Ava Farmehri: Im düstern Wald werden unsre Leiber hängen Edition Nautilus

Bereits der Buchtitel weißt auf die Geschehnisse in diesem Roman hin. Er ist einer Zeile aus Dante Alighieris Inferno nachempfunden. Und tatsächlich geht es hinein in die Düsternis, ins Gefängnis und ins Gefangensein in einer unfreundlichen Welt. Ava Farmehri (der Name ist ein Pseudonym) stammt aus dem Nahen Osten und lebt in Kanada. So spielt die Geschichte des Buches auch im Iran.

„Sie werden mich töten.
Mein Prozess hat drei Wochen gedauert. Und ich habe noch Glück, manch unglückliche Seele wartet jahrelang, nur um am Ende dieselbe Nachricht zu erhalten. […] und so kam die zügige Entscheidung nicht überraschend. Jedenfalls nicht für mich. Schließlich ist das hier Iran.“

Mit diesen Zeilen beginnt der Roman und die, die man töten, die man hängen wird, ist die zwanzigjährige Sheyda. Im Gefängnis wird sie mit Gewalt vor allem gegen Frauen konfrontiert. Und sie reflektiert ihre Geschichte. So erfahren wir Leserinnen, wie es zu dem Mord an ihrer Mutter, den sie ohne zu Zögern gestand, kam. Das ist hochspannend und in einer Sprache geschrieben, die melodiös und poetisch ist und in einer Schönheit, die sehr im Kontrast zum Inhalt steht.

Am ersten Tag der Islamischen Republik 1979 wird auch Sheyda geboren. Die Eltern, noch vom Schah beeinflusst, müssen sich plötzlich von ihrem freien Leben verabschieden und sich einer religiösen Regierung unterordnen. Sheyda, deren Eltern heirateten, weil die Mutter mit ihr schwanger war, spürt von Anfang an, dass ihr Leben nicht stimmig ist. Als Kind tanzt sie den Erwachsenen auf dem Kopf herum, lügt und bleibt ungezähmt, allerdings auch immer Außenseiterin im Gleichaltrigenkreis. Bereits als junges Mädchen verliebt sie sich unsterblich in den wesentlich älteren Sohn der Nachbarin. Als dieser Selbstmord begeht, will sich auch Sheyda das Leben nehmen, wird jedoch gerettet. Etwas ist fortan zerbrochen und unheilbar. Lange Zeit bleibt sie Bettnässerin. Die Eltern schleppen die Tochter zum Psychiater. Dort wird sie lange bleiben, jedoch nur selten die Wahrheit erzählen. Als der Vater bei einem Unfall stirbt, erfahren Mutter und Tochter, dass dieser ein Doppelleben mit einer anderen Frau führte und ihnen außer dem Wohnhaus nichts hinterlassen hat. Sheydas Verhältnis zur Mutter wird dadurch nicht besser. Die Mutter zerbricht fast vollkommen daran. Beginnt sich zu vernachlässigen und das Haus nicht mehr zu verlassen. Die Tochter ist bald auf sich allein gestellt.

„Die Stille war das wahre Grauen, die größte Gefahr für meine Psyche. Die Stille zwingt dich, den Blick von der Welt abzuwenden und ihn nach innen zu richten auf deine zerstörte, verrottete Seele, auf das Wrack, zu dem dich das Leben gemacht hat.“

Als älterer Teenager hat Sheyda eine Affäre mit dem verheirateten Lehrer. Später beginnt sie ein Studium, arbeitet nebenher in einer Buchhandlung, versucht sich freizuschwimmen, sich durch Lesen und Bildung aus ihrer Rolle zu befreien. Sie hat immer wieder Beziehungen, die meist nicht lange andauern, denn für Sheyda ist es schwer, einem Menschen tatsächlich zu vertrauen, dabei ist sie auf der Suche nach Nähe und Liebe.

„Bewacht wurden wir von Frauen. Jungen, hässlichen, erbarmungslosen Frauen. Ich hatte vorher nicht gewusst, zu welcher Grausamkeit Frauen fähig waren, vor allem gegenüber ihren Geschlechtsgenossinnen. […] Es fühlte sich wie Verrat an. […] Warum zerfleischen wir uns gegenseitig? Wir sind doch alle Opfer dieses Landes, dieser Welt. Alle Frauen innerhalb und außerhalb der Gefängnismauern, wir alle sind Opfer der Männer und ihrer männlichen Götter!“

Farmehri lässt ihre im Gefängnis sitzende Heldin immer wieder zwischen Mut und Verzweiflung schwanken, immer wieder zwischen Haftalltag und Erinnerungen hin und her pendeln. Ein Besuch zweier Verwandter kurz vor dem Hinrichtungstermin wirft plötzlich eine neue Perspektive auf die Schuld der jungen Frau. Wie war das wirklich mit dem Tod der Mutter?

Es ist ein Roman mit dunkler Atmosphäre, der in seiner bildhaften Sprache gerade das Bittere der Geschichte zeigt. Die tragische Heldin ist, so wie viele Frauen im Iran, auch außerhalb des Gefängnisses kaum frei. Sie muss sich traditionellen Rollen, die von der Religionspolizei streng überwacht werden unterwerfen. Sie ist nicht immer sympathisch, doch kommt sie einem sehr nah, so dass man auch mit dem Schluss des Romans hadert. Und doch muss es so enden – „Die Freiheit“ – so die letzten Worte.

Das Buch erschien in der Edition Nautilus. Es steht auf dem 1. Platz der Litprom-Bestenliste Weltempfänger Winter 2020. Aus dem Englischen von Sonja Finck. Eine Leseprobe gibt es hier. Dunkles Leuchten!

Ottessa Moshfegh: Eileen btb Verlag

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Lange schon habe ich diese Autorin im Auge. Endlich habe ich nun nach Erscheinen des Taschenbuchs nach „Eileen“ gegriffen. Und bin sehr froh darüber. Ottessa Moshfeghs Stil ist so herrlich unverblümt, geschrieben ohne ein Blatt vor dem Mund, sehr ehrlich, mitunter zum Fremdschämen. Ich bin mir sicher, dass es Menschen wie die entzückende Antiheldin Eileen auch in der Wirklichkeit gibt, vielleicht öfter als man glaubt. Der raue Ton, die feine Selbstironie, sie passt so gut zum Schauplatz und zur Situation.

USA 1964, eine Kleinstadt in der Nähe von Boston: Die 24-jährige Eileen arbeitet in einem Gefängnis für jugendliche Straftäter. Ihr Vater, ein Polizist im Ruhestand ist Trinker, der mitunter Wahnvorstellungen hat. Durch ihn hat sie den Job bekommen. Um ihn kümmert sie sich notgedrungen, obwohl er sie extrem schlecht behandelt. Zuvor musste sie ihr Studium aufgeben, um die kranke Mutter zu pflegen, die schließlich starb. Eileen hat Minderwertigkeitsgefühle, wird ihr doch dauernd gespiegelt, dass sie nichts wert ist, zu nichts taugt. Für eine 24-jährige ist sie sehr naiv, hat keine Freundinnen, geschweige denn einen Freund. Dafür schwärmt sie für Randy, einen Gefängniswärter, dem sie sich aber nur ihn ihrer Fantasie, in ihren Tagträumereien nähert und regelmäßig vor seinem Haus heimlich beobachtet. Ihr Job ist langweilig und anspruchslos und sie malt sich aus, das alles bald hinter sich zu lassen und abzuhauen.

„Alles, was populär oder in Mode war, verstärkte nur mein Gefühl von Einsamkeit. Ich wollte nichts davon wissen, dann konnte ich wenigstens so tun, als hätte ich mir dieses Leben selbst ausgesucht.“

Wie Moshfegh ihre Hauptprotagonistin schildert ist extrem gut gemacht. Sie dringt tief in deren Psyche ein und arbeitet jedes intime Detail aus. Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto deutlicher wird das Ausmass der Schrecknisse, desto tiefer tun sich die Abgründe auf.

„Ich war melancholisch veranlagt, könnte man sagen. Launisch. Aber ich glaube, durch und durch herzlos war ich nicht. Wäre ich in eine andere Familie hineingeboren worden, wäre ich vielleicht als ganz normaler Mensch aufgewachsen.“

So erleben wir, dass Eileen in einem Feldbett auf dem Dachboden schläft, kaum etwas isst oder sich sehr schlecht ernährt. Ihre Verstopfung bekämpft sie mit reichlich Abführmitteln. Zu dieser Essstörung kommt dazu, dass auch sie dem Alkohol zugetan ist und beinahe genau so viel verträgt wie der Vater. Befremdlich auch, dass sie die altbackenen Kleider ihrer Mutter aufträgt und die Schuhe ihres Vaters wegsperrt, damit er nicht auf Sauftouren gehen kann. Mitunter denkt sie auch über Suizid nach.

„Aber ganz ehrlich: Selbst in diesen dunkelsten Augenblicken war die Vorstellung, dass jemand meinen nackten Leichnam untersuchen würde, schlimm genug, um mich am Leben zu halten. So sehr schämte ich mich meines Körpers.“

Eileen beginnt aufzublühen, als sie eine neue Kollegin bekommt. Eine hübsche, bewundernswert selbstbewusste Rothaarige, die sich ausgerechnet für Eileen zu interessieren scheint. Sogleich fängt diese an, Rebecca anzuhimmeln. Eileen ist so bedürftig, dass sie die Zuwendung so überhöht und glaubt, von nun an ändere sich ihr Leben komplett. Sogar Randy ist plötzlich uninteressant geworden.

Als Rebecca sie für den Heiligabend (Eileen hasst die Heile-Welt-Familienweihnachtsfeiern) zu sich nach Hause einlädt, schwebt sie im 7. Himmel. Doch alles kommt ganz anders, als sie es sich ausmalt …

„Eileen“ erschien im Liebeskind Verlag und als Taschenbuch bei btb. Großartig übersetzt hat es Anke Caroline Burger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite Zsolnay Verlag

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Nun ist Birgit Birnbachers neuer Roman da. Die Autorin hat mir beim letztjährigen Bachmannpreislesen mit ihrem Text sehr gefallen. Der Jury auch, so dass sie den Hauptpreis auch gewann. In ihrem Roman erzählt sie nun von Arthur einem jungen Mann Anfang zwanzig, der gerade aus der Haft entlassen wurde. Drei Jahre hat er gesessen und was er dabei durchgemacht hat und weshalb es dazu überhaupt kam, erfahren wir in Rückblenden, die bis in Arthurs Kindheit hineinreichen.

„Es kommt mir so vor“, hat Arthur zu Betty gesagt, „als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig ich an meiner Seite.“

Das sagt Arthur fast am Ende des Buches zu seinem Therapeuten und zu seiner Sozialhelferin. Zuvor haben beide, vor allem aber „Börd“, der etwas abgehalfterte und mit unkonventionellen Methoden arbeitende Therapeut Dr. Vogl, Arthur eine ganze Zeit lang betreut. Dass Arthur sich so äußert, also vor allem auf sich selbst zählt, scheint mir ein gutes Ende.

Nach der Entlassung soll er für „Börd“ auf ein Band aufsprechen, was er für wichtig hält und tatsächlich funktioniert das mit den Tondokumenten recht gut und auch die praktische Therapie, die allerlei Überraschungen bereit hält, scheint Arthur irgendwie zu stärken. Dass es mit Bewerbungen nicht klappt, zieht ihn allerdings zwischendurch auch wieder runter. Mit dem Zimmergenossen im betreuten Wohnheim wiederum geht es besser als aus den Gefängniserfahrungen heraus befürchtet.

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der JVA Gerlitz, dass der Neue immer den Zellendienst macht. Den Zellendienst gibt es nicht. Der Zellendienst ist eine Erfindung der Insassen. Es fängt immer mit dem Zellendienst an.“

Aus den aufgesprochenen Tondokumenten erfahren wir Leser, wie es bisher war in Arthurs Leben. Der Vater weg mit einer anderen, als er und der Bruder noch klein waren, die Mutter mit einem neuen Mann und dann der Umzug nach Spanien. Das dortige, zunächst fremdartige Leben: „Es ist nicht wie im Familienurlaub, dass alle zusammen losstürmen ans Meer.“
Die Mutter wird Leiterin eines Zentrums für Palliativpflege und die Wohnung der Familie befindet sich direkt im Haus dabei. Die Freundschaft mit Grazetta, der körperlich gezeichneten ehemaligen Schauspielerin, die im Heim lebt und die ihre Lebensweisheiten mit Arthur teilt, baut ihn etwas auf. Und später die Freundschaft mit den gleichaltrigen Princeton und Milla. Aber die Unklarheit der Beziehung zwischen den Dreien birgt eine Gefahr. Wer liebt wen? Und wer bleibt außen vor? Und das, was dann passierte, auf dem Boot. Milla ertrinkt. Ein Unfall? Wer trägt die Schuld? Das wird nie genau auserzählt. Aber auch die plötzliche Entdeckung, dass der Vater wieder eine Familie gegründet hat, wieder einen Sohn hat, der ihm ähnelt, erschüttert Arthur.

„Arthur  hat sich den Vater nie zurückgewünscht. Er hat sich ein Vorbild gewünscht. Einen Mann, der lebt und dem er, Arthur, das Kleinkind, Arthur das Kind, Arthur der Jugendliche, zuschauen hätte können beim Leben.“

Wir erfahren, wie stark all das zusammen Arthur aus der Bahn wirft. Alleine geht er zurück nach Deutschland und beginnt aus innerer Not heraus, aus Geldmangel und weil es so einfach ist, mit Internet-Betrügereien. Und eine Weile geht es auch gut …

Birgit Birnbacher hat einen Roman geschrieben, der mir gefiel und der sicher auch gelungen ist, der aber keine ähnliche Begeisterung wie beim Bachmannpreis bei mir ausgelöst hat. Woran das genau liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht an der Atmosphäre der Geschichte, vielleicht an mir, an meiner Stimmung. Vielleicht waren auch meine Erwartungen nach dem Bachmanntext zu hoch.

„Ich an meiner Seite“ erschien im Zsolnay Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine begeisterte Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Tayari Jones: An American Marriage

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Der Roman „An American Marriage“ von Tayari Jones Roman wurde bei Oprah Winfrey, der bekanntesten Literatursendung in den USA vorgestellt, der gestandene Leser Barack Obama empfiehlt ihn und schließlich wurde er mit dem Womans Prize for Fiction 2019 ausgezeichnet. Auch ins Deutsche wurde er übersetzt und erschien im Frühjahr im Arche Verlag unter dem Titel „In guten wie in schlechten Tagen“. Es ist nicht der erste Roman der 48-jährigen US-Amerikanerin, sie erhielt bereits viele Auszeichnungen und unterrichtet Creative Writing.

Ich habe diesmal zum Original gegriffen und nun also meinen ersten Roman in Englisch gelesen, um ihn auf dem Blog vorzustellen. Bisher habe ich mir schwer vorstellen können, etwas in der Originalsprache zu lesen, dazu sind meine Sprachkenntnisse in Fremdsprachen jeweils zu gering. Gerade, wenn es sich um anspruchsvolle Literatur dreht, gar um Lyrik. In der Tat bin ich aber nun mit diesem Roman erstaunlich gut zurecht gekommen und werde in Zukunft vielleicht mutiger.

Es ist eine spannende Beziehungsgeschichte die Jones hier erzählt. Tatsächlich ist es auch die Story, die mich hier am meisten interessiert. Die Sprache ist mir, es geht mir immer wieder so mit US-Autoren, oft zu beliebig, pathetisch, mit Metaphern überfrachtet – handwerklich gut – aber mit wenig Eigenart. Es geht um Roy und Celestial, zwei junge Afroamerikaner, beide geförderte Collegeabgänger mit guten Jobs, die seit einem Jahr verheiratet sind. Eines Tages wird Roy zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt. Beide wissen, dass er es nicht getan hat, dennoch wird er verurteilt und zwar sehr hart (womöglich wegen seiner schwarzen Hautfarbe?): Zwölf Jahre Haft.

Von der Tat und der Verhandlung wird fast gar nichts erzählt, sondern vor allem von den Empfindungen der beiden vor- und nachher. Jones teilt das Buch auf, in Kapitel, die jeweils aus der Sicht von Roy oder Celestial erzählt werden. Einzelne im Lauf der Geschichte auch von Andre, der seit Kindertagen Celestials bester Freund ist. Die Handlung bezieht sich somit vor allem darauf, was aus der Beziehung der beiden wird durch diese ungewollte Trennung. Und es zeigt ein Bild der Südstaaten-Mentalität, in der vor allem Religion, Abstammung und eine extrem traditionsbehaftete Sichtweise auf die Ehe und die Geschlechterrollen vorhanden sind. Auch die Elternbeziehung und der Kinderwunsch, der hier sehr stark im Vordergrund steht, als gäbe es keine Partnerschaft, ohne Kinder zu haben, als wäre es oberste Pflicht, auch von Eltern und Schwiegereltern gefordert, Kinder zu bekommen. (Alles Sichtweisen, die mir mehr als fremd sind.)

So kommt es auch dann zu besonderen Konflikten, als sich Celestial erlaubt ihr Leben mit dem Focus auf ihre Kunst, sie stellt Puppen her, weiterzuleben, auch ohne Roy. Sie emanzipiert sich im Verlauf der Geschichte mehr und mehr und wird zur gefragten und gut bezahlten Künstlerin. So entfernt sie sich von Roy, der Kontakt bleibt immer mehr aus und es entsteht wieder große Nähe zu Andre, der an ihrer Seite bleibt. Als Roy nach fünf Jahren unerwartet frei gelassen wird, kommt es natürlich zu Turbulenzen …

Im Laufe der Geschichte werden auch die bisher schamhaft verschwiegenen Seiten in den Familien aufgedeckt. Roy ist ein adoptiertes Kind, sein biologischer Vater hatte sich noch vor seiner Geburt davon gemacht. Celestials Mutter ist die zweite Ehefrau des Vaters und hat sozusagen die Ehe mit der ersten Frau „zerstört“. Alles Ereignisse, die beiden schwer zu schaffen machen.

Ehrlich gesagt sind mir die beiden männlichen Figuren im Roman eher unsympathisch. Die Heldin Celestial hingegen ist immerhin eine reflektierende, sich entwickelnde Persönlichkeit und so ist es sicher auch von der Autorin beabsichtigt. Im weitesten Sinne könnte man diesen Roman in den Bereich der feministischen Literatur einordnen.

Fazit: Lesenswert durchaus, aber kein Lesehighlight.

Aslı Erdoğan: Das Haus aus Stein Penguin Verlag

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„Was in dem Roman erzählt wird, ist natürlich frei erfunden. Erfunden aber hat es die Wirklichkeit.“

Diesen und weitere solch wunderbare Sätze finden sich in Aslı Erdoğans Roman „Das Haus aus Stein“, der bereits 2009 in der Türkei erschien und jetzt erstmals auf Deutsch zu lesen ist. Die Autorin hat ein aktuelles Vorwort vorangestellt, das unter anderem auch auf ihren eigenen Gefängnisaufenthalt hinweist und die Leserin staunen lässt, wie sie in diesem lange vorher erschienenen Roman bereits wie eine Wissende oder doch zumindest Ahnende über ein Gefängnis schreibt, über das Haus aus Stein. Absurd ist zudem, das Erdoğan für dieses Buch in der Türkei damals den bedeutendsten Literaturpreis bekam und Jahre später wegen ihres Schreibens inhaftiert wurde. Die Autorin war 132 Tage lang im Istanbuler Frauengefängnis und erzählt, dass sie nach ihrer Freilassung, die einfachsten Dinge nicht mehr tun konnte – „In der Haft entwickelt man sich zurück, wird wieder zum Kind ohne Rechte und Verantwortung.“. Heute lebt sie im Exil, aber sicher,  in Frankfurt am Main. Über die Erfahrung zu schreiben, fällt ihr schwer, macht sie sogar krank, heißt es im Nachwort. Sie wird es dennoch tun.

“ – ist das Schreiben nicht gewissermaßen die Kunst, in der Glut zu rühren, ohne sich dabei die Finger zu verbrennen? – „

Es ist ein nur etwa 100 Seiten zählender Text, der allerdings das Gewicht eines 1000-Seiters hat. Die Autorin schreibt in einer Dichte und Intensität, wie ich sie schon aus ihren vor zwei Jahren erschienen Essays „Nicht einmal das Schweigen gehört uns noch“ kenne. Diese Dichtheit macht es auch schwer, etwas über den Inhalt zu sagen. Denn es geht um nicht mehr und nicht weniger, als das Thema im Gefängnis sein/Gefangensein/unfrei Sein. Und wie kann man über dieses Thema mit solcher Schönheit und Poesie schreiben? Aslı Erdoğan kann es.

„Heute werde ich vom Haus aus Stein erzählen, dem das Schreiben gern ausweicht, dem es nur aus sicherer Entfernung zusieht, durch die Wörter hindurch.“

Es passiert vermeintlich nicht viel in dieser Geschichte. Ein junger Mann, nur A. genannt, der früh einen Gefängnisaufenthalt hatte, schafft es nach der Entlassung nicht mehr ins Leben zurück. Wir lesen von dem unendlichen Schmerz, körperlich uns seelisch und vom Leid in der Zeit danach. A. lebt auf der Straße, gegenüber des Gefängnisses, des Haus aus Stein. Er ist ein Niemand geworden. Die vorüber Eilenden beachten ihn nicht. Er ist für die Welt verloren. Eindringlich, wie eine einzige fortlaufende Suada, Sätze wie Refrains wiederholend, beschreibt die Autorin diese brüchige Existenz, die selbst keine Worte mehr findet, mitunter nur noch in wildes lautes Gelächter ausbricht. Ver-rückt. Den Verstand verloren. Erneut unfrei.

„Jedes Menschenleben ist schließlich eine Niederlage, nur fällt sie bei manchen grandioser aus als bei anderen.“

Dieses Buch ist hart, geht in die Tiefe des Schmerzes und ist eigentlich nicht auszuhalten, würde Asli Erdoğan nicht solche Worte dafür finden. Und auszuhalten vielleicht auch dann, wenn die Leserin sich vor Augen führt, dass die Autorin womöglich ähnlich Unerträgliches er- und überlebt hat. Und dass es immer noch überall auf der Welt solche furchtbaren Orte gibt – solche Häuser aus Stein.

Der Roman erschien im Penguin Verlag. Übersetzt hat es Gerhard Meier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Emmanuel Carrère: Der Widersacher Matthes & Seitz Verlag

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Emmanuel Carrère ist längst kein unbeschriebenes Blatt mehr. Der Matthes & Seitz Verlag hat sich in Deutschland seines Werkes angenommen und bringt nun eine Neuauflage des 2003 unter dem Titel „Amok“ erschienenen Romans  „L`Adversaire“, der bereits 1999 in Frankreich erschien. Für mich ist es der erste Roman Carrères. Ganz bewusst habe ich diesen gewählt, da mich die Geschichte sehr angezogen hat, begibt man sich mit ihr doch sehr tief in die Abgründe der menschlichen Seele.

Und in aller Grausamkeit ist es in der Tat eine faszinierende Geschichte: Ein Mann um die 40 tötet seine Frau, die beiden Kinder und die Eltern. Die Selbsttötung gelingt nicht, er überlebt schwer verletzt. Nach einer kurzen Einführung in den Familien- und Freundeskreis schwenkt Carrère die Kamera um und lässt aus der Sicht eines Schriftstellers erzählen. Dieser verfolgt den Fall Jean-Claude Romands und wendet sich schließlich schriftlich an den mittlerweile in Haft befindlichen Mörder.

Aus diesem Briefwechsel und der Beobachtung der Gerichtsverhandlung macht der Schriftsteller seine Geschichte zu einem Buch. In diesem tatsächlich so begangenem Verbrechen fand Carrère den Stoff für seinen Roman.

Jean-Claude Romand, angeblich wohlhabender Arzt und in hoher Stellung bei der WHO in Genf tätig, hat ein riesiges Lügengerüst erbaut. Seit seinem Studium erfindet er für sich einen Lebenslauf, der unfassbarerweise niemals hinterfragt wird. Nachdem er eine Examensprüfung ausgelassen hat, und somit nicht Arzt werden kann, beginnt er sein weiteres Leben auf Lügen aufzubauen. Es ist hanebüchen zu welchen Mitteln der Mann greift, um gesehen, geschätzt und geliebt zu werden. Er heiratet seine Studienfreundin, zeugt Kinder, veruntreut Gelder, die ihm von Verwandten  als Anlage anvertraut werden, mietet ein nobles Landhaus, fährt teure Autos, gibt Unsummen für seine Geliebte aus und …  keiner merkt etwas. Einmal in diesem Lügen-Karussell gefangen, schreibt sich die Geschichte von allein weiter. Eins folgt dem anderen, bis es scheinbar keine Möglichkeit zurück gibt.

„Eine Lüge dient normalerweise dazu, eine Wahrheit zu verbergen, etwas vielleicht Beschämendes, aber Wahres. Die seine verbarg nichts. Hinter dem falschen Doktor Romand gab es keinen echten Jean-Claude Romand.“

Der Autor versucht nicht aus der Vergangenheit heraus, womöglich aus einer unglücklichen Kindheit heraus den Täter zu entschuldigen. Er zeigt jedoch auf, wie „leicht“ es ist, in eine Spirale der Lügen zu geraten und lässt den Leser dieses unglückliche Leben spüren. Dass der Protagonist sich selbst töten wollte ist absolut nachvollziehbar, denn die Möglichkeit aufzufliegen rückte plötzlich sehr schnell näher. Wie es zu der unglaublichen mörderischen Tat kommen konnte, ist absolut unbegreiflich (Psychologen würden von erweitertem Suizid sprechen). Dafür gibt es keine Antwort, die will auch der Autor nicht finden. Dass der Täter vor Gericht und auch in der Haft sich zunehmend religiös und bußfertig zeigte, um Vergebung bittet, ist möglicherweise eine erneute Lebensflucht. Zudem ist sie wenig glaubwürdig und wirkt wie eine Farce auf die zurückgebliebenen Trauernden.

„Wenn Jesus in sein Herz einzieht, wenn die Gewissheit, trotz allem geliebt zu werden, ihm Freudentränen auf die Wangen treibt, ist es dann nicht immer noch der Widersacher, der ihn täuscht?“

Je weiter ich las, desto bekannter kam mir die Geschichte vor. Ich glaubte sie schon verfilmt gesehen zu haben und dem ist tatsächlich so. Es lief auf Arte die Verfilmung aus dem Jahr 2002 unter dem Titel L’adversaire mit Daniel Auteuil in der Hauptrolle.

Obwohl es sich letztlich nicht um einen vergleichbaren Fall handelt, wurde ich immer wieder an Åsne Seierstads „Einer von uns“ über den Osloer Massenmörder Anders Breivik erinnert. Schon da fragte ich mich, ob ein Mensch grundsätzlich böse sein kann oder ob ihm das Leben so mitspielt, dass er es wird … Eine Frage, die auch in Truman Capotes „Kaltblütig“ mitschwingt, welches für Carrère auch ein gewisses Vorbild war.

Der Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz. Er wurde aus dem Französischen übersetzt von Claudia Hamm. Im Anhang gibt es ein höchst interessantes Gespräch zwischen Autor und Übersetzerin. Eine Leseprobe gibt es hier.