Aus dem Archiv: Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon Bilder eines Lebens Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon: Bilder eines Lebens

„C´est toute ma vie“ – „sich das Leben nehmen oder etwas ganz verrückt Besonderes unternehmen“

Charlotte Salomon entschied sich für das „ganz verrückt Besondere“. Sie schuf binnen eineinhalb Jahren ein riesiges Gesamtkunstwerk. Unter dem Titel „Leben? Oder Theater?“ (1940-1942) beginnt sie ihr Mammut-Projekt: Sie malte ihr Leben in über 1000 Blättern, die zudem mit Text versehen und mit Musik angedacht waren: Ein „Singespiel“, das eine wahre Meisterarbeit ist. Trotz ihres Entschlusses, sich nicht das Leben zu nehmen, war ihr Leben kurz. Sie wurde 1943 im Alter von 26 Jahren in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Bereits 2001 erschien das vorliegende Buch von Astrid Schmetterling über die jüdische Künstlerin Charlotte Salomon erstmals. Nun hat sie es neu überarbeitet. Anlass war der 100. Geburtstag von Charlotte Salomon am 16.4. Im Buch sind außer Malereien auch einige wenige Fotos der Malerin abgebildet.

Charlotte Salomon wird 1917 als Tochter des Arztes Albert Salomon und Franziska Grunwald in Berlin geboren. Sie ist ein aufgewecktes, doch von starken Stimmungsschwankungen geprägtes Mädchen. Im Alter von acht Jahren begeht ihre schwermütige (aus heutiger Sicht depressive) Mutter Suizid. Charlotte gegenüber spricht man nicht von Selbstmord. Das wird sie erst viel später von ihrem Großvater erfahren. Charlotte wird nun von Kindermädchen und den strengen Großeltern betreut. Der Vater bemüht sich, ist aber ganz in seiner Arzttätigkeit absorbiert. Eines der Kindermädchen erweckt in Charlotte die Lust auf das Zeichnen und Malen. Fortan wird diese Neigung Charlotte ihr Leben lang begleiten.

„Weibliches Sprechen, Schreiben, Malen, als zulassen anderer Blickwinkel und Deutungen, als Sprechen vom Ort der Frau aus, jenem Ort, der zugleich innerhalb der sozialen Ordnung ist und außerhalb, zugleich eingegrenzt, in die Grenzen gewiesen, und ausgegrenzt.“

Astrid Schmetterling gelingt in ihrem Band über Charlottes Leben und Kunst vor allem auch eine  weibliche Betrachtungsweise. Zusätzlich legt sie den Focus auf das Dasein als Jüdin in Zeiten des Nationalsozialismus. So verlässt Charlotte die Schule ein Jahr vor dem Abitur, wegen der zunehmenden antisemitischen Anfeindungen. Dass Charlotte es einige Zeit darauf schafft in der Kunsthochschule in Berlin angenommen zu werden, in einer Zeit in der Juden fast keine Möglichkeiten und keine Rechte mehr haben, ist allein Charlottes Tatkraft und ihrem starken Willen zuzurechnen. Selbst als sie es beim ersten Mal nicht schafft, versucht sie es ein zweites Mal. Und es gelingt. Als ihr jedoch dort ein 1. Preis aberkannt wird, eben weil sie Jüdin ist, verlässt sie sofort die Akademie.

„Es ist diese gewaltsame Realität, von der Charlotte Salomons brüchige Sprache erzählt. Gegen die nazistische Einheits- und Ganzheitsrhetorik setzte die Künstlerin Fragmentierung und Vermischung, behauptete sie mit ihrem Werk ihre Differenz, ihr Anderssein. Als Jude, als jüdische Frau, als jüdische Frau im Exil.“

In vier Kapitel gliedert Astrid Schmetterling das Buch auf: Bildteil, Vorspiel, Hauptteil, Nachwort, vielleicht in Anlehnung an ein Theaterstück.

Im umfangreichen Bildteil eröffnet sich gleich die große Ausdruckskraft der Charlotte Salomon. In ihren Malereien zeigt sie ihre besondere Eigenart – heute würde man ihre Art vielleicht in die Sparte der Graphic Novels einordnen – sie malt auf Papier mit Gouachefarbe auf einzelnen Blättern fortlaufende Ereignisse wie in einer Bildgeschichte. Nicht immer sind sie mit Text versehen. Falls doch, hat Charlotte sie mit dem Pinsel ins Bild integriert oder Zwischenblätter eingelegt. 32 Blätter hat Astrid Schmetterling für das Buch ausgewählt, Bilder die die große Vielfalt von Charlottes Kunst widerspiegeln.

 

Im zweiten Kapitel weist Schmetterling darauf hin, dass Charlottes Werke oft nur als zeithistorische Dokumente wahrgenommen wurden, ähnlich des Tagebuchs der Anne Frank. Glücklicherweise, schreibt sie, hat sich das inzwischen verändert: Bekannt gemacht in den letzten Jahren durch mehrere Ausstellungen in den verschiedensten Ländern, auch auf der documenta 2012, wird Salomons Arbeit endlich als ernstzunehmende Kunst beachtet. Mittlerweile wird Salomons Stück sogar als Theaterstück, Oper und Ballett aufgeführt. Die Reduzierung auf ein rein biografisches Werk hält die Autorin für falsch. Charlotte hat Fakten mit Fiktion geschickt verwoben.

[…] ein komplexes Werk aus biografischen und fiktiven Elementen, das davon zeugt, wie sehr sich Charlotte Salomon der Täuschungen bewusst war, denen sich ein erinnerndes Ich beim Versuch, sich selbst zu schreiben und zu malen, unterliegt.“

Charlotte Salomons vielschichtige Bilder sind schwer einzuordnen. Der Vielfalt liegt vermutlich die Tatsache zugrunde, dass sie sie aus ihren zwei Lebenswelten zusammensetzte: Aus Heimat in Verbindung mit der Zeit im Exil in Südfrankreich. „Auflesen und Wiederverwenden“ nennt es Schmetterling im Buch.

„Eine Frau sitzt am Meer. Den Rücken uns zugewandt, malt sie. Sie malt das tiefblaue Wasser und den Sand, den endlosen Himmel und das Licht. Das Blatt auf ihrem Schoß erscheint jedoch durchsichtig. Als sei es kein Bild, sondern nur ein Rahmen, der ein Stück vom Augenblick umfängt. Ein Rahmen, in dem Abbild und Wirklichkeit ineinanderfließen. Leben oder Theater? Diese Frage ist der Frau auf den Rücken geschrieben.“

Dieses hier von der Autorin beschriebene Bild scheint ein Schlüssel zu sein, der die Tür zu allen anderen Bildern, ja zum Leben Charlottes öffnet. Es entstand in Südfrankreich, wo sie sich in ein kleines Hotel am Cap Ferrat zum Malen zurückgezogen hatte. 1939 war Charlotte aus Berlin geflohen und kam zunächst zu den Großeltern nach Villefranche. Dort nimmt sich Charlottes Großmutter 1940 das Leben. Kurz darauf bringt man sie und den Großvater ins Lager Gurs. Doch sie kommen wieder frei aufgrund des hohen Alters des Großvaters. Charlotte schafft es anschließend nur mithilfe der Malerei eine tiefe Krise zu überstehen. So beginnt sie wie eine Getriebene mit ihrem Lebensprojekt „Leben? oder Theater?“, an dem sie fast zwei Jahre lang malt, die Schlüsselszenen ihres Lebens in Farbe festhält.

Astrid Schmetterling berichtet weiter, dass Charlotte ihre Arbeiten wie ein Theaterstück inszeniert: Alle Figuren gibt es im eigenen Leben, sie werden jedoch umbenannt, erhalten teils skurrile neue Namen. So nennt sie ihre Stiefmutter, die Opernsängerin Paula Lindberg, die sie verehrt und liebt, in ihrem Stück Paulina Bimbam. Ihr Vater heißt Albert Kann. Der Gesangspädagoge ihrer Mutter und gleichzeitig angehimmelter Geliebter Charlottes, Alfred Wolfsohn, trägt den Namen Amadeus Daberlohn. Charlotte schwebt als allwissende Erzählerin über den Geschehnissen. Viel Ironie steckt hinter dieser Vorgehensweise.

Sie bindet auf vielen Seiten Anweisungen für die Begleitmusik mit ein. Diese reichen von klassischer Musik über Opern bis zum aktuellen Schlager. Bei der Textauswahl finden sich oft Sprichwörter zwischen Bibelpassagen und Zeilen aus klassischer Literatur – Goethe, Dante, Rilke etc. Charlotte ließ sich von einigen Künstlern aus verschiedensten Epochen inspirieren. Ihre Bilder enthalten beispielsweise Elemente der mittelalterlichen Buchmalerei, gleichwohl aber orientierte sie sich an der expressionistischen Malerei: Van Gogh, Gauguin, aber auch Chagall.

Nach Abschluss ihrer Arbeit für „Theater“ oder Leben?“ lebt Charlotte Salomon wieder in Villefranche. Trotz aller sie umgebender Widrigkeiten, die Nazis sind mittlerweile auch bis in den Süden Frankreichs vorgedrungen, heiratet sie. Mit ihrem Mann und dem ungeborenen Kind wird sie  1943 nach Auschwitz gebracht und ermordet. Sie hatte ihr Werk einem befreundeten französischen Arzt übergeben, der es bis nach dem Krieg aufbewahrte. Charlottes Eltern, die in Amsterdam in einem Versteck überlebten, übergaben es später einem Amsterdamer Museum.

Astrid Schmetterling ergänzt ihr Buch am Ende mit aufschlussreichen Anmerkungen und einer biografischen Zeittafel. Sie beleuchtet sehr differenziert Aspekte aus Charlotte Salomons Leben und Werk. Zusammen mit den Bildtafeln kann der/die Leser/in sich ein recht umfangreiches Bild von dessen Strahlkraft machen. Ein Wunder vielleicht, jedenfalls ein großes Glück, dass die Blätter erhalten blieben …

Diese Rezension erschien zuerst auf fixpoetry.com, einer wunderbaren Plattform für Literatur und vor allem auch Lyrik. Aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung wurde das Portal geschlossen.

Erschien zuerst auf fixpoetry.com
14.05.2017 Hamburg Von Marina Büttner

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Literaturnobelpreis 2022 für Annie Ernaux!


Diese Entscheidung freut mich sehr! Herzlichen Glückwunsch, Annie Ernaux!
In solch kurzen Formen so ausdrucksstark über französische Gesellschaftsgeschichte und die eigene Biographie zu schreiben, die auch sprachlich überzeugen, das muss man Ernaux erst mal nachmachen. Ich kenne nicht alle Bücher von ihr, eines habe ich gelesen, eines als Hörspiel gehört und eines in einer sehr gut umgesetzten Kinofassung gesehen. Große Empfehlung für alle!

Zu meinen Besprechungen:

http://www.dasereignis-derfilm.de/

Auf der Seite des Suhrkamp Verlag, der die deutschen Bücher, übersetzt aus dem Französischen von Sonja Finck, verlegt, findet man alles zu Annie Ernaux:

https://www.suhrkamp.de/person/annie-ernaux-p-14816

Linda Boström Knausgård: Oktoberkind Schöffling Verlag

„Ich hatte keine unglückliche Kindheit. Auch keine glückliche. Es war die Kindheit eines Niemands.“

Was habe ich vor Jahren die Bücher Karl Ove Knausgårds verschlungen. Irgendwann war ich der nabelschauartigen Präsentation seiner Biographie aber dann überdrüssig, zumal es sprachlich wenig Highlights, dafür oft viel Schmutz gab. Umso mehr freue ich mich, dass mittlerweile zwei Romane seiner Ex-Frau Linda Boström in deutscher Übersetzung vorliegen. Denn obwohl beide auch überwiegend von der eigenen Biographie erzählen, schafft Boström diese eben durch ihre Sprache in Literatur zu verwandeln. Und ich finde es gut und wichtig, ihm das gegenüberzustellen.

Boströms Roman beginnt in einer geschlossenen Abteilung in der Psychiatrie und endet mit dem Schritt hinaus. Sie erzählt nicht chronologisch sondern lässt den Gedanken freien Lauf. Gleich eingangs erfahren wir von den unangenehmen Behandlungen mit der Elektrokrampftherapie, die Linda mitunter zwei mal pro Woche über sich ergehen lassen muss. Wir hören von der Ergebnislosigkeit der Behandlungen, von der Unterstützung der Pflegekräfte, die Linda aufgrund ihrer langen Aufenthalte genau kennt und sie sie, von der eintönigen Routine, die manchmal stört und manchmal heilsam ist. Vom Nachdenken über sich selbst, vom Grübeln, vom Gefühl nichts wert zu sein, vom Gedanken ihre Kinder im Stich zu lassen, vom Zweifel jemals wieder das eigene Leben in den Griff zu bekommen bis zu Erinnerungen aus der Biographie erfahren wir hier. Vom Kindsein mit einer oft abwesenden Schauspielerin als Mutter (das Thema gab es bereits in „Willkommen in Amerika“), der Trennung vom Vater, von der Hoffnung unter den neuen Männern der Mutter könnte auch ein guter Vater sein, der sie ernst nimmt. Vom Verlorensein, vom Nichtgesehenwerden, von den kleinen Protesten, von der Schulzeit in der Privatschule mit der ewigen Anpassung, der nicht erwiderten ersten Liebe und dem langsamen Erwachsenwerden in großer Unsicherheit. Und schließlich von dem ersten großen Angstschub, ausgelöst durch einen Joint mit Freunden.

„Von manchen Dingen hatte ich keine Ahnung. Wie man sich in einer Beziehung verhält, wie man sein Leben gestaltet und wie man seine Fähigkeiten sinnvoll einsetzt. Nichts hatte ich gelernt. Es gab gute Phasen und schlechte Phasen. Die schlechten kamen häufiger, die guten seltener. Früher war ich ein Ass darin gewesen, mich wieder aufzurichten, jetzt verbrachte ich mein Leben in geduckter Haltung.“

Sie erzählt auch von der großen Liebe zu ihrem Mann, von den Anfängen über die Familiengründung, vom allmählichen Schwinden der Zusammengehörigkeit, von der wachsenden Sprachlosigkeit und auch von der Konkurrenz im Schreiben. Beide sind von Beruf Schriftsteller. Beide benötigen dafür ihren Raum. Oft sind Freunde oder die Mutter da, um sich um die Kinder zu kümmern, da Linda immer wieder von depressiven Schüben heimgesucht wird, oft tagelang nur im Bett verbringt.

Ein sehr prägnantes Beispiel für die Erkrankung zeigt sich in einem Beispiel in der Klinik. Linda gewinnt überragend gegen einen Mitpatienten im Schachspiel – eigentlich Grund zur Freude – doch es ist eben nur ein wertloser Gewinn, da er ja nur in der Klinik unter „Kranken“ gelungen ist. Die Herabsetzung der eigenen Person und die Überzeugung nicht gut genug zu sein für das wirkliche Leben.

„Wie konnte es sein, dass ich Woche für Woche dort blieb, ohne dass etwas begann oder endete? Wer bestimmte über mein Leben? Warum hatte ich kapituliert, und wer hielt die Fäden in der Hand?“

Dieses Buch kommt mir sehr nah. Ich fühle eine Verwandtschaft im Lebensprozess. Linda Boström schreibt vom Schreiben wollen und können. Aber eben nur, wenn die Seele heil genug ist und die Psyche nicht verrückt spielt. Dabei geht sie weit, aber eben sprachlich viel feiner, als ihr berühmter Exmann. Große Empfehlung und ein weiterer Beitrag passend zur Reihe „Psychische Erkrankungen im Roman“ auf meinem Blog.

Der Roman „Oktoberkind“ erschien im Schöffling Verlag. Übersetzt aus dem Schwedischen hat es Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier.

Geboren in der DDR: 4 Autorinnen der Gegenwart mit ihren aktuellen Romanen: Jenny Erpenbeck, Julia Franck, Antje Ravic-Strubel, Judith Zander

Alle vier wurden in der DDR geboren: Jenny Erpenbeck 1967, Julia Franck 1970, Antje Ravic Strubel 1974 und Judith Zander 1980. Ihr Schreiben ist davon geprägt und wird auch in ihren Romanen immer wieder thematisiert. Ich halte alle vier für großartige Erzählerinnen und ich erinnere noch einmal an ihre neuesten Romane, denn sonst werden sie viel zu schnell vergessen. Mit Klick aufs Coverbild kommt man zur ausführlichen Besprechung,


Jenny Erpenbeck hat für „Kairos“ gerade den Uwe-Johnson-Preis 2022 erhalten. Vollkommen zurecht, wie ich finde. Es ist 1986 in Ostberlin. Katharina, 19, begegnet eines Tages Hans, einem über 30 Jahre älteren verheirateten Schriftsteller. Die beiden fühlen sich sofort zueinander hingezogen. Es beginnt eine Beziehung, die meiner Meinung nach nur anfangs Liebesgeschichte ist und sich schließlich vor allem aufgrund der narzisstischen Persönlichkeit von Hans in eine höchst toxische Beziehung verändert. Wenn es nur um diese Liebe gegangen wäre, hätte ich das Buch sicher bald zur Seite gelegt. Aber Erpenbeck ist eben eine großartige Erzählerin und sie weiß die Geschichte so zu erzählen, dass sie gute Literatur wird. So ist Jenny Erpenbecks neuer Roman eben viel viel mehr als die Geschichte einer unguten Beziehung, sondern ein Berlin- und ein DDR-Roman, aber eben auch ein sprachlich gelungenes perfekt komponiertes Leseereignis.

Julia Francks Romane „Die Mittagsfrau“ und „Rücken an Rücken“ mochte ich sehr. In ihrem neuen Roman „Welten auseinander“ schreibt sie nun offen autobiographisch. Es ist eine Geschichte, die in Ostberlin mit einer Flucht nach Westen beginnt und auch wieder in Berlin endet. Die Liebesgeschichte von Julia und Stephan umklammert den Roman mit seinen Rückblenden und Erinnerungen und schimmert immer wieder funkelnd durch die Dunkelheiten der Familiengeschichte Julias. Sprachlich ist die Geschichte durch mitunter kurze Sätze, die Gedankenfetzen ähneln, geprägt. Sie folgt auch keiner Chronologie. Eher folgt sie einem Bewusstseinsstrom, was ich für autobiographisches Schreiben und speziell in diesem Fall sehr stimmig finde.


Antje Rávik Strubel hat einen besonderen Sprachstil. Sie schafft es aktuelle Themen, Politisches wie Gesellschaftskritisches so zu verarbeiten, dass es nicht plakativ oder künstlich aufgeblasen wirkt, sondern so als wären diese Themen in der Literatur naturgemäß zuhause. Das merkt man auch an der besonderen Tiefe der Texte. Die Autorin hat ein großes Geschick darin, durch Auslassungen Geschehnisse umso intensiver aufzuzeigen. Mit wenigen Worten ist oft klar, was nicht direkt gesagt wird, ja, vielleicht nicht gesagt werden kann. Es ist die Atmosphäre, die Dichtheit, die eindringliche Stimmung, die jedes Kapitel neu und anders prägt. Sie lässt uns sehr überzeugend die übergroße Last ihrer Heldin spüren, deren Innenwelt sich immer wieder im Außen spiegelt. Die Spannung ergibt sich durch die Form des Erzählens: immer mehr wird aus der Lebenswelt der Protagonistin bekannt, je weiter die Geschichte fortschreitet. Ein Puzzleteil fügt sich ans nächste. Langsam erkennt man Hintergründe.

Judith Zander kenne ich bereits als Lyrikerin (siehe voriger Blogbeitrag) und es war der erste Roman, den ich von ihr las. Ihre Sprache ist wunderbar. „Johnny Ohneland“ ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern.

Clarice Lispector: Ich und Jimmy Manesse Verlag

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Clarice Lispectors Erzählungen mit dem Titel Ich und Jimmy“, nach der ersten Geschichte im Buch benannt, ist als Manesse-Ausgabe eine besondere Augenweide. Lispector wurde 1920 in der Ukraine geboren und kam auf der Flucht vor Progromen mit den Eltern nach Brasilien. Sie studierte Jura und arbeitete als Journalistin. Mit nur 23 veröffentlichte sie ihren ersten Roman „Nahe dem wilden Herzen“, der aufgrund seiner Erzählart ein Sensationserfolg wurde. Sie heiratete einen Diplomaten mit dem sie auch nach Europa und in die USA ging. Später lebte sie in Rio de Janeiro von ihren Büchern und Übersetzungen.

Lispector hat eine besondere Art das Wesentliche zunächst vollkommen verschleiert auf den Punkt zu bringen. In ihren Geschichten geht es hauptsächlich um die Rolle der Frau. Fast immer sind Frauen die Heldinnen, nicht immer wirken sie auf die Leserin sympathisch, oft skurril und sogar kauzig, zumindest aber eigensinnig. Doch immer werden die dieser Zeit zugrunde liegenden Themen, lange bevor Emanzipation ein Thema war, hervorragend beleuchtet. Bezeichnend ist der dauernde Einblick in die Innenwelten, der einem die Figuren dann doch sehr nahe bringt.

Gleich in der ersten Geschichte „Ich und Jimmy“ zeigt sie den Weg vieler folgender vor. Es geht um Mann und Frau und das Ungleichgewicht, dass zwischen beiden herrscht, wenn es um Rechte und eigene Vorstellungen geht. Die Protagonistin, sie mag um die 16 sein, schlägt den gleichaltrigen Jimmy, mit dem sie zusammen ist, obwohl sie ihn gar nicht leiden kann, mit seinen eigenen Waffen, was das Thema Treue angeht, wobei sie im Denken und mit Worten sehr viel schneller und weiter ist als er. Ein ausgezeichneter Einstieg.
Auch in der nächsten Geschichte „Flucht“ geht es um eine Frau, die eines Morgens beschließt, ihren Mann zu verlassen. Allerdings schafft die Heldin ihre Flucht nur in der Fantasie. Obwohl sie aus ihrem 12 Jahre dauernden Ehealltag ausbricht, kehrt sie doch am selben Abend zurück. Es liegt weniger am Mut, als am mangelnden Budget, dass sie sich wieder „nach Hause“ begibt. Ihr Mann hat letztlich von all dem gar nichts mitbekommen …

Meine liebste Geschichte, obwohl sie sehr kurz ist, heißt „Eine Hoffnung“. Und wer hätte gedacht, dass manche Hoffnungen grün sind und hinter deinem Stuhl an der Wand entlang gehen; ich muss in Zukunft achtsamer sein:

„Hoffnungen sind sehr diskret, normalerweise lassen sie sich direkt auf mir nieder, ohne dass es jemand merkt, und nicht erst an der Wand über meinem Kopf. Ein kleines Gewirr: Aber kein Zweifel, da war sie und hätte dünner und grüner nicht sein können.“

Schön auch die Geschichte vom Seidenäffchen, dass einen sonst langweiligen Tag verschönt:

„Und sie beklagte mit einem unbeholfenen Lächeln, dass sich – wo doch die Tage dahineilten, lauter Neuigkeiten in den Zeitungen und so wenig Neues bei ihr –, dass die Ereignisse so ungünstig zusammengefallen waren: ein Seidenäffchen und ein Beinaheunfall zur selben Stunde.
„Ich wette“, dachte sie, „jetzt passiert ganz lange nichts mehr, ich wette, jetzt kommt die Zeit der mageren Kühe.“ Die ganz allgemein die Ihre war.“

Ob eine Frau ganz still am Fenster dem Regen zusieht oder ein Rosendiebstahl in fremden Gärten zum Genuss wird, Lispectors Geschichten sind sinnlich und ja, auch elegant.

Die letzte und auch eine der längeren Geschichten mit dem Titel „Einen Tag weniger“ bildet einen krönenden Abschluss. Hier lebt eine Frau seit Geburt an im Elternhaus, seit die Eltern gestorben sind mit der ehemaligen Kinderfrau als Gesellschafterin. Als diese 4 Wochen verreist, merkt sie, wie einsam sie eigentlich ist und wie lang sich ihr Tag hinzieht, den sie mit allerlei Ablenkungen zu füllen versucht. Schließlich klingelt sogar das Telefon. Mit großer Hoffnung nimmt sie ab, nur um festzustellen, dass die Anruferin sich verwählt hat und gar nicht sie erreichen wollte. Als sie, recht früh, zu Bett geht, erinnert sie sich an die Schlaftabletten ihrer Mutter. Eigentlich will sich nicht mehr als zwei einnehmen …

Lispectors Erzählungen haben eine ungemeine Tiefe, oft mit doppelten Böden. Sie wagt den Blick ins menschliche Innere und erzählt unverstellt aus dem darin befindlichen Dunklen. Ihre Sprache ist dicht und schön, mitunter schillernd, vielfach überraschend direkt, oft arbeitet sie mit Wortwiederholungen zur Verstärkung, teils mit Metaebenen und surrealistischen Anteilen. Manch banal erscheinende Geschehnisse werden durch besondere Worte oder Wortkombinationen vergoldet. Clarice Lispector ist unbedingt eine Autorin, die es zu entdecken gilt. Dieser wunderschön ausgestattete Erzählband bietet dabei einen guten Einstieg. Ein Leuchten!

Mich haben manche Geschichten in ihrer Seltsamkeit auch an die wunderbaren Erzählungen der Schweizer Schriftstellerin Adelheid Duvanel erinnert. Ihr Buch „Fern von hier“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen.

Die Erzählungen wurden aus dem Portugiesischen übersetzt von Luis Ruby. Ein Nachwort von Teresa Präauer ergänzt und informiert. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

Sabine Scholl: Die im Schatten, die im Licht Weissbooks

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Es ist der erste Roman, den ich von Sabine Scholl lese. Und er hat mich gefesselt und ich bewundere, wie gekonnt die Autorin ihre weiblichen Hauptfiguren lebendig macht und wie intensiv ich sie dadurch erleben darf. Sabine Scholl hat neun Frauen gewählt, die sie von kurz vor bis kurz nach dem zweiten Weltkrieg begleitet. Sie lehnt ihre Heldinnen an wahre Biographien an und gibt ihnen durch ihre literarische Ausarbeitung eine Stimme. Dabei gliedert sie in drei Teile chronologisch von 1938/39 über 1944 bis 1946. Eingangs finden wir eine Liste der Protagonist*innen, die im Buch in Erscheinung treten zusammen mit einer Ortsangabe, an der sich die jeweiligen Personen überwiegend aufhalten. Es sind Orte in Österreich. Linz spielt eine tragende Rolle, auch wegen der Nähe zum Konzentrationslager Mauthausen. Ausgangspunkt der Geschichten ist unter anderem Grieskirchen, der Geburtsort der Autorin in Oberösterreich. Zu dieser Namensliste musste ich auch immer wieder zurückblättern, um die Person wieder einzuordnen, denn es sind viele Namen.

Die Frauen könnten unterschiedlicher nicht sein. Jede bekommt abwechselnd in eigenen Kapiteln ihre Stimme und das kann Erzähltext sein, Tagebucheinträge und auch das Notat einer Tonbandaufnahme eines Interviews. Die Frauen kommen aus unterschiedlichen Kreisen, leben teilweise in der Nähe und sind einander doch größtenteils unbekannt: Rosi, Zugehfrau, Traudi, ledige Mutter und Dienstmädchen, Lotte, Tochter wohlhabender jüdischer Eltern mit Bekleidungsgeschäft, Elsa, jüdische Ehefrau eines Pastors, Vera, Gräfin auf einem Schloss, Huberta, Prinzessin und Lebefrau, Gretel, Schneiderin, Francine, Schauspielerin. Auf manchen liegt der Fokus mehr, alle Schicksale sind hoch interessant. Durch den Wechsel der Perspektiven entsteht zudem Spannung.

Einige Geschichten haben mich besonders berührt. Manche Frauen sind sympathisch und manche weniger. Doch jede geht ihren Weg. Manche sind Täterinnen, manche im Widerstand und manche machen einfach mit im Nationalsozialismus.

Elsa zum Beispiel, Jüdin und Ehefrau eines Pastors inszeniert ihren eigenen Selbstmord und flieht, um ihre Kinder nicht weiter den Anfeindungen der Dorfbewohner auszusetzen, die voll hinter dem System stehen. Die Kinder wurden drangsaliert und durften als Halbjuden keiner Gruppe beitreten, keinen Musikunterricht mehr nehmen etc.

„Mit einem Mal zeigen die Plakate im Dorf das Hakenkreuz über dem Dachstein aufgehen wie eine Sonne. Dieses hässliche, grauenvolle, spinnenartige Ding überzieht Papier, Fenster, Landschaft und Gehirne. Viele Leute glauben daran wie an einen Gott, einen Erlöser gar.“

Rosi, ihre Freundin wurde nicht eingeweiht und hält sie für tot. Sie betreut die Sommerhäuser der reichen Nazis und beherbergt zeitweise Flüchtlinge und arbeitet im Widerstand, in dem sie die Partisanen in den Bergen mit Nahrung und Informationen versorgt.
Vera ist Adelige und bewohnt das familieneigene Schloss und Anwesen. Weil ihr Mann immer wieder verhaftet wird, (weil er im Widerstand tätig ist) kümmert sie sich als Frau um die gesamten Geschäfte und schafft es immer wieder ihren Mann zeitweise aus der Haft zu holen. Von Haft zu Haft geht es ihm schlechter.
Da ist Gretel, die Schneiderin, die ab Kriegsbeginn fast keine Arbeit mehr hat, aber ihre alte Mutter versorgt. Als sie eine Stellenanzeige liest, in der Aufseherinnen für Lager gesucht werden, bewirbt sie sich. Hier beschreibt Scholl sehr eindringlich, wie sich Gretel von einer normalen jungen Frau zu einer grausamen Wärterin im KZ entwickelt. Weil sie ehrgeizig ist, schüttelt sie die anfänglich starken Skrupel ab, und steigt in der Hierarchie sehr schnell auf.

„Auch im Schneiderinnenberuf gab es Reste und Ränder, die dem Anspruch nicht genügten, Teil eines größeren Vorhabens zu sein. Das heute angelieferte Material ist in miserablem Zustand. Die Körper ausgemergelt und geschwächt, in Fetzen gehüllt. Manche tragen nicht einmal Schuhe. Das geht so nicht.“

Und da ist auch Kitty, Jüdin, auf der Flucht mit zwei Kindern, die sie versucht bei Verwandten in Sicherheit zu bringen, die selbst aber ins Lager gebracht wird. Ihre Schilderungen, der Zustände als Gefangene, erfahren wir aus einem Interview, das nach Kriegsende mit ihr, der Überlebenden, geführt wird. Der Interviewer fragt oft nach, da er das schreckliche Leiden kaum nachvollziehen kann.
Lotte, Jüdin aus Linz, (Kitty ist ihre Tante), das junge Mädchen, das eigentlich Tänzerin und Schauspielerin werden will, flieht mit den Eltern gerade noch rechtzeitig auf ein Schiff nach Shanghai. Doch auch dort wird die Familie zunächst in einem (Aufnahme-)Lager leben. Das Klima und die Zustände in der Enge des Lagers macht vor allem dem Vater zu schaffen, der erkrankt und bald stirbt. Lotte verdient zunächst Geld, in dem sie in einem Varieté als Sängerin auftritt. Bald findet sie und auch ihre Mutter Arbeit im Krankenhaus. Doch als Japan in den Krieg eintritt, wird es schwierig, werden sie plötzlich auch hier zum Feind, weil sie „Deutsche“ sind.
Francine lebt in Paris als Varietékünstlerin, wird aber bald auch als Schauspielerin gebucht. In Babelsberg zum Beispiel. Sie orientiert sich an Rollen, wie sie Marlene Dietrich spielte. Sie wird bekannt, ja berühmt. Sie verkehrt in Künstlerkreisen unter anderem mit Cocteau und Celine. Und sie liebt einen Offizier aus Deutschland, der in Paris als Besatzer stationiert ist. Durch ihn fehlt es ihr auch im Krieg an nichts. Scholl orientiert sich bei der Figur der Francine an der tatsächlichen Geschichte der Schauspielerin „Arletty“, wie ich aus dem Quellenverzeichnis erfahre.

„Francine weiß, dass sie sich hüten werden, ihr den Kopf zu scheren. Die berühmte dunkle Aufsteckfrisur zerstören. Diese Strafe blüht nur einfachen Frauen. Nicht der bestbezahlten Filmschauspielerin Frankreichs. Die Frauen müssen büßen für das, was die Franzosen während des Kriegs erlitten. Scheren sie ihnen die Köpfe, wachsen den Männern anscheinend die Eier nach, die sie verloren haben als Besiegte.“

Ich empfehle dieses Buch sehr. Es bildet ab, was Frauen schaffen, aber auch was sie erdulden müssen in Ausnahmesituationen, im Krieg – im Guten wie im Bösen. Im Anhang finden sich die Quellen, die aufschlussreich zeigen, welche wahren Personen hinter den Romanfiguren stehen. Ich wünsche Sabine Scholl viel mehr Leser für diesen so starken und gekonnt konstruierten Roman, der meiner Ansicht nach viel zu wenig präsent ist in den Kritiken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien bei weissbooks. Eine Leseprobe gibt es hier: https://weissbooks.com/

Lucy Fricke: Die Diplomatin Claassen Verlag

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Auf Lucy Frickes neuen Roman war ich aufgrund des Themas sehr gespannt. Ihr letztes Buch, das sehr gelobt wurde, hatte ich nur angelesen. Doch frühere Romane mochte ich sehr. Die Geschichte einer Diplomatin stellte ich mir hoch interessant vor und hat mich auch gleich anfangs an den sehr empfehlenswerten Roman „Schutzzone“ von Nora Bossong über eine Frau, die bei den Vereinten Nationen arbeitet, erinnert. Beide Romanheldinnen wollen in ihrem Beruf Gutes tun und womöglich damit ein Stück weit „die Welt retten“, was natürlich zum Scheitern verurteilt ist.

„Ich hatte mich für diesen Beruf entschieden, weil ich etwas bewirken wollte. Und jetzt hatte ich eine geschlagenen Stunde über Grillfleisch und Bratwürstchen diskutiert.“

Es geht um Fred, eigentlich Frederica, Ende vierzig und deutsche Botschafterin in Montevideo, einer eigentlich ruhigen, entspannten Stelle, wenn man vorher in Bagdad eingesetzt war. Fred bereitet die Feier zum Tag der deutschen Einheit vor, als sie die Nachricht erhält, dass die Tochter einer deutschen Medienmogulin in Uruguay vermisst wird. Sie leitet die Suche ein, berichtet aber von der mutmaßlichen Entführung zu spät an das Krisenzentrum. Als die junge Frau tot aufgefunden wird, lässt die Mutter ihren Einfluss spielen und rächt sich an Fred. Sie wird nach Istanbul strafversetzt.

Dort trifft sie auf Phillip, den sie aus Bagdad kennt und der inzwischen in Ankara Botschafter ist. Bei einer Party trifft sie auch David wieder, einen deutschen Reporter, der in Uruguay über den Entführungsfall berichten sollte. Bald schon kommt eine neue Aufgabe auf sie zu: Es geht darum einen jungen Mann mit deutschem Pass und kurdischer Abstammung, dessen Mutter Meral, eine regimekritische Künstlerin, in Istanbul im Gefängnis ist, zu unterstützen und letztlich auch zu schützen. Bei der Einreise nahm man ihn fest, bald darf er sich zwar wieder frei im Land bewegen, aber nicht mehr ausreisen.

„Der Vorwurf war immer der gleiche, altbekannte und jederzeit anwendbare: Unterstützung einer terroristischen Vereinigung. Ein Beweis dafür war bis heute ausgeblieben, wahrscheinlich würde er nie kommen.“

Als der Prozess für Meral angesetzt ist, treffen sich alle mit der Rechtsanwältin Elif und bereiten sich auf den entscheidenden Tag vor. Doch es kommt zu einer Vertagung. Dann nimmt die Geschichte enorm an Fahrt auf. Der Journalist David kontaktiert Fred; er arbeitet an einer gefährlichen Sache, auch ihn will man mundtot machen. Merals Sohn versucht über die Grenze zu fliehen, wird aufgegriffen, bekommt erneut Hausarrest. Meral selbst wird auf die Krankenstation eingeliefert. Die Diabetikerin hat eine zu hohe Dosis Insulin bekommen. Suizidversuch oder versuchter Mord? Wochen später kommt es in einer neuen Verhandlung zum Freispruch. Doch auch hier gibt es weitere Komplikationen bei der Freilassung.

„Kann es sein, dass du uns nicht vertraust?“
Meine übliche Flucht in den Plural, in die Funktion, das Amt, die Regierung. Wenn ich wollte, war ich nur ein Land.“

An Fred gehen diese Aufregungen und die stete Gefahr etwas fatal Falsches oder nicht genug zu tun, nicht spurlos vorbei. Sie beginnt an ihrer Aufgabe zu zweifeln, fühlt sich nicht mehr stark genug. Und bricht zum ersten Mal in ihrer Laufbahn die Regeln, sich niemals persönlich involvieren zu lassen. Mithilfe ihrer Haushälterin bereitet sie einen ausgeklügelten Plan zur Flucht aus der Türkei vor …

Lucy Fricke ist hier ein ziemlich kluger Roman gelungen, der genau die Neugier befriedigt hat, die ich vor der Lektüre hatte. Etwas mehr Einblick in die Arbeit einer Diplomatin/Botschafterin zu bekommen, verbunden mit einer perfekt gelungenen spannenden Handlung. Der Roman ergänzte außerdem das, was ich bereits über die Zustände in der Türkei wusste, aus den Medien und natürlich auch aus den Texten der auch sprachlich so großartigen Schriftstellerin Aslı Erdoğan, die ebenfalls in jenem Frauengefängnis inhaftiert war, wie die Meral im Roman und die nach ihrer Freilassung nun in Deutschland im Exil lebt.

Der Roman erschien im Claassen/Ullstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit Lucy Fricke auf dem „Blauen Sofa“ hänge ich hier an:
https://www.zdf.de/kultur/das-blaue-sofa/fricke-blaues-sofa-leipzig-18-03-2022-100.html

Zum Weltfrauentag: Monika Vasik: Knochenblüten Elif Verlag / 100 Autorinnen in Porträts Piper Verlag

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Zum Weltfrauentag – wir hier in Berlin haben sogar heute Feiertag – möchte ich zwei Bücher von Frauen über Frauen vorstellen:

Die Wienerin Monika Vasik hat einen Lyrikband mit dem ungewöhnlichen Titel Knochenblüten geschrieben, in dem Frauen die Hauptrolle spielen. In ihrem Buch stellt sie auf jeweils einer Seite in gedichteten Porträts Frauen vor: Frauenrechtlerinnen, Malerinnen, Schriftstellerinnen, Vorreiterinnen, meist ihrer Zeit voraus. Ich finde, das ist eine wunderschöne Idee, den Frauen besondere Aufmerksamkeit zu widmen. Die Texte selbst sind natürlich Kunstwerke, die sich, wie ich finde, auch an der Sprache der jeweiligen Frau anlehnen und sie setzen jeder ein besonderes Denkmal. Eine eigentlich ideale Form der Annäherung an die Biographien der Frauen. Im Band sind die Gedichte chronologisch nach der Lebenszeit der Frauen sortiert, beginnend mit Christine de Pizan, 1364-1430, (die auch in 100 Autorinnen dabei ist, ebenso wie Maya Angelou), und endend mit Silvia Bovenschen, 1946-2017. Ich kannte nicht alle, habe mich aber sofort daran gemacht, mehr über das jeweilige Tun und Schaffen herauszufinden.

„Dies Wirbeln dies Bewusstseinsrumoren
innerer Monologe im Kopf alles schreit
schrie ungeordnet wie es drängte sich stülpte
im Jetzt schädelte gegen Wand um Wand
sie spitzte die Feder stach tief sprengte Wörter
it`s writing that gives me my proportion

aus „Schwermütige Partituren“   ~ Virginia Woolf

Wie lange muss Monika Vasik sich mit den Frauen beschäftigt haben, um solch intensive Gedichte zu schreiben? Die Gedichte wecken die Neugier. Dabei sind: die Malerin Artemisia Gentileschi, die Barockdichterin Sybilla Schwarz, die Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft, die Mathematikerin Ada Lovelace, die Politikerin Clara Zetkin, die Pazifistin Anita Augspurg, die Sozialpädagogin Alice Salomon, die Schriftstellerin Alfonsina Storni (siehe Foto unten), die Flugpionierin Amelia Earhart, die Malerin Lotte Laserstein (siehe Foto unten), die Künstlerin Louise Bourgeois, die Bürgerrechtlerin Rosa Parks, die Filmemacherin Agnès Varda, die Juristin Ruth Bader Ginsburg und viele andere. Große Empfehlung!

Die Herausgeberinnen Verena Auffermann, Julia Encke, Gunhild Kübler (1944-2021), Ursula März und Elke Schmitter, alle selbst als Autorinnen/Publizistinnen bekannt, stellen in ihrem Buch 100 Autorinnen in mehrseitigen Porträts vor. Ich habe festgestellt, dass ich den Vorgänger dieses Buches bereits im Regal stehen habe. Damals waren es 99 Autorinnen und Julia Encke war noch nicht Mitherausgeberin. Dennoch hat sich einiges verändert, es wurden mehr aktuelle Autorinnen dazu genommen, während andere wegfallen mussten. Schwer ist solch eine Wahl immer. Doch die Erweiterung in die aktuelle, zeitgenössische oder neu entdeckte, teils feministische Literatur ist gelungen und von großem Mehrwert. So kommen zum Beispiel zu Klassikerinnen wie Ilse Aichinger, Ingeborg Bachmann, Elfriede Jelinek, Silvia Plath, Claire Lispector, A. L. Kennedy, Toni Morrison, Arundhati Roy, Ludmila Ulitzkaja, Marina Zwetajewa, neue Namen, unter anderem: Leila Slimani, Juli Zeh, Han Kang, Rachel Cusk, Olga Tukarczuk, Siri Hustvedt, Annie Ernaux (siehe Foto unten), Maya Angelou. Die Texte der Herausgeberinnen sind kurze Essays, die biographischen Einblick bieten, über das Werk und die Arbeit am Text erzählen, Texte reflektieren und sie mitunter in einen aktuellen Kontext stellen. Ich finde in der neuen Ausgabe so einige Autorinnen, die mir selbst ans Herz gewachsen sind. Ich habe die entsprechenden Namen mit den bereits hier besprochenen Büchern direkt verlinkt. Welch eine Fülle!

Und nun viel Freude mit „Frauen schreiben“/“Frauen lesen“.

Monika Vasiks Lyrikband „Knochenblüten“ erschien im Elif Verlag. „100 Autorinnen im Porträt“ wurde im Piper Verlag herausgegeben. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Tove Ditlevsen: Gesichter Aufbau Verlag

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„Sie hatten recht. Ich heiße Lise Mundus. Und morgen werde ich nach Hause zurückkehren und anfangen, ein neues Buch zu schreiben.“

Mit diesem Satz, der ziemlich am Ende des schmalen Romans „Gesichter“ von Tove Ditlevsen steht, kehrt die Kinderbuchautorin Lise der Psychiatrischen Klinik den Rücken und damit auch ins Leben zurück. Für mich ist dieser Roman, der 1968 erschien, also nach „Kindheit“ und „Jugend“, aber vor „Abhängigkeit“ ein wesentlich reiferes und dichteres Buch als die berühmten Vorgänger. Da es zu großen Teilen in der Psychiatrie und im Wahn und den Halluzinationen der Hauptperson spielt, ist es sicher nicht jedermanns Sache oder wirkt für manchen vielleicht erschreckend. Mich hat es hingegen sehr bereichert und ich halte es für das beste ihrer Bücher. Denn im wahnhaften Zustand der Heldin sind durchaus die Motive erkennbar, die zu diesem geführt haben könnten. Zudem schafft Ditlevsen gerade innerhalb dieser Thematik leichterhand eine poetische, hoch aufgeladene Sprache, die nie künstlich, aber fein und kunstvoll wirkt.

„Wenn sie ihre Figuren erst einmal erschaffen hatte, verselbstständigten sie sich. Das Schreiben war immer wie ein Spiel für Lise gewesen, eine beglückende Beschäftigung, die es ihr ermöglichte, alles andere auf der Welt zu vergessen. Sie dachte: Wenn ich wieder mit dem Schreiben anfange, wird dieser Alptraum vorbei sein.“

Lise lebt mit ihren drei Kindern, Mogens, Hanne und Søren, ihrem Ehemann Gert und der Haushaltshilfe Gitte in einer Wohnung in Kopenhagen. Lise hat mit ihren Kinderbüchern viel Erfolg und bereits einen angesehenen Preis erhalten. Gert arbeitet in einem Ministerium. Doch Lise hat lange nichts mehr geschrieben, sie zweifelt an sich und ihrem Können als Schriftstellerin. Sie glaubt, nicht gut genug oder zu alt zu sein für ihren Mann und die Kinder. Gert indessen geht munter fremd, sogar Gitte lässt er nicht aus. Die junge Frau hat zuvor in einer freizügigen 68er-Kommune gelebt und dort auch mit Drogen wie LSD experimentiert. Immer mehr entfernt sich Lise von der Familienwelt, glaubt alle hätten sich gegen sie verschworen und als ihr Mann ihr eines Abends vom Suizid seiner Geliebten erzählt, bricht etwas. Kurz darauf nimmt Lise eine Überdosis Schlaftabletten, ruft aber vorher noch den Arzt Dr. Jørgensen an, der ihr zuvor schon bei psychischen Problemen geholfen hatte.

„Die Wirklichkeit“, sagte er, „existiert nur in ihrem Gehirn. Wenn sie das verstehen würden, ginge es ihnen besser. Sie existiert objektiv betrachtet gar nicht.“
„Wo existiere ich denn dann?“ fragte sie.
„Im Bewusstsein der anderen“, erklärte er geduldig.“

So finden wir Lise zunächst in der toxikologischen Abteilung, dann in der offenen Psychiatrie wieder. Doch hier entwickeln sich ihre Halluzinationen rasend schnell weiter. Sie malt sich das Ausmaß der Verschwörung zuhause aus: Gitte und Gert wollten sie loswerden. Sie glaubt, man will sie vergiften, und sie hört Stimmen. Bald wird sie in die geschlossene Abteilung verlegt, wo sie glaubt, Gitte wäre eine der Krankenschwestern. Nun hört sie Stimmen aus den Lüftungsschächten und aus den Wasserrohren oder gar aus einem Mikrophon im Kopfkissen. Sie hält einen Pfleger für Gert und nur bei einer Mitpatientin, die sie regelmäßig besucht, später bei einer Pflegehelferin, wird sie ruhiger. Im Wahn spiegelt sich weiter die Sorge, nicht gut, nicht schön genug zu sein; alle Stimmen hacken auf sie ein – sie solle dies und jenes tun – Schlaf findet sie kaum, denn bei geschlossenen Lidern tauchen weitere Schreckensbilder auf. Dabei spielt auch der Titel des Buches eine Rolle: Gesichter verschieben sich zu Masken oder Larven, gar zu Tiergesichtern, manche Menschen scheinen doppelgesichtig oder mehrere Gesichter zugleich zu haben.

„Von einer unbestimmten Unruhe ergriffen, trat sie in den erinnerungslosen Raum, in dem die Patientinnen ihren Besuchern mit konturlosen Vergangenheitsgesichtern gegenübersaßen, die sie aus dem Schrank gezogen hatten, wo sie auf Bügeln zwischen den Kleidern hingen, die nie passten.“

Erst als Dr. Jørgensen Lise Stift und Papier bringen lässt und sie auffordert alles aufzuschreiben, Stimmen und Gesichter und alles, was sie sonst bewegt, beginnt ein heilsamer Prozess.

Als sie nach drei Wochen – als Leserin glaubte ich es wären Monate vergangen – wieder aus der Psychiatrie entlassen wird, holt ihr Mann sie ab und verspricht ihr einen Neuanfang, Gitte habe er rausgeschmissen. Lise lässt sich darauf ein. Im tiefsten inneren weiß sie aber, dass es nur darum geht, endlich wieder in Ruhe und mit Energie ein Buch schreiben zu können. 

Im Grunde könnte man Lises Tabletteneinnahme auch als Versuch des Selbstschutzes deuten. Auch im Nachwort der Übersetzerin stehen dazu Hinweise. Der Versuch, sich aus der Schreibblockade und der anstrengenden Familienkonstellation zu befreien, um wieder Kräfte zu sammeln fürs Schreiben. Die Hölle, durch die sie dabei geht, wäre dann der Raum, alle schädlichen Einflüsse aufzuarbeiten und sich aus dieser Situation heraus zu stabilisieren, eine Art Katharsis zu durchleben. Ich empfinde das durchaus als plausibel. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Aufbau Verlag. Es wurde von Ursel Allenstein wunderbar übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Die Kopenhagen-Trilogie habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Irmgard Keun: Nach Mitternacht Claassen Verlag

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„Ein Deutschland mit unfrohen rohen Gesängen und drohenden Rundfunkreden, mit der künstlichen Dauer-Ekstase von Aufmärschen, Partei-Tagen, Heil-Jubeln und Feiern. Ein Deutschland voll berauschter Spießbürger. Berauscht, weil sie es ein sollten – berauscht, weil man ihnen Vernunftlosigkeit als Tugend pries – berauscht, weil sie gehorchen und Angst haben durften und berauscht, weil sie Macht bekommen hatten.“

So schreibt Heinrich Detering im Nachwort des Romans über das, was Irmgard Keun 1947 zu ihrem Buch sagte, was sie darin hatte zeigen wollen. Nun wurde „Nach Mitternacht“ neu aufgelegt mit einem wunderbaren Cover, welches der Roman auch bei der ersten Auflage im Jahr 1937 beim Exilverlag Querido in Amsterdam trug. Die 1905 in Berlin geborene Autorin hatte mit ihren Romanen großen Erfolg, besonders mit „Das kunstseidene Mädchen“, musste aber aufgrund der Verbote durch die Nationalsozialisten 1936 ins Exil gehen. Unter anderem ging sie nach Oostende, wo sie auf Josef Roth traf und mit ihm eine Beziehung einging. Sie kehrte 1940 wieder nach Deutschland zurück und lebte mit falschen Papieren aber unerkannt bis 1945 in ihrem Elternhaus in Köln. Nach dem Krieg dauerte es, bis ihre Literatur wieder bekannter wurde. Erst in den Siebziger Jahren wurde sie erneut entdeckt.

Was ich an Irmgard Keuns Romanen so liebe, ist dieser frische, oft naiv aber doch frech anmutende Ton in ihren Texten. Sie erfindet schöne Wortkombinationen, die für mich auch als eine Art Erkennungszeichen fungieren:

„Noch nicht mal mein Haar leuchtet. Es hat eine blonde Farbe, die schläft.“
oder
„Am liebevollsten konnte der Franz es sagen: „Sanna“. Weil er ja überhaupt so langsam und samtig denkt.“
oder
Leise plätscherten ihre Gespräche, es hörte sich an, als regne es im Lokal.“

Die Geschichte um die 19-jährige Susanne, Sanna genannt, spielt innerhalb 48 Stunden in Frankfurt am Main des Jahres 1936. Sanna wohnt dort bei Algin, ihrem Stiefbruder, der bis zur Machtübernahme der Nazis ein bekannter und oft gelesener Schriftsteller ist und seiner Frau Liska in recht wohlhabenden Verhältnissen. Vorher lebte sie bei Ihrer Tante Adelheid in Köln, einer verbitterten Frau, deren Sohn Franz nun allerdings ihr Liebster ist. Sanna musste dort weg, weil die eigene Tante sie bei der Gestapo denunziert hatte und sie nur mit viel Glück nach dem Verhör frei gelassen wurde. Sie hatte ganz unbedarft etwas über die Reden des Führers gesagt, was nicht gut ankam.

„Durch die Diktatur ist Deutschland ein vollkommenes Land geworden. Ein vollkommenes Land braucht keine Schriftsteller. Im Paradies gibt es keine Literatur. Ohne Unvollkommenheiten gibt es keine Schriftsteller und keine Dichter. Der reinste Lyriker bedarf der Sehnsucht nach Vollkommenheit. Wo Vollkommenheit ist, hört die Dichtung auf. Wo keine Kritik mehr möglich ist, hast du zu schweigen.“

In Frankfurt nun ist ihre kleine Welt, die Wohnung von Algin und seiner Frau Liska und deren Freunde und Bekannte. Der Brief von Franz, der eines Tages nach langer Schreibpause eintrifft, lässt sie hoffen, dass er nun nach Frankfurt kommt und ihr gemeinsames Leben doch endlich beginnen könnte. Am gleichen Tag wird der Führer in Frankfurt erwartet, der Opernplatz fühlt sich mit Menschenmassen, während Sanna mit ihrer Freundin Gerti durch die Straßen, Cafes und Kneipen streift. Für die Wartenden wird es eine Enttäuschung, denn Adolf Hitler fährt mit großem Troß durch die gesperrten Straßen, hält jedoch nicht an, die erwartete Rede fällt aus.

„Jetzt heult die Gerti plötzlich los, weil sie den jungen Aaron heute nicht getroffen hat, ich muss sie trösten. So ein Mädchen verliebt sich nun ausgerechnet in einen verbotenen Mischling, wo es doch immer noch Männer gibt, die von der Behörde erlaubt sind.“

Aus Sannas Erzählungen erfahren wir, wie sie, die eigentlich unpolitisch ist, sich mit der „Weltanschauung“ der Nationalsozialisten auseinandersetzen muss. Durch ihre Offenheit und Direktheit ohne Hintergedanken eckt sie mitunter an. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird die Situation beleuchtet. Während die Deutschen immer hitlerhöriger werden, verstummen kritische Stimmen, freiwillig oder gezwungenermaßen, während jeder jeden aus den geringsten Gründen denunzieren kann, glauben viele Juden nicht, dass es für sie wirklich gefährlich werden wird.

Keun erzählt davon beeindruckend, oft mit herrlichem Witz, Esprit und Ironie, die trotz des schweren Themas vollkommen angemessen und passend erscheinen. Sie hatte eine echte Gabe fürs Erzählen. Die Protagonistin Sanna, die sich selbst immer als sehr unwissend und einfach sieht, und auch nicht schön genug im Verhältnis zur Freundin Gerti etwa, darf durch das sichere Wissen und Begreifen der Autorin hindurchstrahlen. Sie schafft es auch geschickt, Männer zu entlarven, Männer, die oft groß tun und behaupten sehr viel Wissen und Erfahrung zu haben und dann doch nur in der Kneipe alkoholisiert groß daherreden. Das durchschaut auch Sanna und da passt der ruhige Franz ja eigentlich dann doch am besten zu ihr.

Franz kommt wirklich nach Frankfurt, nach Mitternacht, als ein großes Fest im Haus von Algin und Liska stattfindet. Doch er kommt nicht zum Feiern, er hat Schlimmes mitzuteilen. Ihre gemeinsame Zukunft, sofern sich Sanna wirklich dafür entscheidet, scheint unter keinem guten Stern zu beginnen …

„Wir leben nun mal in der Zeit der großen Denunziantenbewegung. Jeder hat jeden zu bewachen, jeder hat Macht über jeden. Jeder kann jeden einsperren lassen. Der Versuchung, diese Macht auszuüben, können nur wenige widerstehen. Die edelsten Instinkte des deutschen Volkes sind geweckt und werden sorgsam gepflegt.“

Ich habe den Roman als sehr zeitgemäß empfunden und finde ihn gerade auch als Einstieg in Keuns Literatur geeignet, obgleich er wesentlich düsterer ist und schwerer wiegt, als beispielsweise „Das kunstseidene Mädchen“ oder „Kind aller Länder“. Mir scheint, jedes ihrer Bücher hat einen ganz eigenen Reiz und ich lege die Lektüre jedem ans Herz.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.