Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag

Ein Haus in Paris, ein Innenhof in der Rue de Grenelle, ein Fiat 500 im Hof, ein Haus, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, eine Wohnung mit zwei Stockwerken, in einem Raum das Versteck.

„Diese Familie ist nichts als eine lange Folge von Pseudonymen, Spitznamen, gekauften oder erfundenen Decknamen. Von nicht mehr ganz eigenen Namen, da sich dahinter andere verbergen, die alle dieselbe Frage stellen: „Wer sind wir?“

Die gesamte Besprechung kann man lesen auf fixpoetry

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Leïla Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag

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Leïla Slimani hat für diesen Roman den Prix Goncourt 2016 erhalten. Nach der Leseprobe war ich gespannt, wie es weitergeht und ich hoffte natürlich auch aufgrund des Preises auf ein sprachlich besonderes Buch. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Der Roman ähnelt einem Psychothriller und er will gesellschaftskritisch sein, denn er zeigt zudem manche Missstände in der französischen Gesellschaft auf, begibt sich in die Welt der „neuen Diener“.

Schon auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass zwei Kinder tot sind. Es ist auch klar, wer die Mörderin ist. Es ist die angeheuerte beliebte Nanny eines Paares, das zwar zwei Kinder bekommen hat, das aber dennoch mit Karriereabsichten arbeiten geht und gar keine Zeit hat für die noch kleinen Kinder.

„Das Leben ist zu einer Abfolge von Aufgaben geworden, von Verpflichtungen, die man einhalten , und Verabredungen, die man wahrnehmen muss. Myriam und Paul sind überlastet. Das sagen sie sich gerne immer wieder, als wäre ihre Erschöpfung der Vorbote des Erfolgs.“

Also muss die Nanny her. Sie scheint perfekt, die Kinder sind bestens betreut, der Haushalt gut versorgt und Überstunden sind kein Problem. Immer mehr Raum nimmt sie im Leben der Familie ein, immer mehr Irritationen stellen sich ein. Und Louise, die Nanny, die schwer an ihrem Banlieue-Schicksal trägt, der ungeliebte Mann stirbt und hinterlässt Schulden, die ungewollte eigene Tochter flieht so schnell wie möglich vor der Mutter aus dem Haus, ist wie der Leser schnell erkennt, selbst überfordert und alles andere als psychisch stabil … Doch eine wirkliche Erklärung gibt es für die Tat nicht. Das, auf was man als Leser*in hofft, verweigert die Autorin.

Zugegeben, ich habe mich nach der Lektüre gewundert, weshalb dieses Buch den Prix Goncourt erhalten hat. Die Geschichte zwar spannend, aber nicht überragend, zwar unterhaltend, aber nicht nachhaltig, sprachlich auch kein Highlight. Da habe ich kürzlich ein stärkeres Buch einer Französin gelesen: In allen oben genannten Aspekten hat mich Karine Tuils Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ mehr überzeugt. Obgleich beide Autorinnen selbst einen Migrationshintergrund haben, schafft es Tuil eindrucksvoller und komplexer diese französischen Problemthematiken darzustellen. Tuil gilt auch meine Empfehlung, Slimani eher dann, wenn man sonst eher Psycho-Krimis mag.

Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Amelie Thoma. Eine Leseprobe gibt es hier.

Valentine Goby: Kinderzimmer ebersbach & simon

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In Ravensbrück stehen nur noch drei Baracken, was bleibt davon, wenn es keine Bücher darüber gibt?“

So die Französin Valentine Goby in einem Interview zu ihrem Roman „Kinderzimmer“, der bereits 2013 in Frankreich erschien. Sie hat dafür kürzlich den Annalise-Wagner- Preis 2017 erhalten. Deshalb erst wurde ich auf dieses Buch aufmerksam. Dass das Thema, das Goby hier bearbeitet kein leichtes ist, war mir klar, aber das es so schwer erträglich wird, hätte ich nicht gedacht.

Goby hat viel recherchiert, die Berichte überlebender Frauen des Frauen-KZ Ravensbrück gesammelt und einen Roman daraus gemacht. Es ist ein sehr sehr gutes Buch geworden. Mit größtem Respekt und sehr viel Feingefühl erzählt sie die Geschichte der Französin Suzanne Langlois mit Decknamen Mila, die in der Resistance tätig war, verraten wurde und 1944 zur Zwangsarbeit nach Deutschland ins Frauenlager Ravensbrück deportiert wurde. Die Zwanzigjährige ist schwanger. Doch das verrät sie bei ihrer Ankunft zunächst niemandem, auch den KZ-Arzt kann sie täuschen. Aufgrund der Mangelernährung sieht man ihr die Schwangerschaft bis zur Geburt nicht an. Sie vertraut sich nur zwei Frauen an, die zu engen Freundinnen werden. Ohne die Polin Teresa, hätte sie wahrscheinlich nicht überlebt:

„Leben heißt aufstehen, sagt sie, heißt essen, sich waschen, den Napf waschen, tun was dich erhält, und dann das Fehlende beweinen, es an dein eigenes Dasein heften. […] Leben heißt dem Tod nicht vorgreifen, in Ravensbrück und überall. Nicht vor dem Tod sterben, sich auf den Beinen halten in dem winzigen Intervall zwischen Tag und Nacht.“

Unter den unsäglichsten Umständen leben die Frauen dort. An einem solchen Ort schwanger zu sein, ist eigentlich unerträglich. Als ihr Sohn dann geboren wird, bringt man ihn in das sogenannte „Kinderzimmer“, in dem alle Säuglinge von einer einzigen Schwester betreut werden. Täglich sterben dort Neugeborene an Mangelernährung und Verwahrlosung. Mila selbst arbeitet als Näherin, sieht ihr Kind nur zum Stillen. Als auch ihr Sohn stirbt, übernimmt sie, sozusagen im geheimen Austausch, die Verantwortung für einen Neugeborenen, dessen Mutter starb.

Immer wieder keimt die Hoffnung, der Krieg möge zu Ende sein, die Befreier mögen kommen. Als sie mit einigen anderen Frauen auf einen Bauernhof zur Zwangsarbeit geschickt wird, ist das fast schon die Befreiung. Kurz darauf ist der Krieg tatsächlich beendet, sie werden fortgeschickt und versuchen sich schwach und ewig hungrig gen Westen nach Hause durchzuschlagen. Vom Roten Kreuz werden sie schließlich aufgenommen und nach Frankreich gebracht …

Im Epilog beschreibt Goby, wie Mila/Suzanne ihrem inzwischen 21jährigen Sohn, seine wahre Herkunft offenbart und ihn vorsichtig in die Ereignisse jener schlimmen Zeit einweiht.

Suzanne Langlois berichtete später als Überlebende und Augenzeugin vor Schulklassen über ihr Schicksal in Ravensbrück.
Ich empfehle Valentine Gobys wichtiges Buch uneingeschränkt. Mögen solche Zeitzeugnisse immer weiter getragen werden …

„Kinderzimmer“ erschien bei ebersbach & simon. Die Übersetzung aus dem Französischen stammt von Claudia Steinitz. Auf der Verlagsseite gibt es eine Leseprobe.
Unter http://www.ravensbrueck.de findet man Informationen über das Frauen-KZ und die dazugehörigen Lager.

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag

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Geahnt habe ich es ja schon, als wir im letzten Sommer im Büro von Kirchner Kommunikation einen kleinen Einblick in Christina Röckls Arbeit bekamen. Und hält man es in der Hand, ist es klar: „Liegender Akt in Blau“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Kunstwerk.

„An René, am 20. Juli 1953

Jeanne kam auf uns zu, in ihrem überwältigenden
Ebenmaß, wir sind immer noch ganz hingerissen. Was
für eine Frau, die die Welt zum Erbeben betört,
was für ein Wohlklang im Gefüge der Dinge.“

… so schreibt der Maler Nicolas de Staël an seinen Freund, den Dichter René Char. Auf einer Italienreise mit Familie und Freunden ist auch Jeanne dabei. Sogleich entsteht eine starke Anziehung zwischen Nicolas und Jeanne.

Nicolas hat sich auf Empfehlung seines Freundes René mit seiner Familie aus Paris in die Sommerfrische eines kleinen Ortes in Südfrankreich zum Malen zurückgezogen. Die ebenfalls verheiratete Jeanne lebt mit ihrer Familie dort. Beide verlieben sich heftig in einander, sie treffen sich heimlich. Nicolas schickt seine Familie nach Paris zurück, die schwangere Françoise und die Kinder, behauptet er müsse arbeiten, dabei allein sein. Nun trifft er sich regelmäßig mit Jeanne. Sie sitzt ihm Modell. Es folgen Bilder: stehender Akt, liegender Akt …

Nicolas ist besessen von ihr. Sie zweifelt, denkt an ihre Familie und rückt von ihm ab. Er kauft ein Haus in ihrer Nähe. Sie treffen sich erneut. Die Freundschaft zu René droht wegen ihr zu zerbrechen. Er malt exzessiv ein Bild nach dem anderen, beginnt mehrere gleichzeitig. Mit seinen Bildern hat er Erfolg, sogar bis in die USA. Aus dem Gedächtnis malt er Jeanne wieder und wieder.

Sie kehrt zurück. Eine wilde körperliche Liaison, eine extreme Leidenschaft. Doch Nicolas will Jeanne gegen ihren Wunsch ganz vereinnahmen, sie soll alleine ihm gehören. Seine Familie, den neu geborenen Sohn, hat de Staël innerlich längst verlassen. Ein hin und her. Ein Gehen, ein bleiben. Ein Drama.

„Das Jahr 1954 geht zu Ende. Edle Einsamkeit.
Schmerzende Einsamkeit.
Der vor ihm ausgebreitete Horizont.
Die Leere.

Verrat des Lichts.“


Nicolas de Staël wurde 1914 in St. Petersburg geboren. Nach der Revolution, als er gerade acht Jahre war starben beide Eltern. Er lebte bei Freunden der Eltern in Brüssel und studierte dort später Malerei. Wie seine Mutter starb auch seine erste Frau an Krebs.
De Staël war zunächst ein Maler des Informel, bevor er abstrakt malte, brach dann allerdings wieder mit diesem Stil und wandte sich der figurativen Malerei zu. Seine vielen Reisen beeinflussten seine Malerei stark. In Kooperation mit dem Dichter René Char, der 1907 in Frankreich geboren wurde, arbeitete er an Illustrationen und Druckgraphik. Aufgrund einer existenziellen Schaffenskrise und schweren Depressionen wählt er 1955 den Freitod.

Dieses Buch ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, auch keine Biographie. Es ist mal ein Gedankenbuch, mal ein Reisetagebuch, mal finden sich Briefe, mal nur skizzierte Bruchstücke, lyrische Verse, erotische Aufzeichnungen. Sprunghaft wird aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten erzählt, oft hochpoetisch. Diese Form gefällt mir sehr gut. Ein wenig kräftezehrend (selbst als Leser) fand ich auf  Dauer das extreme Hin und Her dieser letztlich unglücklichen Liebesgeschichte, wenngleich gerade diese überragend illustriert ist. Für mich lebt die Geschichte vor allem durch die Farben. Die Farben, die sich dem Maler in der sonnen- und lichtdurchfluteten sommerlichen Provence zeigten, und den Farben die Christina Röckl, die Illustratorin des Buches diesen entgegensetzt. Schaut man sich Bilder von de Staël an, spürt man, wie sie in Röckls Arbeit mit eingeflossen sind und doch sind es ganz eigenwillige Neukreationen, die, separat betrachtet, eine ganz eigene Geschichte erzählen. So schafft sie es sogar einen Suizid tief und schön und tröstlich zu gestalten.

„Liegender Akt“ in Blau“ von der 1972 in Frankreich geborenen Nathalie Chaix ist im Kunstanstifter Verlag in feinster Ausstattung erschienen: auf hochwertigem Papier gedruckt, fadengeheftet, mit illustriertem Schutzumschlag, innen und außen. Die Übersetzung stammt von Lydia Dimitrow. Die Illustratorin Christina Röckl recherchierte für das Buch vor Ort in der Provence.
Von ihr gibt es ein weiteres tolles Buch in diesem Verlag: „Und dann platzt der Kopf“, das 2015 den deutschen Jugendliteraturpreis/Sachbuch erhielt. Es hinterfragt nichts geringeres als die menschliche Seele und ist mit faszinierenden Bildern illustriert.

Mehr Informationen über Buch und Verlag findet man hier.
Einen weiteren Beitrag findet man bei Zeichen & Zeiten.

Karine Tuil: Die Zeit der Ruhelosen Ullstein Verlag

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Karine Tuil, 1972 in Paris geboren, Juristin und Schriftstellerin mit tunesischen, jüdischen Wurzeln hat selbst ihre Kindheit in den Banlieus verbracht. „Die Zeit der Ruhelosen“ ist bereits ihr 10. Roman und erzählt von den Klassenunterschieden im heutigen Frankreich. Tuil packt politisch brisante Themen an und weiß stimmig konstruierte Geschichten daraus zu machen, in denen es an Kritik am System nicht mangelt. Ihr 500-Seiten-Roman ist in keiner Sekunde langweilig – selten nehme ich das Wort Pageturner in den Mund, doch hier passt es. Der Roman besticht mit seinem komplexen spannenden Inhalt.

Es gibt vier Hauptfiguren, um die sich die ganze Geschichte dreht. Da ist zunächst Romain Roller, ein französischer Soldat, der aus Afghanistan zurückkommt und stark traumatisiert nicht mehr in seine frühere Rolle mit Frau und Kind zurückfindet. Er hat eine spontane Affäre mit Marion Decker, einer Journalistin, die die zurückgekehrten Soldaten interviewt. Was einmalig sein sollte, wird zur Obsession, obgleich beide verheiratet sind. Marion ist mit dem deutlich älteren stinkreichen Geschäftsmann und Tausendsassa François Vely verheiratet. Und dann gibt es noch Osman Diboula, der auf eine steile politische Karriere aus ist, obwohl oder gerade weil er aus der in den Banlieus lebenden Unterschicht kommt und ein Schwarzer ist. Aus dieser Zeit kennt er auch Romain, den er als Sozialhelfer betreute. Als er gerade die Hand nach der Macht ausstreckt,  wird er durch eine unbedachte Bemerkung wieder von der Karriereleiter gestoßen. Seine Beziehung mit der ebenfalls politisch engagierten Sonia droht in die Brüche zu gehen. Doch er ist zäh und ein Skandal um Vely, lässt ihn unerwartet wieder Aufwind bekommen und höher steigen als zuvor.

„Wenn man an der Macht war, wandte man die Regeln der Kriegskunst an. Man griff zu den Waffen, wenn man erobern wollte, und tat dies auch, um sich seinen Platz zu sichern. Man ließ geliebte Menschen fallen. Man verriet, man verletzte. Man tötete, auch das. Unser Leben gegen euren Tod“

Vely hingegen ist tief gefallen, ihm wird Rassismus vorgeworfen, nachdem er für ein Interview für ein Foto-Magazin auf einem Thron, einem Kunstobjekt, abgelichtet wurde, der eine nackte schwarze Frau zeigt. Doch nicht genug, entdeckt man plötzlich, dass er jüdische Wurzeln hat (der Name Vely war früher Levy) und er wird nun von Antisemiten angefeindet.
Romain und Marion können weder mit- noch ohne einander und so lässt sich Romain als Söldner für eine Sicherheitsfirma im Irak anwerben.

Zum Showdown kommt es, als Diboula, inzwischen Minister für Außenhandel, eine Reise zu einer Handelsmesse in den Irak organisieren soll. Er lädt Vely ein, der seine Geschäfte in den nahen Osten ausdehnen will, da ein Partner in den USA aufgrund des Skandals aus einer geplanten Fusion aussteigt. Kurz entschlossen kommt Marion mit auf diese Reise. Es kommt wie es kommen muss, alle vier treffen in diesem gefährlichen Land aufeinander …

Karine Tuil kennt sich bestens aus in der politischen Landschaft Frankreichs. Sie legt Finger in die Wunden, sie legt bloß, was zu gerne von Politikern unter den Tisch gekehrt wird. Sie zeigt, wie sich die Oberschicht verhält, wie wenig Chancen den einfachen Leuten bleiben. Sie ist sich des Abgrunds bewusst, der zwischen Arm und Reich immer größer wird. Sie schildert die Machtverhältnisse. So stark unterscheidet sich Frankreich da von Deutschland wohl nicht …

Ich wünsche diesem Buch ganz viele aufmerksame, engagierte Leser*innen.

„Die Zeit der Ruhelosen“ erschien im Ullstein Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf dem Blog reingelesen

Claude Simon: Das Pferd Berenberg Verlag

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Wie lange ist es her, dass ich etwas von Claude Simon, dem großen französischen Schriftsteller las … „Die Trambahn“ und „Jardin des Plants“ stehen hier im Regal. Und nun kommt aus dem Berenberg Verlag ein schmaler Band mit einer Erzählung, die in aller Kürze, auf gerade mal 47 Seiten, die wesentlichen Dinge ins Licht rückt. Sie erschien erstmals 1958 in Fortsetzungen in der französischen Zeitschrift „Les Lettres Nouvelles“. etwas davon floß später auch in den Roman „Die Straße in Flandern“ ein.

„Alles war dunkel. Man konnte die Spitze der Kolonne nicht sehen. Man konnte überhaupt nichts sehen (außer manchmal – aber nicht sehen, nur undeutlich wahrnehmen; und nicht einmal wahrnehmen: ahnen – die Kruppe des Pferdes vor sich): nur das monotone, endlose und mannigfache Getrappel, das mannigfache Hämmern der Hunderte von Hufen auf dem Asphalt der Landstraße.“

So beginnt Simon seine Geschichte: Mit Pferdegetrappel. Beinahe zwei Seiten lang, beinahe ist es schon rhythmische Lyrik. Allein wie es Simon gelingt die Geräusche von Pferdehufen zu beschreiben, ist mehr als man von manchem zeitgenössischem Autor erwarten kann. Hier agiert ein Sprachkünstler. Seine Zeilen beschwören sogleich Bilder herauf:
Ich sitze auf einem Pferd, reite durch die Nacht, es regnet, es schüttet, ich bin unendlich müde. Um mich wach zu halten, versuche ich ein Gespräch mit meinem Mitstreiter auf dem Pferd links von mir zu beginnen. Wir versuchen uns mit Scherzen aufzumuntern, makabre, wenig tiefsinnige Scherze, Galgenhumor. Als sich das Geräusch der trottenden Pferde verändert, lausche ich. Wir kommen in ein Dorf, wir machen Rast für den Rest der Nacht.

Eines der Pferde ist krank, es ist klar, dass es nicht mehr lange zu leben hat. Auch der Kamerad des Erzählers, Maurice, der Jude ist, was kaum einer weiß, ist krank. Doch er wird durchhalten, soviel ist sicher. Das Pferd nicht. Anhand des Pferdes schafft es Claude Simon diesen unsäglichen sinnlosen Krieg darzustellen. Alle sind ihn müde, und doch sind alle zum Kämpfen, vielleicht zum Sterben verurteilt. Wir befinden uns im zweiten Weltkrieg irgendwo in Frankreich in den Bergen, vielleicht in den Ardennen. Gekämpft wird gegen die Deutschen.

“ … ein Kavallerist in der Nacht, ein Soldat, das heißt nichts, überhaupt nichts, weniger als nichts in dieser feuchten nächtlichen Unermesslichkeit, in der wir im selben Augenblick und fast überall in Europa zu Tausenden, oder vielmehr Zehntausenden, Hunderttausenden, Millionen nichts waren, nicht mehr zählten als Sandkörner oder allenfalls Schachfiguren, …“

Claude Simon selbst war dabei, er war ab August 1939 als Kavallerist eingezogen worden, geriet in Gefangenschaft, aus der er jedoch fliehen konnte. Er wagte es erst Jahre später vom Erlebten zu erzählen. Er klagt an, nicht direkt, aber in seinen Texten entstehen Bilder, er verwendet starke Metaphern. Vielleicht reinigte er sich durch das Schreiben, und das macht er in gekonnter Weise, sprachlich brillant, geschickt konstruiert. Erstaunlich wie viel in einer solch kurzen Geschichte steckt …

1985 erhielt der 1913 in Madagaskar geborene Claude Simon den Literaturnobelpreis. „Das Pferd“ erschien wie immer in schöner Ausstattung in Halbleinen, fadengeheftet, im Berenberg Verlag. Übersetzt wurde es von Eva Moldenhauer. Ein sehr ausführliches Nachwort von Mireille Calle-Gruber, das viele (für mein Empfinden etwas zu langwierige) literaturwissenschaftliche Deutungen beinhaltet, schließt sich an. Mehr über Buch und Verlag hier.
Eine weitere Besprechung gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten.

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag

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Ein Mann besucht ein wenig widerwillig einen alten Freund, einen Künstler. Dieser erscheint ihm verwirrt, gar verrückt. Als Erklärung seines Zustands erhält er folgende Aufzeichnungen zu lesen:
Darin geht es um einen höchst sensiblen Menschen, dessen Dasein schon von Kindesbeinen an von Schwermut und Traurigkeit geprägt ist.. Eine Familie, die ganz und gar nicht versteht, was mit diesem Jungen bloß los ist, warum er nicht funktioniert. Die ganze Kindheit hindurch hatte man ihm seine Empfindsamkeit, seine Phantasie ausgetrieben und nach dem Collége waren dann auch die Reste jeglichen Eigensinns verloren. Fortan trudelt er verwirrt und planlos durchs Leben, bis er den Maler Lucien kennenlernt.

„Eines musst du dir bewusst machen: Eine Landschaft … eine Figur … ein beliebiger Gegenstand … all das existiert nicht an sich. Es existiert bloß in dir. Du stellst dir vor, daß es Bäume gibt, Ebenen, Flüsse, Meere. Weit gefehlt, mein Freund … Nichts von alldem gibt es, jedenfalls letztlich.“

Mirbeau legt den Maler Lucien nach dem Vorbild Vincent van Goghs an. Mirbeau war auch der einzige, der zeitlebens zwei Gemälde von van Gogh kaufte. Er selbst war Schriftsteller und eine schillernde, gleichzeitig kluge und kritische Gestalt der französischen „Belle Époque“. Eines seiner bekanntesten Bücher war „Tagebuch einer Kammerzofe“, eine Kritik an der Bourgeoisie, das von Jean Renoir und später von Luis Buñuel verfilmt wurde. Es lohnt sich Mirbeau neu zu entdecken.
Wenn van Gogh wirklich so klug und ganzheitlich dachte, wie Mirbeau ihn in dieser Geschichte schildert, war er in der Tat ein verkanntes Genie …

In „Diese verdammte Hand“ wird sich der Maler Lucien aus Selbstzweifel am Schluss seine „verdammte“ Hand absägen, die Hand die den Pinsel führt, die aber den neuzeitlichen Ideen und kreativen Ergüssen dieses eigensinnigen Künstlergehirns scheinbar nicht hinlänglich folgen will. So verblutet er in jener einzigen Nacht, die sein ergebener Freund, oben genannter Sensibler, durchschläft. Zuvor hatte er jede Nacht über ihn gewacht, aus Angst um ihn, der ihm immer verrückter und wahnhafter erschien und dessen Kunst auf ihn mehr als verstörend wirkte. Lucien hatte ihn zum Schreiben angeregt, doch was aus seiner Feder kommt, ist nicht genügend, viel zu vorhersehbar, wie ihm Lucien vorhält. Die Leidenschaft, die Lucien hat, fehlt ihm gänzlich. Er ist ein ängstlicher Mensch, in Liebesdingen vollkommen naiv, wie sich im Falle Fräulein Julias zeigt, und dennoch ein treuer Freund, der jegliche Eskapaden mitmacht, weil er sich sonst vollkommen verloren und einsam fühlt. Was aus ihm nach Luciens Tod wird, steht in den Sternen. Der Autor verrät es nicht …

„Ist Kunst wahrhaftig diese Qual, diese Hölle? Würde auch ich – der ich sie mir in meinen, erneut unsagbar wirren Träumen tatsächlich als eine solch große Linderung vorstellte, ein solches beispielloses und phantastisches und unendliches Paradies, in dem der Mensch nichts anderes erschafft als das Glück – in diesem fortwährenden Wehklagen leben, mit diesem vor Schmerz verzogenen Gesicht und diesem zuckenden Auge, welches der fahle Blitz des Wahnsinns getroffen hat?“

Das Buch erschien im Weidle Verlag in bekannt schöner Gestaltung, hinter der wie immer Friedrich Forssman steckt: Feinstes Papier, fadengeheftet. Papier und Schrift werden im Impressum genannt. Übersetzt wurde es von Eva Scharenberg. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort von Pierre Michel. Mehr über Verlag und Buch findet man hier.
Eine weitere Besprechung findet man bei Birgit von Sätze & Schätze.

Jérôme Ferrari: Ein Gott Ein Tier Secession Verlag für Literatur

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Kürzlich gab es eine schöne Aktion namens Verlagebesuchen. In Berlin war das richtig ergiebig. Ein Highlight: der Secession Verlag. Das Verlagsbüro findet man in einem schönen Gartenhaus in der Potsdamer Straße und es teilt sich die Räume mit der Galerie P98a, in der Erik Spiekermann sein Büro und eine Druckwerkstatt hat. Man erfährt also gleich nebenbei, wo die wunderschönen qualitativ anspruchsvollen Bücher des Verlages gemacht werden …

Verleger Christian Ruzicska sagt dann auch gleich, dass sowohl inhaltlich, sprachlich und auf das Äußere sehr geachtet wird. Alles soll stimmigen Einklang finden. Hier werden Bücher aus Leidenschaft gemacht!

Und das sehe ich einmal mehr bei dem vorliegenden aktuellen Buch von Jérôme Ferrari. „Ein Gott Ein Tier“ ist in schwarzes Leinen gebunden, der Schriftzug kontrastiert in rot und schlängelt sich über Vorder- und Rückseite. Hochwertiges Papier wurde gewählt. Welches es ist, kann man im Impressum nachlesen, ebenso die gewählte Schriftart. Innen rote Vorsatzblätter und ein farblich passendes Lesebändchen. Das ganze natürlich fadengeheftet. Und, man möge es mir nachsehen, es riecht gut …


Jérôme Ferraris Buch erschien bereits 2009 in Frankreich. Inzwischen ist der 1968 geborene Franzose auch in Deutschland bekannter geworden. 2012 erhielt er den Prix Goncourt. Das nur 110 Seiten umfassende Bändchen hat es in sich …

Der Tod und das Grauen kommen aus den schwarzen Augen einer Frau, die unter ihrem Gewand mit schmaler Hand die Schnur des Sprengsatzes zündet „die sich um ihre Taille schlossen wie der goldene Gürtel einer frisch Vermählten am strahlenden Morgen ihrer Hochzeit.“ – eine Selbstmordattentäterin. Auf diese konkrete Tat kommt Ferrari erst spät im Buch zu sprechen. Zunächst berichtet er von den Auswirkungen, die auch viel später noch Leben zerstören können.

Ein junger, zielloser Franzose verdingt sich als Söldner in einer Sicherheitfirma im Irak, ein sehr gut bezahlter, aber äußerst gefährlicher Job. Damit hat er auch seinen Freund überredet mitzukommen. Als sie nach ein paar Tagen Urlaub wieder am checkpoint eintreffen, passiert es.

Kurz darauf kehrt der junge Mann in sein Heimatdorf zurück – als psychisches Wrack. Sein Freund ist bei der Detonation ums Leben gekommen. Er fragt sich warum er überlebt hat und wie er nun leben soll …  er sucht nach dem Sinn.

„Denn du warst des Glaubens und der Kindheit müde, und müde des Vögeltötens, und du hast dir vorgestellt, dass die Welt darauf wartete, dich aufzunehmen in ihrer Umarmung, die sie dir niemals zugestanden hat, und dies hier, das war mitnichten die Welt, das war nur eine Wüste, erinnere dich, …“

Mit seinem alten Hund streift er durch das Dorf und erinnert sich: an den Vater, der ihm das Töten, das Jagen beibrachte, an seine Jugendliebe Magali, die die Sommer in seinem Dorf verbrachte, den ersten Kuss. In Gedanken malt er sich Magalis derzeitiges Leben aus: Sie ist erfolgreich in ihrem Beruf, eine gute Stellung mit Aufstiegschancen und gutem Verdienst. Aber auch mit großer Leere und Oberflächlichkeit, denn es gibt nichts mehr sonst als die Arbeit, geschäftliche Verpflichtungen und flüchtige Bekanntschaften.

„Sie wird eine erlesen gute Laune zur Schau tragen, und einen beispielhaften Teamgeist, wofür sich die Bereichsleiterin bei ihr bedanken wird, indem sie die Zeichen der Zuneigung steigert, …“

Er schreibt ihr einen Brief, versucht auf diese Weise an alte Zeiten anzuknüpfen. Schließlich besucht er sie. Sie mögen sich noch immer. Doch ihre Welt ist nicht die seine und so verschwindet er wieder. Seine Welt gibt es wahrscheinlich gar nicht mehr, gab es vielleicht nie. So sehr er sie auch sucht, er findet sie nicht. Es gibt keinen Weg mehr ins Leben. Weder in der Liebe noch bei Gott findet sich Trost. Auch wenn der Erzähler seinen Protagonisten mehrmals ans Herz legt: „Die Menschen benötigen etwas Größeres als sich selbst, um leben zu können.“

Als Magali einige Zeit später auf der Suche nach ihm in seinem Dorf eintrifft, findet sie ihn nicht mehr …

Auf der Umschlagbanderole des Buches steht der Schriftzug „Requiem auf die Entfremdung des modernen Menschen“. Ich bin geneigt zuzustimmen. Ferraris Requiem ist allerdings auch eine sprachlich Offenbarung. Dem Vorwurf der Pathetik, der in manchen Kritiken zu lesen ist, kann ich nicht zustimmen. Ferrari wählte eine sprachliche Form, die mit dem Inhalt direkt in Beziehung steht und sie ist stimmig. Und sie ist das Einzige, was einen Ausgleich schafft zur Düsternis der Geschichte.

„Ein Gott ein Tier“ wurde von Christian Ruzicska selbst aus dem Französischen übersetzt. Mehr über Buch und den Secession Verlag hier.

Außerdem bisher aus dem Verlag von mir gelesen und besprochen:
„Unorthodox“ von Deborah Feldman und der wunderschöne Gedichtband „minimal“ von Tanikawa Shuntaro

Françoise Frenkel: Nichts um sein Haupt zu betten Hanser Verlag

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Im Vorwort schreibt Patrick Modiano über Françoise Frenkel:

„Françoise Frenkels Spur findet man im Staatsarchiv Genf, in der Liste jener Personen, die während des zweiten Weltkriegs an der Genfer Grenze registriert wurden, das heißt, die Erlaubnis bekamen, nach ihrem Grenzübertritt in der Schweiz zu bleiben. Diese Liste verrät uns ihren richtigen Namen und Vornamen: Raichenstein-Frenkel, Frymeta, Idesa; ihr Geburtsdatum: 14.7. 1889, und ihr Herkunftsland: Polen.“

Françoise Frenkel hat die Geschichte ihrer Flucht aus Deutschland aufgeschrieben und konnte sie später, in Sicherheit, in einem Schweizer Verlag veröffentlichen. Viel mehr weiß man nicht über ihr Leben nach dem Krieg, nur dass sie 1975 starb. Es war Zufall, dass das Buch 70 Jahre später in Nizza auf einem Trödelmarkt auftauchte und zunächst in Frankreich wieder neu aufgelegt wurde.

Alles beginnt damit, dass die Polin Frenkel in Frankreich studiert und ihr Herz für die Literatur entdeckt. Daraus entsteht die Idee eine französische Buchhandlung zu eröffnen. Sie plant das Unternehmen in Berlin anzusiedeln und ihre Idee macht sich bezahlt. Sie wird zum ersten Anlaufpunkt der in Berlin lebenden Franzosen und frankophilen Leser. Es ist die Zeit nach dem 1. Weltkrieg, die Situation zwischen den beiden Ländern scheint sich zu entspannen. Doch langsam aber immer deutlicher macht sich die Machtergreifung der Nationalsozialisten bemerkbar. Frenkel, die selbst Jüdin ist, beschließt, als es gar nicht mehr anders geht, ihr Geschäft zurückzulassen und nach Frankreich zu gehen.

Von da an schildert Frenkel ihre Erlebnisse auf der Flucht. Zunächst scheint Paris trotz Ausbruch des Krieges sicher, doch dann übernehmen die Nazis auch dort die Herrschaft. So beginnt die Odyssee: Frenkel flieht von Ort zu Ort, von Versteck zu Versteck und hat Glück, dass sie so viele gute Freunde und offenbar ein gutes finanzielles Polster hat. Sehr deutlich wird in ihrem Bericht die Stärke der Franzosen geschildert, was den Widerstand angeht: Viele Privatpersonen halfen und schafften Verstecke, besorgten Papiere und Nahrungsmittel, oft in Verbindung mit der Resistance.

„Man könnte ein ganzes Buch schreiben über den Mut, die Großzügigkeit und die Kühnheit dieser Familien, die unter Einsatz ihres Lebens den Flüchtigen in allen Departements und sogar im besetzten Frankreich Hilfe leisteten.“

Nach mehreren Jahren in Angst vor der Deportation, die ständig drohte, gelang Frenkel endlich beim dritten Versuch und in letzter Minute 1943 von Annecy aus die Flucht in die Schweiz.

Frenkels Sprache ist einfach; das Buch ist vor allem aufgrund seiner Handlung interessant, ist es doch eine weitere Dokumentation über eine Zeit, deren Schrecknisse nicht in Vergessenheit geraten dürfen.

Im Anhang findet sich eine Zeittafel, ein aufschlussreiches Dossier und ergänzende Hinweise zur deutschen Ausgabe. Elisabeth Edl übersetzte den Roman ins Deutsche.
„Nichts um sein Haupt zu betten“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Außerdem findet man eine sehr ausführliche Rezension auf dem Blog aus.gelesen.

Als Ergänzung dazu passt, finde ich, Silvie Schenks Roman „Schnell, dein Leben“, das über die Nachkriegszeit aus französischer Perspektive erzählt