Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht Frankfurter Verlagsanstalt

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Nach dem wunderbaren Leseerlebnis mit Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben“ über eine Schokoladenfabrikdynastie in Georgien war ich sehr gespannt auf den neuen Roman. Fast ebenso dick, über 800 Seiten, die mir bei „Das achte Leben“ fast zu kurz vorkamen, bin ich diesmal etwas verhaltener. Das liegt sicher vor allem am Inhalt. Ich konnte diese Geschichte nicht als eine große Geschichte der Freundschaft lesen, sondern las vor allem über Gewalt. Ob das nur mir so ging?

Der Roman schildert das Leben und Erleben von vier Freundinnen, seit Beginn ihrer Freundschaft zu Schulzeiten in den 80er Jahren: Dina, Nene, Ira und Keto. Aus dem Blickwinkel von Keto wird auch der ganze Roman erzählt. Wir erfahren gleich zu Anfang, dass eine der Freundinnen nicht mehr lebt. Die anderen treffen sich nach über 20 Jahren, es ist inzwischen 2019, zum ersten Mal wieder, anlässlich einer großen Foto-Ausstellung, die nach dem Tod Dinas, der Fotografin, in Brüssel stattfindet. Anhand der Fotos, die Keto der Reihe nach in der Galerie betrachtet und sich erinnert, hören wir von den jeweiligen Situationen im Leben der Freundinnen. Unterbrochen vom aktuellen Geschehen in der Galerie, tauchen wir immer wieder in die Geschichte der Mädchen, die alle in Tiflis lebten ab, aber eben auch in die Geschichte Georgiens mit ihren Wandlungen während der Zeit von Gorbatschows Perestroika unter der Sowjetunion über die folgenden oft blutigen Kämpfe mit teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen bis zur Unabhängigkeit.

Gleichzeitig erleben die Mädchen, deren Zusammenhalt trotz ihres unterschiedlichen Charakters, zunächst sehr stark ist, ihren Schulabschluss, ihre erste Liebe, ihre ersten Studien- und Berufserfahrungen. Ira beginnt ein Jurastudium, Keto studiert Restaurierung, Nene heiratet, aber nicht den, den sie liebt, Dina fotografiert und arbeitet bei einer Zeitung. Die jungen männlichen Protagonisten hingegen, Ketos Bruder, der mit Dina zusammen ist, Lewan, den Keto sehr mag, Nenes ungewollter Ehemann etc. sind alle mehr oder minder in der Unterwelt tätig, wo Bandenkriege herrschen, wo es um selbstgefällige Männlichkeit geht, um Schutzgelderpressung, wo Ehre und Ehrenmorde wichtig sind, wo es um Äußerlichkeiten und Reichtum mit entsprechenden Symbolen geht. Und mit alledem geht ein krudes Frauenbild einher: die Herabsetzung der Frau (vor allem, wenn sie eine eigene Meinung hat) himmelweit von Gleichberechtigung entfernt.

„In unserer Stadt waren die Mädchen pudrig und hauchzart, sie waren dafür gemacht, an der Ehre der Männer zu weben und ihnen warmes Brot zu backen. […] In unserer Stadt waren die Mädchen Goldfische, denen die Jungen Aquarien zu bauen hatten, um ihre liebsten Fische darin schwimmen zu lassen. In unserer Stadt waren die Mädchen flügellose Engel an dünnen Fäden, festgehalten von Müttern, Tanten, Großmüttern, die einst auch nicht hatten davonfliegen dürfen.“

Und genau das macht es mir schwer, den Roman zu lesen: Ketos Bruder, der Nene beschuldigt am Tod ihres Liebhabers Saba Schuld zu sein, weil sie nicht ihrem rohen, ungeliebten Ehemann treu ist, den sie nie wollte. Dabei ist natürlich ihr Ehemann Schuld, der seine „Ehre“ mit einem Mord verteidigen „muss“. Lewan, der dann eben jenen Liebhaber, seinen Bruder Saba, unbedingt rächen muss, der „Familienehre“ wegen, und der seinen Frust und seine unausgesprochenen Gefühle abreagiert, indem er Keto beinahe vergewaltigt. usw. usw.

Will ich das weiterlesen, denke ich nach etwa 400 Seiten? Bereits im Roman „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“ der Georgierin Tamar Tandaschwili las ich von solcher Misogynie, die offenbar bis in die Heutezeit reichen. Aber eben auf 180 Seiten, nicht auf 800. Scheinbar hat sich in Georgien nicht viel verändert, was Frauenrechte/sicherheit angeht? Womöglich hat sich überall nichts Wesentliches geändert? Ich denke an die Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Ich denke an die Mädchen in Indien, die einer Massenvergewaltigung zum Opfer fallen oder einem Säureanschlag oder gleich schon als Fötus wegen ihres Geschlechts abgetrieben werden. Ich denke an die Nachrichtensprecherinnen in Afghanistan, die auf Anordnung der Religionspolizei nun ihr Gesicht wieder verhüllen müssen. Wo bleiben die Frauenrechte? Mein Leseerlebnis dieses Romans lief immer wieder in genau diese Richtung, obwohl es sicher nicht der Ganzheit des Romans gerecht wird. Und so las ich dennoch weiter …

In nächsten größeren Abschnitt geht es gleich weiter mit mafiösen Strukturen (Schutzgelderpressungen, Bandenkriege, rohe Gewalt, Korruption, Drogenhandel) und frauenfeindlichem Verhalten. Die vier Freundinnen sind wirklich nicht zu beneiden in dem, was sie in solchen gesellschaftlichen Strukturen in dieser Zeit durchleben. Und es geht immer weiter mit Krieg und Gewalt, im Kleinen wie im Großen.

„- Er wird für alles Büßen. Das kannst du ihm ausrichten. Und wenn ich mitbekommen sollte, dass du dich weiterhin mit ihm triffst, dann werde ich dich umbringen. Dina, hörst du? Ich lasse nicht zu, dass du meinen Namen mit Dreck besudelst. –
Er hielt ihr die Messerspitze an die Kehle.“

Dina flieht vor einer zerbrochenen Liebe als Kriegsfotografin nach Abchasien. Ira geht mit Stipendium in die USA. Nene bekommt ein Kind. Keto fühlt sich für alle verantwortlich und vergisst dabei oft, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern. Sie lässt sich auch wieder auf diesen Lewan ein, bis alles wieder eskaliert. Ich bin beim Lesen mittlerweile wirklich richtig wütend. Niemals würde ich in solch einem Land leben wollen. Und ich wünsche mir sehr, dass die Freundinnen endlich diesen Kreislauf durchbrechen, endlich ausbrechen aus diesem von Männern bestimmten und beaufsichtigtem Leben. Doch durch all die Geschehnisse leidet auch die Freundschaft. Und durch Ira, inzwischen Anwältin, die für Nene, mehr als Freundschaft empfindet, die diese aber nicht erwidert, werden die Risse zwischen den Frauen immer größer. Und sie tun sich erneut auf, als sich die drei bei der Ausstellung nach so langer Zeit wieder in die Augen sehen …

Was als Schmöker erfreulich begann, wurde beim Lesen für mich zeitweise zu einer Tortur (siehe oben). Haratischwili kann Geschichten erzählen. Absolut! Doch für mich bleibt dieser Roman hinter „Für Brilka“ zurück. Mitunter war mir der Ton sehr pathetisch, auch die Liebesszenarien empfand ich als eher kitschig. Aber ich habe es zu Ende gelesen und war dann wieder etwas versöhnt, wie auch die Protagonistinnen. Fazit: Für Fans sicher ein Muß, für „Anfänger“ empfehle ich eher „Das achte Leben“. Was mich allerdings brennend interessieren würde, sind die Theaterstücke, die Haratischwili aus den Romanen gemacht hat. So weit ich weiß stehen sie aber nur in Hamburg auf dem Spielplan.

Der Roman erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura: https://letteraturablog.wordpress.com/2022/05/20/nino-haratischwili-das-mangelnde-licht/

Tamar Tandaschwili: Löwenzahnwirbelsturm in Orange

Kürzlich ist der neue Roman „Als Medea Rache übte und die Liebe fand“ von Tamar Tandaschwili in der deutschen Übersetzung erschienen (Besprechung folgt). Das Thema ist ganz ähnlich dem seines Vorgängers „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“, den ich als Gastautorin für den Blog Read Ost besprochen hatte; dieser ist auch soeben als Taschenbuch bei btb erschienen.

„Rexa sprach mich zum Beispiel mit meinem Namen an: „Frau Eka, helfen Sie mir. Stellen Sie sich vor, ich wäre einer Ihrer Patienten. Mein Leben ist nicht weniger dramatisch.“

So spricht der angefahrene Hund zu Eka, einer Psychotherapeutin, die sich in ihrer Freizeit um die Rettung ausgesetzter oder verletzter Hunde kümmert. Sie bringt sie zum Tierarzt, versucht neue Besitzer zu finden oder päppelt sie selbst wieder auf. Eka ist offenbar eine typische „Helferin“. In ihrer Praxis hat sie es mit unzähligen schwierigen Fällen, vielmehr Menschen zu tun. Die Fülle und Härte der Traumata, die sie zu behandeln hat, scheint auch etwas mit der Lage im Land, in dem Eka lebt, zu tun zu haben. Eka lebt in Georgien, in der Hauptstadt Tbilissi. Dort ticken die Uhren noch anders, dort sind die Unterschiede zwischen Mann und Frau noch größer als im westlichen Europa. Dort lebt es sich vor allem auch für LGBTQ-Menschen, für sexuelle Minderheiten gefährlich. Was Eka in ihren Sprechstunden hört, teilt sie oft mit ihrer Freundin, die ebenfalls als Traumatherapeutin arbeitet. In einer Bar sitzend geschieht so etwas wie gegenseitige Supervision, nicht selten fließen Tränen.

„Die Opfer der Misshandlungen sind bei uns meistens Frauen, Homosexuelle oder heterosexuelle Männer, die von angeblichen Demokratieverfechtern in den Gefängnissen bis zum Gehtnichtmehr vergewaltigt wurden.“

Wenn eine bekannte Persönlichkeit, seine Angebetete von Kumpanen vergewaltigen lässt, weil sie eben Frauen liebt und mit ihm ganz sicher nichts zu tun haben will, ist das entsetzlich. Wenn toughe, vor Männlichkeit strotzende, korrupte Typen sich vor Angst in den Schoß der nächsten Kirche flüchten, damit sie nicht belangt werden können, ist das haarsträubend. Wenn eine Frau, die mit ihrer Geliebten Kinder haben möchte, dies nur auf dem Umweg Heirat mit einem Mann, Schwangerschaft und sofortige Trennung/Scheidung schafft, dann ist das traurig. All diese Beispiele zeugen von einem Staat, in dem das Patriarchat noch immer das Sagen hat  und Homophobie das Normalste der Welt ist, in dem die Kirche offenbar noch viel mitmischt und in dem die Demokratie eher schwankt. Dass der Roman in Georgien ziemliches Aufsehen erregt hat, wundert mich nicht.

„Frag wen du willst, wenn du eine Frau mit Gewalt nimmst, wird sie es nie vergessen und sich letztendlich in dich verlieben.“

Tamar Tandaschwili arbeitet selbst als Psychologin und kennt sich also mit dem aus, worüber sie schreibt. In sprunghafter Erzählweise schreibt sie kurze Sequenzen über Alltag, Beruf, Freizeit und Beziehung. Vieles bleibt offen, vieles muss die Leserin sich selbst erarbeiten, muss sie zwischen den Zeilen lesen. Trotz der offensichtlichen Schwere des Themas gelingt es der Autorin Humor zu bewahren, der jedoch mitunter bis zum bitteren Sarkasmus reicht, aber auch von unglaublicher Stärke der Frauen in ihrem Land zeugt.

Schwierig war es, die vielen Namen auseinanderzuhalten, schwierig auch die gekonnten Andeutungen auf tatsächliche Persönlichkeiten aus der neueren georgischen Geschichte und Politik zu erkennen, wenn man selbst nicht dort gelebt hat. Um wirklich alles zu verstehen, müsste man recht viel recherchieren. Doch selbst wenn man nicht alle Zusammenhänge erkennt, ist der Roman verständlich, merkt man, dass manches im Argen liegt/lag.

Am Schluss des Romans spielt Tandaschwili mit fantastischen Elementen. Sie schickt ihre Heldin kurzzeitig ins Jenseits und hier klärt sich auch die Frage nach dem seltsamen Titel des Romans, der mit den Worten endet:

„Das Leben ist eine Form von Humor, strenger als Ironie, aber weicher als Sarkasmus.“

„Löwenzahnwirbelsturm in Orange” ist im Residenz Verlag  und als Taschenbuch bei btb erschienen. Im Anhang findet man ein Glossar für die georgischen Begriffe. Aus dem Georgischen übersetzt hat das Buch Natia Mikeladse-Bachsoliani.

Diana Anfimiadi: Warum ich keine Gedichte schreibe Wieser Verlag

„Dichtung – eine der Sprachen,
 denen das Aussterben droht“

Die 1982 geborene Georgierin Diana Anfimiadi hat mich mit ihren Gedichten in mehrfacher Hinsicht überrascht und froh gemacht. Allein der Titel des kürzlich erschienenen Bandes war eine Offenbarung, hadere ich doch mitunter selbst, ob ich nun weiter Lyrik schreiben soll oder es lassen. Zum Glück tut es die Dichterin ja doch, denn ihre Gedichte sind echte Kunstwerke. Über allem steht ihr großes Thema: Die Sprache und die Liebe zur Sprache. Denn oft erscheinen mir ihre Verse als Liebesgedichte, die sich dann als Hymnen an die Sprache, besonders auch an vergessene oder vom Aussterben bedrohte Sprachen entpuppen. Dabei sind sie oft von Motiven aus der antiken Mythologie durchzogen, aber eben vorrangig auch vom alltäglichen Erleben geprägt.

aufs Brot strich ich dir Butter,
wie man mit der Hand über die Hand streicht,
sparsam, um dich daran zu gewöhnen.
Einst war ich, von deinem Fenster aus, ein Lichtbaum,
du pflücktest Fledermäuse, Früchte der unreifen Angst,
einst war ich der Kühlschrank und nur für dich
pochte mir das Erdbeereis im Gefrierfach“

Anfimiadi erzeugt mit ihrer Sprachzauberei wunderschöne Bilder, eine gewaltige Kraft, die zeigt, was man aus Worten machen kann, wenn man sie ganz eigen und gekonnt zusammenfügt. So wird im Gedicht „Orchester“, aus den Passagieren eines U-Bahn-Waggons ein Orchester. Aus den Geräuschen der Atembewegungen der anderen und schließlich der eigenen erzeugt sie eine Klangkomposition. In „Etüden“ wird aus der Klavierstunde eines Mädchens ein ganz eigenes Lied:

„die Lehrerin sagt:
Um Chopin zu erreichen,

brauchst du eine bessere Technik.
Als wäre Chopin ein Vanillepudding
in der Mitte des Tisches –
ich bin zu klein, ich erreiche ihn nicht“

Mithilfe der Natur und der Götter entstanden hier Gedichte, die immense Auswirkungen haben. Nichts bleibt hier unbesehen, unbeachtet. Eine große Aufmerksamkeit und Liebe lese ich aus ihnen heraus und in sie hinein. Die Liebe, so wie sie sich zeigt, sei es im Alltag der Dichterin oder im antiken Griechenland mit Penelope, die auf den Ihren wartet. Trojanische Pferde tauchen ebenso auf, wie Kassiopeia, Eurydike, Helena und Medusa. All das wird einbezogen in die alltägliche Welt und in die Weite der Sprache. Mir erscheinen die Gedichte durchweg weiblich. Erklären kann ich das nicht. Im Gedicht „Kassiopeia“ ist die Rede von einem georgischen Sprichwort, das ich wunderschön finde:

„… so schwieg ich – das heißt: ich singe verkehrt herum.
>>Und trotzdem starb ich nicht, ich bin verkehrt herum an
                                                          den Himmel genäht,“

In den Anmerkungen heißt es dazu: „an den Himmel angenäht“ bedeutet so viel wie „vom Tod vergessen sein“ oder „über seine Zeit hinaus leben“.

Es ist auch viel von einem Liebes-Du die Rede, welches das lyrische Ich nicht immer nur froh stimmt. Von der Natur und den heiligen Dingen – einige Gedichte heißen Gebete. Aber eben auch vom Tod und Sterben. Von schnöden Körperlichkeiten. Von den Zusammenhängen und von den Zerwürfnissen unserer Welt. Nicht alles, was die Dichterin im Kontext mit ihren antiken Figuren erzählt, kann ich mir erklären. Dazu fehlen mir die genaueren Kenntnisse. Doch ist ihre Sprache durchweg so begreiflich, dass ein Nichtverstehen dabei zurück steht und ein Einfühlen daraus werden kann. Die Bilder, die Anfimiadi erzeugt sind ohnehin so stark, dass ich sie nur bewundern kann. Eines meiner Liebsten hier:

Der Wald steht am Fenster
rauscht,
schaut mich mit ängstlichen Eichhörnchen an,
er schaukelt in der Hängematte der Stimmen,
mal läuft er weg, mal kehrt er zurück,
neugierig und finster“

„Warum ich keine Gedichte schreibe“ erschien im Wieser Verlag. Großes Können steckt in der Übersetzung/Übertragung der Gedichte von Nana Tchigladze und Stefan Monhardt. Das Übersetzer-Duo kenne ich bereits aus dem wunderbaren Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua. Ich danke Verlag und Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Lia Sturua: Enzephalogramm Edition Monhardt

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Einen sehr besondereren Lyrikband erhielt ich aus der Edition Monhardt. Dank an Stefan Monhardt, der mir diese wundervollen Gedichte erreichbar machte. Der Verleger Stefan Monhardt selbst hat die Gedichte der beinahe 80jährigen Georgierin Lia Sturua zusammen mit Nana Tchigladze übersetzt und nachgedichtet. Daraus entstanden ist ein zweisprachiger Band, was ich sehr schön finde, da ich die georgische Schrift sehr mag. Ausgesucht hat Lia Sturua Gedichte aus ihren letzten Büchern.

„Eine Energiesparlampe brennt in meinem Kopf,
in dem sich die Kinder vor Kälte krümmen,
ich wärme sie nicht, beruhige sie nicht,
ich werfe sie gleich in das Gedicht wie
ins Taufbecken“

Bereits der Titel weist auf eine inspirierende Lektüre hin, zeigt ein Enzephalogramm, eine neurologische Untersuchung der Gehirnströme, doch die Aktivitäten eines menschlichen Gehirns auf. Die Gedichte Lia Sturuas zeugen von einem aktiven, reichen Leben. Von einem Leben voller Intensität. Im Guten wie im Schlechten. Lia Sturua hat zeit ihres Lebens einige Umstürze in ihrem Land erlebt und das geht nicht ohne Prägung ab. Ich erfahre, dass sie in Georgien eine der ersten Frauen war, die sich in ihrer Literatur stark und streitbar zeigten. Die 1939 in Tbilissi geborene Dichterin veröffentlichte 1965 ihren ersten Gedichtband. Ihre moderne Art zu schreiben, zumal als Frau, rief zunächst Unverständnis hervor. Inzwischen ist sie eine der wichtigsten Schriftstellerinnen ihres Landes und erhielt viele Preise für ihre Werke.

Tatsächlich kommt in ihren Gedichten dann auch immer wieder die Thematik der Rolle der Frau, das Selbstverständnis als Lyrikerin. Wie sie darüber schreibt, ist unglaublich faszinierend. Gleichzeitig höchst selbstbewusst und doch immer wieder hinterfragend beleuchtet sie ihre Themen. Ihr Einsatz: Ihre Lebenswelt. Wie verwandelt tritt diese als etwas sprachlich Kunstvolles (nie Verkünsteltes) wieder hervor. Metamorphosen. Viele Geschehnisse treten als Rätsel auf, verwortet in der inneren Sprache der Dichterin. Doch es sind Rätsel, die gerne gelöst werden möchten und deren Auflösung durch jeden einzelnen Leser ganz individuell entdeckt werden kann.

„Ein Winter mit Charakter –
so, wie zu kochendheißem Wasser
allein die orange Tasse passt;
jeden Tag der Wind …
Wenn er sich legt, lässt er seine Zähne in den Bäumen zurück,
dass ihnen das Holz weh tut.“

Lia Sturuas Gedichte rufen Bilder hervor, so eindringlich, dass ich sie sofort in meiner Vorstellung in Malerei verwandle. Diesen Gedichtband zu lesen, ist wie durch eine aufregende Gemäldegalerie zu spazieren, aber auch wie durch einen stillen Garten zu wandeln …

„Weiß steht mir gar nicht,
es spült mir den Charakter aus dem Gesicht,
egal, ob man ein Landschaftsbild oder ein Porträt hineinmalte,
das Gesicht nähme es hin.“

Sturuas Themen sind weit verzweigt. Die Eltern, die Kindheit, das Land, die Liebe und auch die Krankheit, das Altern. Mitunter fließt auch Gesellschaftskritik mit ein. Eine große Kraft strahlt aus allem, auch wenn der Inhalt mancher Gedichte widersprüchliche oder widerspenstige Gefühle aufzeigt. Hingabe statt Aufgabe fällt mir dazu ein.

Ich habe eine reine absolute Freude an diesen Texten, sie stehen mir so nah. Egal, welche Seite ich aufschlage, ich bin sofort ganz bei ihr. Selten darf ich so etwas mit Gedichten erleben. Sie verwandeln sich während des Lesens direkt in Energie. Ein Leuchtfeuer!

Der Lyrikband „Enzephalogramm“ von Lia Sturua erschien im Verlag Edition Monhardt. Mehr über Autorin und Buch hier.

Frankfurter Buchmesse 2018 Ehrengast Georgien

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Wie in jedem Jahr hat die Frankfurter Buchmesse einen Ehrengast eingeladen. Diesmal ist es Georgien. Viele Verlage bringen deshalb extra Bücher aus Georgien heraus, teils Neuauflagen und Neuübersetzungen. Bereits eine ganze Weile vorab habe ich mich hin und wieder mit einem Buch aus Georgien beschäftigt. Was mir immer wieder auffiel, war eine ganz eigene Art von Humor. Hier meine kleine Auswahl:

Aus dem Verbrecher Verlag kommt eine außergewöhnliche Novelle, die von der Kraft der Fantasie erzählt, auch und gerade in schwierigen Zeiten: Naira Gelaschwilis Band „Ich fahre nach Madrid“ hat mir sehr gefallen. Die Übersetzung stammt von Lia Wittek und Mariam Baramidse. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. Außerdem findet man im diesem Verlag auch die Bücher von Giwi Margwelaschwili, einer Ikone der georgischen Literatur. „Das Leseleben“ etwa, ist nicht nur inhaltlich „buchstäblich“ ein Leser/in-Vergnügen, sondern auch außergewöhnlich gestaltet: Jedes Buch der 1500 Exemplare zählenden Auflage ist ein Unikat im feinen Leineneinband.

Nicht umhin kam die geneigte Leserin, den ganz wunderbaren knapp 1000-seitigen Roman „Das achte Leben – Für Brilka“ zu lesen, der bereits vor einigen Jahren in der Frankfurter Verlagsanstalt erschien. Meine ausführliche Besprechung dazu gibt es hier. In diesem Herbst nun erschien das neue Buch von Nino Haratischwili „Die Katze und der General“. Dazu folgt nach Beendigung der Lektüre eine ausführliche Besprechung. Die Autorin und Dramaturgin lebt und arbeitet mittlerweile in Hamburg und schreibt in Deutsch.

 

Auch Zaza Burchuladze lebt inzwischen in Berlin, nachdem er in seiner Heimatstadt Tbilissi tätlich angegriffen und öffentlich angefeindet wurde, weil seine Literatur nicht der Norm entspricht. Er hat sein literarisches Zuhause im Berliner Blumenbar Verlag gefunden. Im Juni sprach er im Rahmen des Europäischen Autorengipfel in Berlin auf dem Blauen Sofa (rechts) über seine Bücher und sein Verhältnis zu Georgien. In seinem aktuellen Roman „Der aufblasbare Engel“ spukt der Meister der Esoterik Georges Gurdjieff durch die leicht verrückte Geschichte. Der Roman wurde von Maia Tabukashvili übersetzt. Hier der Romananfang:

„Viele glauben nicht an Geister. Selbst dann nicht, wenn sie sie beschwören. Auch die Gorosias glaubten nicht daran, dass Georges Gurdjieffs Geist wirklich erscheinen würde. Nino und Niko Gorosia hatten also keine großen Erwartungen.“

 

Gleich zwei Titel aus dem Weidle Verlag habe ich hier vor mir liegen. Es geht um Zurab Karumidzes „Dagny oder Ein Fest der Liebe“ und um Aka Morchiladzes „Der Filmvorführer“. So kompliziert und sprachlich wie inhaltlich anspruchsvoll Karumidzes Roman ist, so schlicht liest sich zunächst Morchiladzes nur 130 Seiten lange Geschichte. Gerade in seiner Einfachheit mag ich dieses Buch sehr. Hier wird erzählt, wie in Georgien üblicherweise eine Hochzeit zustande kommt oder was gemeint ist, wenn Georgier von „Diebe im Gesetz“ sprechen. Viel Weisheit und Witz findet sich zwischen den Zeilen, womöglich dem Mund des „Tartaren“, des alten Filmvorführers, entsprungen, der in Wirklichkeit ein verbannter Khan ist. Er ist der beste Freund von Hauptfigur Beso, dem er schon einmal das Leben rettete. Eine ausführliche Besprechung folgt. Übersetzt hat das Buch Iunona Guruli.

„Islam Sultanow erzählte mir alles – von Dingen, die mich zwangen, darüber nachzudenken, wie ich so alt geworden war, ohne eine Ahnung davon zu haben. Er erzählte mir, wie er als Kind, in einem Sack versteckt, von den Verbündeten seines Vaters, die sich als Hirten verkleidet hatten, aus dem Land geschleust wurde, …“

Karumidzes Roman ist ein wildes Verwirrspiel um göttliche und irdische Liebe und es fließt viel Alkohol. Interessanterweise taucht auch hier wieder Meister Gurdjieff auf, außerdem die norwegische Dichterin Dagny Juel und es geht um den mittelalterlichen Versepos Georgiens „Der Recke im Tigerfell“ von Rustaweli (den es auch in einer Neuauflage gibt).

„Als Aristokratin von Geburt und Charakter war Dagny Juel wie ein frischer Wind für die Männer, die atemlos nach ihrer Postion in Kunst und Leben suchten. Sie war die Königin all der Bohémiens, die Ende des 19. Jahrhunderts in das Berliner Lokal Zum schwarzen Ferkel strömten.“

Der Weidle Verlag ist schon länger um die georgische Literatur bemüht und überzeugt zudem mit feiner Ausstattung und Gestaltung in Zusammenarbeit mit dem bekannten Gestalter Friedrich Forssman.

Aus dem Schweizer Rotpunkt Verlag erschien in der Reihe Edition Blau der Roman „Du bist in einer Luft mit mir“. Die inzwischen in Italien lebende und Italienisch schreibende Georgierin Ruska Jorjoliani hat einen Roman über eine lange Freundschaft geschrieben. Dimitri und Viktor kennen sich schon seit Kindertagen. Ihre Freundschaft wird allerdings auf die Probe gestellt, als einer sich mit einer ungewöhnlichen Tat gegen den Staat auflehnt. Übersetzt wurde das Buch von Barbara Sauser.

„Unter Lenins Porträt, das zwischen seinen beiden Lieblingsschriftstellern hing, Turgenjew und Tschechow, blieb er stehen: Lenin wirkte fast wie ein Kind, verloren zwischen den beiden bärtigen alten Männern. Dimitri ergriff den erstbesten Stuhl, zog ihn an die Wand, stellte sich darauf und nahm das Porträt vom Nagel …“

Der kleine Verlag Edition Fototapeta hat in seinem entdeckenswerten Programm (ich sag nur Moishe Kulbak) meist Titel aus dem osteuropäischen Raum. Zur Buchmesse erschien nun ein Band mit Erzählungen Die Erfindung des Ostens. Irma Tavelidse zeigt in ihren Geschichten das Alltägliche, das in kleinen Momenten ins Überraschende dreht. Übersetzt wurde auch dies Buch von Iunona Guruli, die auch selbst Romane schreibt.

 

Und zum Schluß: Lyrik und eine Art georgischer „Klassiker“:

Wunderbare Lyrik findet man immer wieder im Verlag Das Wunderhorn. Die 1974 geborene Georgierin Bela Chekurishvili schreibt Gedichte, die oft biografisch anmuten, vielleicht sogar stellvertretend für eine bestimmte Lebensart in Georgien sind. Sie sind sehr rhythmisch, fast liedhaft, vielfach in Reimform.

„Ich bin ein Wind und rede über alles,
was zum Wind gehört, das Windesübliche,
namentlich Einsamkeit, Wege und Stimmen. „

Außer „Wir, die Apfelbäume“ erschien soeben ganz neu „Barfuß“, in dem sie unter anderem ihren Ortswechsel nach Deutschland verdichtet. Übersetzt hat die Bände der Lyriker Norbert Hummelt nach Interlinearübersetzungen von Tengiz Khachapuridse und Lika Kevlishvili. Erschienen sind beide im Schöffling Verlag. Von Norbert Hummelt gibt es auch beim Deutschlandfunk Kultur einen ausführlichen Beitrag über georgische Lyrik: https://www.deutschlandfunkkultur.de/lyrik-aus-georgien-fortgegangen-bin-ich-ohne-rueckfahrkarte.976.de.html?dram:article_id=426924

1937 erschien zum ersten Mal der Roman „Ali und Nino“.  Unter dem Pseudonym Kurban Said schrieb Elfriede von Ehrenfels zusammen mit Lev Nussimbaum. Lange verschollen, wurde das Buch in den 70er Jahren wiederentdeckt. Es geht darin um alles was auch heute noch brisant ist. Um das Zusammenleben verschiedener Religionen und Völker und die Hoffnung, dass es möglich sein wird miteinander in Frieden zu leben. Die Geschichte spielt in der kaukasischen Stadt Baku und erzählt von Ali und Nino, die sich seit Schulzeiten kennen und sich später verlieben. Ihre Herkunft spielt dabei eine Rolle. Ali ist Muslim und die Georgierin Nino Christin. So ist die Frage, ob sie zusammen kommen …

„Ali Khan, du bist dumm. Gottlob sind wir in Europa. Wären wir in Asien, so wäre ich schon längst verschleiert, und du könntest mich nicht sehen.“

Auch damals gab es bereits die Frage, ob Georgien nun zu Europa gehöre oder zu Asien. Das Nachwort von Nino Haratischwili in der Ausgabe des Ullstein Verlags gibt da Aufschluß.

Das war meine kleine Auswahl. Eine ausführliche sehr informative Übersicht der zur Buchmesse neu erschienenen georgischen Literatur gibt es hier:

Klicke, um auf neuerscheinengun-PDF.pdf.aspx zuzugreifen

Einen interessanten Beitrag kann man auf 3sat in der Mediathek sehen: Georgien lesen
http://www.3sat.de/mediathek/?mode=play&obj=75996

Spreepartie die Dritte: Ein Debütroman aus dem Literaturverlag Droschl, Vermischtes aus dem Laurence King Verlag und eine kulinarische Reise nach Georgien mit Literatur aus dem Weidle Verlag und der Edition Fototapeta

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Am vergangenen Samstag fand eine Fortsetzung der wunderbaren Reihe „Spreepartie“, organisiert von den famosen Damen von Kirchner Kommunikation statt. Eingeladen waren wieder verschiedene Buchblogger. Diesmal gab es drei Programmpunkte. Wer dann noch nicht zufrieden war, konnte sich noch am Wannsee beim Sommerfest von Kiwi tummeln.

 

Während des Frühstücks erzählte uns Ally Klein, die mit einem Auszug ihres Debütromans „Carter“ beim Bachmannwettbewerb las, wie sie sich sozusagen dazu überreden/überzeugen ließ, daran teilzunehmen und wie hart sie sich darauf vorbereitete. Nun meinte sie, seitdem könne sie nichts mehr erschüttern. Spannend, dass sie sich beim Schreiben immer wieder auf Bloch bezieht und vielleicht noch auf Dostojewski und dass sie zwei Varianten ihres Romans geschrieben hat. Eine, die sch rein auf die Geschichte, die Handlung bezieht, und die zweite, an der dann sprachlich gefeilt wird. Mit dem wunderbaren österreichischen Literaturverlag Droschl und dem dortigen Lektor hat sie einen Glücksgriff getan.

 

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Kurz darauf traf schon Max Erbe ein, der uns vom Entstehen der deutschen Dependance des Laurence King Verlags erzählte, der in England ein gut eingeführter, sehr bekannter Verlag ist. Seit Frühjahr 2018 werden Teile des Programms in Deutschland vertrieben. Hier finden sich fein illustrierte Sach- und Kinderbücher, zudem allerlei Karten- und Wissensspiele, teils mit Bezügen zu Kunst und Design.

 

Anschließend machten wir uns auf den Weg zum Mittagsmahl, das im georgischen Restaurant Madloba aufgetischt war. Es bestand nicht nur aus leckeren georgischen Spezialitäten, sondern auch aus geistiger Nahrung: Iunona Guruli, die Übersetzerin ist, aus Tbilisi stammt und in Berlin lebt und arbeitet, erzählte über die Besonderheiten der georgischen Sprache, die zudem eine ganz eigene Schrift besitzt, die nur aus Kleinschreibung und vielen Rundungen besteht und fast wie kaligraphiert wirkt. Zwei Romane, die sie übersetzte, stammen aus den kleinen wunderbaren unabhängigen Verlagen Edition Fototapeta und Weidle Verlag und erscheinen im Herbst, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, bei der diesmal das Schwerpunktland Georgien ist.


Ich danke dem tollen Kirchner-Team für die Einladung zur nun schon zur Tradition gewordenen Spreepartie und für die interessanten literarischen Einblicke. Ausführliche Besprechungen folgen nach Lektüre, zudem auch zur Buchmessezeit ein Beitrag über meine Leseerlebnisse mit georgischer Literatur.

Naira Gelaschwili: Ich fahre nach Madrid Verbrecher Verlag

Cover

„Vielleicht existiert in einem geheimen Raum des Weltalls eine Galerie oder Bibliothek, in der alle im Traum gemalten Bilder gesammelt werden könnten, und alle im Traum geschriebenen Gedichte und Erzählungen.“

Ich fahre nach Madrid, sagt der 47-jährige Sandro Litscheli aus Tbilissi. Seiner Geliebten erzählt er, er reise nach Kutaissi, wieder andere hören, dass er aufs Land fahre, da seine Mutter im Sterben liegt, andere meinen, er sei auf Dienstreise in Sochumi …

Dabei ist Sandro Litscheli nur überarbeitet, müde und resigniert und will seine Ruhe. So stiehlt er sich davon, 14 Tage weg aus Tbilissi, und besucht seinen alten Freund, der mittlerweile Chefarzt eines Krankenhauses ist. Tatsächlich freut sich dieser riesig und stellt ihm ein eigenes Zimmer direkt neben seinem Chefarztbüro zur Verfügung, wo er mit allem versorgt wird, doch nie belästigt in seinem Wunsch nach Einsamkeit. Des abends wird es zur Routine, dass der Chefarzt-Freund Sandro besucht, mit allerhand Leckereien. Dabei ist immer ein gutes Tröpfchen. Sie reden über alte Zeiten und genießen das Beisammensein.

„Die Klärung dieser Geschichte und die Erinnerung an diese Einzelheiten rührten ihr Herz, und der Pegel von Sarajischwili N2 näherte sich allmählich dem Flaschenboden.“

Nachts steht der Gast am Fenster mit Blick auf Mond und Sterne. Tagsüber geht er im großen Garten spazieren, malt und singt. Lieder in Spanisch, die er sich angeeignet hat, da er Spanien und die Stadt Madrid von fern aus so liebt.

„Stellen Sie sich mal vor, Sandro Litscheli wäre wirklich mit seinen herzergreifenden Liedern in einem fremden Land erschienen und hätte erklärt, wie sehr er dieses Land und diese Leute liebe, Grund- und selbstlos! Und er hätte dabei auch im Namen seines Landes gesprochen! Was für ein aufregendes Beispiel wäre das für alle Nationen und Länder!“

Pech hat Sandro allerdings, als sein Freund für zwei Tage dienstlich verreisen muss. Der Chefarzt beauftragt eine Krankenschwester, sich um ihn zu kümmern. Doch der kurz darauf eintreffende stellvertretende Arzt hat anderes im Sinn. Ab hier läuft alles aus dem Ruder. Was, wird aber nicht verraten …

Aus Georgien kommt diese einerseits witzige und doch auch traurige Geschichte und sie ist eine große Hommage an die Phantasie und die Freiheit des Denkens, auch und gerade in einem totalitären System. Denn in uns ist alles möglich, Reisen und Dichten und Singen und Malen. Selbst wenn es nicht nach außen dringen darf. Die Idee, dass es eine Wohltäterin, eine Verwalterin, der bloß in der Phantasie geschriebenen Werke und in Gedanken gemalten Bilder gibt, gefällt mir sehr. Dort geht nichts verloren. auch die nie gebaute Architektur, die nur im Traum komponierte Musik.

“ … , dass der Traum eine praktische Bedeutung hat und – wie heute sogar die
Kinder wissen – der ewige Herd aller möglichen Erfindungen und Innovationen ist, selbst im Bereich der exakten Wissenschaften, die eben durch das Träumen und
Phantasieren angeregt werden und nicht etwa durch pedantisch geregelte Köpfe!“

In Georgien ist Naira Gelschwili recht bekannt. Diese Geschichte schrieb sie 1982, sie wurde aber aufgrund der politischen Brisanz nicht gleich veröffentlicht. Über Freiheit und die Möglichkeiten anderer Länder zu schreiben, war nicht erwünscht. Im aufschlussreichen Nachwort von Verleger Jörg Sundermeier erfährt der Leser mehr über die Umstände und die Autorin selbst. Kleines Buch – großes Leuchten!

Die Novelle erschien im Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen übersetzt ist es von Lia Wittek und Mariam Baramidse. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) Frankfurter Verlagsanstalt/ Ullstein Verlag

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Was für eine Geschichte! Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben“ einen hochkarätigen Roman über eine georgische Familie geschrieben, der auch gleichzeitig die Geschichte Georgiens als Teil der Sowjetunion aufzeigt. Beginnend im Jahr 1900 spannt Haratischwili einen Bogen fast bis zur Gegenwart. Sie hat auch soeben den Bertolt-Brecht-Preis und das Stipendium des Lessing-Preises 2018 gewonnen. Beinahe 1300 Seiten dick ist der Roman und es ist keine Seite, keine Zeile zuviel.

„Weil es ein Geheimrezept ist. Eine kleine Dosis meines Geheimnisses mische ich in alle unsere Schokoladenwaren, aber das Rezept ist ursprünglich für diese Heiße Schokolade erfunden worden, die du nun kosten durftest. Aber … Er hielt inne und sah seine Tochter unablässig an. – Aber sie ist gefährlich.“

Seit der Lektüre dieses beeindruckenden Romans habe ich ein Faible für Heiße Schokolade. Denn alles beginnt in einer Schokoladenfabrik in einer Kleinstadt in Georgien. Es beginnt mit dem Konditormeister, Stasias Vater und dessen Geheimrezept für Heiße Schokolade. Es beginnt mit Stasia, die im Jahr 1900 geboren wird und sich später in Simon Jaschi verliebt, einem Oberstleutnant der weißen Garde. Haratischwili teilt den opulenten Roman in 7 Kapitel auf, die jeweils vorwiegend einem Familienmitglied gewidmet sind, das 8. und letzte Kapitel heißt Brilka und es ist noch leer, denn es wird gerade erst gelebt. So entsteht dann ein beeindruckender Familienstammbaum, wie er am Ende des Buches abgedruckt ist, der hilfreich ist, um den Überblick über die Figuren zu behalten, die einem allesamt ans Herz wachsen, egal wie schrullig oder kompliziert sie auch sind.

Immer wieder ist es spannend zeitgeschichtliches statt mit dem westlichen Blick, mit dem Georgiens zu betrachten. Was beispielsweise dort geschah, nachdem Gorbatschow Staatsoberhaupt der Sowjetunion wurde, sieht von dieser Warte aus betrachtet ganz anders aus. Wirklich spannend vermischt die Autorin georgische und sowjetische Geschichte mit dem Leben der zahlreichen Familienmitglieder. Die Personen sind rundweg großartig geschildert: ob nun hoher Parteifunktionär, Spion, Popsängerin, Geisterseherin, Schauspielerin, Filmemacher, bildschöne Tante, jähzorniger Großvater, Tänzerin, alle tragen schwer an ihrer Vergangenheit, an ihrer Herkunft, immer beeinflusst von der wechselvollen Geschichte ihres Landes. Schauplätze sind außer Tbilissi, wo die Erzählerin 1973 geboren wurde, Petrograd, Leningrad, Prag, Wien, London. So gerät der/die Leser*in die Wirren der Revolution in Moskau, hört von der Straße des Lebens, die zur Versorgung Leningrads während des Krieges übers Eis führte, erlebt das Prag zur Zeit des Prager Frühlings und die Zeit des Kalten Krieges. Bis zum Ende bleibt es spannend.

Ich danke Nino Haratischwili für diesen Roman, der mir in unvergleichlicher Weise so viel über ihr Land und eine schier unglaubliche mitreißende Familiengeschichte erzählt. Ich bin gespannt auf den neuen Roman. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman ist gebunden in der Frankfurter Verlagsanstalt und auch als Taschenbuch bei Ullstein erhältlich, wobei sich die gebundene Ausgabe aufgrund des Seitenumfangs als stabiler anbietet. Eine Leseprobe gibt es hier.