft literarisch hinüber gelesen. Hier ein kleiner Überblick:

AchterbahnEinen zweisprachigen Lyrikband bringt der Wallstein Verlag in Zusammenarbeit mit Le Castor Astral heraus. Es trafen sich vier französische und vier deutsche Dichter, um gegenseitig im Miteinander ihre Gedichte zu übersetzen – hier findet man zeitgenössische französische Lyrik. Mit dabei unter anderem: Marion Poschmann und Monika Rinck.

Folgende Bücher sind jeweils verlinkt – man gelangt direkt zu meiner Besprechung:

Raymond Queneau: Stilübungen Suhrkamp Verlag 2016
Ein köstliches Spiel mit Sprache von einem der Oulipo-Dichter über eine Busfahrt

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag 2017 
Ein sprachliches Meisterwerk: die Grausamkeit des Krieges auf wenigen Seiten

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag 2017
Ein Künstlerroman, der Vincent van Goghs Zerrissenheit in den Mittelpunkt stellt

Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag 2017 
Ein Haus in Paris als Familienhöhle und als Versteck für einen jüdischen Arzt

Valentine Goby: Kinderzimmer Ebersbach & Simon 2017 
Erschütterndes Zeitdokument einer Französin aus dem Frauenlager Ravensbrück

François Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag 2016 
Eine französische Buchhandlung in Berlin und die Flucht vor den Nationalsozialisten

Silvie Schenk: Schnell, dein Leben Hanser Verlag 2016 
Starkes autobiografisches Frauenporträt einer Französin im Nachkriegsdeutschland

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secesssion Verlag 2017
Sprachlich unglaublich dicht: Geschichte eines jungen Mannes auf der Sinn-Suche

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag 2017 
Aktuelles, gut konstruiertes Porträt der französischen Gesellschaft

Leila Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag 2017
Eine Art Psychothriller, der auch als Gesellschaftskritik durchgehen kann

Véronique Bizot: Menschenseele Steidl Verlag 2016 
Eine sprachlich überzeugende Entdeckung, eine ungewöhnliche eigenartige Geschichte

Saphia Azzeddine: Bilqiss Wagenbach Verlag 2016 
Die mutige junge Bilqiss in ihrem klugen Kampf gegen die Religionspolizei

Julia Deck: Winterdreieck Wagenbach Verlag 2016
Schräger Roman um eine skurrile Protagonistin im Widerstand gegen sich und die Welt

Brigitte Giraud: Einen Körper haben S. Fischer Verlag 2016
Roman, der sich durch Körperlichkeit dem Inneren einer trauernden Frau annähert

Delphine de Vigan: Nach einer wahren Geschichte Dumont Verlag 2016 
Eine Frau mit Schreibblockade erhält (scheinbar) Hilfe von einer mysteriösen Fremden

Shumona Sinha: Erschlagt die Armen Edition Nautilus 2015 
Eine Emigrantin steht als Dolmetscherin zwischen Herkunft und neuem Land und scheitert an dieser Aufgabe

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus 2016 
Eine Frau kehrt zum Begräbnis des Vaters in ihr Herkunftsland Indien zurück und erinnert sich

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus 2017
Drei Frauen zwischen Tradition und Moderne, zwischen Fremdheit und Ankommen

Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag 2017
Geschichte einer jungen Emigrantin aus Mali zwischen Tradition und Moderne

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag 2016 
Ein kleines Kunstwerk über eine brennende Liebe anhand des Malers Nicolas de Stael

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit Carlsen Verlag 2017
Das Wieder-in-die-Welt-finden einer Illustratorin nach dem Attentat bei Charlie Hebdo

Was mir auffällt, wenn ich die Titel so durchgehe: Es sind vor allem Autorinnen. Offenbar haben in Frankreich die schreibenden Frauen das Heft in der Hand, was mich wiederum sehr für sie einnimmt. Unschwer zu erkennen ist, dass Shumona Sinha meine Favoritin ist. Ich habe sie kürzlich in einer Lesung des Literaturfestivals erlebt und finde ihre starke kritische Stimme, die sie mit feiner Sprachpoesie kombiniert, mehr als überzeugend. Leuchtende Leseerlebnisse wünsche ich!

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag

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Leïla Slimani hat für diesen Roman den Prix Goncourt 2016 erhalten. Nach der Leseprobe war ich gespannt, wie es weitergeht und ich hoffte natürlich auch aufgrund des Preises auf ein sprachlich besonderes Buch. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Der Roman ähnelt einem Psychothriller und er will gesellschaftskritisch sein, denn er zeigt zudem manche Missstände in der französischen Gesellschaft auf, begibt sich in die Welt der „neuen Diener“.

Schon auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass zwei Kinder tot sind. Es ist auch klar, wer die Mörderin ist. Es ist die angeheuerte beliebte Nanny eines Paares, das zwar zwei Kinder bekommen hat, das aber dennoch mit Karriereabsichten arbeiten geht und gar keine Zeit hat für die noch kleinen Kinder.

„Das Leben ist zu einer Abfolge von Aufgaben geworden, von Verpflichtungen, die man einhalten , und Verabredungen, die man wahrnehmen muss. Myriam und Paul sind überlastet. Das sagen sie sich gerne immer wieder, als wäre ihre Erschöpfung der Vorbote des Erfolgs.“

Also muss die Nanny her. Sie scheint perfekt, die Kinder sind bestens betreut, der Haushalt gut versorgt und Überstunden sind kein Problem. Immer mehr Raum nimmt sie im Leben der Familie ein, immer mehr Irritationen stellen sich ein. Und Louise, die Nanny, die schwer an ihrem Banlieue-Schicksal trägt, der ungeliebte Mann stirbt und hinterlässt Schulden, die ungewollte eigene Tochter flieht so schnell wie möglich vor der Mutter aus dem Haus, ist wie der Leser schnell erkennt, selbst überfordert und alles andere als psychisch stabil … Doch eine wirkliche Erklärung gibt es für die Tat nicht. Das, auf was man als Leser*in hofft, verweigert die Autorin.

Zugegeben, ich habe mich nach der Lektüre gewundert, weshalb dieses Buch den Prix Goncourt erhalten hat. Die Geschichte zwar spannend, aber nicht überragend, zwar unterhaltend, aber nicht nachhaltig, sprachlich auch kein Highlight. Da habe ich kürzlich ein stärkeres Buch einer Französin gelesen: In allen oben genannten Aspekten hat mich Karine Tuils Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ mehr überzeugt. Obgleich beide Autorinnen selbst einen Migrationshintergrund haben, schafft es Tuil eindrucksvoller und komplexer diese französischen Problemthematiken darzustellen. Tuil gilt auch meine Empfehlung, Slimani eher dann, wenn man sonst eher Psycho-Krimis mag.

Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Amelie Thoma. Eine Leseprobe gibt es hier.

Film-Kunst-Film: Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte DVD Film von Corinna Belz 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Corinna Belz, bekannt durch ihren Film über den Maler Gerhard Richter, hat einen wunderbaren Film über Peter Handke gemacht. Ein Film, der mich sehr für den Schriftsteller einnimmt, ein stiller Film voller Sehnsucht und Passion.

Gedreht wurde vor allem in Peter Handkes Haus nahe Paris, seinem ganz eigen gestalteten Lebensort. Eine kleine Episode auch in dem Landhaus, welches Schauplatz der Verfilmung von Handkes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ war, in dem Sophie Semin, Handkes Frau die weibliche Rolle spielt und er selbst einen sehr kurzen Auftritt als Gärtner hat. Auch diesen Film vom Regisseur Wim Wenders empfehle ich sehr: http://www.dieschoenentagevonaranjuez-derfilm.de/ (gerade neu als DVD)

Es ist schon spannend zu sehen, welch eine Persönlichkeit aus dem jungen, aufmüpfigen und dennoch scheuen Mann, der auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1966 zum ersten Mal von sich reden machte oder dem „Verrückten“, der mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Claus Peymann die Theaterbesucher mehr als irritierte, geworden ist.

Die kleinen Dinge sind es, die den Film so besonders machen. Zuzusehen, wie Handke Pilze schneidet und das Geräusch genießt, wie er draußen im Garten all seine Bleistifte spitzt (er schreibt nur mit der Hand), oder wie er auf seinem Nähsessel sitzt und versucht den Faden in das schmale Nadelöhr zu fädeln, um eines seiner Hemden zu besticken ist schon sehr besonders. Handke gibt diesen Dingen seine ganze Aufmerksamkeit, findet die Sinnlichkeit darin. Die gleiche große Aufmerksamkeit, die er auch für die Sprache seiner Geschichten verwendet. Jedes Wort wird gewogen, damit es auch stimmig ist. Handke nennt das Schreiben auch einen Prozeß der Erfindung.

Schön auch zu sehen, wie die Notizbücher entstehen mit Text und paralleler Zeichnung, sie sind selbst schon kleine Kunstwerke. Das „Notizbuch“ aus dem Insel Verlag zeigt Einblicke. Einige Zeichnungen konnte man bereits in „Von der Baumschattenwand nachts“ aus dem Jung & Jung Verlag sehen.

Noch bis Ende Juli kann man Original-Zeichnungen aus Handkes Notizheften in der Galerie Friese in Berlin sehen.

Einen Trailer zum Film gibt es auf der offiziellen Film-Seite.

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag

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Karine Tuil, 1972 in Paris geboren, Juristin und Schriftstellerin mit tunesischen, jüdischen Wurzeln hat selbst ihre Kindheit in den Banlieus verbracht. „Die Zeit der Ruhelosen“ ist bereits ihr 10. Roman und erzählt von den Klassenunterschieden im heutigen Frankreich. Tuil packt politisch brisante Themen an und weiß stimmig konstruierte Geschichten daraus zu machen, in denen es an Kritik am System nicht mangelt. Ihr 500-Seiten-Roman ist in keiner Sekunde langweilig – selten nehme ich das Wort Pageturner in den Mund, doch hier passt es. Der Roman besticht mit seinem komplexen spannenden Inhalt.

Es gibt vier Hauptfiguren, um die sich die ganze Geschichte dreht. Da ist zunächst Romain Roller, ein französischer Soldat, der aus Afghanistan zurückkommt und stark traumatisiert nicht mehr in seine frühere Rolle mit Frau und Kind zurückfindet. Er hat eine spontane Affäre mit Marion Decker, einer Journalistin, die die zurückgekehrten Soldaten interviewt. Was einmalig sein sollte, wird zur Obsession, obgleich beide verheiratet sind. Marion ist mit dem deutlich älteren stinkreichen Geschäftsmann und Tausendsassa François Vely verheiratet. Und dann gibt es noch Osman Diboula, der auf eine steile politische Karriere aus ist, obwohl oder gerade weil er aus der in den Banlieus lebenden Unterschicht kommt und ein Schwarzer ist. Aus dieser Zeit kennt er auch Romain, den er als Sozialhelfer betreute. Als er gerade die Hand nach der Macht ausstreckt,  wird er durch eine unbedachte Bemerkung wieder von der Karriereleiter gestoßen. Seine Beziehung mit der ebenfalls politisch engagierten Sonia droht in die Brüche zu gehen. Doch er ist zäh und ein Skandal um Vely, lässt ihn unerwartet wieder Aufwind bekommen und höher steigen als zuvor.

„Wenn man an der Macht war, wandte man die Regeln der Kriegskunst an. Man griff zu den Waffen, wenn man erobern wollte, und tat dies auch, um sich seinen Platz zu sichern. Man ließ geliebte Menschen fallen. Man verriet, man verletzte. Man tötete, auch das. Unser Leben gegen euren Tod“

Vely hingegen ist tief gefallen, ihm wird Rassismus vorgeworfen, nachdem er für ein Interview für ein Foto-Magazin auf einem Thron, einem Kunstobjekt, abgelichtet wurde, der eine nackte schwarze Frau zeigt. Doch nicht genug, entdeckt man plötzlich, dass er jüdische Wurzeln hat (der Name Vely war früher Levy) und er wird nun von Antisemiten angefeindet.
Romain und Marion können weder mit- noch ohne einander und so lässt sich Romain als Söldner für eine Sicherheitsfirma im Irak anwerben.

Zum Showdown kommt es, als Diboula, inzwischen Minister für Außenhandel, eine Reise zu einer Handelsmesse in den Irak organisieren soll. Er lädt Vely ein, der seine Geschäfte in den nahen Osten ausdehnen will, da ein Partner in den USA aufgrund des Skandals aus einer geplanten Fusion aussteigt. Kurz entschlossen kommt Marion mit auf diese Reise. Es kommt wie es kommen muss, alle vier treffen in diesem gefährlichen Land aufeinander …

Karine Tuil kennt sich bestens aus in der politischen Landschaft Frankreichs. Sie legt Finger in die Wunden, sie legt bloß, was zu gerne von Politikern unter den Tisch gekehrt wird. Sie zeigt, wie sich die Oberschicht verhält, wie wenig Chancen den einfachen Leuten bleiben. Sie ist sich des Abgrunds bewusst, der zwischen Arm und Reich immer größer wird. Sie schildert die Machtverhältnisse. So stark unterscheidet sich Frankreich da von Deutschland wohl nicht …

Ich wünsche diesem Buch ganz viele aufmerksame, engagierte Leser*innen.

„Die Zeit der Ruhelosen“ erschien im Ullstein Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf dem Blog reingelesen

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag

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Wie lange ist es her, dass ich etwas von Claude Simon, dem großen französischen Schriftsteller las … „Die Trambahn“ und „Jardin des Plants“ stehen hier im Regal. Und nun kommt aus dem Berenberg Verlag ein schmaler Band mit einer Erzählung, die in aller Kürze, auf gerade mal 47 Seiten, die wesentlichen Dinge ins Licht rückt. Sie erschien erstmals 1958 in Fortsetzungen in der französischen Zeitschrift „Les Lettres Nouvelles“. etwas davon floß später auch in den Roman „Die Straße in Flandern“ ein.

„Alles war dunkel. Man konnte die Spitze der Kolonne nicht sehen. Man konnte überhaupt nichts sehen (außer manchmal – aber nicht sehen, nur undeutlich wahrnehmen; und nicht einmal wahrnehmen: ahnen – die Kruppe des Pferdes vor sich): nur das monotone, endlose und mannigfache Getrappel, das mannigfache Hämmern der Hunderte von Hufen auf dem Asphalt der Landstraße.“

So beginnt Simon seine Geschichte: Mit Pferdegetrappel. Beinahe zwei Seiten lang, beinahe ist es schon rhythmische Lyrik. Allein wie es Simon gelingt die Geräusche von Pferdehufen zu beschreiben, ist mehr als man von manchem zeitgenössischem Autor erwarten kann. Hier agiert ein Sprachkünstler. Seine Zeilen beschwören sogleich Bilder herauf:
Ich sitze auf einem Pferd, reite durch die Nacht, es regnet, es schüttet, ich bin unendlich müde. Um mich wach zu halten, versuche ich ein Gespräch mit meinem Mitstreiter auf dem Pferd links von mir zu beginnen. Wir versuchen uns mit Scherzen aufzumuntern, makabre, wenig tiefsinnige Scherze, Galgenhumor. Als sich das Geräusch der trottenden Pferde verändert, lausche ich. Wir kommen in ein Dorf, wir machen Rast für den Rest der Nacht.

Eines der Pferde ist krank, es ist klar, dass es nicht mehr lange zu leben hat. Auch der Kamerad des Erzählers, Maurice, der Jude ist, was kaum einer weiß, ist krank. Doch er wird durchhalten, soviel ist sicher. Das Pferd nicht. Anhand des Pferdes schafft es Claude Simon diesen unsäglichen sinnlosen Krieg darzustellen. Alle sind ihn müde, und doch sind alle zum Kämpfen, vielleicht zum Sterben verurteilt. Wir befinden uns im zweiten Weltkrieg irgendwo in Frankreich in den Bergen, vielleicht in den Ardennen. Gekämpft wird gegen die Deutschen.

“ … ein Kavallerist in der Nacht, ein Soldat, das heißt nichts, überhaupt nichts, weniger als nichts in dieser feuchten nächtlichen Unermesslichkeit, in der wir im selben Augenblick und fast überall in Europa zu Tausenden, oder vielmehr Zehntausenden, Hunderttausenden, Millionen nichts waren, nicht mehr zählten als Sandkörner oder allenfalls Schachfiguren, …“

Claude Simon selbst war dabei, er war ab August 1939 als Kavallerist eingezogen worden, geriet in Gefangenschaft, aus der er jedoch fliehen konnte. Er wagte es erst Jahre später vom Erlebten zu erzählen. Er klagt an, nicht direkt, aber in seinen Texten entstehen Bilder, er verwendet starke Metaphern. Vielleicht reinigte er sich durch das Schreiben, und das macht er in gekonnter Weise, sprachlich brillant, geschickt konstruiert. Erstaunlich wie viel in einer solch kurzen Geschichte steckt …

1985 erhielt der 1913 in Madagaskar geborene Claude Simon den Literaturnobelpreis. „Das Pferd“ erschien wie immer in schöner Ausstattung in Halbleinen, fadengeheftet, im Berenberg Verlag. Übersetzt wurde es von Eva Moldenhauer. Ein sehr ausführliches Nachwort von Mireille Calle-Gruber, das viele (für mein Empfinden etwas zu langwierige) literaturwissenschaftliche Deutungen beinhaltet, schließt sich an. Mehr über Buch und Verlag hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten.

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag

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Ein Mann besucht ein wenig widerwillig einen alten Freund, einen Künstler. Dieser erscheint ihm verwirrt, gar verrückt. Als Erklärung seines Zustands erhält er folgende Aufzeichnungen zu lesen:
Darin geht es um einen höchst sensiblen Menschen, dessen Dasein schon von Kindesbeinen an von Schwermut und Traurigkeit geprägt ist.. Eine Familie, die ganz und gar nicht versteht, was mit diesem Jungen bloß los ist, warum er nicht funktioniert. Die ganze Kindheit hindurch hatte man ihm seine Empfindsamkeit, seine Phantasie ausgetrieben und nach dem Collége waren dann auch die Reste jeglichen Eigensinns verloren. Fortan trudelt er verwirrt und planlos durchs Leben, bis er den Maler Lucien kennenlernt.

„Eines musst du dir bewusst machen: Eine Landschaft … eine Figur … ein beliebiger Gegenstand … all das existiert nicht an sich. Es existiert bloß in dir. Du stellst dir vor, daß es Bäume gibt, Ebenen, Flüsse, Meere. Weit gefehlt, mein Freund … Nichts von alldem gibt es, jedenfalls letztlich.“

Mirbeau legt den Maler Lucien nach dem Vorbild Vincent van Goghs an. Mirbeau war auch der einzige, der zeitlebens zwei Gemälde von van Gogh kaufte. Er selbst war Schriftsteller und eine schillernde, gleichzeitig kluge und kritische Gestalt der französischen „Belle Époque“. Eines seiner bekanntesten Bücher war „Tagebuch einer Kammerzofe“, eine Kritik an der Bourgeoisie, das von Jean Renoir und später von Luis Buñuel verfilmt wurde. Es lohnt sich Mirbeau neu zu entdecken.
Wenn van Gogh wirklich so klug und ganzheitlich dachte, wie Mirbeau ihn in dieser Geschichte schildert, war er in der Tat ein verkanntes Genie …

In „Diese verdammte Hand“ wird sich der Maler Lucien aus Selbstzweifel am Schluss seine „verdammte“ Hand absägen, die Hand die den Pinsel führt, die aber den neuzeitlichen Ideen und kreativen Ergüssen dieses eigensinnigen Künstlergehirns scheinbar nicht hinlänglich folgen will. So verblutet er in jener einzigen Nacht, die sein ergebener Freund, oben genannter Sensibler, durchschläft. Zuvor hatte er jede Nacht über ihn gewacht, aus Angst um ihn, der ihm immer verrückter und wahnhafter erschien und dessen Kunst auf ihn mehr als verstörend wirkte. Lucien hatte ihn zum Schreiben angeregt, doch was aus seiner Feder kommt, ist nicht genügend, viel zu vorhersehbar, wie ihm Lucien vorhält. Die Leidenschaft, die Lucien hat, fehlt ihm gänzlich. Er ist ein ängstlicher Mensch, in Liebesdingen vollkommen naiv, wie sich im Falle Fräulein Julias zeigt, und dennoch ein treuer Freund, der jegliche Eskapaden mitmacht, weil er sich sonst vollkommen verloren und einsam fühlt. Was aus ihm nach Luciens Tod wird, steht in den Sternen. Der Autor verrät es nicht …

„Ist Kunst wahrhaftig diese Qual, diese Hölle? Würde auch ich – der ich sie mir in meinen, erneut unsagbar wirren Träumen tatsächlich als eine solch große Linderung vorstellte, ein solches beispielloses und phantastisches und unendliches Paradies, in dem der Mensch nichts anderes erschafft als das Glück – in diesem fortwährenden Wehklagen leben, mit diesem vor Schmerz verzogenen Gesicht und diesem zuckenden Auge, welches der fahle Blitz des Wahnsinns getroffen hat?“

Das Buch erschien im Weidle Verlag in bekannt schöner Gestaltung, hinter der wie immer Friedrich Forssman steckt: Feinstes Papier, fadengeheftet. Papier und Schrift werden im Impressum genannt. Übersetzt wurde es von Eva Scharenberg. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort von Pierre Michel. Mehr über Verlag und Buch findet man hier.
Eine weitere Besprechung findet man bei Birgit von Sätze & Schätze.

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secession Verlag für Literatur

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Kürzlich gab es eine schöne Aktion namens Verlagebesuchen. In Berlin war das richtig ergiebig. Ein Highlight: der Secession Verlag. Das Verlagsbüro findet man in einem schönen Gartenhaus in der Potsdamer Straße und es teilt sich die Räume mit der Galerie P98a, in der Erik Spiekermann sein Büro und eine Druckwerkstatt hat. Man erfährt also gleich nebenbei, wo die wunderschönen qualitativ anspruchsvollen Bücher des Verlages gemacht werden …

Verleger Christian Ruzicska sagt dann auch gleich, dass sowohl inhaltlich, sprachlich und auf das Äußere sehr geachtet wird. Alles soll stimmigen Einklang finden. Hier werden Bücher aus Leidenschaft gemacht!

Und das sehe ich einmal mehr bei dem vorliegenden aktuellen Buch von Jérôme Ferrari. „Ein Gott Ein Tier“ ist in schwarzes Leinen gebunden, der Schriftzug kontrastiert in rot und schlängelt sich über Vorder- und Rückseite. Hochwertiges Papier wurde gewählt. Welches es ist, kann man im Impressum nachlesen, ebenso die gewählte Schriftart. Innen rote Vorsatzblätter und ein farblich passendes Lesebändchen. Das ganze natürlich fadengeheftet. Und, man möge es mir nachsehen, es riecht gut …


Jérôme Ferraris Buch erschien bereits 2009 in Frankreich. Inzwischen ist der 1968 geborene Franzose auch in Deutschland bekannter geworden. 2012 erhielt er den Prix Goncourt. Das nur 110 Seiten umfassende Bändchen hat es in sich …

Der Tod und das Grauen kommen aus den schwarzen Augen einer Frau, die unter ihrem Gewand mit schmaler Hand die Schnur des Sprengsatzes zündet „die sich um ihre Taille schlossen wie der goldene Gürtel einer frisch Vermählten am strahlenden Morgen ihrer Hochzeit.“ – eine Selbstmordattentäterin. Auf diese konkrete Tat kommt Ferrari erst spät im Buch zu sprechen. Zunächst berichtet er von den Auswirkungen, die auch viel später noch Leben zerstören können.

Ein junger, zielloser Franzose verdingt sich als Söldner in einer Sicherheitfirma im Irak, ein sehr gut bezahlter, aber äußerst gefährlicher Job. Damit hat er auch seinen Freund überredet mitzukommen. Als sie nach ein paar Tagen Urlaub wieder am checkpoint eintreffen, passiert es.

Kurz darauf kehrt der junge Mann in sein Heimatdorf zurück – als psychisches Wrack. Sein Freund ist bei der Detonation ums Leben gekommen. Er fragt sich warum er überlebt hat und wie er nun leben soll …  er sucht nach dem Sinn.

„Denn du warst des Glaubens und der Kindheit müde, und müde des Vögeltötens, und du hast dir vorgestellt, dass die Welt darauf wartete, dich aufzunehmen in ihrer Umarmung, die sie dir niemals zugestanden hat, und dies hier, das war mitnichten die Welt, das war nur eine Wüste, erinnere dich, …“

Mit seinem alten Hund streift er durch das Dorf und erinnert sich: an den Vater, der ihm das Töten, das Jagen beibrachte, an seine Jugendliebe Magali, die die Sommer in seinem Dorf verbrachte, den ersten Kuss. In Gedanken malt er sich Magalis derzeitiges Leben aus: Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf, eine gute Stellung mit Aufstiegschancen und gutem Verdienst. Aber auch mit großer Leere und Oberflächlichkeit, denn es gibt nichts mehr sonst als die Arbeit, geschäftliche Verpflichtungen und flüchtige Bekanntschaften.

„Sie wird eine erlesen gute Laune zur Schau tragen, und einen beispielhaften Teamgeist, wofür sich die Bereichsleiterin bei ihr bedanken wird, indem sie die Zeichen der Zuneigung steigert, …“

Er schreibt ihr einen Brief, versucht auf diese Weise an alte Zeiten anzuknüpfen. Schließlich besucht er sie. Sie mögen sich noch immer. Doch ihre Welt ist nicht die seine und so verschwindet er wieder. Seine Welt gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr, gab es vielleicht nie. So sehr er sie auch sucht, er findet sie nicht. Es gibt keinen Weg mehr ins Leben. Weder in der Liebe noch bei Gott findet sich Trost. Auch wenn der Erzähler seinen Protagonisten mehrmals ans Herz legt: „Die Menschen benötigen etwas Größeres als sich selbst, um leben zu können.“

Als Magali einige Zeit später auf der Suche nach ihm in seinem Dorf eintrifft, findet sie ihn nicht mehr …

Auf der Umschlagbanderole des Buches steht der Schriftzug „Requiem auf die Entfremdung des modernen Menschen“. Ich bin geneigt zuzustimmen. Ferraris Requiem ist allerdings auch eine sprachlich Offenbarung. Dem Vorwurf der Pathetik, der in manchen Kritiken zu lesen ist, kann ich nicht zustimmen. Ferrari wählte eine sprachliche Form, die mit dem Inhalt direkt in Beziehung steht und sie ist stimmig. Und sie ist das Einzige, was einen Ausgleich schafft zur Düsternis der Geschichte.

„Ein Gott ein Tier“ wurde von Christian Ruzicska selbst aus dem Französischen übersetzt. Mehr über Buch und den Secession Verlag hier.

Außerdem bisher aus dem Verlag von mir gelesen und besprochen:
„Unorthodox“ von Deborah Feldman und der wunderschöne Gedichtband „minimal“ von Tanikawa Shuntaro

Film-Kunst-Film: Violette DVD Film von Martin Provost 2013

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/Kunst zu tun haben.

„Ich bin eine Wüste, die selbst mit sich spricht.“

Der Film erzählt von der Schriftstellerin Violette Leduc (1907-1972), die anfangs der 50er Jahre in Paris lebte und zu schreiben begann. Als einfache Frau mit einer komplizierten Mutter-Tochter-Beziehung wagte sie es als erste darüber und unverblümt über Themen wie Abtreibung, weibliche gleichgeschlechtliche Liebe und Sexualität zu schreiben. Eines Tages traut sich Leduc, die gerade „Das andere Geschlecht“ gelesen hat, sich ihrem Vorbild Simone de Beauvoir zu nähern und ihr ihr Romanmanuskript zu übergeben.

Beauvoir liest es und ist überrascht über die Kraft dieser Literatur, hilft ihr bei der Veröffentlichung und wird fortan zum Protegé Leducs. Doch was Leduc wirklich möchte, geschieht nicht. Sie wird nicht hinreichend gesehen. Ihre erstes Buch im Jahr 1946, „L`Asphyxie – Das Ersticken“, das immerhin im Verlag Gallimard in einer Reihe erschienen, die Albert Camus herausgab, bleibt weitgehend erfolglos.
Violette, das uneheliche, ungewollte Kind, sucht nach Liebe, die jedoch immer wieder zum Scheitern verurteilt ist. Für Violette ist Beauvoir mehr als ihre Lektorin, sie betet sie an, wirkt geradezu verliebt. Doch die behält meist ihren kühlen Kopf und ausreichenden Abstand bei. Dennoch ist sie zumindest materiell für sie da, vor allem als sie einen psychischen Zusammenbruch hat: Beauvoir besorgt (und zahlt) ihr einen privaten Klinikplatz, wo Violette langsam wieder zu Kräften kommt. Doch auch das zweite Buch, welches zwar mehr wahrgenommen wird und vor allem bei Frauen viel Zuspruch findet, verhilft ihr nicht zum ersehnten großen Erfolg. Erst mit ihrem 1964 erschienenen Roman „La Bátarde – Die Bastardin“ wird sie für den Prix Goncourt nominiert und schafft endlich auch den Durchbruch. Später wird sie ihren Ruheort, wo sie am besten schreiben kann, auf dem Land in der Provence finden.

Der Film lebt von der großartigen Schauspielkunst seiner Protagonisten, allen voran Emmanuelle Devos, die die Violette beeindruckend verkörpert. Sandrine Kiberlain als Simone de Beauvoir spielt die kühle Intellektuelle perfekt. Zudem gibt er einen etwas anderen Einblick in die Literaturszene dieser Zeit in Paris.
Ein filmisches Leuchten!

Mehr über den Film und den Trailer gibt es auf der offiziellen Film-Website.
Die Bücher von Violette Leduc gibt es in deutscher Sprache leider nur noch antiquarisch.Der Film macht allerdings auch Lust, sich wieder einmal die Bücher von Simone de Beauvoir vorzunehmen.

Film-Kunst-Film: Seraphine DVD Film von Martin Provost 2008

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun in loser Folge auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben oder die sonst bemerkenswert sind.

Seraphine de Senlis, eigentlich Seraphine Louis, war eine der bekanntesten naiven Maler/innen in Frankreich. Sie lebte von 1864 bis 1942 in Oise, Frankreich. Sie wuchs in armen Verhältnissen auf und verdingte sich später, zunächst in einem Kloster, dann privat, als Putzfrau und Haushaltshilfe. In ihrer knappen freien Zeit und somit meist nachts, entstanden ihre Bilder, die sie in großer Hingabe malte und die von ihrem religiösem spirituellem Hintergrund zeugen, aufgrund dessen sie sich auch zum Malen berufen fühlte. Ihre Farben mischte sie sich aus natürlichen Zutaten selbst zusammen, einmal, weil sie sehr wenig Geld hatte, zum anderen aus ihrer Naturverbundenheit heraus. Nach außen hin wirkt sie naiv, gar etwas zurückgeblieben, doch spricht aus ihren Gemälden eine ganz eigene Leuchtkraft.

Entdeckt wurde Seraphine vom deutschen Kunsthändler Wilhelm Uhde, der im Sommer 1914 seinen Urlaub in Senlis verbrachte und zufällig eines ihrer Gemälde sah. Zwischen beiden entsteht eine besondere Verbindung. Uhde besaß eine Galerie in Paris und war Entdecker unter anderen von Picasso und Rousseau. Durch den Ausbruch des ersten Weltkriegs musste er Frankreich verlassen und kehrte erst 10 Jahre später zurück und entschied sich zu bleiben. Seraphine malte inzwischen exzessiv weiter, auf immer großflächiger werdenden Leinwänden. Uhde unterstützte sie nun finanziell und materiell. Sie begann jedoch zunehmend an Wahnvorstellungen zu leiden und lebte, nun regelmäßig Geld verdienend, über ihre Verhältnisse. Auch für Uhde blieb das nicht finanzierbar. 1932 wurde sie in eine Nervenheilanstalt eingewiesen, in der sie 1942 aufgrund einer Mangelversorgung während des zweiten Weltkriegs starb. Uhde stellte ihre Bilder aus und machte sie so in aller Welt bekannt.

Seraphine wird authentisch dargestellt von der belgischen Schauspielerin Yolande Moreau, Uhde von Ulrich Tukur; eine starke und überzeugende Besetzung.

Es ist ein stiller Film, bildkräftig, der einmal mehr aufzeigt, wie fragil ein Leben für die Kunst sein kann und wie nah dabei Genie an Wahnsinn grenzt oder umgekehrt.

Zur offiziellen Filmseite mit Trailer gehts hier.

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit Graphic Novel Carlsen Verlag

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Fast genau zwei Jahre sind vergangen, seit in Paris auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein grausamer Anschlag verübt wurde. Catherine Meurisse, die an jenem Morgen auch an der Teamsitzung hatte teilnehmen wollen, war wegen Liebeskummer zu spät dran. Deshalb hat sie überlebt. Die meisten ihrer langjährigen Kollegen und Freunde in der Redaktion wurden getötet.

Wie erschütternd das für Meurisse war und wie sie wieder annähernd in einen „Normalzustand“ zurück fand, schildert sie nun in ihren Zeichnungen. Daraus entstand die berührende Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig die künstlerische Freiheit ist, heute mehr denn je. Es ist ein Buch, das mir sehr nahe geht.

An den Tagen danach wird Meurisse ständig zu ihrem Schutz von Polizisten begleitet.
Nachdem sie mit den hinterbliebenen Hebdo-Leuten allem zum Trotz die neue Ausgabe gemacht hat, spürt Meurisse eine riesige innere Leere: Weder ein Aufenthalt am Meer, noch der geliebte Proust helfen, weder die Ratschläge des Therapeuten und auch nicht der Besuch im Theater, um mit ihrem Ex-Geliebten „Oblomow“ zu sehen. Am schlimmsten scheinen die Trauerbekundungen, die ihr allenthalben begegnen: „Je suis Charlie“ schreit ihr überall entgegen … Der Anschlag auf das Bataclan in Paris im November desselben Jahres verschlechtert erneut ihren Zustand.

Erst ein Aufenthalt in Rom in der Villa Medici, einer Künstlerresidenz, scheint die Erstarrung aufzubrechen. Auf der Suche nach dem sogenannten Stendhal-Syndrom, welches ihre Dissoziation ab- und auflösen soll, stürzt sich Meurisse in die Kunst. Jedes Museum, jede antike Stätte, in ihrer Phantasie begleitet von Stendhal selbst, wird besichtigt.

„Ich warte auf das Stendhal-Syndrom.
Wir haben uns im Museum verabredet, es soll mich angesichts der Schönheit in     Ohnmacht stürzen und mich dann wiedererwecken. Ich soll mich erneuern.“

Meurisses Zeichnungen sind eindeutig und dennoch vielschichtig, die Figuren großartig charakterisiert, jeder Gefühlszustand ist sichtbar. Viele Grafiken würden auch ohne Text wirken. Doch die Sprechblasen-Texte zeigen, mit wie viel Trauer, aber auch mit wie viel bewundernswertem Witz und Selbstironie Meurisse sich wieder ins Leben bringt. Ob als Ophelia, einem bekannten Gemälde von Millais nachempfunden, oder als Überlebende auf dem Gemälde „Das Floß der Medusa“ von Géricault.
„Die Leichtigkeit“ enthält eine wunderbare Hommage an die Kunst und die darin verborgene Schönheit, die so heilsam sein kann. Ein Leuchten!

Meurisse kam unverhofft schon mit 25 Jahren zu Hebdo. Man kann sich vorstellen, wie verbunden sie in den 10 Jahren ihrer Tätigkeit bei der Zeitschrift mit dieser Arbeit und den Menschen ist. Letztlich hat sie sich entschieden, in Zukunft nicht weiter für das Magazin zu arbeiten.

Der Band „Die Leichtigkeit“ erschien im Carlsen Verlag. Übersetzt wurde er von Ulrich Pröfrock. Eine Leseprobe gibt es hier.

Für immer: Peter Kurzeck erzählt sein Schreiben Hörbuch supposé

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Und wieder ein Hörereignis:
Eine „neue“ CD von Peter Kurzeck, dem wunderbaren Erzähler, der nun bereits seit drei Jahren tot ist und der die vielen schönen Geschichten in seinem Kopf nicht mehr alle aufschreiben konnte. Das Hörbuch beinhaltet zusammengeschnittene Erzählstücke, konzipiert von Klaus Sander, der bei supposé schon mehrere Hörbücher von Peter Kurzeck bearbeitete.

Diesmal geht es vor allem um Kurzecks Einstellung zum eigenen Schreiben und seine persönliche Herangehensweise. Wie immer redet Kurzeck ohne Konzept frei drauf los in seiner wunderbar weitschweifenden Art und lässt den Zuhörer gebannt lauschen. Peter Kurzeck ist wie kein anderer in der Lage zu schildern, wie wichtig und dringlich bei ihm das Bedürfnis zu schreiben ist.

„Es gehört eine andere Art von Mut dazu, nachts zu arbeiten, als morgens anzufangen.“

Er erzählt vom Ablauf eines normalen Tags in seinem Leben. Die meiste Zeit des Jahres lebte er in Uzés in Südfrankreich, wo er eine kleine Wohnung in der Innenstadt bewohnte, in einem Haus, in dem auch André Gide einge Zeit lebte. Er berichtet, wann er schreibt, wann er spazieren geht, Kaffee trinkt, isst, was er wahrnimmt. Für Kurzeck war diese Routine  wichtig für sein Schreiben.

So erzählt er, dass er schon als Kind das Wissen hatte, ein Schriftsteller zu werden, bereits mit 16 sein erstes Buch schrieb, welches die Schwester dann abtippte. Es folgte mit 20 das zweite Buch, welches an Abenden nach der Brotarbeit innerhalb eines halben Jahres entstand, aus dem nach mehreren Überarbeitungen Jahre später 1987 der Roman „Keiner stirbt“ entstand.

Und dann kommt der Tag, der 19.8.1971, an dem Kurzeck aufwacht und weiß, er will nun nur noch Schriftsteller sein. So kündigt er seine sichere Stelle und beginnt auf einem langen harten Weg sein Schriftstellerleben.

Überaus plausibel scheint mir der eigentliche Grund, den er für sein Schreiben nennt: Er wollte nichts vergessen. Sein Möglichkeit dafür fand er im Schreiben und Malen – die beste Umwandlung zur Konservierung der Erlebnisse. Überaus begreifbar vor allem auch, weil Kurzeck, geboren 1943, eine Flüchtlingskindheit erlebte.

„Insgeheim träume ich eigentlich davon, ein Buch zu schreiben, dass so gut ist,  dass die Leute dann, so wie sie bisher gelebt haben, nicht mehr weiterleben können.“

Und wenn ein Peter Kurzeck so etwas sagt, kann man gewiss sein, dass es sich nicht um eine narzisstische Befindlichkeit handelt, sondern, dass er in der Tat jedem auf der Welt nur das Beste wünscht.

Mehr über Kurzeck bei supposé.
Einige Erzählauszüge sind bereits im Hörbuch „Ein Sommer, der bleibt“ enthalten.
Ich habe bereits das Hörbuch „Da fährt mein Zug“ und das Romanfragment „Bis er kommt“ aus dem Nachlass hier auf der Seite besprochen.

Françoise Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag

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Im Vorwort schreibt Patrick Modiano über Françoise Frenkel:

„Françoise Frenkels Spur findet man im Staatsarchiv Genf, in der Liste jener Personen, die während des zweiten Weltkriegs an der Genfer Grenze registriert wurden, das heißt, die Erlaubnis bekamen, nach ihrem Grenzübertritt in der Schweiz zu bleiben. Diese Liste verrät uns ihren richtigen Namen und Vornamen: Raichenstein-Frenkel, Frymeta, Idesa; ihr Geburtsdatum: 14.7. 1889, und ihr Herkunftsland: Polen.“

Françoise Frenkel hat die Geschichte ihrer Flucht aus Deutschland aufgeschrieben und konnte sie später, in Sicherheit, in einem Schweizer Verlag veröffentlichen. Viel mehr weiß man nicht über ihr Leben nach dem Krieg, nur dass sie 1975 starb. Es war Zufall, dass das Buch 70 Jahre später in Nizza auf einem Trödelmarkt auftauchte und zunächst in Frankreich wieder neu aufgelegt wurde.

Alles beginnt damit, dass die Polin Frenkel in Frankreich studiert und ihr Herz für die Literatur entdeckt. Daraus entsteht die Idee eine französische Buchhandlung zu eröffnen. Sie plant das Unternehmen in Berlin anzusiedeln und ihre Idee macht sich bezahlt. Sie wird zum ersten Anlaufpunkt der in Berlin lebenden Franzosen und frankophilen Leser. Es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die Situation zwischen den beiden Ländern scheint sich zu entspannen. Doch langsam aber immer deutlicher macht sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten bemerkbar. Frenkel, die selbst Jüdin ist, beschließt, als es gar nicht mehr anders geht, ihr Geschäft zurückzulassen und nach Frankreich zu gehen.

Von da an schildert Frenkel ihre Erlebnisse auf der Flucht. Zunächst scheint Paris trotz Ausbruch des Krieges sicher, doch dann übernehmen die Nazis auch dort die Herrschaft. So beginnt die Odyssee: Frenkel flieht von Ort zu Ort, von Versteck zu Versteck und hat Glück, dass sie so viele gute Freunde und offenbar ein gutes finanzielles Polster hat. Sehr deutlich wird in ihrem Bericht die Stärke der Franzosen geschildert, was den Widerstand angeht: Viele Privatpersonen halfen und schafften Verstecke, besorgten Papiere und Nahrungsmittel, oft in Verbindung mit der Resistance.

„Man könnte ein ganzes Buch schreiben über den Mut, die Großzügigkeit und die Kühnheit dieser Familien, die unter Einsatz ihres Lebens den Flüchtigen in allen Departements und sogar im besetzten Frankreich Hilfe leisteten.“

Nach mehreren Jahren in Angst vor der Deportation, die ständig drohte, gelang Frenkel endlich beim dritten Versuch und in letzter Minute 1943 von Annecy aus die Flucht in die Schweiz.

Frenkels Sprache ist einfach; das Buch ist vor allem aufgrund seiner Handlung interessant, ist es doch eine weitere Dokumentation über eine Zeit, deren Schrecknisse nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Im Anhang findet sich eine Zeittafel, ein aufschlussreiches Dossier und ergänzende Hinweise zur deutschen Ausgabe. Elisabeth Edl übersetzte den Roman ins Deutsche.
„Nichts um sein Haupt zu betten“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Außerdem findet man eine sehr ausführliche Rezension auf dem Blog aus.gelesen.

Als Ergänzung dazu passt, finde ich, Silvie Schenks Roman „Schnell, dein Leben“, das über die Nachkriegszeit aus französischer Perspektive erzählt