Doris Knecht: Die Nachricht Hanser Berlin Verlag

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Die Österreicherin Doris Knecht hat mich vor einigen Jahren mit ihrem Roman „Wald“ sehr begeistert. Auch „Besser“ gefiel mir. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie mich nicht so sehr überzeugt. Aber nun mit „Die Nachricht“ bin ich wieder dabei. Dieser Roman beleuchtet ein Thema, mit dem man eigentlich lieber nichts zu tun haben möchte, aber jede, die sich in Soziale Netzwerke begibt, könnte jederzeit ähnliches erleben. Cyber Mobbing sagt man wohl dazu, Stalking im Netz. So gut wie Vernetzungen hier funktionieren, können sie aber auch Menschen auf den Plan rufen, die nichts Gutes wollen, die anderen das Leben zur Hölle machen. Mit „Die Nachricht“ hat Doris Knecht ein brisantes Thema aufgegriffen und höchst spannend im Roman in Szene gesetzt.

Es geht um Ruth, deren Mann vor einigen Jahren gestorben ist, und die sich inzwischen mit ihrem Alleinleben ausgesöhnt hat, es sogar genießt. Es gibt im Haushalt noch den 15-jährigen Benni, Sohn Manuel ist bereits aus dem Haus. Doch auch ihre Stieftochter Sophie mit der neugeborenen Molly ist oft im Haus am Fluß im Grünen. Ruth kann überwiegend zuhause arbeiten, ihr Job ist Schreiben, Drehbücher und anderes. Um Freundinnen zu treffen fährt sie dann ab und an auch ins unweit gelegene Wien. Eines Tages erhält sie eine Email, in der unschöne Dinge über sie und ihren Mann stehen, dass er eine Affäre hatte z. B., was Ruth allerdings schon wusste. Sie vertraut sich Freundinnen an, vor allem Johanna, die sie schon ewig kennt, denn es bleibt nicht bei der einen Nachricht. Und die Nachrichten werden auch an Verwandte, ja an einen ihrer Arbeitgeber verschickt. Die meisten sagen dennoch, sie solle das einfach löschen und nicht weiter drüber nachdenken, irgendwelche Trolle eben. Das gelingt Ruth aber nicht so gut.

„Es fordert Leute heraus, wenn sie deine Stärke spüren und deine Unabhängigkeit, und manche von ihnen wollen dir das dann wegnehmen. Sie wollen dir zeigen, dass du gar nicht so stark bist und so unabhängig, wie du glaubst. Und sie beginnen ein Kräftemessen, ihre Kraft gegen deine, ohne dass du es merkst, und dann merkst du es.“

Glücklicherweise lernt sie in dieser Zeit einen Mann kennen, Simon, den ehemaligen Therapeuten ihres Sohnes Ben (Ben musste den tödlichen Skiunfall des Vaters quasi mit ansehen und benötigte Hilfe zum Verarbeiten). Die beiden treffen sich mehrmals und Ruth beginnt an eine neue Beziehung zu denken. Auch ihm erzählt sie von den immer ekliger werdenden Nachrichten. Doch Simon zieht sich oft zurück, findet Ausreden. Es kommt zu einer seltsamen On/Off-Beziehung. Allmählich merkt Ruth, dass ihr das nicht guttut und sie konzentriert sich wieder mehr auf ihre Familie und die Freunde. Wolf, ein guter Freund hat Krebs und sie beginnt sich um ihn zu kümmern. Und auch um Sophie und das Baby sorgt sie sich mit Hingabe. Als ihr die Idee kommt, dass die Freundin ihres Mannes die Nachrichten schreiben könnte, scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Viel später erst und mit Johannas Hilfe ergeben sich noch andere Verknüpfungen …

Doris Knecht schreibt fesselnd und entwirft ein Szenario, welches man wirklich nicht selbst erleben möchte. Dass Freundinnen, von denen Ruth glaubte, dass sie immer zu ihr stehen, plötzlich die Schuld bei ihr selbst suchen oder die Nachrichten klein reden wollen, dass man ihr rät, mal ein wenig zu entspannen oder eben wirklich etwas dagegen zu tun (Anzeige etc.), wenn die Nachrichten sie so sehr stören, ist für sie ein Schock. Wem kann sie eigentlich noch trauen? Auf wen ist Verlass?

„Was ich spürte: dass ich nicht nur allein war, ich war auf mich gestellt. Die Liste der Leute, auf die ich zählen konnte, war plötzlich viel kürzer geworden, sehr kurz. Ich musste es ab hier allein schaffen.“

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Draesner: Kanalschwimmer Mare Verlag / btb Verlag

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Der Roman „Kanalschwimmer“ der Lyrikerin und Prosaautorin Ulrike Draesner ist nun auch als Taschenbuch erschienen. Wie ich vermute, entstand er oder wurde zumindest angeregt durch Draesners Aufenthalt als poet in residence in den Jahren 2015 bis 2017 in Oxford. Denn auch der Roman spielt teilweise in dieser kleinen aber höchst bekannten englischen Universitätsstadt beziehungsweise am und im Wasser des Ärmelkanals zwischen Dover und Calais.

Ich bin zunächst hin- und hergerissen zwischen „oje, überdreht“ und „erfrischend extravagant“. Und das natürlich in Bezug auf die Sprache. Bei Draesner geht es immer vor allem um Sprache. Denn diese Geschichte des alternden Mannes, der es noch einmal wissen will und damit unbedingt auch seine Angetraute wieder zurückgewinnen will, der also mit über sechzig den Ärmelkanal an der engsten Stelle zwischen Dover und Calais durchschwimmen will, wie es tatsächlich heutzutage viele machen, wie ich bei Recherchen feststellte (auf der Suche nach Grenzüberschreitungen? dem Kick? dem wahren Ich?), ist nicht das Spannendste am Roman. Es ist schon die Sprache und auch die zunächst wenig stringent erscheinende Erzählstruktur, die im Vordergrund steht.

Es gibt enorm viele Sätze mit höchst experimentellem Charakter, auch Kombinationen, die, wie ich finde, fragwürdig sind:

„Unversehens saß er in einer Lichtmühle. Er saß auf einer Bank des Shakespeare Inn unter quietschendem Shakespeare-Schild in einem Schauer aus Leuchtkörnchen, die auf ihn heruntergemahlen wurden. Hunderte Säcke von Lichtmehl waren explodiert.“

Sehr spannend ist, was ich im Verlauf des Lesens spürte: Wenn Draesner Held Charles im Kanal schwimmen lässt, an seine Grenzen bringt bzw. grenzenlos werden lässt, dann ist die Geschichte am stärksten, dann fließt sie, wird selbst durchlässig wie Wasser.

Die in Rückblenden, während des Schwimmens von Charles erinnerten Beziehungsthemen hingegen, wirken auf mich sehr unruhig. Aber vielleicht ist das gerade die beabsichtigte und letztlich auch gelungene Konstruktion der Autorin.

Ganz am Rande steht für mich dann auch die Beziehungsgeschichte von Charles und Maude, die nach 30 Jahren noch einmal eine große Veränderung erfahren könnte, wenn es nach der Pianistin Maude ging. Sie wünscht sich eine Dreierbeziehung zusammen mit Charles ehemaligem besten Freund und Konkurrenten Silas.

Und ja, hier werde ich das so oft bei Besprechungen verwendete „in den Sog geraten“ tatsächlich auch einmal anwenden, denn es passt so schön zum Meer und dem Kanalschwimmer-Helden Charles, den ich anfangs noch skeptisch, zum Schluss hin doch durchweg sympathisch in seinem Menschlich-Sein, wenn nicht gar in seiner Menschwerdung, im Ärmelkanal begleiten durfte. Und ein Hoch auf die Autorin, die es schafft, die dringlichste Frage, die uns Leser durchs Buch treibt, ohne Antwort zu lassen: Schafft er es oder schafft er es nicht? Ein Leuchten!

Ulrike Draesners Roman „Kanalschwimmer“ erschien zuerst im Mare Verlag, nun als Taschenbuch bei btb. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Zu weiteren Besprechungen hier auf meinem Blog von Ulrike Draesner:
„Mein Hiddensee“, „Eine Frau wird älter“ und zum Hörbuch „Happy Aging“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Kaśka Bryla: Roter Affe Residenz Verlag

Bereits das Cover dieses Buches lockte mich. Schwarz/weiß, Kohle? Tusche? Graphit? eine herausgearbeitete Landschaft? Da ich selbst viel mit diesen Materialien und in schwarz/weiß arbeite, interessierte mich die Künstlerin. Das Buch passte dann auch ausgezeichnet zu einer meiner Graphitfrottagen und wurde darauf abgelichtet.

Der Debütroman von Kaśka Bryla ist allerdings alles andere als schwarz-weiß. Obwohl es um Gut und Böse geht, über das auch heftig und klug diskutiert wird. Die Figuren rund um die Heldin Mania sind allesamt bunt schillernd und auf der Höhe der Zeit und gleichzeitig auch wieder ganz normal menschlich. Da ist Mania selbst, die Psychologie studierte, in Indien lange in Ashrams meditierte, und als Gefängnispsychologin mit Mördern und Vergewaltigern in Berlin Moabit arbeitet. Da ist die Hackerin Ruth, die in Wien lebt, deren Großeltern als Juden Polen verlassen (mussten) und die Mania sehr vermisst. Da ist Zahit, aus Syrien geflüchtet und von Mania 2015 über diverse Grenzen nach Österreich gerettet, der noch keine Aufenthaltsgenehmigung hat, dafür aber mit Drogen dealt und bei Frauen gut ankommt. Da ist Tomek, Kindheitsfreund von Mania, der in Wien lebt, Mania vermisst, aber nun mit der geheimnisvollen düsteren Marina lebt. Der allerdings plötzlich verschwunden ist. Und nicht zu vergessen, die kluge Labradorhündin Sue, die womöglich sogar die eigentliche Heldin des Romans ist.

Mit Tomeks Verschwinden beginnt auch die Reise Manias auf den Spuren der Vergangenheit. Es beginnt mit dem Aufbruch von Berlin nach Wien, wird aber sofort durch Rückblenden gebrochen. So erleben wir prägende Szenen aus der Kindheit Manias und Tomeks, deren beider Eltern aus Polen nach Österreich emigriert sind. Mania schon damals die stärkere der beiden, Tomek oft in sich gekehrt. Ein Erlebnis im Alter von 10 Jahren, aufgrund dessen beide Kinder in psychologische Behandlung gehen müssen, schmiedet beide zusammen. Was es damit auf sich hat, erfährt die Leserin im Verlauf des Romans. Bryla schafft es extrem gut, die Spannung steigen zu lassen und zwar auf mehreren Ebenen.

Aufgrund von Aufzeichnungen, die Mania in Tomeks Wohnung findet, begeben sich Mania, Ruth, Zahit und Sue in Richtung Warschau, woher das letzte Lebenszeichen von Tomek kommt. Auf der Reise im Auto kommt es zu Meinungsverschiedenheiten, zu philosophischen Diskussionen, zu Offenbarungen und zu Unvereinbarkeiten. So klärt sich zumindest Ruths und Manias Verhältnis zueinander, welches dadurch wohl nie wieder so eng und vertraut sein wird, wie es während ihrer Liebesbeziehung war. Während Zahit eher eine Randfigur bleibt, mausert sich Hündin Sue zur echten Heldin, als es auf der Fahrt zum fast erreichten Ziel zu einem Unfall kommt. Sie ist diejenige, die schließlich Tomek durch Geruchsverfolgung aufspürt und ja, letztlich rettet. Sehr einfallsreich, die beiden Kapitel in der direkt aus der Perspektive von Sue erzählt wird.

Was meiner Meinung nach sehr diffus bleibt, ist die Beziehung von Marina und Tomek, obwohl ich darüber sehr viel in den tagebuchartigen Aufzeichnungen Tomeks lesen kann. Psychologisch lässt sich allerdings vieles im Roman deuten. Offenbar zieht Marina Tomek mit all ihren „Schatten“ so in ihren Bann, dass Tomek selbst zum Schattenträger wird. Oder hat er diese ohnehin aufgrund seiner Vergangenheit in sich?

„Heute denke ich, dass ich ihr und dem Schatten bereits am Tag unserer ersten Begegnung verfallen war. Dass sie mich damals schon überzeugt hatte. […] Der Unterschied zwischen Marina und mir bestand nur darin, dass sie die Wahrheit schon ihr ganzes Leben kannte. Die Wahrheit war der Schatten, und ich hatte ihn weit fortgesperrt.“

Der Selbstmord der Mutter Kaja spielt dabei sicher eine Rolle, aber eben auch jenes Ereignis als 10-jähriger. Dieses wiederum treibt Mania so sehr um, dass sie ihr ganzes Leben bisher darauf ausgerichtet hatte, eine vermeintliche Schuld zu tilgen. Dass sie dabei zwar erfolgreich vorgeht und letztlich Rache ausübt, macht sie selbst wiederum schuldig. Findet jedenfalls Ruth … Ich als Leserin irgendwie auch.

„Letztens habe ich gelesen, dass sich unser Gehirn in der frühesten Kindheit nicht über die Wahrnehmung von Objekten programmiert, sondern über die Wahrnehmung von Diskrepanzen. […] Dieser Theorie nach kann unser Gehirn nur etwas wahrnehmen, das unterschieden ist von etwas anderem.“

Geht also doch immer um Schwarz und Weiß, um Schuld und Unschuld, um Gut und Böse? Das eine gibt es nicht ohne das andere, wie es auch Tomek in seinen Aufzeichnungen festhält. Wenn ich jetzt nach der Lektüre ent-spannt auf die Geschichte zurückblicke, bemerke ich erst, wie vielschichtig das Ganze angelegt ist, wieviel Tiefe und doppelte Böden sich darin befinden. Wie viel man über dieses Buch sagen könnte, wie gut man darüber diskutieren könnte. So wünsche ich diesem Buch viele Leser*innen, auf das Diskussionen entbrennen. Ein Debüt, das mir auch sprachlich höchst gelungen erscheint und das trotz seiner spannenden Handlung und aufgrund seiner perfekten Konstruktion viel viel mehr als ein Krimi ist.

„Roter Affe“ erschien im Residenz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir Schöffling Verlag

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„Monster wie wir“ ist der Debütroman der 1979 in Großenhain/Sachsen geborenen Ulrike Almut Sandig. Doch es gibt von ihr bereits Erzählungen und wunderbare Gedichtbände. Sandig ist bei weitem keine Debütantin, sie weiß mit Sprache umzugehen. Sie vertont viele ihrer Gedichte und ihre Lesungen sind sehr lebendig.

In ihrem Roman nun ist alles ganz anderes. Anders als die Gedichte aus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Auch anders als die Erzählungen aus „Buch gegen das Verschwinden“. Hier ist der Text zeitweise auch verrätselt, wie in manchen Gedichten, aber aus anderen Gründen. Hier gibt es zwei Familien, zwei Kinder stehen im Mittelpunkt. Schauplatz ist eine ländliche Gegend mit Braunkohleabbau. Hier wird eine ganz normale Familiengeschichte erzählt. Sie spielt in Ostdeutschland, teils als es noch DDR war, teils nach der Wende. Die Kinder heißen Ruth und Viktor. Die zwei Hauptteile des Romans sind nach ihnen benannt. Und es gibt Geheimnisse …

Erzählt wird aus der Sicht von Ruth, die kurz vor einem Konzert in Gedanken mit einen Mann namens Voitto spricht, der im Schlusskapitel wieder auftaucht.

Ruth begleiten wir von der Kindergartenzeit bis etwa ins Teenageralter. Ruth und ihr Bruder Fly spielen Instrumente: Cello und Geige. Der Vater ist Pfarrer, die Mutter Apothekenhelferin. Doch scheint die Ehe der beiden immer mehr in Schieflage zu geraten. Ruth hat auch Sorgen, sie hat aber auch einen guten Freund, nämlich Viktor, dessen Mutter aus der Ukraine kommt. Viktor erlebt in seiner Familie sexuellen Missbrauch durch direkte Familienmitglieder. So, wie es am häufigsten der Fall ist. Bei Viktor wird es uns direkt von der Erzählerin mitgeteilt. Bei Ruth gibt es Andeutungen, bleiben Fragen offen. Ruth wird mögliche Traumata mit der Geige wegspielen. Viktor will sie mit Springerstiefeln, Bomberjacke, großem Bizeps und Baseballschläger von sich fernhalten. Für beide ist Nähe schwierig. Körperliche wie emotionale.

„Bald las ich Noten verschiedener Schlüssel, als läse ich Geschichten. Ich spannte die Melodien in meinem Kopf auf und hangelte mich an ihnen entlang, entschlossen, weder die eigenen Fingerkuppen noch den Rest meines Körpers zu spüren.“

Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Viktor. Ein wie ein Neonazi gekleideter junger Mann wird Au-Pair bei einer wohlhabenden Familie mit zwei Kindern in Südfrankreich. Trotz der anfänglichen Zweifel der Eltern lebt sich Viktor in der Familie ein. Er kocht, putzt, bügelt, begleitet die Kinder auf dem Schulweg. Seine Sprachkenntnisse verbessern sich. Die Kinder beginnen, ihn anzuerkennen. So weit, so gut.

Dass dann aber – Vorsicht Spoiler – auch noch in der französischen Familie der Sohn vom Vater sexuell missbraucht wird, ist mir eigentlich zu viel. Wahrscheinlich ist die Geschichte so angelegt, damit Viktor diesmal einschreiten kann und nicht mehr hilfloses Kind ist. Das ist mir zu konstruiert. Hier fehlen mir die in den Gedichten verwendeten experimentellen und sprachbildnerischen Ideen. Und: Ist es in unserer Welt wirklich so? Erleben das wirklich so viele Kinder? Im Kreis der Familie, unabhängig vom Milieu? Ist das so verbreitet? Welch eine Horrorvorstellung! Welch ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft! Und wie wahr dann der Titel des Buches wäre! Ich möchte das nicht glauben.

Auch im letzten Kapitel, in dem man ein klein wenig von der Beziehung Ruths zu Voitto erfährt, geht es, wenn ich es richtig deute um Gewalt. Gewalt in einer Beziehung. Doch das braucht es wirklich nicht mehr, das Thema ist ausgereizt, der Bogen für mich längst überspannt.

Dennoch ist der Roman empfehlenswert, wenngleich mich die Gedichte und auch die Erzählungen von Sandig mehr ansprechen. Schon der Sprache wegen, aber auch wegen der vielen Auslassungen, die einen dazu bringen Lücken selbst zu füllen. Trotz des Themas, gerade wegen der mitunter feinen zarten Bilder von der Traurigkeit, der Hoffnung, die aus diesen Übergriffen, aus dieser Vernachlässigung der Menschlichkeit hervorgeht, ist dieses Buch so packend.

Das Buch erschien im Schöffling Verlag.
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs letteratura und leseschatz .

Zudem gibt es zwischen den durchweg positiven Stimmen im Feuilleton auch auf Deutschlandfunk Kultur die kritische von Sigrid Löffler, die sozusagen mit mir, einer Bloggerin im Internet(!), übereinstimmt, was die Überreizung des Themas Gewalt angeht.

Damiano Femfert: Rivenports Freund Schöffling Verlag

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Der Debütroman Damiano Femferts sprach mich gleich an. Die Thematik erinnerte mich an Olivier Guezs Roman „Das Verschwinden des Josef Mengele“. Nur leider, gleich vorweg, erreicht dieser Roman nicht die gleiche Qualität. Handwerklich gut geschrieben, aber leider doch ziemlich vorhersehbar gearbeitet und mit mir teils allzu salopper Sprache. Hätte ich nicht immer wissen wollen, ob die Geschichte doch noch eine spannende Wendung nimmt, hätte ich womöglich nicht zu Ende gelesen.

Die Geschichte spielt 1952 im Norden Argentiniens. In der Nähe einer Kleinstadt nahe der Grenze zu Chile wird ein verletzter Mann gefunden, der keine Papiere bei sich trägt und bei dem sich nach den ersten Untersuchungen herausstellt, dass er offenbar das Gedächtnis und die Sprache verloren hat. Chefarzt Rodrigo Rivenport betreut den Mann, obwohl er sich lieber mit seiner Schmetterlingssammlung beschäftigen würde (was überflüssigerweise anfangs auch dauernd im Text betont wird), er ist leidenschaftlicher Hobby-Entomologe. Als sich der Patient von den körperlichen Verletzungen erholt, zeigt sich, dass der große blonde Mann mit blauen Augen durch die Amnesie mit einem kindlich fröhlichem, neugierigen Gemüt versehen ist. Irgendwann nennt er den Namen Kurt. Irgendwann stellt sich heraus, dass er perfekt Orgel und Klavier spielen kann. Irgendwann stellt sich heraus, dass er ein Deutscher ist.

Schon hier kann man sich aufgrund des Settings leicht vorstellen, wer Kurt wirklich ist. Doch Rivenport, der sich allmählich aus seiner langweiligen Lebensroutine befreit, sich mit dem „Blondschopf“ anfreundet und vieles gemeinsam erlebt, braucht noch viele Seiten für seine Recherche von biografischen Daten nach der Herkunft und Identität des Mannes. Als er sie schließlich erhält, bleibt die Gewissensfrage.

„Und doch wusste er, Kurt war schuldig. Er war einer jener Täter, für die der Nationalsozialismus und der mit ihm verbundene Horror stand. Kurt erinnerte sich vielleicht nicht mehr, aber er war es doch, der anderen Menschen das Leben zur Hölle gemacht hatte, nicht andersherum, wie Rivenport nach seiner Chile-Reise angenommen hatte.“

Kurt, der zunächst die Identität eines im KZ ermordeten Juden annahm, nach Südamerika floh und dort auf der Flucht mit dem unter wieder anderem Namen gekauften Auto, einen Unfall hatte, bei dem er das Gedächtnis verlor und fortan ein selbstvergessenes vollkommen im Jetzt verankertes Leben weiterführt. „Darf das sein?“, fragt sich Rivenport und denkt dabei an die Metamorphose der Lepidopterae, von der Raupe, zum Kokon, zum wunderschönen Schmetterling. Kann aus einem SS-Mann ein gütiger Mensch werden?

Der Roman des 1985 geborenen Autor erschien im Schöffling Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leseprojekt Dag Solstad II: Elfter Roman, achtzehntes Buch / Scham und Würde Dörlemann Verlag

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Bevor er sich in schriftstellerisch andere Bahnen bewegte, war der 1941 im norwegischen Sandefjord geborene Dag Solstad ein politischer Autor, dem Kommunismus zugetan. Als äußerst Linker versuchte er engagiert den Kapitalismus zu bekämpfen, was allerdings wenig am Boom desselben änderte. Solstad ist in Norwegen einer der bekanntesten Autoren und hat viele Preise erhalten. Möge er hierzulande auch gelesen werden. Seine Texte begeistern mich alle. Sie leuchten!
Nach „T. Singer“ und „Professor Andersens Nacht“ stelle ich nun noch diese beiden älteren Romane vor:

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Mit „Elfter Roman, achtzehntes Buch“ steht nun der Einzelne, nicht mehr die Gesellschaft im Vordergrund von Solstads Schreibens. Das Buch erschien in Norwegen bereits 1992. Es ist eine ungewöhnliche Vater-Sohn-Geschichte.

Wir begegnen Björn Hansen, wie er am Bahnhof steht und auf seinen 20-jährigen Sohn wartet, der während seines Studiums in Kongsberg bei ihm wohnen will. Hansen hat den Sohn nicht mehr gesehen, seit dieser als 14-jähriger die Ferien bei ihm verbrachte. Von der Mutter Peters hatte er sich getrennt, als dieser gerade zwei Jahre alt war, weil er sich in eine andere Frau verliebte, zu der er Hals-über-Kopf von Oslo nach Kongsberg zog. Doch irgendwann war es auch hier aus mit der Liebe, obwohl beide die Leidenschaft zum Laientheaterspiel verbindet. Durch Turid lernt er auch den Arzt Dr. Schioch kennen (der später noch eine wichtige Rolle spielt), denn sie lädt gerne ihre Theatergruppe in ihre Villa ein. Als Stadtkämmerer hat Björn Hansen, nun alleine lebend ein gutes Einkommen. Sein soziales Leben beschränkt sich fast vollkommen auf ein befreundetes Ehepaar. Vom Zusammenleben mit dem erwachsenen Sohn erhofft sich Hansen Abwechslung und neue Energie in seinem Leben. Doch der Sohn hat seine eigenen Vorstellungen und bleibt unnahbar. Die beiden reden meist aneinander vorbei. Er erlebt, dass dieser bei Studienkollegen ein Außenseiter bleibt und merkt, dass er seinen Sohn eigentlich auch nicht wirklich gut leiden kann.

„Er redete ununterbrochen. Mit der immergleichen eintönigen, viel zu lauten Stimme. Über die Augen des Vaters hinweg, aber direkt in sein Ohr. Der Sohn nahm seine Ohren unter Beschuß. Das Ganze hatte sich völlig anders entwickelt, als er es sich vorgestellt hatte.“

Scheinbar aus einer Laune heraus, die in bitterem Ernst endet, spinnt Hansen einen spektakulären Plan, wie er sich aus dem Leben fast ganz zurückziehen kann. Dr. Schioch spielt dabei eine tragende Rolle und ein weiterer Arzt in Litauen, wohin Hansen zu einer Dienstreise aufbricht und als ein vollkommen Anderer zurückkehrt …

Auch hier spielt die Gedankenwelt des Hauptprotagonisten wieder eine große Rolle. Ein Großteil des Romans spielt sich im Kopf von Hansen ab. Denn auch Hansen ist ein Grübler, ein Zweifler und ein seltsamer Zeitgenosse, über den man sich am Ende nur wundern kann. Wunderbar drückt Solstad hier die Distanz aus, die zwischen dem Vater und dem Sohn entsteht, nicht nur aus dem Persönlichen heraus, sondern auch durch den Generationenunterschied, der immer schnelleren Veränderungen unterworfen ist.

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„Scham und Würde“ erschien 1994 in Norwegen. Hier geht es um Elias Rukla, Lehrer um die fünfzig, der plötzlich im Pausenhof seines Gymnasiums ausrastet. Kurz davor hat er im Unterricht ein Ibsen-Drama behandelt und urplötzlich eine vollkommen neue Erkenntnis über das Stück erhalten. Und das nach 25 Jahren des Studiums und des Lesens dieses Stückes im Unterricht. Doch damit einher geht auch die Erkenntnis, dass seine Schüler so gar kein Interesse mehr am norwegischen Kulturgut haben, was er ihnen mühevoll zu vermitteln versucht. Draußen im Schulhof will er seinen Regenschirm aufspannen, da es regnet, doch es klappt nicht. Da brennt eine Sicherung bei ihm durch. Mit dem Schirm prügelt er wie besessen auf einen Brunnen ein und beschimpft gaffende Schüler. Danach verlässt er die Schule und beginnt ziellos durch die Straßen zu laufen. Nur weg. Dahin zurück kann er nicht mehr, denkt er. Und was wird dann aus ihm? aus seiner Frau?

Und dann beginnt langsam aber immer tiefer ein Zurückdenken. Ein Erinnerungsstrom daran, wie es überhaupt dazu kam, dass er seine Frau Eva traf und wie turbulent anfangs seine Studienzeit verlief: Dass der geniale, begabte Philosophiestudent, Luftikus und bald bester Freund Johan Corneliussen daran großen Anteil hatte und dass er mit ihm durch dick und dünn ging, bis dieser für alle vollkommen überraschend nach Abschluß seines Langzeitstudiums alle Brücken in Norwegen abbrach, die Philosophie aufgab und nach USA auswanderte …

„Man muss Studienrat Rukla einen zufriedenen Mann nennen, der leichten Fußes in dünnen Schuhen zu seinen täglichen Pflichten am Fagerborg Gymnasium aufbrach, die Jacob Aalls Gate hinaufging, im milden Monat März zur Zeit der Schneeschmelze an den Schlammlachen vorbei, etwa um das Jahr 1978 herum, und auch später noch, obwohl Eva Linde mit keinem Wort je gesagt hatte, sie würde ihn lieben.“

Auch hier wieder die Innenschau, die Reflektion. Doch spielt hier auch einmal eine Frau eine wichtige Rolle, eine Partnerschaft, die unter unguten Vorzeichen begann, die zwar hält, aber wenig trägt, aus Gründen, die dem Protagonisten wenig durchschaubar erscheinen. So wie seine Frau, einst eine Schönheit, die sich im Verlauf der Geschichte vom Schicksal der „schönen Frau“ emanzipiert und ihr aufgegebenes Studium wieder aufnimmt, ihn ebenso wenig in die Karten blicken lässt.

Beide Romane erschienen im Dörlemann Verlag in einer broschierten Ausgabe.  Übersetzt wurden beide von Ina Kronenberger. Leseproben gibt es auf der Verlagsseite.

Tarjei Vesaas: Das Eis-Schloss Guggolz Verlag

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Aus dem kleinen Guggolz Verlag kommen immer außergewöhnliche Entdeckungen in schönster Ausstattung: ein wirklich ästhetisches Cover und Fadenheftung. Diesmal finde ich das Cover besonders interessant, passt es doch vollkommen zu einer meiner Tuschearbeiten aus dem letzten Winter (siehe oben). Herr Guggolz sucht und findet immer wieder überraschende „neue“ Stimmen aus vergangener Zeit, aus oft nord- oder östlichen europäischen Ländern und lässt übersetzen. So wie hier der geniale Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkels ans Werk ging.

Eisig ist es wirklich fast durchgängig in diesem Roman. Dennoch wurde mir warm beim Lesen, weil diese Geschichte wirklich feinsinnig und in sehr poetischer Sprache erzählt wird. Dass Vesaas auch Lyrik schrieb, spürt man. Es ist ein sehr sinnliches, mystisches und symbolkräftiges Buch. Der Autor kommt aus Norwegen, dieses Jahr Ehrengast der Frankfurter Buchmesse, lebte von 1897-1970 im Ländlichen. Er schrieb auf Nynorsk, einer Art westnorwegischem Dialekt. Für diesen Roman erhielt er 1964 den Preis des Nordischen Rats.

„Siss hatte viele Gedanken, wie sie da ging, eingemummt gegen den Frost. Sie wollte zu dem Mädchen Unn, ihr noch halb unbekannt, zum ersten Mal, zu etwas, das sie nicht kannte, darum war es aufregend.“

Es ist die Geschichte von Siss, einem 11-jährigen Mädchen in einer eher abgelegenen Region Norwegens. Die Natur spielt hier eine wichtige Rolle. Manchmal spürt man die Naturgeister durch die Zeilen ziehen, hört Vogelstimmen und das Eis knacken und klirren. Siss ist von einer neuen Mitschülerin, Unn, die Waise ist und bei einer Tante lebt, vollkommen fasziniert und angezogen. Am Tag nachdem sie sie zum ersten Mal bei ihrer Tante besucht hat, verschwindet Unn. Sie erscheint nicht in der Schule und das ganze Dorf begibt sich auf die Suche. Nur die Leserin weiß, was mit ihr passiert ist.

„Die Strömung hat zugenommen, geht stärker durch den Fichtenwald. Die Nadeln strecken ihre Zungen vor und singen ein unbekanntes Nachtlied. Jede Zunge allein ist so klein, dass sie nicht zu hören ist, gemeinsam tönt das Lied so leise und machtvoll, dass es Berge schleifen könnte, wenn es wollte.“

Siss jedoch verkraftet nicht, dass die frisch gewonnene Freundin nach langer Suche als verschollen, ja als tot gilt. Wie zuvor Unn, sondert sie sich in der Schule ab und wird zur Außenseiterin, weil sie glaubt, sich an ein Versprechen Unn gegenüber halten zu müssen. Unn schien mit ihr ein Geheimnis teilen zu wollen. Doch kam es dazu nicht mehr.  Es bedarf eines weiten Wegs, einer permanenten Innenschau und die Mithilfe der Dorf- und Schulgemeinschaft, bis Siss wieder aus ihrem Kokon der Einsamkeit und Schuld heraustritt.

Das Eis-Schloss spielt hier eine wesentliche Rolle. Es ist ein aus einem gefrorenen Wasserfall entstandenes monumentales Bauwerk, hinter dem sich viele Eishöhlen verbergen. Zuvor noch Ausflugsziel verändert sich seine Bedeutung im Laufe der Geschichte: Es wird zuerst zum Grab, dann zum Mahnmal und schließlich kurz bevor es durch das Tauwetter des Frühlings zusammenstürzt auch Ort der Befreiung für Siss.
Ein klirrendes Leuchten!

Der Roman erschien im Guggolz Verlag, übersetzt von Hinrich Schmidt-Henkel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jan Brokken: Sibirische Sommer mit Dostojewski Kiepenheuer & Witsch

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Der Niederländer Jan Brokken hat einen Roman über eine – wie heißt es so schön? – wahre Begebenheit geschrieben. Es geht um die Freundschaft Fjodor Dostojewskis mit Alexander von Wrangel. Als große Dostojewski-Bewunderin konnte ich diesen Roman nicht links liegenlassen.

Wahrscheinlich weiß jede/r Dostojewski-Leser/in das biografische Detail von seiner Verurteilung zum Tod im Jahr 1849. Kurz bevor der Befehl ausgeführt wurde, kam die Nachricht der Begnadigung. Sie sollte das große Wohlwollen des Zars demonstrieren. An dieser Stelle in Sankt Petersburg begegnet der baltische Alexander von Wrangel als Student dem Schriftsteller zum ersten Mal. Nach vielen Jahren, als Alexander seine Karriere als Jurist in Semipalatinsk beginnt, lernt er den dort stationierten „Zwangs-Soldaten“ Fjodor Dostojewski kennen. Dostojewski hatte die langjährige Zwangsarbeit im sibirischen Lager überstanden und begann wieder zu schreiben. Hier entsteht das zum Teil biografische Werk „Aufzeichnungen aus dem Totenhaus“. Zwischen den beiden Einzelgängern entwickelt sich eine enge Freundschaft. Wrangel setzt sich für ihn ein. Aus den gegenseitigen Besuchen mit Gesprächen und dem Gefühl dem anderen nah zu sein, entsteht bei Alexander die Idee einer gemeinsamen Sommerfrische: Sie beziehen eine Datscha außerhalb der Stadt, den Kosakengarten.

Der Autor Jan Brokken hatte das große Glück aus dem privaten Briefwechsel zwischen Dostojewski und Wrangel, die ihm zur Recherche überlassen wurden, zu schöpfen. Damit hat er eine stimmige Geschichte konstruiert. Es ist spannend zu lesen, welch große Vielfalt der Völker dort an einem Ort gemeinsam miteinander lebten. Muslimische und Russisch-orthodoxe, Tartaren und Kosaken. Einerseits gibt es die gut situierten reichen Minen- oder Gutsbesitzer, deren Frauen Champagner trinkend nach neuester Pariser Mode gekleidet sind, andererseits die für jegliche Arbeit eingesetzten Leibeigenen. Eine riesige Kluft zwischen reich und arm.

Brokken schildert Dostojewski als einen, der nach den Jahren im Lager, alles dankbar wahr- und aufnimmt, um es später womöglich in seine Geschichten und Romane einfließen zu lassen. Im Anhang kann man von solchen Begebenheiten lesen. Gleichzeitig erzählt er von seinem Hang zu den menschlichen Abgründen, von der Frage: Sind Gewalt und Verbrechen Ausdruck einer Krankheit? Am Schwerwiegendsten  leidet er unter seiner noch immer nicht aufgehobenen Strafe als Zwangssoldat, da diese mit einem Publizierungsverbot einher geht.

„Alles, das wir zusammen erlebt haben, hat er in irgendeiner Weise einen Platz in seinen Romanen gegeben. Ich staune immer wieder, wie er aus belanglosen fait divers ein Epos über menschliches Unvermögen machen konnte.“

Die Passagen, die von Wrangels und Dostojewskis Liebesmüh berichten, nehmen einen Großteil des Romans ein. Hier zieht sich der Roman für mein Gefühl zu sehr in die Länge. Einzig der Hintergrund, dass auch diese Geschichten als Vorlagen für Dostojewskis Romane dienen, machen sie erträglich. Brokken ist ein recht intensives Porträt einer Männerfreundschaft gelungen, das aufzeigt, wie stark die eigenen Erlebnisse Dostojewskis Texte prägten.

„Keiner von Dostojewskis Romanen ist persönlicher als Der Idiot […]. Der Idiot ist seine Apologie. Wenn ich über die Hauptfigur, Fürst Myschkin, lese, der wie ein Messias sein will, aber keine Erlösung bringt, höre ich Fjodor Michailowitsch reden.“

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Helga von Beuningen hat ihn aus dem Niederländischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Christoph Hein: Verwirrnis Suhrkamp Verlag

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Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoph Hein fast jährlich einen Roman. Diesmal heißt er „Verwirrnis“ und ist (nach dem etwas schwächeren „Trutz“) wieder einmal richtig gut gelungen. Es ist für mich eine sehr emotionale Lektüre gewesen. Immer wieder kam ich beim Lesen in Rage: Was für ein fürchterlicher Vater! Was für grässliches Verhalten unter dem Deckmäntelchen der katholischen Religion! Welch schlimm konservatives Denken, welche Verbohrtheit in den 50er Jahren!

Wir befinden uns im Eichsfeld der 50er Jahre. Es ist die katholischste Region vermutlich ganz Deutschlands, zumindest aber der ganzen Ost-Zone. Im kommunistischen Teil Deutschlands ein Ausnahmefall. Hier wachsen Friedeward und Wolfgang auf. Der Sohn eines strenggläubigen katholischen Lehrers und der Sohn eines Kantors begegnen sich mit 15 zum ersten Mal in der Schule und werden die dicksten Freunde. Sie sondern sich ab von anderen, lesen und diskutieren und stellen sich eine Zukunft als Künstler vor. Als sie gemeinsam Urlaub an der Ostsee machen, entwickelt sich aus der Freundschaft ein gegenseitiges körperliches Begehren, was die beiden nur noch enger zusammenschweißt. Natürlich darf keiner davon erfahren, schon gar nicht Friedewards Vater, der seinen Sohn auch im fortgeschrittenen Jugendlichen-Alter zur Strafe noch mit einer Art Peitsche züchtigt. Dies hat die Geschwister Friedewalds bereits aus dem Haus getrieben.

Es kommt, wie es kommen muss: Pius Ringeling, Friedewards Vater erwischt die beiden auf frischer Tat. Er schafft es, dass Wolfgang die Schule verlassen muss und verdrischt den 17-jährigen Sohn.

„Die frommen Lehren bedrückten Friedeward, bescherten ihm schlaflose Nächte. Die Verdammnis wurde zu einem allnächtlichen Schreckgespenst, er hatte Albträume, er sah die Hölle, die Teufel, das Fegefeuer vor sich und fuhr im Halbschlaf laut schreiend in seinem Bett hoch.“

Dennoch schaffen beide es, wieder zusammen zu kommen. Beide studieren in Leipzig, Wolfgang Musik und Friedeward Germanistik, führen dort ihre Beziehung, wenngleich immer noch heimlich, weiter. Die Freundschaft zur Theaterstudentin Jacqueline und deren Professorin Herlinde, die ebenfalls heimlich ein Paar sind, verschafft ihnen ungeahnte Möglichkeiten: Friedeward und Jacqueline geben sich als Paar aus und sind damit gefeit vorm Entdecktwerden. Eine Hochzeit wird geplant.

Wolfgang jedoch entfernt sich. Er beendet sein Studium in Westberlin, nimmt die westdeutsche Staatsangehörigkeit an und darf fortan nicht mehr in den Osten einreisen. Er bricht alle Beziehungen zu Freunden aus dem Osten ab, auch die zu Friedeward, für den die Trennung ein schwerer Schlag ist.

Beide machen Karriere, sind Könner ihres Metiers, Musik und Literatur, und es scheint sich der Künstlertraum der Jugendlichen zu erfüllen, nur eben nicht gemeinsam.

Ein wenig seltsam mutet es an, dass Friedeward so gelassen zuhört, als im Radio vom Bau der Berliner Mauer berichtet wird. Einzig wegen Wolfgang vergisst er einige Tränen, die Idee eines eingemauerten Berlins scheint ihn kalt zu lassen, vielleicht weil sie so unvorstellbar ist oder in der Überzeugung, dieser Staat sei der Richtige. An der Universität in Leipzig herrscht ein freies, vom Regime wenig beeinträchtigtes Klima. Bis dem Leitenden Professor, genannt Goethe-höchstselbst, eine Ausreise zu einem Kongress in Wien verweigert wird. Bei nächster Gelegenheit bleibt er im Westen. Nun ändern sich die Verhältnisse. Wer nicht linientreu ist/wird, hat keine Chance auf einen höheren Posten. So auch Friedeward, doch er behält zumindest seine Dozentur, weil er zum Zeitpunkt der „Säuberungen“ bei der Beerdigung seines Vater im Eichsfeld ist. Offensichtlich wird auch er längst bespitzelt und steht trotz der „Schein“-Heirat mit Jacqueline, unter Beobachtung. Seine Sexualität lebt er weiterhin nur im Geheimen, obwohl Homosexualität kein Strafdelikt mehr ist.

Für Friedeward vergehen die Jahre bis zur politischen Wende in der DDR dennoch friedlich. Erst die Wiedervereinigung mit der damit verbundenen Abwicklung, mit Stellenabbau auch an der Universität Leipzig, stellt ihn vor eine schwerwiegende Entscheidung …

Heins Sprache ist wie immer unspektakulär, seine Stärke liegt im fließenden Erzählrhythmus, was er mit diesem Roman einmal mehr beweist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Weitere begeisterte Besprechungen findet man bei Zeichen & Zeiten, bei Ruth liest und Peter liest.

Anne von Canal: Whiteout Mare Verlag

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Schade … Anne von Canals Debütroman „Der Grund“ war richtig gut. Im Prinzip ist zwar gegen den nun vorliegenden neuen Roman „Whiteout“ nichts zu sagen. Er ist solide gemacht, recht gut konstruiert, aber er haut mich eben nicht um, weder inhaltlich noch sprachlich. Er fesselt mich bei weitem nicht so, wie „Der Grund“ es in seiner Vielschichtigkeit tat.

Von Canals „Whiteout“ ist eine Freundschaftsgeschichte, die in Rückblenden erzählt wird, ausgehend und erzählt von der Hauptperson Hanna, einer Glaziologin. Sehr schade finde ich, dass das Thema Gletscherforschung imgrunde nur als Ausganspunkt für die Geschichte gewählt wurde, die sich dann größtenteils aus den Erinnerungen Hannas speist. Viel erfährt man leider über diese Wissenschaft und über die Forschung im Eis nicht. In der Tat hatte ich gerade diese Ausgangssituation für äußerst spannend gehalten. Natürlich bieten sich die Bohrungen im Eis als Metapher für „Bohrungen“ in der Vergangenheit an …

Der Inhalt ist kurz erzählt: Hanna und ihr Bruder Jan lernen als Kinder die Pfarrerstochter Friederike, genannt Fido kennen und die drei werden unzertrennlich. Sie planen nach der Schulzeit ein gemeinsames Studium in Hamburg. Doch bevor es dazu kommt verschwindet Fido ohne Erklärung auf Nimmerwiedersehen.
Ausgerechnet während der wichtigen Forschungsarbeit in der Antarktis erhält Hanna eine Nachricht ihres Bruder Jan, mit dem sie kaum mehr Kontakt hat. In seiner Mail schreibt er, Fido sei tot. Diese Nachricht verwirrt Hanna so, dass sie zunehmend unkonzentrierter in ihrer Arbeit wird, da sie ständig in Erinnerungen an die Zeit mit Fido gestürzt wird.

Ein „Whiteout“ ist ein meteorologisches Phänomen, dass auf eine besondere Sonnenreflexion in Polargebieten zurückzuführen ist. Sie kann bei Beobachtern psychisch zu Beklemmungen und physisch zu Desorientierungen führen. Insofern ist der Titel stimmig gewählt, denn Hannas Zustand verstärkt sich durch das Whiteout noch. Ein aufkommender Schneesturm tut sein Seiniges …

Anne von Kanals Roman erschien im Mare Verlag, ebenso wie ihr voriger Roman „Der Grund“, den ich deutlich besser fand. Eine Leseprobe gibt es hier . Eine weitere Blog-Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten