Eckhart Nickel: Spitzweg Hörbuch speak low



„Wie etwas gemeint ist, darüber haben sich auch die klügsten Geister schon immer den Kopf zerbrochen. Jedes Mal, wenn ich einem Streit beiwohne, habe ich den Eindruck, das alles Übel dieser Welt daher rührt, dass Menschen verschiedener Meinung sind.“

Wie habe ich als Teenager die Bilder von Carl Spitzweg geliebt, allen voran „Der arme Poet“ (nicht ahnend dass ich selbst einmal ähnlich arm poetisch unterm Dach sitze – Haha!). Ich glaube mit ihnen hat meine Freude an Kunst begonnen. Da wurde ich natürlich sofort aufmerksam auf den Roman von Eckhart Nickel. Auf dessen Cover ist allerdings „Der Hagestolz“ abgebildet. Das ist ein geschickter Schachzug, denn tatsächlich geht es ganz am Schluss des Romans dann in einem fabelhaften Showdown um ein anderes Werk des Malers der Spätromantik.

Welch ein kluges, witziges, sprachfertiges, anspruchsvolles Buch! Coming of Age-Geschichten sind sonst so gar nicht mein Ding, aber hier ist es Nickel wirklich gelungen mich zu begeistern. Vielleicht auch, weil ich mir selbst so einen gebildeten kunstbegeisterten Freund in meiner Jugend gewünscht hätte, wie es Carl im Roman für den jugendlichen Helden ist. Die ausgewählten Zitate zeugen als Beispiele davon, warum mich dieser Roman so gut unterhalten hat und gleichzeitig mit seiner feinen Sprache fasziniert hat. Er wird hervorragend und absolut passend zum Inhalt und Stil interpretiert von Schauspieler Andreas Hutzel.

„Ich habe einmal gelesen, es sei die einzige Aufgabe unseres Daseins einen Mittelweg zwischen Schmerz und Langeweile zu finden. Also eine Balance herzustellen zwischen Entbehrung und Überdruss. Und dass es nur dadurch möglich sei sich einen inneren Reichtum aus Geist und Empfindungen anzulegen, der uns unabhängig mache von den Unbilden stumpfer Geselligkeit, wie sie die äußere Welt für uns bereit hält mit der geistlosen Leere der Zerstreuungssucht und der Verrohung ihrer Sinne bis zur Empfindungslosigkeit. Nur wie sieht dieser innere Reichtum aus? Wie und wo häufe ich ihn an?“

Gleich eingangs findet sich ein Beispiel, welches aufzeigt, weshalb viele Menschen schon in der Schule vom Kunstunterricht vollkommen entmutigt sind und so auch später immer sagen werden: „Ich kann nicht malen“ oder „Ich kann mit Kunst nichts anfangen“. Kunstlehrer*innen und die Notengebung sind eher oft das Problem. Auch der Umgang mit und der Blick auf Kunst wird hier geprägt. Ich hatte damals das große Glück eine wunderbare und fördernde Kunstlehrerin zu haben. Das hat mich weit getragen. Der Hauptprotagonist jedoch meint gleich eingangs, dass er mit Kunst eigentlich wenig am Hut hat, außer mit den in Zeitungen oft zu findenden Suchbildern, in denen man 10 Unterschiede zum Originalkunstwerk entdecken soll. Doch oben genannte Szene im Kunstunterricht öffnet unerwartet die Türen für neue Betrachtungsweisen und beschert dem Helden einen neuen Freund, einen wahren Kunstdurchdringer und durch ihn die Nähe zu seiner Angebeteten, einer kunstbegabten Mitschülerin. Er, der bisher darunter gelitten hat, dass er mit einer allzu normalen, langweiligen Familie geschlagen ist, zehrt nun von der Besonderheit und Eigenart seiner Freunde und wächst selbst.

„Ich hatte mir angewöhnt bei einem Spezialisten für Antiquarisches in der Altstadt zu suchen, der auch ab und zu wohlfeile Neuausgaben führte, bei denen zum Glück die Preisbindung aufgehoben war, aber der Stempel, mit dem sie quer über die Unterseite versehen waren, störte mich enorm wegen des hässlichen Wortes. Ich hatte immer das ungute Gefühl, der Umstand, dass sie als Mängelexemplar gekennzeichnet waren, färbe in Folgerichtigkeit nicht nur unweigerlich versteckt auf den Inhalt, sondern irgendwann auch auf den Leser selbst ab. Also mich.“

Dieser Carl (!) lebt wie ein junger Dandy, drückt sich gewählt aus und lädt unseren Helden in sein kleines geheimes Refugium, serviert exklusiven Tee und philosophiert und erzählt exzellent und kurzweilig über Kunst. Bald stößt auch noch Kirsten dazu, die von der Kunstlehrerin aufgrund eines Selbstporträts gedemütigt wurde. Die drei Außenseiter verstehen sich auf Anhieb und bald wächst in Carls blühender Fantasie ein Plan, wie man der Kunstlehrerin ihre Unsensibilität heimzahlen kann. Der Plan wird gleich am nächsten Tag in die Tat umgesetzt und Kirsten verschwindet. Zumindest soll es in der Schule so aussehen, tatsächlich soll sich Kirsten im Geheimzimmer von Carl verstecken.

Nun läuft nicht alles so wie geplant, aber letztendlich auch nichts verkehrt. Es gibt Überraschungen und seltsame, ja gefährliche Begegnungen und auf der Suche nach Kirsten, die dann plötzlich wirklich verschwunden ist, landen alle im Kunstmuseum. Hier kommt es (zumindest für mich, die ich jedes im Roman erwähnte Gemälde googelte) auch zu dem großen Aha-Erlebnis bezüglich eines Spitzweg-Gemäldes. Und zu einem doch sehr spannenden und einfallsreichen Countdown, der sicher die Freundschaft der drei Protagonisten aufs Schönste besiegelt.


Ich liebe diesen Roman sehr. Ich liebe seine wundervoll altmodisch geschnörkelte Sprache weitab vom Mainstream, auch inhaltlich. Kunst ist das Hauptthema, das jedoch in allen Facetten abgebildet wird und Neugier weckt. Vielseitig zeigt Nickel hier auf, in welcher Weise man mit Kunst umgehen kann, wie man über sie sprechen kann, dass sie ein großes feierliches Erlebnis wird, aber gleichzeitig nicht abgehoben wirkt. Ich bewundere diese Sprachfertigkeit. Dieser Roman hat Stil und vergisst nicht einmal den Humor, der manchen guten Romanen fehlt. Große Empfehlung! Warmes Leuchten!

„Es gibt diesen Notausgang gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ – Schönster Satz, denn ich hätte zur Zeit manchmal auch gerne so einen rettenden Notausgang. Gemeint ist hier der im Kunstmuseum, dessen Räume nach Epochen aufgeteilt sind.

Ich danke dem Hörbuchverlag speak low für das Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier. Die Daumen sind gedrückt für den Deutschen Buchpreis!

Ich habe die drei wichtigsten Gemälde aus dem Roman hier mit eingestellt. Für mich sind die Bilder eine schöne Ergänzung gewesen. Und hier gehts zum hochinteressanten Hintergrund der Geschichte:
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/anwalt-gesteht-spitzweg-diebstahl-1486243.html

Fotos gemeinfrei Wikimedia commons

Werbung

Katie Kitamura: Intimitäten Hanser Verlag

Die Autorin Katie Kitamura ist für mich eine echte Entdeckung. Sie schreibt so unglaublich souverän und klug. Sie bringt brisante Themen in ihren Roman, ohne plakativ, laut und oder aufdringlich zu wirken, wie es in vielen Büchern derzeit der Fall ist. Ihre Stärke ist die Tiefe, der genaue Blick, die echte Auseinandersetzung mit Inhalten. Mir war schon bei der Leseprobe klar, dass das ein Schatz ist.

Titel und Cover mögen die Leserin vielleicht in eine andere Richtung denken lassen, aber es geht nicht vordergründig um eine Liebesbeziehung, sondern generell um die Beziehungen und Abhängigkeiten von Mensch zu Mensch. Es geht um Wahrhaftigkeit, im Kleinen wie im Großen. Und darum wie wir uns und andere mitunter selbst belügen, oft ganz unbewusst, doch manchmal mit großen Konsequenzen. Wie selbst vertraute Menschen manchmal nicht das sind, was sie scheinen. Wir wir verheimlichen oder verschweigen, zum eigenen Schutz oder dem eines anderen. Dabei geht Kitamura in die Tiefe, ihre Gedanken, bzw. die ihrer Heldin, beeindruckten mich. Großartig zum Beispiel, wie sie ihre Protagonistin während einer Ausstellungseröffnung vor einem Bild alter Meister stehen lässt und wie sie es nach eingehender Betrachtung interpretiert, als sie sieht, dass es von einer Frau gemalt ist, was damals selten war. Wie die Autorin anhand dieser kurzen Szene das Thema Feminismus weitaus besser und eindrucksvoller vermittelt, als es derzeit vielerorts laute Stimmen und Debatten vermögen, gefällt mir sehr. Überhaupt ist es ein stilles, aber umso nachdrücklicheres Buch.

Eine namenlose junge Frau verlässt New York, wo sie ihren Vater lange pflegte, während die Mutter zurück nach Singapur ging. Als sie für eine Stelle als Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag angenommen wird, ist das für sie ein großer Schritt, auch mit der Hoffnung besetzt, einen neuen Lebensort zu finden. Die Arbeit ist teils sehr schwer. Hier gibt Kitamura einen schönen Einblick in die Aufgabe einer Simultandolmetscherin, noch dazu am Gericht. Es geht um Sprache und deren Grenzen. Hier heißt es nicht nur die richtigen Worte zu finden, sondern auch den Tonfall des sprechenden Zeugen oder Angeklagten genau zu treffen, dabei aber jegliche eigene Interpretation zu unterlassen oder gar emotional zu werden. Was in Anbetracht der Verbrechen in manchen Prozessen extrem schwer ist.

„Am Gerichtshof ging es um nicht weniger als das Leid Tausender Menschen, und wenn es um Leid geht, ist Authentizität unerlässlich. Und doch war der Gerichtshof seinem Wesen nach ein Ort größter Theatralik.“

Gleichzeitig lernt sie Jana kennen, eine Kuratorin am Kunstmuseum, durch die sie wiederum Adriaan kennenlernt, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Auf einer Vernissage lernt sie eine weitere Frau, eine Kunsthistorikerin kennen und deren Bruder, der eine alte Buchhandlung besitzt. Und wenn das banal und nach wenig Handlung klingt, so muss ich deutlich machen, dass Kitamura in diesen Begegnungen Einblicke gibt, die sehr deutlich die komplizierten Beziehungsgeflechte spiegeln und Verhalten und Geschehnisse in Bezug setzen zu uns Leserinnen selbst. Jeder kennt das, hat solche Freundschaften oder Beziehungen erlebt und/oder hinterfragt.

„Es ist erstaunlich einfach, Wahrgenommenes wieder zu vergessen, einen entsetzlichen Anblick, die Stimme, die das Unsagbare sagt – um in dieser Welt bestehen zu können, müssen wir vergessen und tun es auch, wir leben in einem Zustand des Ich weiß es, aber ich weiß es nicht.“

Als Adriaan, der noch verheiratet ist, wegen Scheidungsfragen zu seiner Frau nach Portugal fliegt, überlässt er Jana seine Wohnung, die jedoch stark die Handschrift seiner Frau trägt. Eine Woche will er bleiben, es werden viele Wochen und bald schon kommt kein Lebenszeichen mehr. Währenddessen muss die Heldin in einer Gerichtsverhandlung dolmetschen, in dem ein afrikanischer Präsident schwerer Gewalttaten gegen die Menschenrechte angeklagt wird. Als sie teils für die Verteidigung übersetzen muss, sogar persönlich im Vorfeld des Gerichtsaals, beginnt sie zu spüren, wie stark sie sich selbst zurücknehmen muss, um diese Arbeit souverän und perfekt, wie es notwendig ist, zu machen.

Letztlich gelingt es ihr und man bietet ihr sogar eine Verlängerung des Arbeitsvertrags an. Will sie hierbleiben? Nach der Enttäuschung mit Adriaan? Hier kommen nun die Begriffe Heimat und Sich-Zuhause-Fühlen ins Spiel. Die Frage an welchem Ort, wie und mit wem man leben will. Hier im Roman bleibt sie vorsichtig positiv unbeantwortet …

Katie Kitamura ist ein für mich großer Roman gelungen. Sie schaut genau hin, beobachtet und beschreibt äußerst subtil, wie Menschen sich verhalten, wenn es um Liebe, um Macht und um Gewalt geht. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Übersetzt hat es Kathrin Razum. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier.
Eine weitere begeisterte Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Mich hat der Roman auch erinnert an die bereits hier besprochenen Romane von Lucy Fricke und Nora Bossong:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2022/03/29/lucy-fricke-die-diplomatin-claassen-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/09/20/nora-bossong-schutzzone-suhrkamp-verlag/

Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug Hörbuch Der Hörverlag

Dirk Kurbjuweit thematisiert in seinen Romanen oft aktuelle gesellschaftliche Zustände. Mehrere Romane habe ich von ihm vor längerer Zeit gelesen. Dieser nun interessierte mich aufgrund der Thematik. Denn bereits dem Klappentext nach, kann man davon ausgehen, dass es sich um das Thema Rassismus dreht. Doch es geht um viel mehr. Es geht um Beziehungskonstellationen, die Kraft von Freundschaften, um die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Mainstream und Gutbürgerlichkeit, um alte und neue Verletzungen. Und die Geschichte ist spannend wie ein Krimi.

Vier Freunde machen regelmäßig einmal jährlich zusammen eine Reise. Das letzte Mal war es eine Bergwanderung in Südtirol, nun ist eine Kanupaddeltour übers Wochenende geplant. Unschwer ist die Landschaft als eine in Brandenburg zu erkennen, sehr wahrscheinlich ist es der Spreewald. Amalia, um die dreißig, ist die einzige Frau. Von ihr erfahren wir auch am meisten in mehreren Rückblenden. Dabei ist ihr Bruder Bodo, den sie selten sieht, und die Freunde Gero und Josef; alle sind bis zum Abitur gemeinsam zur Schule gegangen. Dann trennten sich die Wege. Nur Amalia und Josef waren länger zusammen, sie waren eine zeit lang ein Paar.

Gleich am ersten Abend, als sie in einem Landgasthaus übernachten, in dessen Schankraum sie zu Abend essen, wird Josef angefeindet und bedroht, da er schwarz ist. Amalia verteidigt ihn sofort, die anderen beschwichtigen. Am nächsten Morgen geht es weiter. Auch beim Kanuverleih wird Josef angegafft, die Freunde zahlen für schlechte Boote mehr als bei Buchung ausgemacht. Dennoch beginnen sie frohen Mutes mit der Fahrt. Amalia hat eine Karte, bestimmt die Richtung. Kurbjuweit gelingt es von da an eine Stimmung zu erzeugen, die die Leser*innen selbst auf der Hut sein lässt, wie es in kurzer Zeit auch die Paddler sind. Merkwürdigkeiten passieren. Ein Jäger mit einer Armbrust erschießt Rehe. Ein Pickup taucht in der Nacht unweit der Zelte auf, Kinder lassen die Kanus in die Schleuse, aber nicht mehr heraus. Immer sind es seltsame Dinge, die passieren, die aber doch auch zufällig passiert sein könnten. Sie begegnen einer seltsamen Glaubensgemeinschaft, einem Straußenzüchter. Als Leserin denke ich sofort an die Reichsbürgerbewegung oder die völkischen Siedler …

Da Amalias Karte nicht besonders genau oder alt zu sein scheint, wissen sie schließlich nicht mehr, wie sie am letzten Tag wieder den richtigen Weg zurück finden können. Sie paddeln von Fließ zu Fließ, alles sieht ähnlich aus. Die Stimmung verschlechtert sich. Nirgends haben sie mit dem Handy Empfang. Bald gibt es Streitereien, bald zeigt sich unterschwellig, wenn auch ungewollt, Misstrauen. Als eine Drohne an ihrem Rastplatz auftaucht und ein Päckchen ablegt, wissen alle, dass das nun kein Zufall mehr ist. Sie sind zum Ziel geworden. Vielmehr Josef ist zum Ziel von Fremdenfeindlichkeit geworden. Angst breitet sich aus, zurecht, denn die Zeichen werden immer eindeutiger. Bald zeigt sich, dass in Aussnahmesituationen auch Freunde, vielleicht unbewusst, zwischen schwarz und weiß differenzieren. Bald zeigt sich, dass diese so fröhlich begonnene Reise zum Kampf ums Überleben wird und eine große Prüfung für die Freundschaft.

„“Wahlen sind nicht immer und überall das richtige Mittel. Wahlen können spalten. Danach gibt es Gewinner und Verlierer. Wir sollten uns nicht spalten lassen.“
„Hast du mir nicht erklärt, dass Wahlen das große Fest der Demokratie seien. […] die makellose Grundlage der Macht? Die Macht ist hier. Die Pistole.““

Mehr will ich zum inhaltlichen Verlauf nicht verraten, um nicht die Spannung zu nehmen.

In Kurbjuweits Roman wird ein wichtiges Thema verhandelt, zudem ist die Geschichte wirklich spannungsreich komponiert. Was mir ein wenig unangenehm auffiel, war, dass der Autor die Landbevölkerung, die im Roman auftritt, als minderbemittelt und dümmlich darstellt. Das finde ich nicht gerecht. Nicht jeder Großstadtmensch ist per se einem Dorfbewohner geistig überlegen. Seltsam scheint mir auch, dass zur Sommerzeit keine anderen Kanutouristen unterwegs sind, die helfen könnten und auch das es durchgängig kein Telefonnetz geben soll, kommt mir unglaubwürdig vor. Mir schien es allerdings auch unmöglich, dass es Fremdenfeindlichkeit in einem solchen Ausmaß gibt. Ich kann die Geschichte zum Schluss hin dann auch nicht mehr als realistisch nachvollziehen. Auch das Ende lässt viel zu viele Fragen offen.

Das Hörbuch wurde von Shenja Lacher eingelesen, den ich bisher als Sprecher noch nicht kannte, der aber mit seiner Stimme genau den richtigen Ton für diese Geschichte trifft. „Der Ausflug“ erschien bei Der Hörverlag (als Buch bei Penguin). Ich danke für das digitale Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht Frankfurter Verlagsanstalt

20220325_1729079051102407915323619

Nach dem wunderbaren Leseerlebnis mit Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben“ über eine Schokoladenfabrikdynastie in Georgien war ich sehr gespannt auf den neuen Roman. Fast ebenso dick, über 800 Seiten, die mir bei „Das achte Leben“ fast zu kurz vorkamen, bin ich diesmal etwas verhaltener. Das liegt sicher vor allem am Inhalt. Ich konnte diese Geschichte nicht als eine große Geschichte der Freundschaft lesen, sondern las vor allem über Gewalt. Ob das nur mir so ging?

Der Roman schildert das Leben und Erleben von vier Freundinnen, seit Beginn ihrer Freundschaft zu Schulzeiten in den 80er Jahren: Dina, Nene, Ira und Keto. Aus dem Blickwinkel von Keto wird auch der ganze Roman erzählt. Wir erfahren gleich zu Anfang, dass eine der Freundinnen nicht mehr lebt. Die anderen treffen sich nach über 20 Jahren, es ist inzwischen 2019, zum ersten Mal wieder, anlässlich einer großen Foto-Ausstellung, die nach dem Tod Dinas, der Fotografin, in Brüssel stattfindet. Anhand der Fotos, die Keto der Reihe nach in der Galerie betrachtet und sich erinnert, hören wir von den jeweiligen Situationen im Leben der Freundinnen. Unterbrochen vom aktuellen Geschehen in der Galerie, tauchen wir immer wieder in die Geschichte der Mädchen, die alle in Tiflis lebten ab, aber eben auch in die Geschichte Georgiens mit ihren Wandlungen während der Zeit von Gorbatschows Perestroika unter der Sowjetunion über die folgenden oft blutigen Kämpfe mit teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen bis zur Unabhängigkeit.

Gleichzeitig erleben die Mädchen, deren Zusammenhalt trotz ihres unterschiedlichen Charakters, zunächst sehr stark ist, ihren Schulabschluss, ihre erste Liebe, ihre ersten Studien- und Berufserfahrungen. Ira beginnt ein Jurastudium, Keto studiert Restaurierung, Nene heiratet, aber nicht den, den sie liebt, Dina fotografiert und arbeitet bei einer Zeitung. Die jungen männlichen Protagonisten hingegen, Ketos Bruder, der mit Dina zusammen ist, Lewan, den Keto sehr mag, Nenes ungewollter Ehemann etc. sind alle mehr oder minder in der Unterwelt tätig, wo Bandenkriege herrschen, wo es um selbstgefällige Männlichkeit geht, um Schutzgelderpressung, wo Ehre und Ehrenmorde wichtig sind, wo es um Äußerlichkeiten und Reichtum mit entsprechenden Symbolen geht. Und mit alledem geht ein krudes Frauenbild einher: die Herabsetzung der Frau (vor allem, wenn sie eine eigene Meinung hat) himmelweit von Gleichberechtigung entfernt.

„In unserer Stadt waren die Mädchen pudrig und hauchzart, sie waren dafür gemacht, an der Ehre der Männer zu weben und ihnen warmes Brot zu backen. […] In unserer Stadt waren die Mädchen Goldfische, denen die Jungen Aquarien zu bauen hatten, um ihre liebsten Fische darin schwimmen zu lassen. In unserer Stadt waren die Mädchen flügellose Engel an dünnen Fäden, festgehalten von Müttern, Tanten, Großmüttern, die einst auch nicht hatten davonfliegen dürfen.“

Und genau das macht es mir schwer, den Roman zu lesen: Ketos Bruder, der Nene beschuldigt am Tod ihres Liebhabers Saba Schuld zu sein, weil sie nicht ihrem rohen, ungeliebten Ehemann treu ist, den sie nie wollte. Dabei ist natürlich ihr Ehemann Schuld, der seine „Ehre“ mit einem Mord verteidigen „muss“. Lewan, der dann eben jenen Liebhaber, seinen Bruder Saba, unbedingt rächen muss, der „Familienehre“ wegen, und der seinen Frust und seine unausgesprochenen Gefühle abreagiert, indem er Keto beinahe vergewaltigt. usw. usw.

Will ich das weiterlesen, denke ich nach etwa 400 Seiten? Bereits im Roman „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“ der Georgierin Tamar Tandaschwili las ich von solcher Misogynie, die offenbar bis in die Heutezeit reichen. Aber eben auf 180 Seiten, nicht auf 800. Scheinbar hat sich in Georgien nicht viel verändert, was Frauenrechte/sicherheit angeht? Womöglich hat sich überall nichts Wesentliches geändert? Ich denke an die Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Ich denke an die Mädchen in Indien, die einer Massenvergewaltigung zum Opfer fallen oder einem Säureanschlag oder gleich schon als Fötus wegen ihres Geschlechts abgetrieben werden. Ich denke an die Nachrichtensprecherinnen in Afghanistan, die auf Anordnung der Religionspolizei nun ihr Gesicht wieder verhüllen müssen. Wo bleiben die Frauenrechte? Mein Leseerlebnis dieses Romans lief immer wieder in genau diese Richtung, obwohl es sicher nicht der Ganzheit des Romans gerecht wird. Und so las ich dennoch weiter …

In nächsten größeren Abschnitt geht es gleich weiter mit mafiösen Strukturen (Schutzgelderpressungen, Bandenkriege, rohe Gewalt, Korruption, Drogenhandel) und frauenfeindlichem Verhalten. Die vier Freundinnen sind wirklich nicht zu beneiden in dem, was sie in solchen gesellschaftlichen Strukturen in dieser Zeit durchleben. Und es geht immer weiter mit Krieg und Gewalt, im Kleinen wie im Großen.

„- Er wird für alles Büßen. Das kannst du ihm ausrichten. Und wenn ich mitbekommen sollte, dass du dich weiterhin mit ihm triffst, dann werde ich dich umbringen. Dina, hörst du? Ich lasse nicht zu, dass du meinen Namen mit Dreck besudelst. –
Er hielt ihr die Messerspitze an die Kehle.“

Dina flieht vor einer zerbrochenen Liebe als Kriegsfotografin nach Abchasien. Ira geht mit Stipendium in die USA. Nene bekommt ein Kind. Keto fühlt sich für alle verantwortlich und vergisst dabei oft, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern. Sie lässt sich auch wieder auf diesen Lewan ein, bis alles wieder eskaliert. Ich bin beim Lesen mittlerweile wirklich richtig wütend. Niemals würde ich in solch einem Land leben wollen. Und ich wünsche mir sehr, dass die Freundinnen endlich diesen Kreislauf durchbrechen, endlich ausbrechen aus diesem von Männern bestimmten und beaufsichtigtem Leben. Doch durch all die Geschehnisse leidet auch die Freundschaft. Und durch Ira, inzwischen Anwältin, die für Nene, mehr als Freundschaft empfindet, die diese aber nicht erwidert, werden die Risse zwischen den Frauen immer größer. Und sie tun sich erneut auf, als sich die drei bei der Ausstellung nach so langer Zeit wieder in die Augen sehen …

Was als Schmöker erfreulich begann, wurde beim Lesen für mich zeitweise zu einer Tortur (siehe oben). Haratischwili kann Geschichten erzählen. Absolut! Doch für mich bleibt dieser Roman hinter „Für Brilka“ zurück. Mitunter war mir der Ton sehr pathetisch, auch die Liebesszenarien empfand ich als eher kitschig. Aber ich habe es zu Ende gelesen und war dann wieder etwas versöhnt, wie auch die Protagonistinnen. Fazit: Für Fans sicher ein Muß, für „Anfänger“ empfehle ich eher „Das achte Leben“. Was mich allerdings brennend interessieren würde, sind die Theaterstücke, die Haratischwili aus den Romanen gemacht hat. So weit ich weiß stehen sie aber nur in Hamburg auf dem Spielplan.

Der Roman erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura: https://letteraturablog.wordpress.com/2022/05/20/nino-haratischwili-das-mangelnde-licht/

Doris Knecht: Die Nachricht Hanser Berlin Verlag

20210810_1309302645269916127947911.jpg

Die Österreicherin Doris Knecht hat mich vor einigen Jahren mit ihrem Roman „Wald“ sehr begeistert. Auch „Besser“ gefiel mir. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie mich nicht so sehr überzeugt. Aber nun mit „Die Nachricht“ bin ich wieder dabei. Dieser Roman beleuchtet ein Thema, mit dem man eigentlich lieber nichts zu tun haben möchte, aber jede, die sich in Soziale Netzwerke begibt, könnte jederzeit ähnliches erleben. Cyber Mobbing sagt man wohl dazu, Stalking im Netz. So gut wie Vernetzungen hier funktionieren, können sie aber auch Menschen auf den Plan rufen, die nichts Gutes wollen, die anderen das Leben zur Hölle machen. Mit „Die Nachricht“ hat Doris Knecht ein brisantes Thema aufgegriffen und höchst spannend im Roman in Szene gesetzt.

Es geht um Ruth, deren Mann vor einigen Jahren gestorben ist, und die sich inzwischen mit ihrem Alleinleben ausgesöhnt hat, es sogar genießt. Es gibt im Haushalt noch den 15-jährigen Benni, Sohn Manuel ist bereits aus dem Haus. Doch auch ihre Stieftochter Sophie mit der neugeborenen Molly ist oft im Haus am Fluß im Grünen. Ruth kann überwiegend zuhause arbeiten, ihr Job ist Schreiben, Drehbücher und anderes. Um Freundinnen zu treffen fährt sie dann ab und an auch ins unweit gelegene Wien. Eines Tages erhält sie eine Email, in der unschöne Dinge über sie und ihren Mann stehen, dass er eine Affäre hatte z. B., was Ruth allerdings schon wusste. Sie vertraut sich Freundinnen an, vor allem Johanna, die sie schon ewig kennt, denn es bleibt nicht bei der einen Nachricht. Und die Nachrichten werden auch an Verwandte, ja an einen ihrer Arbeitgeber verschickt. Die meisten sagen dennoch, sie solle das einfach löschen und nicht weiter drüber nachdenken, irgendwelche Trolle eben. Das gelingt Ruth aber nicht so gut.

„Es fordert Leute heraus, wenn sie deine Stärke spüren und deine Unabhängigkeit, und manche von ihnen wollen dir das dann wegnehmen. Sie wollen dir zeigen, dass du gar nicht so stark bist und so unabhängig, wie du glaubst. Und sie beginnen ein Kräftemessen, ihre Kraft gegen deine, ohne dass du es merkst, und dann merkst du es.“

Glücklicherweise lernt sie in dieser Zeit einen Mann kennen, Simon, den ehemaligen Therapeuten ihres Sohnes Ben (Ben musste den tödlichen Skiunfall des Vaters quasi mit ansehen und benötigte Hilfe zum Verarbeiten). Die beiden treffen sich mehrmals und Ruth beginnt an eine neue Beziehung zu denken. Auch ihm erzählt sie von den immer ekliger werdenden Nachrichten. Doch Simon zieht sich oft zurück, findet Ausreden. Es kommt zu einer seltsamen On/Off-Beziehung. Allmählich merkt Ruth, dass ihr das nicht guttut und sie konzentriert sich wieder mehr auf ihre Familie und die Freunde. Wolf, ein guter Freund hat Krebs und sie beginnt sich um ihn zu kümmern. Und auch um Sophie und das Baby sorgt sie sich mit Hingabe. Als ihr die Idee kommt, dass die Freundin ihres Mannes die Nachrichten schreiben könnte, scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Viel später erst und mit Johannas Hilfe ergeben sich noch andere Verknüpfungen …

Doris Knecht schreibt fesselnd und entwirft ein Szenario, welches man wirklich nicht selbst erleben möchte. Dass Freundinnen, von denen Ruth glaubte, dass sie immer zu ihr stehen, plötzlich die Schuld bei ihr selbst suchen oder die Nachrichten klein reden wollen, dass man ihr rät, mal ein wenig zu entspannen oder eben wirklich etwas dagegen zu tun (Anzeige etc.), wenn die Nachrichten sie so sehr stören, ist für sie ein Schock. Wem kann sie eigentlich noch trauen? Auf wen ist Verlass?

„Was ich spürte: dass ich nicht nur allein war, ich war auf mich gestellt. Die Liste der Leute, auf die ich zählen konnte, war plötzlich viel kürzer geworden, sehr kurz. Ich musste es ab hier allein schaffen.“

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer Mare Verlag / btb Verlag

20190715_1503591355178350273904883.jpg

Der Roman „Kanalschwimmer“ der Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Draesner ist nun auch als Taschenbuch erschienen. Wie ich vermute, entstand er oder wurde zumindest angeregt durch Draesners Aufenthalt als poet in residence in den Jahren 2015 bis 2017 in Oxford. Denn auch der Roman spielt teilweise in dieser kleinen aber höchst bekannten englischen Universitätsstadt beziehungsweise am und im Wasser des Ärmelkanals zwischen Dover und Calais.

Ich bin zunächst hin- und hergerissen zwischen „oje, überdreht“ und „erfrischend extravagant“. Und das natürlich in Bezug auf die Sprache. Bei Draesner geht es immer vor allem um Sprache. Denn diese Geschichte des alternden Mannes, der es noch einmal wissen will und damit unbedingt auch seine Angetraute wieder zurückgewinnen will, der also mit über sechzig den Ärmelkanal an der engsten Stelle zwischen Dover und Calais durchschwimmen will, wie es tatsächlich heutzutage viele machen, wie ich bei Recherchen feststellte (auf der Suche nach Grenzüberschreitungen? dem Kick? dem wahren Ich?), ist nicht das Spannendste am Roman. Es ist schon die Sprache und auch die zunächst wenig stringent erscheinende Erzählstruktur, die im Vordergrund steht.

Es gibt enorm viele Sätze mit höchst experimentellem Charakter, auch Kombinationen, die, wie ich finde, fragwürdig sind:

„Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer aus Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert.“

Sehr spannend ist, was ich im Verlauf des Lesens spürte: Wenn Draesner Held Charles im Kanal schwimmen lässt, an seine Grenzen bringt bzw. grenzenlos werden lässt, dann ist die Geschichte am stärksten, dann fließt sie, wird selbst durchlässig wie Wasser.

Die in Rückblenden, während des Schwimmens von Charles erinnerten Beziehungsthemen hingegen, wirken auf mich sehr unruhig. Aber vielleicht ist das gerade die beabsichtigte und letztlich auch gelungene Konstruktion der Autorin.

Ganz am Rande steht für mich dann auch die Beziehungsgeschichte von Charles und Maude, die nach 30 Jahren noch einmal eine große Veränderung erfahren könnte, wenn es nach der Pianistin Maude ging. Sie wünscht sich eine Dreierbeziehung zusammen mit Charles ehemaligem besten Freund und Konkurrenten Silas.

Und ja, hier werde ich das so oft bei Besprechungen verwendete „in den Sog geraten“ tatsächlich auch einmal anwenden, denn es passt so schön zum Meer und dem Kanalschwimmer-Helden Charles, den ich anfangs noch skeptisch, zum Schluss hin doch durchweg sympathisch in seinem Menschlich-Sein, wenn nicht gar in seiner Menschwerdung, im Ärmelkanal begleiten durfte. Und ein Hoch auf die Autorin, die es schafft, die dringlichste Frage, die uns Leser durchs Buch treibt, ohne Antwort zu lassen: Schafft er es oder schafft er es nicht? Ein Leuchten!

Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“ erschien zuerst im Mare Verlag, nun als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Zu weiteren Besprechungen hier auf meinem Blog von Ulrike Draesner:
„Mein Hiddensee“, „Eine Frau wird älter“ und zum Hörbuch „Happy Aging“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Kaśka Bryla: Roter Affe Residenz Verlag

Bereits das Cover dieses Buches lockte mich. Schwarz/weiß, Kohle? Tusche? Graphit? eine herausgearbeitete Landschaft? Da ich selbst viel mit diesen Materialien und in schwarz/weiß arbeite, interessierte mich die Künstlerin. Das Buch passte dann auch ausgezeichnet zu einer meiner Graphitfrottagen und wurde darauf abgelichtet.

Der Debütroman von Kaśka Bryla ist allerdings alles andere als schwarz-weiß. Obwohl es um Gut und Böse geht, über das auch heftig und klug diskutiert wird. Die Figuren rund um die Heldin Mania sind allesamt bunt schillernd und auf der Höhe der Zeit und gleichzeitig auch wieder ganz normal menschlich. Da ist Mania selbst, die Psychologie studierte, in Indien lange in Ashrams meditierte, und als Gefängnispsychologin mit Mördern und Vergewaltigern in Berlin Moabit arbeitet. Da ist die Hackerin Ruth, die in Wien lebt, deren Großeltern als Juden Polen verlassen (mussten) und die Mania sehr vermisst. Da ist Zahit, aus Syrien geflüchtet und von Mania 2015 über diverse Grenzen nach Österreich gerettet, der noch keine Aufenthaltsgenehmigung hat, dafür aber mit Drogen dealt und bei Frauen gut ankommt. Da ist Tomek, Kindheitsfreund von Mania, der in Wien lebt, Mania vermisst, aber nun mit der geheimnisvollen düsteren Marina lebt. Der allerdings plötzlich verschwunden ist. Und nicht zu vergessen, die kluge Labradorhündin Sue, die womöglich sogar die eigentliche Heldin des Romans ist.

Mit Tomeks Verschwinden beginnt auch die Reise Manias auf den Spuren der Vergangenheit. Es beginnt mit dem Aufbruch von Berlin nach Wien, wird aber sofort durch Rückblenden gebrochen. So erleben wir prägende Szenen aus der Kindheit Manias und Tomeks, deren beider Eltern aus Polen nach Österreich emigriert sind. Mania schon damals die stärkere der beiden, Tomek oft in sich gekehrt. Ein Erlebnis im Alter von 10 Jahren, aufgrund dessen beide Kinder in psychologische Behandlung gehen müssen, schmiedet beide zusammen. Was es damit auf sich hat, erfährt die Leserin im Verlauf des Romans. Bryla schafft es extrem gut, die Spannung steigen zu lassen und zwar auf mehreren Ebenen.

Aufgrund von Aufzeichnungen, die Mania in Tomeks Wohnung findet, begeben sich Mania, Ruth, Zahit und Sue in Richtung Warschau, woher das letzte Lebenszeichen von Tomek kommt. Auf der Reise im Auto kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, zu philosophischen Diskussionen, zu Offenbarungen und zu Unvereinbarkeiten. So klärt sich zumindest Ruths und Manias Verhältnis zueinander, welches dadurch wohl nie wieder so eng und vertraut sein wird, wie es während ihrer Liebesbeziehung war. Während Zahit eher eine Randfigur bleibt, mausert sich Hündin Sue zur echten Heldin, als es auf der Fahrt zum fast erreichten Ziel zu einem Unfall kommt. Sie ist diejenige, die schließlich Tomek durch Geruchsverfolgung aufspürt und ja, letztlich rettet. Sehr einfallsreich, die beiden Kapitel in der direkt aus der Perspektive von Sue erzählt wird.

Was meiner Meinung nach sehr diffus bleibt, ist die Beziehung von Marina und Tomek, obwohl ich darüber sehr viel in den tagebuchartigen Aufzeichnungen Tomeks lesen kann. Psychologisch lässt sich allerdings vieles im Roman deuten. Offenbar zieht Marina Tomek mit all ihren „Schatten“ so in ihren Bann, dass Tomek selbst zum Schattenträger wird. Oder hat er diese ohnehin aufgrund seiner Vergangenheit in sich?

„Heute denke ich, dass ich ihr und dem Schatten bereits am Tag unserer ersten Begegnung verfallen war. Dass sie mich damals schon überzeugt hatte. […] Der Unterschied zwischen Marina und mir bestand nur darin, dass sie die Wahrheit schon ihr ganzes Leben kannte. Die Wahrheit war der Schatten, und ich hatte ihn weit fortgesperrt.“

Der Selbstmord der Mutter Kaja spielt dabei sicher eine Rolle, aber eben auch jenes Ereignis als 10-jähriger. Dieses wiederum treibt Mania so sehr um, dass sie ihr ganzes Leben bisher darauf ausgerichtet hatte, eine vermeintliche Schuld zu tilgen. Dass sie dabei zwar erfolgreich vorgeht und letztlich Rache ausübt, macht sie selbst wiederum schuldig. Findet jedenfalls Ruth … Ich als Leserin irgendwie auch.

„Letztens habe ich gelesen, dass sich unser Gehirn in der frühesten Kindheit nicht über die Wahrnehmung von Objekten programmiert, sondern über die Wahrnehmung von Diskrepanzen. […] Dieser Theorie nach kann unser Gehirn nur etwas wahrnehmen, das unterschieden ist von etwas anderem.“

Geht also doch immer um Schwarz und Weiß, um Schuld und Unschuld, um Gut und Böse? Das eine gibt es nicht ohne das andere, wie es auch Tomek in seinen Aufzeichnungen festhält. Wenn ich jetzt nach der Lektüre ent-spannt auf die Geschichte zurückblicke, bemerke ich erst, wie vielschichtig das Ganze angelegt ist, wieviel Tiefe und doppelte Böden sich darin befinden. Wie viel man über dieses Buch sagen könnte, wie gut man darüber diskutieren könnte. So wünsche ich diesem Buch viele Leser*innen, auf das Diskussionen entbrennen. Ein Debüt, das mir auch sprachlich höchst gelungen erscheint und das trotz seiner spannenden Handlung und aufgrund seiner perfekten Konstruktion viel viel mehr als ein Krimi ist.

„Roter Affe“ erschien im Residenz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir Schöffling Verlag

20200727_1656405247368607071756894.jpg

„Monster wie wir“ ist der Debütroman der 1979 in Großenhain/Sachsen geborenen Ulrike Almut Sandig. Doch es gibt von ihr bereits Erzählungen und wunderbare Gedichtbände. Sandig ist bei weitem keine Debütantin, sie weiß mit Sprache umzugehen. Sie vertont viele ihrer Gedichte und ihre Lesungen sind sehr lebendig.

In ihrem Roman nun ist alles ganz anderes. Anders als die Gedichte aus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Auch anders als die Erzählungen aus „Buch gegen das Verschwinden“. Hier ist der Text zeitweise auch verrätselt, wie in manchen Gedichten, aber aus anderen Gründen. Hier gibt es zwei Familien, zwei Kinder stehen im Mittelpunkt. Schauplatz ist eine ländliche Gegend mit Braunkohleabbau. Hier wird eine ganz normale Familiengeschichte erzählt. Sie spielt in Ostdeutschland, teils als es noch DDR war, teils nach der Wende. Die Kinder heißen Ruth und Viktor. Die zwei Hauptteile des Romans sind nach ihnen benannt. Und es gibt Geheimnisse …

Erzählt wird aus der Sicht von Ruth, die kurz vor einem Konzert in Gedanken mit einen Mann namens Voitto spricht, der im Schlusskapitel wieder auftaucht.

Ruth begleiten wir von der Kindergartenzeit bis etwa ins Teenageralter. Ruth und ihr Bruder Fly spielen Instrumente: Cello und Geige. Der Vater ist Pfarrer, die Mutter Apothekenhelferin. Doch scheint die Ehe der beiden immer mehr in Schieflage zu geraten. Ruth hat auch Sorgen, sie hat aber auch einen guten Freund, nämlich Viktor, dessen Mutter aus der Ukraine kommt. Viktor erlebt in seiner Familie sexuellen Missbrauch durch direkte Familienmitglieder. So, wie es am häufigsten der Fall ist. Bei Viktor wird es uns direkt von der Erzählerin mitgeteilt. Bei Ruth gibt es Andeutungen, bleiben Fragen offen. Ruth wird mögliche Traumata mit der Geige wegspielen. Viktor will sie mit Springerstiefeln, Bomberjacke, großem Bizeps und Baseballschläger von sich fernhalten. Für beide ist Nähe schwierig. Körperliche wie emotionale.

„Bald las ich Noten verschiedener Schlüssel, als läse ich Geschichten. Ich spannte die Melodien in meinem Kopf auf und hangelte mich an ihnen entlang, entschlossen, weder die eigenen Fingerkuppen noch den Rest meines Körpers zu spüren.“

Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Viktor. Ein wie ein Neonazi gekleideter junger Mann wird Au-Pair bei einer wohlhabenden Familie mit zwei Kindern in Südfrankreich. Trotz der anfänglichen Zweifel der Eltern lebt sich Viktor in der Familie ein. Er kocht, putzt, bügelt, begleitet die Kinder auf dem Schulweg. Seine Sprachkenntnisse verbessern sich. Die Kinder beginnen, ihn anzuerkennen. So weit, so gut.

Dass dann aber – Vorsicht Spoiler – auch noch in der französischen Familie der Sohn vom Vater sexuell missbraucht wird, ist mir eigentlich zu viel. Wahrscheinlich ist die Geschichte so angelegt, damit Viktor diesmal einschreiten kann und nicht mehr hilfloses Kind ist. Das ist mir zu konstruiert. Hier fehlen mir die in den Gedichten verwendeten experimentellen und sprachbildnerischen Ideen. Und: Ist es in unserer Welt wirklich so? Erleben das wirklich so viele Kinder? Im Kreis der Familie, unabhängig vom Milieu? Ist das so verbreitet? Welch eine Horrorvorstellung! Welch ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft! Und wie wahr dann der Titel des Buches wäre! Ich möchte das nicht glauben.

Auch im letzten Kapitel, in dem man ein klein wenig von der Beziehung Ruths zu Voitto erfährt, geht es, wenn ich es richtig deute um Gewalt. Gewalt in einer Beziehung. Doch das braucht es wirklich nicht mehr, das Thema ist ausgereizt, der Bogen für mich längst überspannt.

Dennoch ist der Roman empfehlenswert, wenngleich mich die Gedichte und auch die Erzählungen von Sandig mehr ansprechen. Schon der Sprache wegen, aber auch wegen der vielen Auslassungen, die einen dazu bringen Lücken selbst zu füllen. Trotz des Themas, gerade wegen der mitunter feinen zarten Bilder von der Traurigkeit, der Hoffnung, die aus diesen Übergriffen, aus dieser Vernachlässigung der Menschlichkeit hervorgeht, ist dieses Buch so packend.

Das Buch erschien im Schöffling Verlag.
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs letteratura und leseschatz .

Zudem gibt es zwischen den durchweg positiven Stimmen im Feuilleton auch auf Deutschlandfunk Kultur die kritische von Sigrid Löffler, die sozusagen mit mir, einer Bloggerin im Internet(!), übereinstimmt, was die Überreizung des Themas Gewalt angeht.

Damiano Femfert: Rivenports Freund Schöffling Verlag

20200208_1249274364601677664509015.jpg

Der Debütroman Damiano Femferts sprach mich gleich an. Die Thematik erinnerte mich an Olivier Guezs Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“. Nur leider, gleich vorweg, erreicht dieser Roman nicht die gleiche Qualität. Handwerklich gut geschrieben, aber leider doch ziemlich vorhersehbar gearbeitet und mit mir teils allzu salopper Sprache. Hätte ich nicht immer wissen wollen, ob die Geschichte doch noch eine spannende Wendung nimmt, hätte ich womöglich nicht zu Ende gelesen.

Die Geschichte spielt 1952 im Norden Argentiniens. In der Nähe einer Kleinstadt nahe der Grenze zu Chile wird ein verletzter Mann gefunden, der keine Papiere bei sich trägt und bei dem sich nach den ersten Untersuchungen herausstellt, dass er offenbar das Gedächtnis und die Sprache verloren hat. Chefarzt Rodrigo Rivenport betreut den Mann, obwohl er sich lieber mit seiner Schmetterlingssammlung beschäftigen würde (was überflüssigerweise anfangs auch dauernd im Text betont wird), er ist leidenschaftlicher Hobby-Entomologe. Als sich der Patient von den körperlichen Verletzungen erholt, zeigt sich, dass der große blonde Mann mit blauen Augen durch die Amnesie mit einem kindlich fröhlichem, neugierigen Gemüt versehen ist. Irgendwann nennt er den Namen Kurt. Irgendwann stellt sich heraus, dass er perfekt Orgel und Klavier spielen kann. Irgendwann stellt sich heraus, dass er ein Deutscher ist.

Schon hier kann man sich aufgrund des Settings leicht vorstellen, wer Kurt wirklich ist. Doch Rivenport, der sich allmählich aus seiner langweiligen Lebensroutine befreit, sich mit dem „Blondschopf“ anfreundet und vieles gemeinsam erlebt, braucht noch viele Seiten für seine Recherche von biografischen Daten nach der Herkunft und Identität des Mannes. Als er sie schließlich erhält, bleibt die Gewissensfrage.

„Und doch wusste er, Kurt war schuldig. Er war einer jener Täter, für die der Nationalsozialismus und der mit ihm verbundene Horror stand. Kurt erinnerte sich vielleicht nicht mehr, aber er war es doch, der anderen Menschen das Leben zur Hölle gemacht hatte, nicht andersherum, wie Rivenport nach seiner Chile-Reise angenommen hatte.“

Kurt, der zunächst die Identität eines im KZ ermordeten Juden annahm, nach Südamerika floh und dort auf der Flucht mit dem unter wieder anderem Namen gekauften Auto, einen Unfall hatte, bei dem er das Gedächtnis verlor und fortan ein selbstvergessenes vollkommen im Jetzt verankertes Leben weiterführt. „Darf das sein?“, fragt sich Rivenport und denkt dabei an die Metamorphose der Lepidopterae, von der Raupe, zum Kokon, zum wunderschönen Schmetterling. Kann aus einem SS-Mann ein gütiger Mensch werden?

Der Roman des 1985 geborenen Autor erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leseprojekt Dag Solstad II: Elfter Roman, achtzehntes Buch / Scham und Würde Dörlemann Verlag

20200111_1244223203685365210381403.jpg

Bevor er sich in schriftstellerisch andere Bahnen bewegte, war der 1941 im norwegischen Sandefjord geborene Dag Solstad ein politischer Autor, dem Kommunismus zugetan. Als äußerst Linker versuchte er engagiert den Kapitalismus zu bekämpfen, was allerdings wenig am Boom desselben änderte. Solstad ist in Norwegen einer der bekanntesten Autoren und hat viele Preise erhalten. Möge er hierzulande auch gelesen werden. Seine Texte begeistern mich alle. Sie leuchten!
Nach „T. Singer“ und „Professor Andersens Nacht“ stelle ich nun noch diese beiden älteren Romane vor:

20200111_1244392108444486456796883.jpg
Mit „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ steht nun der Einzelne, nicht mehr die Gesellschaft im Vordergrund von Solstads Schreibens. Das Buch erschien in Norwegen bereits 1992. Es ist eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte.

Wir begegnen Björn Hansen, wie er am Bahnhof steht und auf seinen 20-jährigen Sohn wartet, der während seines Studiums in Kongsberg bei ihm wohnen will. Hansen hat den Sohn nicht mehr gesehen, seit dieser als 14-jähriger die Ferien bei ihm verbrachte. Von der Mutter Peters hatte er sich getrennt, als dieser gerade zwei Jahre alt war, weil er sich in eine andere Frau verliebte, zu der er Hals-über-Kopf von Oslo nach Kongsberg zog. Doch irgendwann war es auch hier aus mit der Liebe, obwohl beide die Leidenschaft zum Laientheaterspiel verbindet. Durch Turid lernt er auch den Arzt Dr. Schioch kennen (der später noch eine wichtige Rolle spielt), denn sie lädt gerne ihre Theatergruppe in ihre Villa ein. Als Stadtkämmerer hat Björn Hansen, nun alleine lebend ein gutes Einkommen. Sein soziales Leben beschränkt sich fast vollkommen auf ein befreundetes Ehepaar. Vom Zusammenleben mit dem erwachsenen Sohn erhofft sich Hansen Abwechslung und neue Energie in seinem Leben. Doch der Sohn hat seine eigenen Vorstellungen und bleibt unnahbar. Die beiden reden meist aneinander vorbei. Er erlebt, dass dieser bei Studienkollegen ein Außenseiter bleibt und merkt, dass er seinen Sohn eigentlich auch nicht wirklich gut leiden kann.

„Er redete ununterbrochen. Mit der immergleichen eintönigen, viel zu lauten Stimme. Über die Augen des Vaters hinweg, aber direkt in sein Ohr. Der Sohn nahm seine Ohren unter Beschuß. Das Ganze hatte sich völlig anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hatte.“

Scheinbar aus einer Laune heraus, die in bitterem Ernst endet, spinnt Hansen einen spektakulären Plan, wie er sich aus dem Leben fast ganz zurückziehen kann. Dr. Schioch spielt dabei eine tragende Rolle und ein weiterer Arzt in Litauen, wohin Hansen zu einer Dienstreise aufbricht und als ein vollkommen Anderer zurückkehrt …

Auch hier spielt die Gedankenwelt des Hauptprotagonisten wieder eine große Rolle. Ein Großteil des Romans spielt sich im Kopf von Hansen ab. Denn auch Hansen ist ein Grübler, ein Zweifler und ein seltsamer Zeitgenosse, über den man sich am Ende nur wundern kann. Wunderbar drückt Solstad hier die Distanz aus, die zwischen dem Vater und dem Sohn entsteht, nicht nur aus dem Persönlichen heraus, sondern auch durch den Generationenunterschied, der immer schnelleren Veränderungen unterworfen ist.

~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~~

20200111_1244557968784671678146235.jpg

 

„Scham und Würde“ erschien 1994 in Norwegen. Hier geht es um Elias Rukla, Lehrer um die fünfzig, der plötzlich im Pausenhof seines Gymnasiums ausrastet. Kurz davor hat er im Unterricht ein Ibsen-Drama behandelt und urplötzlich eine vollkommen neue Erkenntnis über das Stück erhalten. Und das nach 25 Jahren des Studiums und des Lesens dieses Stückes im Unterricht. Doch damit einher geht auch die Erkenntnis, dass seine Schüler so gar kein Interesse mehr am norwegischen Kulturgut haben, was er ihnen mühevoll zu vermitteln versucht. Draußen im Schulhof will er seinen Regenschirm aufspannen, da es regnet, doch es klappt nicht. Da brennt eine Sicherung bei ihm durch. Mit dem Schirm prügelt er wie besessen auf einen Brunnen ein und beschimpft gaffende Schüler. Danach verlässt er die Schule und beginnt ziellos durch die Straßen zu laufen. Nur weg. Dahin zurück kann er nicht mehr, denkt er. Und was wird dann aus ihm? aus seiner Frau?

Und dann beginnt langsam aber immer tiefer ein Zurückdenken. Ein Erinnerungsstrom daran, wie es überhaupt dazu kam, dass er seine Frau Eva traf und wie turbulent anfangs seine Studienzeit verlief: Dass der geniale, begabte Philosophiestudent, Luftikus und bald bester Freund Johan Corneliussen daran großen Anteil hatte und dass er mit ihm durch dick und dünn ging, bis dieser für alle vollkommen überraschend nach Abschluß seines Langzeitstudiums alle Brücken in Norwegen abbrach, die Philosophie aufgab und nach USA auswanderte …

„Man muss Studienrat Rukla einen zufriedenen Mann nennen, der leichten Fußes in dünnen Schuhen zu seinen täglichen Pflichten am Fagerborg Gymnasium aufbrach, die Jacob Aalls Gate hinaufging, im milden Monat März zur Zeit der Schneeschmelze an den Schlammlachen vorbei, etwa um das Jahr 1978 herum, und auch später noch, obwohl Eva Linde mit keinem Wort je gesagt hatte, sie würde ihn lieben.“

Auch hier wieder die Innenschau, die Reflektion. Doch spielt hier auch einmal eine Frau eine wichtige Rolle, eine Partnerschaft, die unter unguten Vorzeichen begann, die zwar hält, aber wenig trägt, aus Gründen, die dem Protagonisten wenig durchschaubar erscheinen. So wie seine Frau, einst eine Schönheit, die sich im Verlauf der Geschichte vom Schicksal der „schönen Frau“ emanzipiert und ihr aufgegebenes Studium wieder aufnimmt, ihn ebenso wenig in die Karten blicken lässt.

Beide Romane erschienen im Dörlemann Verlag in einer broschierten Ausgabe.  Übersetzt wurden beide von Ina Kronenberger. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite.