Jahrbuch der Lyrik 2018 Schöffling Verlag

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Dem Schöffling Verlag ist es zu verdanken, dass das Jahrbuch der Lyrik nun einen festen Verlag hat und zudem jährlich neu erscheint. Der Schöffling Verlag ist ein unabhängiger Verlag und einer der wenigen überhaupt, die noch eine regelmäßige Anzahl an Lyrikbänden im Programm hat. Herausgeber ist seit jeher Christoph Buchwald, der sich einen Co-Herausgeber mit ins Boot holt. Das ist diesmal Nico Bleutge.

Was mir gleich als erstes auffällt: Die auf der Rückseite abgedruckten Namen der ausgewählten Lyriker/innen überschneiden sich in erstaunlich großer Anzahl mit denen des letzten Jahres. Es sind in Lyrikerkreisen bekannte Namen und wie man im Anhang mit den Namen und Biografien der abgedruckten Dichter feststellen kann, nur sehr sehr wenig unbekanntere Namen. Es scheint schwierig zu sein, ohne Buchveröffentlichung und ohne in der „Szene“ mitzumischen, ins Jahrbuch zu gelangen …

Erfreulich ist hingegen die ausgewogene Anzahl von weiblichen und männlichen Dichtern. Falls ich richtig gezählt habe, sind es sogar einige Frauen mehr.

Was ich, glaube ich, jedesmal hier schreibe, ist, dass ich es besser finde mehr Lyriker abzudrucken und nicht mehrere Gedichte von einzelnen.

Von den „alt-bekannten“ Lyrikern sind die Klassiker dabei: Elke Erb, Herta Müller, Friederike Mayröcker, Jürgen Becker und Richard Pietraß. Von den berühmteren mit einigen Preisen gesegneten sind dabei: Monika Rinck, Marcel Beyer, Marion Poschmann, Kerstin Hensel, Lutz Seiler etc. Und natürlich viele der bei Schöffling verlegten Autoren.

Oft hört man ja Kritikerstimmen, die auf Teufel komm raus immerfort etwas Neues Innovatives, aufregend Anderes, ja, eine Revolution der Lyrik verlangen. Dem kann ich mich nicht anschließen – vielleicht bin ich da sogar konservativ. Ich mag ja auch Wasserglaslesungen. Und tue mich oft schwer mit der mittlerweile permanent geforderten Performance um jeden Preis, sehe ich diese doch eher als Inszenierung des Erzeugers, als würde der Text alleine nicht mehr reichen. Ich jedenfalls habe Einiges an Gedichten gefunden, die für mich sehr wohl inhaltlich und sprachlich hinreichend Neues bieten, Lyrik, die ich nicht nur mit einem Literatur-, Philosophie- oder Germanistikstudium etc. lesen bzw. verstehen kann, sondern auch Gedichte, die mich sofort treffen und berühren, die etwas auslösen, bewegen ganz speziell bei mir. Das ist für mich, das was zählt.

Das Jahrbuch enthält deutsche Gedichte. Im letzten Kapitel, wie schon im Vorjahr, gibt es einige wenige fremdsprachige Autoren, deren Gedichte von deutschen Autoren übertragen wurden. Es ist meiner Meinung nach nicht sinnvoll. Hier weiß man nicht: Sind diese Gedichte auch eingereicht worden, womöglich von den Übersetzern? So etwa Ulrike Almut Sandig, deren Zusammenarbeit mit Hinemoana Baker und Grigory Semenchuk ja bekannt ist. Aber was soll dann wiederum ein einziges übertragenes russisches Gedicht mitten zwischen den deutschsprachigen? Und was ein einziges handschriftliches fast unleserliches Stück Papier?

Egal. Kleinigkeiten. Es ist fein, dass es das Jahrbuch gibt. Es bietet einen recht guten Überblick und lädt zum Weiter- und Tieferlesen und Selbstkritisieren ein.

So, und nun kleine Kostproben meiner sehr subjektiven Auswahl an Lieblingsgedichten (interessanterweise fast ausschließlich weibliche Stimmen):

Gleich zu Beginn nenne ich hier Sylvia Geist, die mit fünf(!) Gedichten aus ihrem aktuellen Lyrikband „Fremde Felle“ vertreten ist. Diesen habe ich gerade ausführlich besprochen. Wie man da lesen kann, finde ich Geists Gedichte richtig gut. Trotzdem wären hier zwei Gedichte auch aussagekräftig gewesen und es hätten sich mehr andere Namen einfinden können.

Eine Entdeckung ist für mich Kenah Cusanit. Sie ist mir bisher nicht aufgefallen. Doch die Apfel/Fruchtgedichte sind ganz nach meinem Geschmack. Sie sind inspirierend und leicht skurril. Wenn ich es richtig verstanden habe, gehören sie zu einem Zyklus in Verbindung mit dem romantischen Dichter Percy Shelley:

„… Im Thermometer wird der Herbst
ein halbes Jahr gefangen gehalten. Wie ist er da hinein
geraten. Freiwillig, man muss es sagen. …“

Kurze Zwischenbemerkung: Mir fällt immer wieder auf, dass ich mich mit Gedichten im Blocksatz eher schwer tue. Sie sind „in“. Vielleicht deshalb.

Monika Rincks Gedichte sind eine Freude, zeitkritisch und menschlich und forsch:
aus Fossile Technokraten benebeln eingegrabene Talente:

                        „… Der Angstkomet stürzt schrill
in Richtung unserer Mutter Erde. Und knapp verfehlt.
Hier die Anleitung  zur Löschung der Kosmogonie:
Nehmen Sie Nebel! ….“

Karla Reimerts Lyrik,

„Schilder, die zum Langsamfahren aufrufen.
Vielleicht bin ich deswegen zu allem zu spät.“

aus „November 2017“

Anja Kampmanns Lyrik (besprochen habe ich hier bereits ihren wunderbaren Debütroman „Wie hoch die Wasser steigen“),

„Keiner spielt auf dem Grün
stehen Tankstellen
Masten Trafohäuschen du denkst
an einen Gott
in Gummistiefeln
am Bahnschwellenrand wo die Bäume
den Blick versperren
auf die weitere Fahrt
legt er zwei Finger auf die Erde
nimmt den Puls“

aus „Passagier“

und Maja-Maria Beckers Lyrik,

„… unter Liebenden
ist´s Brauch, so selten wie möglich zu blinzeln, so
verschneiden sie Augen mit Blicken, teilen die Welt
in das Entscheidende und das zur Verfügung Stehende …“

aus einem Liebesgedicht

spricht mit mir im passenden Rhythmus.

Und zum Abschluß Lutz Seilers ebenso witziges wie dichterfreundliches Gedicht über die Menschwerdung: Lyrisches Leuchten!

morgenrot & knochenaufgänge

„stunde null im habitat, der sogenannte affenmensch
sitzt in der savanne & kann
nichts sehen – das gras

ist zu hoch. dann das knacken, hörbar
in den kapseln, ein druck, ein griff
nach der geschichte: daumen und zeigefinger

kommen zusammen, die
schreibhand entsteht, zehntausend jahre
vor dem aufrechten gang“

Das Jahrbuch der Lyrik 2018 erschien im Schöffling Verlag. Hier gibt es eine Leseprobe. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Sjón: bewegliche berge Edition Rugerup

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Es muss also an Island liegen. Vor ein paar Monaten las ich bereits schon einmal einen Lyrikband eines Isländers: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson. Beeindruckend war er. Und nun kommt Sjón, der in und außerhalb Islands ein Begriff ist, der Romane und Lyrik schreibt und manchmal Songtexte für Björk. Und ich bin wieder vollkommen begeistert von diesen Gedichten. „bewegliche berge“ heißt der Band und er lässt auch den Leser innerlich Berge versetzen.

In „ars poetica“ findet sich das Gedicht dazu im Original und in zwei unterschiedlichen Übertragungvarianten der beiden Übersetzerinnen. So zeigt sich gleich die Vielfalt der Möglichkeiten:

Die Gedichte haben oft etwas skurriles, was aber im Kontext vollkommen normal wirkt. Sie schleichen sich ein. Einmal lesen reicht nicht. In die Tiefe gelangt derjenige, der sich einlässt. Obwohl oft kurz und knapp enthalten sie Fülle und Reichtum der Sprache.

Oft erzählt Sjón von seiner Heimat Island, greift tief in die Vielfalt der Sagenwelt. Über jedem einzelnen Gedicht liegt ein Zauber, womöglich die Magie dieser Insel (die ich zu gerne einmal erleben würde). Teils sehr direkt, ja, fast anklagend lesen sich dann Gedichte wie „lied aus dem silbernen zeitalter“:

„bevor wir die kniegeige verloren
als wir noch kontrolle hatten über den zug der schwäne und lachse

bevor wir die verborgenen türen der erdhütten verloren
als wir noch zuflucht fanden im warmen schoß der lava

bevor wir den eisbären und den weißen falken verloren
als wir noch hörten das krächzen weißer raben …“

Teil sehr verfremdet und in der Tat grotesk, ja, makaber, wirkt der Zyklus „dans grotesque“, in dem es um Frauenleichen geht, der letztlich von der Entstehung des Eilands erzählen.

Ein Kapitel des Bandes steht im Blocksatz: Hier widmet sich der Autor seinen Erlebnissen in und mit der Nationalbibliothek und zeigt, dass man sich in Karteikartenkästen ebenso leicht verlieren kann, wie heute im worldwideweb.

Dann wiederum erzählt er von Reisen, wie etwa nach Berlin, wo ich sofort wusste, welche „Sehenswürdigkeit“ er in „über uns“ meinte. Ich mag das Gedicht sehr, es trifft die Stadt sehr genau:

„in form und farbe wie die erde
ein ballon mit der aufschrift „die welt“

er gleitet durch die bläue

eine mahnung dass wir durchs universum schweben
gleich ob verwurzelt oder wurzellos

und das tut berlin auch“

Das Gedicht „acta poetica“ erinnert vom Bild und der Stimmung her beinahe an Celan:

„schwarze reiskörner
wir essen sie nicht …“

Auch eine große Melancholie liegt oft in den Gedichten, die mitunter nur zwei Zeilen benötigen, um eine Stimmung auszudrücken:

„ein gefühlsmäßig zweifelhafter
pfeilgerader regenbogen“

Sjóns bewegliche berge erschien im kleinen feinen Verlag Edition Rugerup. Übersetzerinnen aus dem Isländischen sind Betty Wahl und Tina Flecken. Das schöne Coverbild stammt von Kristinn Már Pálmason.

Die Edition Rugerup verlegt sehr oft nordische Autoren. Gerade ist auch eine zweisprachige Sammlung schwedischer Gedichte mit dem Namen „Von Nordenflycht bis Tranströmer“ erschienen. Herausgeber ist der Lyriker Håkan Sandell. Er hat eine Auswahl getroffen, die in chronologischer Reihenfolge von 1700 bis heute reicht. Dabei sind unter anderem Nelly Sachs, Edith Södergran, Gunnar Ekelöf, Tomas Tranströmer und Lars Gustafsson.

Sylvia Geist: Fremde Felle Hanser Verlag

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„Eine Katze sprang von einem Balkon
im 10. Stock und blieb unten lange liegen.
Bis sie aufstand, um länger zu leben …“

Fremde, zumindest aber bunte Felle finden sich auch auf dem Coverbild von Sylvia Geists neuem Lyrikband. Mich wundert, dass mir Geists Lyrik nicht schon früher aufgefallen ist, denn die Gedichte sind so, wie ich mir Gedichte wünsche: Zunächst leicht zugänglich, sogar witzig und etwas verschroben. Und dann der Sinkflug, der Tiefgang, die scheinbar mir eigens zugedachte Bedeutung, ein Sprung in Richtung Innerlichkeit. Oder umgekehrt.

“ … Das Bewusstsein
da ist ein leerer Stuhl, der an der Schädeldecke hängt.“

Manches der Gedichte, scheint mir, besteht aus Sätzen des Kreuzwort-Rätsels „Um die Ecke gedacht“ aus der ZEIT, dass ich eigentlich recht gerne versuche zu lösen. Meist weiß ich nicht alle Antworten, doch erschließen sie sich aus den Querverbindungen. Ganz ähnlich ist es mit Geists Gedichten. Die Dichterin arbeitet viel mit Zeilenbrüchen, was noch mehr Variations- und damit Deutungsmöglichkeiten erlaubt und zum Mehrfachlesen auffordert.

Geists Themen sind keineswegs weltfremd, aber mitunter verfremdet. Sie berichten von Reisen, (Ver-)Orten, Beziehungen, Veränderungen, Verbindungen, von Wegen und Abzweigungen, von Natur und Alltag. Oft agiert ein Ich oder ein Wir.

“ … du lässt dich
auswaschen vom Meerlärm, während ich blinde
Plastikflaschen nach Hilferufen schüttle, „

Sylvia Geists Gedichte leben alle auch von ihrem Rhythmus.

„Stimmt, Pusteblume mit der Potenz einer Streubombe
jeder, so rutschen wir durch die Ritze Leben …“

Inhalt und Form gehen eine Beziehung ein, die letztlich harmonisch ist, im Einklang fließend.

„……. Die Minute,
die ihr nicht gemeinsam habt, du und deine Möglichkeiten, …“

Feine Liebesgedichte sind so selten, aber „Porträt des Geliebten als Setzkasten“ ist ein außergewöhnliches:

“ ….. Karge Gelegenheitsfunde,
zum Wahrzeichen erklärt und abgestaubt für einen Setzkasten,
der mich an dich denken lässt. Ein bräunliches Blatt, das mir
unter den Fingern zerbröseln könnte, dein Lid, wenn du mich
dich lieben machst, wie du selbst es tätest, gäbe es mich nicht.“

Die Lyrikerin ist viel auf Reisen, innen und außen. Ihre Wege bereitet sie für ihre Leser nachhaltig auf, weiß genau, was die Essenz des jeweiligen ist, was heraus zu filtern notwendig ist. Beispielsweise die fiktive Begegnung auf einer Reise mit Dichter Bobrowski im Gedicht „Auf dem Heimweg“:

„Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen.“

Ich habe mich an Geists Lyrik fest gelesen und mich bereichern lassen von dieser Art des dichterischen Denkens. Lyrisches Leuchten!

Einige Gedichte sind aus ganz bestimmtem Anlass entstanden, ist aus dem Anhang zu erfahren. Etwa im Rahmen eines österreichischen Projekts Netzwerk Poesie, bei der Geist auf Gedichte anderer Lyriker „antwortete“ oder bei einem Stipendienaufenthalt in Krakau. Fast wirken diese Informationen störend, als wollte man die Gedichte erklären, und ich wünschte mir man hätte sie weggelassen oder sie tatsächlich in den zugehörigen Zusammenhang gestellt.

„Fremde Felle“ der 1963 geborenen Berlinerin erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Verena Stauffer: Orchis Kremayr & Scheriau Verlag / (zitronen der macht) hochroth Verlag

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Es ist ein sehr sinnlicher Roman, den Verena Stauffer als ihr Debüt geschrieben hat. „Orchis“ ist ein Abenteuerroman, ein Roman der in eine duftende, bunte, mystische Welt entführt, die seinen Hauptprotagonisten nicht mehr aus lässt. Und mich als Leserin auch nicht. Ich bin vollkommen entzückt von dieser Geschichte, die von wundervoller Phantasie und großer Erzählbegabung der Autorin zeugt. Blühendes Leuchten!

Auf Madagaskar wächst nicht nur der Pfeffer, sondern auch die seltensten Orchideenarten. Der junge Botaniker Anselm ist auf der Suche nach einer ganz bestimmten Art. Der kühle europäische Wissenschaftler gelangt schon beim Betreten der Insel in eine andere Sphäre. Mithilfe eines einheimischen Führers und in Begleitung eines englischen Forscherkollegen gelingt tatsächlich der sensationelle Fund: Die Orchidee der weiße Stern wächst hier zuhauf und wird schleunigst auf ein Schiff Richtung Europa gebracht.

Die Insel hat ihn verzaubert. Die Pflanzen und wohl auch der einheimische Führer Isaac. Als bei einem Sturm die kostbare Fracht über Bord geht, gerät Anselm vollends in wahnhafte Verzweiflung. Und so darf der/die Lesende erleben, wie Anselm selbst bewachsen wird von einer seiner Stern-Orchideen. Nie ist man im Verlauf sicher, ob die Orchidee wirklich auf Anselms Schulter wächst. Doch scheint sie sonst keiner zu sehen. Aufgrund des totalen Rückzugs in sich selbst, schicken in die besorgten Eltern schließlich in eine Nervenheilanstalt. Doch es dauert Monate und bedarf eines Tricks des Arztes, bis Anselm wieder der alte ist.

„Er habe den Eindruck, Anselm sei seelisch gestürzt, er sei, um den Vergleich mit einer Blume anzustellen, […] in vollster Blüte, vielleicht mitten in einem Moment der Euphorie plötzlich abgeknickt worden, und hätte daraufhin, gleich einer Blütenpflanze, beschlossen, sich in das tiefste Innere seiner Zwiebel zurückzuziehen, um eine schwierige Zeit zu überdauern.“

Dann folgt flugs die Berufung an die Universität. Es ist die Zeit von Darwins späten botanischen Forschungen, denen Anselm mit eigenen Theorien beikommen will. Vollkommen überdreht und impulsiv verhält er sich, wenn es um neu zu entdeckende Orchideen geht. Anselm hat enorm viel Fantasie und keinerlei Zweifel an seinem Können und Erfolg. Und statt einen prominent angekündigten Vortrag in London zu halten, bricht er kurzerhand und überstürzt auf, um in China eine sagenumwobene neue Schönheit zu finden und seiner Sammlung einzuverleiben. Dass ihm ein neidischer Botaniker damit eine böse Falle stellen wollte, merkt Anselm nicht und das ist auch gut so, denn so landet er nach langer Schiffsreise in der Tat im fernen China auf der Suche nach dem chinesischen Frauenschuh und findet viel mehr als das.

„Wenn es regnete, spürte Anselm, wie unbeeinflussbar der Lauf der Dinge war. Es war, als sei alles immer genauso gewesen und als würde es nie anders sein, deshalb war jede Zeitmessung irrelevant, dachte er, da es keine Möglichkeit des Hinauskommens über das >Jetzt< gab, …“

Verena Stauffers Sprache ist poetisch und sie weiß damit sehr plastisch und sinnesfreudig ihre Figuren und Geschehnisse zu formen. So fügt sie immer wieder Träume und Abzweigungen in Anselms Gedankenwelten ein, dass man ins Überlegen kommt, was ist nun Traum, was Wirklichkeit. Oft haben Anselms Erlebnisse auch etwas märchenhaftes. Man könnte wohl auch das Stichwort „Magischer Realismus“ ins Spiel bringen. So weiß man nicht genau aus welchem Land Anselm kommt. Es ist von Krieg und Umstürzen die Rede, die Anselm jedoch nicht interessieren. Manchmal hätte ich gerne bei einem Erzählstrang, mit mancher Figur noch länger verweilt, doch die Autorin strebt weiter und findet schließlich durchaus einen ganz wunderbaren stimmigen Abschluss dieser exotisch leuchtenden Geschichte.

„Orchis“ erschien im Kremayr & Scheriau Verlag in liebevoll gestalteter Aufmachung, das Buch ist außen wie innen ein kleines Kunstwerk. Eine Leseprobe gibt es hier.

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„Verlieren, weil ich so laut gewesen bin
Vergessen, dass Lieben Schweigen ist
Zurückströmen, zu den Quellen
Wo ein Anfang, wie ein neues Blatt …“

Die 1978 geborene Verena Stauffer ist Österreicherin. Wärmste Empfehlung auch für den bereits 2014 erschienen Lyrikband. Er führt ebenfalls in sinnliche, oft pflanzliche Welten, aber ebenso in die Abgründe und Hoffnungen der Liebe. Wobei sich die Natur oft mit dem Menschlichen verweben möchte. Stauffer findet dafür zarte und zugleich direkte Worte. Die Verse sprechen oft von Wiederherstellung oder Wiederholung, es sind Beschwörungen des Vergangenen, verbunden mit der Hoffnung einer Wiederkehr und das in wiegendem Rhythmus sich ausdehnend bis zum Stakkato. Verstitel, Strophen, immer wieder in Klammern gesetzt, als gäbe es wichtigeres, als müssten sie hinterfragt werden. Was der/die Leser/in auch unweigerlich tun wird …
„zitronen der macht“ ist bei hochroth, Wien erschienen, wie immer in handgemachter feinster Ausstattung. Dafür ein lyrisches Leuchten!

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

 

Lyrik aus dem Verlagshaus Berlin: Martin Piekar: AmokPerVers / Tobias Roth: Grabungsplan

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Nach einer einjährigen Ruhepause gibt es im Verlagshaus Berlin in diesem Frühjahr wieder vier neue Lyrikbände. Meine Wahl ist auf Martin Piekars „AmokPer-Vers“ und Tobias Roths „Grabungsplan“ gefallen. Beide Bände sind bekannt schön gestaltet; feines Papier, fadengeheftet, aufwendig illustriert und in Szene gesetzt. Piekars Lyrik wurde von Robin Wagemann illustriert, Tobias Roths Band von Ibou Gueye.

Der 1990 geborene Martin Piekar hat kürzlich den Lyrikpreis Irseer Pegasus erhalten. Seiner Lyrik folge ich schon eine Weile und mag sie sehr, auch aufgrund der Vielschichtigkeit und der Offenheit. Sollte ich ein Stichwort dafür nennen, dann wäre es „ehrlich“: „Ich bin gegen Gedichte, die ausblenden …“ Lyrik lesen bedeutet Aufbruch, in Bewegung kommen, hier ganz besonders. Der Lyriker betrachtet unterschiedliche Bereiche des Lebens und erzählt davon in fast unverkennbarer Weise. Ein schönes Wortspiel bietet ja schon der Titel „Amok Per-Vers“.

Im Kapitel „Dirty Dairies“ beschäftigt sich Piekar mit dem Thema feministische Pornografie. Das ist spannend … ob es das in der Lyrik schon einmal gab? Angelehnt an eine feministische Kurzfilmsammlung von Mia Engberg entstanden so zwölf Gedichte, deren Inhalt und Verse von glasklarer Betrachtungsweise zeugen.

„Wie manche Männer unbehagen
Wenn sie sonst sabbern bei Mösen, die
Sie auf Screens zu ficken lechzen
Sich aber fürchten, wenn sie von ihnen
Überrascht werden … „

Ziemlich wunderbar finde ich das Kapitel „Ich bin kein Elitepartner“:

„Merken, dass Zeit und Geld nicht so mein Ding sind
Dass Wasseroberflächen Spannungen
Wie Gedichte haben können
Dass es Gedichte gibt, die ich wie Tee lese … „

Hier finden sich warme weiche Blicke auf das Ich und das Ich in Verbindung mit anderen, ein Blick auf das Wagnis sich einzulassen, zu lieben. Dies und das Kapitel „Ahab“ mag ich am liebsten. Hier zieht Piekar durch Frankfurt am Main, wo er lebt. Diese Gedichte zeugen von guter Beobachtungsgabe, vom Hin- und nicht Wegschauen. Es sind gesellschaftskritische, politische, zwischenmenschliche, digitalisierte Themen, auf die der Focus gerichtet ist.

„Wir schlafen aneinander vorbei
Glassplitter am Hauptbahnhof
Eine gestrandete Flaschenpost
In allerlei Zerstreutheit keine Hände …“

Erfindungsreich sind die „Zerrütteten Sonette“, denn da fallen immer eine Zeile, ein paar Worte heraus, werden durchgestrichen. Natürlich wird es damit erst interessant. Und auch sonst: Die Sprache ist Trumpf. Sie kennt Rhythmus und strömt und manchmal tobt sie. Piekars Band endet im Tollhaus, bei dem es sich womöglich um ein ganz normales Haus mit 17 Stockwerken handelt, die jeweils einem Menschen gewidmet sind, Dichter sind auch darunter … Ein Leuchten!

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Ganz anders ist Tobias Roths neuer Gedichtband „Grabungsplan“. Jedes Kapitel wird mit einem italienischen Zitat eingeleitet. Schon hier spürt man Roths Faible für italienische Lyrik, Kunst und antike Mythologie und der Titel weist auch gleich auf archäologische Expeditionen hin. Gleich der erste Text zeugt von großem Kunstverständnis. Mitunter ziehen sich auch italienische Zeilen durch die Verse. Wieder andere warten plötzlich mit oberbayerischem Dialekt auf. Die Gedichte sind oft von Natur durchdrungen, ohne dass es Naturgedichte wären. Es ist ein Schwanken zwischen Natur und Kultur.

„Der offene Kiefer der Gipfel reißt den
Wolken die durchhängenden Bäuche auf,
brotfarbene, dunkelblonde Wände und
unterhalb der Geburtsort Tizians …“

Einzelne Verse mag ich sehr.

„Der Schnee und sein an die Lippen gelegter Finger,
wo der Marmor geboren wird, beweglich
im Wind, grünender Granit.“

Viele bleiben mir auch nach mehrmaligem Lesen fremd. Habe ich bei einem Gedicht dann doch eine Vorstellung davon, wo es hingehen könnte, bleibt mir gleich das nächste wieder verschlossen.

„Wir winseln vor uns all diese Industrien.
Analyse des Gewitters
vormittägliche Gesinnung,
das Übrige wissen vielleicht die Antipoden.“

Woran es liegt? Vielleicht an der teils (für mich) verrätselten Sprache (die mich jedoch sonst auch selten stört). Die überwiegende Anzahl der Texte gelangen nicht nach innen, sie berühren und erwecken nichts in mir. Nicht einmal Sehnsucht nach Italien, wo ich vormals viel Zeit verbrachte (Esther Kinsky hat das kürzlich mit „Hain“ im Handumdrehen geschafft). Als Stichwort hier würde ich „verkünstelt“ wählen. Gut, dass es einen Anhang gibt, in dem Namen und fachliche Begriffe erklärt werden. So erschließen sich einige Zusammenhänge. Vielleicht fehlt mir aber generell das detaillierte Hintergrundwissen.

Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

PS:
So schön die Bände aus dem Verlagshaus auch gemacht sind, mir ist mitunter die Schrift zu klein. Gerade Fußnoten oder Widmungen waren für mich (womöglich altersbedingt;-) kaum lesbar.

Lyrik in Farbe: Dinçer Güçyeter: Aus Glut geschnitzt Elif Verlag/ Ron Winkler: Karten aus Gebieten Schöffling Verlag

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Kürzlich fiel mir auf, wie gut doch zwei meiner noch nicht vorgestellten Lyrikbände farblich harmonieren. Als ob es darauf ankäme! Dann hatte ich aber meinen Spaß daran, beide parallel zu lesen und stellte fest, wie unterschiedlich die Gedichte gearbeitet sind, wie stark die Stimmen sich voneinander unterscheiden und wie spannend also Lyrik sein kann, selbst wenn sie durchaus von ähnlichen Themen handelt. Eigentlich weist schon die zwar farblich ähnliche, ansonsten aber sehr unterschiedliche Gestaltung des Covers darauf hin. Zwei sehr eigene Schreibarten und dazu meine eigene Lesart. Und nun sollen beide zusammen hier ihren Platz finden. Mal sehen, ob das geht:

 


Dinçer Güçyeters neuer Gedichtband ist ein Schmuckstück, innen wie außen. Das Cover und die Bilder, ich nehme an, es sind bearbeitete Fotos, sind ornamental und organisch, oft collagenhaft. Dazwischen finden sich alte Fotos, Kinderzeichnungen, Handschriften etc., also Gegenständliches. Der Band enthält Dichtung, die durch das Leben geprägt ist, ein Leben mit Brüchen, wie ich vermute ein sehr intensives Leben. Es sind starke, archaische, oft auch sehr gefühlvolle Gedichte, nicht selten überraschend in ihrer direkten Wortwahl, ungeschönt, wie das Leben selbst. Man merkt dass der Dichter auch mit dem Schauspiel vertraut ist; es sind starke Inszenierungen dabei, kostümierte Szenen. Es wäre falsch, nicht zu erwähnen, dass als Hauptthema die Herkunft, die Familie, die kulturelle Prägung eine große Rolle spielt, ohne darauf reduziert zu sein. Es sind Erinnerungsgedichte, die gleichzeitig auch in die Zukunft blicken. Wenn ich ein Stichwort nennen sollte, würde ich „Leidenschaft“ oder auch „Hingabe“ sagen.

“ sei Schnitt, sei Schlitz, sei Wunde
heile dich mit eigenen Liedern
in der Röte des Morgenlichts
… mehr darf ich dir …
mehr will ich dir nicht sagen!
auf diesem vielschneidigen Weg ist vieles möglich
und falls du eines Tages nach mir suchen solltest
– was ich nicht hoffe –
der verlorene Dichter
geht immer noch auf den gleichen Strich … „

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Ganz anders bei Ron Winkler: Hier fällt mir sofort als Stichwort „kühle Tiefe“ ein. Das Coverbild ist eine abstrakte Malerei, die für mich wie eine kristallene Spiegelwelt im Bergwerk oder ein Diamantenschimmern erscheint. Innen gibt es nur eine kleine witzige Zeichnung mit „Grundstück für ein Gedicht“ betitelt, die es mir sehr angetan hat. Ich mag das, diese Annahme, dass ein Gedicht durchaus bodenständig und beheimatet ist und in eine Form gebracht werden mag. Passend dazu der Titel „Karten aus Gebieten“. Damit sind sicher Landkarten aber auch Ansichtskarten gemeint, die aus dem Werweisswo eintrudeln und Bericht erstatten – Gedichte aus der Ferne, aus Ländern, in denen man womöglich Landkarten braucht. Fremdes Terrain? Neue Einblicke? Der längste Gedichtzyklus bezieht sich auf den Titel und erforscht tatsächlich fremde Gegenden. Meist südliche. Viele schöne Einzeiler findet Winkler für den irischen Regen (siehe oben). Auch dabei: die Entdeckungen und Erkundungen in einer Beziehung, die aufzeigen, dass die Wege in der Welt dann so ganz anders aussehen und gegangen werden (können).

„Gleich nach der Ankunft gingen wir an Bord
des Besonderen.
Machten uns selbst zum Bereisten.
Die Lebenslinien haben wir
noch einmal lasern lassen.
Der Klang der Stimmen,
wenn man mit uns spricht, ist jetzt ein anderer.
Nicht mehr wie zu Kindern.“

Ich wage nun einfach zu behaupten, dass Winklers Gedichte zunächst über den Verstand aufgenommen werden und dann weiter ins Innere dringen, während Güçyeters Lyrik sogleich mit großer Wucht einschlägt ins Innere und dann erst sortiert wird. So zumindest erlebe ich es und mich erreichen beide, auf ihre Art. In ihrer Andersheit treffen beide offenbar an einem lyrischen Ort aufeinander. Wo, kann jeder selbst für sich beim lesen herausfinden …

„Aus Glut geschnitzt“ erschien im Elif Verlag. Dinçer Güçyeter ist Dichter, Schauspieler, Verleger und Herausgeber diverser Anthologien. Cover und Ausstattung von Ümit Kuzoluk und Fotos von Yavuz Arslan.
„Karten aus Gebieten“ erschien im Schöffling Verlag . Ron Winkler ist Lyriker und ebenfalls Herausgeber diverser Anthologien. Das Coverbild ist von Ivonne Dippmann.

Kjartan Hatløy: Der weiße Weg Edition Rugerup

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Bereits als ich zum ersten Mal Kjartan Hatløys Gedichte las, wusste ich, das ist komplex und gleichzeitig in seiner Einfachheit tief berührend, das ist Lyrik, wie sie mir wichtig ist. Der 1954 geborene Dichter lebt in Norwegen, abseits der Städte an einem Fjord und hat alles in der Umgebung was er für seine Texte braucht: Natur, Tiere, Stille, Bücher und eine klare Quelle als Meditationsort.

„Freue mich über mein Weniges von der reichlichen Zeit der Sonne. Wärmt mich. Dass sie die Möglichkeit bekam, zu werden, wie herrlich ist das! Und sonst: Meinen Kiesweg entlang tanzen viele Einsamkeiten willig mit.“

Der Filmemacher Frank Wierke hat einen Film über den Dichter gedreht, der all dies mit einbezieht. Bei einem ersten Kennenlernen verstanden sich beide gut und es entstand ein schriftlicher Austausch in deutscher Sprache, aus dem dann die Idee des Films entstand. Hatløy schickte kleine „Stimmungen aus Salbu“, so auch der Untertitel des Buches und Wierke machte bei seinen Besuchen die Bilder zu den Stimmungen. In etwa einem Jahr entstand so ein außergewöhnlicher Film, der sehr nah geht. Er heißt Solreven – Sonnenfuchs. Einen Ausschnitt findet man hier.

Die Temperatur in den Handmuscheln meiner Kinderzeit nutze ich nun als freundliche Kraft, die ich überall nah bei mir habe.“

Inzwischen wurden die „Stimmungen“ in Norwegen mit großem Erfolg verlegt, wie alle seine bisherigen Bände, beim bekannten Oktober Verlag (lange vor den Büchern Knausgårds (Kjartan ist ein Onkel von Karl Ove)).

Kürzlich gab es die Deutschlandpremiere des Films zusammen mit einer Lesung aus dem neuen Lyrikband, initiiert vom Haus für Poesie im Kino Central. Kjartan Hatløy las auf Norwegisch und Übersetzer und Lyriker Klaus Anders die deutsche Variante.

„Das Geräusch des Flusses ist ein anderes Blut, hier bei dem großen Stein mittendrin, wo der einzelne Tag klingt wie eine indische Trommel. Das Geräusch ist so achtsam, dass ich es, ein einziges Mal, meine Hand küssen ließ.“

Die Gedichte zeugen von tiefer Verbundenheit mit der Natur und vom Einverstandensein mit allem Leben. Sie beziehen sich auf den riesigen Kosmos und dann wieder auf die Winzigkeit eines Erlenblatts. „Meine Gedichte entstehen hauptsächlich aus dem Denken“. Der Autor hat Philosophie studiert, hat Deutsch gelernt, damit er die deutschsprachigen Philosophen im Original lesen kann. Er weiß aber auch um die harte körperliche Arbeit als Werftarbeiter. Genügsam und allein lebt er in dem Haus am Fjord. Sein Zuhause ist der gesamte Kosmos. Er ist der Wissenschaft ebenso wie dem Unerklärlichen, dem Spirituellen zugewandt.

„Einige gelbe Äpfel kullern von der braunen Tischplatte und reisen zu Boden. Meine liebe Erde reist schneller. Sie pflügt die Farbe Schwarz und sät uns aus, uns Menschen. Sie stürmt weiter, nicht einsam, und in der hohen Geschwindigkeit, die im Verborgenen gründet.“

In diesem Band sind es Prosagedichte, kurze und längere Miniaturen. Kein Reim, keine Versform. Manchmal sind es kleine Geschichten. Sie lassen die Sprache in Alltagsmomenten verharren oder sich fortbewegen. Sie zeugen von der Verbundenheit aller Dinge. Hier zeigt sich die klare Beobachtungsgabe des Dichters, die Art der Wahrnehmung, die für einen Dichter so wichtig ist.

Der Band „Der weiße Weg“ erschien in der Edition Rugerup, ein Verlag der vor allem Lyrik und gerne auch aus dem Norden verlegt. Verlegerin Margitt Lehbert erhielt dieses Jahr den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung. Übersetzt aus dem Norwegischen hat Klaus Anders. Von Frank Wierke kommt das Nachwort, dass aufschlussreich über die Entstehung des Buches berichtet. Er hat in der Reihe „Dichter im Porträt“ verschiedene Lyriker filmisch kurz porträtiert, unter anderen auch Elke Erb. Von Kjartan Hatløy gibt es in deutscher Sprache bereits den Lyrikband „Die Lippen verlangen nach Ocker“ in der Edition offenes feld.

Ich danke dem Verlag/dem Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Ilse Helbich: Im Gehen Literaturverlag Droschl

Helbich-Im-Gehen

Es ist also nie zu spät: Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht und stetig weitergeschrieben. Es gibt zahlreiche Erzählungen von ihr und nun mit über 90 Jahren den ersten Gedichtband. Er enthält sehr dichte und konzentrierte Miniaturen, die für die Entdeckung der Langsamkeit plädieren, für die Anlehnung an die Natur und für die Schönheit der Sprache, die vielleicht sogar in aller Stille darauf achten lassen, wie es einmal sein kann, im Altern, das Leben.

Ein Gedicht passend zum Titel, erzählt vom Verlust einer, die ihr Leben lang gern gegangen ist. Und es zeugt aber auch vom Vertrauen, auf den, der da jetzt den Karren schiebt. Man kann entscheiden, ob es „Er“, der Göttliche oder ein Irdischer ist.

Schwieriges Gehen

Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und
einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.
Rollen und Rütteln
und Wiegen.
Blätter streicheln die Wange.
Ich möchte gern wissen, wer
mich schweigend dahin fährt,
aber ich wende den Kopf nicht.
Er ist ja da.
Mein schwieriges Gehen.“

In der Tat lese ich in Helbichs Gedichten die starke Verbindung mit etwas größeren, das All-Eins-Sein, eine spirituelle Dimension.

„Er sagte einmal, unter den Buchen
des Latisbergs habe er an mich gedacht.
Als ich gestern dort ging,
unter den Bäumen allein, da hingen
seine Gedanken als Spinnenfäden
zwischen den Ästen.“

In einem Interview (Die Presse, 2010) sagt Helbich:
„Ich glaube, dass sich im Alter verborgene Schlüssel und Lebensmotive zeigen. Die kann man nie benennen. Jeder Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Ich bin jetzt meinen Emotionen mehr ausgeliefert, als ich das mit Ausnahme der Pubertät je empfunden habe. Das ist manchmal sehr angenehm, weil man das Gefühl hat, man kommt in sehr ursprüngliche Schichten. Man ist von so tief unten bewegt, wie das nie vorher im Leben war. Ein fast spirituelles Gefühl.“

Zwei Gedichte widmet Helbich Gottfried Benn und der Leser überlegt und rechnet: Ja, theoretisch könnte es sein, dass sie Briefe an ihn schrieb oder welche erhielt:

„Der Befehl ist: Schreib alles auf. Genauigkeit!
Es gibt nichts als das Wort. Das Wort nagelt das Ding fest.
Das Ding ist Kaffeehaustisch, Marmorplatte, Kühle, weiß,
ferne Gesichter, in Rauchschwaden gefangen;
das Ding heißt auch Rose, heißt: du.“

Vielleicht ist es aber auch einfach eine Hommage an Benns Dichtkunst.

Ein Kapitel heißt Kindergedichte. Es sind allerdings keine heiteren Reime, sondern Texte, die Rückschlüsse ziehen auf ein tiefsinniges ernsthaftes, auch naturverbundenes Kind. Die Bezüge zur Natur und die Freude daran sind auch in anderen Gedichten zu erlesen.

Ich freue mich, diesen Lyrikband entdeckt zu haben, denn er bestärkt und belebt mich auch in meinem eigenen Schreiben. Diese Gedichte sind wunderbare Begleiter auf weiteren Wegen.

Erschienen ist der Lyrikband im Droschl Verlag, wie auch alle anderen Werke von Ilse Helbich. Eine Leseprobe und mehr über die kluge Autorin gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum sujet Verlag

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Kürzlich hörte man wieder von Demonstrationen im Iran. Unzufriedene, gerade auch Frauen, wenden sich gegen die strikten Gesetze der religiösen Staatsoberhäupter. Eine, die über ihre eigene Situation in ihrer Heimat Iran meist nur aus dem Ausland schreiben kann ist Granaz Muossavi. Ihren Lyrikband habe ich vor einiger Zeit besprochen.

Der vorliegende Band jedoch vereint Stimmen von Dichtern, die meist schon länger nicht mehr in ihrer Heimat leben: „Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum“ ist der Band untertitelt und er enthält eine reiche Fülle an Dichtung aus dem Persischen.

Eine wunderbare Sammlung hat Gerrit Wustmann, selbst Lyriker mit Faible für die Türkei und Iran, herausgegeben. Mit Gedichten vertreten sind unter vielen anderen, die mir bekannten Namen wie Abbas Maroufi, Sudabeh Mohafez, SAID und Farhad Showgi. Von jedem Dichter/jeder Dichterin gibt es mehrere Gedichte zu lesen. Die Autor*innen werden mit einer Kurzbiografie vorgestellt.

Farhad Showghi möchte ich hier aus aktuellem Anlass herausheben, da er soeben den Peter-Huchel-Preis 2018 erhalten hat. Von ihm habe ich bereits vor längerer Zeit einen Lyrikband erworben aus dem Verlag kookbooks: „In verbrachter Zeit“ heißt er und es sind Prosagedichte, die den Lesern vorgestellt werden. Auch in der Anthologie sind es prosaähnliche Texte, die meist weniger als eine halbe Seite in Anspruch nehmen. Inhaltsschwer, dicht, sich nicht sofort öffnend, zumindest nicht auf tieferer Ebene, dabei reich an Bildern und Symbolen. Mir kommen diese Gedichte sehr nah. Showghi wurde 1961 in Prag geboren. Er ist Psychiater und Psychotherapeut in Hamburg.


Abbas Maroufi kam 1996 nach Deutschland und betreibt in Berlin die Buchhandlung Hedayat für persische und orientalische Literatur und schreibt auch Romane und Theaterstücke.
Sudabeh Mohafez wurde 1963 in Teheran geboren, sie schreibt auch Romane und Erzählungen und veröffentlichte ihre letzten Bücher im kleinen Verlag Edition Azur.
Said dürfte wohl der bekannteste Dichter dieses Bandes sein. Der 1947 in Teheran geborene kam 1965 nach Deutschland. Er schreibt Lyrik und Prosa.

Unter den jüngeren Stimmen, die sich intensiv und oft kritisch mit dem Herkunftsland auseinandersetzen, habe ich zwei Favoriten: Die 1974 in Teheran geborene und 2009 nach Deutschland gekommene Pegah Ahmadi. Hier der Auszug eines ihrer Gedichte mit dem Titel Kugelhagel:

„Außer der Republik, deiner Stimme ist in mir
Kein Wort mehr, Genosse, Bruder, Vaterland!
Ganz egal!
Eines Tages
Gehen wir alle zusammen ins Wasser.“

Und die 1980 in Sarab geborene, seit 2010 in Deutschland lebende Sanaz Zaresani. Ihr Gedicht Herzlich willkommen bedichtet die Sprachunterschiede:

„Ich habe so viele Jahre mit den Wörtern meiner
/Muttersprache gespielt,
und jetzt spiele ich in meiner Adoptivmuttersprache mit
/dem Leben.“

Auch der 1968 in Teheran geborene Farhad Ahmadkhan wird sehr deutlich in seinem Gedicht mit dem Titel Nächstenliebe:

„Wieder hat ein Mensch
mit einer Überdosis Gott
am Orte aller Orte
seine Mitmenschen
mit ins Paradies genommen.“

Wir erfahren im Vorwort viel über die Bedeutung der Literatur im Iran und der Lyrik im Speziellen. Wustmann nennt die traditionellen Dichter, wie Rumi, Nizami oder Hafis. Aber auch die europäischen Dichter wie Celan, Rilke, Goethe nehmen Einfluß. Mit vielen Widrigkeiten haben Schriftsteller dort zu kämpfen. Oft thematisieren die Lyriker in ihren deutschsprachigen Gedichten dann auch die Hin- und Hergerissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne oder die Suche nach dem Wer-bin-ich. Was auffällt sind die starken ausdrucksvollen Bilder, die durch die Texte strahlen. Zum Entdecken der Vielfalt persischer Lyrik kann ich diese Sammlung nur empfehlen. Erschienen ist das Buch im sujet Verlag, dessen Inhaber Madjid Mohit selbst in den neunziger Jahren aus dem Iran nach Deutschland ins Exil floh. Ein Interview mit dem Verleger kann man im Börsenblatt lesen.

Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar!

Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna Edition Fototapeta

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Nach dem fabelhaften kleinen Roman „Montag“ hat die Edition Fototapeta nun auch Gedichte von Moyshe Kulbak verlegt. Es ist Lyrik, die in der Zeit reifte, als Kulbak von 1920 bis 1923 in Berlin lebte, die er aber erst in Minsk 1928 schrieb. Und es sind mit die besten Berlin-Gedichte die ich bisher gelesen habe, und das, obwohl ich bei durchgängig Gereimtem eher Abstand halte. Es ist ein Zyklus aus 62 Gedichten, der sich am expressionistischen Stil orientiert und Berlin lyrisch beleuchtet.

„O, Land! Wo die Elektrik fließt
in Drähten, und in den Adern – Champagner,
wo jeder Arbeiter ist ein Marxist,
und jeder Krämer ein Kantianer.“

Der Buchtitel entspringt den verschiedenen Lektüren, die Kulbak verinnerlicht hatte: da ist George Byrons „Childe Harolds Pilgrimage“ und Heinrich Heines „Childe Harold“. Kulbak kam nach Berlin, um europäische Literatenluft zu schnuppern, aber auch um möglicherweise die jiddische Literatur im Europäischen zu verankern.

„Und plötzlich sitzt er im Abteil, er fährt zum Studieren
nach Europa. Ein jeder nach seinem Fach: Ein Vogel singt,
ein Bolschewik macht Revolutionen, und Pfeifenmann muss
unbedingt
studieren. Der Tag vergeht. Stählerne Farben zirkulieren.“

Kulbaks Protagonist, sein Alter Ego, der „Pfeifenmann“ im Gedichtzyklus, kommt eigentlich nach Berlin, um zu studieren. Doch daraus wird nichts. So muss er sich mit wenig Geld durchschlagen, kleine Posten annehmen um Geld zu verdienen und lernt dadurch gleich die Arbeiterschicht und die Stadt und was sie bewegt sehr genau kennen.

„Die halbe Nacht im Kabarett
mit Jazzband und Präservativen,
die andere Hälfte – unter dem Joch von AEG
und Borsigs finsteren Lokomotiven.“

Genau wie in seinen Romanen sind Kulbaks Gedichte durchzogen von feinstem Humor. Er schreckt dabei weder vor Selbstironie, vor politischer oder Gesellschaftskritik, noch vor den unangenehmen eher dunklen Seiten der Großstadt zurück. Kulbak war sehr belesen und in jegliche philosophische Richtung interessiert: „ein bisschen Blok, ein bisschen Schopenhauer, Kabbala, Spinoza und Perez“

Er erlebt die Weimarer Republik und gleichzeitig das Aufkeimen des Nationalsozialismus, derer in brauner Kluft.

„Im Staat reift heran eine junge Macht,
die einen Riss bewirken wird in seiner Form …“

In vielen Szenen erinnert er mich an das kürzlich gelesene Buch „Land im Zwielicht“ von Leo Lania, der im gleichen Jahr 1896 in der Ukraine geboren wurde und der ebenfalls in dieser Zeit über Berlin schrieb.

„Childe Harold aus Disna“ erschien in der Edition Fototapeta. Die Übersetzerin Sophie Lichtenstein hat die Gedichte vom Jiddischen ins Deutsche übertragen. Ebenso empfehlenswert ist natürlich „Montag“ und der in der anderen Bibliothek erschienene Roman „Die Selmenianer“ (Besprechung folgt).
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.