Amanda Lasker-Berlin: Elijas Lied Frankfurter Verlagsanstalt

Auf der Shortlist des Bloggerpreises von Das Debüt 2020 steht auch Amanda Lasker-Berlins Roman „Elijas Lied„. Es geht um drei Schwestern, die sich seit langem wiedersehen um eine Wanderung zu machen, die sie früher mit den Eltern öfter machten. Die Einladung kommt von Loth und die Schwestern sind nicht gleich begeistert davon. Eines Tages ist es dann doch soweit und die Autorin nutzt den Wandertag, der in Uhrzeiten aufgeteilt ist, die gleichzeitig als Kapitelüberschriften fungieren, um die drei jungen Frauen vorzustellen. Sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Und ich frage mich tatsächlich das ganze Buch hindurch, warum sie sich auf diese Wanderung überhaupt einlassen, denn leiden können sie sich eigentlich nicht. Sie stehen sich selbst im Weg. Sie verbindet nur, dass sie Schwestern sind. Echte Nähe mag einzig in der Szene auf dem als Wanderziel gesetzten Berggipfel zu erkennen sein. Als Elija das Lied singt, dass der Vater für sie gedichtet hat …

Jede für sich hätte einen Roman füllen können, denn viel mehr Ungewöhnlichkeit geht fast gar nicht. Dazu kommen die bedeutungsschwangeren biblischen Namen, die alle drei tragen. Da ist Loth, die rechtsextreme Ansichten öffentlich vertritt, für eine rechtsextreme Partei arbeitet, entsprechende Lieder singt und Videos postet. Sie lebt in einer WG mit Gleichgesinnten und ist gleichzeitig Narzisstin und Magersüchtige mit Reinlichkeitszwang. Dann gibt es Noa, die einen Job in einer großen Kantine hat, sich ein Zubrot mit Sexdiensten in Pflegeeinrichtungen verdient und gleichzeitig mit einem gut verdienenden jungen Workaholic liiert ist.

„Aber Elija wirbelt ihre Arme durch die Luft. So wie sie es im Theater zum Aufwärmen macht. Sie kreist die Schultern, damit sie Flügel werden, sie beugt die Knie, knickt den Rumpf. Auf einer Bühne muss man kein Mensch sein. Da kann man das sein, was die Natur aus einem gemacht hat, findet sie.“

Und es gibt Elija, die mit Trisomie geboren wurde. Sie wurde als Teenager schwanger, musste durch die Eltern veranlasst abtreiben und wurde zwangssterilisiert (was mich wundert, da die Eltern praktizierende Christen sind). Elija schafft es jedoch mittels ihrer Tätigkeit in einem Theater, in dem die Regisseurin ein Soloprogramm für die begabte Elija produzieren will, ihren Schmerz zumindest heilsam auszugleichen. Meiner Ansicht nach sind alle drei Schwestern extrem traumatisiert. Beim Lesen denke ich unwillkürlich, dass die Autorin zu viel in ihre Geschichte gepackt hat. Weniger wäre hier womöglich mehr gewesen.

Auch sprachlich ist es ein Balanceakt. Manche Metaphern wirken sehr künstlich („Ihre Pulsader pocht blau in den Wald hinein.“) . Manche Szenen jedoch, wie etwa die, in denen Elija sich mit der ausgestopften Eule in einem Gasthaus identifiziert, weil sie dabei an ihre Abtreibung, den Verlust des Ungeborenen denkt, finde ich sehr gelungen. Teils sind es extrem kleinteilige sinnliche Beschreibungen, viel Haut, viel Geruch, viel Körper, die großen Themen hingegen werden kaum verdichtet. Erklärungen sucht man sich zwischen den Zeilen und so wirkt das Buch auch nach der Lektüre noch lange als Denkanstoß.

Die  1994 geborene Autorin schreibt vor allem fürs Theater. Ihr Romandebüt erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Ein schönes Porträt der Autorin gibt es hier:

 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Don DeLillo: Die Stille Kiepenheuer & Witsch Verlag

Eine Flugzeugnotlandung in New York, ein Baseballspielübertragung, die nicht übertragen wird, der Bildschirm schwarz, die Notbeleuchtung in einem Krankenhaus. Fünf Menschen, zwei ältere Paare, ein junger Mann in einer Wohnung, die einen Stromausfall mutmaßen, aber über Schlimmeres spekulieren (ein Sonnensturm? der dritte Weltkrieg?). Das sind die Eckdaten des neuen Buches von Don DeLillo, dem großen amerikanischen Schriftsteller. Seine Romane sind fast immer kurz und knackig. Dieser hier ist gerade 100 Seiten lang und ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll. Knackig finde ich ihn diesmal nicht. Klar, es geht um uns: die Gesellschaft des Überflusses, der Technologien, der weltweiten Vernetzung, der Globalisierung. Ob „Die Stille“ eine Kritik daran sein soll oder nur eine Momentaufnahme des Zusammenbruchs des Systems?

„Das Halbdunkel. Es steckt irgendwo im kollektiven Bewusstsein, sagte Martin. Die Pause, das Gefühl, das schon einmal erlebt zu haben. Irgendeine Naturkatastrophe oder Invasion. Ein warnender Instinkt, den wir von unseren Großeltern oder Urgroßeltern geerbt haben oder von noch weiter zurück. Menschen im Griff einer ernsten Bedrohung.“

Die Gespräche der Personen, die sich in der Wohnung in Manhattan eingefunden haben, um gemeinsam ein Baseballspiel zu sehen, sind so stupide wie Smalltalk oft ist und gleichzeitig spiegeln sie vermutlich die Hilflosigkeit angesichts der Situation. Der eine, Physikdozent, der alles was geschieht, von Einstein her denkt, bringt gleichzeitig Wissenschaft und Naturgesetze ins Spiel. Einer der hinterfragt, die anderen, die verständnislos eher hinnehmen, als versuchen zu verstehen?

„Von dem einen schwarzen Bildschirm in dieser Wohnung bis zur Lage ringsum. Was passiert da? Wer tut dem Ganzen das an? Sind unsere Gehirne digital überarbeitet worden? Sind wir ein Experiment, das zufällig gerade auseinanderbricht, ein Plan, den Kräfte außerhalb unserer Kalkulationen in Gang gesetzt haben?“

So begeistert ich sonst von DeLillos Romanen bin, so ratlos bin ich hier mit diesem. Was ihm gut gelingt, sind die unterschwelligen Schwingungen zwischen Einzelnen darzustellen. Dennoch hätte ich mir mehr Input gewünscht. Fazit: Schnell gelesen, die Kernessenz erfasst, aber wenig überzeugt von Sprache, Szenario und Personal. Im Feuilleton gibt es allenthalben jubelnde Stimmen, was ich nicht nachvollziehen kann. Immerhin in der Süddeutschen habe ich eine enttäuschte Stimme gelesen, was mich etwas beruhigt. Ich empfehle, lieber ältere Titel von DeLillo, zum Beispiel „Null K“, das mir sehr gut gefiel. Die Besprechung gibt es hier.

„Die Stille“ (auch den Titel finde ich wenig stimmig) erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt hat den Text wie immer Frank Heibert. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ben Lerner: Die Topeka Schule Suhrkamp Verlag

Foto: pixabay, gemeinfrei

Das Buch „Wohin mit meiner Wut?“ – Neue Beziehungsmuster für Frauen von Harriet Lerner (damals in der Fischer Taschenbuchreihe „Die Frau in der Gesellschaft“) kennen wahrscheinlich heute nur noch meine Altersgenossinnen. Es war bei Erscheinen 1985 eines der ersten psychologischen, feministischen „Ratgeber“, die sich kritisch mit der Rolle der Frau in Beziehungen befassten. Aufgrund der Lektüre von Ben Lerners neuem Roman habe ich es aus meinem Buchregal gezogen und die damals angestrichenen Stellen nachgelesen. Verstaubt war es aber nur äußerlich, vieles ist auch heute noch aktuell. Dass Harriet Lerner Ben Lerners Mutter ist, merkte ich erst, als sie in seinem Roman vorkam.

In „Die Topeka Schule“ wird sie als Jane gehörig angefeindet von Männern nach Erscheinen dieses damals aufsehenerregenden Werks.

„Einmal fragte ich einen anderen leitenden Analytiker, warum er männliche Postdocs mit >Doktor< und weibliche Postdocs mit dem Vornamen ansprach, und prompt bekam ich beim nächsten Mal auf der Couch wieder den Penisneid-Vortrag. Der Diagnose Penisneid zu widersprechen war ein sicheres Zeichen für Penisneid.“

Ben Lerner erzählt also teils autobiographisch einen Teil eines Erwachsenwerdens in den 90ern in Topeka im Mittleren Westen der USA. Die einzelnen Kapitel handeln von der Hauptfigur Adam, seinem Vater Jonathan und seiner Mutter Jane, beide Psychologen an der Topeka Foundation. Zumeist wird aus der Sicht der jeweiligen Person erzählt. In Zwischenkapiteln, die schräg gesetzt sind, lesen wir von Darren, in Adams Alter und Umfeld, als auch Patient von Darrens Vater.

Adam, wohlbehüteter Sohn zweier Psychologen, in der letzten Klasse der Highschool ist ein Champion im Debattieren. Er gewinnt alle Schulwettkämpfe und erhält professionelle Unterstützung für sein Training. Ansonsten ist er aber ein gewöhnlicher Junge, eher sensibel sogar, vermutet man, von Migräneanfällen geplagt. Die Mutter deutet alles was in der Familie geschieht, nach ihrem Wissen als Familientherapeutin. Die Familie ist befreundet mit einem anderen Psychologenpaar, Sima und Eric. Sima hat iranische Wurzeln, hatte es mit ihrem übermächtigen Vater schwer, ebenso wie Jane. Die beiden sind nicht nur befreundet, sondern Sima wird auch zur Analytikerin von Jane. Was dabei durchklingt, ist der Missbrauch Janes durch ihren Vater.

Jonathan sieht sich in seiner Tätigkeit nach Alternativen zur Psychoanalyse um. So beschäftigt er sich viel mit Biofeedback, Meditation und anderen alternativen Methoden der Psychotherapie. Der stärkere Part in der Beziehung scheint durchaus Jane zu sein, auch klingt durch, dass Adam sich mehr an seine Mutter bindet. Zudem gibt es noch Klaus, einen älteren deutschen Psychologen, an dem sich Adam ebenfalls orientiert. Im Verlauf der Geschichte kommt es zwischen Adams Eltern immer wieder zu Auseinandersetzungen.

Schon im Teenageralter interessiert sich Adam nicht nur für die Debattensprache, sondern auch sein Interesse für Lyrik wird geweckt. Hier scheint es für ihn Möglichkeiten zu geben, freier und eigener Sprache zum Klingen zu bringen. So wie Sprache überhaupt das Thema des Romans ist. Sprache in jeder Ausdrucksform: Dialekt, Teenagerslang, Rap, Körpersprache, Hochsprache, gesprochene, geschriebene, irgendwie artikulierte, manipulierende Sprache. Sprache, die weit ab vom Inhalt nur noch für bestimmte Zwecke missbraucht wird.

Lerners Buch ist so komplex, dass man es eigentlich mindestens ein zweites Mal lesen müsste, um die verschiedenen Ebenen und tieferen Schichten zu entschlüsseln. Sicher auch, weil es keine leicht zu lesende Lektüre ist, sondern mit speziellem Wortschatz aufwartet und vom Leser enorme Konzentration verlangt. Mir haben die psychologischen, mitunter feministischen Teile mehr gefallen, als beispielsweise die ganzen ausführlichen Sequenzen über die Debattenkultur in den USA. Als Verbindungsglied fungieren die Parts, in denen es um Darren geht, der aufgrund seiner Herkunft nicht so richtig zur Collegeclique um Adam passt, in denen letztlich auch die Gewalt eskaliert. Für mich ist dieser Roman doch sehr typisch amerikanisch.

„In der Highschool bestand das Problem für ihn darin, dass das Debattieren einen zum Nerd und die Lyrik einen zur Pussy machte – auch wenn beides dazu beitragen konnte, einen in die undeutlich imaginierte Stadt an der Ostküste zu bringen, von der aus man mit großer Ironie über seine Erfahrungen in Topeka berichten konnte.“

Und das ist es, was Ben Lerner letztendlich tut. In seiner Rückblende mischt er sich auch immer mal wieder als Schriftsteller der Heute-Zeit ein und verwischt die zeitlichen Grenzen. Das ganze letzte Kapitel widmet er seiner inzwischen in New York gegründeten Familie und der aktuellen politischen Situation und seiner Position als Autor. Aus dieser Person heraus rührt er an Themen, die er gesellschaftskritisch durchleuchtet.

„Die Topeka Schule“ erschien im Suhrkamp Verlag und wurde übersetzt von Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Anna Mayr: Die Elenden Hörbuch tacheles!

Eindrücklich und mitunter forsch bis laut, so wie es für den Text vollkommen stimmig ist, interpretiert von der jungen Schauspielerin Nairi Hadodo, wirkt das Buch „Die Elenden“ von Anna Mayr womöglich tiefer als selbst gelesen. Das Thema interessiert mich brennend. Das Thema sollte viel mehr Menschen interessieren. Das Thema ist erschütternd, aber nicht von der Hand zu weisen. Und schon gar nicht zu verschweigen. Gut, dass die 1993 im Ruhrgebiet geborene Autorin, Journalistin und heutige ZEIT-Redakteurin dieses Buch geschrieben hat. Nun bleibt zu wünschen, das es möglichst viele Menschen aus allen Schichten lesen, auf dass sich das Bewusstsein schärft.

Es geht um Arbeit. Und um Arbeitslosigkeit. Es geht darum, was es heißt, Kind von langzeitarbeitslosen Eltern zu sein. Es geht darum, arm zu sein. Es geht darum, was es wirklich bedeutet, am Konsum nicht teilhaben zu können. Es geht darum ausgegrenzt zu werden, zu sein, und davon niemals frei zu werden. Selbst, wenn es gelingt, sich herauszuarbeiten aus der „Klasse“ der Arbeitslosen, aufzusteigen, wie es der Autorin gelungen ist, bleibt etwas zurück. Denn die Kindheit prägt, in der Kindheit wird angelegt und angelernt, was später gebraucht wird. Und wenn nicht, was dann immer fehlen wird. Mitunter anhand sich selbst als Beispiel erzählt Mayr eindrücklich, wie sich das alles eben nicht so einfach abstreifen lässt.

Aus der Geschichte heraus zeigt Mayr auf, wie sich Arbeit entwickelte bis zu dem was sie heute ist. Arbeit als einzige Selbstdefinition. Und wem sie fehlt, ist eben ein Nichts. Sich über anderes als Arbeit zu definieren scheint nicht erlaubt, solange man keine hat. Man fällt heraus aus der Masse, hinein ins Nichts. Mayr geht dabei so weit, zu sagen, dass, Arbeitslose in der Gesellschaft gebraucht werden, sozusagen als abschreckendes Bespiel. Das klingt furchtbar, wird aber von ihr stimmig erklärt. Wer selbst schon einmal (länger) HartzIV „empfangen“ hat, kennt das durchaus.

„Der Kapitalismus braucht die Arbeitslosen als Ressource.“

Was Mayr auch ganz klar zum Ausdruck bringt: Scheitern ist nicht erlaubt. Zumindest interessiert sich keiner für die Scheiternden. Alle Stories, die von Scheiternden handeln oder die sie selbst erzählen, sind Erfolgsgeschichten. Denn die Leute mögen gerade diese Geschichten, in denen sich die untere Schicht hoch arbeitet bis zum Erfolg. Die tatsächlich Gescheiterten gehen weiter unter.

Anna Mayr erzählt die Geschichte von der Entstehung von ALG II. Von der Verschmelzung der Arbeitslosenhilfe mit Sozialhilfe. Sie erläutert die Veränderungen in der Sozialpolitik seit der Wende und den großen Anteil Gerhard Schröders. So im Jahr 1998 nach einem Text im Tagesspiegel, dass die Sozialhilfe zu hoch sei:

„Die Stimmung im Land kippte in eine Angst vor Sozialschmarotzern, in Leistungsverliebtheit und in ein obsessives Bedürfnis nach Sparsamkeit.“

Wenn man sich die gut recherchierten internen Abläufe der Hartz-Sitzungen und die Meinungen diverser politischer Entscheidungsträger so anhört, kann einem übel werden. Je mehr Macht, desto mehr Angst vor Machtverlust, desto mehr irrationale Entscheidungen, die weitab von den Interessen eines Sozialstaats, kaum dem Bürger, sondern ausschließlich dem Politikerwohl dienen.

Die Autorin denkt zum Ende des Hör/Buchs auch über mögliche Veränderungen nach. Im Denken und im Tun. Da sind gute Ideen, da ist der Wunsch etwas zu verbessern, was immer ärger wird: Die Kluft zwischen arm und reich. Doch die Eigentlichen, die dringend an der Reihe sind etwas zu tun, sind die Politiker. Dazu müssten sie die Armut aber erst einmal sehen und anerkennen. Und nicht einmal das geschieht. Von soweit oben, sieht man offenbar nicht mehr so gut, oder vielmehr will es nicht. Vielleicht sollten gerade sie Anna Mayrs Buch lesen.

Mayr führt auch all die Bücher an, die zur Zeit auf dem Markt zum Thema zu finden sind: Rückkehr nach Reims von Didier Eribons, Das Ende von Eddy von Édouard Louis und schließlich auch die Bücher der wunderbaren Annie Ernaux. Sie zieht Pierre Bourdieu, Max Weber und andere Soziologen und Philosophen hinzu, um ihre Aussagen zu unterlegen. Ich persönlich möchte noch den aktuellen Debütroman „Streulicht“ von Deniz Ohde hinzufügen, den ich als Ergänzung unbedingt empfehle.

„Die Elenden“ hat mich wütend gemacht, hat mir einmal mehr die sozialen Ungerechtigkeiten vor Augen geführt. Es war gut, diese teils sehr persönlichen Einblicke bekommen zu haben. Ich wünsche mir mehr davon. Ich freue mich über diese mutige, deutliche Stimme.
Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Roof/tacheles Verlag für das Hörexemplar. Das Buch erschien im Hanser Verlag.

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst Kunstmann Verlag

Kristof Magnussons neuer Roman „Ein Mann der Kunst“ ist das, was man einen Pageturner nennen könnte. Kurzweilig und mit viel Sprachwitz ganz auf der Höhe der Zeit, kreiert er eine wunderbare Persiflage auf die heutige Kunstwelt und das Bildungsbürgertum. 

Constantin Marx, aus seiner Sicht wird erzählt, ist in der Baubranche. Eigentlich ist er Architekt, doch künstlerisch ist an seinem Beruf inzwischen nichts mehr. Dafür hat er eine kunstsinnige Mutter, Ingeborg, eine Psychotherapeutin, die nebenher Vorsitzende des Fördervereins des bekannten Museums Wendevogel in Frankfurt ist. Sie nimmt ihn schon als Kind mit in Ausstellungen und auf Kunstreisen. Ihr Idol ist der Künstler KD Pratz, der neben Beuys in Düsseldorf Kunst studierte und seitdem immer wieder die Richtung änderte. Er ist so erfolgreich und berühmt, dass der Leiter des Museums plant, einen neuen Anbau ausschließlich ihm zu widmen. Ingeborg unterstützt ihn dabei. Die Mitglieder des  Fördervereins müssen jedoch zustimmen, sonst gibt es auch vom Staat keine Zuschüsse.

KD Pratz jedoch ist alles andere als ein einfacher Mensch. Typisch exaltierter Künstler hat er sich seit Jahren auf eine Burg im Rheingau zurückgezogen (siehe stimmiges Coverbild) und lebt und malt von der Außenwelt abgeschottet. Es gibt keinen Handyempfang, kein Internet, kein Social Media. Das Geheimnisvolle also, was den Künstler noch besonderer macht und seine Bilder noch teurer. Seit Jahren hat er kein Interview gegeben, ist nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen und jetzt ausgerechnet plant der Förderverein eine seiner Kunstreisen ins Rheingau, um das Atelier des KD Pratz zu besuchen. Was anfangs aussichtslos schien, ist durch, wie sich später herausstellt, unlautere Methoden des Leiters des Museums zur Realität geworden. Ein Wochenende im Rheingau steht an.

Was nun geschieht ist wirklich extrem gut erzählt. Köstlich, wie es Magnusson gelingt gängige Klischees und unausgesprochene Wahrheiten in dieser Geschichte zu einer explosiven Mischung zusammenzubringen. Er schreibt rasante Dialoge und schafft deutliche Charaktere, die ich genau vor Augen habe. Die Masken werden von den Gesichtern gezogen, sowohl auf Künstler- als auch auf Kunstliebhaberseite. Und natürlich läuft Einiges turbulent aus dem Ruder … Herrlich!

Alle Protagonisten sind in diesem Roman unsympathisch und gleichzeitig wieder sympathisch. Und das sagt eigentlich alles. Wir sind alle nie nur das Eine oder das Andere. Und oft hat, wie ich finde, der Künstler ja durchaus recht:

„Ich bin kein Künstler. Ich habe mich immer als Handwerker begriffen. Weil die Kunst am Ende ist. Die Kunst ist genauso kaputt wie die Gesellschaft. Genauso am Ende wie die EU und die Demokratie. Ist Ihnen mal aufgefallen, dass alles gleichzeitig zum Teufel gegangen ist, zu der Zeit, als die Leute angefangen haben, nicht mehr in die Welt zu sehen, sondern nur noch auf ihre Telefone? Früher war man sozial. Heute ist man social media. Wer hat denn noch die Konzentration, sich ein Bild wirklich anzusehen? Nicht nur ein Foto machen, posten und dann weiter?“

Der Roman erschien im Kunstmann Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Eine weitere Rezension gibt es bei Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Deniz Ohde: Streulicht Suhrkamp Verlag

„Ich war nicht schaumgeboren, sondern staubgeboren; rußgeboren, geboren aus dem Kochsalz in der Luft, das sich auf die Autodächer legte. Geboren aus dem sauren Gestank der Müllverbrennungsanlage, aus den Flusswiesen und den Bäumen zwischen den Strommasten, aus dem dunklen Wasser, das an die Wackersteine schlug, einem Film aus Stickstoff und Nitrat, nicht Gischt.“

Diese Zeilen aus Deniz Ohdes Debütroman „Streulicht“ zeigen auf, wie und wo die Hauptfigur mit den zwei Vornamen aufgewachsen ist. Es ist ein Stadtteil von Frankfurt am Main, direkt neben den großen Chemiefabriken der Firma Höchst gelegen. Der Vater arbeitet dort im Schichtsystem, die Mutter geht putzen. Es ist ein Arbeiterhaushalt, in dem es nicht selbstverständlich ist, dass die Tochter aufs Gymnasium geht, später studiert. Im Gegenteil, sie wird immer wieder auf ihren Platz verwiesen, vom eigenen Vater, aber auch von Lehrern, gar Freunden. Dass sie mit so wenig Unterstützung als schüchterne, immer stiller werdende Person zum Scheitern verurteilt ist, glaubt sie meist selbst.

„Du tauchst immer so aus dem Nichts auf“, hat Sophia oft zu mir gesagt, und ich habe gelächelt, als wäre mein Lautlosigkeit eine charmante Eigenschaft und nicht Ausdruck einer erlernten Überlebensstrategie.“

Irgendwie gelingt es dann auf Umwegen aber doch. Das Abitur, das Studium. Und das Irgendwie hat mit doppelter Anstrengung zu tun, weil allzu viele Vorurteile den Weg verzögern. Fortan heißt es, immer erklären zu müssen, warum es diese „Brüche“ gab. Dass die Hauptfigur sogar von Freunden wenig Unterstützung bekam und auch so gut wie alle Lehrer die stillen Hilferufe nicht sahen, dass es auch ein Hindernis war, einen nicht geläufigen Vornamen zu haben, der sicher von der türkischstämmigen Mutter herrührte, all das lässt das Mädchen nicht ohne Verwundungen zurück.

Wie sich gegen etwas wehren, wenn man nie vorgelebt bekommt, wie sich wehren, für sich einstehen geht? Wenn der Vater sich so in sein Schicksal fügt, keine andere Lebensweise kennt, als die, die noch von der Zeit herrührt, als „wir zweimal ausgebombt wurden“.  Ein Vater, der keinen Besuch zulässt, weil die Familie etwas geschlossenes ist. Ein Vater, der trinkt, im Chaos versinkt, weil er hortet, nichts wegwerfen kann. Die Mutter, die auszuhalten versucht und sagt „du hast Glück, immerhin schlägt er nicht.

Die Geschichte ist überwiegend chronologisch mit einigen Abweichungen und Unklarheiten von der Kindheit bis zum Studium erzählt. Es ist meist eine sehr geradlinige Sprache, mitunter von bildhaften Szenen durchzogen, vor allem dann, wenn es um Reflexion oder die Erinnerung geht. Der Roman beginnt mit der Ankunft im Heimatort, ein Besuch aufgrund der Hochzeit der Jugendfreunde und hier finden sich gleich diese Sätze, die so beispielhaft sind:

„Auch mein Gesicht verändert sich am Ortsschild, versteinert zu dem Ausdruck, den mein Vater mir beigebracht hat und mit dem er noch immer selbst durch die Straßen geht. Eine ängstliche Teilnahmslosigkeit, die bewirken soll, dass man mich übersieht.“

Deniz Ohde hat einen für alle wichtigen Roman geschrieben, der mich an meine Grenzen brachte, weil mir die Geschichte sehr nah kam, weil mir vieles darin bekannt vorkam. Deshalb ist die Besprechung diesmal auch etwas kürzer als gewohnt; es finden sich nicht mehr Worte. Was nicht heißt, dass dieses Buch nicht gelungen wäre, ganz im Gegenteil. Für manche Leser wird es inhaltliches Neuland sein; gerade jenen lege ich diese so direkt und tief erzählte Geschichte sehr ans Herz.

Sie erhielt für diesen Roman den Literaturpreis der Jürgen Ponto-Stiftung 2020. Ich freue mich, dass er für den Deutschen Buchpreis nominiert wurde. Streulicht erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Rezension gibt es bei Letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karine Tuil: Menschliche Dinge Claassen Verlag

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Auch in ihrem neuen, wieder sehr gelungenen Roman (mit einem ziemlich schönen Cover) beschäftigt sich die Französin Karine Tuil, wie schon im vorigen „Die Zeit der Ruhelosen“, wieder mit der Klassen-Gesellschaft, mit der immer größer werdenden Spaltung zwischen Arm und Reich, zwischen privilegiert und prekär. Wenn man nur noch von Erfolg und Macht getrieben wird, wenn man Aufstieg und Konkurrenzkampf der Menschlichkeit vorzieht, wenn man nur noch mithilfe von Aufputschmitteln die Arbeitswelt überstehen kann, wenn Eltern wegen ihrer Karriere oder der eigenen Selbstverwirklichung ihre Kinder vernachlässigen, dann läuft grundlegend etwas falsch.

Anhand einer Pariser Familie aus gehobenem Milieu zeigt Tuil auf, wie es gehen kann, wenn man seinen Aufstieg in die  bessere Gesellschaft um jeden Preis erhalten will, wenn man nicht mehr von der Macht seiner Position lassen kann. Das Ehepaar Claire und Jean und ihr Sohn Alexandre werden in den ersten Kapiteln vorgestellt. Claire, über zwanzig Jahre jünger als ihr Mann, ist als feministische Journalistin erfolgreich tätig. Jean hat sich aus dem Präkariat hochgearbeitet, ist als Fernseh-Moderator trotz seines Alters immer noch angesagt, neuerdings mit dem Ehrenorden vom Präsident ausgezeichnet, obwohl die jüngeren, innovativen bereits um seinen Posten Schlange stehen. Der 21-jährige Sohn Alexandre geht auf ein Elite-College in den USA. Dass dieses Familiengebilde brüchig ist, merkt man schnell.

Claire verlässt ihren Mann, weil sie sich in einen so ganz anderen Mann verliebt. Jean lebt ohnehin mit einer anderen Frau ein Doppelleben. Alexandre hat bereits einen Suizidversuch hinter sich. Weil seine ältere Geliebte ihm den Laufpass gab, treibt er sich bei einem Aufenthalt in Paris aus Frust auf einer Party seiner früheren Freunde herum und konsumiert Alkohol und Drogen. Am darauffolgenden Morgen steht die Polizei vor der Tür und konfrontiert ihn mit dem Vorwurf der Vergewaltigung.

Karine Tuil schaut ganz genau hin. Es gelingt ihr ihre Figuren zu demaskieren und einen Blick hinter die Fassaden zu werfen. Sie greift in ihrem Roman aktuelle Themen auf wie die Me Too-Bewegung, den Weinstein-Prozess und die sexuellen Übergriffe auf Frauen in der Silvesternacht 2015 in Köln. Sie schildert die einzelnen Schritte des Prozesses gegen den der Vergewaltigung angeklagten Alexandre vor dem Schwurgericht sehr genau.

„Nach vier, fünf Prozesstagen gelangte sie zu der Überzeugung, dass man den Zustand einer Gesellschaft an deren Tribunalen und den dort verhandelten Fällen ablesen konnte. Das Rechtswesen offenbarte den schicksalhaften Verlauf von Biografien, die sozialen Bruchstellen, das Scheitern der Politik – all das, was der Staat im Namen der nationalen Einheit gern unter den Tisch kehrte, …“

Sie erzählt davon, wie lange sich so ein Verfahren hinzieht, wie schwer es ist für die junge Frau, die aus einer sehr religiösen jüdischen Familie kommt, noch nach Jahren die Tat in der Öffentlichkeit wieder ausführlichst schildern zu müssen. Dabei blendet sie das Dilemma der Eltern, vor allem das von Claire nicht aus. Wie verhalte ich mich als Elternteil? Wie verhalte ich mich, wenn es um das eigene Kind geht? Wie verhalte ich mich im Zwiespalt als emanzipierte Frau und Mutter? Jean hingegen versucht im Prozess die mutmaßliche Tat seines Sohnes als ein Kavaliersdelikt zu beschönigen. So zeigt Tuil auf, wie sehr Unterschiede in der Lebensform auch die Sichtweise auf eine sexuelle Gewalttat beeinflussen. In einem ganz anderen Umfeld und in einem anderen Stil hat dies bereits auch Bettina Wilpert in ihrem empfehlenswerten Roman „Nichts, was uns geschieht“ getan.

Zugegeben, das Ende gefällt mir nicht. Ich finde es tatsächlich enttäuschend, dass die Klägerin die einzige ist, bei der die Autorin keinen kurzen Blick in die Zukunft wirft. Andererseits ist sie auch keine der Hauptfiguren und wurde auch nie ausführlich in den Roman eingeführt. Aber vermutlich ist sie es, die am schwersten weiterleben wird. Auch Claire hat Probleme mit dem Leben nach dem Prozeß. Die, die recht schnell wieder vorne mit schwimmen, sind die beiden Männer, Sohn und Vater.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Übersetzt wurde es von Maja Ueberle-Pfaff. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Zwei weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs „letteratura“ und „Buch-Haltung“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Juli Zeh: Leere Herzen Luchterhand Verlag

juli zeh

„Anderswo kämpfen die Menschen um ihr Leben, und du sitzt hier und leidest.“
„Du kapierst es nicht.“ Julietta nippt an ihrem Tee. „Nicht ich leide. Wir alle. Das ist das Problem. In einer Welt, in der sich die, denen es am besten geht, am beschissensten fühlen, ist etwas grundverkehrt.“

Kein Wunder, dass Juli Zeh mit diesem Buch auf der Bestsellerliste gelandet ist. Der Roman bedient genau die Wünsche, die die Mehrheit an ein Buch hat. Es ist leicht zu lesen, sprachlich nicht anspruchsvoll, so spannend, das man (angeblich) nicht aufhören kann und spricht über eine erfundene Zukunft, die wir scheinbar bald haben. Darüber kann man prima reden, mitreden und sich abarbeiten. Ich halte es dennoch nicht für ein gutes Buch. Habe ich an „Unterleuten“ noch Gefallen finden können, bei dem die Charaktere gekonnt ausgearbeitet waren, so geht mir diese Story, die inhaltlich leicht an das Vorgängerbuch anknüpfen könnte, doch gegen den Strich. Irgendwie bleibt hier alles flach und konturlos … bieder ist es, ja, das ist der richtige Ausdruck.

Die Hauptprotagonistin Britta lebt in einem Braunschweig der Zukunft, in der Sarah Wagenknecht Innenministerin ist, manche „Menschen das Bedingungslose Grundeinkommen nutzen, um auf Parkbänken zu sitzen“ und die Besorgte-Bürger-Bewegung überall ihre Finger mit im Spiel hat. Britta hat Mann und Kind und eine seltsame Art ihr Geld zu verdienen, das allerdings erfolgreich: Mithilfe eines Computersystems namens Lassie ermitteln Britta und Babak, ihr Geschäftspartner, Menschen die nicht mehr leben wollen, sich den Freitod wünschen. Diesen verhilft „Die Brücke“, falls unabbringbar, zu einem „stimmigen“ Suizid, der auch anderen noch etwas nützt:

„Ihr vermittelt mich an eine Organisation, die meinen Tod gebrauchen kann.“

Dass Britta und Babak dabei ein Stufenprogramm durchführen, um den Willen der Auserwählten zu prüfen und dabei die fürchterliche Foltermethode Waterboarding Teil dieser Prüfung ist, macht die Sache nicht besser. Als sie Konkurrenz von den „Empty Hearts“ bekommen, bricht die Braunschweig-Idylle zusammen …

Ich erinnere mich an ältere Bücher von Juli Zeh, die viel komplexer und eigener waren, Geschichten, die ungewöhnlich und viel raffinierter konstruiert waren, wie Schilf, Corpus Delicti oder Nullzeit. Wie im oben genannten Zitat zu erkennen, geht es Zeh um Gesellschaftskritik, wie fast immer, das ist das Thema, dass sie immer wieder aufgreift, bloß wird mir dabei langweilig. Vor allem wenn dann solche Sätze kommen, die die unsympathische Hauptfigur mit Sauberkeitszwang ausstößt, weil das Hammer-Beruhigungsmittel Tavor nicht mehr wirkt:

„Die Fledermäuse stürzen durch die Dunkelheit, und falls ihr Flug eine Botschaft besitzt, so lautet diese: Hab keine Angst.“

oder

„Sie hatte vergessen, dass es einen Zustand jenseits des Schmerzes gibt. Man nennt ihn Paradies.“

Offenbar neigt sich meine Juli-Zeh-Lesezeit dem Ende zu. Das ist auch nicht weiter schlimm, liegen doch bereits zwei, inhaltlich wie sprachlich, gewichtigere Bücher hier bei mir …

„Leere Herzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.