Knut Ødegård: Die Zeit ist gekommen Elif Verlag

20191011_144609-16089106480339468350.jpg

Rechtzeitig zur diesjährigen Frankfurter Buchmesse mit Ehrengast Norwegen erschien im Elif Verlag die erste Übersetzung eines Lyrikbands von Knut Ødegård ins Deutsche. Åse Birkenheier hat dies meisterhaft geschafft. Der Dichter ist in seiner Heimat sehr bekannt und erhielt zahlreiche Preise für sein lyrisches Werk.

Diese Lyrik erzählt. Sie beschäftigt sich mit der Vergangenheit, der Gegenwart  und einer möglichen Zukunft. Es sind keine verrätselten Gedichte, sondern glasklare in ihrer Direktheit. Eindeutige Aussagen werden von poetischen Zeilen umspült. Das liest sich, als würde man auf einem Boot sitzen, von Wellen bewegt, mal mehr, mal weniger heftig.

Mutter

Ich habe eine Mutter in blauem Mantel.

Sie nimmt meine Hand, ich bin
klein, ich habe Angst, sie
führt mich.

Ihr Mantel ist
mit Sternen übersät.
Der Schnee ist sehr tief
hier, wo wir gehen, auf der nicht geräumten
Milchstraße: Sie
und ich.

Ødegårds Gedicht über Zeit, gleich das erste im Band, welches auch den Titel des Buches vorgibt, ist von unglaublicher Eleganz. Was im nächsten Kapitel folgt, sind eigentlich beinahe Fließtexte, die Geschichten erzählen. Man darf sie dennoch Gedichte nennen, so voller Poesie sind sie. Ødegård hat sich durchweg schwierige Themen auferlegt, die es einem nicht leicht machen. Vielleicht ist aber dies der einzig machbare Weg, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, sie in eine poetische Form zu bringen, sie sozusagen zu umschließen und in ihrer Brüchigkeit zusammenzuhalten.

Ob der Dichter von der Großtante schreibt, die noch Jahrzehnte nach dem Krieg an einem Schal für den (gefallenen) Sohn strickt,

„Saß da
im Dachgeschoss und schaukelte auf und ab, ab
und auf im schwarzen Schaukelstuhl
mit so langen Kufen, dass die schimmelweißen Locken
in Tantes bakteriengelben Kopf mit roten Geschwüren
manchmal Stern berührten, ferne Spiralgalaxien
im endlosen Raum des Himmels,
und manchmal den gierigen Humusmund der Erde,
der von unten schnappte.“

ob vom Kirchendiener, der sich um die kleinen Ministrantenbuben „kümmert“, oder ob er von dem psychisch kranken Lars erzählt, der mit Elektroschocks und einer Lobotomie „behandelt“ wird, es sind erschütternde Zeugnisse der Vergangenheit.

Ein weiteres wichtiges Thema ist das Altern. Hier lese ich sehr anmutige, berührende Verse über den uns allen bevorstehenden Alterungsprozess und das Glück, jemanden an der Seite zu wissen.

„Ein wenig schief kehren wir heim
vom Spaziergang an diesem Sonntag, wir beide. Du
und ich. Und langsam
streiche ich dir übers Haar, das
noch vor kurzem durchs Universum
flog: Du, noch vor kurzem ein kleines Mädchen
auf einer Schaukel.“

Ergänzt wird dieser Teil durch weitere, wie ich finde, sehr schwere Gedichte. Den längeren Zyklus „Nieselregen“ am Ende des Bandes kann ich fast nicht ertragen. Er erzählt von einer Apokalypse der Menschheit. Hier werden Menschen wieder zutiefst unmenschlich, werden zu Monstern, hier stürzt die Welt wieder ins Chaos. Nicht umsonst werden hier auch Zeilen aus der „Edda“ zitiert. Und hier trifft es wirklich zu: Die Zeit ist gekommen.

Ødegårds Gedichte sind schonungslos, aber oft klingt für mich etwas Höheres durch die Zeilen. Es ist viel vom Universum die Rede und das ist womöglich im Blick des Dichters (oder der Leserin?) auch ein spiritueller Raum. Vielleicht kommen wir dem alle näher, wenn sich unser Dasein gen Ende neigt, vielleicht werden wir alle uns erst dann des Todes bewusster …

Der Lyrikband des 1945 in Norwegen geborenen, teils in Island lebenden Knut Ødegård erschien im kleinen feinen Elif Verlag , auf dessen Programm es lohnt, einen Blick zu werfen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise Luchterhand Verlag

DSCN3324

Jaroslav Rudiš Roman „Winterbergs Reise“ ist der erste, den der Autor auf deutsch geschrieben hat. Und damit ist er auch gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Er gibt tiefen Einblick in die tschechische, ja mitteleuropäische  Geschichte. Eine Reise in die Vergangenheit. Die Erinnerungsgeschichte eines langen Lebens. Ein Roadmovie. Ein Abschied. All dies ist dieser Roman.

„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. Er fasste sich so fest an seine Brust, als ob er in seiner Hand nicht nur den grauen dicken Stoff seines alten Wollmantels zerquetschen wollte, sondern auch sein neunundneunzig Jahre altes Herz.“

Mit diesem ersten Satz könnte man im Prinzip schon das ganze Buch beschreiben. Denn Winterberg, der sich mit seinem Pfleger Kraus auf die letzte Reise gemacht hat, um noch einmal die verschiedenen Schauplätze seines Lebens zu sehen, leidet an der Schlacht bei Königgrätz, als wäre diese eine Krankheit. Nach drei Schlaganfällen hatte die Tochter Winterbergs den Sterbebegleiter Kraus engagiert, mit dem der siechende Vater die „Überfahrt“ antreten sollte. Doch mit einem Mal, Kraus erzählte gerade davon, dass er aus Vimperk, dem ehemaligen Winterberg stamme, wird der Alte hellwach. Von da an, geht es bergauf. Dem Alten gelingt es, Kraus zu dieser Reise zu überreden, was dieser später mehr als einmal bereut.

Rudiš`Roman ist erhellend, was die geschichtlichen Ereignisse angeht. Allerdings ist er auf Dauer auch ermüdend, denn was anfangs noch witzig scheint, wird zur schwer auszuhaltenden Dauerschleife: Dass Winterberg permanent, „ja, ja“ sagt, wenn er fortdauernd sein Leben erzählt, immer wieder die Redewendung eines Engländers nachplappert „the beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins“,  Vaterzitate über unterschiedlichste Leichenfunde wiederholt (der Vater arbeitete in der „Feuerhalle“, im Krematorium), andauernd aus seinem alten Baedecker-Reiseführer von 1913 vorliest, macht mürbe. Immerhin erfährt der/die Leser/in dadurch, wie es wohl dem armen Begleiter zumute ist.

„Ja, ja, genau, so wie bei Königgrätz … Eisenbahnleichen sind keine schönen Leichen, sagte mein Vater immer, und er musste es wissen, er hat viele Leichen gesehen.“

„Als ich zum Tisch zurückkam, lag Winterberg mit seinem Kopf auf dem aufgeschlagenen Buch und schlief, wie so oft nach einem historischen Anfall.“

Auch der „historische Anfall“, der mich beim ersten Lesen wirklich zum Lachen brachte, wird so oft wiederholt, dass kaum etwas vom Witz übrig bleibt. Dass Kraus auch eine traumatische Geschichte hinter sich hat, er dann immer schwitzt und Herzrasen hat, wenn sie ihn einholt, bleibt eher eine Randgeschichte:

„Denn die ganze Zeit, die ich in Deutschland verbrachte, hatte ich Angst vor dieser Reise. Vor dieser Rückkehr. Denn die ganze Zeit haben sie uns in der Tschechoslowakei mit dem Tod gedroht. Und ich dachte, wer weiß, wenn ich zurück bin, vielleicht bin ich dann auch gleich tot.“

Der Autor erzählt in einfacher Sprache mit einzelnen unterhaltsamen Lichtblicken. Man muss sich ganz an die Story halten, die auf sehr viel weniger Seiten, hätte erzählt werden können. Sie besteht letztendlich aus den Baedecker-geprägten Ausschweifungen Winterbergs, der sich dauernd wiederholt, dem beinahe ausschließlich zuhörenden, Zigarette rauchenden, biertrinkenden Begleiter Kraus und den kurzen Begegnungen mit anderen Menschen und Geistern der Geschichte. Fast will ich es als literarischen Kniff sehen, dass Rudiš diese sprachliche Wiederholungsszenerie benutzt, quasi als Ritual.
Mich würde interessieren, ob der Roman anders geworden wäre, wäre er in der Muttersprache des Autors geschrieben worden. Infrage stelle ich auch, weshalb der Roman für den Leipziger Buchmessepreis nominiert wurde … vielleicht weil das Tschechien Ehrengast ist?

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Rezensionen gibt es auf den Blogs Ruth liest und Frau Lehmann liest.

Hier gibt es ein erklärendes Interview mit dem Autor und auch die gelesenen Sequenzen sind hörenswert. Ich könnte mir vorstellen, dass der Roman hier sogar als Hörbuch besser funktioniert:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Klaus Anders: Sappho träumt Edition Rugerup

20180729_184727 (495x800)

Der Dichter Klaus Anders bewegt sich mit seinem neuen Lyrikband durch Zeit und Raum. Von einer durchwachten Nacht über eine ganz besondere und eigene Auslegung von Tarotkarten bis zum Maler Max Beckmann spannt sich der Bogen. Es gibt Miniaturen, die Alltägliches beleuchten, oft auch mit einem ironischen Anklang. Ganz im Gegensatz dazu finden sich im Übermaß Wunden, Schmerz und Tragik. Auch Gesellschaftskritisches kreuzt mitunter die Zeilen. Und es gibt zwei längere Zyklen, die sicher einiger Recherche bedurften.

Vieles bleibt rätselhaft, uneindeutig, manche Hintergründe lassen sich im Gedächtnis zusammensuchen (oder ergooglen oder später im Anhang lesen). Klaus Anders bearbeitet oft historische Motive. So wird dieser Lyrikband mitunter spannender als ein Geschichtsbuch.
Thomas Manns letzte Liebe kommt vor, Stalins Sterben, der Niedergang eines syrischen Stadtstaats und die im Titel genannte griechische Dichterin Sappho. Da tauchen dann so spannende historische Figuren auf, wie Guglielma, deren Anhänger glaubten: Sie „sei der Heilige Geist, entzündet in einer Frau. So wie Gott als Sohn in einem Mann.“ (Eine schöne Vorstellung …)

„Wenig aber bis nichts lernt ein Mensch, wenn es
dem eigenen Vorteil nicht dient. Dabei zeigt ihm
der arglose Blick in ein Augenpaar, was
er zum Leben braucht und zum Sterben.“

Im Zyklus „Beckmanns Speicher“ wird die Zeit des Malers Max Beckmann auf der Flucht vor den Nazis verdichtet. Die gesamte Kriegszeit verbrachte Beckmann versteckt in Amsterdam, da ihm das Visum für die USA verweigert wurde. Anders benutzt dabei die Bilder der Triptychen, die Beckmann in dieser Zeit häufig malte. Diese Bilder werden zwischen mythischen Begebenheiten arrangiert.

„Nicht zu fragen ist die Botschaft,
Licht versandet in der Nacht,
Schatten sinken in die Wände,
wer noch hofft, hat nichts bedacht.“

Der Zyklus Tarot bezieht sich auf die 22 Trumpfkarten, die große Arkana. Ein Teil der Gedichte sind inspiriert von historischen Persönlichkeiten. Hier Ausschnitte aus erster „0-Der Narr“ und letzter Karte „XXI-Die Welt“:

„Lass gehen, heut bin ich der Narr, und morgen,
Du. Es schwankt das Schiff,
Es sinkt nicht. Mach die Augen zu.“
————–

„Sprach zu mir im Wald die Taube:
Immer seh ich dich allein,
Gehst und sinnst und sprichst dir leise.

Geh schon immer diese Wege;
Immer bin ich hier allein,
Doch hier bin ich niemals einsam.

Alles spricht mich liebend an.
Gehen will ich, schauen, lauschen
Und verwehen irgendwann.“

Auch vor Tod und Teufel schreckt der Dichter nicht zurück. Sie hält er mit seinen Versen in Schach. Die Themen Religion und Spiritualität werden in ihrer großen Vielfalt beleuchtet und dazu gehört auch die Natur, die den ewigen Kreislauf, die Endlichkeit aufzeigt. Hier finden sich auch kurze Texte, die Haikus ähneln.

Dabei bleibt der Dichter immer einer klassischen Form treu. Und darin sind seine Gedichte auch am besten aufgehoben. Sie benötigen keine Experimente. Die Wirkung liegt allein in der Sprache und dem in ihr gebetteten Inhalt.

„Sappho träumt“ erschien in der Edition Rugerup. Eine Leseprobe und mehr über den Autor Klaus Anders, der auch Lyrik aus dem Norwegischen übersetzt, unter anderem Olav H. Hauge und Kjartan Hatløy, gibt es hier.

Andrea Scrima: Wie viele Tage Literaturverlag Droschl

DSCN2708

Die 1960 in New York geborene Andrea Scrima ist Künstlerin und lebte zeitweise abwechselnd in Berlin und in New York. Jedes der kurzen Kapitel ihres Debütromans öffnet sie mit der Örtlichkeit, an der sie sich befindet: Ihre jeweiligen Wohnungen oder Ateliers in beiden Städten. Es sind sehr persönliche Notate, fast tagebuchähnlich. Und in der Tat meint man erst einmal nur von Äußerlichkeiten zu hören. Doch je eindringlicher man lauscht, desto mehr öffnen sich die Texte.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren.“

Oft sind es Kleinigkeiten, die dem Text die Stimmung geben. Scrima hat einen übergroßen Wahrnehmungssinn, ein Bewusstsein für Alltagsmuster. Sie ist eine Zweiflerin, eine Gedankenspinnerin im besten Sinne. Sie erzählt auch von nichts geringerem als der Zeit, dem Vergangenen, Gegenwärtigen und dem Zukünftigen. Immer wieder kommt gebetsmühlenartig der Satz: doch das kam später … Der Satz taucht immer wieder auf, kaum hat man ihn vergessen, ist er doch wieder da. Man wundert sich erst, was das soll, doch wird er schließlich zum roten Faden, der die Geschichte trägt.

„Wie viele Tage verbringe ich regungslos, warte, dass diese wirbelnden Gedankenfetzen sich langsam auf dem Boden des Glases absetzen, voller Angst, mich zu rühren, Angst den Tumult wieder aufzuwühlen, und jeder Gedanke enthält seine Widerlegung, jede Einsicht trägt die Spuren ihres Gegenteils.“

Scrima erhielt ein Arbeitsstipendium für Deutschland und landet in Berlin. Für mich ist sehr interessant, dass die Autorin zeitweise im selben Kiez in Kreuzberg lebte, wie ich heute. Und wenn es dann heißt,

„Und Frau Chran erzählte manchmal von den Leichenbergen auf dem Marheinekeplatz gegen Ende des Krieges, wo große Schirme die Tische des Restaurants vor der Sonne schützen und Kastanienbäume ihre weiten Schatten über den Spielplatz werfen, …“

dann weiß ich genau, wo sich alles abspielte, damals wie heute. Scrima erzählt aus dem Berlin der 80/90er Jahre. Fidicinstraße und Eisenbahnstraße in Kreuzberg sind die Stationen der Künstlerin.

Ein großer Teil der Kapitel spielt in New York, wo es drei Adressen gibt, aus denen erzählt wird, jeweils zur entsprechenden Lebensphase: Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street. Die Autorin bewegt sich impulsiv zwischen den Zeiten. Gedankensprünge erfordern genaues Lesen und Kombinieren. Scrima schlüpft ab und an in die Kindheit. Manche Ereignisse haben sich so eingebrannt, dass sie Jahrzehnte später noch zu erfühlen sind. Sie erzählt von der ersten eigenen Wohn- und Atelier-Adresse. Hier zeigt sich das Glück der Freiheit, aber ebenso die Ausmaße der Armut eines Künstlerdaseins. Ich erfahre, dass die Künstlerin in Beziehungen lebt, dass Trennungen stattfinden und der Tod des Vaters. Manche Begegnung zeigt sich schemenhaft und nur über neue Namen, die Beziehung wird meist nur kurz angerissen.

Was währenddessen im Außen passiert, woran man erkennt, in welcher Zeit man sich befindet, wird ab und an durch Zeitungsausschnitte oder direktes Erleben, wie etwa die deutsch/deutsche Grenzöffnung in Berlin, angedeutet. Es erscheint mir aber letztlich weniger wichtig als die „innere Zeit“ der Protagonistin, die immer wieder an Grenzen kommt, an die Endlichkeit, ans Vergängliche stößt, welche sie auch in ihrer Kunst darzustellen weiß.

„… und frage mich, wie lange der letzte Moment  eines Lebens dauern kann, kann er sich bis ins Unendliche ausdehnen, frage ich mich, kann die Seele angehalten werden, schwebend gehalten in einer nie enden wollenden Phase des Übergangs.“

Das stete Hinterfragen und das gleichzeitige Staunen macht den Ton in diesem Buch. Scrimas Sprache ist eine oft sehr poetische, manches kurze, nur halbseitige Kapitel könnte ebenso ein Gedicht im Blocksatz sein. Hier verschwimmen die Grenzen und so wird aus Biografischem feinste Literatur. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im feinen österreichischen Literaturverlag Droschl. Übersetzt aus dem Amerikanischen wurde es von Barbara Jung. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung Matthes & Seitz Verlag

DSCN2868

Érich Vuillard hat mit seinem schmalen, aber gewichtigen Band den Prix Goncourt 2017 erhalten. Nun ist er auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von Nicola Denis. In ein paar Stunden habe ich diesen – ja, kann man es Roman nennen? – verschlungen und habe mir gleich im Anschluß in der Bibliothek „Ballade vom Abendland“ geholt.

Vuillard hat eine traumwandlerisch sichere Art zu schreiben. Ein Jonglieren mit der Sprache, ohne dass etwas schief geht. Es liegt große Präzision in dem was er tut. Kein Wort ist falsch platziert, jedes setzt auf Wirkung. Benutzt werden die ungewöhnlichsten Metaphern und Humor hat er auch. Was muss die Übersetzerin Nicola Denis da geleistet haben (ich wüsste zu gern, welches französische Wort an Stelle von „Butzemännern“ stand)! Ich bin begeistert wie leicht die Lektüre war, obwohl das Thema keinerlei Leichtigkeit enthält. Ich bin überrascht über die unverstellte Darstellung der Ereignisse und über die Offenlegung kleiner Details mit großer Wirkung. So bleiben Szenen und Inhalte eindrücklich in Erinnerung. Vuillards Bücher sind besser und womöglich wirkungsvoller als jedes Geschichtsbuch.

„Verführt von einer kleinlichen und gefährlichen Nationalidee ohne Zukunft streckt die gewaltige, von einer früheren Niederlage frustrierte Menge ihren Arm in die Luft.“

„Die Tagesordnung“ beginnt mit einem Treffen von 24 stinkreichen Industriellen am 20.2.1933, einberufen von Göring, zu einem Gespräch mit Adolf Hitler. Was Hitler will, ist, dass die noblen Herren Geld für die Nazipartei spenden, auf dass der Boden für die Partei und ihren Führer gesichert wäre. Die Herren Krupp, von Siemens, von Opel etc. zögern nicht lange und spenden. Vuillard spannt den Bogen seiner Erzählung weiter über die Verhandlungen Hitlers mit Schuschnigg, den Anschluß Österreichs 1938 und kommt am Ende wieder zu den Industriellen, die alle Tausende von Zwangsarbeitern aus den Lagern holten, Kriegsgewinnler wurden und sich darüber nie rechtfertigen mussten, sondern im Wohlstand bis in die heutige Generation leben. Namen, wie wir sie alle kennen: BASF, Bayer, Opel, Siemens, Allianz, Telefunken etc.

„Dieses Treffen vom 20.Februar 1933, in dem man einen einmaligen Moment der Arbeitgebergeschichte sehen könnte, ein ungehörtes Zugeständnis an die Nazis, ist für die Krupps, die Opels und die Siemens nicht mehr als eine alltägliche Episode des Geschäftslebens, ein banales Fundraising.“

Die Tagesordnung erschien bei Matthes & Seitz. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Aber es reicht nicht, es reicht nie, um zu erklären, weshalb eines Tages Millionen von Männern gemeinsam singend aufbrechend, einander gegenüber Stellung beziehen und plötzlich zu schießen beginnen.“

So heißt es im 1. Kapitel des Bands „Ballade vom Abendland“ und dieses Zitat spricht Bände und steht stellvertretend für den gesamten Inhalt. Es um den 1. Weltkrieg und wie es dazu kommen konnte. Ebenfalls sehr empfehlenswert, ebenfalls erschienen im Matthes & Seitz Verlag.

Nino Haratischwili: Das achte Leben (Für Brilka) Frankfurter Verlagsanstalt/ Ullstein Verlag

DSCN2201

Was für eine Geschichte! Nino Haratischwili hat mit „Das achte Leben“ einen hochkarätigen Roman über eine georgische Familie geschrieben, der auch gleichzeitig die Geschichte Georgiens als Teil der Sowjetunion aufzeigt. Beginnend im Jahr 1900 spannt Haratischwili einen Bogen fast bis zur Gegenwart. Sie hat auch soeben den Bertolt-Brecht-Preis und das Stipendium des Lessing-Preises 2018 gewonnen. Beinahe 1300 Seiten dick ist der Roman und es ist keine Seite, keine Zeile zuviel.

„Weil es ein Geheimrezept ist. Eine kleine Dosis meines Geheimnisses mische ich in alle unsere Schokoladenwaren, aber das Rezept ist ursprünglich für diese Heiße Schokolade erfunden worden, die du nun kosten durftest. Aber … Er hielt inne und sah seine Tochter unablässig an. – Aber sie ist gefährlich.“

Seit der Lektüre dieses beeindruckenden Romans habe ich ein Faible für Heiße Schokolade. Denn alles beginnt in einer Schokoladenfabrik in einer Kleinstadt in Georgien. Es beginnt mit dem Konditormeister, Stasias Vater und dessen Geheimrezept für Heiße Schokolade. Es beginnt mit Stasia, die im Jahr 1900 geboren wird und sich später in Simon Jaschi verliebt, einem Oberstleutnant der weißen Garde. Haratischwili teilt den opulenten Roman in 7 Kapitel auf, die jeweils vorwiegend einem Familienmitglied gewidmet sind, das 8. und letzte Kapitel heißt Brilka und es ist noch leer, denn es wird gerade erst gelebt. So entsteht dann ein beeindruckender Familienstammbaum, wie er am Ende des Buches abgedruckt ist, der hilfreich ist, um den Überblick über die Figuren zu behalten, die einem allesamt ans Herz wachsen, egal wie schrullig oder kompliziert sie auch sind.

Immer wieder ist es spannend zeitgeschichtliches statt mit dem westlichen Blick, mit dem Georgiens zu betrachten. Was beispielsweise dort geschah, nachdem Gorbatschow Staatsoberhaupt der Sowjetunion wurde, sieht von dieser Warte aus betrachtet ganz anders aus. Wirklich spannend vermischt die Autorin georgische und sowjetische Geschichte mit dem Leben der zahlreichen Familienmitglieder. Die Personen sind rundweg großartig geschildert: ob nun hoher Parteifunktionär, Spion, Popsängerin, Geisterseherin, Schauspielerin, Filmemacher, bildschöne Tante, jähzorniger Großvater, Tänzerin, alle tragen schwer an ihrer Vergangenheit, an ihrer Herkunft, immer beeinflusst von der wechselvollen Geschichte ihres Landes. Schauplätze sind außer Tbilissi, wo die Erzählerin 1973 geboren wurde, Petrograd, Leningrad, Prag, Wien, London. So gerät der/die Leser*in die Wirren der Revolution in Moskau, hört von der Straße des Lebens, die zur Versorgung Leningrads während des Krieges übers Eis führte, erlebt das Prag zur Zeit des Prager Frühlings und die Zeit des Kalten Krieges. Bis zum Ende bleibt es spannend.

Ich danke Nino Haratischwili für diesen Roman, der mir in unvergleichlicher Weise so viel über ihr Land und eine schier unglaubliche mitreißende Familiengeschichte erzählt. Ich bin gespannt auf den neuen Roman. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman ist gebunden in der Frankfurter Verlagsanstalt und auch als Taschenbuch bei Ullstein erhältlich, wobei sich die gebundene Ausgabe aufgrund des Seitenumfangs als stabiler anbietet. Eine Leseprobe gibt es hier.

Han Kang: Menschenwerk Aufbau Verlag

DSCN2486

„Anfang Dezember hatte ich damit angefangen zu schreiben, ohne irgendetwas anderes zu lesen oder mich mit jemandem zu treffen. Zwei Monate später, Ende Januar, wurde mir klar, dass ich so nicht weitermachen konnte.
Wegen meiner Träume.“

Die südkoreanische Autorin Han Kang, 1993 in Gwangju geboren, in Seoul lebend, kehrt mit diesem Roman an ihren Geburtsort zurück, der inzwischen als ein Ort der Gewalt und Massaker bekannt ist. 1980 wurden Studentendemonstrationen gegen die politische Unterdrückung blutig vom Militär auf Befehl der Staatsgewalt niedergeschlagen. Han Kang hat bereits mit ihrem ersten herausragenden Roman „Die Vegetarierin“ ein starkes, aber nicht leichtes Buch geschrieben – hier tut sie es wieder. Obgleich ein ganz anderes Thema, hört man auch hier ihren ganz eigenen Ton.

Ganz am Schluß des Buches steht obiges Zitat. Kang berichtet über die Zeit der Recherche und des Schreibens, und wie dieses Wissen sie in den Schlaf hinein verfolgte und zu Albträumen führte. Alles begann damit, dass sie von ihrer Familie erfuhr, dass in ihrem Geburtshaus ein Junge lebte, der beim Massaker getötet wurde. Offen darüber geredet wurde selten.

Kang besuchte auf den Spuren der Betroffenen die Gedenkorte in Gwangju und führte Interviews mit Überlebenden und Angehörigen, die auch in den Roman mit einfließen. Nicht alle schaffen es, darüber zu sprechen. Zu stark wird oft noch verdrängt. Sie lässt unterschiedliche Protagonisten zu unterschiedlichen Zeiten in den einzelnen Kapiteln erzählen: Ein Junge, 16 Jahre, der sich schuldig fühlte, weil er seinen Freund nicht schützen konnte, kommt zu Wort. Wir schauen ihm zu, wie er Angehörigen hilft, die Leichen zu identifizieren, die ganze Turnhallen füllen.

„Warum singt man die Nationalhymne für Menschen, die von Soldaten getötet worden sind? Warum werden sie in die Nationalflaggen eingehüllt? Es ist doch genau dieser Staat, der sie getötet hat.“

Und wir erfahren gleich im nächsten Kapitel, dass es bei einem weiteren nächtlichen Angriff auch ihn getroffen hat. Dass in einem Kapitel auch die Seele des ermordeten Jungen spricht, scheint ganz normal. Angehörige kommen zu Wort. Die Mutter des toten Jungen, die noch zwei weitere lebende Söhne hat, die aber gerade den Tod dieses unschuldigen Sohnes nicht aushält. Ein Überlebender, der jahrelang in Haft verbrachte, gefoltert wurde und plötzlich entlassen wird, der aber schwer ins Leben zurückfindet, weil das Trauma viel zu groß ist und die gefühlte Schuld, überlebt zu haben. So zieht sich die Spur der Gewalt bis ins Heute hinein, wird noch immer oft verdrängt. Kangs Roman spielt zu Aufarbeitung und Bewältigung vielleicht eine wichtige Rolle.

Han Kang findet einen Stimme, der die Betroffenen ehrt und ihnen ein Denkmal setzt. Obgleich klar und ungeschönt, begleitet immer auch ein zarter Ton die Geschichten. Sie  schreibt so, dass die Leser selbst mitfühlen können. Es ist ein Blick auf ein Land, der hiesigen Lesern fremde Geschichte nahe bringt. Ich freue mich auf weitere Romane von ihr. Ein Leuchten für diese Autorin!

„Menschenwerk“ erschien im Aufbau Verlag und wurde übersetzt von Ki-Hyang Lee. Einen aufschlußreichen Beitrag über Gwangju und Han Kangs Buch gibt es bei 3sat.
Zum Thema Süd/Nordkorea empfehle ich ebenfalls Anna Kims Roman „Die große Heimkehr“

Weitere Stimmen zum Buch bei:
aufgelesen
Wissenstagebuch
Letusreadsomebooks

Annie Ernaux: Die Jahre Suhrkamp Verlag

DSCN2308

„Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird.“

Es ist eine Biografie, obgleich kein einziges Mal das Wort ich benutzt wird. Es ist eine indirekte Biografie, die aus den äußerlichen Gegebenheiten einer Vergangenheit das Bild einer Person zusammenfügt. Gleichzeitig ist es die Biografie einer ganzen Generation und ein Gesellschaftsporträt Frankreichs. Annie Ernaux wählte diese Form ganz bewußt. Sie nennt es kollektive Biografie.

Die 1940 geborene Annie Ernaux, in Frankreich weitaus bekannter als hierzulande, hat, wie man an der Banderole des Suhrkamp Verlages sehen kann, mit „Die Jahre“ einen Bestseller geschrieben. Es erschien dort bereits im Jahr 2008. Im Zuge der Frankfurter Buchmesse 2017 mit Gastland Frankreich ist das Buch auch hierzulande endlich entdeckt worden. Gehört man Ernauxs Generation ganz oder teilweise an, spricht das Buch Bände. Man erkennt sich selbst oder die eigene vergangene Welt wieder und Erinnerungen werden geweckt.

Annie Ernaux erschafft eine Kindheit, eine Jugend, eine Nachkriegswelt, in der es vor allem um Materielles geht. Um neue technische Errungenschaften, die man auf Raten oder Kredit kauft, um ein beschauliches Familienleben, weitab von den Träumen und Plänen, die eigentlich gelebt werden wollten. In diesem Fall etwa das Schreiben, das Lernen und Wissen, das anders sein wollen, das Aufstreben, das Ausscheren aus der Arbeiterfamilie.

Als die 68er Revolution beginnt, als die Studenten auf die Straßen gehen, scheint sich alles zu ändern scheint ein neues Denken zu beginnen. Es geht um die Pille, Abtreibung, die Rechte der Frau, die Emanzipation. Es geht um die sexuelle Befreiung, Selbstfindung, den kreativen Ausdruck, Landleben, Yoga etc.

„Wir, die wir in Küchen abgetrieben hatten, die wir uns hatten scheiden lassen, die wir geglaubt hatten, dass unsere Emanzipationsbemühungen es anderen leichter machen würden, waren mit einem Mal sehr müde. Wir wussten nicht, ob die Revolution der Frauen überhaupt stattgefunden hatte.“

Dann älter werdend: scharfe Blicke auf die Politik, die Veränderungen und Entwicklungen im Weltgeschehen.

„Man machte kurzen Prozess, die Sowjetunion wurde aufgelöst und in „Russische Förderation“ umbenannt. Boris Jelzin wurde Präsident, und Leningrad hieß wieder Sankt Petersburg, was auch praktischer war, so fand man sich besser in Dostojewskis Romanen zurecht.“

Ernauxs Fliesstext hat eine hohe Informationsdichte und ist spannend zu lesen. Da merkt man, welch gute Erzählerin sie ist, welch glasklaren klugen Blick sie für die wichtigen Ereignisse der jeweiligen Zeit hat. Ob Fernsehgerät, Mobiltelefon, Computer, Internet („Die Suche nach der verlorenen Zeit fand im Internet statt“): Alles wird beleuchtet. Dazu gehören auch die jeweils aktuellen Lieder, Bücher, Werbetexte, Krankheiten, Kriege etc.

Zwischendurch lässt Ernaux den Blick immer wieder konkret auf eine Einzelperson fallen, eine Frau, sie selbst, die sie anhand von Fotografien („Trouville, März 1999“) beschreibt: deren Gedanken, deren Standpunkt zu bestimmten Zeiten in der Welt. Welche Bruchstellen gab es? Wie fühlt sie sich? Diese Frau fragt sich auch immer wieder, wie sie ihr Leben schreiben könnte, verankert in eine Geschichte dieser Zeit.

„Sie will aus dem Abdruck, den die Welt in ihr und ihren Zeitgenossen hinterlassen hat, eine gesellschaftliche Zeit rekonstruieren, eine Zeit, die vor Langem begann und bis heute andauert – sie will in einem individuellen Gedächtnis das Gedächtnis des kollektiven Gedächtnisses finden und so die Geschichte mit Leben füllen.“

Gelungen ist ihr das unglaublich gut: In solch kurzer Form eine ausdrucksstarke französische Gesellschaftsgeschichte niederzuschreiben, die auch sprachlich überzeugt, das muß man Ernaux erst mal nachmachen. Ein Leuchten!

„Die Jahre“ erschien in der Bibliothek Suhrkamp, fadengeheftet, gedruckt auf feinem Papier. Das zarte Coverbild zeigt die Autorin im Alter von 20 Jahren. Übersetzt wurde das Buch von Sonja Finck. Eine Leseprobe und ein schönes Interview mit der Autorin gibt es hier.