Kristine Bilkau: Nebenan Luchterhand Verlag / Delphine de Vigan: Die Kinder sind Könige Dumont Verlag

Heute ganz kurz ein Blick in zwei Romane, die mich neugierig gemacht hatten, die mich aber nicht in Gänze erreicht haben. Das hat sicher weniger mit der Qualität, eher mit der jeweiligen Thematik zu tun, die mich zeitweise sehr genervt hat und die sich an einigen Punkten auch überschneidet.

„Die Glücklichen“ und „Eine Liebe in Gedanken“ von Kristine Bilkau gefielen mir sehr. So war ich gespannt auf den neuen Roman „Nebenan“. Leider hat es nicht ganz geklappt mit uns beiden.

Es geht um ein Paar, Julia und Chris, um die vierzig, dass von Hamburg aufs Land gezogen ist, er ist Biologe und setzt sich für den Umweltschutz ein und sie ist Keramikerin, hat im kleinen Ort auch einen Laden eröffnet, verkauft aber das meiste über ihre Website. Als eines Tages die Nachbarn verschwunden sind, macht sich die Hauptprotagonistin Julia Gedanken. Auch die zweite Hauptfigur, Astrid, etwa 60-jährig, hat mit Widrigkeiten zu tun. Sie ist Ärztin und lebt mit ihrem Mann, der bereits in Rente ist ebenfalls im Ort. Das Bindeglied dazu ist Elsa, 80-jährig. Sie ist die Nachbarin schräg gegenüber von Julia und Tante von Astrid. Die Autorin erzählt wechselweise aus der Perspektive der zwei Frauen. Die eine bekommt seltsame Drohbriefe und sorgt sich um Elsa; die andere hadert mit dem unerfüllten Kinderwunsch, fragt sich gleichzeitig, ob man in diese Welt eigentlich noch Kinder setzen darf und sorgt sich um das verlassene Nachbarshaus.

Es passieren seltsame Dinge, die in keinem rechten Zusammenhang stehen und für mich scheint der Roman zu sehr aus einem Konglomerat möglichst vieler zeitgeistiger Themen wie Klimawandel, Umweltverschmutzung durch Mikroplastik, Mutterschaft, Social Media zu basieren. Die Geschichte selbst geht unter oder aber ich finde sie nicht. Aber vielleicht passt der Roman auch einfach nicht zu meinen derzeitigen Leseinteressen.

Social Media und Kinder ist auch das Thema, dass beide Romane verbindet. Julia in „Nebenan“ schaut sich Videos von glücklichen Müttern, Kindern und Familien an, während die Hauptfigur Mélanie in „Die Kinder sind Könige“ diese Videos mit ihren kleinen Kindern dreht (Stichwort Unboxing) und damit Millionen Klicks erreicht und unglaublich viel damit verdient. In beiden Büchern gibt es zwei sehr unterschiedliche Frauen als Hauptfiguren.

Delphine de Vigans Romane mag ich ebenso. Hier besprochen habe ich bereits „Nach einer wahren Geschichte“. „Die Kinder sind Könige“ hat mich gerade auch wegen der Thematik interessiert. Denn man könnte auch meinen, und auch das wird im Roman thematisiert, dass diese Mütter ihre Kinder ausbeuten und ihnen die Kindheit stehlen. Denn tatsächlich sind Mélanies Kinder zunehmend weniger glücklich darüber, ständig vor die Kamera gezerrt zu werden. Mir sträubten sich die Haare, als ich las, was die 6-jährige Kimmy und der 8-jährige Sammy alles über sich ergehen lassen müssen. Privatsphäre gibt es kaum mehr, alles wird vermarktet. Die Werbung, die dabei für alle möglichen Marken gemacht wird, bringt gutes Geld. Und Mélanie, die mit dem Filmen begann, weil sie die anderen Filmenden mit ihren glücklichen Familien so toll fand, die aber mittlerweile ihre große Konkurrenten sind, meint, ihre Kinder damit ja finanziell unabhängig zu machen. Mélanie überwacht streng die Anzahl ihrer Follower. Sie will die Bekannteste sein. Sie scheint die Probleme nicht zu sehen, die Tochter, die sich immer mehr sträubt, nicht ernst zu nehmen. Da wurde ein eigenes Filmstudio in einer gekauften Nachbarwohnung eingerichtet, Mélanies Mann gab seine Arbeit auf, sein Verdienst wurde nicht mehr benötigt. Die Wohnung quillt über von Waren, die alle längst nicht mehr brauchen.

Als die kleine Tochter auf dem Grundstück der abgeschlossenen teuren Wohnanlage verschwindet, kommt die Polizistin Clara, die zweite Hauptfigur ins Spiel, die im starken Gegensatz zu Mélanie steht. Vigan schildert im letzten Kapitel auch die langfristigen Folgen, die die „Königskinder“ treffen …

Mich hat es wirklich entsetzt, was Social Media aus Menschen machen kann. Nicht dass mir das nicht klar war, wie dieses schnelllebige Medium die Welt verändert. Ich bin ja mit meinem Blog und meinen Kanälen mittendrin. Und doch kenne ich Grenzen. Ich finde es einfach schlimm, dass Kinder von ihren Eltern, die das aufgrund von Ruhm und Geld tun, so ausgenutzt werden. Liebe ist das nicht. Das ist Egoismus.
Ich gebe zu, meine Besprechung ist diesmal besonders subjektiv, aber manchmal ist das eben so.

Nebenan“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. „Die Kinder sind Könige“ erschien im Dumont Verlag in der Übersetzung von Doris Heinemann.

Michel Houellebecq: Vernichten Dumont Verlag

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„Die Menschen erhalten mit Mühe soziale Beziehungen, sogar freundschaftliche Beziehungen aufrecht, die ihnen so gut wie nichts nützen, das ist eine ziemlich rührende Eigenschaft der Menschen.“

Der absoluten Begeisterung vieler Kritikerstimmen kann ich nicht beipflichten. Das beginnt schon beim Titel. Ich hatte mehr Schärfe, mehr Charakter erwartet. Ich kenne ältere Romane Houellebecqs, die ich beachtlicher fand. Ist das jetzt schon das Alterswerk des Autors?

Die Ankündigungen im Klappentext führen in die falsche Richtung, wie ich finde. Denn da heißt es, es gehe um die Aufklärung terroristischer Anschläge, die der Hauptprotagonist, der im Wirtschaftsministerium arbeitet, untersuchen soll.  Über weite Teile ist Michel Houellebecqs neuer Roman jedoch eine etwas betuliche Familiengeschichte und eine Art Karrieregeschichte eines wenig interessanten Mannes, der in der Zukunft, im Jahr 2027 spielt, ohne dass man größere Veränderungen zum Heute bemerkt.

Es geht also um Paul Raison, um die fünfzig, der in einer guten Gegend von Paris wohnt und im Wirtschaftsministerium für einen zukünftigen Kandidat der Präsidentschaftswahl arbeitet. Seine Ehe ist zur Gewohnheit geworden. Ehefrau Prudence und Paul gehen sich zuhause absichtlich aus dem Weg. Als Pauls Vater einen Schlaganfall erleidet, den er mit schweren Folgen und nun pflegebedürftig überlebt, kommt die Familie seit langer Zeit einmal wieder zusammen. Obwohl sich bisher alle wenig zu sagen hatten, entsteht nun plötzlich eine Art Heile-Familienwelt mit engem Zusammenhalt, die ich dem Autor in der Kürze des Zeitraums, in der die Metamorphose vor sich geht, nicht abkaufe. Ganz ähnlich verfährt er mit der erneuten Annäherung der beiden Ehepartner, die sich kurz nach diesem Schicksalsschlag (und nachdem auch noch Prudences Mutter plötzlich verstirbt) in Windeseile wieder zu einer großen Liebe mit reichem Sexualleben zusammen finden. Dass sich zwischendurch auch noch der Bruder Pauls das Leben nimmt, scheint mir sehr dick aufgetragen. Auch, was sich in den letzten Kapiteln abspielt, die ich hier nicht mehr beschreibe, weil ich nicht spoilern will, ist in diesem kurzen Zeitraum von Frühling bis Herbst schon sehr dramatisch.

Recht interessant und aufschlussreich fand ich die Kapitel, die sich um den Wahlkampf drehen und ich hätte mir gewünscht, dass die Ermittlungen um die Terroranschläge nicht einfach im Sande verlaufen wären, nachdem sie eingangs so wichtig für die Geschichte schienen.

Abgesehen davon, dass mich der Roman oft gelangweilt hat, fielen mir auch einige inhaltliche Unstimmigkeiten auf ->gibt es im Jahr 2027 noch Overheadprojektoren? Warum muss die eigene Familie den Vater aus dem Pflegeheim entführen (französisches Recht?)? Weiterhin habe ich nicht verstanden, was Pauls ausführlich erzählte, wirre Träume, die immer plötzlich mitten in den Kapiteln auftauchen, wichtiges zum Roman beitragen sollen. Über das hanebüchene Frauenbild (des Autors/des Protagonisten?) möchte ich nicht lange schreiben; es reicht folgendes Zitat:

Mit seinem Anruf verband er vor allem die Hoffnung, sie werde ihn dafür loben, dass er sich endlich um seine Zähne gekümmert hatte, denn traditionellerweise gehört es zur Rolle der Frauen, die Männer zu ermuntern, sich um sich selbst zu kümmern, insbesondere um ihre Gesundheit, und sie ganz allgemein mit dem Leben zu verbinden, denn die Freundschaft zwischen den Männern und dem Leben ist selbst im besten Fall recht zweifelhaft.“

Alles in allem, kann ich mich nicht dazu entschließen, dem Roman ein positives Urteil zu geben, obwohl ich ja komplett alle über 600 Seiten gelesen habe. Da Houellebecq am Ende des Buches etwas kryptisch darauf hinweist, dass es womöglich das letzte Buch war, muss ich mir vielleicht keine Gedanken über weitere Lektüre seiner Bücher machen. Schlussendlich möchte ich aber auch eine kurze Sequenz zitieren, die mir sehr gut gefallen hat und der ich durchaus zustimme:

„Das menschliche Leben besteht aus einer Abfolge administrativer und technischer Schwierigkeiten, unterbrochen von medizinischen Problemen; mit dem Alter treten die medizinischen Gesichtspunkte in den Vordergrund. Das Leben ändert also seine Beschaffenheit und beginnt einem Hürdenlauf zu ähneln […] Das Leben ändert also ein zweites Mal seine Beschaffenheit und wird zu einem mehr oder weniger langen und schmerzhaften Pfad zum Tod hin.“

Vernichten“ erschien im Dumont Verlag. Das Buch würde übersetzt von Stephan Kleiner und Bernd Wilczek. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im Buch erwähnt Houellebecq auch den Roman von Philippe Lançon, in dem er über seine Aufarbeitung des islamistischen Anschlags auf Charlie Hebdo erzählt. Das Buch empfehle ich auch hier auf dem Blog:

Philippe Lançon: Der Fetzen Tropen Verlag

Ursula Hasler: Die schiere Wahrheit Limmat Verlag

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Ich bespreche sehr selten Krimis auf meinem Blog. Ich glaube, dies ist das dritte mal und es ist schon eine ungewöhnliche Idee, die die Schweizerin Ursula Hasler da hatte. Sie hat aber viel Erfolg damit, denn ihr Buch stand wiederholt auf der Krimibestenliste des Deutschlandfunk Kultur. Vollkommen zurecht. Ich habe mich von Anfang bis Ende köstlich amüsiert. Das ist bei Krimis sicher eher unüblich, aber es ist eben auch kein Thriller, es gibt kein Blut, keine Gewalt, keine speziellen Fallanalytiker etc. Denn in „Die schiere Wahrheit“ treffen sich die klassischen Krimiautoren Georges Simenon und Friedrich Glauser zufällig in einem französischen Seebad und beginnen gemeinsam eine Kriminalgeschichte zu spinnen …

Wir befinden uns in Frankreich im Badeort Saint-Jean-de-Monts, es ist das Jahr 1937. Simenon hat gerade aufgehört Maigret-Krimis zu schreiben und will sich nun ernsthafter Literatur zuwenden. Der Gutbetuchte ist auf Urlaub, während der Schweizer Krimischreiber Friedrich Glauser einem bekannten Arzt hinterher gereist ist, um ein Rezept für Morphin zu erhalten. Er lebt zu dieser Zeit in Frankreich in prekären Verhältnissen und benötigt die Droge, um endlich seine begonnenen Wachtmeister Studer-Romane zu Ende schreiben zu können, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Vom Arzt erhält er dort zwar kein Rezept, aber er stellt ihm Simenon vor, dessen Schreiben er bewundert. Hasler erzählt von der Begegnung und von den Gesprächen über das Schreiben. Und sie lässt die beiden während des Spazierens am Meer einen gemeinsamen Krimi ausdenken.

In abwechselnden Kapiteln erleben wir nun die Begegnung der Autoren und die Geschichte, die sie erfinden. Die zwei Erzählstränge sind jeweils auch andersfarbig unterlegt. Es ist ein Vergnügen den beiden zu folgen, denn beide sind sich fast einig darüber, wie man einen guten Krimi schreibt und trotz beider großen Unterschiede in der Herangehensweise und ihren Eigenheiten folgt man der erfundenen Geschichte gespannt und vermischt in Gedanken mitunter sogar Wirklichkeit mit Erfindung. Da der Roman 1937 spielt, gibt es noch sehr altmodisch anmutende Polizeiarbeit, eben echte handwerkliche Ermittlerarbeit.

„Monsieur Simenon, für mich stellt sich nicht die Frage, muss man selbst erlebt haben, worüber man schreibt, sondern vielmehr: Genügt es, etwas erlebt zu haben, um darüber zu schreiben?
Dadurch, dass man einiges erlebt hat, vielleicht Schweres, wird man noch kein Hamsun. Das Schwierigste bleibt noch zu tun: das Erlebte gestalten. Das Erlebte darf nicht einfach abgeschildert werden, es muss geformt werden.“

Wachtmeister Studer wird beauftragt einem jungen französischen Kollegen zu helfen den Tod eines hochgestellten Amerika-Schweizers in jenem Strandbad aufzuklären, bei dem man noch nicht weiß, ob es Mord war. Studer reist mit Frau Hedy in den Badeort. Dort agiert bereits Inspektor Laurent Picot, dessen Tante Amelie zufällig vor Ort Urlaub macht und sich kräftig in die Aufklärung einmischt, da sie selbst dem Toten am Abend zuvor begegnet war und als Krankenschwester einiges an Wissen hinzutragen kann. Durch Befragungen und Achten auf die Zwischentöne und das Verhalten der Beteiligten mit einer trefflichen Kombinationsgabe lösen am Ende Amelie und Studer zusammen den Fall, bei dem es, wie so oft schwierig ist Recht und Gerechtigkeit zu unterscheiden. Ein Fall, der anfangs ganz anders aussah und am Ende weit in der Vergangenheit seine Ursache fand.

„Glauser winkt ab, dass Recht und Gerechtigkeit zwei verschiedene Schuhe sind, die kein Paar ergeben, wisse er. Ihn beschäftigt vielmehr, ob der Kommissar in einem Kriminalroman immer das Recht anwenden muss, mit den Zähnen knirschend und über seinen Schatten springend, auch wenn er es ungerecht findet? Dürfte er beispielsweise der Gerechtigkeit helfen und nicht dem Recht?“

Hasler schreibt diese klassische Kriminalgeschichte in urigem der Zeit gemäßen Ton und ich habe mich besonders an den speziellen Schweizer/Berner Begriffen erfreut; da gibt es Worte wie „Gopfridstutz“ und „Töff“. Dass Wachtmeister Studer ohne seine Brissago Zigarillos aufgeschmissen ist und Amelie sich mit Studers Frau am Strand beim Stricken gegenseitig über die eigentlich jeweils geheimen Informationen zum Fall austauschen, macht die Protagonisten schon sehr sympathisch.

Hasler schildert den Badeort, den es tatsächlich gibt, sehr bildhaft und bunt. Sie hat zu diesem Ort viel recherchiert, um auch die Wege der Handlung und die Atmosphäre, in der die Sommergäste verweilen, gut nachvollziehbar zu machen und auch sprachlich trifft sie den Ton dieser Zeit. Der Ort war zeitweise auch Künstlerkolonie und von einem dieser Maler, René Levrel, stammt auch das einladende Gemälde auf dem Buchumschlag. Simenon und Glauser hätten sich in dieser Zeit dort treffen können, tatsächlich sind sie sich aber nie begegnet.

Ich habe von Glauser „Matto regiert“ gelesen, der genau im Jahr 1937 entstanden ist und der Glausers persönliche Erlebnisse in einer psychiatrischen Anstalt mit in einen Mordfall einbezieht. Das Buch kann ich sehr empfehlen. „Die grünen Fensterläden“ von Simenon ist kein Maigret-Fall, aber hochinteressante Literatur, in dem ein sehr bekannter Schauspieler aufgrund einer Krankheit über sein Leben nachsinnt.

Das Buch enthält ein kurzes Nachwort, indem auch auf die jeweiligen Biographien eingegangen wird, die besonders bei Glauser sehr unruhig war. „Die schiere Wahrheit“ ist ein richtiges Sommerbuch, dass im Winter besonders gut tut. Es erschien im Limmat Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Meine beiden weiteren Krimibesprechungen auf dem Blog:

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

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„Vom Fremdsein. Vom Leben im Zwischenraum“

Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman  „Kalkutta“ kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden.

„Das erste Gebiet einer Frau ist ihr Körper. Wird dieser fremdbestimmt, vereinnahmt, belagert, dann ist sie staatenlos.“

Sinha verwebt hier geschickt die Geschichten dreier Frauen, die die jeweilige Herkunft zunächst gleichstellt – alle drei Frauen wurden in Indien geboren – , die jedoch aufgrund ihrer Lebensweisen, durch Zufall oder bewusst gewählt, mit ganz verschiedenen Voraussetzungen ihr Leben angehen: Mina, eine Bengalin, die sich in ihrem Heimatdorf politisch engagiert, was für eine einfache Frau, die kaum Lesen und Schreiben kann, ungewöhnlich ist. Esha, die in Kalkutta geboren wurde und als junge Frau zum Studium nach Frankreich ging und blieb und Marie, die als Kind einer Inderin von einem Paar aus Frankreich adoptiert wurde und dort, also mit westlicher Kultur, aufwuchs.

Gleich am Anfang dieser komplexen Geschichte wird den Leser*innen einiges zugemutet. Und es wird auch im Verlauf weiterhin zu erschreckenden Momenten kommen, in denen ich mich, gerade als Frau frage, ob es wirklich so ist, ob wirklich so die Gleichstellung von Mann und Frau, die soziale Gerechtigkeit, die Chancengleichheit auf Grundlage der Menschenrechte aussieht.

Shumona Sinha sprach bei der Buchvorstellung beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über die Entstehung des Romans: Die Figur Minas formte sich aus einer wahren Begebenheit, die geschah, als die Autorin, sich in Indien aufhielt. Sie war Auslöser, das Buch zu schreiben. Zurück in Paris passierte der Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ und daraufhin ging es Sinha nicht mehr nur allein um Mina, denn die Gewalt war damit auch in Europa angekommen. So entwickelten sich dann die anderen beiden Figuren, Esha und Marie.

„Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Europa, in diesem Land, wo die Armee, die Polizei, die Geheimdienste zusammen die Schlagkraft eines der fünf mächtigsten Länder der Erde sicherten, schien es ihr, als sei sie den unterirdischen Schichten der Gewalt nicht entkommen, als könne nun überall auf der Welt der Boden aufreißen und einstürzen.“

 

Die Anfangsszene schildert Sinha wie eine Traumsequenz. Eine Frau spricht aus ihrem Grab heraus und versucht sich aus dem Lehm, mit dem man sie zugescharrt hat, zu befreien. Doch ihr fehlen Füße, Beine, der ganze Unterkörper, das neue Leben, dass sie in sich trug. Ein starkes Bild, dass sich langsam erklärt, sobald Sinha, Mina erzählen lässt. Mina wächst als Landarbeitertochter auf mit ihrem Cousin Sam, beide engagieren sich später politisch, sie verlieben sich und Mina wird schwanger, ohne jede Hoffnung, dass Sam sie jemals heiraten wird. Das heißt Ausschluss aus der Familie, es heißt, der Willkür der Männer ausgeliefert zu sein.

Marie bleibt als Figur im Roman etwas farblos. Sie scheint eher als Bindeglied zwischen Mina und Esha zu fungieren. Sie, die Adoptivtochter eines französischen Paars, reist nach Indien auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern und engagiert sich nebenbei politisch und sozial, etwa im Krankenhaus Mutter Teresas in Kalkutta. Doch scheint sie nicht zu finden, was sie sucht. Sie scheint eher zu schwanken zwischen den Kulturen, zwischen Ost und West, als jeweilige Lebensform.

Esha arbeitet als Lehrerin in Paris. Sie ist auch der stärkste Charakter in Sinhas Geschichte mit autobiografischen Anklängen. Esha wartet auf ihre Einbürgerung. Sie hat studiert, ist gebildet, will als Frau selbstbestimmt und frei leben, sie will sich nicht festlegen müssen. Sie lebt wechselnde Beziehungen zu Männern. Doch überall begegnet ihr Feindseligkeit. Aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres exotischen Aussehens, kommt es, und sei es „nur“ verbal, zu sexistischen Angriffen. Man reduziert sie auf Äußerlichkeiten.

„Esha verstand, dass sie sich selbst nicht entkommen würde, ihrem Bild, ihrem Schatten. Sie würde der Gefahrenzone nie entkommen, weil sie sie in sich trug, auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht, über ihren ganzen Körper verteilt, wie die vergilbte Karte eines fernen Landes. Sie selbst war die Zone.“

Als Lehrerin versucht sich Esha durch die Unterrichtsstunden zu kämpfen, sich Respekt zu verschaffen. Doch selbst hier scheitert sie, obgleich die meisten Schüler*innen ebenfalls einen Migrations-Hintergrund haben. Will sie die Teenager-Mädchen mit einer Stunde über die feministische Autorin Simone de Beauvoir auf ihre Seite ziehen, schreien die „das ist haram, die ist abartig, etc.“, weil die Beauvoir Männer und Frauen liebte. Als Esha eines Tages auf dem Weg zur Metro von jungen Frauen ohne Grund provoziert und angegriffen wird, erst verbal und dann mit brutaler Gewalt, ist sie erschüttert, und fragt sich, ob das nun noch das Land ist, in dem sie unbedingt der Sprache und der Freiheit wegen leben wollte.

Shumona Sinhas Blick ist scharf, ihr Ton mitunter zornig. Sie durchleuchtet klug und kritisch die Situation der Frau, die der Emigranten und die gesellschaftlichen Befindlichkeiten in ihrem Land. In Frankreich ist ihr Roman mancherorts kritisch aufgenommen worden, man warf ihr gar Undankbarkeit dem Land gegenüber vor, welches sie so freundlich aufgenommen habe. So trifft Sinha einmal mehr den Nerv unserer Zeit. „Staatenlos“ ist ein aktuelles, letztlich auch ein politisches Buch: Wenn Sinha von den Reisbauern erzählt, die von den Feldern vertrieben werden ohne Entschädigung, weil Autoindustrie angesiedelt werden soll und wenn die kommunistische Partei alles andere als hinter ihnen steht, dann ist das nur ein Beispiel für all das Unrecht, dass es eben nicht nur in Ländern wie Indien gibt. Es ist ein Beispiel für die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.

Sinha ist in ihrer Sprache direkter und klarer geworden, obgleich sie noch immer den feinen poetischen Ton beherrscht, der sich immer zum passenden Zeitpunkt in die Geschichte einfügt. So etwa, wenn es um die ermordete Mina geht, die als Geist über allem schwebt, die tote Mina, die von ihrer Schöpferin, der Autorin, wieder zum Leben erweckt wird und die ihr wieder eine Stimme verleiht.

Shumona Sinha ist eine mutige Frau, eine Autorin, die genau beobachtet, die die unangenehmen Dinge sieht und auch benennt und die mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, ihrer unverwechselbaren Sprache, die auch Dank Übersetzerin Lena Müller glänzt, da bin ich mir sicher, einiges bewirken kann.

Der Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.com  

08.10.2017 Hamburg Von Marina Büttner

Leïla Slimani: Das Land der anderen Luchterhand Verlag

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Das Land der Anderen“ habe ich mit Gewinn gelesen. Nachdem ich kürzlich „Der Charme von Marokko“ von Sophia Yablonska las, war Leïla Slimanis neuer Roman eine gute Ergänzung und Erweiterung für meine bislang dürftigen Kenntnisse, was die Kolonialzeit Frankreichs in Nordafrika angeht. Slimani erzählt bilderreich aus ihrer Familiengeschichte, es sollen noch zwei weitere Bände folgen.

Mathilde, eine junge Elsässerin begegnet am Ende des zweiten Weltkriegs dem Marokkaner Amine und beide verlieben sich. Amine hat als Soldat für Frankreich gekämpft. Frisch verheiratet entscheiden sie sich 1947 nach Marokko zu ziehen, wo Amine in der Nähe der Stadt Meknès unweit des Atlasgebirges Land von seinem Vater geerbt hat. Doch das Land ist schwierig zu bearbeiten, das Haus zunächst eher eine Hütte. Viel Arbeit steht an. Mathilde, die neugierig auf ihr neues Leben war, ist ernüchtert. Es dauert nicht lange und sie bekommt ihr erstes Kind, die Tochter Aïscha. Zum Glück gibt es eine Haushaltshilfe und Feldarbeiter. So lernt Mathilde auch Arabisch und leider auch, dass in Marokko Frauen ans Haus gebunden sind und einen ganz anderen Stellenwert als in Europa haben. Eine Mischehe ist zudem nicht gern gesehen. Einheimische und Franzosen leben in strikt getrennten Vierteln. Wenn beide im Auto durch die Stadt fahren, wird Amine nicht selten für Mathildes Chauffeur gehalten, was diesen natürlich demütigt.

Mathilde kämpft sich durch. Im Sommer ist es brennend heiß, im Winter eiskalt. Als Aïscha in die Schule kommt, die von Nonnen geleitet wird, muss Mathilde sie jeden Tag nach Meknès fahren. Doch die Tochter ist gut in der Schule, wenngleich sie aufgrund ihres Aussehens und ihrer schlichten Kleidung gemieden wird und findet Trost im christlichen Glauben. Der Sohn Selim wird geboren. Und Mathilde beginnt sich mit Heilmethoden zu beschäftigen, denn der Arzt ist teuer und fern. So erwirbt sie sich einen Ruf und es kommen viele Nachbarn zu ihr, die Rat suchen. Währenddessen arbeitet Amine wie besessen, um neue Olivensorten zu züchten und Südfrüchte nach Osteuropa zu liefern.

Als Mathildes Vater stirbt, reist sie zur Schwester ins Elsaß. Den Verwandten verschweigt sie allerdings wie schwierig ihr Leben ist. Sie spürt die Leichtigkeit ihrer Jugendzeit wieder und ist sogar versucht, nicht mehr nach Marokko zurückzukehren.  Dennoch reist sie nach vier Wochen wieder ab.

Im Land spitzt sich die Situation zu. Die Marokkaner wollen sich nicht mehr mit der Herrschaft Frankreichs zufrieden geben. Es kommt immer häufiger zu Aufständen, an denen auch Amines Bruder Omar maßgeblich beteiligt ist. Währenddessen versucht Amines Schwester Selma auszubrechen aus dem strengen Korsett, dem muslimische Frauen unterworfen sind. Sie verliebt sich in einen französischen Offizier. Doch als Amine das herausbekommt, wütet er und schlägt zum ersten Mal seine Frau, die davon wusste. Er besteht darauf, dass Selma seinen ehemaligen Mitsoldaten Mourad heiratet, den er auf seinem Hof als Vorarbeiter angestellt hat. Was er nicht weiß, ist, dass Mourad homosexuell ist. Der Roman endet 1955 als es zu schwersten Ausschreitungen zwischen Marokkanern und Franzosen kommt. Der Hof von Mathilde und Amine bleibt verschont …

Leïla Slimani hat einen spannenden und informativen Roman geschrieben, der zwar sprachlich keine Finessen bietet (es gibt einige kitschnahe Sequenzen, vor allem, wenn es um Liebe und Sex geht), aber Geschichte, auch persönliche, sehr gut aufarbeitet. Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Übersetzt hat ihn Amelie Thoma. Ebenfalls gelesen und bereits hier besprochen habe ich Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“, der sich ganz anders zeigt.

Sadie Jones: Die Skrupellosen Penguin Verlag

Sadie Jones ist meines Wissens noch nicht so bekannt im deutschsprachigen Raum. Ich habe sie entdeckt durch den schönen Roman „Jahre wie diese“, der im Schauspielmilieu in London spielt. Die 1967 geborene Britin, die auch Drehbuchautorin ist, schreibt Romane, die zwar nicht hochliterarisch sind, aber in die Tiefe der jeweiligen Themen eintauchen und absolut mitreißend erzählt sind. Also durchaus mehr als gute Unterhaltung. Diesmal sogar mit Elementen eines Kriminalromans.

Im neuen Roman geht es um das junge Paar Bea und Dan, die in London leben. Eine Eigentumswohnung muss abbezahlt werden. Dan, der eigentlich Künstler sein will, verdient sein Geld als Immobilienmakler, Bea ist Psychotherapeutin. Gleich eingangs wird klar, dass die beiden sehr sparsam leben müssen, denn das Leben in London ist teuer. Trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft, führen sie eine liebevolle Beziehung. Als beide vom Leben und Arbeiten frustriert sind, beschließen sie eine Auszeit zu nehmen. Vom finanziellen „Polster“ und von der Vermietung ihrer Wohnung wollen sie drei Monate lang durch Europa reisen. Ein altes Auto wird gekauft und die erste Station ist Frankreich, wo Beas Bruder Alex ein Hotel leitet.

Alex scheint es endlich geschafft zu haben, Drogen und Alkoholmissbrauch hinter sich gelassen zu haben. Doch als sie ankommen entpuppt sich das Hotel als Luftnummer. Es gibt keine Gäste außer ihnen selbst, vieles ist marode und Alex scheint sich dennoch dort wohl zu fühlen. Im Gespräch erfahren Dan und Bea, dass der durch allerlei illustre Immobilienspekulationen extrem reich gewordene Vater von Bea das Hotel für Alex gekauft hat. Dan, der kaum etwas von Beas Familie weiß, da Bea keinen Kontakt zu den Eltern hat, wundert sich immer mehr. Sie versuchen die freien Tage zu genießen, doch irgendwie schwebt Unheil in der Atmosphäre. Als schließlich auch die Eltern mit teurem Auto auftauchen, nicht wie sonst mit dem Privatjet (!), fragt sich Dan, wieso er nichts über den immensen Reichtum seiner Schwiegereltern weiß und weshalb Bea nicht die immer wieder angebotene Unterstützung ihres Vaters annimmt. Sie hätten damit ein so viel leichteres Leben.

„Dan dachte, dass er sie gerade zum ersten Mal in einer solchen Umgebung sah, und es verstörte ihn, mit welcher Sicherheit sie sich in diesem Habitat bewegte. Nur ein Mädchen, das mit dem goldenen Löffel im Mund geboren war, würde ihre Missachtung für den Luxus demonstrieren, indem sie etwas bestellte, was gar nicht auf der Karte stand.“

Doch für Bea ist es ein rotes Tuch, etwas von den Eltern anzunehmen. Sie hat ihre Gründe. Nach und nach bekommen wir Einblick in das merkwürdige Familienkonstrukt, dass von einem dominierenden Vater beherrscht wird, der über den dunkelhäutigen Schwiegersohn so gar nicht froh ist. Wir tauchen in die Kindheit der Geschwister, zu denen noch ein älterer Bruder gehört, der es im Gegensatz zu Alex „geschafft“ hat. Doch die, die Bea mit aller Macht von sich schiebt, ist die Mutter. Als Kind hat sie die Mutter zusammen mit dem 7 Jahre älteren Bruder gesehen, in einer übergriffigen Situation …

„Schwarze waren in den vergangenen Jahren hochgestuft worden, denn jetzt hatten sie noch ausländischere Ausländer mit Akzenten und Religionen, vor denen sie sich fürchten konnten.“

Es herrscht statt Urlaubsfeeling eine extreme unangenehme Spannung zwischen allen. Als Alex eines Abends losfährt, um für den Vater etwas zu erledigen, kommt er nicht mehr zurück. Dafür taucht die Polizei auf, die ihnen mitteilt, dass Alex einen tödlichen Unfall hatte. Die Erschütterung ist groß, bei der Mutter extrem. Vor allem als langsam klar wird, dass Alex vermeintlicher Unfall ein Mord war.

Es folgt eine äußerst spannende, bestens gelungene Geschichte, in der sich sichtlich Abgründe dieser Familie auftun. Und Dan als eine Art Außenstehender kommt aus dem Fragen nicht mehr heraus. Die Beziehung der beiden leidet unter den Geschehnissen. Kann man sich noch gegenseitig vertrauen? Kennt man einander wirklich? Und inwiefern ist Beas Vater, der den Sohn mit einem Auftrag losschickte mit Schuld an den Ereignissen?

Psychologisch interessant und erwähnenswert ist noch das Motiv der Schlange, das immer wieder auftaucht, in Beas Träumen und in echt. Das englische Original übernimmt das Motiv sogar in den Titel: The Snakes.

Mehr verrate ich nicht vom Inhalt, denn es würde dem Lesen die Spannung nehmen. Neugierig gemacht habe ich hoffentlich auf diesen gut konstruierten Roman, der mit feiner Gesellschaftskritik und einem für mich überraschenden, wenngleich heftigem Ende aufwartet. Einige wenige Male begegneten mir sprachliche Unfeinheiten, die vielleicht der Übersetzung geschuldet sind.

„Die Skrupellosen“ erschien im Penguin Verlag. Übersetzt wurde es von Wibke Kuhn. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Annie Ernaux: Der Platz Hörspiel Der Audio Verlag

Auf nur einer CD mit Laufzeit von 1 Stunde, 18 Minuten inszenierte Der Audio Verlag Annie Ernauxs Buch „Der Platz“.  Als Hörspiel ist es ausgeschrieben, bleibt aber glücklicherweise überwiegend in Nähe einer raffiniert eingesprochenen Lesung. Die Tonuntermalung empfand ich anfangs gewöhnungsbedürftig, doch dann konzentrierte ich mich ausschließlich auf die ausdrucksstarke warme Stimme der Schauspielerin Stephanie Eidt und freute mich über die gelungene Umsetzung des Textes.

„Wenn ich Proust oder Mauriac lese, kann ich nicht glauben, dass sie über die Zeit schreiben, als mein Vater Kind gewesen ist. Seine Welt ist das Mittelalter.“

Die französische Autorin Annie Ernaux erzählt in dem nur 100 Seiten zählenden, in Frankreich bereits 1983 erschienenen, „Der Platz“ über ihren Vater. Beginnend mit seinem Tod, assoziiert sie frei über sein Leben. Nach und nach erfahren wir, dass er bereits im Alter von 8 Jahren auf dem Bauernhof helfen musste, mit 12 von der Schule abging und dann auf dem Hof arbeitete, wo schon der Großvater Arbeit fand. Irgendwann schafft er den Wechsel zum Arbeiter. Inzwischen ist er mit Annies Mutter verheiratet. Eine Tochter wird geboren (die mit 7 Jahren an Diphterie starb). Es wird gespart, um ein Geschäft zu eröffnen. Im kleinen Ort Lillebonne führen die Eltern schließlich den Kramladen mit Bar im Arbeiterviertel. Doch der Laden wirft nicht genug ab. Der Vater muss zusätzlich arbeiten gehen. Die Mutter managt den Laden. Für die Verwandten gelten sie als reich.

Annie Ernaux erzählt gleichzeitig, wie sie versucht, dieses Buch über den Vater zu schreiben. Ihr wird klar, dass es keinen Roman geben wird. Es wird eine große Herausforderung. Sie bleibt nah am Geschehen, an den erinnerten Worten, nah am tatsächlichen Leben. Die Schwierigkeiten die mit dem Schreiben verbunden sind, das Schwanken zwischen persönlichem Empfinden und möglichen Anklagen, Scham oder gar Verrat.

Annie wird 1940 mitten im Krieg geboren. Der Vater bringt die Familie durch. Die Eltern kehren in den Heimatort Yvetot zurück. Nach dem Krieg übernehmen sie wieder einen Laden mit Kneipe. Wieder arbeitet der Vater zu, diesmal in einer Ölraffinerie, bald als Vorarbeiter.

„Wir hatten alles, was man braucht. Was bedeutete, dass wir uns satt aßen und dass es in der Küche und der Kneipe, den einzigen Räumen, in denen wir lebten, warm war. Zwei Garnituren Kleider, eine für unter der Woche, eine für sonntags.“

Der Vater kauft das Haus und das Grundstück. Soviel hatte keiner in der Familie erreicht. Und dennoch, der Neid, das Sparen, das Misstrauen, die Vergleiche, das Gefühl der Unterlegenheit, die Scham. Der andauernde Streit zwischen den Eltern ist immer präsent. Die Tonlage geprägt von gegenseitigen Vorwürfen.

„Ein andauernder bodenloser Mangel.“

Die Tochter Annie ist eine gute Schülerin, sie geht auf die höhere Schule, das Pensionat, dass die Mutter ausgesucht hat. Sie entfernt sich vom Dialekt des Elternhauses und entwickelt ein Bewusstsein für Sprache. Nach dem Abschluss beginnt sie auf Lehramt zu studieren. Sie reist ins Ausland und wechselt das Studium: Literaturwissenschaft. Dem Vater ist das alles fremd. Er begreift nicht die Lust der Tochter am Denken und Lernen. Aber er akzeptiert, denn so wird sie etwas Besseres, wird keinen Arbeiter heiraten müssen. Tatsächlich heiratet Annie einen Politikstudenten und zieht mit ihm weg. Sie arbeitet als Lehrerin. Ein Sohn wird geboren. Die Besuche bei den Eltern werden rar. Der Ehemann begleitet sie nie. Der Abstand, nicht nur der räumliche, ist zu groß geworden. Annie ist „aufgestiegen“ …

Ernaux beschließt ihren Text wiederum mit dem Blick auf den Tod des Vaters, der kurz vor seinem geplanten Ruhestand mit 68 eintritt. Sie konnte noch Abschied nehmen und beginnt mit dem Buch, dass sie erst Jahre später in der vorliegenden Form beendet.

Im Booklet findet sich Aufschlussreiches über die Autorin und die Entstehung des Hörspiels. Die Übersetzung stammt von Sonja Finck, das Buch erschien im Suhrkamp Verlag, wie alle Neuauflagen der autobiographischen Bände von Annie Ernaux. Hier auf dem Blog habe ich bereits „Die Jahre“ besprochen. Große Empfehlung!

 

Karine Tuil: Menschliche Dinge Claassen Verlag

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Auch in ihrem neuen, wieder sehr gelungenen Roman (mit einem ziemlich schönen Cover) beschäftigt sich die Französin Karine Tuil, wie schon im vorigen „Die Zeit der Ruhelosen“, wieder mit der Klassen-Gesellschaft, mit der immer größer werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen privilegiert und prekär. Wenn man nur noch von Erfolg und Macht getrieben wird, wenn man Aufstieg und Konkurrenzkampf der Menschlichkeit vorzieht, wenn man nur noch mithilfe von Aufputschmitteln die Arbeitswelt überstehen kann, wenn Eltern wegen ihrer Karriere oder der eigenen Selbstverwirklichung ihre Kinder vernachlässigen, dann läuft grundlegend etwas falsch.

Anhand einer Pariser Familie aus gehobenem Milieu zeigt Tuil auf, wie es gehen kann, wenn man seinen Aufstieg in die  bessere Gesellschaft um jeden Preis erhalten will, wenn man nicht mehr von der Macht seiner Position lassen kann. Das Ehepaar Claire und Jean und ihr Sohn Alexandre werden in den ersten Kapiteln vorgestellt. Claire, über zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ist als feministische Journalistin erfolgreich tätig. Jean hat sich aus dem Präkariat hochgearbeitet, ist als Fernseh-Moderator trotz seines Alters immer noch angesagt, neuerdings mit dem Ehrenorden vom Präsident ausgezeichnet, obwohl die jüngeren, innovativen bereits um seinen Posten Schlange stehen. Der 21-jährige Sohn Alexandre geht auf ein Elite-College in den USA. Dass dieses Familiengebilde brüchig ist, merkt man schnell.

Claire verlässt ihren Mann, weil sie sich in einen so ganz anderen Mann verliebt. Jean lebt ohnehin mit einer anderen Frau ein Doppelleben. Alexandre hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Weil seine ältere Geliebte ihm den Laufpass gab, treibt er sich bei einem Aufenthalt in Paris aus Frust auf einer Party seiner früheren Freunde herum und konsumiert Alkohol und Drogen. Am darauffolgenden Morgen steht die Polizei vor der Tür und konfrontiert ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung.

Karine Tuil schaut ganz genau hin. Es gelingt ihr ihre Figuren zu demaskieren und einen Blick hinter die Fassaden zu werfen. Sie greift in ihrem Roman aktuelle Themen auf wie die Me Too-Bewegung, den Weinstein-Prozess und die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Sie schildert die einzelnen Schritte des Prozesses gegen den der Vergewaltigung angeklagten Alexandre vor dem Schwurgericht sehr genau.

„Nach vier, fünf Prozesstagen gelangte sie zu der Überzeugung, dass man den Zustand einer Gesellschaft an deren Tribunalen und den dort verhandelten Fällen ablesen konnte. Das Rechtswesen offenbarte den schicksalhaften Verlauf von Biografien, die sozialen Bruchstellen, das Scheitern der Politik – all das, was der Staat im Namen der nationalen Einheit gern unter den Tisch kehrte, …“

Sie erzählt davon, wie lange sich so ein Verfahren hinzieht, wie schwer es ist für die junge Frau, die aus einer sehr religiösen jüdischen Familie kommt, noch nach Jahren die Tat in der Öffentlichkeit wieder ausführlichst schildern zu müssen. Dabei blendet sie das Dilemma der Eltern, vor allem das von Claire nicht aus. Wie verhalte ich mich als Elternteil? Wie verhalte ich mich, wenn es um das eigene Kind geht? Wie verhalte ich mich im Zwiespalt als emanzipierte Frau und Mutter? Jean hingegen versucht im Prozess die mutmaßliche Tat seines Sohnes als ein Kavaliersdelikt zu beschönigen. So zeigt Tuil auf, wie sehr Unterschiede in der Lebensform auch die Sichtweise auf eine sexuelle Gewalttat beeinflussen. In einem ganz anderen Umfeld und in einem anderen Stil hat dies bereits auch Bettina Wilpert in ihrem empfehlenswerten Roman „Nichts, was uns geschieht“ getan.

Zugegeben, das Ende gefällt mir nicht. Ich finde es tatsächlich enttäuschend, dass die Klägerin die einzige ist, bei der die Autorin keinen kurzen Blick in die Zukunft wirft. Andererseits ist sie auch keine der Hauptfiguren und wurde auch nie ausführlich in den Roman eingeführt. Aber vermutlich ist sie es, die am schwersten weiterleben wird. Auch Claire hat Probleme mit dem Leben nach dem Prozeß. Die, die recht schnell wieder vorne mit schwimmen, sind die beiden Männer, Sohn und Vater.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zwei weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „letteratura“ und „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Inès Bayard: Scham Zsolnay Verlag

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Inès Bayard hat mit ihrem Debütroman einiges gewagt. Sie hat über eine Vergewaltigung und deren Folgen geschrieben und zwar in so direkter schonungsloser Weise, dass es manchmal schwer war weiterzulesen. Ihre Hauptperson macht eine furchtbare Erfahrung, die in ihrem bisher so sicheren und behüteten Leben, alles, aber auch alles verändert und zerstört. So geht es auch weniger um die Tat, als um das Danach, die inneren Vorgänge, das Wie weiter?. Dieser Roman ist kein `schönes´ Buch. Es ist ein belastendes Leseerlebnis in drastischer Sprache und doch kann ich mich als Leserin mit der Autorin und ihrer Protagonistin solidarisieren. Ich kann ihre Tat, mit der der Roman wie ein Paukenschlag beginnt, nicht einmal wirklich verurteilen.

Marie ist Anfang 30, lebt in Paris, hat einen guten Job in einer Bank und ist glücklich verheiratet mit Laurent, einem aufstrebenden Rechtsanwalt. Beide wünschen sich ein Kind. Doch eines abends wird sie von ihrem obersten Vorgesetzten brutal vergewaltigt. Er droht ihr, ihrer beider Karriere zu beenden, falls sie darüber spricht. Damit beginnt Maries Martyrium, denn sie erzählt ihrem Mann nichts, geht nicht zur Polizei, verbirgt alles vor Freunden und der Familie, geht wieder zur Arbeit. Nach außen hin versucht sie alles zu tun, um sich nichts anmerken zu lassen. Doch wir Leserinnen erfahren, wie es in ihr drin aussieht, wie der geschundene Körper und die verletzte Seele Maries Leben vollkommen verdüstern.

„So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann“. Dieser Satz der Autorin Elfriede Jelinek fällt ihr plötzlich wieder ein. Jahre vor ihrer Vergewaltigung hatte ihr jemand den Roman „Lust“ geliehen. Sie erinnert sich, dass sie ihn nicht zu Ende gelesen hat. Sie fand ihn schockierend, ungerecht, ekelhaft, diesen Satz ganz besonders. Eine blöde Feministin. Heute sieht sie das anders.“

Als sie schwanger wird, ist sie sich sicher, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger ist. Sofort beginnt sie dieses in ihr entstehende Leben zu hassen und zu bekämpfen. Mehrfach versucht sie das Kind vor und nach der Geburt zu töten, doch es gelingt nicht. Lieben kann sie es nicht, sie vernachlässigt es. Am Größten aber ist ihr Selbsthass. Ihre Psyche erkrankt, manchmal weiß man als Leser*in nicht mehr ob es noch wahr oder schon Wahn ist, was Marie erlebt. Dass weder ihrem Mann, noch der nahe stehenden Familie die Veränderung von Maries Wesen auffällt, finde ich jedoch nicht ganz glaubwürdig, denn es würde von wenig Sensibilität und Aufmerksamkeit zeugen. Dass keiner den bald auch körperlichen Verfall, die tiefe Depression wahrnimmt, wäre dann ein bitteres Zeugnis dafür, wie wenig oft nah zusammen lebende Menschen einander wirklich sehen. Andererseits gibt es womöglich solche Familien, die nicht sehen wollen, die ihre heile Welt aufrecht erhalten wollen, um jeden Preis.

Doch langsam bricht sich die Wahrheit ihre Bahn, endlich!, denke ich als Leserin. Maries Schwester liest zufällig eine ihrer Mails und erfährt von der Vergewaltigung und den inneren Kämpfen Maries. Doch statt sie zu verstehen und ihr zu helfen, wendet sie sich ab. Und auch Laurent fällt aus allen Wolken, als er Teile eines Telefonats Maries mit ihrer Schwester mitbekommt, jedoch dann ganz falsche Schlüsse daraus zieht …
Ein enormes Debüt, ein wichtiges Buch!

Der Roman erschien im Zsolnay Verlag und wurde von Theresa Benkert übersetzt. Ein aufschlussreiches Interview mit der 1992 geborenen Französin, die zur Zeit in Berlin lebt gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

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„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry (Der Beitrag ist leider nicht mehr verfügbar, da fixpoetry den Betrieb eingestellt hat) vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.