Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.


aus Yordanka Belevas Der verpasste Moment

zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/12/10/yordanka-beleva-der-verpasste-moment-eta-verlag/

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Gratulation! Peter-Huchel-Preis 2023 für Judith Zander

Foto mit freundlicher Genehmigung des dtv: Copyright: © Grafik: dtv / Foto: Sven Gatter

„…so gibt er mir nach
und nach seinen vom andren ende zurecht
gelegten schlaf drin liege ich falsch und wach“

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren. Sie schreibt sowohl Lyrik als auch Prosa. Nun erhält sie für ihren neuesten Lyrikband „im ländchen sommer im winter zur see“ den Peter-Huchel-Preis 2023. Am 3.4.23 wird er verliehen. Auszug aus der Begründung der Jury:

„Judith Zanders Gedichtband „im ländchen sommer im winter zur see“ faltet in einem weiten literarischen Hallraum eine elegische Sprachlandschaft aus. In äußerst nuancierter Wortarbeit und mit hoher Musikalität schafft sie einen Raum für Erfahrungen des Ostens und übersetzt sie in eine allgemeine, kritische Reflexion von Erfüllung und Verlust. Ihr Band versammelt Liebes- und Naturgedichte, die immer auch in einem politischen Zusammenhang stehen. Sie spielt mit Sprachbildern, bricht verhärtete Redewendungen und stellt die damit einhergehenden Ordnungen infrage.“

Ich habe den Band gleich nach Erscheinen in die Hand genommen, brauchte jedoch mehrere Anläufe, bis sich mir die Gedichte erschlossen. Immer braucht es den richtigen Zeitpunkt für eine bestimmte Lektüre. Es ist ein Band, den man nicht mit ein mal lesen erfassen kann. Dazu ist er zu ausgeklügelt und sprachlich zu bewusst konstruiert. Hier ist nichts zufällig, alles gehört an seinen Platz. Dennoch wirken die Gedichte, vor allem auch wegen der vielen schrägen Zeilenumbrüche, mitunter sperrig. Ein Hin- und Herdenken wird beim Lesen gefordert. Oder aber man verlässt sich voll auf den Klang und gibt sich nur dem Rhythmus hin. Das funktioniert auch; vor allem, wenn man laut liest. Letztlich habe ich Zanders Lyrik lieb gewonnen. Und freue mich über die Vielfalt, die mir bei Lyrik fast größer erscheint als bei Prosa. Judith Zanders Lyrikband landete auch auf meiner persönlichen Bestenliste im Jahr 2022. Hier gehts zu meiner ausführlichen Besprechung:


Sehr gefallen hat mir auch ihr letzter Roman „Johnny Ohneland„: Welch ein Sprachfunkeln!
Es war der erste Roman, den ich von ihr las. Ihre Sprache ist wunderbar. Es ist wieder einmal so ein Buch, bei dem für mich die Sprache vor der Geschichte selbst steht. Die Geschichte ist eine Familiengeschichte, eine Entwicklungsgeschichte, eine Coming-of-Age-Geschichte. Die Sprache spielt die Hauptrolle und wird zelebriert in jeder Hinsicht. Wir erleben die Heldin Joana Wolkenzin in ihrer kleinen Heimatstadt im nördlichen Ostdeutschland. Beginnend mit dem Kindergarten, noch vor dem Mauerfall, bei dem sie 10 Jahre alt ist, begleiten wir sie, ihren ein Jahr jüngeren Bruder Charlie und ihre Eltern durch die Zeit bis in ihr Erwachsenenalter. Die eigentlich spektakulären Dinge passieren in Zanders Roman weniger im Außen, als im Inneren der Heldin. Denn sie reflektiert und seziert fast pausenlos ihr Dasein und versucht sich ihr Alleinsein und ihr Anderssein zu erklären und zu akzeptieren. Für mich als Leserin ist das hochinteressant, denn die Sprache, die die Autorin dabei verwendet sprüht vor Wortspielereien und Metaphern (die bis auf sehr wenige Ausnahmen stimmig sind). Dabei entstehen oft extrem lange Satzschlangen, die mitunter mehrfaches Lesen nahelegen. Eine weitere Besonderheit ist die Du-Perspektive, in der das Buch geschrieben ist. Hier geht es zu meiner ausführlichen Besprechung:


Gerade habe ich noch einmal ins „manual numerale“, erschienen 2014, hineingeschaut. Gelesen habe ich es bereits vor meiner Bloggerzeit. Zwei passende Gedichte habe ich gefunden. Eins, was mich an aktuelle politische Zukunftsszenarien erinnert:

„Ach, was muß man oft von bösen zukünften hören oder lesen
wo am wenigsten passiert was am meisten interessiert
dieses nähret den verdacht zukunft sei nicht selbstgemacht
sag in welchen massenküchen wird sie eingeweckt mit flüchen
wer kauft sie bei Netto ein die geschmacksvereitlungspein
und flößt ein sie seinen kindern um sich nicht allein zu hindern?

oder dieses Einsatzgedicht, welches ich mir beim Dichten in Zukunft immer vor Augen führe:

„heute schrieb ich dir ein langes mir gefallendes gedicht“

Alle Bücher von Judith Zander erscheinen beim dtv.

Aus dem Archiv: Nancy Hünger: Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett Edition Azur

Nancy Hünger: Ein wenig Musik zum Abschied wäre trotzdem nett

Schöne tiefe Abgründe liegen zwischen den Zeilen von Nancy Hüngers neuem Lyrikband. In acht unterschiedlichsten Kapiteln schickt sie ihre Leser*innen beispielsweise durch „Liederliche Lieben“, lässt sie „Rupfen in fremden Gärten“ und erzählt „Aus der Werkstatt betretenen Schweigens“. Wie im Titel schon angedeutet, dreht sich in der Tat in diesem Buch vieles um Musik, Rhythmus  und Klang. Musikalität scheint in Hüngers Schreiben notwendig, auch in den Kapiteln, die nicht ausschließlich diesem Thema gewidmet sind. Der Rhythmus der Sprache sucht sich seinen Weg zwischen Worten, Zeilen, Versen. So entsteht eine Verbindung, ja, eine Verschmelzung, ein Gesang.

„ …Wir hören mit den Lakenohren, leicht

verklebt, die Häuser rufen, Welpen schreien mit Kinder-
stimmen oder welpenhafte Kinder, die aus Fenstern trieften,
Welpen warfen, zu den kreischenden Hornissen ….“

Aber auch der zweite Teil aus der Titelzeile ist gewichtig und legt sich fast durchgängig auf jedes Kapitel: der Abschied, die Einsamkeit. Überhaupt scheint mir Unberührbarkeit ein Merkmal von Hüngers Spracharbeit: Was eben noch auf der Zunge zergeht, ist im nächsten Moment schon wieder gefroren. Ein ständiges oft unruhiges Hin und Her zwischen Zweisamkeit und dem Erlebnis Einsamkeit zeigt sich und macht sich breit. Ein Kampf tobt zwischen diesen Aggregatzuständen – welcher ist leichter aushaltbar?

„ … üb dich mein Bürschlein im GEH ODER BLEIB
aber üb dich am Alphabet sind manche schon verzweifelt
zwei Finger kurz vor knapp daneben wie auch immer …“

Nancy Hünger macht es ihren Leser*innen nicht immer leicht. Mit einmal lesen ist es nicht getan. Auch mit zweimal nicht. Ihre Lyrik beansprucht äußerste Konzentration und starke Zuwendung. Das Schöne: Je öfter man liest, desto mehr lassen sich die Gedichte durchdringen, sie öffnen sich. Hünger spielt ihr lyrisches Ich und oft das lyrische Wir gegen alles aus. Ich und Wir treten niemals zurück in den Versen, sie sind in großer Dichte präsent, stehen im Vordergrund: das Orchester stimmt sich ein. Dahinter die Bühne der Worte, die Schauspieler: bis sie ihren Platz einnehmen, passend ankommen im Kopf der Leser*innen, darf Zeit vergehen.

„ … ich erkenne niemanden
wieder die Gesichter drehen zum Mond

und Sicheln fahren darüber. Die Zeit
weiß nicht weiter, geht unter in uns
drehen die Gestirne. Ist jeder allein.“

Durch das ganze Buch zieht sich stetig der Strom der Zeilensprünge, fast jede Zeile, kaum ein Vers ohne Bruch. Das bremst immer wieder den Lesefluss, zwingt langsamer zu werden. Es ergeben sich immer wieder neue Lesarten.

„… wer weiß schon wie es sich ausnimmt
in meinem Zimmer werden die Bücher verpackt
ist was du hattest gar nicht mehr so viel was du brauchtest
waren zwei drei kleine Gedichte und ein wenig Musik …“

Was ebenfalls auffällt sind Hüngers besonders schöne Versenden, immer hat sie den Dreh genau heraus, wie sie ihr Gedicht beenden will. Hier setzt sie starke Akzente. Zufall scheint es dabei nicht zu geben, alles entspricht der beabsichtigten Komposition. Manchmal entsteht dadurch aber auch eine seltsame Abstraktheit mit wenig Raum für Emotionen. Einige Gedichte stehen mir sehr verkopft gegenüber, was besonders bei den erotischen und Liebesgedichten im Kapitel „volvere“ verwundert. Die Überschrift dieses Kapitels zeigt sich jedoch stimmig, wenn man nachliest, wie viele Bedeutungen dieses Wort hat.

„Dieses Gefühl klang nirgendwie irgendwie profan nach
Gefühl war uns wenig durchtrieben wir also Wörter
und hießen es Schnee sagten ICH SCHNEIE DICH
aus meinen Wimpernkränzen umschnei ich dich …“

In diesem, aber auch in einigen anderen Kapiteln benutzt Hünger eine immense Vielfalt kreativer Worterfindungen: So geht es durchs „Knickicht“und zwei „jochandeln einander“. Dergleichen eingeflochtene Neuworte regen die Phantasie an. Stellenweise wird es auch fast zu viel, wenn Hünger den Bogen überspannt. Dann wieder folgen solch außergewöhnlich schöne Sequenzen wie hier:

„… nur lass mir die kleinen Partien kann ich nicht hergeben den
Mund verwahre ich für die Männer die ich wollte habe ich
WUND UND WUNDER geküsst die Männer die ich wollte
sind alle zwischen meinen Lippen gefährlich schön erstickt.“

Hier, wie im Kapitel „Ach diese herrlichen Schwendtage, diese“ stehen die Gedichte alle im Blocksatz, wirken vom Satzbild her unzugänglich, verschlossen. Andere Kapitel enthalten luftigere Formen. So ist das Kapitel „Leb wohl, gute Reise“ in Dreizeilern angelegt. Diese Form erinnert an eine volkstümliche italienische Liedform (Stornello). Passend dazu befindet sich Hünger hier auf den Spuren Goethes in Italien. Dieses Kapitel scheint mir eines der stärksten des Bandes zu sein. Eine Reise nach Sizilien wird hier zum verdichteten Thema.

„ … Wir wechselten vier Löhne gegen Land und
eine Sprache aus den Fernwehkatalogen
schnitten wir den Süden Goethes aus …“

Doch was aus diesen Versen herauszulesen ist, lässt sich schwerlich mit Goethes Italien vergleichen. Die Zeit hat Wunden geschlagen, viel mehr der Mensch. Hünger findet hier einen besonderen Rhythmus, einen eigenen Klang, alles fließt. Ihre Gedichte durchleuchten die vermeintliche Idylle, werden zu Klagen, zu Anklagen, zu kritischen Fragen.

„ … und lasen aus den Stichwortkatalogen:
Europa, Menschheit, Wiege, Strandverbot,
das schöne schöne Abendland war abgebrannt

und glühte rauch- und rußgeschwärzt auf den Wangen
der Atom-U-Boote, Schauerbojen, die im Stahlbad
schweigsam Kriegsschlaf hielten …“

oder

„ … Unsre Füße
stießen immerzu ans Meer und selbst die Sterne

waren schmutzig in jenen Nächten, als sich die Stadt
an Straßen strangulierte. Wir hörten Achsen brechen
und dieses leise Stöhnen. Die Palazzi röchelten. …“

Im Kapitel „Familiarium“ findet sich ein sehr starkes längeres Gedicht namens „Meine fünf ungeborenen Töchter“ – ein wirklicher Höhepunkt. Es ist das vielschichtigste, bemerkenswerteste, bedeutungsvollste, selbstkritischste Gedicht dieses Bandes, bestehend aus acht Sechszeilern. Es ist eine Klageschrift, eine Mahnung, ein Aufruf an das Selbst und an die Welt. Gleichzeitig enthält es die ewige Frage: Kann Lyrik im großen Weltgeschehen überhaupt etwas ausrichten, gar verändern?

„… meine fünf ungeborenen Töchter rufen mich zweimal
die Woche über Satellit fragen sie nach der Lage
und der prozentualen Niederschlagsdichte meiner Tränen
sie fragen nach den Adressen von Diktatoren
dem Generalschlüssel für Gefängnisse und den neuesten
statistischen Erhebungen zur menschlichen Dummheit …“

Das letzte Gedicht im Band namens „Angesichts der entfesselten Publikationsverhältnisse“ ist wieder außergewöhnlich, auch in der Form, und bildet einen treffenden Abschluss. Es ist ein fortlaufender Fließtext, der jedoch durch Querstriche fortwährend unterbrochen wird und so die Zeilenumbrüche andeutet. Auf zweieinhalb Seiten wird hier stakkatohaft aus einem Dichterleben erzählt: die Themen der zeitgenössischen Dichtung werden aufgezählt, die prekäre Situation angesichts des Standes der Lyrik im Literaturbetrieb wird angedeutet, alles nur rein hypothetisch. Das Gedicht endet so:

„… was wäre / wenn wir alle nur noch so täten / als ob
/ dann müssten wir / rein theoretisch / versteht sich / unsere
Preisgelder / ehrlicherweis / rückerstatten / stell dir das /  rein
hypothetisch / versteht sich / mal vor“

Ich empfehle Nancy Hüngers Lyrikband nachdrücklich.

Dieser Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.

Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2023


Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2023 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Das ist inzwischen ein schönes halbjährliches Ritual geworden. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Dabei sind außerdem ganz wunderschön gestaltete Buchcover. Mit Klick auf das Coverfoto geht es zu ausführlichen Verlagsinformationen.
Im darauf folgenden Blogbeitrag stelle ich zum ersten Mal dann auch Roman-Neuerscheinungen vor, die mich besonders interessieren.
Viel Vergnügen beim Entdecken!

2 Anthologien:


Der Schuber mit den Monatsgedichten von Reclam ist bald wieder lieferbar. Ich besitze ihn schon seit Jahren und greife immer wieder darauf zurück. „Jeder Monat hat sein Gesicht: Und dieses klar-kalte, grau-stürmische, farbenprächtig-leuchtende, satt-gleißende oder ruhig-regnerische Charakterbild eines jeden Monats zeichnen die zwölf Gedichtbände in dieser Kassette. Ein lyrischer Gang durchs Jahr, eine kleine Feier wichtiger Lebensmonate, eine Meditation des Werdens und Vergehens unseres Jahreslaufes.“ (Verlagstext) erscheint Mitte Februar 23.

Ein neues Jahrbuch der Lyrik: „Die Anthologie will die Bandbreite dessen präsentieren, was in der Dichtung möglich ist. Wie wird heute geschrieben, welche unterschiedlichen Ansätze gibt es? Das Jahrbuch präsentiert den großen Reichtum der deutschsprachigen Gegenwartslyrik.“ (Verlagstext) Erscheint am 23.3.23 im Schöffling Verlag.


3 x SlowenienBuchmesse Frankfurt Gastland 2023:


Die Gedichte der »Atemprotokolle« sind Zeugnis einer Reise ins Innere, auf die sich Aleš Šteger im Sommer 2018 begab. Ohne die Absicht, etwas Literarisches zu schreiben, entstehen dabei innerhalb von drei Tagen und Nächten Gedichte, die um das Sein und das Vergehen kreisen und der Frage nachgehen, warum letzten Endes alles zerfällt in den Prozessen des Alltäglichen und Oberflächlichen. Die Gedichte erzählen kleine, intime Geschichten oder stellen drängende Fragen unserer Zeit, in der Hoffnung, dass sie uns in unserer Verletzlichkeit berühren. (Verlagstext) Erscheint am 20.2.23 im Wallstein Verlag.

„Weggehen für Anfänger“ ist auch für den Fortgeschrittenen zu empfehlen, gibt der Band doch als eine Art Handbuch anschauliche Anleitungen, wie wir all den Abschieden und Abschiednahmen begegnen können. n einem dichten Geflecht heterogener Beobachtungen spürt Cvetka Lipuš in den urbanen Alltag des modernen westlichen Menschen hinein, in die uns umgebenden und auf uns einströmenden Realitäten, dargeboten in überraschenden Perspektiven, ironischen Zuspitzungen und melancholisch-resignativen Stimmungsbildern. (Verlagstext) Erscheint am 23.2.23 im Otto Müller Verlag.

Tomaž Šalamun ist eine Legende. Ein Dichter, der nicht nur die slowenische Lyrik revolutioniert hat, sondern auch international höchstes Ansehen genoss. Als »Steine aus dem Himmel« bezeichnete Tomaž Šalamun seine Gedichte und die Weise, wie sie ihm zufielen. Der Band versammelt eine repräsentative Auswahl aus Šalamuns lyrischem Spätwerk erstmals in deutscher Sprache, brillant übertragen und mit einem Nachwort versehen von Monika Rinck und Matthias Göritz. (Verlagstext) Erscheint am 17.4.23 im Suhrkamp Verlag.


Nach dem wunderschönen Band „Mutantengarten“ nun neue Gedichtevon Volha Hapeyeva. „Sie durchstreift in „Trapezherz“ Sprachen und Länder, Zeiten und Planeten. In diesem Band vereint sie Wehmut und Liebe, Verspieltes und Ironisches, Momentaufnahmen und Philosophisches, Körperlichkeit und Sinneseindrücke sowie Einsamkeit, Heimat und Nomadentum. Zweifellos zählt Volha Hapeyeva zu den wichtigsten zeitgenössischen belarusischen Stimmen. Ihre Texte sind aktuell und zeitlos, poetisch und politisch.“ (Verlagstext) Erscheint am 10.2.23 im Literaturverlag Droschl.

Ingrid Mylos Schreiben ist der fortwährende Versuch, in Schrift zu fassen, was immer schwerer zu fassen ist: das Substantielle, das Wesentliche. Als 2021 Ingrid Mylos Lyrikband »Überall, wo wir Schatten warfen« erschien, war das für viele eine Entdeckung. »Die Entfernung der Sterne« enthält neben neuen Texten auch Bleibendes, Verstreutes und Überarbeitetes aus mehr als 30 Jahren. Das denkbar beste Gegengift für eine Welt, die so grell ist, dass wir nicht mal mehr die Sterne sehen.“ (Verlagstext) Erscheint am 20.2.23 bei Edition Azur/Voland & Quist.

„Was wäre, wenn die kleinsten Teilchen der Welt, die unsichtbaren Bausteine des Lebens zu uns sprechen könnten? Was hört man, wenn man ihr Wachsen zu körnigen Konstellationen und ihren Zerfall bis hin zur atomaren Spaltung literarisch umkreist? Dieser Frage geht Carolin Callies in ihrem Poem nach.“ (Verlagstext) „teilchenzoo“ erscheint am 23.3.23 im Schöffling Verlag.


Romina Nikolić erzählt in so weitschwingenden wie fein ziselierten Versen von Verwurzelung der Menschen mit einer Landschaft, vom sprichwörtlichen „Unterholz“ ihrer Herkunft aus dem südlichsten Zipfel Thüringens. Einfühlung und Aufbegehren finden sich in dieser Kunst, gepaart mit Witz und Abgründigkeit.“(Verlagstext) Erscheint am 21.3.23 im Wartburg Verlag.

„Wo die Verhältnisse prekär werden, sortiert Barbara Hundegger die Sorgen um. Wo es still wird, hört sie zu, überhört nicht: Wer den falschen Ton angibt, wer nicht gesehen wird, wer ein ums andere Mal nicht gemeint ist, wer nicht sein darf, wer die Falschen schützt. Barbara Hundeggers Lyrik schürft tief, verwandelt Worte in schiere Gedicht-Gebilde, die beides können: treffen und betören. Das Intime in Hundeggers Lyrik verhandelt mit der Komplexität unserer Gesellschaft, unseres Alltags. Die Beschau der Verhältnisse ist immer auch eine Hinterfragung des Gängigen.“ (Verlagstext) [in jeder zelle des körpers wohnt ein gedächtnis] erscheint am 16.5.23 im Haymon Verlag.

„Ob es um Aufbruch geht, um Unterwegs-Sein, um Abschied, Ankommen, um Rückblicke oder aber um einen satirischen Blick auf das Zeitgeschehen, die Texte der Lyrik-Sammlung sind aus dem Blickwinkel eines immer wieder Ankommenden geschrieben. Eines Ankömmlings, der ein Niemandsland durchquert hat. Der Band umfasst Gedichte, die Kristiane Kondrat in den Jahren 2015 bis 2021 geschrieben hat.“ (Verlagstext) Wer tanzt im Niemandsland erscheint im März 23 im Verlag danube books.


Nach „Zu brechen bleibt die See“: „Das Meer ist Kulisse, Schauplatz, Protagonist, Schicksalsgewalt in Michael StavaričDie Suche nach dem Ende der Dunkelheit. Mit Stavaričs überschäumender Fantasie und seiner grenzenlosen Sprachmagie entfaltet der Gedichtzyklus im Lauf der vergehenden Jahreszeiten Szenen der Vergänglichkeit, stille Momente des Todes, helle Freude und Sinnlichkeit, aberwitzig Skurriles direkt aus wildesten Traumwelten, Medien- und Zivilisationskritik bis zum Ekel, setzt Gewisses selbstverständlich neben allerhöchstens Mögliches und löst am Ende alles in einem Nebel aus Halifax auf.“ (Verlagstext) Erscheint am 15.3.23 im Limbus Verlag.

Einer der stillen Lyriker: Von ihm habe ich bereits „Weg zwischen wechselnden Feldern“ besprochen. „In Andreas Altmanns Gedichten tritt die Natur nicht als Gegenwelt in Erscheinung, sondern wird als unmittelbar Erfahrenes ins Erleben geholt. Es findet eine dichterische Anverwandlung statt. Wer, wie Andreas Altmann, mehr als ein halbes Leben lang gedichtet hat, muss sich und der Welt keine Kunstfertigkeit mehr beweisen. Vielleicht resultiert daraus die beindruckende Fähigkeit des unverstellten Sprechens. Dabei trifft mancher Satz den Leser wie ein Schlag. Andere Zeilen scheinen frappierend einfach und doch schwebt ein poetischer Zauber über ihnen.“ (Verlagstext) Von beiden Seiten der Tür erschien am 2.1.23 im Poetenladen.

Einige Gedichte Kerstin Fischers kenne ich bereits aus den sozialen Medien: „Kerstin Fischers Sprache zieht einen sofort in ihren Bann – Satzfragmente, Bilder, Wortschöpfungen gehen ungeahnte Verbindungen ein und bilden expressive, gefühlvolle Klanggemälde, die manchmal fast schwerelos, manchmal mit Wucht mitten ins Herz treffen. Dabei erschließen sich die Gedichte nicht immer gleich auf Anhieb, sondern laden zum Innehalten und Nachspüren ein. Aber gerade das macht die Auseinandersetzung so spannend … Das ist lebendige Poesie im besten Sinne.“ (Verlagstext) Spiegelglut erscheint am 10.2.23 im Athena Verlag.


„Verse über das Anfangen, über Sprache vor der Sprache und über das Verhältnis von Erinnerung und Präsenz. Die Zeit dehnt sich oder schießt im Spiel der Laute zusammen: „dies nagen, ineinanderdrehen / von wolken, beginn: nicht eine / silbe zum stehen, stauchen / alles drin“. Mit großem sprachlichen Gespür geht Nico Bleutge den Lücken in der Wahrnehmung nach und zeigt uns die Kraft der Wörter, klangstark, lustvoll, ebenso konkret wie imaginär.“ (Verlagstext) schlafbaum-variationen erscheint am 16.2.23 im C. H. Beck Verlag.

Die Romane von Hendrik Otremba mag ich, auf die Gedichte bin ich gespannt. „Zwischen Otrembas Büchern, seiner Musik und seinem künstlerischen Werk lassen sich dabei Leitmotive, Linien und alte Bekannte finden, die vielleicht in einem Songtext beginnen mögen, dann aber in der Prosa ihre Fortsetzung erfahren – oder die in Romanen entstanden sind, um sich schließlich im Gedicht zu transformieren.“ (Verlagstext) Wüstungen, Nebel erscheint am 28.3.23 im März Verlag.

„Die Dauer scheint ungewiss. Empfindungen allenthalben. Die Sonette von Stefan Heyer wollen dem Meer Ebenen abringen, Risse und Sprünge bannen, dem großen Schweigen nachhorchen. In vier Zyklen, die je mit 15 Sonetten bestückt sind, geht er Mythen nach, bereist den schwarzen Ozean und sucht das Glück. Zwischen kahlen Bäumen und gähnenden Nachteulen spannt Stefan Heyer in seinen Gedichten seine Fäden, zieht Planken und baut Brücken.“ (Verlagstext) Form und Struktur erscheint am 13.3.23 im Passagen Verlag.

Neujahrs-Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur.
Frohes Neues Jahr!

Meine Liebsten im Jahr 2022 – Romane, Lyrik, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick:


Es war ein schwieriges, anstrengendes Jahr mit weniger Lektüre als sonst, zumindest in den letzten Monaten des Jahres. Es gab anderes zu tun. Es gab oft keine Konzentration und auch keine Zeit für Literatur. Viele der Herbstneuerscheinungen liegen noch ungelesen, obwohl die Verlage schon längst die Frühjahrsneuerscheinungen anpreisen. Dafür gab es ganz klare Favoriten. Die Lyrik war besonders stark präsent und ich spürte einmal mehr, welch unglaubliche Kraft von Gedichten ausgeht. Und auch Hörbücher haben mir gute Dienste geleistet. Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag.

Meine liebsten Romane:

Meine liebsten Lyrikbände und ein Hörbuch:

Friederike Haerter: Im Zugwind flüchtender Tage Aphaia Verlag

Friederike Haerters Debüt-Gedichtband spricht mich bereits äußerlich sehr an. Ein wunderschönes Cover und im Umschlag ein Stilleben mit Feigen. Von Pamina Adele, steht im Impressum, stammen die Illustrationen, die mit den Gedichten harmonieren.

Mit Friederike Haerters Gedichten begebe ich mich auf eine Reise durch die Zeit, und durch verschiedene Länder, sie erzählen Geschichten. Sie folgen einer Chronologie, die sich am Lebenszyklus orientiert. Dass sie teils autobiografisch sind, schreibt die Dichterin auch in ihrem Nachwort.

„nur Kastanien sind krank
geschrieben löchrig braune
Hände kritzeln in den Wind

der Himmel bedeckt sich mit
all den verworfenen Skizzen“

Eingangs betreten wir eine Landschaft, die von einem jungen lyrischen Ich besiedelt ist. Es dürfte sich um die Heimat-Landschaft der Dichterin handeln: es ist die Uckermark nahe der Oder, aber auch bereits nahe der Ostsee. Eine Kindheit in dieser Gegend war prägend, ein Leben auf dem Land zumal bei einer Geburt im Jahr 1989, als alles sich veränderte, politisch wie privat, vieles sich öffnete, manches sich schloss. So streifen wir mit der Protagonistin als Kind durch die Natur, erleben deren wilde Nähe und dann wieder die Suche nach Zugehörigkeit bei den Menschen. Es gibt ein „Wir“, es sind offenbar Geschwister oder Freundinnen, die gemeinsam mit der Fantasie spielen, Drachen steigen lassen, eigene Abenteuer kreieren, ganz unbekümmert. Besonders hier erinnern mich die Gedichte an Kerstin Beckers Lyrik im Gedichtband „Biestmilch“.

„wir hatten Land
hinter Kanten aus Gras
Im Nirgend wo Grenzen verliefen
war Land aus dem Wind
die Drachen stiegen
bunte Kreuze hochgeworfen in die Luft
an einem Faden der so tief
in unsre Kinderhände schnitt“

Die Texte lassen mich auch einen Werdegang erkennen. Ein flügge Werden, ein weg von zu Hause, sogar weit weg. Die eigene Wohnung in Paris (?) folgt, das sich fremd fühlen, die Einsamkeit, aber auch die neuen Chancen. Es folgen Reisen durch andere Länder, noch weiter weg. Und immer wieder die Rückkehr. Die Heimkehr, wenn auch nur kurz. Sehr sinnlich sind die Gedichte, besonders dann, als eine neues Fühlen hinzukommt: das Körpergefühl einer Schwangerschaft, die Inbesitznahme des Körpers durch ein lebendiges wachsendes Wesen.

„und ich stelle mir vor
ein Kind
das sinkt in Richtung Welt
die Schnur die es an mich bindet
meinen Leib
ein Heißluftballon
der sich mit Atem füllt und steigt“

Und auch dann führt der Weg weiter. Neue Orte, neue Landschaften, innere wie äußere. Veränderungen, die auch das eigene Schreiben der Hauptfigur immer wieder in Frage stellen. Doch der Drang des zu Papier bringen Wollens, ja Müssens, der Wortwuchs, lässt sich nicht aufhalten. Und endet, vorerst, im Erscheinen dieses Debütbands, der eine große Sprachbegabtheit zeigt.

„draußen läuft ein Tag
blau an, in die engen Schläfen
presst er sich das
ganze Leuchten
licht belaubter Seelen
eine Linde stillt die Luft“

Viele viele spannende Zeilensprünge gibt es, mehrmals neu lesbar, variantenreich. Was mich vor allem fasziniert, ist die Art, wie Friederike Haerter ihre Gedichte zu Ende bringt. Sie überrascht mich da immer wieder. Die Verse enthalten einen Rhythmus, der mich durch die Zeilen treibt und jeder Reim passt. Und dann immer wieder der starke Schluss. Kein Paukenschlag, aber ein Zimbelklang. Ich, die ich selbst immer mit dem Schluss eines Gedichtes zu kämpfen habe, bin davon begeistert. Die Gedichte sind oft gar nicht lang und enthalten doch alles was nötig ist, um deutlich Bilder aufsteigen zu lassen. Ein stimmungsvolles Debüt! Lesenswert auch, was die Lyrikerin über ihr Schreiben im Nachwort erzählt. Ich habe oft gedanklich zugestimmt.

Im Zugwind flüchtender Tage“ erschien im Aphaia Verlag. Vielen Dank für das Rezensionsexemplar.

Gøhril Gabrielsen: Zwischen Nord und Nacht Insel Verlag

Photo by Keith Hah on Pexels.com


Tod, deine Umarmung ist nicht kalt
die Erde zu Asche verwandelt
ich bin selber das Feuer.

Edith Södergran, Gedichtauszug aus dem Band „Feindliche Sterne“

Die norwegische Autorin Gøhril Gabrielsen erzählt die Geschichte einer komplexen Mutter-Tochter-Beziehung und verknüpft sie mit der Geschichte der finnlandschwedischen Lyrikerin Edith Södergran und deren Mutter. Obiges Zitat findet sich auch im Titel eines Hörbuchs mit Gedichten und Briefen Södergrans. Ich habe mir die CD, die im Kleinheinrich Verlag erschien (leider ist sie vergriffen) parallel zur Buchlektüre angehört. Die Lyrikerin starb jung, mit nur 30 Jahren an Tuberkulose, wie zuvor schon der Vater. Ihre Gedichte finden leider viel zu wenig Beachtung.

„… denn aus den Worten „der Mond erzählt mir in silbernen Runen / vom Land, das nicht ist“ begriff ich plötzlich, dass der Boden, auf dem ich saß, und das Zimmer, das mich umgab, eine unsichtbare und ganz andere Wirklichkeit verbargen, einen Ort, an dem die Vernunft nicht gilt und an dem sie all demjenigen, was unaufhörlich im Werden begriffen ist, nachgibt. Eine Welt, in der sich die Seele manifestiert und Gedichte entstehen können.“

Gabrielsen beginnt die Geschichte mit der Geburt der Tochter der Hauptfigur, die auch Erzählerin ist. Gleich Eingangs berichtet sie, dass ihr an der Lektüre der Gedichte Södergrans sehr viel gelegen ist. So wird parallel zu den eigenen Erfahrungen der Mutterschaft, die von Helene Södergran erzählt. Immer wieder fließen hier auch Gedichtauzüge Edith Södergrans in den Roman mit ein.


Ich freue mich sehr über diese Lektüre, denn wie hier über Mutterschaft erzählt wird, empfinde ich als stimmig. Hier wird nichts beschönigt, hier steigt man gleich ein in die Schwierigkeiten. Hier erzählt eine Mutter, die sich ihrer selbst nicht sicher ist und daher besonders viel Wert auf Erziehung und die Beziehung zu ihrer Tochter legt. Eine Mutter, die schwankt zwischen Überbehütung und Vernachlässigung. Es geht um unsichere Bindung in der Kindheit, es geht um Traumata.

„Das altbekannte Gefühl der Unzulänglichkeit kehrte mit Macht zurück. Es flammte auf wie eine akute Entzündung, wieder hatte es mich erwischt, diesmal aber schwerer als jemals zuvor. […] Es war ein heftiges und dunkles Gefühl, von einer dünnen, dünnen Kruste bedeckt, einem Firnis so zart, dass der kleinste Fehltritt meinen Fehler noch deutlicher hervortreten lassen würde und alles Schlimme noch schlimmer machte.“

Norwegen, Gegenwart: Wir folgen der Gedankenflut der Erzählerin, die zurückblickt und überlegt, wo sie etwas falsch gemacht haben könnte. Denn es hat sich Schlimmes ereignet, die Tochter betreffend. Immerfort geht es um Schuld, um die Frage der Verantwortung. Es geht um das richtige Maß an Freiheit und das richtige Maß an Strenge. Es geht um Liebe, die freiwillig ist und nicht abhängig von dem, wie sich das eigene Kind verhält. Es geht um das Fingerspitzengefühl an zu viel und zu wenig Unterstützung. Als Leserin spüre ich immer wieder, wie sich hier Übergriffigkeit zeigt, wie hier Grenzen überschritten werden. Ein Spagat zwischen Festhalten und Loslassen.

„Ich frage mich, ob mein Leben wie all die Kreuzungen, die ich passiere, auch andere Richtungen hätte einschlagen können. Ob es Anlagen zu unterschiedlichen Versionen meiner selbst gegeben hat, oder ob ich von Beginn an als Einbahnstraße zu betrachten bin, also keine Wahl habe und von Anfang bis Ende nur dieser einen Strecke folgen kann.“

St. Peterburg/ Raivola, Anfang des 20. Jahrhunderts: Ganz ähnliches erlebt Helena, Edith Södergrans Mutter, die sich um die Pubertierende sorgt, weil sie einmal vorlaut ist und eigen und dann wieder zurückgezogen und einsam erscheint. Aus diesem Grund holt Helena eine Pflegetochter ins Haus, ein Mädchen vom Land, das seine Eltern verloren hat. Sie hofft darauf, damit Edith eine gleichaltrige Freundin zu schenken. Doch die beiden verstehen sich nicht. Was sicher auch mit daran liegt, dass Helena Singa eher wie ein Hausmädchen behandelt und nicht wie eine gleichwertige Tochter. Eines Tages nach unschönen Vorfällen verschwindet Singa und wird kurz darauf tot aufgefunden. War es Suizid oder ein Unfall? Helena fragt nach der Schuld, versucht sich davon frei zu machen, verfällt jedoch einer Schwere, die sich auch auf Edith ausweitet.

Bei der Erzählerin ist die Tochter bereits aus dem Haus, ist in die Großstadt gezogen und hat ein Studium begonnen. Sie beginnt eine Beziehung, stellt der Mutter ihren Freund Tor vor, den diese nett findet, aber auch ein wenig seltsam. Auch hier geht es wieder darum: Inwiefern darf ich mich einmischen? Kann ich kritische Fragen stellen oder wirkt das, als würde ich der Tochter das Glück nicht gönnen? Die Erzählerin entscheidet sich dafür, sich zurückzuhalten, der erwachsenen Tochter zu vertrauen. Bis ihr eines Tages seltsame Geschichten über die Beziehung der beiden erzählt werden. Und bis die Tochter eines Abends vollkommen aufgelöst vor der Haustür ihrer Mutter steht …

Ich mag die Art, wie Gøhril Gabrielsen ihre Geschichte erzählt. Ich mag ihre feine, genaue Sprache, die ich oft sehr poetisch finde und die immer auch zum Inhalt passt. Auch die Form gelingt ihr: sie erzählt abwechselnd aus der Gegenwart und der Vergangenheit, abwechselnd von beiden Müttern. Dabei schiebt sie mitunter Ideen ein, was die beiden jeweils hätten sagen oder denken können, was sie in dieser oder jener Konstellation getan hätten. So fühle ich mich stark mit einbezogen und überlege mit. So werde ich auch auf mich selbst zurück geworfen, was Mutter-Tochter-Beziehungen angeht. Und sie hinterfragt klug den Wunsch als Mutter perfekt sein zu wollen und geht dabei in die Tiefe. Für mein Empfinden ist dieses Buch rundum gelungen. Dazu gehört natürlich die wunderbare Übersetzung aus dem Norwegischen von Hanna Granz. Und ich möchte dem Roman sogar ein zum Schauplatz passendes Aurora-Borealis-Leuchten mitgeben.

Zwischen Nord und Nacht“ erschien im Insel Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Judith Zander: im ländchen sommer im winter zur see dtv Verlag

„…so gibt er mir nach
und nach seinen vom andren ende zurecht
gelegten schlaf drin liege ich falsch und wach“

Judith Zander wurde 1980 in Anklam geboren. Ihren letzten Roman „Johnny Ohneland“ habe ich bereits hier besprochen. Doch eigentlich ist sie auch als Lyrikerin bekannt. Ich habe mehrere Anläufe gebraucht, bis sich mir die Gedichte im neuen Band „im ländchen sommer im winter zur see“ erschlossen. Immer braucht es den richtigen Zeitpunkt für eine bestimmte Lektüre. Und scheinbar passte die sommerliche Hitze, um mich mit dieser Lyrik zu befassen. Es ist ein Band, den man nicht mit ein mal lesen erfassen kann. Dazu ist er zu ausgeklügelt und sprachlich zu bewusst konstruiert. Hier ist nichts zufällig, alles gehört an seinen Platz. Dennoch wirken die Gedichte, vor allem auch wegen der vielen schrägen Zeilenumbrüche, mitunter sperrig. Ein Hin- und Herdenken wird beim Lesen gefordert. Oder aber man verlässt sich voll auf den Klang und gibt sich nur dem Rhythmus hin. Das funktioniert auch; vor allem, wenn man laut liest.

„es dämmert dürr liegt das nochsommerland
hat wohl die auszehrung sagte man
so dahin wenn einer nicht satt werden
konnte von schrot und runzelkorn ich kann
bei allen rapunzeln mir nicht helfen wir
waren doch schon mal weiter meinetwegen
in den fünfzigern kam einem mehr“

Die Gedichte spielen vor allem im nordöstlichen Küstenland, Mecklenburg-Vorpommern, das auch Zanders Heimat ist. Einmal höre ich vom Bakelberg. Der ist in Ahrenshoop auf dem Darss. Da wird offenbar eine Landschaft erkundet, sommers wie winters. Steine werden umgedreht und dichte Wälder durchkämmt und in den Himmel gesehen. Die Gedichte können Liebesgedichte sein, zumindest aber erzählen sie vom in Beziehungstehen, vom Kennenlernen, von einer Zweierkonstellation. Scheinbar sind es zwei, die es sich gegenseitig nicht immer leicht machen.

Weitere Themen sind der Klimawandel, die Landschaft in ihrer Veränderung und die Sprache selbst. Mit englischen Einsprengseln und mit Liedzeilen etwa von Gianna Nannini und Nena werden sie mitunter ausgestattet, manchmal ausgereizt. Reime finden sich viele, doch immer schön schief. Nie fehlen Sprichwörter und Redewendungen, die aber meist verdreht und in neuem Sinn wiedergegeben werden z. B. „ein paar volt im schlafpelz“. Manchmal finde ich die Verwendung und Verwandlung von Sprichwörtern in den Versen zu übertrieben oft. Wenn sich (vermeintlich?) kein Sinn mehr daraus erschließen lässt, stört mich das, gleichzeitig bewundere ich es, da es sich so ganz und gar von meiner eigenen Art Gedichte zu schreiben unterscheidet.

„man muss nur schnell rotz und
wasser teilen den wind mit
der lade ausschütten und das
fischbuch verschneiden wer den bade
meister hat braucht für den
jungen gott nicht zu sorgen“

Es gibt viele Anspielungen, wie etwa auf Wolfgang Hilbigs „Leipzig am Meer“ – „Leipzig by the sea“, die DDR oder antike Mythologie und womöglich viele, die ich gar nicht als solche erkannt habe.

Die Gedichte sind durchweg kleingeschrieben, es gibt keine Satzzeichen, was sich bei dem wilden Enjambement auch anbietet. Schwarz/weiße Landschaftsfotos der Autorin ergänzen die Gedichte, wobei diese im Gegensatz zu den Gedichten wenig Spielraum bieten. Andererseits wirken sie durchaus beruhigend zwischen den eher anregenden Versen. Letztlich habe ich Zanders Lyrik lieb gewonnen. Und freue mich über die Vielfalt, die mir bei Lyrik fast größer erscheint als bei Prosa.

Der Band erschien im dtv Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.