Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

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„Vom Fremdsein. Vom Leben im Zwischenraum“

Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman  „Kalkutta“ kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden.

„Das erste Gebiet einer Frau ist ihr Körper. Wird dieser fremdbestimmt, vereinnahmt, belagert, dann ist sie staatenlos.“

Sinha verwebt hier geschickt die Geschichten dreier Frauen, die die jeweilige Herkunft zunächst gleichstellt – alle drei Frauen wurden in Indien geboren – , die jedoch aufgrund ihrer Lebensweisen, durch Zufall oder bewusst gewählt, mit ganz verschiedenen Voraussetzungen ihr Leben angehen: Mina, eine Bengalin, die sich in ihrem Heimatdorf politisch engagiert, was für eine einfache Frau, die kaum Lesen und Schreiben kann, ungewöhnlich ist. Esha, die in Kalkutta geboren wurde und als junge Frau zum Studium nach Frankreich ging und blieb und Marie, die als Kind einer Inderin von einem Paar aus Frankreich adoptiert wurde und dort, also mit westlicher Kultur, aufwuchs.

Gleich am Anfang dieser komplexen Geschichte wird den Leser*innen einiges zugemutet. Und es wird auch im Verlauf weiterhin zu erschreckenden Momenten kommen, in denen ich mich, gerade als Frau frage, ob es wirklich so ist, ob wirklich so die Gleichstellung von Mann und Frau, die soziale Gerechtigkeit, die Chancengleichheit auf Grundlage der Menschenrechte aussieht.

Shumona Sinha sprach bei der Buchvorstellung beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über die Entstehung des Romans: Die Figur Minas formte sich aus einer wahren Begebenheit, die geschah, als die Autorin, sich in Indien aufhielt. Sie war Auslöser, das Buch zu schreiben. Zurück in Paris passierte der Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ und daraufhin ging es Sinha nicht mehr nur allein um Mina, denn die Gewalt war damit auch in Europa angekommen. So entwickelten sich dann die anderen beiden Figuren, Esha und Marie.

„Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Europa, in diesem Land, wo die Armee, die Polizei, die Geheimdienste zusammen die Schlagkraft eines der fünf mächtigsten Länder der Erde sicherten, schien es ihr, als sei sie den unterirdischen Schichten der Gewalt nicht entkommen, als könne nun überall auf der Welt der Boden aufreißen und einstürzen.“

 

Die Anfangsszene schildert Sinha wie eine Traumsequenz. Eine Frau spricht aus ihrem Grab heraus und versucht sich aus dem Lehm, mit dem man sie zugescharrt hat, zu befreien. Doch ihr fehlen Füße, Beine, der ganze Unterkörper, das neue Leben, dass sie in sich trug. Ein starkes Bild, dass sich langsam erklärt, sobald Sinha, Mina erzählen lässt. Mina wächst als Landarbeitertochter auf mit ihrem Cousin Sam, beide engagieren sich später politisch, sie verlieben sich und Mina wird schwanger, ohne jede Hoffnung, dass Sam sie jemals heiraten wird. Das heißt Ausschluss aus der Familie, es heißt, der Willkür der Männer ausgeliefert zu sein.

Marie bleibt als Figur im Roman etwas farblos. Sie scheint eher als Bindeglied zwischen Mina und Esha zu fungieren. Sie, die Adoptivtochter eines französischen Paars, reist nach Indien auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern und engagiert sich nebenbei politisch und sozial, etwa im Krankenhaus Mutter Teresas in Kalkutta. Doch scheint sie nicht zu finden, was sie sucht. Sie scheint eher zu schwanken zwischen den Kulturen, zwischen Ost und West, als jeweilige Lebensform.

Esha arbeitet als Lehrerin in Paris. Sie ist auch der stärkste Charakter in Sinhas Geschichte mit autobiografischen Anklängen. Esha wartet auf ihre Einbürgerung. Sie hat studiert, ist gebildet, will als Frau selbstbestimmt und frei leben, sie will sich nicht festlegen müssen. Sie lebt wechselnde Beziehungen zu Männern. Doch überall begegnet ihr Feindseligkeit. Aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres exotischen Aussehens, kommt es, und sei es „nur“ verbal, zu sexistischen Angriffen. Man reduziert sie auf Äußerlichkeiten.

„Esha verstand, dass sie sich selbst nicht entkommen würde, ihrem Bild, ihrem Schatten. Sie würde der Gefahrenzone nie entkommen, weil sie sie in sich trug, auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht, über ihren ganzen Körper verteilt, wie die vergilbte Karte eines fernen Landes. Sie selbst war die Zone.“

Als Lehrerin versucht sich Esha durch die Unterrichtsstunden zu kämpfen, sich Respekt zu verschaffen. Doch selbst hier scheitert sie, obgleich die meisten Schüler*innen ebenfalls einen Migrations-Hintergrund haben. Will sie die Teenager-Mädchen mit einer Stunde über die feministische Autorin Simone de Beauvoir auf ihre Seite ziehen, schreien die „das ist haram, die ist abartig, etc.“, weil die Beauvoir Männer und Frauen liebte. Als Esha eines Tages auf dem Weg zur Metro von jungen Frauen ohne Grund provoziert und angegriffen wird, erst verbal und dann mit brutaler Gewalt, ist sie erschüttert, und fragt sich, ob das nun noch das Land ist, in dem sie unbedingt der Sprache und der Freiheit wegen leben wollte.

Shumona Sinhas Blick ist scharf, ihr Ton mitunter zornig. Sie durchleuchtet klug und kritisch die Situation der Frau, die der Emigranten und die gesellschaftlichen Befindlichkeiten in ihrem Land. In Frankreich ist ihr Roman mancherorts kritisch aufgenommen worden, man warf ihr gar Undankbarkeit dem Land gegenüber vor, welches sie so freundlich aufgenommen habe. So trifft Sinha einmal mehr den Nerv unserer Zeit. „Staatenlos“ ist ein aktuelles, letztlich auch ein politisches Buch: Wenn Sinha von den Reisbauern erzählt, die von den Feldern vertrieben werden ohne Entschädigung, weil Autoindustrie angesiedelt werden soll und wenn die kommunistische Partei alles andere als hinter ihnen steht, dann ist das nur ein Beispiel für all das Unrecht, dass es eben nicht nur in Ländern wie Indien gibt. Es ist ein Beispiel für die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.

Sinha ist in ihrer Sprache direkter und klarer geworden, obgleich sie noch immer den feinen poetischen Ton beherrscht, der sich immer zum passenden Zeitpunkt in die Geschichte einfügt. So etwa, wenn es um die ermordete Mina geht, die als Geist über allem schwebt, die tote Mina, die von ihrer Schöpferin, der Autorin, wieder zum Leben erweckt wird und die ihr wieder eine Stimme verleiht.

Shumona Sinha ist eine mutige Frau, eine Autorin, die genau beobachtet, die die unangenehmen Dinge sieht und auch benennt und die mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, ihrer unverwechselbaren Sprache, die auch Dank Übersetzerin Lena Müller glänzt, da bin ich mir sicher, einiges bewirken kann.

Der Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.com  

08.10.2017 Hamburg Von Marina Büttner

Leïla Slimani: Das Land der anderen Luchterhand Verlag

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Das Land der Anderen“ habe ich mit Gewinn gelesen. Nachdem ich kürzlich „Der Charme von Marokko“ von Sophia Yablonska las, war Leïla Slimanis neuer Roman eine gute Ergänzung und Erweiterung für meine bislang dürftigen Kenntnisse, was die Kolonialzeit Frankreichs in Nordafrika angeht. Slimani erzählt bilderreich aus ihrer Familiengeschichte, es sollen noch zwei weitere Bände folgen.

Mathilde, eine junge Elsässerin begegnet am Ende des zweiten Weltkriegs dem Marokkaner Amine und beide verlieben sich. Amine hat als Soldat für Frankreich gekämpft. Frisch verheiratet entscheiden sie sich 1947 nach Marokko zu ziehen, wo Amine in der Nähe der Stadt Meknès unweit des Atlasgebirges Land von seinem Vater geerbt hat. Doch das Land ist schwierig zu bearbeiten, das Haus zunächst eher eine Hütte. Viel Arbeit steht an. Mathilde, die neugierig auf ihr neues Leben war, ist ernüchtert. Es dauert nicht lange und sie bekommt ihr erstes Kind, die Tochter Aïscha. Zum Glück gibt es eine Haushaltshilfe und Feldarbeiter. So lernt Mathilde auch Arabisch und leider auch, dass in Marokko Frauen ans Haus gebunden sind und einen ganz anderen Stellenwert als in Europa haben. Eine Mischehe ist zudem nicht gern gesehen. Einheimische und Franzosen leben in strikt getrennten Vierteln. Wenn beide im Auto durch die Stadt fahren, wird Amine nicht selten für Mathildes Chauffeur gehalten, was diesen natürlich demütigt.

Mathilde kämpft sich durch. Im Sommer ist es brennend heiß, im Winter eiskalt. Als Aïscha in die Schule kommt, die von Nonnen geleitet wird, muss Mathilde sie jeden Tag nach Meknès fahren. Doch die Tochter ist gut in der Schule, wenngleich sie aufgrund ihres Aussehens und ihrer schlichten Kleidung gemieden wird und findet Trost im christlichen Glauben. Der Sohn Selim wird geboren. Und Mathilde beginnt sich mit Heilmethoden zu beschäftigen, denn der Arzt ist teuer und fern. So erwirbt sie sich einen Ruf und es kommen viele Nachbarn zu ihr, die Rat suchen. Währenddessen arbeitet Amine wie besessen, um neue Olivensorten zu züchten und Südfrüchte nach Osteuropa zu liefern.

Als Mathildes Vater stirbt, reist sie zur Schwester ins Elsaß. Den Verwandten verschweigt sie allerdings wie schwierig ihr Leben ist. Sie spürt die Leichtigkeit ihrer Jugendzeit wieder und ist sogar versucht, nicht mehr nach Marokko zurückzukehren.  Dennoch reist sie nach vier Wochen wieder ab.

Im Land spitzt sich die Situation zu. Die Marokkaner wollen sich nicht mehr mit der Herrschaft Frankreichs zufrieden geben. Es kommt immer häufiger zu Aufständen, an denen auch Amines Bruder Omar maßgeblich beteiligt ist. Währenddessen versucht Amines Schwester Selma auszubrechen aus dem strengen Korsett, dem muslimische Frauen unterworfen sind. Sie verliebt sich in einen französischen Offizier. Doch als Amine das herausbekommt, wütet er und schlägt zum ersten Mal seine Frau, die davon wusste. Er besteht darauf, dass Selma seinen ehemaligen Mitsoldaten Mourad heiratet, den er auf seinem Hof als Vorarbeiter angestellt hat. Was er nicht weiß, ist, dass Mourad homosexuell ist. Der Roman endet 1955 als es zu schwersten Ausschreitungen zwischen Marokkanern und Franzosen kommt. Der Hof von Mathilde und Amine bleibt verschont …

Leïla Slimani hat einen spannenden und informativen Roman geschrieben, der zwar sprachlich keine Finessen bietet (es gibt einige kitschnahe Sequenzen, vor allem, wenn es um Liebe und Sex geht), aber Geschichte, auch persönliche, sehr gut aufarbeitet. Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Übersetzt hat ihn Amelie Thoma. Ebenfalls gelesen und bereits hier besprochen habe ich Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“, der sich ganz anders zeigt.

Sadie Jones: Die Skrupellosen Penguin Verlag

Sadie Jones ist meines Wissens noch nicht so bekannt im deutschsprachigen Raum. Ich habe sie entdeckt durch den schönen Roman „Jahre wie diese“, der im Schauspielmilieu in London spielt. Die 1967 geborene Britin, die auch Drehbuchautorin ist, schreibt Romane, die zwar nicht hochliterarisch sind, aber in die Tiefe der jeweiligen Themen eintauchen und absolut mitreißend erzählt sind. Also durchaus mehr als gute Unterhaltung. Diesmal sogar mit Elementen eines Kriminalromans.

Im neuen Roman geht es um das junge Paar Bea und Dan, die in London leben. Eine Eigentumswohnung muss abbezahlt werden. Dan, der eigentlich Künstler sein will, verdient sein Geld als Immobilienmakler, Bea ist Psychotherapeutin. Gleich eingangs wird klar, dass die beiden sehr sparsam leben müssen, denn das Leben in London ist teuer. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, führen sie eine liebevolle Beziehung. Als beide vom Leben und Arbeiten frustriert sind, beschließen sie eine Auszeit zu nehmen. Vom finanziellen „Polster“ und von der Vermietung ihrer Wohnung wollen sie drei Monate lang durch Europa reisen. Ein altes Auto wird gekauft und die erste Station ist Frankreich, wo Beas Bruder Alex ein Hotel leitet.

Alex scheint es endlich geschafft zu haben, Drogen und Alkoholmissbrauch hinter sich gelassen zu haben. Doch als sie ankommen entpuppt sich das Hotel als Luftnummer. Es gibt keine Gäste außer ihnen selbst, vieles ist marode und Alex scheint sich dennoch dort wohl zu fühlen. Im Gespräch erfahren Dan und Bea, dass der durch allerlei illustre Immobilienspekulationen extrem reich gewordene Vater von Bea das Hotel für Alex gekauft hat. Dan, der kaum etwas von Beas Familie weiß, da Bea keinen Kontakt zu den Eltern hat, wundert sich immer mehr. Sie versuchen die freien Tage zu genießen, doch irgendwie schwebt Unheil in der Atmosphäre. Als schließlich auch die Eltern mit teurem Auto auftauchen, nicht wie sonst mit dem Privatjet (!), fragt sich Dan, wieso er nichts über den immensen Reichtum seiner Schwiegereltern weiß und weshalb Bea nicht die immer wieder angebotene Unterstützung ihres Vaters annimmt. Sie hätten damit ein so viel leichteres Leben.

„Dan dachte, dass er sie gerade zum ersten Mal in einer solchen Umgebung sah, und es verstörte ihn, mit welcher Sicherheit sie sich in diesem Habitat bewegte. Nur ein Mädchen, das mit dem goldenen Löffel im Mund geboren war, würde ihre Missachtung für den Luxus demonstrieren, indem sie etwas bestellte, was gar nicht auf der Karte stand.“

Doch für Bea ist es ein rotes Tuch, etwas von den Eltern anzunehmen. Sie hat ihre Gründe. Nach und nach bekommen wir Einblick in das merkwürdige Familienkonstrukt, dass von einem dominierenden Vater beherrscht wird, der über den dunkelhäutigen Schwiegersohn so gar nicht froh ist. Wir tauchen in die Kindheit der Geschwister, zu denen noch ein älterer Bruder gehört, der es im Gegensatz zu Alex „geschafft“ hat. Doch die, die Bea mit aller Macht von sich schiebt, ist die Mutter. Als Kind hat sie die Mutter zusammen mit dem 7 Jahre älteren Bruder gesehen, in einer übergriffigen Situation …

„Schwarze waren in den vergangenen Jahren hochgestuft worden, denn jetzt hatten sie noch ausländischere Ausländer mit Akzenten und Religionen, vor denen sie sich fürchten konnten.“

Es herrscht statt Urlaubsfeeling eine extreme unangenehme Spannung zwischen allen. Als Alex eines Abends losfährt, um für den Vater etwas zu erledigen, kommt er nicht mehr zurück. Dafür taucht die Polizei auf, die ihnen mitteilt, dass Alex einen tödlichen Unfall hatte. Die Erschütterung ist groß, bei der Mutter extrem. Vor allem als langsam klar wird, dass Alex vermeintlicher Unfall ein Mord war.

Es folgt eine äußerst spannende, bestens gelungene Geschichte, in der sich sichtlich Abgründe dieser Familie auftun. Und Dan als eine Art Außenstehender kommt aus dem Fragen nicht mehr heraus. Die Beziehung der beiden leidet unter den Geschehnissen. Kann man sich noch gegenseitig vertrauen? Kennt man einander wirklich? Und inwiefern ist Beas Vater, der den Sohn mit einem Auftrag losschickte mit Schuld an den Ereignissen?

Psychologisch interessant und erwähnenswert ist noch das Motiv der Schlange, das immer wieder auftaucht, in Beas Träumen und in echt. Das englische Original übernimmt das Motiv sogar in den Titel: The Snakes.

Mehr verrate ich nicht vom Inhalt, denn es würde dem Lesen die Spannung nehmen. Neugierig gemacht habe ich hoffentlich auf diesen gut konstruierten Roman, der mit feiner Gesellschaftskritik und einem für mich überraschenden, wenngleich heftigem Ende aufwartet. Einige wenige Male begegneten mir sprachliche Unfeinheiten, die vielleicht der Übersetzung geschuldet sind.

„Die Skrupellosen“ erschien im Penguin Verlag. Übersetzt wurde es von Wibke Kuhn. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Annie Ernaux: Der Platz Hörspiel Der Audio Verlag

Auf nur einer CD mit Laufzeit von 1 Stunde, 18 Minuten inszenierte Der Audio Verlag Annie Ernauxs Buch „Der Platz“.  Als Hörspiel ist es ausgeschrieben, bleibt aber glücklicherweise überwiegend in Nähe einer raffiniert eingesprochenen Lesung. Die Tonuntermalung empfand ich anfangs gewöhnungsbedürftig, doch dann konzentrierte ich mich ausschließlich auf die ausdrucksstarke warme Stimme der Schauspielerin Stephanie Eidt und freute mich über die gelungene Umsetzung des Textes.

„Wenn ich Proust oder Mauriac lese, kann ich nicht glauben, dass sie über die Zeit schreiben, als mein Vater Kind gewesen ist. Seine Welt ist das Mittelalter.“

Die französische Autorin Annie Ernaux erzählt in dem nur 100 Seiten zählenden, in Frankreich bereits 1983 erschienenen, „Der Platz“ über ihren Vater. Beginnend mit seinem Tod, assoziiert sie frei über sein Leben. Nach und nach erfahren wir, dass er bereits im Alter von 8 Jahren auf dem Bauernhof helfen musste, mit 12 von der Schule abging und dann auf dem Hof arbeitete, wo schon der Großvater Arbeit fand. Irgendwann schafft er den Wechsel zum Arbeiter. Inzwischen ist er mit Annies Mutter verheiratet. Eine Tochter wird geboren (die mit 7 Jahren an Diphterie starb). Es wird gespart, um ein Geschäft zu eröffnen. Im kleinen Ort Lillebonne führen die Eltern schließlich den Kramladen mit Bar im Arbeiterviertel. Doch der Laden wirft nicht genug ab. Der Vater muss zusätzlich arbeiten gehen. Die Mutter managt den Laden. Für die Verwandten gelten sie als reich.

Annie Ernaux erzählt gleichzeitig, wie sie versucht, dieses Buch über den Vater zu schreiben. Ihr wird klar, dass es keinen Roman geben wird. Es wird eine große Herausforderung. Sie bleibt nah am Geschehen, an den erinnerten Worten, nah am tatsächlichen Leben. Die Schwierigkeiten die mit dem Schreiben verbunden sind, das Schwanken zwischen persönlichem Empfinden und möglichen Anklagen, Scham oder gar Verrat.

Annie wird 1940 mitten im Krieg geboren. Der Vater bringt die Familie durch. Die Eltern kehren in den Heimatort Yvetot zurück. Nach dem Krieg übernehmen sie wieder einen Laden mit Kneipe. Wieder arbeitet der Vater zu, diesmal in einer Ölraffinerie, bald als Vorarbeiter.

„Wir hatten alles, was man braucht. Was bedeutete, dass wir uns satt aßen und dass es in der Küche und der Kneipe, den einzigen Räumen, in denen wir lebten, warm war. Zwei Garnituren Kleider, eine für unter der Woche, eine für sonntags.“

Der Vater kauft das Haus und das Grundstück. Soviel hatte keiner in der Familie erreicht. Und dennoch, der Neid, das Sparen, das Misstrauen, die Vergleiche, das Gefühl der Unterlegenheit, die Scham. Der andauernde Streit zwischen den Eltern ist immer präsent. Die Tonlage geprägt von gegenseitigen Vorwürfen.

„Ein andauernder bodenloser Mangel.“

Die Tochter Annie ist eine gute Schülerin, sie geht auf die höhere Schule, das Pensionat, dass die Mutter ausgesucht hat. Sie entfernt sich vom Dialekt des Elternhauses und entwickelt ein Bewusstsein für Sprache. Nach dem Abschluss beginnt sie auf Lehramt zu studieren. Sie reist ins Ausland und wechselt das Studium: Literaturwissenschaft. Dem Vater ist das alles fremd. Er begreift nicht die Lust der Tochter am Denken und Lernen. Aber er akzeptiert, denn so wird sie etwas Besseres, wird keinen Arbeiter heiraten müssen. Tatsächlich heiratet Annie einen Politikstudenten und zieht mit ihm weg. Sie arbeitet als Lehrerin. Ein Sohn wird geboren. Die Besuche bei den Eltern werden rar. Der Ehemann begleitet sie nie. Der Abstand, nicht nur der räumliche, ist zu groß geworden. Annie ist „aufgestiegen“ …

Ernaux beschließt ihren Text wiederum mit dem Blick auf den Tod des Vaters, der kurz vor seinem geplanten Ruhestand mit 68 eintritt. Sie konnte noch Abschied nehmen und beginnt mit dem Buch, dass sie erst Jahre später in der vorliegenden Form beendet.

Im Booklet findet sich Aufschlussreiches über die Autorin und die Entstehung des Hörspiels. Die Übersetzung stammt von Sonja Finck, das Buch erschien im Suhrkamp Verlag, wie alle Neuauflagen der autobiographischen Bände von Annie Ernaux. Hier auf dem Blog habe ich bereits „Die Jahre“ besprochen. Große Empfehlung!

 

Karine Tuil: Menschliche Dinge Claassen Verlag

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Auch in ihrem neuen, wieder sehr gelungenen Roman (mit einem ziemlich schönen Cover) beschäftigt sich die Französin Karine Tuil, wie schon im vorigen „Die Zeit der Ruhelosen“, wieder mit der Klassen-Gesellschaft, mit der immer größer werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen privilegiert und prekär. Wenn man nur noch von Erfolg und Macht getrieben wird, wenn man Aufstieg und Konkurrenzkampf der Menschlichkeit vorzieht, wenn man nur noch mithilfe von Aufputschmitteln die Arbeitswelt überstehen kann, wenn Eltern wegen ihrer Karriere oder der eigenen Selbstverwirklichung ihre Kinder vernachlässigen, dann läuft grundlegend etwas falsch.

Anhand einer Pariser Familie aus gehobenem Milieu zeigt Tuil auf, wie es gehen kann, wenn man seinen Aufstieg in die  bessere Gesellschaft um jeden Preis erhalten will, wenn man nicht mehr von der Macht seiner Position lassen kann. Das Ehepaar Claire und Jean und ihr Sohn Alexandre werden in den ersten Kapiteln vorgestellt. Claire, über zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ist als feministische Journalistin erfolgreich tätig. Jean hat sich aus dem Präkariat hochgearbeitet, ist als Fernseh-Moderator trotz seines Alters immer noch angesagt, neuerdings mit dem Ehrenorden vom Präsident ausgezeichnet, obwohl die jüngeren, innovativen bereits um seinen Posten Schlange stehen. Der 21-jährige Sohn Alexandre geht auf ein Elite-College in den USA. Dass dieses Familiengebilde brüchig ist, merkt man schnell.

Claire verlässt ihren Mann, weil sie sich in einen so ganz anderen Mann verliebt. Jean lebt ohnehin mit einer anderen Frau ein Doppelleben. Alexandre hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Weil seine ältere Geliebte ihm den Laufpass gab, treibt er sich bei einem Aufenthalt in Paris aus Frust auf einer Party seiner früheren Freunde herum und konsumiert Alkohol und Drogen. Am darauffolgenden Morgen steht die Polizei vor der Tür und konfrontiert ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung.

Karine Tuil schaut ganz genau hin. Es gelingt ihr ihre Figuren zu demaskieren und einen Blick hinter die Fassaden zu werfen. Sie greift in ihrem Roman aktuelle Themen auf wie die Me Too-Bewegung, den Weinstein-Prozess und die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Sie schildert die einzelnen Schritte des Prozesses gegen den der Vergewaltigung angeklagten Alexandre vor dem Schwurgericht sehr genau.

„Nach vier, fünf Prozesstagen gelangte sie zu der Überzeugung, dass man den Zustand einer Gesellschaft an deren Tribunalen und den dort verhandelten Fällen ablesen konnte. Das Rechtswesen offenbarte den schicksalhaften Verlauf von Biografien, die sozialen Bruchstellen, das Scheitern der Politik – all das, was der Staat im Namen der nationalen Einheit gern unter den Tisch kehrte, …“

Sie erzählt davon, wie lange sich so ein Verfahren hinzieht, wie schwer es ist für die junge Frau, die aus einer sehr religiösen jüdischen Familie kommt, noch nach Jahren die Tat in der Öffentlichkeit wieder ausführlichst schildern zu müssen. Dabei blendet sie das Dilemma der Eltern, vor allem das von Claire nicht aus. Wie verhalte ich mich als Elternteil? Wie verhalte ich mich, wenn es um das eigene Kind geht? Wie verhalte ich mich im Zwiespalt als emanzipierte Frau und Mutter? Jean hingegen versucht im Prozess die mutmaßliche Tat seines Sohnes als ein Kavaliersdelikt zu beschönigen. So zeigt Tuil auf, wie sehr Unterschiede in der Lebensform auch die Sichtweise auf eine sexuelle Gewalttat beeinflussen. In einem ganz anderen Umfeld und in einem anderen Stil hat dies bereits auch Bettina Wilpert in ihrem empfehlenswerten Roman „Nichts, was uns geschieht“ getan.

Zugegeben, das Ende gefällt mir nicht. Ich finde es tatsächlich enttäuschend, dass die Klägerin die einzige ist, bei der die Autorin keinen kurzen Blick in die Zukunft wirft. Andererseits ist sie auch keine der Hauptfiguren und wurde auch nie ausführlich in den Roman eingeführt. Aber vermutlich ist sie es, die am schwersten weiterleben wird. Auch Claire hat Probleme mit dem Leben nach dem Prozeß. Die, die recht schnell wieder vorne mit schwimmen, sind die beiden Männer, Sohn und Vater.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zwei weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „letteratura“ und „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Inès Bayard: Scham Zsolnay Verlag

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Inès Bayard hat mit ihrem Debütroman einiges gewagt. Sie hat über eine Vergewaltigung und deren Folgen geschrieben und zwar in so direkter schonungsloser Weise, dass es manchmal schwer war weiterzulesen. Ihre Hauptperson macht eine furchtbare Erfahrung, die in ihrem bisher so sicheren und behüteten Leben, alles, aber auch alles verändert und zerstört. So geht es auch weniger um die Tat, als um das Danach, die inneren Vorgänge, das Wie weiter?. Dieser Roman ist kein `schönes´ Buch. Es ist ein belastendes Leseerlebnis in drastischer Sprache und doch kann ich mich als Leserin mit der Autorin und ihrer Protagonistin solidarisieren. Ich kann ihre Tat, mit der der Roman wie ein Paukenschlag beginnt, nicht einmal wirklich verurteilen.

Marie ist Anfang 30, lebt in Paris, hat einen guten Job in einer Bank und ist glücklich verheiratet mit Laurent, einem aufstrebenden Rechtsanwalt. Beide wünschen sich ein Kind. Doch eines abends wird sie von ihrem obersten Vorgesetzten brutal vergewaltigt. Er droht ihr, ihrer beider Karriere zu beenden, falls sie darüber spricht. Damit beginnt Maries Martyrium, denn sie erzählt ihrem Mann nichts, geht nicht zur Polizei, verbirgt alles vor Freunden und der Familie, geht wieder zur Arbeit. Nach außen hin versucht sie alles zu tun, um sich nichts anmerken zu lassen. Doch wir Leserinnen erfahren, wie es in ihr drin aussieht, wie der geschundene Körper und die verletzte Seele Maries Leben vollkommen verdüstern.

„So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann“. Dieser Satz der Autorin Elfriede Jelinek fällt ihr plötzlich wieder ein. Jahre vor ihrer Vergewaltigung hatte ihr jemand den Roman „Lust“ geliehen. Sie erinnert sich, dass sie ihn nicht zu Ende gelesen hat. Sie fand ihn schockierend, ungerecht, ekelhaft, diesen Satz ganz besonders. Eine blöde Feministin. Heute sieht sie das anders.“

Als sie schwanger wird, ist sie sich sicher, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger ist. Sofort beginnt sie dieses in ihr entstehende Leben zu hassen und zu bekämpfen. Mehrfach versucht sie das Kind vor und nach der Geburt zu töten, doch es gelingt nicht. Lieben kann sie es nicht, sie vernachlässigt es. Am Größten aber ist ihr Selbsthass. Ihre Psyche erkrankt, manchmal weiß man als Leser*in nicht mehr ob es noch wahr oder schon Wahn ist, was Marie erlebt. Dass weder ihrem Mann, noch der nahe stehenden Familie die Veränderung von Maries Wesen auffällt, finde ich jedoch nicht ganz glaubwürdig, denn es würde von wenig Sensibilität und Aufmerksamkeit zeugen. Dass keiner den bald auch körperlichen Verfall, die tiefe Depression wahrnimmt, wäre dann ein bitteres Zeugnis dafür, wie wenig oft nah zusammen lebende Menschen einander wirklich sehen. Andererseits gibt es womöglich solche Familien, die nicht sehen wollen, die ihre heile Welt aufrecht erhalten wollen, um jeden Preis.

Doch langsam bricht sich die Wahrheit ihre Bahn, endlich!, denke ich als Leserin. Maries Schwester liest zufällig eine ihrer Mails und erfährt von der Vergewaltigung und den inneren Kämpfen Maries. Doch statt sie zu verstehen und ihr zu helfen, wendet sie sich ab. Und auch Laurent fällt aus allen Wolken, als er Teile eines Telefonats Maries mit ihrer Schwester mitbekommt, jedoch dann ganz falsche Schlüsse daraus zieht …
Ein enormes Debüt, ein wichtiges Buch!

Der Roman erschien im Zsolnay Verlag und wurde von Theresa Benkert übersetzt. Ein aufschlussreiches Interview mit der 1992 geborenen Französin, die zur Zeit in Berlin lebt gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

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„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Édouard Lewis: Im Herzen der Gewalt S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ, war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Ich wusste nicht, las es erst später, dass Édouard Louis inzwischen einer der aktuell aufstrebendsten Intellektuellen Frankreichs ist. Auch war mir beim Lesen noch nicht klar, dass die Freunde, die er im Roman sehr oft mit Vornamen nennt, Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie sind. Beide sind bekannte französische Philosophen. Eribon landete einen Bestseller mit „Rückkehr nach Reims“, in dem er, wie Louis, von seinem Elternhaus in der französischen Provinz berichtet, jedoch nicht romanhaft. De Lagasnerie ist viel politisch aktiv und setzt sich für die Gelbwesten ein.

„Im Herzen der Gewalt“ beginnt damit, dass der Protagonist seine Wäsche in den Waschsalon bringt, zuhause alles putzt und zuletzt versucht, sich selbst klinisch rein zu waschen. Nichts hilft. Der Makel bleibt. Was ist passiert?

„Und ich dachte auch – in ungeduldiger Erwartung der Zukunft, die das Ganze in gewisser Weise in die Vergangenheit verlegen, es relativieren würde: In einer Woche denkst du: Jetzt ist es schon eine Woche her, komm schon, und in einem Jahr: Jetzt ist es schon ein Jahr her.“

In Rückblenden erfahren wir, dass Edouard Opfer einer Gewalttat wurde. Am Weihnachtsabend kehrt er sehr spät von Freunden in seine Wohnung zurück. Unterwegs spricht ihn ein Mann an, Reda, der in recht eindeutiger Weise Kontakt sucht. Zunächst versucht Edouard, der allein mit seinen Büchern sein will, ihn abzuwimmeln. Doch schließlich nimmt er Reda mit in seine Wohnung. Es kommt zu einvernehmlichem Sex. Reda erzählt von seinem Vater, der nach Frankreich emigrierte, ein Kabyle, kein Araber sei er. Araber hasse er.

Als Reda gegen Morgen aufbrechen will, bemerkt Édouard, dass sein Mobiltelefon fehlt. Als er Reda darauf anspricht, tickt dieser aus. Er fühlt sich als Dieb beschuldigt und in seiner Ehre beleidigt, obgleich er, wie sich herausstellt, tatsächlich das Telefon in der Tasche hat. In der Tasche hat er außerdem eine Pistole, mit der er Édouard später bedroht. Seine Wut steigert sich, je mehr Édouard versucht zu beschwichtigen und den Diebstahl, als in seiner prekären Situation als normal, ja notwendig hinzustellen. Reda würgt und vergewaltigt Édouard. Später, als Édouard es geschafft hat, ihn zur Tür hinaus zu bewegen, entschuldigt er sich gar und will wieder hinein.
Was Édouard erlebte war Todesangst.

Wie Édouard desweiteren mit der Situation umgeht, wie er sein dringendes Redebedürfnis dem Krankenhauspersonal, den Polizisten, die die Anzeige aufnehmen, seinen Freunden, seiner Schwester überstülpt, wird überdeutlich. Wie er später jedoch genau ins Umgekehrte driftet und nur noch darüber schweigen will, keine Therapie gegen das erlittene Trauma in Anspruch nehmen will. Sondern bewusst verdrängen, ja leugnen will, ist unglaublich präzise und zum Nachdenken anzettelnd geschrieben.

„Aber ich wusste, dass ich mich belügen musste. Ich sage nicht, dass das an sich eine Lösung ist, ich weiß nicht, ob sie für jedermann gälte, aber ich für meinen Fall tat gut daran, all meine Energie darauf zu verwenden, mich zu überzeugen, dass ich nicht traumatisiert war, und mir einzureden, dass es mir gutging, auch wenn das nicht stimmte, auch wenn es eine Lüge war.“

Gerade auf der Bühne entfaltet sich hier die Komplexität der Ereignisse sehr plastisch: Die Bemühungen des Opfers (der selbst aus einer armen Familie stammt), den Emigrantensohn in seiner prekären Lage zu verstehen und nicht überheblich, sondern großzügig zu wirken, verkehren sich ins Gegenteil. Die Gewalt des Täters im Spiegel seiner Herkunft, im Verleugnen der eigenen Homosexualität durch Herauskehren der vermeintlichen Männlichkeit durch Gewaltausübung. Das Gefühl Édouards, dass selbst die engsten Freunde, ihn nicht verstehen. Wie er letztlich doch Anzeige erstattet.

Ach darum – so dachte ich, heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es sich so verhält, aber in dem Moment dachte ich: „Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen. Er will sich sleber glauben machen, dass ihr das alles nicht getan habt, weil er dich begehrt, sondern als Vorwand für das, was er jetzt tut, …“

Louis berichtet hier nicht chronologisch, sondern lässt seine Hauptfigur von Emotionen geleitet, scheinbar sprunghaft erzählen. Zudem baut er eine weitere Instanz ein, nämlich Édouards Schwester, der er bei einem Besuch, einer Flucht gleich, von seinem schrecklichen Erlebnis erzählt. Diese wiederum erzählt die Geschichte ihrem Mann, was eine ganz neu Sicht auf die Dinge wirft, da sie die Geschehnisse, als typisch für ihren Bruder auslegt und meint, er hätte vorher wissen können, was für ein Täter Reda sei. Gleichzeitig zeigen sich hier wieder die tiefen Differenzen zwischen Bruder, der zum Studium von Zuhause fort ging, und die Schwester, die im Heimatort blieb.

„Im Herzen der Gewalt“ ist sowohl als Theaterstück, als auch als Buch ein großes Erlebnis. Es bringt so viele der aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auf den Punkt, Rassismus, Homophobie, Klassenunterschiede, dass man daran eigentlich gar nicht vorbeikommt. Es regt in ganz verschiedenen Richtungen zum Denken an und ist nicht so schnell vergessen. Und all das in feinster Sprache. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Édouard Louis: Das Ende von Eddy S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Da die Romane von Louis alle autobiografische Züge tragen, begann ich nun mit dem ersten: Mit „Das Ende von Eddy“ gelang Louis in Frankreich 2014 ein Riesenerfolg.

„An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.“

Er schildert darin seine Kindheit in der ländlichen Picardie, im Norden Frankreichs. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, in einem Haushalt in dem schon morgens der Fernseher läuft, allein der Vater das Sagen hat, wo jeder Junge Arbeiter in der Fabrik wird und früher oder später Alkoholiker. Bereits als Junge merkt er, dass er anders ist, sich beispielsweise anders bewegt, als die anderen Jungs. Später in der Schule, wird er aufgrund dessen sogleich als tuntig und schwul gehänselt.

„Meine Eltern nannten das Getue, sie sagten Lass doch das Getue. Sie wunderten sich Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi. Sie sagten Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“

Als Einzelgänger, der eigentlich lieber mit Mädchen zusammen wäre, wird er von anderen Schülern gepiesackt, teilweise misshandelt. Als die Pubertät beginnt, ist klar, dass er auf Jungen steht. Etwas, dass in seiner Familie und generell in dieser macho-dominierten dörflichen Arbeiterregion, wo nur „echte“ Männer etwas zählen, so überhaupt nicht geduldet wird, ja, eigentlich gar nicht vorkommen darf. Mit anderen Jungs, die einen Porno nachspielen wollen, kommt es dann tatsächlich zu ersten körperlichen Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht. Was die „Mitspieler“ als ein Ausprobieren ihrer Männlichkeit verstehen, wird für Eddy die Offenbarung seiner Homosexualität. Vom Vater, der die Arbeit in der Fabrik verlor, von der Mutter, die sich als Altenpflegehelferin abrackert, um das Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdient, wird „Eddy“ so überhaupt nicht akzeptiert. Die Schwester Clara versucht ihn mit Freundinnen zu verkuppeln.

Wie ein Studierter reden, das hieß auftreten wie die verhasste Klasse, die Feinde, die was haben, die Reichen. Wie diejenigen, die eine Chance auf höhere Schul- und Universitätsbildung haben.“

Eddy leidet und wünscht sich nichts sehnlicher als „normal“ zu sein, wie alle anderen. Bis es irgendwann nicht mehr geht und er seine Flucht aus dieser Gefangenschaft, aus dieser kleingeistigen Welt plant. Eine Chance bietet die Theatergruppe seiner Schule, Eddy ist begabt. So erhält er ein Stipendium für eine musisch ausgerichtete weiterführende Schule mit Internat und verlässt das Dorf in Richtung Amiens.

In diesem ersten Roman erlebt man den 1992 geborenen Édouard Louis sehr nah und persönlich. Hier ist seine Sprache noch nicht ganz so ausgereift, wie später in „Im Herzen der Gewalt“. Dennoch ist es ein ungewöhnlich dichtes autobiografisches Buch, dass ich sehr empfehle, vor allem, wenn man vielleicht, wie ich, Anknüpfungspunkte, was die Kindheit betrifft, hat.

„Das Ende von Eddy“ erschien im Fischer Verlag und wurde genial wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Französischen übersetzt.

Die Besprechung zu „Im Herzen der Gewalt“ folgt im nächsten Beitrag hier auf dem Blog.

Philippe Lançon: Der Fetzen Tropen Verlag

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Bereits auf den ersten Seiten des Buches von Philippe Lançon stehen Sätze, die mich betreffen, in einer Sprache wie ich sie liebe. Besser kann es eigentlich nicht beginnen. Vor allem dann, wenn es sich um ein Buch handelt, dass von einem persönlichen Trauma, einer Verletzung handelt, psychisch und physisch, die letztlich uns alle, ganz Europa, vielleicht die ganze Welt betraf. Der Autor arbeitete für Charlie Hebdo. Und er war am Tag des Anschlags auf das französische Satiremagazin in der Redaktion als der Terroranschlag verübt wurde. Er überlebte mit schweren Verletzungen, äußeren wie inneren. Dass er danach sofort beginnt darüber zu schreiben, ist sein Versuch, zu überleben. Mich persönlich hat dieser Anschlag von allen in dieser Zeit am meisten betroffen, denn es geht um freies Denken, um Schreiben, um die Ausübung der Kunst, um die Meinungsfreiheit.

„Wie die vorherigen Attentate, entfremden mich die Ereignisse in Barcelona und Cambrils einer Geschichte, in der, nachdem die Kerzen ausgelöscht und die kleinen Herzchen aufgeräumt sind, alle so tun, als wäre nichts gewesen – was auch sonst? –, und als wären die Mörder nicht eine verheerende Folge dessen, was wir sind und was wir leben.“

Lançon erzählt nicht durchgehend chronologisch, beginnt jedoch mit dem Abend vor dem Anschlag, dem 6.1.2015, an dem er mit einer Freundin im Theater war und ein Shakespeare-Stück sah. Das Buch von Shakespeare, dass er am Tag des Anschlags dabei hat, um evtl. später in der Redaktion der Zeitung Libération, für die er auch arbeitet, über das Stück zu schreiben, wird er nicht mehr lesen. Auch die Diskussion in der Redaktionsrunde über Houellebeqs neuen Roman „Unterwerfung“, der an diesem Tag erscheinen wird, bleibt eine vage Erinnerung.
Lançon beschreibt, wie er die Minuten des Überfalls erlebte, die schlimme Zeit, als er, irgendwie halb lebendig, halb in einem Zwischenreich, seine erschossenen Kollegen neben sich liegen sieht. Alpträume dieser Bilder verfolgen ihn tage- und nächtelang. Er kann fortan nur noch in ein Leben vor und nach dem Anschlag einteilen.

„Ich hob meinen Blick wieder und sah links über mir das Gesicht meines Bruders Arnaud. Zum ersten Mal spürte ich, dass mir etwas Schlimmes passiert war, dass der Kaffee und alles andere vielleicht  ein Traum sein mochten, das Attentat aber keiner war, …“

Er erzählt von der ersten Zeit nach der ersten Operation, als er wahrnahm, dass ein Teil seines Gesichts, sein Unterkiefer fehlte. Von den Polizisten vor dem Krankenzimmer, die ihn schützen sollten. Vom Bruder, der wichtigster Begleiter in der kommenden Zeit wird, von den alten Eltern, die da waren, den Freunden und Kollegen, der Ex-Frau und der geliebten Frau, deren Beziehung bald schwierig wird. Und er erzählt beinah von jedem einzelnen Arzt, den Schwestern und Pflegern, die ihm bald nahe stehen. Da er aufgrund der Verletzung nicht sprechen kann, kommuniziert er schreibend auf einer abwischbaren Tafel. Auf diese Weise wird alles langsamer, bewusster, wird weniger dauerhaft notiert, wird vieles fortgewischt.

„In der Tat war das Schreiben das Erzeugnis eines anderen ICH, ein Erzeugnis, das mich aus meinem jetzigen Zustand befreien sollte, auch wenn es genau diesen Zustand beschrieb.“

Zu seiner Chirurgin hat er bald ein sehr starkes Verhältnis, denn sie wird ihm in unzähligen weiteren Operationen zu einem neuen Gesicht verhelfen. Lançon erzählt genau, er ist dicht bei sich, enorm reflektiert und doch offen und emotional. Schwierig wäre das alles zu lesen, hätte es nicht ein unglaublich guter Erzähler geschrieben, der sprachlich gewandt und literarisch gebildet immer wieder auch von seinen Lektüren erzählt, die ihm in der Not große Helfer sind. Da sind Kafkas Briefe an Milena, da ist Proust und da ist Thomas Manns Zauberberg.

„In meinem Zimmer machte ich mich wieder auf die Suche nach meinem vergangenen Gedächtnis, nach den Bildern dessen, der ich gewesen war. Ich tat es im Licht eines Satzes von Proust, den ich parallel zu Kafkas Briefen und dem Zauberberg las, meinen drei Zerr- und Erkenntnisspiegeln.“

Wie im Sanatorium des Zauberbergs fühlt er sich dann mitunter, wenn sich der Aufenthalt über Monate hin zieht und er letztlich gar nicht mehr weg will, weil er sich so geborgen dort fühlt. Denn die Welt draußen ist nicht mehr die Seine. Vieles, was er als Journalist wichtig empfand, relativiert sich im Rückblick auf die Geschehnisse an jenem 7. Januar 2015. Die Wahrnehmung verändert sich.

„Ich sah, wie und nach welchen Kriterien ich hätte urteilen können, hatte aber schlichtweg kein Verlangen danach. Ich lebte nur noch als Körper, der nicht mehr ganz meiner war, in einem Leben, das nicht mehr ganz meines war und dessen Bewusstsein alles aufsog, ohne moralische Wertung und ohne Widerstand.“

Ich kann diesen Roman nur jedem ans Herz legen. Er zeigt auf, wie viel sich verändert, wenn man nah am Tod war und wenn der Tod von solch unfassbarer Seite kommt.

„Der Fetzen“ erschien im Tropen Verlag. Die grandiose Übersetzung ist von Nicola Denis. In Frankreich erschien das Buch bereits 2018 und erhielt sehr verdient mehrere Literaturpreise. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ebenfalls empfehle ich eine Graphic Novel von Catherine Meurisse über die ich bereits einen Beitrag schrieb. Sie ist ebenfalls Mitarbeiterin bei Charlie Hebdo. Am Tag des Anschlags hatte sie sich verspätet und so überlebt. Wie sie trotzdem traumatisiert ist und nur ganz langsam in ihren Alltag zurückfindet, zeichnet sie sehr berührend in „Die Leichtigkeit“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.