Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

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Erneut und nun schon zum dritten Mal, kommt ein Lyrikband aus Island im Elif Verlag heraus. Die Zusammenarbeit des Verlegers Dincer Gücyeter mit Übersetzer Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason trägt reiche Früchte. Wieder ist er ganz anders gestaltet, als die beiden Vorgänger. Es ist der letzte Band, der von Sigurður Pálsson veröffentlicht wurde. Er starb 2017. Posthum wurde sein Band für den „Preis des nordischen Rats“ nominiert. Auch zuvor wurde der Dichter bereits mit Preisen geehrt. Interessant an Pálssons Biografie ist, dass der 1948 geborene in Frankreich die Sprache und Literatur studierte, auch die Studentenunruhen 1968 miterlebte, und später zurück in Island neben seiner Dichtertätigkeit und der Arbeit für Film und Radio, diverse literarische Werke vom Französischen ins Isländische übertrug.

Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Das erste Gedicht, welches mich beim Blättern in Bann zog, ist eines über das Schreiben. Es ist mir sehr nah, finden sich doch die Worte meiner eigenen Lyrik oft auf ganz ähnliche Art. Schattiges Glück heißt es und ist unten auch im Isländischen Original abgebildet.

Im ersten Teil finden sich kleine Aberwitzigkeiten, es findet sich Feuer und Glut, eine heitere Vielfarbigkeit, eine Neigung zur Farbe Weiß. Die Worte haben das Sagen, sind Lichter und Laternen und kommen auf ungewohnte aber äußerst wohlwollende Art und Weise. Und die Liebe gedeiht, fließt über die Insel und in Herzensdingen fallen die Worte weich und zart.

Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds.

„Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
er las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen“

Dann kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Sie zeugen von einer gelebten Spiritualität, erinnern in mancher Schlichtheit an Haikus, an östliche Weisheiten, an die Verbindung zum Größeren, sei es die Natur, sei es etwas Göttliches. Ich lese eine genaue Wahrnehmung, eine Achtsamkeit, eine enorme Sinnlichkeit, eine Bewusstwerdung. Eine Letztendlichkeit.

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht

Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß

Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben
auf dem Tisch

Der, der am Tisch saß
ist verschwunden“

Mich begleiten Pálssons Gedichte herzlich tröstend. Er leuchtet mir durch die Tage und blinkt wie ein Leuchtturm in der Nacht. Mir scheint, die Isländischen Dichter haben eine Gabe, Tiefes und Dringliches in ihrer Lyrik auf eine angenehm natürliche Art zu vermitteln, die es einem leicht macht, sie zu mögen. Ich empfehle diesen Band sehr und weise auf zwei weitere isländische Lyriker/innen hin, ebenfalls im Elif Verlag erschienen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

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Es ist der zweite Band, den ich von Carl-Christian Elze lese. Und auch hier bin ich wieder betört von der Schönheit dieser Lyrik. Der Band kommt auch diesmal wieder aus dem Verlagshaus Berlin und ist, wie alle Bände dieses Verlages, ganz wunderbar illustriert. Die Künstlerin ist Lilli Gärtner. Ungewöhnlich ist diesmal, dass der Band zweisprachig ist: Deutsch und im zweiten Teil, der sich auch farblich abhebt in Italienisch. Nicht von ungefähr, sind doch die Gedichte zum großen Teil mit einem Bezug zu Venedig. Die italienische Lagunenstadt von Elze bedichtet, das gefällt mir.

etwas greift in dich ein, in dein biologisches gerüst
als ständen hinter jeder biegung träume
auf den schienen: deine züge entgleisen
deine gedanken, auch deine bewegungen
verwackeln, jemand übernimmt die kontrolle
im dogenpalast deiner zellen: deine schultern
und deine beine beginnen zu zucken, nachts,
und immer öfter am tag im rhythmus …“

Schon das Cover strahlt in blauer Tiefe mit metallisch glänzendem Titelschriftzug. Innen wird es dann Pastell. Zarte, feine Motive, die sich filigran zwischen die Gedichte schmiegen. Textteil wechselt mit Bildteil ab. Das Buch ist fadengeheftet und mit vom Umschlag verdeckter japanischer Bindung. Unterschiedliche feinste Papiersorten wurden ausgewählt.

Elzes Gedichte erzählen von einem Venedig weitab der Touristenperspektive (Der Autor war als Stipendiat des Deutschen Studienzentrums 3 Monate in Venedig). Schon im Eingangsgedicht (siehe oben) spürt man, dass der Dichter versucht hat die Stadt zu durchdringen, aber es trotz längerem Aufenthalt nicht gelungen ist, was bei einer Stadt wie Venedig vielleicht gar nicht gehen kann. Das macht aber gar nichts, denn ob Elze aus der Perspektive einer Eintagsfliege auf die Stadt blickt oder im Zimmer Wagners dem Komponist kurz vor seinem Tod in Venedig über die Schulter schaut, immer ist es ein etwas anderer Blick. Immer bleibt ein Geheimnis.

Der Band ist, wie schon der Vorgänger in Kapitel, Caput genannt, unterteilt. Enorm viele der Gedichte beziehen sich auf Gemälde, die der Autor vermutlich in Museen und Kirchen betrachtet hat. (Auflage für ein Stipendium war ein gewisser Venedig-Bezug der Arbeiten). Gemälde von Tintoretto, Bellini, Giorgione und Carpaccio. Interessant wird das, wenn man sich beim zweiten Lesen die Bilder dazu aufruft, die unter dem jeweiligen Gedicht benannt werden. Hier fühlt man sich, als ginge man selbst durch die Scuola Grande die San Rocco und betrachte Tintorettos Zyklus der Leidensgeschichte Jesu. Obgleich ich sehr kunstbegeistert bin und ich mit den venezianischen Malern auch vertraut bin, gefallen mir die „neutralen“ Gedichte ohne Bildbezug dennoch besser. Sie sind freier, offener, zeigen mehr von der Stadt und auch mehr vom Dichter, was ich spannender finde. Gedichte über berühmte Gemälde, obgleich Elze einen besonderen Ton dafür findet, reichen meist nicht an diese heran, können es gar nicht, können bestenfalls den Blick oder die Auslegung des betrachtend Schreibenden aufzeigen.

„und dennoch gibt es eine art blume, die dich noch immer erfreut
eine art tier, das sich zu dir legt und dich wärmt
einen gedanken, der still hält und dich anhält
in deiner verzweifelten magie, eine art wolke,
die flüstert .. für einen kurzen moment.“

Immer wieder zeugen die Gedichte davon, wie es dem Autor geht, wie der Körper auf die Stadt reagiert, wie der Geist aus dem Lot gerät, ob der ganzen Kunst, der labyrinthischen Gassen, der vielen sinnlichen Eindrücke. Die Stadt als Spiegel des Selbst, das Ich auflösend? Überreaktionen, vielleicht gar das Stendhal-Syndrom? Und das Telefon verloren und zwinkernde Krankenschwestern. Doch dann gleicht sich alles wieder aus. Am Schreibtisch, den ruhig atmenden Hund zu Füßen.

„niemand ist rettbar
in diesem gebilde

weder dogen noch päpste
weder du noch dein kind

alles verschwindet
in einem anfall von schönheit

nichts und alles gelingt“

Elze schreibt alle Gedichte in Kleinbuchstaben, unterschiedlich formatiert, oft Einschübe, viele Zeilenbrüche, auch gestaltete konkrete Poesie. Form scheint genauso wichtig wie Inhalt. Ich kann den Gang durch diese venezianische Bildergalerie nur empfehlen. Denn sie leuchten, diese Gedichte, so hell, wie die Tintorettos oder Bellinis oder so glitzernd, wie die sonnenbeschienenen Wasser der Kanäle.

„langsames ermatten im labyrinth“ erschien im Verlagshaus Berlin. Die Übersetzung ins Italienische kommt von Daniele Vecchiato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

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Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

2 x 2ter Lyrikband: Timo Brandt: Ab hier nur Schriften Aphaia Verlag/ Şafak Sarıçiçek: der gestaute und der frei fließende fluß Brot & Kunst Verlag

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Zwei junge Autoren, Şafak Sariçiçek und Timo Brandt, beide 1992 geboren, mit ihrem zweiten Lyrikband gibt es heute zu erforschen. Beide schreiben erstaunlicherweise so viel, dass sie in kurzem Abstand nach ihrem Debüt bereits neue Gedichte in einen weiteren Band packen konnten. Schön aufgemacht sind beide. Beide haben eine unwahrscheinliche Tiefe bei gleichzeitiger Gelassenheit. Inhaltlich und sprachlich sind sie so verschieden, wie sie beide unbedingt beachtlich sind.

Timo Brandt, bekannt durch seine emsige Rezensententätigkeit, sammelt in seinen Gedichten die Welt ein und zeigt sie auf seine Weise. Gleich im ersten mehrseitigen Text „Wider den Tag, dem 23.“ fühle ich mich, als wäre ich in ein Ror Wolf-Gedicht hinein geraten. Da wird rhythmisch gereimt und zwar ziemlich gelungen. Dann wird es bunt. Ein Konglomerat aus Zeilen, Strophen. Experimentierfreudig. bewusstseinserweiternd, suchend? Finde den roten Faden! Freie Verse mischen sich, mal gereimt, mal ungereimt, mal klassisch anmutend, Terzinen, Elegien, mal wild davon driftend, dann auch mal Blocksatz. Die schönsten Worterfindungen gibt es im Gedicht „Mayröcker mitschreiben“, ein ganzer Sack wird hier ausgeschüttet, um zu schauen, was möglich ist. Die Inhalte spiegeln Alltag, Lieben, Erleben bis zur Vergänglichkeit – aktuell, nachdenklich, witzig, persönlich, nah dran. Und wie Matthias Engels in seinem Nachwort schreibt: „Fast ein wenig unverschämt – diese Begabung …“

„Gnadenlos Verständnis, wie bückst du dich, vorbeugend,
ich zieh mir deinen Dorn aus manch Verpasstem, heiß.
Ist nicht Wehren gegen Heiteres, noch nicht Verstummtes
als bräche man von jedem Stift die Spitze, stumpf?

Lebensfaden wird nicht dünner werden. Verdichtete Gefühle,
langend im Lichte der eigenen Bestimmungsfeuer.
Das Unverr/zichtete schlägt Brücken, seltsam tragend.
Bei bangen Fragen setze dich ans Steuer.   (Ja)

Şafak Sariçiçeks Debütband „Spurensuche“ habe ich bereits hier besprochen. Auch das neue Buch ist sehr individuell gestaltet: es ist ein kleines quadratisches, ca. 10×10 cm-formatiges Büchlein, das auf dem Cover und innen feine schwarz/weiß-Illustrationen von Deniz Sariçiçek zeigt. Gleich anfangs merke ich, dass sich der Ton verändert hat. Da hat sich eine Stimme entwickelt. Was vorher augenblicksbezogen und leicht war, dehnt sich nun in schwerer wiegende Verse mit steilen Wortwechseln. Es sind nicht mehr nur die Beobachtungen, es sind daraus gefasste Entschlüsse. Und auch Sariçiçek sammelt die Welt ein und verdichtet sie. Und er spricht in Erinnerung an den ursprünglichen Fluß seiner Herkunft. Auch Worte sind im Fluß, manchmal angestaut. Er beschäftigt sich mit dem Alltäglichen, mit unserer Zeit, mitunter erlese ich Gesellschaftskritik, auch über Grenzen hinaus. Ich meine fast, es sind nun Kopf und Gefühl mehr im Einklang. Im positiven Sinn. Meine Feststellungen basieren auf diversen recht langen Wortbauten, teils stakkatohaft aneinander gereiht. Manchmal geht einem beim Lesen die Puste aus, es gilt Luft zu holen oder sich eine schnellere Lesart anzueignen. Ich mag das, was mit mir beim Lesen geschieht. Ich staune. Ich freue mich sowohl über den gestauten, als auch über den frei fließenden Lesefluß. Hier ein Auszug aus dem gleichnamigen Gedicht:

„der raum selbst war so still
schwalbenstimmen machten bei der tür kehrt
diesen raum umspannte eine so undurchlässige membran
gesponnen aus überbleibseln negierter irrlichter und frühester träume

ausbrechend riss ich die ahnung an ein verirrtes licht mit mir
in die gleißenden teile des frühen jahres“

Mehr über „Ab hier nur Schriften“ beim Aphaia Verlag
Mehr über „der gestaute und der frei fließende fluß“ beim Brot & Kunst Verlag
Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Muriel Pic: Elegische Dokumente Wallstein Verlag

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„Der Tod des Dichters ist eine Honiggeschichte.“

Schön, dass es den Wallstein Verlag gibt. Hier findet sich immer wieder Besonderes, gerade auch, wenn es um Lyrik geht. Vollkommen unbekannt war mir die französische, in der Schweiz lebende Autorin Muriel Pic. Sie beschäftigte sich mit Henry Michaux, W.G. Sebald und übersetzte Walter Benjamin. Alles mich sehr ansprechende Autoren. Und nun ihre Gedichte auf Deutsch in einem zweisprachigen Band, übersetzt von Lukas Bärfuss. Ich freue mich sehr über dieses Buch.

Muriel Pic schreibt anhand alter Fotos Spuren in die Geschichte ganz verschiedener Welten. Alle Gedichte entstanden aus einem Blick ins Archiv. Sind die Themen rein zufällig gewählt? Jedenfalls gibt es Überschneidungen, Schnittmengen. Gemeinsam haben alle eins: Es sind zunächst vermeintlich unscheinbare Zeugnisse, die durch Pics Betrachtungsweise in einen Mittelpunkt gestellt werden, der mit weitreichenden Assoziationen einhergehen. (Witzig und interessant, dass Pic auch Fotos(pics!) in ihrem Band mit unterbringt.

Zunächst besucht sie das Dokumentationszentrum Prora auf der Insel Rügen. Spannende geschichtliche Einblicke liefern bereits die Fotos zu Prora, das im Nationalsozialismus ja zum „Kraft durch Freude“-Urlaubsmassenresort werden sollte. Bis heute weiß man nicht so recht, was man mit diesen Monsterbauten, erbaut von 1936 bis 39 direkt am Strand, machen soll. Wer diese viereinhalb Kilometer lange größenwahnsinnige Architektur an einem der schönsten Strände Rügens selbst gesehen hat, wird die Gedichte Pics sofort begreifen.

„Wenn Prora stattgefunden hätte
wenn sich die Ostsee an ihre
blauwandigen Versprechen gehalten hätte
es wäre ein Ferienlager
des Dritten Reiches gewesen.
Mit Leibesertüchtigung für zwanzigtausend
eine Masse der Einsamkeit
eine vereinigte soziale Idylle
bei ganz populistischer Tauglichkeit
im Fehlschlag der Utopie.“

Pic bildet Verse aus dieser Zeit heraus, hinterfragt, zerpflückt, verdichtet Dokumente und verknüpft sie mit Gedanken von Franz Kafka, Hannah Arendt, Alexander Kluge, W. G. Sebald, Tomas Morus und Lukrez.

Die Texte des folgenden Kapitels „Honig“ wurden durch Funde in Archiven verschiedener  Kibbuze Israels inspiriert. Es geht um die Arbeit. Aus der Gesellschaftsform und der Arbeit eines Bienenschwarms heraus überdenkt Pic die Gesellschaftsformen und die Stellung der Arbeit bei uns Menschen. Das Bienensterben aufgrund von Parasiten: Die Leben im Kapitalismus oder im Kommunismus. Wer sind unsere Parasiten? Welche Politik ist dem Menschen am zuträglichsten? Ist die Arbeits- und Lebensform eines Kibbuz eine Idealform? Viele Fragen wirft Pic auf. Sie lädt ein zum Mitdenken, zur Selbsterforschung. Hier erzählt sie in Versen von Kafkas hebräischem Vokabelheft (von rechts nach links) und was Waben mit der Bauhaus-Architektur zu tun haben.

„Was sagen die Archive?
Sie beschreiben das Leid nicht.
Sie warten auf einen der sprechen wird
sie warten darauf
trotz aller Folgen Fragmente zu werden.
Aber wo ist der Grund der Bilder?
Auf ein Desaster sollte man sie stecken.“

Im letzten Kapitel geht es um Orientierung. Hier begegnen wir den Ureinwohnern Amerikas. Die Indianer haben als Orientierung die Natur, vor allem auch den Himmel, die Sterne benutzt, für die sie auch bestimmte Namen haben. Durch verschiedene Sternenkarten und Fotos lässt sich Pic zu ihrer universellen Archivpoesie inspirieren.

„Ausgedehnte Meditationen über die Fixsterne:
Seit längst vergangen Jahrtausenden
bewegen sie sich in Richtung kommender Jahrtausende
ebenso weit entfernt.
In ihrer Nähe die siebzig Jahre
die gewöhnliche Dauer eines menschlichen Lebens?
Eine infinitesimale Parenthese der Kürze.“

Ein Leuchten!

aus der Nachbemerkung der Autorin:

Die Elegischen Dokumente wurden nach Archivbeständen geschrieben, nach Untersuchungen, mit der Empfindung eines Sandkorns im Auge des Gedankens.“

Der Band erschien im Wallstein Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Einen kleinen Auszug aus den Gedichten über Prora/Rügen gibt es in Originalsprache von der Autorin selbst gelesen auf youtube:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

1.1.19 Frohes Neues Jahr mit Literatur leuchtet

Frohes neues Jahr!
Literatur leuchtet, auch und gerade in der lichtarmen Zeit. Doch es geht aufwärts. Die Tage werden wieder heller. Auch die Besucherzahlen auf meinem Blog sind im alten Jahr wieder gestiegen, nicht spektakulär, aber stetig. Mich freut das sehr, denn es zeigt, dass meine Beiträge ankommen. Ich wünsche meiner Leserschaft auch im Jahr 2019 eine angenehme Zeit mit bester Lektüre.  Bleibt meinem Blog und mir gewogen!

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Spitzbergen, Svalbard

Es reicht nicht. Bergstiefel. Zelt.
Kraft fehlt Geld. Sitzende Ruinen.
Versteinerte Pflanzen, vereinzelt.
Verzweifelt verwurzelt, wo Erdflocken
Flechten als einzige Verzahnung

dienen gefrorene Lockvögel auf
Pisten im Talwind, umtoste Gefieder.
Verwaiste Landstreicher verbringen
die Ewigkeit in endloser Weitsicht.
Eine Steilwand, Sprossen. Wer sichert

das Seil? Befellte Füße und Hände in
Fäustlingen, NordNordOst, Stiegen im Fels
Ziegen im Eis. Schau weiß.
Höre stumme Geräusche, fang haltloses
Licht. Spricht durch gefrorene Wasser leise

die Geschichte, die Gedichte in arktischer
Weise. Stauen sich Schlieren oszillierend,
Himmelsspan, zerflossenes Grün wie
Leuchtraketen gespiegelt in Augen und
Glanz auf komplementärfarbenen Wangen.

Durchdrungen. Erleuchtet. Empfangen.


©Marina Büttner Text &Tusche 2018
aus einem noch nicht erschienenen Lyrikband mit eigenen Illustrationen

 

 

 

24.12. Literarische Adventtürchen

Es weihnachtet!
Literatur leuchtet wünscht eine himmlische Zeit mit bester Lektüre! Frohes Fest! 

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Baum an Buchfink

Aus den entkleideten Bäumen
fallen nun weniger Schatten,
wenn ein Ast sich beugt, ein
Zweig sich bückt, fällt

das letzte Nashorn herab,
knacken lang schon die Eicheln
unterm Schuh, kommt kein
Eichelhäher hinterher. Vielleicht

aber eins, zwei Eichhörnchen
mit Schwindsucht und Fuchsschweif.
Gelangweilt schaut die Kohlmeise
zu, fliegt von Laubfall zu Restmüll

und landet am Blattrand. Ein
Specht zielt und setzt den Schnabel
an und, Zack, spuckt der Tannenbaum,
harzt die Landebahnen der Goldammern,

sticht und nadelt, aufgestapelt
die Gefallenen, die Geschlagenen –
Brennholz für die Welt – am Kaminfeuer
sitzt ein Mensch und liest.


©Marina Büttner Text & Tusche 2018
aus einem noch nicht veröffentlichten Lyrikband mit eigenen Illustrationen

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit Elif Verlag

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Auch in diesem Jahr kommt aus dem Elif Verlag, dessen kleines Programm immer beachtlicher wird, ein Lyrikband aus Island. Ganz eindeutig scheint die Zusammenarbeit  des engagierten Verlegers Dinçer Güçyeter mit Übersetzer und Islandexperte Wolfgang Schiffer reiche Früchte zu tragen.

„zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht“

Diesmal ist es Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, der in Island bereits im Jahr 2015 erschien und großen Erfolg hatte. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor.

Im ersten Teil geht es um das Weltliche. Wir und unsere Bequemlichkeit, unser Wohlstand. Das ist nicht spezifisch isländisch, das gilt generell für die westliche Welt. Es geht um das, was wir haben, um unseren Besitz, sei es der Gasgrill oder das Fitnessgerät.

„das ziel ist es in einer woche
mindestens fünfhundert gramm
menschlichen fetts zu verbrennen.

dazu pumpen wir
auf der veranda und rackern uns ab auf dem crossstepper
und auf dem laufband in der garage

auf diese weise werden wir
in kürze alle bedingungen erfüllt haben
zur auferstehung des fleisches“

Der zweite Teil führt uns ins heilige Land. Doch auch hier ist nicht mehr alles heilig. Hier kämpfen die Religionen um ihre Vorherrschaft, auch hier geht es nicht mehr um den Glauben allein, nicht ums Religiöse. Hier herrscht Fanatismus und wieder geht es um Besitz. Wem gehört das Land? Welche Religion ist die Richtige?

„jahrhundert um jahrhundert durch marmor und metall
durch synagogen moscheen mauerwerk
hinein in die zerrissenen herzen der muslime und der juden
von denen keiner von beiden zögert den sohn des anderen zu opfern
im krieg um das alleinige recht den vorfahren zu ehren
um das alleinige recht in frieden zu leben im heiligen land.“

Der dritte Teil erzählt von der verschwindenden Natur, der Politik des Konsums, der gesellschaftlichen Forderungen, wie wir sein und uns verhalten sollen, das Streben nach immer mehr, immer schneller, immer weiter …

„gut beraten
in andacht
der festansprache zu lauschen

über unverbrauchte ressourcen
ungefangene makrelen ungebändigte energie
unberührte weiden und unbegrenzte möglichkeiten

in andacht zuzuhören
wenn in den kiefern der minister der knisternde markt
zusammenfließt mit dem lukrativen krachen des schmelzenden eises
in nördlichen gebieten und sich das ende der bewohnten welt
in einen strudel neuer weltsicht wandelt.“

„Freiheit“ ist eine zweisprachige Ausgabe, aus dem Isländischen übertragen von
 Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Freiheit in schlichtem Karton mit japanischer Bindung. Mehr über Buch und Autorin findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Robert Macfarlane / Jackie Morris: Die verlorenen Wörter Matthes & Seitz

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Aus einem Twitter-Projekt für Kinder ist eine Aktion geworden, die weite Kreise zieht: Das Profil des Briten Robert Macfarlane zeigt täglich neue Begriffe, alte Wörter, die womöglich verloren gehen könnten, ebenso wie die entsprechenden Tiere oder Pflanzen, würde man sie nicht weitertragen. Alles begann mit einem Oxford-Kinder- und Jugend-Wörterbuch, in dem anstelle von Eisvogel oder Farn, neue Wörter wie chatroom etc. auftauchten. Bei Macfarlane läuteten die Alarmglocken. Aus einem offenen Brief mit bekannten britischen Unterzeichnern entstand die Idee der Rettung der Wörter. Da der Account so viel Anklang fand, ist daraus ein Buch entstanden. Und was für eins! Es ist Buchkunst, Kunstbuch, Bilderbuch, Wörterbuch und Gedichtband in einem. Großformatig und einfach unwiderstehlich illustriert von Jackie Morris, ist es wirklich eine Perle und ein geradezu himmlisches „Verschenkbuch“.

Die Illustrationen sind für mich das Schönste am ganzen Buch. Jackie Morris hat ein überaus feines Gespür für Farben und für feine Inszenierungen der jeweiligen Worte und Tiere bzw. Pflanzen. Schritt für Schritt, Seite für Seite nähert sie sich dem Begriff an, bis erkennbar wird, um was es sich handelt. die großformatigen Porträts sind eindrucksvoll und faszinierend.

Efeu

Efeu bin ich, wahrer Luftpirat.
Fasse Stein und Borke,
Erklimme First und Krone.
Unkt ihr: Bodendecker, ruf ich: Himmelsdraht.

Macfarlanes Gedichte sind oft kindlich, teils verdreht und verrückt, manchmal naiv und unbefangen, einige erinnern an Abzählreime. Tatsächlich klingen sie oft wie Zaubersprüche oder eindringliche Beschwörungsformeln (siehe Untertitel). Ich bin sicher, Daniela Seel hat hier ihr ganzes Sprachgefühl eingesetzt, damit die Verse auch im Deutschen gelingen konnten. Und das tun sie – von A – Z, bis hin zum Akrostichon.

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag, wo auch Macfarlanes andere ins Deutsche übertragene Bücher zu finden sind, die man der Sparte „nature writing“ zuordnen kann. Die deutsche Übersetzung von Lost Words stammt von Daniela Seel, selbst Lyrikerin und Verlegerin des Lyrikverlags Kookbooks. Eine Leseprobe gibt es hier und mehr über den Autor hier  
Wer Lust hat Robert Macfarlanes Aktivitäten zu verfolgen, der schaue auf sein Twitterprofil

Auf der Seite des englischen Penguin Verlags erfährt man außerdem einiges über den Entstehungsprozess des Buches: https://www.penguin.co.uk/articles/2017/designing-the-lost-words/

 

Steven Uhly: Den blinden Göttern Secession Verlag

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„Ja, natürlich. Diese Geschichte ist eigentlich zu verworren, um ein Bestseller zu werden. Die Leute wollen etwas Handfestes, verstehen Sie, eine packende Lebensgeschichte, am besten eine Befreiungsgeschichte, in der sich jemand von äußeren oder inneren Zwängen emanzipiert. Die Leute wollen eigentlich keine Literatur – sie wollen Wirklichkeit, verstehen Sie?“

Welch eine Perle! Welch eine Offenbarung! Steven Uhlys neuer Roman hat für mich spirituelle Dimensionen. Die Geschichte selbst ist ein Koan, welches es zu lösen gilt oder eben gerade nicht. Sie ist witzig und spannend und sprachlich anregend. Folgt man der Idee der Geschichte, bleibt einem selbst nichts anderes übrig, als sich auf alles und damit auf nichts einzulassen. Es ist ein gezielter Schritt ins/in die Leere. Ich bin hin und weg!

Man könnte, wie es oft in Kritiken über das Buch heißt, an eine beabsichtigte Verunsicherung oder Verwirrung des Autors glauben oder an eine verrückte Story. Aber es ist ja viel mehr. Das bemerkt man aber nur, wenn man einen anderen Raum betritt und das Erzählte tief in sich hinein lässt. Wenn man nicht nur endlich wissen will, wie es denn wirklich war. Das wäre viel zu kurz gegriffen.

Zunächst läuft alles glatt. Der Buchhändler und Schöngeist Friedrich Keller erhält eines Tages ein unbekanntes Manuskript von einem Obdachlosen. Als er einige Zeit später zu lesen beginnt, erweist sich die Lektüre als ein Geschenk des Himmels – göttliche Sonette, wie sie gelungener nicht sein könnten.

„In Wahrheit suchte er in den Versen des trunkenen Dichters nach einer Erklärung für die Tatsache, dass ihm, dem gesellschaftsunfähigen Menschenflüchtling, diese eigenartige Lyrik zur letzten Heimat geworden war, obwohl sie alle Fassaden, alle Masken herunterriss und nichts übrig ließ, hinter dem er, Keller, sich hätte verstecken können.“

Als Keller dem obdachlosen Säufer und vermeintlichen Autoren der Sonette erneut begegnet, erfährt er dessen Namen: Radi Zeiler. Zeiler taucht eines Tages im Haus von Keller auf und bleibt einfach. Er wird zum verlorenen Bruder Kellers, verbringt seine Nächte mit der Putzfrau und ruiniert Kellers zurückgezogenes, streng gehütetes Einsiedlerdasein, in dem er wilde Geschichten über den verstorbenen Vater und beider Geliebte erzählt. Dann taucht auch noch ein Sohn auf, also ein Bruder von Keller und das Haus wird zum Unterkunftsort für syrische Flüchtlinge. Keller versteht die Welt nicht mehr, als er auch noch die ehemalige Buchhändlerkollegin vorfindet und sie plötzlich in ganz anderem Licht sieht und sie stante pede zu seiner Braut macht. So weit alles klar?

„Wo er eben noch eine geradezu unbewusste Gewissheit von Selbst empfunden hatte, gab es nunmehr ein großes leeres Nichts, so leer und so nichts, dass es war, als erblindete er, sobald er den inneren Blick dorthin richtete.“

Genau, eine haarsträubende Geschichte. Und ab der Mitte des Romans mischt sich dann auch der Autor Uhly (Gugly? Umbli?) selbst ein. Zur Klärung trägt das wenig bei, obwohl man glauben soll, Keller (Kühler? Kulkur?) erwache gerade nach einem Unfall aus einem Koma und erzähle dahindämmernd seine Geschichte, die der Autor für einen Roman verwenden will (siehe oben: Eingangszitat). Ab diesem Zeitpunkt werden die Abstände zwischen Traum- und Wachzustand des Patienten Keller immer kürzer, schließlich übergangslos … bis die Geschichte auf der Verkehrsinsel einer Hauptstraße endet, wo sie auch begonnen hat.

In diesem Roman kommen nach meiner Lesart vor:
-Ein Autor, der sich einen Bestseller erhofft
-Ein im Krankenhaus angestellter Linguist
-Flüchtlinge aus Syrien in Lederhosen
-Buchhandlungen, die Lyrik verbannen
-jede Menge Neurosen und Traumata
-undurchsichtige Familienverhältnisse
-Obdachlose, die Sonette schreiben
-Dichtung und Wahrheit
-mehr als eine Wahrheit
-diverse Wirklichkeiten
-Lügengespinste
-Raum und Zeit
-Leere

Der Geschichte folgen Seiten mit Sonetten, die wie Haikus wirken. Wer sie geschrieben hat, wird man nie wissen können. Radi Zeiler wird Anspruch darauf erheben. Dann folgen leere Seiten …

Selten habe ich so einen witzigen, phantasiereichen, sprachlich wertvollen, skurrilen, spannenden, geistreichen Roman gelesen. Ein göttliches Leuchten!

Steven Uhlys Roman erschien im fabelhaften Secession Verlag, dessen Bücher nicht nur mit feinen Inhalten sondern auch mit ästhetischem Äußeren auffallen. Das Buch ist fadengeheftet, auf feinem Papier in einer besonderen Schriftart gedruckt. Welches Papier, welche Schrift kann man dem Impressum entnehmen. Wie immer gab es die Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter und Typograf Erik Spiekermann. Uhly schreibt in der Tat auch Gedichte, die im gleichen Verlag erschienen sind.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.