Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

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Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

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Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

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9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

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Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

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Titelfoto: Constanze Matthes

 

Oksana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort Graphic Novel danubebooks

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Rose Ausländer ist eine der vielen Lyrikerinnen, die nicht vergessen werden darf. Als Rosalie Ruth Scherzer wurde sie am 11.5.1901 in Czernowitz in der Bukowina geboren. Ein bewegtes Leben erwartet Rose. Später wird sie in einem Gedicht einmal schreiben: „Ich wohne nicht, ich lebe“ und bewahrt alle ihre Habseligkeiten in mehreren Koffern auf. Eine Graphic Novel erinnert nun zum 120. Geburtstag an die Dichterin.

Wegen des ersten Weltkriegs flieht Roses Familie nach Wien, kehrt aber unversehrt zurück, nur dass Czernowitz inzwischen zu Rumänien gehört. Als der Vater stirbt, schickt die Mutter ihre nur 19 jährige Tochter zu Verwandten in die USA. Dort heiratet sie einen Freund, Ignaz Ausländer, lebt in New York, doch die Ehe wird nach drei Jahren getrennt. Sie kehrt 1931 zurück in die Bukowina.  Auch ihre große Liebe zu Helios Hecht, der auch Gedichte schreibt, geht in die Brüche. 1939 erscheint ihr erster Gedichtband „Der Regenbogen“. Die Familie überlebt den zweiten Weltkrieg im Ghetto von Czernowitz, inzwischen Russland zugehörig, dass von den Deutschen eingenommen wird.

Nach der Befreiung geht Rose 1946 erneut in die USA und lebt dort bis 1964. Mutter und Bruder bleiben zurück. Sie schreibt weiter Gedichte, nun in englischer Sprache. Sie reist und liest viel, interessiert sich für Kunst und kehrt schließlich ganz nach Europa zurück, zunächst nach Wien. Ab 1965 lebt sie in Düsseldorf, nach einem Unfall im Pflegeheim der jüdischen Gemeinde. Erst hier erscheint ihr zweiter Lyrikband, wieder in deutscher Sprache, aber Rose entwickelt einen neuem Stil: „Der Reim ging in die Brüche“. 

Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte, die uns von der Rose Ausländer-Expertin Oxana Matiychuk erzählt wird ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Teils in quadratische Flächen wie in einem Memory-Spiel unterteilt, teils ganz frei durch den vorhandenen Spielraum bewegen sich Bild und Text. Rose selbst durchquert die Bilder oft auffällig immer in Weiß gekleidet. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Große Blüten und Käfer queren die Seiten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Ähnlich wie der Philosoph Adorno fragt sich Rose, ob und wie man nach dem Holocaust noch Poesie schreiben kann. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten.

Rose schreibt und schreibt. Ihre Gedichte werden durchaus bekannt, sie erhält mehrere Literaturpreise, lebt dennoch zurückgezogen. Ihr späterer Nachlassverwalter Helmut Braun hilft ihr mit allem was das Schreiben und Verlegen betrifft. An einem Tag im Juni 1986 entscheidet sie sich, nicht mehr zu schreiben. Es ist alles da. 1988 stirbt sie. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.

Der Band erschien im danube books Verlag. Die Übersetzung stammt von Kati Brunner. Eine Leseprobe, mehr über die Dichterin und ein aufschlussreiches Video gibt es hier.

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Diana Anfimiadi: Warum ich keine Gedichte schreibe Wieser Verlag

„Dichtung – eine der Sprachen,
 denen das Aussterben droht“

Die 1982 geborene Georgierin Diana Anfimiadi hat mich mit ihren Gedichten in mehrfacher Hinsicht überrascht und froh gemacht. Allein der Titel des kürzlich erschienenen Bandes war eine Offenbarung, hadere ich doch mitunter selbst, ob ich nun weiter Lyrik schreiben soll oder es lassen. Zum Glück tut es die Dichterin ja doch, denn ihre Gedichte sind echte Kunstwerke. Über allem steht ihr großes Thema: Die Sprache und die Liebe zur Sprache. Denn oft erscheinen mir ihre Verse als Liebesgedichte, die sich dann als Hymnen an die Sprache, besonders auch an vergessene oder vom Aussterben bedrohte Sprachen entpuppen. Dabei sind sie oft von Motiven aus der antiken Mythologie durchzogen, aber eben vorrangig auch vom alltäglichen Erleben geprägt.

aufs Brot strich ich dir Butter,
wie man mit der Hand über die Hand streicht,
sparsam, um dich daran zu gewöhnen.
Einst war ich, von deinem Fenster aus, ein Lichtbaum,
du pflücktest Fledermäuse, Früchte der unreifen Angst,
einst war ich der Kühlschrank und nur für dich
pochte mir das Erdbeereis im Gefrierfach“

Anfimiadi erzeugt mit ihrer Sprachzauberei wunderschöne Bilder, eine gewaltige Kraft, die zeigt, was man aus Worten machen kann, wenn man sie ganz eigen und gekonnt zusammenfügt. So wird im Gedicht „Orchester“, aus den Passagieren eines U-Bahn-Waggons ein Orchester. Aus den Geräuschen der Atembewegungen der anderen und schließlich der eigenen erzeugt sie eine Klangkomposition. In „Etüden“ wird aus der Klavierstunde eines Mädchens ein ganz eigenes Lied:

„die Lehrerin sagt:
Um Chopin zu erreichen,

brauchst du eine bessere Technik.
Als wäre Chopin ein Vanillepudding
in der Mitte des Tisches –
ich bin zu klein, ich erreiche ihn nicht“

Mithilfe der Natur und der Götter entstanden hier Gedichte, die immense Auswirkungen haben. Nichts bleibt hier unbesehen, unbeachtet. Eine große Aufmerksamkeit und Liebe lese ich aus ihnen heraus und in sie hinein. Die Liebe, so wie sie sich zeigt, sei es im Alltag der Dichterin oder im antiken Griechenland mit Penelope, die auf den Ihren wartet. Trojanische Pferde tauchen ebenso auf, wie Kassiopeia, Eurydike, Helena und Medusa. All das wird einbezogen in die alltägliche Welt und in die Weite der Sprache. Mir erscheinen die Gedichte durchweg weiblich. Erklären kann ich das nicht. Im Gedicht „Kassiopeia“ ist die Rede von einem georgischen Sprichwort, das ich wunderschön finde:

„… so schwieg ich – das heißt: ich singe verkehrt herum.
>>Und trotzdem starb ich nicht, ich bin verkehrt herum an
                                                          den Himmel genäht,“

In den Anmerkungen heißt es dazu: „an den Himmel angenäht“ bedeutet so viel wie „vom Tod vergessen sein“ oder „über seine Zeit hinaus leben“.

Es ist auch viel von einem Liebes-Du die Rede, welches das lyrische Ich nicht immer nur froh stimmt. Von der Natur und den heiligen Dingen – einige Gedichte heißen Gebete. Aber eben auch vom Tod und Sterben. Von schnöden Körperlichkeiten. Von den Zusammenhängen und von den Zerwürfnissen unserer Welt. Nicht alles, was die Dichterin im Kontext mit ihren antiken Figuren erzählt, kann ich mir erklären. Dazu fehlen mir die genaueren Kenntnisse. Doch ist ihre Sprache durchweg so begreiflich, dass ein Nichtverstehen dabei zurück steht und ein Einfühlen daraus werden kann. Die Bilder, die Anfimiadi erzeugt sind ohnehin so stark, dass ich sie nur bewundern kann. Eines meiner Liebsten hier:

Der Wald steht am Fenster
rauscht,
schaut mich mit ängstlichen Eichhörnchen an,
er schaukelt in der Hängematte der Stimmen,
mal läuft er weg, mal kehrt er zurück,
neugierig und finster“

„Warum ich keine Gedichte schreibe“ erschien im Wieser Verlag. Großes Können steckt in der Übersetzung/Übertragung der Gedichte von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt. Das Übersetzer-Duo kenne ich bereits aus dem wunderbaren Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua. Ich danke Verlag und Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Lyrik im Frühjahr – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Frühjahr 2021

 

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Frühjahrsvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

 

 

Das 35. Jahrbuch der Lyrik herausgegeben von Christioph Buchwald (zum letzten Mal) zusammen mit der Lyrikerin Carolin Callies bietet wie in jedem Frühjahr eine interessante Auswahl der derzeitigen Lyrikvielfalt im deutschsprachigen Raum. Es erscheint am 2. März wie immer im Schöffling Verlag.

 

 

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Der US-Amerikaner Ben Lerner schreibt vorrangig Gedichte. Nach dem Roman „Die Topeka-Schule“ erscheint nun bei Suhrkamp ein zweisprachiger Band seiner Gedichte. Es ist ein Überblick über das bisherige lyrische Gesamtwerk. Von Steffen Popp übersetzt, mit Monika Rinck, beide selbst Lyriker. Erscheint am 19.4.2021.

„Was ist ein Name?“, fragt Ana Luísa Amaral, die beliebteste Lyrikerin Portugals und eine der großen Dichterinnen unserer Zeit. In einer klarsichtigen Sprache, die in der Tradition von Dickinson und Szymborska steht, leistet sie ihren Offenbarungseid: Worte können nichts festhalten, außer der Flüchtigkeit der Dinge. (Verlagstext) Portugiesische Lyrik passend zum Gastland der Leipziger Buchmesse im Mai. Übersetzt von Michael Kegler, Piero Salabè. Erscheint im HanserVerlag am 15.3.2021.

Anja Kampmanns Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ habe ich bereits auf dem Blog vorgestellt. Die neuen Gedichte erzählen vom Marschland, Figuren treten auf, wiederkehrende Motive verklammern sie zu einem großen Bild der Landschaft in unserer Zeit. Sie bestätigen Anja Kampmanns Rang als ganz eigenständige, überraschende Stimme ihrer Generation. (Verlagstext) Erscheint am 15.3.2021 im HanserVerlag.

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Marina Zwetajewa (1892-1941), die bedeutendste russische Dichterin neben Anna Achmatowa, ist eine der großen Liebesdichterinnen der Weltliteratur, eine Liebende voller »Maßlosigkeit in einer auf Maß bedachten Welt«. Der Band umfasst über hundertfünfzig Gedichte Marina Zwetajewas – viele davon erstmals in deutscher Übersetzung. (Verlagstext) Übersetzt von Ralph Dutli. Erscheint  am 22.2.2021 im Wallstein Verlag.

Steffen Mensching blickt mit wachen Augen und nachdenklicher Neugier in die Welt, um in seinen Gedichten herauszufinden, was sie im Innersten zusammenhält. Und was sie zu zerstören droht. Immer wieder ist das Meer ein Bezugspunkt, seine Weite, seine ewige Bewegtheit, seine Ufer. (Verlagstext). Seinen großartigen Roman „Schermanns Augen“ habe ich bereits besprochen. Erscheint am 22. 2. im Wallstein Verlag.

Abenteuerlust, Neugier und Aufbruch – afrikanische Dichtung auf der Höhe der Zeit: das erste Buch der großen Lyrikerin Sylvie Kandé auf Deutsch. (Verlagstext) Übersetzt von Tim Trzaskalik, Leonard Pinke. Erscheint am 28.1. 2021 im Matthes & Seitz Verlag.

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Ursula Krechels Gedichte sind dynamische Gegenwart. Es sind Erkundungen mit offenem Eingang und offenem Ausgang, eigenwillig, voller Wagemut und Spielfreude. Sie zeigen Zeile für Zeile die Meisterschaft und Souveränität einer großen Autorin. (Verlagstext) Ihren letzten Roman „Geisterbahn“ habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen. Erscheint am 26.2. beim Jung und Jung Verlag.

Gemeinsame Sprache lautet der Titel des neuen Bandes des Schweizers Jürg Halter, einem der wichtigsten deutschsprachigen Lyriker seiner Generation. Seine Gedichte werfen kaleidoskopartig Schlaglichter auf unser Sein und unser Zusammenleben. (Verlagstext). Erscheint am 27.1.2021 im Dörlemann Verlag.

In Regina Dürigs „Federn lassen“ werden jenen Momenten, in denen nichts als Sprachlosigkeit einsetzt, Räume geschaffen. Interpunktionslos brechen die Zeilen nach wenigen Wörtern um, wodurch Dürigs Prosa einen lyrischen Anklang erhält. (Verlagstext). Die poetische Novelle erscheint am 5.2. im Literaturverlag Droschl.

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Axel Görlach schreibt Gedichte mit weitem Horizont. In diesen Gedichten ist und bleibt also fast alles möglich, jede Einengung, jede vorschnell begründete Festlegung wird vermieden – weil es keinen grund gibt für grund. (Verlagstext) Erscheint am 26.2. in der Edition Keiper.

Berge, Weiden, Wald: Je näher Claudia Gabler diesen Urbildern von Naturerfahrung kommt, desto sichtbarer wird, wie menschengemacht sie sind. Die Natur wird nicht nur vom Menschen gestaltet, sondern bildet sich auch nach seiner Wahrnehmung. Klischees setzt Gabler Ambivalenz entgegen. Beziehungen bilden ein Zentrum in ihren Gedichten. (Verlagstext) Mit Illustrationen von Elke Ehninger. Erscheint am 1.3.21 im Verlagshaus Berlin.

Gegenden, Landschaften, Orte, ein Figurenkabinett, die Herkunft, der Historienhauch, das Antlitz der Dinge, Wortfährten, Alltagsbühnen … Nichts, nur versammelt Gedichte, Prosagedichte und Erzählminiaturen von Walle Sayer aus 35 Jahren: Lesebuch, Kompendium, Querschnitt und Zwischensumme zugleich.(Verlagstext) Den Band „Was in die Streichholzschachtel passte“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen. Erscheint im März 21 im Kröner Verlag.

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„das kleingedruckte“, Linda Vilhjálmsdóttirs siebter Lyrikband, ist ein Buch voller weiblicher Revolutionskantaten. Die Gedichte sind klar, direkt und manchmal von beißendem Witz. Ihre Wirkkraft beruht nicht zuletzt darauf, wie gründlich sie den vorherrschenden Zustand zwischen den Geschlechtern offenlegen. (Verlagstext) Der zweite von Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason ins Deutsche übertragene Band erscheint im Elif Verlag am15.3.21. Den Band „Freiheit“ habe ich bereits auf dem Blog besprochen.

Ester Naomi Perquin (geb. 1980), Poet laureate der Niederlande, erzeugt in ihren Gedichten Momente der Verblüffung und des Staunens. Scheinbar paradoxe Bilder und Kippfiguren schlagen um in plötzliches Erkennen, wenn ihre Gedichte Spielarten des Verschwindens erforschen. (Verlagstext) Übersetzt von Stefan Wieczorek. Erscheint am 22.2.21 im Elif Verlag.

Mit >>Überall, wo wir Schatten werfen<< legt Ingrid Mylo – die Flaneurin der deutschen Gegenwartsliteratur – nach vier Bänden mit Kurzprosa ein starkes Lyrikdebüt vor: Gedichte zwischen Vernunft und Unvernunft, zwischen Logik und Zufall, Traum und Wachzustand. Immer in der Schwebe – doch alles andere als unentschieden.(Verlagstext) Erscheint im März bei Edition Azur/Voland &Quist.

 

Ulrike Bail: wie viele faden tief Conte Verlag

Gedichte übers Nähen? Wäre mir die Luxemburger Dichterin Ulrike Bail nicht durch zwei ihrer Gedichtbände bekannt, hätte ich wohl nicht zu diesem Titel gegriffen. Schon im Handarbeitsunterricht in der Schule stand ich mit Nähmaschinen auf Kriegsfuß. Dennoch ein Glück, dass ich sie gelesen habe, denn was die Lyrikerin aus verschiedenen Nahtformen, Nadelstichen und diversen Fäden macht, ist große Dichtkunst.

„du löst die nähte auf löst los die fasern am äußersten
rand des zettelkastens nistest du stoffkante an holz
über vertäuungen verzäunt fransen verse aus geheule
wie gehäuse flattern ins verlinkt unvertäut verflogt“

Es sind kurze Gedichte, die sprachlich und rhythmisch gut ausgeklügelt sind. Die Wortspielereien, die man mit Nadel und Faden machen kann, sind gelungen. Die Gedichte sind jeweils nach einer Nahtform oder einem Nähzubehör benannt. Sie treffen eigentlich immer den Nerv der Zeit. Denn dass es nicht „nur“ ums Nähen geht, ist gleich klar. Dass das Nähen und Weben und Sticheln auch auf andere Bereiche des Lebens übertragbar ist, das man es in der Natur und in Beziehungen findet, in den großen Zusammenhängen, zeigt Ulrike Bail sehr stimmig. Das Haptische, das Händische, die Fingerfertigkeit, das Handwerkliche – all das liest sich klangvoll heraus und hinein.

Immer finden sich Elemente aus der Natur. Vögel und Bienen fliegen und Wolken am Himmel. Der Lauf der Jahreszeiten spiegelt sich in den Versen. Der Sound der Nähmaschine im Ohr.

„zwischen mantelsaum und futter in den winter hinein
aus luftmaschen einen fadensteg schlagen eine sanfte
brücke aus vogelfederflaum ein federsteg im flug verfliegt
die zeit auf schneeweißem kopfsteg hoch über der stirn“

Das Nähen entpuppt sich hier beinahe als eine Kunstform, die sogar heilsam ist, indem sie Dinge zusammenfügen, Löcher stopfen, Ausgefranstes festigen und Gebrauchtes verschönern kann.

„farbe flieht aus dem kleid den tränen
nach fein gekräuseltem papier
inwendig markierter abwesenheit
färbte ein bedeckte haut kein gehen
zu ihren füßen pfützen vertrauerten lichts
nothing she wore could reflect the light“

Ulrike Bails Dichtung empfinde ich immer in einer tiefen Verbindung zu etwas „Höherem“, aber niemals abgehoben, immer gut im Hier verankert. Kontemplativ, meditativ, konzentriert trifft es, wie ich finde, recht gut.

Im letzten Drittel des Bandes finden sich noch Fotos von Collagen, die die Dichterin während des Schreibens gestaltet hat. Eine schöne Ergänzung zum Prozess der Entstehung. Wobei ich die Gedichte durchaus aussagekräftiger finde. Ich empfehle dieses Buch sehr. Es erschien im Conte Verlag. Danke für das Rezensionsexemplar!

Auf fixpoetry habe ich bereits Ulrike Bails Band „sterbezettel“ besprochen.

Einen schönen Beitrag zur Dichterin und den Gedichten gibt es hier:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

 

 

Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johanna Hansen: zugluft der stille edition offenes feld

Blau ist, wie mir scheint, die Farbe von Johanna Hansen. Das Coverbild ihres Lyrikbands „zugluft der stille“ betrachte ich immer wieder wie hypnotisiert. Das  Porträt einer Frau, umschmeichelt von blauestem Blau. Ein Blau, dass mich direkt hineinzieht in die Gedichte. Innen gibt es weitere Malereien der Autorin, die gleichzeitig auch bildende Künstlerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“ ist, immer als Unterteilung der einzelnen Kapitel.

Noch vor dem Blau kommt in den Gedichten allerdings die Farbe weiß. Der weiße Schnee – das weiße Blatt. Winterlandschaften, äußere und innere. Grenzen kennen die Verse scheinbar keine. Weder zwischen Körper und Seele noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Scheinbar … wären da nicht die Punkte. Die vielen Punkte, die andere Satzzeichen nicht benötigen. Das verlangsamt die Lektüre, das macht die Leserin achtsamer. Mir kam es mitunter vor, als würden die Verse zwischen den Punkten meine Atemzüge begleiten. Ein. Aus. Der Rhythmus vorgegeben. Und der Punkt als winzige Atempause. Ein Innehalten. Wer die Gedichte so liest, kommt ins Fließen.

„sobald mir die stimme wegbleibt im digitalen dauerregen.
konzentriere ich mich auf das geräusch meines atems.
ganz dicht neben dir. beim spaziergang im park höre ich
es deutlicher. und heute fiel dort von einem ulmenzweig
beiläufig und leise ein ach“

Und Wasser gibt es in der Tat auch in Hülle und Fülle. Ostseewasser ist dabei: Die Dichterin brachte Verse mit von einem Künstleraufenthalt in Lettland. Im Kapitel „schwimmschnee“ sind sie aneinandergereiht wie Perlen. Sie erzählen Geschichten …

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Kindheit. Es ist mir das eindrucksvollste. Von Geburt an, womöglich schon vorgeburtlich. Es sind mit Zeilen von Kinderliedern oder Sprichwörtern durchzogene Texte, die kaum kindlich kuscheliges haben. Es ist die Kindheit eines Mädchens in Nachkriegszeiten, der Vater stumm, die Mutter fleißig und gläubig.

“ … mama sagt. gott teilt alles zu. auch die schuld. aber der
krieg passt in keine schuld. sie ist einfach zu groß und verschlingt
uns vollständig. eimerweise schütten wir vergib uns unsere schuld
aus den tagen. waschen den krieg ab. der bleibt trotzdem schmutzig.
kann nicht aufgeräumt und nicht weggeputzt werden. so viele
wörter werden ans kreuz geschlagen. vollkommene wörter. tauber
kram. unsichtbar. wie ich.“

Es sind starke teils albtraumhafte Sequenzen, die mitunter Bilder aus meiner eigenen Kindheit wecken. Zwischendurch immer wieder Momente der Lebendigkeit wie im Gedicht „kopfüber herzunter“. Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um die große Entdeckung des Schreiben- und/oder Lesenlernens. Die Schönheit des geschriebenen Worts, das Glück des Ent-zifferns. Und auch Tröstliches wie die Anna im „Porträt in Sepia“. Die Köchin, die Haushälterin?

„… sie den kopf ungeniert in den nacken legt. einfach
lacht. kind sagt. und winkt über die wicken
am zaun …“

Dann ein Sprung. Die Dichterin ist mit Paris verbunden, das Lyrische Ich ist dort unterwegs. Im Gedicht „madame“ folgen Stadtimpressionen. Sinnlich. Womöglich beeinflusst durch den Eindruck eines Bildes im Museum? Womöglich durch den Wandteppich Dame mit Einhorn? Eine poetische Bildbeschreibung mit vielfältigen Assoziationen und Wendungen folgt.

Und dann geht es zum Abschluss wieder in den Schnee. Es geht nach Davos. Das gefällt mir gut, denn ich bin Liebhaberin des „Zauberberg“ der von Thomas Mann hier angesiedelt wurde. Und es schließt sich auch ein Kreis – der des Ein- und Ausatmens. Denn hier fanden sich, die Lungenkranken in Sanatorien. Die Liegekur an der frischen Luft sollte heilen. Die Dichterin lässt das Lyrische Ich tief im Archiv der Sanatorien kramen. Hier finden sich „kulissen für inspiration. expiration“ und dem letzten Satz kann ich als ebenfalls Dichtende nur zustimmen:

“ … erst beim überschreiten des sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum gedicht.“

Johanna Hansens Band weist auf ein künstlerisches Doppeltalent, was mich immer ganz besonders staunen lässt. Vor allem wenn, wie hier zu erkennen ist, sich das Eine mit dem Anderen verbindet und jede Trennung sich auflöst. Der Gedichtband erschien in der Edition offenes Feld. Danke für das Rezensionsexemplar!

 

 

Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2020

Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

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Allen voran der Reclam Verlag mit einer Anthologie, die nur Lyrik von Frauen bzw. aus dem Blick von Frauen enthält. Eine sehr gute Idee, wie ich finde. Frauen / Lyrik beinhaltet Gedichte in deutscher Sprache, auch solche, die im Kanon bisher übersehen wurden. Auf 800 Seiten finden sich über 500 Gedichte, ausgewählt von der Literaturwissenschaftlerin Anna Bers. Der fadengeheftete Band mit Lesebändchen erscheint Ende September 2020.

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Vier Titel aus dem Suhrkamp Verlag, der einer der großen Verlage ist, die noch regelmäßig Lyrik verlegen.
Die Ikone der afroamerikanischen Literatur, Maya Angelou, hat auch Gedichte geschrieben. Im Text auf der Verlagsseite heißt es darüber: „Für Millionen Frauen in den USA begann das eigene Selbstvertrauen mit einem Gedicht von Maya Angelou.“ „Phänomenale Frauen“ enthält eine Auswahl ihrer Gedichte, erstmals in deutscher Übersetzung von Judith Zander. Erscheint am 12.10.2020 in einer Taschenbuchausgabe.
Georg-Büchner-Preisträger Marcel Beyers neuer Lyrikband klingt vielversprechend. Nach „Graphit“, das bereits 2014 erschien, kommt nun der Dämonenräumdienst. In den Texten, die strikt 40 Zeilen lang sind, treiben es allerlei mehr oder weniger bekannte Protagonisten recht bunt. Erscheint am 17.8.2020
Maria Stepanova, bekannt durch ihren Band „Nach dem Gedächtnis“, hat sich seit vielen Jahren in der Moskauer Lyrikszene einen Namen gemacht. Der zweisprachige Band Der Körper kehrt wieder beinhaltet drei Langgedichte, sowohl in Russisch, als auch in Deutsch, übersetzt von Olga Radetzkaja. Erscheint am 16.11.2020.
Serhij Zhadan aus der Ukraine hat mich mit seinem Roman „Internat“ begeistert. Nun freue ich mich auf neue Gedichte, übersetzt von Claudia Dathe, die sich wie immer auf die aktuelle Politik beziehen, aber diesmal auch auf den Tod des Vaters. „Antenne“ erscheint am 28.9.2020 in der edition suhrkamp.

»Der Wert eines Gedichts steigt im Winter / Vor allem in einem harten Winter. / Vor allem in einer leisen Sprache. / Vor allem in unberechenbaren Zeiten.«

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Im vielseitigen Wallstein Verlag erscheinen zwei Lyrikbände zweier bereits bekannter deutscher Dichterinnen. Zum Einen Plötzlich alles da“ von Dorothea Grünzweig, die zuletzt mit dem Kurt Sigel-Lyrikpreis 2018 ausgezeichnet wurde. Die Dichterin, die in Finnland lebt, bezieht auch diese Sprache mit in ihre aus „kalkuliertem Wortzauber, von Klangmagie und sprachschöpferischer Lust“ (lt. Vorschautext) geprägte Dichtung mit ein.
Daniela Danz erhielt 2019 für Auszüge aus ihrem Manuskript von Wildniß“ den Deutschen Preis für Nature Writing. Beide Bände erscheinen am 27.7.2020.
Im Hanser Verlag erscheint am 21.9.2020 ein erster umfangreicherer Lyrikband der Polin Marzanna Kielar auf Deutsch. Der Vorschautext von „Lass uns die Nacht“ klingt vielversprechend:

Kielars Gedichte versuchen den Augenblick zu erhaschen, da die Gegenwart endlich aufgehoben ist: „Ich streife eine Ameise von meinem Fuß / und schaue, was sie macht mit dem geschenkten Leben, mit ihrem Tropfen Zeit.“

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Margaret Atwood kennen alle von ihrem Roman „Der Report der Magd“. Nun gibt es zum Buchmesse Gastland Thema Kanada eine Auswahl ihrer Gedichte von bekannten zeitgenössischen Lyriker*innen ins Deutsche übertragen. „Die Füchsin“ erscheint als zweisprachige Ausgabe am 12.10.2020 im Berlin Verlag.
Etwas sehr Besonderes ist sicher die illustrierte Ausgabe von Elke Lasker-Schülers Gedichtzyklus „Styx“. Bei Faber & Faber soll diese numerierte, limitierte Ausgabe mit Zeichnungen von Madeleine Heublein im September 2020 erscheinen.
Nach Ror Wolfs Tod hat nun Michael Lentz eine Auswahl an Gedichten aus dem riesigen Textarchiv in einen Band gebracht, der mit bisher unveröffentlichten Collagen des Künstlers und Dichters ergänzt wird. Mit großer Sicherheit ein Lesevergnügen! Erscheinen wird „Alles andre: ungewiß“ am 18.8.2020 im Schöffling Verlag.
Der Wunderhorn Verlag bringt jedes Jahr zum Buchmesse Gastland eine Lyrikanthologie heraus, so auch dieses Jahr zu Kanada. Das Buch aus der Reihe VERSSchmuggel beinhaltet Werke von 6 kanadischen Dichter*innen, die auf 6 deutsche Dichter*innen trafen und sich gegenseitig übersetzten. Ein kleiner Überblick über die aktuelle kanadische Lyrik. Erscheint im Oktober 2020.

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Aus dem Elif Verlag, der in diesem Jahr 10 Jahre besteht und der sich besonders stark für Lyrik einsetzt, gibt es zwei wunderbare Gedichtbände von Frauen. Beide erscheinen im September 2020. Zu „Sansibar oder andere gebrochene Versprechen“ von Elke Engelhardt sagt der Verlag:

„Ein kräftiger Puls schlägt in den Gedichten von Elke Engelhardt, ein Rhythmus von stiller Intimität und staunender Einlassung auf die Welt. Profane Gebete sind diese Texte, ganz dem Diesseits zugeneigt und vorgebracht von einem lyrischen Ich, das mit beiden Händen fest auf dem Boden steht.“

Hoch interessant klingt auch der Band „Der Uterus ist groß wie eine Faust“ von der Brasilianerin Angélica Freitas. Es sind Gedichte in der Übersetzung aus dem brasilianischen Portugiesisch von Odile Kennel, die sich mit dem Thema Frau als Konstrukt befassen:

„Und dann dekliniert sie mit viel Verspieltheit alle Eigenschaften, die „Frau“ im Laufe der Jahrhunderte zugeordnet wurden, (schmutzig, hässlich, gut, dick, hübsch, sauber); Haltungen und Positionen, die sie in der Gesellschaft annehmen kann (Frau mit Besitz, respektable Frau, Frau auf Diät usw.); oder lässt Google herausfinden, was „Frau“ ist.“

Von der Luxemburgerin Ulrike Bail habe ich bereits zwei Lyrikbände besprochen. Ihre neuen Gedichte beschäftigen sich mit dem Nähen. Das stelle ich mir hochinteressant vor. Ergänzt werden die Texte mit zeitgleich entstandenen Collagen. Der Band „wie viele faden tief“ erscheint im August beim Conte Verlag.

Alle drei Titel konnte ich noch nicht direkt verlinken. Sobald möglich, ergänze ich.

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Der Kookbook Verlag mit immer sehr schön gestalteten Bänden bringt neue Lyrik von Karla Reimert, die sich in ihren Gedichten immer schon mit Politik und Gesellschaftskritik auseinandersetzte. Camp Zenith“ erscheint am 19.10.2020.
Von der Georgierin Diana Anfimiadi kommt der Lyrikband mit dem bezeichnenden Titel Warum ich keine Gedichte schreibe“. Gut, dass sie es dennoch tut, denn sie lesen sich ganz verzaubernd. Er erscheint am 1.10.2020 im Wieser Verlag und wurde übertragen ins Deutsche von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt (die bereits Lia Sturuas Enzephalogramm vorzüglich übersetzten).
Der vierte Lyrikband von Timo Brandt (einen habe ich bereits hier auf dem Blog besprochen) mit dem Titel Nicht noch mal Legenden“ erscheint diesmal in der Edition Keiper und zwar am 18.9.2020.

Teilweise konnte ich leider bisher kein Coverfoto herunterladen, bzw. direkt verlinken. Wird ergänzt, sobald möglich.

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Und zu guter Letzt interessiert mich sehr die Interpretation einer Auswahl von Paul Celans Gedichten des Schauspielers Jens Harzer. „Eine Annäherung“ heißt das Hörbuch, das bei speak low im August erscheint.

 

 

 

 

Levin Westermann: Bezüglich der Schatten Matthes & Seitz Verlag

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Kürzlich wurde der 1980 geborene Lyriker Levin Westermann mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis 2020 für seinen neuesten Lyrikband „Bezüglich der Schatten“ ausgezeichnet. Ich habe mich in seine Art zu schreiben gleich verliebt. Eigen, originell und tief genug, ohne zu überkandidelt oder verkopft zu sein. So las ich gleich auch noch den vorherigen Band „3511 Zwetajewa“, den ich im nächsten Beitrag vorstelle. Lange habe ich mich nicht mehr so intensiv mit einem Lyrikband beschäftigt und lange hat mich keine Lyrik mehr so für mein eigenes Schreiben inspiriert. Ein Leuchten!

Westermann teilt seinen Band „bezüglich der schatten“ in verschiedene Zyklen ein, die um unterschiedliche Themen kreisen, aber dennoch miteinander in Verbindung bleiben. Die Natur spielt hier die Hauptrolle, auch die menschliche.

Das erste komplexe Langgedicht führt in die Natur im Winter. Idyllisch ist es da allerdings nicht in diesen Wäldern und Hütten, denn es herrscht Krieg. Die Leserin erfährt nichts konkretes über Schauplatz und Zeit. Ich würde die Geschehnisse vielleicht in Russland, Sibirien, der Ukraine verorten. Einer erzählt, kurz und knapp, was geschieht, Schüsse, Granaten, das Auflauern, das Verstecken, das Fliehen. Wladimir, der sich Kaffee kocht und nach verdächtigen Geräuschen lauscht. Und ein Fuchs. Ein sprechender Fuchs, der Hilfe und Ratschläge anbietet, ein wohlwollender Fuchs, der alles sehr schnell durchschaut. Weil er dort lebt? Oder lebt er nur in der Phantasie des Kämpfers?

„Anfangs hieß es
Störfall, später
Invasion, und als die Städte
brannten, rannten
wir davon, flohen
wie die Schatten
vor dem Licht –
Bewegung bei den Bäumen,
es folgt uns nun
seit Tagen schon
ein Fuchs.“

Welch ein Rhythmus. Welch ein Reimschema. Reimen kann wirklich schlimm sein in der Lyrik, doch hier ist es immer stimmig, oft sind es unreine Reime, die ich sehr liebe. Anfangs bin ich etwas irritiert, weil der Fuchs zeitweise Englisch spricht. Westermann schiebt generell oft englische Zeilen mit ein, was mich wundert, weil ich den Sinn darin nicht sehe. Vielleicht geht es einfach um den Rhythmus, um die sprachliche Ausdehnung. Dieser erste Zyklus wirkt auf mich auch irgendwie balladenhaft, klarstellend, mahnend.

Einen anderen Zyklus legt er wie ein antikes Theaterstück an, in dem der Philosoph Roland Barthes und die Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson mitmischen, die erst kürzlich die Rede zur Poesie 2020 beim leider nur virtuellen Berliner Poesiefestival hielt. Einige Zeilen entnimmt er als Zitate direkt aus deren Werken. In diesem Theaterstück, das an klassische Tragödien erinnern soll, hört man Euripides Alkestis durchklingen. Der Schauplatz scheint allerdings ein Krankenhaus, (eine Nervenheilanstalt?) zu sein. Die Mutter tot, die Tochter trauernd, den Vater anklagend.

„Scapula“ handelt von einer Frau, die den Fels bezwingen will, die klettert, weit oben, übernachtet im Zelt und die keiner sieht, schon gar nicht der Tourist im Hotel am Frühstücksbuffet. Eine, die der Natur wie einer verlorenengegangenen Gewalt begegnet. Eine, die sich womöglich wie Ikarus Flügel anbringen und fliegen will.

Der letzte Zyklus, „Zerrüttung“ heißt er, spricht mich direkt an. Was hier genau geschieht, ist nicht so klar zu erkennen. Hier geht es um die Stimmung. Die rundherum, und die der einen Person, die kaum handelt, nur da ist und dieses Dasein irgendwie quälend (langsam) empfindet. Die über die Spanne eines ganzen Jahres und länger den Wandel der Jahreszeiten erlebt, aber doch nicht wirklich im Leben steht.

„alles wiederholt sich,
alles wiederholt sich
(tag für tag), fortwährend
läuft dasselbe band, ein hörbild
namens leben“

Sicher lassen sich viele weitere Bezüge zur Philosophie oder zur Poetologie finden, die mir entgangen sind, doch die Verse funktionieren meiner Meinung nach auch ohne, denn sie leben vom Einfühlen. Levin Westermann las auch in diesem Jahr beim virtuellen Bachmannwettbewerb (allerdings mit einem Text, der nicht an diese Gedichte hier heranreicht). Dennoch fand sein lyrischer Text erstaunlich guten Anklang unter den Juroren, so dass er bis auf die Shortlist gelang.

Westermanns Bücher erscheinen im Matthes & Seitz Verlag. Im Anhang erläutert der Autor seine Quellen, was manche Frage, die beim Lesen entsteht, beantwortet. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.