Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna Edition Fototapeta

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Nach dem fabelhaften kleinen Roman „Montag“ hat die Edition Fototapeta nun auch Gedichte von Moyshe Kulbak verlegt. Es ist Lyrik, die in der Zeit reifte, als Kulbak von 1920 bis 1923 in Berlin lebte, die er aber erst in Minsk 1928 schrieb. Und es sind mit die besten Berlin-Gedichte die ich bisher gelesen habe, und das, obwohl ich bei durchgängig Gereimtem eher Abstand halte. Es ist ein Zyklus aus 62 Gedichten, der sich am expressionistischen Stil orientiert und Berlin lyrisch beleuchtet.

„O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner,
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.“

Der Buchtitel entspringt den verschiedenen Lektüren, die Kulbak verinnerlicht hatte: da ist George Byrons „Childe Harolds Pilgrimage“ und Heinrich Heines „Childe Harold“. Kulbak kam nach Berlin, um europäische Literatenluft zu schnuppern, aber auch um möglicherweise die jiddische Literatur im Europäischen zu verankern.

„Und plötzlich sitzt er im Abteil, er fährt zum Studieren
nach Europa. Ein jeder nach seinem Fach: Ein Vogel singt,
ein Bolschewik macht Revolutionen, und Pfeifenmann muss
unbedingt
studieren. Der Tag vergeht. Stählerne Farben zirkulieren.“

Kulbaks Protagonist, sein Alter Ego, der „Pfeifenmann“ im Gedichtzyklus, kommt eigentlich nach Berlin, um zu studieren. Doch daraus wird nichts. So muss er sich mit wenig Geld durchschlagen, kleine Posten annehmen um Geld zu verdienen und lernt dadurch gleich die Arbeiterschicht und die Stadt und was sie bewegt sehr genau kennen.

„Die halbe Nacht im Kabarett
mit Jazzband und Präservativen,
die andere Hälfte – unter dem Joch von AEG
und Borsigs finsteren Lokomotiven.“

Genau wie in seinen Romanen sind Kulbaks Gedichte durchzogen von feinstem Humor. Er schreckt dabei weder vor Selbstironie, vor politischer oder Gesellschaftskritik, noch vor den unangenehmen eher dunklen Seiten der Großstadt zurück. Kulbak war sehr belesen und in jegliche philosophische Richtung interessiert: „ein bisschen Blok, ein bisschen Schopenhauer, Kabbala, Spinoza und Perez“

Er erlebt die Weimarer Republik und gleichzeitig das Aufkeimen des Nationalsozialismus, derer in brauner Kluft.

„Im Staat reift heran eine junge Macht,
die einen Riss bewirken wird in seiner Form …“

In vielen Szenen erinnert er mich an das kürzlich gelesene Buch „Land im Zwielicht“ von Leo Lania, der im gleichen Jahr 1896 in der Ukraine geboren wurde und der ebenfalls in dieser Zeit über Berlin schrieb.

„Childe Harold aus Disna“ erschien in der Edition Fototapeta. Die Übersetzerin Sophie Lichtenstein hat die Gedichte vom Jiddischen ins Deutsche übertragen. Ebenso empfehlenswert ist natürlich „Montag“ und der in der anderen Bibliothek erschienene Roman „Die Selmenianer“ (Besprechung folgt).
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

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Simon-Pierre Hamelin: 101, rue de Condorcet Clamart Osburg Verlag

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In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ wundert sich Peter Handke über Marina Zwetajewas Klagen, es gäbe keinen Wald hier. Mit hier ist die Pariser Vorstadt Clamart gemeint, in der Handke viel später auch einige Zeit gelebt hat. Marina Zwetajewa, die große russische Dichterin verbrachte dort in den 30er Jahren lange Zeit im Exil. Doch angekommen ist sie dort nie. Vermutlich waren die Wälder der russischen Heimat mit denen der französischen Vorstadt nicht vergleichbar.

„Hier bin ich ohne Leser, in Russland ohne Bücher.“

Der 1973 in Paris geborene Simon-Pierre Hamelin wirft einen Blick in Marina Zwetajewas Leben in der winzig kleinen Unterkunft, in der Rue Condorcet, in der es sich kaum leben, geschweige denn schreiben lässt. Nur Notizheft um Notizheft füllt sich tagebuchähnlich mit Sehnsucht. Und mit Sorge um die Familie: um die Kinder Alja und Mur und den Ehemann Sergej Efron.

„Wie kann man auf Ihre großen blauen Notizhefte eifersüchtig sein, auf Ihre stockende Feder, diesen winzigen Tisch, an dem Sie so ganz und gar selbstvergessen sitzen … „

Ein Brief trifft ein mit der Ankündigung des Gerichtsvollziehers. Der siebenjährige Mur muss Kohle vom Nachbarn erbetteln. Der Ehemann Sergej ist immer unterwegs um Arbeit zu finden und die Tochter Alja folgt diesem auf Schritt und tritt. Mur ist eifersüchtig auf Marinas Schreiben, man hänselt ihn in der Schule als „Russkoff“. Efron und Alja sehnen sich hingegen nach Russland, dem neuen Menschen, der Sowjetunion.
Jedes Familienmitglied erhält eine Stimme, gleich ein Kapitel, in diesem schmalen Bändchen. Und zuletzt auch der eingetroffene Gerichtsvollzieher, dessen Besuch dank der Phantasie Efrons und einer Flasche Wodka besser ausgeht, als befürchtet … und für Marinas blaue Notizhefte interessierte er sich sowieso nicht. Doch das weitere Schicksal der Familie steht unter weniger guten Sternen …

„Ich weiß alles, was war, und alles was kommt,
Ich kenne das Geheimnis, taub und stumm,
Das in der stammelnden, dunklen
Sprache der Menschen – Leben heißt.“

Auszug aus dem Gedicht „Die Nächte ohne den Geliebten – und die Nächte“

Simon-Pierre Hamelins knapper, zugleich sehr dichter Roman ist eine Hommage an Marina Zwetajewa. Der Autor lebte in seiner Kindheit an beinah der gleichen Adresse wie die russische Dichterin in der Rue Condorcet 80 Jahre zuvor.
Das Buch erschien im Osburg Verlag. Die Übersetzung stammt von Regina Keil-Sagawe. Das aufschlussreiche Nachwort schrieb Marie-Luise Bott. Eine Leseprobe gibt es hier.

Die bisher unveröffentlichten Notizhefte, zu denen auch die aus Paris gehören, wurden nun auch in einem Buch gesammelt und unter dem Titel „Unsre Zeit ist die Kürze“ vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Eine Besprechung dazu folgt.

Ein sehr ausführlicher Roman über die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter Alja ist „Unser tägliches Leben“ von Riikka Pelo. Meine Besprechung dazu auf fixpoetry.

Lyrik-Empfehlungen aus Luxemburg, Türkei, Norwegen und Dänemark

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auf licht gehen

auf licht gehen im auge
die gespiegelte welt
den herzwinkel auskleiden
mit randlosen blicken“

Ulrike Bail: Die Empfindlichkeit der LibelleUlrike Bail lebt in Luxemburg. Dort in der Editions Phi ist ihr Gedichtband „Die Empfindlichkeit der Libelle“ erschienen. So zart und filigran wirken Bails lyrische Gebilde, vielleicht weil sie so kurz sind. Und doch sind sie bei genauerem Betrachten pure Energie. Diese enorme Aussagekraft entsteht aus der Verdichtung: Kein überflüssiges Wort, kein Vers zu viel.  Ähnlich habe ich es bereits bei ihrem Lyrikband „sterbezettel“ erlebt.In diesem Bändchen steckt thematische Vielfalt, die sich meist um die Natur, die Tier- und Pflanzenwelt, dreht, aus der so viel Licht gezogen werden kann. Die Natur bewegt mit ihrer Einfachheit das Geschick des Menschen. Das komplexe Wesen Mensch im Spiegel der Natur. 

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„Steinige Gegend

Es war etwas früher,
Kühle gab ich der steinigen Gegend.

Ich kam bis an das Innere des Hauses,
an einem Tisch wurde ich zu Staub.

Aus unerfindlichen Gründen
kam ich gut auf diese Welt.

Es war Herbst,
ich war Wasser ohne Schatten.

Hättet ihr bei geöffnetem Fenster gefroren?
Wenn ich die Worte einen Spalt weiter aufmachte?“

 

Eine weitere Lyrikperle aus dem Elif Verlag ist der Band der türkischen Dichterin Gonca Özmen. Ihre Gedichte wurden in mehrere Sprachen übersetzt. Der Band ist zweisprachig und wurde von Monika Carbe aus dem Türkischen übertragen. Özmen schafft kühne Verskonstruktionen, immer in freier Form, die sich oft mit der Sprache selbst auseinandersetzen. Oft sind es Rufe nach dem Geliebten, oft entstehen vor dem Auge archaische Bilder oder aus dem Inneren hervor geholte Traumbilder, in denen große Sehnsucht steckt. Selten habe ich so nachdrückliche Verse, so kraftvolle Weiblichkeit, so starkes Verbundensein im Gedicht gelesen.

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Die Alten

Die Alten, die wieder sie selbst werden, langsam,
und sich auflösen, langsam,
wie ein Rauch, unmerklich gehen sie über
in Schlaf
und Licht.“

Rolf Jacobsen: Nachtoffen
Der Norweger Rolf Jacobsen (1907-1994) ist einer der wichtigsten Dichter seines Landes. Seine Texte spiegeln die Natur, die Abfolge der Jahreszeiten und doch auch die Zivilisation, das Leben in der Stadt und auf dem Land. Er erkannte die Armut und schrieb darüber. Für mich hat seine Lyrik auch mystische und spirituelle Anklänge, wie ich sie oft bei den nordischen Dichtern finde. Jacobsen hat einen tiefergehenden Blick für die Dinge, auch für die inneren. Vieles erschließt sich beim Eintauchen, beim Versinken in die Verse. Übersetzt hat Klaus Anders, der selbst Lyriker ist und unter anderem auch Kjartan Hatløy und Olaf H. Hauge übersetzte. Der schöne Band kommt aus der Edition Rugerup.

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Winterwarten
Für mich
trägt der Spätwinterbaum
noch immer sein Eiskleid,
sein Brautkleid, sein
Trauerkleid weiß“

 

Ebenfalls aus dem Meer schöpft Annegret Friedrichsen ihre Worte. Die 1961 in Schleswig-Holstein geborene Lyrikerin wuchs zweisprachig auf und lebt heute in Dänemark und schrieb ihre Gedichte in deutsch. Der Titel ihres Gedichtbands „Meer im Ohr“, erschienen im elbaol Verlag, sagt bereits viel über ihre Lyrik aus. Ihre Gedichte sind kleine Welten im Großen. Sie verbindet den Alltag mit den kleinen Wundern, die man nur sieht, wenn man aufmerksam ist. In ihren Versen bezieht sich oft ein Ich auf ein Du, sehnsuchtsvoll. Fast jedes Gedicht kann man als Liebesgedicht lesen, auch an die Sprache. Der Lyrikband ist wundervoll illustriert von der dänischen Künstlerin Toril Bækmark.

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Lyrik-Taschenkalender 2018 Verlag Das Wunderhorn / Der literarische Frauenkalender 2018 ebersbach & simon

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Zwei Ein- und Ausblicke ins neue Jahr:
Mit zwei bestimmten Kalendern bin ich eigentlich immer ausgestattet, einfach weil sie so schön literatürlich sind.

„Manchmal denke ich, der Himmel besteht aus ununterbrochenem, niemals ermüdendem Lesen.“
                                                                                                              Virginia Woolf

Der literarische Frauenkalender ist mein Liebling unter der inzwischen unübersichtlich ausartenden Masse von Wochen-Kalendern. Der Verlag ebersbach & simon stellt jedes Jahr unter ein neues Motto: Welch Glück! Diesmal sind es Büchernärrinnen.
Hier finden sich sowohl zeitgenössische Autorinnen, als auch bekannte oder berühmte Bücherliebhaberinnen und Leserinnen. Ergänzt wird ein kurzer Text mit Foto, je nachdem ein Porträt oder auch einem Gemälde und/oder einem Filmtipp.
Mehr über den Kalender auf der Seite von ebersbach & simon“

„( … )
Gibt nichts, was mich hier hält –
kein Ton, kein Traum, kein Licht.
Denn diese Irrsinnwelt
verdient nur eins: Verzicht.“

                                                                               Marina Zwetajewa
                                                                               übersetzt von Hendrik Jackson

Für Lyrikleser ist er ein Glück: Der Lyrik-Taschenkalender aus dem Wunderhorn Verlag. Er ist fest gebunden, im DIN A6-Format, mit Platz für tägliche Eintragungen und mit Lesebändchen. Hier gibt es für jede Woche ein Gedicht mit Erläuterungen bzw. einer Rezension dazu. Bestens geeignet ist er, wenn man sich (etwas mehr) auf Lyrik einlassen will und dafür womöglich nicht viel Zeit hat. Dass danach Lust aufkommt, mehr von einem Autor zu lesen oder sich selbst ein klareres Bild zu machen, wie ein Gedicht wirkt, ist so gut wie sicher … Dabei sind sowohl zeitgenössische Dichter, als auch lyrische Klassiker. Um der Vielfalt Willen hätte ich allerdings keinen Autor mit mehreren Gedichten aufgenommen.

Herausgegeben wurde der Lyrikkalender in diesem Jahr von Paul-Henri Campbell zusammen mit, wie in jedem Jahr, Michael Braun. Mehr über den Kalender bei Verlag Das Wunderhorn.

Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können Elif Verlag

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Gleich vorab: Ein Leuchten! Hellstes Polarlichtleuchten!

Beim ersten Lesen des Titels auf dem anziehenden Cover war klar: Das ist passende Lyrik für mich. Sehr selten finde ich einen Lyrikband, bei dem ich mich mit allen Gedichten anfreunden kann. Hier ist es so. Ólafssons Texte vereinnahmen mich ganz. Sie scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Mein Liebstes:

Dichtersprache

Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen,
ohne die Stille zu durchbrechen.

Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.

Es ist nur so,
als zöge man ein Kristallglas
an einem Wollfaden
über
einen steinübersäten Strand.

Eine große Vielfalt steckt in den Texten. Sie reichen von rätselhaft bis skurril („Der innere Raum des Kuchens ist alles das, was nicht Kuchen ist“) , von meditativ bis schlicht, von melancholisch bis humorvoll (“ Ich kann es mir nicht leisten, diese Seelöwen für längere Zeit zu halten“). Manchmal sind es bildhafte Texte von M.C. Escher`schem Format wie bei „Seifenblase“. Manche erscheinen als Traumsequenzen in all der Wirklichkeit: „Stupéfiant.“ Einige muten so essentiell an, wie die Suche nach dem eigenen Selbst. So glaubte ich einmal Pessoa zu begegnen im Gedicht „Nichts wie Nichts“ :

„Ich lehne Vergleiche ab.
Das was ich sage ist.
Ich lehne alle Vergleiche ab.
Alles ist das was es ist.“

Und da ist auch noch das zarte wunderbare „Wiegenlied 1“:

„… Es hat Millionen von Jahren gedauert, dies zustande zu bringen, aber die Welt macht nicht viel Aufhebens davon, weil sie schon darüber, dich in sich zu haben, so überglücklich ist.“

Ólafssons Gedichte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden.

Sowieso ist es ein kleines Kunstwerk, innen wie außen. Die deutsche Ausgabe wurde ebenso ausgestattet wie das Original, das der Autor und Künstler selbst gestaltet hat: Ausgestanzter Einband, collagenhaft, welcher gleich tief blicken lässt, schwarze Fadenheftung auf weißem Grund, fast japanische Bindung, zweisprachig. Fein übersetzt von Island-Spezialist Wolfgang Schiffer und dem Isländer Jón Thor Gislason und verlegt im Elif Verlag, in dem auch sonst ganz fabelhafte Lyrik zu finden ist.

2017-11-08 19.43.16Wolfgang Schiffer stellte kürzlich den Band in Berlin im feinen Schokoladenbuchladen von Fräulein Schneefeld & Herr Hund vor: Es war ein mehr als interessanter Abend mit einer kleinen Einführung in die isländische Geschichte und mit der Vorstellung der isländischen „Atomdichter“, die einen neuen poetischen Ausdruck finden wollten, weitab der traditionellen Form in Island. Der Autor von „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist ein aktueller Vertreter dieser Moderne.

John Clare: Reise aus Essex Matthes & Seitz Verlag

John Clare war Dichter. Er wurde 1793 in Northhamptonshire, England geboren und stammte aus einer Landarbeiterfamilie. Er ging nur bis zu seinem 12. Lebensjahr zur Schule. Mit 13 Jahren begann er zu dichten und zu reimen. Er hatte Talent. Es gab Menschen, die ihn förderten, aber auch welche, die ihn verspotteten und kritisierten. Er war überwiegend Autodidakt und wurde nie so bekannt wie seine Zeitgenossen Keats, Wordsworth und Coleridge (vielleicht lag es an seiner Herkunft?). Gut, dass es nun Esther Kinsky gelungen ist, einen kleinen Eindruck von Clares Werk auch in deutscher Sprache zu vermitteln. Kinsky, die selbst Lyrikerin, Prosaautorin und Übersetzerin ist, schreibt in ihrem Vorwort von der Herausforderung Clare zu übersetzen:

„Die Übersetzung von Clares idiosynkratischem Stil ist keine leichte Aufgabe. Für mich stand von Anfang an fest, dass seine Eigenheiten im Umgang mit Sprache und Schreibweise so sehr zu seinen Texten gehören, dass sie weitgehend erhalten bleiben mussten.“

Für heutige Leser mutet Clares Sprache sehr ungewohnt an, wirkt altmodisch, teilweise fast naiv und unbeholfen. Und doch war es zeitgemäß, wie Clare dichtete und erzählte. Der Titel des Buches führt ein wenig in die Irre, denn nur ein geringer Teil gegen Ende des Buches handelt tatsächlich von der „Reise aus Essex“. Es ist der Bericht, den Clare über seine Flucht aus einer psychiatrischen Einrichtung zurück in seinen eigentlichen Wohnort, sein Zuhause, schreibt. Dennoch lebte er später bis an sein Lebensende wieder in der Psychiatrie.

„Was ist denn Leben? Ein Stundenglas, das rinnt,
ein Dunst, der in der Morgensonne schwind`t,
Ein hastend, rastlos, immer wiederholter Traum. –
Wie lang? So kurz wie ein Gedanke währt.“

Der überwiegende Teil des Buches ist wie eine Art Tagebuch zu lesen. Clare erzählt aus seiner Kindheit und seiner Lebensgeschichte und wie er dazu kam, zu dichten. Er erzählt aber auch von seiner ständigen Suche nach ihm gemäßer Arbeit und seine finanzielle Lage war immer prekär.. Oft verdingte er sich als Gärtner oder Feldarbeiter. Er erzählt über seine Nähe zu den umherziehenden Zigeunern und seiner ersten Liebe. Clare war ein sehr naturverbundener Mensch, der auch von der Natur zum Schreiben inspiriert wurde. Im Buch sind zwei Gedichte zu lesen, die einen guten Eindruck seiner Lyrik vermitteln. Am Anfang das Gedicht: „Was ist Leben?“ und am Ende das Gedicht „Ich bin“.

„Ich selbst verzehr allein mein ganzes Leid: –
Das steigt und schwindet mit jedwedem aus dem Sinn,
Wie Schatten in der Liebe rasendem ersticktem Schrei: –
Und doch – ich bin und lebe –wie Nebel her und hin“

Beide Gedichte sind fast durchgehend gereimt, klingen mitunter etwas holprig, wobei dies möglicherweise der schwierigen Übertragung aus dem Englischen geschuldet ist. Dennoch findet sich die ganze Seelentiefe und Traurigkeit von Clares Persönlichkeit in diesen Texten. Eine Schwermut, die ihn vermutlich am Leben scheitern ließ, die gleichzeitig aber auch diese sehnsüchtigen Verse hervorholte.

Auf dem Höhepunkt seiner Erfolge, als zwei Gedichtbände von ihm erschienen und er für bekannter wurde, reist er auch mehrmals nach London. Die Berühmtheit währt nur sehr kurz, Clare fühlt sich missachtet und es zeigt sich zunehmend seine depressive Disposition. 1837 war sein erster Aufenthalt in der Psychiatrie, aus der er 1841 floh. Kurz darauf wurde er erneut eingewiesen und blieb bis zu seinem Tod 1864.

„Ich hielt mich etwa einen monat in London auf & verbrachte meine zeit sehr angemehm mit besuchen in der stadt & in gesellschaft jener einstigen wunder an Dichtern Malern & verfasern von büchern fast aller richtungen die mir von wundern zu ganz gemeinen männern wurden.“ 

Die „autobiografischen Fragmente“ aus den 1930er Jahren und zwei Briefe vervollständigen das knappe Bild, dass man sich anhand dieses Buches über John Clare machen kann. Esther Kinsky erläutert manches in ihrem Vowort. Das Buch erschien in sehr schöner Ausstattung in Fadenheftung und mit Lesebändchen im Matthes & Seitz Verlag, in dem es auch eine interessante Ergänzung zu diesem Band gibt: Das Buch „Der Rand des Orizonts“ von Iain Sinclair erzählt von dessen Wanderungen auf den Spuren von John Clares Flucht aus Essex 150 Jahre zuvor. Beide Bücher wurden von Esther Kinsky aus dem Englischen übertragen. Mehr darüber hier .

Ulrich Koch: Selbst in hoher Auflösung Jung und Jung Verlag

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„Jeden Morgen erwache ich wie jemand, der sein Empfehlungsschreiben verloren hat, und beginne fieberhaft zu suchen. Sobald ich etwas geschrieben habe, bin ich von seinem Gegenteil überzeugt. Dann stellt sich Heimweh ein.“

Mit diesen Worten eröffnet der 1966 geborene Lyriker Ulrich Koch seinen lang erwarteten neuen Gedichtband. War manches bereits in der Timeline eines Social-Media-Kanals zu lesen, ist es nun gebündelt und verdichtet zwischen zwei Buchdeckeln viel besser aufgehoben – das dichterische Werk. Obiger Auszug leitet die ersten Seiten ein, quasi als poetisches Vorwort, überschrieben mit dem Satz: In meiner Erinnerung riecht es noch immer nach Zukunft. Hier erliest sich schon eingangs mit welcher Reichweite, mit welchem Ton die Leser*innen rechnen dürfen.

„Der Apfelbaum auf der Streuobstwiese
hat den Funkkontakt verloren.“

Es sind Texte, die ich ziemlich gerne lese, Ein Klang, der für mich ein Weltklang im alltäglichen ist, ein Beispiel von Sprache in einer sich stetig wandelnden Welt, im Umfeld des Dichters herausgezogen oder gesogen aus den umgebenden Dingen und Ereignissen. Die Verse begegnen mir, als würde ich sie wiedersehen, als hätte ich sie als Kind schon kennengelernt. Ein Ton, wie ihn so eben nur Ulrich Koch kann. Spektakulär gut.

„Aus der Planierraupe ist ein Parkplatz geschlüpft,
nachtschwarze Flügelfläche,“

Koch stellt Dinge des Alltags in Konstellationen, wie sie eigentlich nicht vorkommen, stellt Natur und Mensch und Tier gegenüber und lässt sie aufeinander los. Ohne Wunden und Verletzungen kommt da keiner raus, wird aber vielleicht gleich wieder getröstet vom nächsten Vers. Wie außen, so innen – oder umgekehrt. Das Innen wird mitunter nach außen gestülpt. Von der Einsamkeit ist überproportional oft die Rede. Aber auch von der Schönheit.

„Die Mehrheit der Einsamen hält sich ein Haustier.
Fünf von vier Haustieren

hören schon seit Jahren nicht mehr zu.“

Kochs Gedichte stehen kaum still, aber erlauben die Stille. Sie lassen sich treiben, kennen kein genaues Ziel. Oft nehmen sie Fahrt auf, die Enden eine Vollbremsung. Und gleich weiter zum Nächsten. Wenn sie dann zum Anhalten einladen, bleibt dem Leser alle Zeit der Welt, um sich durch geheime Türen ins Verdichtete hineinzuschleichen, sozusagen ins Koch`sche Laboratorium und die Worte zu wiegen.

„Auf den Prosagedichten
führen die Befreiten
ihre Strichlisten: Birken,
die zu Reisern verknistern,
immer leiser werdend.“

Die Kapitel sind lose nach Themen geordnet – es lassen sich als Schwerpunkte Beziehungen oder Familie erkennen, es gibt einige Tiergedichte, die dann doch keine sind. Aber auch – ich interpretiere – ein „Wer bin ich, wenn ich bin“ oder „Wo bin ich verankert in der Welt“. Letzteres besonders im Kapitel „Elementare Gedichte“, welches ich auch für das schönste halte. Koch verwendet freie Verse, keine konkreten Formen, was sich reimt, tut es nicht nur aufgrund eines gleichen Klangs sondern aus unerklärlichen Gründen im Lesefluß. Im Ausklang des Buchs schreibt Koch unter anderem:

„Der Vorwurf der Unverständlichkeit eines Gedichts fällt auf den Leser zurück. Es sei denn, er kann glaubhaft machen, daß es dem Schreibenden möglich gewesen wäre, sein Gedicht zu lesen, bevor er es geschrieben hat.“

In diesem Sinne: Ich empfehle diese Gedichte als Leserin und Schreibende zugleich: Lyrisches Leuchten!

Ulrich Kochs Lyrikband „Selbst in höchster Auflösung“ erschien im Jung und Jung Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Lyrik aus dem hochroth Verlag am Beispiel von: Inger-Mari Aikio, Niillas Holmberg, Tzveta Sofronieva

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Lyrik aus dem hochroth Verlag zu entdecken ist auf vielfache Weise eine Freude:
Zum Einen ist es ein engagiertes Projekt, das von vielen Lyrikbegeisterten an sechs verschiedenen Standorten getragen und fortbewegt wird.
Es ist ein Glück, dass diese lyrikbegeisterten Verleger auch großen Wert auf eine ästhetische Gestaltung ihrer Werke legen. Es sind kleine Kunstwerke, diese wunderschönen Bändchen, die handgefertigt aus hochwertigem Papier, sogar einzeln nummeriert verlegt werden.
Und es werden eine Vielzahl an Lyrikern, die in einer Vielzahl an Sprachen unterwegs sind, ausgewählt, bekanntere und unbekanntere. Zudem werden nun auch mehrsprachige Variationen hergestellt.

Meine kleine Auswahl aus der Bielefelder Dependance zeigt gleich das breite Spektrum an Sprachvielfalt:

 

„heimweg des mondes
in den daunen der kolkraben
tragen die flöhe seidenkrawatten“

„knoten fallen vom himmel
eine eintönige arbeit
sie das jahr hindurch zu lösen“

Inger-Mari Aikio: Die Sonne leckt Sahne:
In Aikios Band geht es um den Lauf der Jahreszeiten. Und es geht um Zwischenjahreszeiten, wie wir sie hier nicht kennen, wohl aber im Norden Finnlands. Die Dichterin schreibt auf Finnisch und auf Samisch und sie bietet uns ungewohnte Einblicke in die Natur. Ihre Gedichte ähneln in ihrer Dichte oft Haikus. Durch diese Reduziertheit entstehen starke Bilder. Mitunter war ich an Christine Lavant erinnert, deren Themen ja ebenso Natur und Mystik sind. Mir gefällt dieser Band ausgesprochen gut – für mich Herzenspoesie.
Aikio wurde 1961 in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geboren. Der schmale Band ist zudem hinreißend (mit Rentieren, die im Winter ihr Geweih verlieren) illustriert von Katrin Merz. Die Übersetzung aus dem Nordsamischen stammt von der Gruppe B.

 

“ … der dem Wind auf dem Schoß sitzt
schreibt seine Verse auf Steine und Baum.“

„Doch obwohl ich den Strahl fühlte
nicht mein Lichtzelt
war ich, wie du, nicht geduldig genug
noch in diesem Leben zu leuchten … )“

Ebenfalls aus dem Nordsamischen kommt der Band Der dem Wind auf dem Schoß sitzt von Niilas Holmberg. Der 1990 ebenfalls in Ohcejohka/Utsjoki in Finnland geborene Schriftsteller schreibt so ganz andere Gedichte. Seine Themen verweben den Alltag, die aktuellen Lebensthemen unter anderem mit antiker Philosophie. So ergänzen sich ungewohnt alt und neu. So ergeben sich neue Ideen aus Experimenten. Übersetzt hat den zweisprachigen Band Katrin Merz.

 

„Formen, Ausdrücke, Kochrezepte,
weitere Algorithmen,
All go Rhythm,
Knoten von Assoziationen.“

„An die Erdoberfläche
nagen Anthropozähne
In der entscheidenden Szene
wird der Hintergrund stets
mit dem Vordergrund vertauscht.“

Von Norden nach Osten: Von der Bulgarin Tzveta Sofronieva kommt der Band mit dem schönen Titel: Anthroposzene. Es ist ein mehrsprachiges Lyrikexperiment in der Reihe „Translingual“ In der Tat wimmelt es von unterschiedlichen Sprachen, die in- und nacheinander übergehen und sich zu vereinen versuchen. Ihre Themen sind häufig gesellschaftskritisch. Mitunter verrätselt wie ein Kreuzworträtsel, mitunter gesetzt wie Konkrete Poesie ist dieser Band nicht so leicht zu greifen. Es ist ein Spiel mit der Sprache, experimentell, überbordend und rhythmisch.
„Die Autorin studierte weder Literatur noch Sprachen, weil sie diesen unbefangen begegnen wollte“, eine biografische Angabe, die ich sehr gerne lese …


Ich empfehle das „Unternehmen“ hochroth nachdrücklich!
Weitere Informationen über hochroth an allen Standorten finden sich auf der Website des Verlags, wo es auch ein kurzes Video über die handwerkliche Herstellung der Bände gibt:: http://www.hochroth.de

Übrigens: Der Verlagsname ist angelehnt an ein Gedicht der Dichterin Karoline von Günderode:

Hochroth 

Du innig Roth,
Bis an den Tod
Soll meine Lieb Dir gleichen,
Soll nimmer bleichen,
Bis an den Tod,
Du glühend Roth,
Soll sie Dir gleichen.

 

Orsolya Kalász: Das Eine Brüterich Press

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„Jetzt
schließen wir die Augen,
wir alle.
Dann greift jeder
nach seinem toten Winkel
und legt ihn zu den anderen,
auf den vorbestimmten
Platz.“

Die 1964 geborene Orsolya Kalász hat kürzlich den Peter-Huchel-Preis 2017 erhalten. Die ungarisch/deutsche Lyrikerin, die bereits sehr lange in Berlin lebt, hat eine ganz schöne eigene Art zu schreiben, die mich beim Lesen manchmal an die polnische Dichterin Wislawa Szymborska erinnert hat.

Es ist eine direkte Art über Beziehungen und über Liebe zu schreiben, die mich sehr für sie einnimmt, denn Liebesgedichte zu schreiben die nicht dem Klischee anheim fallen ist wohl das Schwierigste überhaupt. Diese Gedichte sind sehr durchdringend mit klarem persönlichen Ausdruck, sehnsuchtsvoll auch, und mit Metaphern, die vollkommen neu sind. Eine Sprache, die mich anspricht, im Wortsinn.

„Die Vergleiche hissen die Segel

Das Gefühl, von dir berührt zu werden,
vergleiche ich mit einem
vom verschwenderischen Blau
des Himmels gebannten Blick.
Es ist, als würde ich schwimmen
in einem durch die Haut schimmernden See,
inmitten der gespiegelten Wolken
deiner Hand.“

Außer Beziehungs- und Begegnungsthemen jeglicher Art finden sich vorrangig Gedichte einer Sparte, die mir bisher weder als Gedicht noch sonstwie untergekommen ist: Sie beschäftigt sich mit Heraldik und schreibt also Wappen-Gedichte. Gedichte über Heraldik hört sich erst mal seltsam, gar altmodisch an, doch sind Wappen in Kalász` Gedichten immer Symbole, Bilder und Zeichen einer Zugehörigkeit. So lerne ich beispielsweise die Merlette (aus dem Französischen „Merle“= Amsel) kennen: Eine an Schnabel und Füßen gestutzte Amsel, die oft auf Wappenbildern verwendet wird und die hohen Symbolgehalt hat.

Schau mich an
und sag
du bist mein Wappentier,
mein pferdeköpfiger Greif,
mein Tiger-Biber,
mein Fisch-Huhn,
meine Adler-Ziege.

Am Morgen Meerjungfrau,
Am Mittag Basilisk
Am Abend ein roter Krebs
[…]
Auszug aus „Himmel und Erde“

oder

Und dann wäre da noch die Idee,
dass die Wappenfiguren,
vererbbare Erscheinungen
der Realwelt, in der Heraldik,
beim nächsten Selbstentwurf
von Nutzen sein könnten.
[…]
Auszug aus „Idee“

Das Buch kommt aus dem sehr kleinen Verlag Brüterich Press, hinter dem der Lyriker Ulf Stolterfoht steht. Sein wunderbarer wirklich gelungener Werbeslogan:
Schwierige Lyrik zu einem sehr hohen Preis – dann ist es BRUETERICH PRESS
Der Band steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017. Und er ist sehr fein gestaltet und stimmig typographisch inszeniert, durchbrochen von Aufnahmen des Künstlers Frank J. Schäpel, die Röntgenbilder vom menschlichen Schädel zeigen.

Ein interessantes Interview mit Orsolya Kalász gibt es auf fixpoetry.

Christine Lavant: Gedichte aus dem Nachlass Wallstein Verlag

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Wer die österreichische Lyrikerin Christine Lavant (1915-1973) noch nicht kennt, was ein großes Versäumnis ist, hat jetzt die Möglichkeit mit einem neuen über 600 Seiten zählenden Band zu beginnen. Der Wallstein Verlag hat es sich zur Aufgabe gemacht, das von Klaus Ammann und Doris Moser zusammengestellte Gesamtwerk der großen Lyrikerin aus dem Lavanttal nach und nach zu verlegen.
Nun sind es die Gedichte aus dem Nachlass, die teilweise aus dem unveröffentlichten ersten Lyrikband „Die Nacht an den Tag“ stammen, die meinem Empfinden nach sehr christlich religiös wirken. Der andere Teil kommt aus privaten Sammlungen – Lavant schickte oft ihren Freunden Gedichte, ohne eine Kopie zu behalten – und aufgefundenem Material, welches im Robert Musil-Institut in Klagenfurt aufbewahrt ist. So führte Lavant zum Beispiel auch mit ihrem Arzt einen Briefwechsel, der Gedichte von ihr enthält.

„An gottverlassenen Regentagen
kannst du – wenn du ganz einsam bist –
und vom Scheitel bis zu den Zehennägeln
keine einzige furchtsame Stelle mehr hast
sehen oder auch riechen
wie die Erde aus sich kommt.“

Ein weiterer umfangreicher Teil, wie ich finde der interessanteste, stammt aus der Sammlung der Briefe an Werner Berg. Denn hier sind wunderschöne Liebesgedichte enthalten. Christine Lavant verband mit Berg, der einen Hof betrieb, aber auch Maler war, eine lange Liebe. Beide lernten sich auf einer Literaturveranstaltung kennen und ihre Beziehung ging weit über einen künstlerischen Austausch hinaus. Doch zusammen kamen sie nicht, beide waren verheiratet.

„Du ergriffst mein Herz schon als ich dich ansah am Abend
dort unter den Vielen wo keiner sein Herz sonst bereit hielt
und wo man das Kleingeld der Freundlichkeit richtig verteilte
in Augen und Hände.

oder

„Vielleicht lebst eben du in einem deiner
erlösten Bilder, wo der Stein noch Brot ist
und weißt nicht mehr was alles mir noch not ist
und willst im Grunde nur noch irgendeiner
einmal Entflohener meines Herzens sein?“

All diese bisher unveröffentlichten Gedichte künden bereits von der Vielfalt, in der sich Lavant mit ihrer Dichtung bewegte: Naturverbundenheit, Spiritualität, Religiösität – sie beschäftigte sich auch mit dem Buddhismus – und unglaubliche Offenheit. Sie zeugen vor allem von den großen Zusammenhängen, die Lavant immer im Kleinen fand.

„Morgen wird die ertrunkene Hälfte der Welt
nur ein verschilfter Froschtümpel sein
vor dem die Sonne ihr Haar nicht schüttelt
und von den Schultern der Bäume herab
wird das Mondhuhn zu anderer Tränke fliegen.
Warum erzähl ich dies alles dem Tau?
Der hat das Ertrunkene nie gekannt
der ist ja heut erst herabgefallen
auf die zitternde Kümmelstaude.“

Christine Lavants Zu Lebzeiten veröffentlichte Gedichte““ und den kurzen Roman „Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus“ habe ich bereits ausführlich besprochen. Die gesamte Werkausgabe erscheint im Wallstein Verlag. Der vorliegende Band ist wieder mit einem ausführlichen Nachwort versehen und steht auch auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2017.

Ellen Hinsey: Des Menschen Element Matthes & Seitz Verlag

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Der Traum
Die Zeit wie eine Schote aufzubrechen und ihre leuchtenden, glühenden Samen zu betrachten

Ellen Hinsey habe ich nur entdeckt, weil Litauen diesmal Gastland der Leipziger Buchmesse war. Denn sie hat zusammen mit dem 80jährigen litauischen Lyriker Tomas Venclova ein Buch herausgegeben. Die 1960 in Boston geborene Amerikanerin hat mit dem vor langer Zeit nach USA emigrierten Dichter und Literaturprofessor Gespräche geführt und somit sein Leben fürs Lesepublikum aufgeblättert. Das Buch heißt „Der magnetische Norden“ und erschien vor kurzem im Suhrkamp Verlag. Ebenso ist sie Übersetzerin seiner Gedichte.

Als ich ein wenig recherchierte fand ich heraus, dass Ellen Hinsey, die lange Zeit in Paris lebte, nicht nur sich gut auskennt im osteuropäischen Raum und dessen Geschichte, sondern dass sie selbst auch schreibt, und zwar vorrangig Lyrik. Als ich in einer Leseprobe die ersten Zeilen von ihr las, war ich fasziniert: Hinsey weiß hochaktuelle und brandheiße politische Gedichte zu verfassen, die in solch gelungener Spracharbeit und Direktheit selten sind. Ihre Themen lassen außerdem auf intensive Philosophie- und Geschichtskenntnisse schließen. So spricht sie bei der Buchvorstellung in der Berliner DAAD-Galerie über die Ideen des griechischen Philosophen Parmenides, der sie beim Schreiben für dieses Buch sehr beeinflusste: Grob gesagt, hatte er die Theorie, dass es keine Getrenntheit gibt in der Welt, dass alles eins ist. So gesehen erhalten die Gedichte auch eine spirituelle Dimension.

Einsicht und Zweifel
Einmal nur unerwartet die Einheit der Welt erfahren –
wider die Manöver des Verstandes.

Dauerhafter Zustand
Die Wachheit lädt den Verstand ein, sich ihr anzuschließen
im sprießenden, sich stetig erneuernden Feld der Welt.

Merkwürdiges Autodafé
Im Gegenzug plant der Verstand seinen ewigen Angriff auf
das Sein.

Auszug aus dem Notizbuch A

 


Ellen Hinsey scheut nicht die Auseinandersetzung mit aktuellen politischen Themen. So schilderte und verdichtete sie beispielsweise Verhöre von Gefangenen verschiedener Regimes. Hinsey besuchte dazu den Gerichtshof in Den Haag, wo es um Kriegsverbrechen im osteuropäischen Raum ging. Oft schockierend und ungeschönt: diese Gedichte sind mitunter starker Tobak …

Die Tyrannei hat nichts dagegen, klein anzufangen: Maß ist ihr gleichgültig. Ihre Träume vom Ruhm werden frohen Mutes im Kindertheater geprobt.
[…]
Die Regression der Tyrannei ist einfach: die Begierde eines Kleinkinds, der Welt seine Allmacht aufzuerlegen.

aus Chronik – Eine kurze Biografie der Tyrannei

In ihrer Buchvorstellung erzählt Hinsey desweiteren, dass es ihr beim Schreiben ums „Bewahren“ geht, das Bewahren vor dem Verschwinden. In ihrem Lyrikband findet sich dieses Bewahrenwollen in allen drei Kapiteln: Im ersten „Des Menschen Element“ geht es um das Wesen des Menschen: seine Besonderheit; im zweiten „Zeugnis“ geht um das Treiben und Tun der Menschen: die Spaltung der Welt; im dritten „Mitternachtsdialog“ um das Zweifeln, den Moment der Veränderung, um die Vergebung.

Langsam rollen Polizeiautos die mitternächtlichen Boulevards entlang, überwachen das Unheil. Pomp protzt mit Verfall – aber keiner gewinnt, da die Nacht beide in ihren abgenutzten Teppich rollt – um sie auf die Schultern ermatteter Schläfer zu laden, jener unschuldigen Träger der Hoffnung.

aus Annalen – Östliche Apokryphen

Ellen Hinsey schreibt über den Menschen in der Welt, verdichtet, konzentriert und philosophisch. Ihre Gedanken sind unbedingt lesenswert, auch für Nicht-Lyrik-Leser.

Ellen Hinsey war 2015 Gast beim Berliner Künstlerprogramm des DAAD. Der vorliegende Band erschien in der Reihe DAAD Spurensicherung 29 im Matthes & Seitz Verlag und wurde übersetzt von Uta Gosmann.

VERSschmuggel Gedichte: deutsch, litauisch Verlag Das Wunderhorn

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Noch einmal zurück nach Litauen:
Gerade rechtzeitig zur Buchmesse erschien die Gedicht-Anthologie VERSschmuggel Litauen. Die Reihe VERSschmuggel gibt es schon länger und mit einer Vielzahl von Ländern. Es ist ein geniales Projekt: Deutsche Lyriker und Lyriker eines anderen Landes setzen sich zusammen, reden mithilfe eines Dolmetschers über ihre Gedichte und übersetzen sie dann gegenseitig. Als Grundlage wird vorab eine sogenannten interlineare Übersetzung angefertigt. Das Litauische ist eine der Sprachen, die als Tonsprache gilt, so dass sich je nach Betonung ein anderer Sinn ergeben kann, es hebt sich also vom Deutschen stark ab. Im Buch sind dann alle Gedichte zweisprachig abgedruckt und können mithilfe eines QR-Codes sogar angehört werden (so man denn über ein entsprechendes Mobilphone verfügt). Das Buch erschien gleichzeitig auch in einem litauischen Verlag.
Initiiert wurde das Projekt von der französischen Übersetzerin Aurélie Maurin, die auch Mitherausgeberin ist, in Zusammenarbeit mit Thomas Wohlfahrt vom Haus der Poesie in Berlin. Dieser Reihe zugrunde liegt eine Diskussion über das Thema `Lyrik übersetzen´ im Allgemeinen: Ist es besser professionellen Übersetzern das Handwerk zu überlassen oder sind Dichter dafür geeigneter?

Diesmal also Litauen, Gastland der Leipziger Buchmesse.
Im Anhang des Buches finden sich jeweils biografische Angaben und die Bücher, aus denen die Gedichte stammen und kurze Einblicke in die Zusammenarbeit jedes Einzelnen, die für manche Dichter ganz neue eigene Herangehensweisen eröffneten und wohl eine große Bereicherung war. Es arbeiteten diese 12 Lyriker zusammen.

Christian Filips mit Aivaras Veiknys
Norbert Hummelt mit Antanas A. Jonynas
Orsolya Kalász mit Giedré Kazlauskaité
Sabine Scho mit Agné Zagrakalyté
Mathias Traxler mit Gytis Norvilas
Christoph Wenzel mit Sigitas Parulskis

Das sind noch einmal ganz andere Stimmen als in meinem letzten Beitrag über litauische Lyrik. Hier sind einige Auszüge aus Gedichten, Gesprächen, Beiträgen, die etwas aus dieser Arbeit, aus diesem Buch verdeutlichen und wiederspiegeln:

„das lagerfeuer brennt und ich erinnere mich,
wie mein sohn in meine schuhe schlüpft
als probierte er mich selber an

die schuhe sind ein raum, für füße ein zuhause
die zuflucht des verlorenen sohns,
in ihnen wohnt die zeit als ein zurückgelegter weg […]“

aus „Das Verbrennen der Schuhe“ von Sigitas Parulskis, übersetzt von Christoph Wenzel

oder

„Todesangst packte mich auf einmal,
vor einem langen Leben
voller Verluste, ohne je etwas produziert zu haben […]“

aus „Treppe zur Bibliothek“ von Giedré Kazlauskaité, übersetzt von Orsolya Kalász

oder Christian Filips zu seiner Arbeit mit Aivaras Veiknys:

„Wie übersetzt man den erstarrten Wunsch nach dem einfachen Leben in ein: Schau doch! Da! Es ändert sich ja! Selbst, Stein, Feld, Vater sind nicht immer dieselben …“

Die VERSschmuggel-Bände erscheinen alle im Wunderhorn Verlag, der auch sonst einiges an Lyrischem zu bieten hat. Mehr über Verlag, Buch und eine Leseprobe gibt es hier

Einen weiteren Beitrag zur litauischen Lyrik gibt es bereits hier auf meinem Blog.

Auf der Website lyrikline findet sich ein reicher Schatz an gelesenen Gedichten, unter anderem auch Lyrik oben genannter Autoren.

Und noch einmal ans Herz legen möchte ich Antanas Skemas Roman „Das weiße Leintuch“ aus dem Guggolz Verlag. Darin geht es um einen litauischen Dichter im New Yorker Exil.

Riikka Pelo: Unser tägliches Leben C. H. Beck Verlag

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Über „Unser tägliches Leben“ soll sie schreiben, die kleine Ariadna, das elfjährige Mädchen, das eigentlich nur ein ganz normales Kind sein möchte. So verlangt es ihre Mutter. Und ihre Mutter ist niemand geringeres als die russische Dichterin Marina Zwetajewa. Die behandelt die kleine Tochter wie eine Erwachsene und verlangt oft mehr, als sie selbst geben kann. Das gemeinsame geschriebene Werk soll als großes Prosawerk erscheinen und von ihrem Leben zeugen.

Der Roman der Finnin Riikka Pelo, für den sie den renommierten Finlandia-Preis erhielt, beschreibt Auszüge aus dem Leben der russischen Dichterin Marina Zwetajewas. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Beziehung der Dichterin zu ihrer Tochter Ariadna.

Meine komplette Besprechung hier auf fixpoetry.

Ulrike Bail: sterbezettel edition offenes feld

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Ich war neugierig: Wer nennt seinen Lyrikband „sterbezettel“?

Ich vermutete, es würde jemand sein, die sich mit dem Sterben und dem Tod beschäftigt hat. Die Autorin, davon ging ich aus, muss zutiefst mit dem Thema verbunden sein. In der Kurzbiografie von Ulrike Bail las ich dann, dass sie Germanistik und Theologie studiert hat und Professorin für Altes Testament ist. Sie lebt in Luxemburg und hat dort für „sterbezettel“ bereits einen Preis erhalten.

Beim Lesen der Gedichte zeigte sich schließlich, dass es in ihrem Band nicht nur ums Sterben geht, sondern vielmehr um ein „Stirb und Werde“.

Meine gesamte Besprechung gibt es auf fixpoetry

Film-Kunst-Film: Die Poetin DVD Film von Bruno Barreto 2014

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Der Film „Die Poetin“ erzählt vom Leben und Werdegang der New Yorker Dichterin Elizabeth Bishop, deren recht bekanntes Gedicht „One Art“ (deutsch: Die Kunst des Verlierens) mich schon immer sehr angesprochen hat:

The art of losing isn’t hard to master;
so many things seem filled with the intent
to be lost that their loss is no disaster.

Lose something every day. Accept the fluster
of lost door keys, the hour badly spent.
The art of losing isn’t hard to master.

Then practice losing farther, losing faster:
places, and names, and where it was you meant
to travel. None of these will bring disaster.

I lost my mother’s watch. And look! my last, or
next-to-last, of three loved houses went.
The art of losing isn’t hard to master.

I lost two cities, lovely ones. And, vaster,
some realms I owned, two rivers, a continent.
I miss them, but it wasn’t a disaster.

—Even losing you (the joking voice, a gesture
I love) I shan’t have lied. It’s evident
the art of losing’s not too hard to master
though it may look like (Write it!) like disaster.

Elizabeth Bishop zählt zu den einflussreichsten US-amerikanischen Lyrikerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie lebte von 1911 bis 1979. Der Film setzt 1951 ein, als Bishop sich entschließt ihre alte Studienfreundin Mary in Brasilien zu besuchen, um neue Anregungen für ihr Schreiben zu bekommen. Es wird ein sehr langer inspirierender Aufenthalt, der von enormer Schaffenskraft geprägt sein wird. Das liegt am Land, aber auch an den Menschen, denen sie dort begegnet. Vor allem auch an einer Frau, der Architektin Lota de Macedo Soares, der Lebensgefährtin von Mary. Die extrovertierte, selbstbewusste Lota, die Elizabeth zunächst als aufdringlich und überheblich empfindet, wird nach und nach zur Freundin, zur Geliebten, zur Muse.
In einem eigens für sie gebauten lichtdurchfluteten Atelier im Grünen schreibt sie ihren Gedichtband „North & South – A cold spring“ und erhält dafür 1956 den Pulitzer-Preis für Dichtung. Doch die Dreiecksbeziehung wird immer schwieriger. Als Lota in Rio an einem neuen Projekt arbeitet kommt sie Mary wieder näher. Elizabeth beginnt zu trinken, um die Eifersucht (und das Leben?) aushalten zu können. Als sie eine Einladung für eine Dozentur an einem amerikanischen College erhält, nimmt sie an. Die beiden Frauen sehen sich nur noch einmal 1967, um doch wieder nur Abschied voneinander zu nehmen, diesmal für immer.
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Glória Pires spielt überzeugend die tatkräftige Lota, Miranda Otto die sensible, zerbrechliche Dichterin.
Hier gehts zur offiziellen Film-Website: http://www.diepoetin-film.de
In einer deutsch/englischen Ausgabe liegt der Gedichtband „Alles Meer ein gleitender Marmor“ von Elizabeth Bishop vor. Ansonsten gibt es nur englische Originalausgaben.