Dirk Kurbjuweit: Der Ausflug Hörbuch Der Hörverlag

Dirk Kurbjuweit thematisiert in seinen Romanen oft aktuelle gesellschaftliche Zustände. Mehrere Romane habe ich von ihm vor längerer Zeit gelesen. Dieser nun interessierte mich aufgrund der Thematik. Denn bereits dem Klappentext nach, kann man davon ausgehen, dass es sich um das Thema Rassismus dreht. Doch es geht um viel mehr. Es geht um Beziehungskonstellationen, die Kraft von Freundschaften, um die Unterschiede zwischen Stadt und Land, zwischen Mainstream und Gutbürgerlichkeit, um alte und neue Verletzungen. Und die Geschichte ist spannend wie ein Krimi.

Vier Freunde machen regelmäßig einmal jährlich zusammen eine Reise. Das letzte Mal war es eine Bergwanderung in Südtirol, nun ist eine Kanupaddeltour übers Wochenende geplant. Unschwer ist die Landschaft als eine in Brandenburg zu erkennen, sehr wahrscheinlich ist es der Spreewald. Amalia, um die dreißig, ist die einzige Frau. Von ihr erfahren wir auch am meisten in mehreren Rückblenden. Dabei ist ihr Bruder Bodo, den sie selten sieht, und die Freunde Gero und Josef; alle sind bis zum Abitur gemeinsam zur Schule gegangen. Dann trennten sich die Wege. Nur Amalia und Josef waren länger zusammen, sie waren eine zeit lang ein Paar.

Gleich am ersten Abend, als sie in einem Landgasthaus übernachten, in dessen Schankraum sie zu Abend essen, wird Josef angefeindet und bedroht, da er schwarz ist. Amalia verteidigt ihn sofort, die anderen beschwichtigen. Am nächsten Morgen geht es weiter. Auch beim Kanuverleih wird Josef angegafft, die Freunde zahlen für schlechte Boote mehr als bei Buchung ausgemacht. Dennoch beginnen sie frohen Mutes mit der Fahrt. Amalia hat eine Karte, bestimmt die Richtung. Kurbjuweit gelingt es von da an eine Stimmung zu erzeugen, die die Leser*innen selbst auf der Hut sein lässt, wie es in kurzer Zeit auch die Paddler sind. Merkwürdigkeiten passieren. Ein Jäger mit einer Armbrust erschießt Rehe. Ein Pickup taucht in der Nacht unweit der Zelte auf, Kinder lassen die Kanus in die Schleuse, aber nicht mehr heraus. Immer sind es seltsame Dinge, die passieren, die aber doch auch zufällig passiert sein könnten. Sie begegnen einer seltsamen Glaubensgemeinschaft, einem Straußenzüchter. Als Leserin denke ich sofort an die Reichsbürgerbewegung oder die völkischen Siedler …

Da Amalias Karte nicht besonders genau oder alt zu sein scheint, wissen sie schließlich nicht mehr, wie sie am letzten Tag wieder den richtigen Weg zurück finden können. Sie paddeln von Fließ zu Fließ, alles sieht ähnlich aus. Die Stimmung verschlechtert sich. Nirgends haben sie mit dem Handy Empfang. Bald gibt es Streitereien, bald zeigt sich unterschwellig, wenn auch ungewollt, Misstrauen. Als eine Drohne an ihrem Rastplatz auftaucht und ein Päckchen ablegt, wissen alle, dass das nun kein Zufall mehr ist. Sie sind zum Ziel geworden. Vielmehr Josef ist zum Ziel von Fremdenfeindlichkeit geworden. Angst breitet sich aus, zurecht, denn die Zeichen werden immer eindeutiger. Bald zeigt sich, dass in Aussnahmesituationen auch Freunde, vielleicht unbewusst, zwischen schwarz und weiß differenzieren. Bald zeigt sich, dass diese so fröhlich begonnene Reise zum Kampf ums Überleben wird und eine große Prüfung für die Freundschaft.

„“Wahlen sind nicht immer und überall das richtige Mittel. Wahlen können spalten. Danach gibt es Gewinner und Verlierer. Wir sollten uns nicht spalten lassen.“
„Hast du mir nicht erklärt, dass Wahlen das große Fest der Demokratie seien. […] die makellose Grundlage der Macht? Die Macht ist hier. Die Pistole.““

Mehr will ich zum inhaltlichen Verlauf nicht verraten, um nicht die Spannung zu nehmen.

In Kurbjuweits Roman wird ein wichtiges Thema verhandelt, zudem ist die Geschichte wirklich spannungsreich komponiert. Was mir ein wenig unangenehm auffiel, war, dass der Autor die Landbevölkerung, die im Roman auftritt, als minderbemittelt und dümmlich darstellt. Das finde ich nicht gerecht. Nicht jeder Großstadtmensch ist per se einem Dorfbewohner geistig überlegen. Seltsam scheint mir auch, dass zur Sommerzeit keine anderen Kanutouristen unterwegs sind, die helfen könnten und auch das es durchgängig kein Telefonnetz geben soll, kommt mir unglaubwürdig vor. Mir schien es allerdings auch unmöglich, dass es Fremdenfeindlichkeit in einem solchen Ausmaß gibt. Ich kann die Geschichte zum Schluss hin dann auch nicht mehr als realistisch nachvollziehen. Auch das Ende lässt viel zu viele Fragen offen.

Das Hörbuch wurde von Shenja Lacher eingelesen, den ich bisher als Sprecher noch nicht kannte, der aber mit seiner Stimme genau den richtigen Ton für diese Geschichte trifft. „Der Ausflug“ erschien bei Der Hörverlag (als Buch bei Penguin). Ich danke für das digitale Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier.

Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht Frankfurter Verlagsanstalt

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Nach dem wunderbaren Leseerlebnis mit Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben“ über eine Schokoladenfabrikdynastie in Georgien war ich sehr gespannt auf den neuen Roman. Fast ebenso dick, über 800 Seiten, die mir bei „Das achte Leben“ fast zu kurz vorkamen, bin ich diesmal etwas verhaltener. Das liegt sicher vor allem am Inhalt. Ich konnte diese Geschichte nicht als eine große Geschichte der Freundschaft lesen, sondern las vor allem über Gewalt. Ob das nur mir so ging?

Der Roman schildert das Leben und Erleben von vier Freundinnen, seit Beginn ihrer Freundschaft zu Schulzeiten in den 80er Jahren: Dina, Nene, Ira und Keto. Aus dem Blickwinkel von Keto wird auch der ganze Roman erzählt. Wir erfahren gleich zu Anfang, dass eine der Freundinnen nicht mehr lebt. Die anderen treffen sich nach über 20 Jahren, es ist inzwischen 2019, zum ersten Mal wieder, anlässlich einer großen Foto-Ausstellung, die nach dem Tod Dinas, der Fotografin, in Brüssel stattfindet. Anhand der Fotos, die Keto der Reihe nach in der Galerie betrachtet und sich erinnert, hören wir von den jeweiligen Situationen im Leben der Freundinnen. Unterbrochen vom aktuellen Geschehen in der Galerie, tauchen wir immer wieder in die Geschichte der Mädchen, die alle in Tiflis lebten ab, aber eben auch in die Geschichte Georgiens mit ihren Wandlungen während der Zeit von Gorbatschows Perestroika unter der Sowjetunion über die folgenden oft blutigen Kämpfe mit teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen bis zur Unabhängigkeit.

Gleichzeitig erleben die Mädchen, deren Zusammenhalt trotz ihres unterschiedlichen Charakters, zunächst sehr stark ist, ihren Schulabschluss, ihre erste Liebe, ihre ersten Studien- und Berufserfahrungen. Ira beginnt ein Jurastudium, Keto studiert Restaurierung, Nene heiratet, aber nicht den, den sie liebt, Dina fotografiert und arbeitet bei einer Zeitung. Die jungen männlichen Protagonisten hingegen, Ketos Bruder, der mit Dina zusammen ist, Lewan, den Keto sehr mag, Nenes ungewollter Ehemann etc. sind alle mehr oder minder in der Unterwelt tätig, wo Bandenkriege herrschen, wo es um selbstgefällige Männlichkeit geht, um Schutzgelderpressung, wo Ehre und Ehrenmorde wichtig sind, wo es um Äußerlichkeiten und Reichtum mit entsprechenden Symbolen geht. Und mit alledem geht ein krudes Frauenbild einher: die Herabsetzung der Frau (vor allem, wenn sie eine eigene Meinung hat) himmelweit von Gleichberechtigung entfernt.

„In unserer Stadt waren die Mädchen pudrig und hauchzart, sie waren dafür gemacht, an der Ehre der Männer zu weben und ihnen warmes Brot zu backen. […] In unserer Stadt waren die Mädchen Goldfische, denen die Jungen Aquarien zu bauen hatten, um ihre liebsten Fische darin schwimmen zu lassen. In unserer Stadt waren die Mädchen flügellose Engel an dünnen Fäden, festgehalten von Müttern, Tanten, Großmüttern, die einst auch nicht hatten davonfliegen dürfen.“

Und genau das macht es mir schwer, den Roman zu lesen: Ketos Bruder, der Nene beschuldigt am Tod ihres Liebhabers Saba Schuld zu sein, weil sie nicht ihrem rohen, ungeliebten Ehemann treu ist, den sie nie wollte. Dabei ist natürlich ihr Ehemann Schuld, der seine „Ehre“ mit einem Mord verteidigen „muss“. Lewan, der dann eben jenen Liebhaber, seinen Bruder Saba, unbedingt rächen muss, der „Familienehre“ wegen, und der seinen Frust und seine unausgesprochenen Gefühle abreagiert, indem er Keto beinahe vergewaltigt. usw. usw.

Will ich das weiterlesen, denke ich nach etwa 400 Seiten? Bereits im Roman „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“ der Georgierin Tamar Tandaschwili las ich von solcher Misogynie, die offenbar bis in die Heutezeit reichen. Aber eben auf 180 Seiten, nicht auf 800. Scheinbar hat sich in Georgien nicht viel verändert, was Frauenrechte/sicherheit angeht? Womöglich hat sich überall nichts Wesentliches geändert? Ich denke an die Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Ich denke an die Mädchen in Indien, die einer Massenvergewaltigung zum Opfer fallen oder einem Säureanschlag oder gleich schon als Fötus wegen ihres Geschlechts abgetrieben werden. Ich denke an die Nachrichtensprecherinnen in Afghanistan, die auf Anordnung der Religionspolizei nun ihr Gesicht wieder verhüllen müssen. Wo bleiben die Frauenrechte? Mein Leseerlebnis dieses Romans lief immer wieder in genau diese Richtung, obwohl es sicher nicht der Ganzheit des Romans gerecht wird. Und so las ich dennoch weiter …

In nächsten größeren Abschnitt geht es gleich weiter mit mafiösen Strukturen (Schutzgelderpressungen, Bandenkriege, rohe Gewalt, Korruption, Drogenhandel) und frauenfeindlichem Verhalten. Die vier Freundinnen sind wirklich nicht zu beneiden in dem, was sie in solchen gesellschaftlichen Strukturen in dieser Zeit durchleben. Und es geht immer weiter mit Krieg und Gewalt, im Kleinen wie im Großen.

„- Er wird für alles Büßen. Das kannst du ihm ausrichten. Und wenn ich mitbekommen sollte, dass du dich weiterhin mit ihm triffst, dann werde ich dich umbringen. Dina, hörst du? Ich lasse nicht zu, dass du meinen Namen mit Dreck besudelst. –
Er hielt ihr die Messerspitze an die Kehle.“

Dina flieht vor einer zerbrochenen Liebe als Kriegsfotografin nach Abchasien. Ira geht mit Stipendium in die USA. Nene bekommt ein Kind. Keto fühlt sich für alle verantwortlich und vergisst dabei oft, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern. Sie lässt sich auch wieder auf diesen Lewan ein, bis alles wieder eskaliert. Ich bin beim Lesen mittlerweile wirklich richtig wütend. Niemals würde ich in solch einem Land leben wollen. Und ich wünsche mir sehr, dass die Freundinnen endlich diesen Kreislauf durchbrechen, endlich ausbrechen aus diesem von Männern bestimmten und beaufsichtigtem Leben. Doch durch all die Geschehnisse leidet auch die Freundschaft. Und durch Ira, inzwischen Anwältin, die für Nene, mehr als Freundschaft empfindet, die diese aber nicht erwidert, werden die Risse zwischen den Frauen immer größer. Und sie tun sich erneut auf, als sich die drei bei der Ausstellung nach so langer Zeit wieder in die Augen sehen …

Was als Schmöker erfreulich begann, wurde beim Lesen für mich zeitweise zu einer Tortur (siehe oben). Haratischwili kann Geschichten erzählen. Absolut! Doch für mich bleibt dieser Roman hinter „Für Brilka“ zurück. Mitunter war mir der Ton sehr pathetisch, auch die Liebesszenarien empfand ich als eher kitschig. Aber ich habe es zu Ende gelesen und war dann wieder etwas versöhnt, wie auch die Protagonistinnen. Fazit: Für Fans sicher ein Muß, für „Anfänger“ empfehle ich eher „Das achte Leben“. Was mich allerdings brennend interessieren würde, sind die Theaterstücke, die Haratischwili aus den Romanen gemacht hat. So weit ich weiß stehen sie aber nur in Hamburg auf dem Spielplan.

Der Roman erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura: https://letteraturablog.wordpress.com/2022/05/20/nino-haratischwili-das-mangelnde-licht/

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios btb Verlag / Hanser Verlag

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Viel Aufmerksamkeit bekam dieses Buch schon als Hardcover. Nun ist auch das Taschenbuch erschienen. Wer es noch nicht kennt, dem sei es empfohlen. Ich wusste bereits, dass Ocean Vuong auch Gedichte schreibt (inzwischen ebenfalls ins Deutsche übertragen), so las ich die Leseprobe und merkte: Ja, das will ich lesen. Da ist einer, der hat eine poetische Sprache, der hat kluge Metaphern an der richtigen Stelle, dessen Sprache schwebt und sich erhebt über die Geschichte, seine eigene Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist. Grandios auch das Coverbild und der Titel.

Im ersten Teil beschreibt Ocean Vuong auf unruhige, nicht immer leicht durchschaubare Weise  Kindheit und Familiengeschichte seines Protagonisten, genannt „Little Dog“. Hier wählt er die Briefform, ein vermutlich nie gelesener Brief an die Mutter, die Analphabetin ist. Er kommt mit zwei Jahren mit seiner Mutter und Großmutter aus Vietnam in die USA. Gleich zu Anfang wird die Gewalttätigkeit der Mutter thematisiert, die umso mehr erschreckt, als sie zwischen sprachlich feine Passagen gesetzt wird. Großmutter, Mutter, Kind: Alle durch den Vietnamkrieg psychisch erschüttert, alle nun in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land des Kriegsgegners. Alle binnen kurzer Zeit ohne jede Hoffnung. Es ist auch der Teil, der mir am eindrücklichsten bleibt.

„Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel, Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Im zweiten Teil geht es um die Identifizierung als Teenager, der sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt bis hin zum Coming Out gegenüber der Mutter. Mit Trevor einem Farmerssohn erlebt er zum ersten Mal Sex. Auch hier ist Gewalt im Spiel, gewollte Gewalt. Es geht um die beiden Jungen, der eine weiß, der andere gelb, die sich durch die Zeit treiben lassen, begleitet von Drogen verschiedenster Art, langer Weile, Schwärmerei und dem Wunsch nach Rebellion, in einer heruntergekommenen Gegend, in einer für sie begrenzten Welt.

„Da war Gewalt bereits alltäglich für mich, war, was ich letzten Endes von Liebe wusste.“

Im dritten Teil, fünf Jahre sind vergangen, studiert „Little Dog“ in New York Literatur. Als er von Trevors Tod durch eine Überdosis Heroin erfährt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Jugend. Kurze Zeit darauf stirbt auch die Großmutter und Little Dog reist mit der Mutter zur Beisetzung zurück nach Vietnam, nach Saigon.

„Ich wollte nie einen „Textkörper“ erschaffen, sondern sie, unsere Körper, atmend und verschollen im Text bewahren.“

Vuong unterfüttert seine Geschichte mit einzelnen Sätzen, Zeilen, die ungeordnet aus dem Rahmentext hervorbrechen, die teils wirken, als versuchten sie wie Säulen den Fließtext in seiner inhaltlichen Brüchigkeit und manchmal auch Grobheit zu stützen. Einfach ausgedrückt, bestehen sie womöglich aus gewonnener Erkenntnis in poetische Bilder gelegt.

Was mir gefehlt hat, ist die Entwicklungsgeschichte Little Dogs hin zum Studium, zur Literatur und zum eigenen Schreiben. Das hätte mich brennend interessiert.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ erschien gerade bei btb als Taschenbuch. Die Übersetzung stammt von Anne-Kristin Mittag. Eine Leseprobe gibt es  hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Regina Dürig: Federn lassen Literaturverlag Droschl

Vielleicht passt es ja zur Zeit, dass ich mir gerade offenbar vor allem sehr dunkle Lektüre aussuche. Jedenfalls reiht sich „Federn lassen“ von Regina Dürig in diese Abfolge ein. Schon in der Vorschau wirkte es auffällig aufgrund seines besonderen Formats und auch wegen des kräftigen Schwarz/Weiß Coverbilds. Auch das Genre, dass als Novelle bezeichnet wird, gibt es ja nicht so häufig. Ich war gespannt.

Regina Dürig beschreibt eine weibliche Kindheit, Jugend, ein Erwachsenwerden und schließlich sein, in einzelnen Kapiteln, die immer einem Alter zugeordnet sind. Beginnend mit der Vierjährigen, endend im Alter von 38.

„Du bist vier
und spielst am liebsten

mit dir alleine
das beunruhigt deine Eltern
weil Kinder
doch so gerne
mit anderen Kindern
spielen
sagen sie“

Tatsächlich ist der Text in Versform gedruckt und da passt das Format ja gut. Aber ein Gedichtzyklus, wie ich erst vermutete ist es dann doch nicht. Dazu fehlt mir etwas. Doch eine Novelle ist es auch nicht wirklich, oder etwa doch?

  • Das zentrale Element ist immer eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe, 1827). Ins Neudeutsche lässt sich diese Begebenheit ganz gut mit „Skandal“ oder einem „außergewöhnlichen Ereignis“ übersetzen. Eine normale Alltagssituation ist folglich nie Inhalt einer Novelle. (Quelle: wortwuchs.net)

Was im Text geschieht, sind „unerhörte Begebenheiten“ und zwar im Wortsinn. Skandale sind es leider nicht. Und leider sind es vermutlich viel zu sehr Alltagssituationen, als es wünschenswert wäre.

  • Die erzählte Begebenheit ist unerhört, neuartig, außergewöhnlich oder auch in der Geschichte ungewöhnlich, aber eben berichtenswert und in der Erfahrungswelt des Lesers „neu“. Diese Begebenheiten widersprechen dem für wahrscheinlich gehaltenen Gang der Dinge und erscheinen folglich als ungeheuerlich. (Quelle: wortwuchs.net)

Das Buch hat bei mir sofort funktioniert. Wenn man es als Frau liest, springen einem in den einzelnen Kapiteln, jede Menge Szenen entgegen, die man im Leben selbst schon höchst unangenehm erlebt hat. Ist man dazu noch als Kind ein stilleres, in sich gekehrtes, womöglich hochsensibles Mädchen gewesen, kann man sich beinahe vollständig mit dem Inhalt identifizieren. So ist also für mich, der Inhalt nicht neu, allerdings auf jeden Fall berichtenswert und eigentlich ungeheuerlich. Denn passieren sollten diese Dinge in unserer heutigen reflektierten, emanzipierten Gesellschaft nicht mehr.

„Du bist fünf
und wirst

in die Pantomimegruppe
geschickt damit du
endlich mal aus dir
rauskommst
was wäre für den Fall
dass du in dir drinbleiben
willst dazu sagt
niemand was“

Dürig zeigt die Übergriffe – psychische und physische, sexuelle und emotionale – genau, sei es in der Kindheit, in der der „Teller leer gegessen werden muss“ oder Ablehnung herrscht, weil der neugeborene Bruder so viel „richtiger“ ist und später sich so viel mehr erlauben kann als das Mädchen. Die Anlehnung an die Gedichtform, die plötzlichen Zeilensprünge, die Zeit zum Durchatmen lassen, passen hier durchaus gut.

„Während
dein Bruder größer
und wacher wird und
lacht siehst du in den
Augen deiner Eltern wie
ein Kind sein sollte
ungestüm unerschrocken
nicht angefüllt mit
Fragen bis obenhin
ob es allen besser
ginge ohne dich
zum Beispiel“

Sei es als Teenager, Heranwachsende. Sei es das Mobbing in der Schule, das Nichtgewähltwerden beim Schulsport, der Arzt, der die Schmerzen als Verweichlichung verharmlost und belächelt.

„er rät dann
an deine Mutter gewandt
dass sie dich anmelden
sollte zu einem Mannschaftssport
mit rauem Körperkontakt
damit du lernst ein bisschen
Schmerz auszuhalten und
deine Wahrnehmung sich abhärten
kann am Wesen der Welt“

Seien es die Übergriffe der Jungs nach der Party, die Eifersucht und Beschuldigung der besten Freundin. Und schließlich als Frau, die immer wieder sexuellen Angriffen verschiedenster Art ausgesetzt ist, mit Chefs die im Konkurrenzwettbewerb immer die Arbeit von Männern vorziehen und das direkt so herablassend mitteilen, mit Männern „die ihr die Welt erklären“ oder wenn sie bei bestimmten hastigen Bewegungen die Hände schützend vors Gesicht hält, weil da eben oft genug schon Schläge kamen.

„ein Ratschlag von ihm
an dich als Mensch
weichliches Wesen das
die Natur als zu
umwerben vorgesehen hat
und das evolutionär nicht
fähig ist sich zu behaupten
in diesem Kreislauf aus Wettbewerb“

Das, was zwischen den Zeilen steht, das ist die Angst, die Scham, die Überforderung, die empfundene Wehrlosigkeit, aber später auch die Empörung und die Wut. Dabei ist es weder Klage noch Anklage, eher eine sehr nüchterne Betrachtung und gerade deshalb sehr wirksam. Regina Dürig ist Jahrgang 1982, also wesentlich jünger als ich, und ich hatte eigentlich gehofft, dass sich in diesen vielen Jahren wesentlich mehr beim Thema Gleichberechtigung getan hat. Dieses Buch ist schon aus diesem Grund wichtig, aber auch weil die Form, innere und äußere, tatsächlich dem ganzen eine größere Gewichtigkeit gibt und die gewählte Sprache das ganze trägt. Ein Leuchten!

„Federn lassen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Karin Smirnoff: Mein Bruder Hanser Berlin Verlag

Dass Karin Smirnoffs Roman ein Debüt ist (das sie erst mit 54 Jahren schrieb), merkt man ihm in keinster Weise an. Sowohl in ihrem individuellen Sprachstil, als auch mit der Geschichte selbst, ist ihr ein wirklich beeindruckendes Buch gelungen. Die 1964 geborene Schwedin siedelt ihre Geschichte im nördlich ländlichen Schweden an, in dem sich die Bewohner des Ortes alle kennen. Sie taucht damit tief ein in eine Lebensform, über die etwa Großstädter, die nie auf dem Land gelebt haben, nur staunen können. Hier scheinen noch archaische Grundstrukturen von Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu herrschen, die man nur vom Dorf noch kennt. Doch was auch schön sein könnte, ist es eben bei den Hauptprotagonisten gerade nicht. Und geredet wird selten direkt, nur hinter vorgehaltener Hand.

„Dann fingen wir an zu reden. Wir redeten über alles außer das was uns kaputtmachte.“

Jana Kippo, um die 35, besucht nach langer Zeit ihren Zwillingsbruder Bror, der noch auf dem elterlichen Hof lebt. Eigentlich soll es nur über die Osterfeiertage sein, doch dann begegnet sie gleich bei der Ankunft im wenig frühlingshaften Schneesturm einem Mann, der sie fasziniert und alle Vorsätze ins Wanken bringt. Der Bruder, alkoholabhängig, die ungeliebte Mutter im Pflegeheim – eigentlich ein Grund gleich wieder in das Leben in der Stadt zurückzukehren. Doch Jana bleibt, nimmt einen Job bei einem mobilen Pflegedienst an und wird durch die Begegnungen mit den Pflegebedürftigen, die sie fast durchweg von früher kennt, immer mehr in die Kindheit und Jugend zurückgestoßen.

„All diese Namen. Mit den Alten war es genau dasselbe. Unendliche Erzählungen über Menschen. Lebende und Tote Bekannte und Unbekannte die irgendwas gesagt oder getan oder an irgendwas gestorben waren. Das weckte in mir sofort die Sehnsucht nach der Stadt.“

Nach und nach erfahren wir, warum alle Jana und ihren Bruder im Dorf so bekannt sind. Alle wissen von den Ereignissen auf dem Kippo-Hof, vom grausigen Tod des Vaters. Dass sich die Geschwister gegen den gewalttätigen, trinkenden Vater in solcher Form wehrten, scheint unglaublich. Doch immer mehr Abgründe tun sich auf, immer mehr Risse zeigen die Geschichten, die die Erinnerung beschwört. Immer mehr Lügen werden aufgedeckt. Niemandem ist zu trauen, nicht einmal dem eigenen Liebhaber.

„Ich konnte mir niemanden aus meiner Familie verliebt vorstellen. Wir waren keine liebende Familie. Wir waren einfach nur Erbgutträger die Nachfahren in die Welt setzten und taten was getan werden musste. Oft auf die denkbar schlechteste Weise und mit erbärmlichem Ergebnis.“

Smirnoff tut das in grundlegend anderer Weise, wie sonst solche Familiengeschichten aufgebaut sind. Schon in ihrer Sprache wird deutlich, dass hier ein anderer Ton vorherrscht. Die direkte Rede erfolgt ohne sie durch Satzzeichen kenntlich zu machen. Kurze Sätze ohne Kommas. Knallhart, unverschnörkelt. Und dabei doch mit einem eigenen unterschwelligen Humor, der der Geschichte die allzu große Schwere nimmt. Die Übersetzerin hat hier sicher Großes geleistet, da das Original offenbar auch mit Dialekt-Begriffen der Gegend um Västerbotten durchzogen ist.

Eine verlorene Tochter taucht auf und eine neue Schwester, die aber schon tot ist. Viele Menschen sterben in diesem Buch, aufgrund des Alters, der Einsamkeit, an schweren Erkrankungen. Und trotzdem gelingt es der Autorin, ihre Protagonistin immer wieder den Blick nach vorne zu werfen zu lassen. Jana Kippo ist, wie man im Laufe des Romans merkt eine Überlebenskünstlerin, die sich mit immenser Kraft, die sie auch aus der eigenen Kreativität schöpft, durch die alten seelischen Verletzungen und die immer wieder neu auftauchenden Widrigkeiten kämpft. Sie packt an. Den Bruder schickt sie in den Entzug, für die Pflegebedürftigen wird sie bald unentbehrlich, den Respekt der Männer im Dorf holt sie sich durch die Teilnahme an der Jagd, für die sie allerdings ihre eigenen Regeln aufstellt und ihren Liebhaber, der großflächige Bilder mit Motiven aus ihrer Kindheit malt, bringt sie dazu, sich für eine Ausstellung zu öffnen.

„Mein Bruder“ ist ein durchaus erschütterndes, familienpsychologisch jedoch hochinteressantes Buch, welches in mir gleich Resonanz erzeugte, zudem spannend wie ein skandinavischer Krimi. Ich hoffe sehr, dass die beiden weiteren, in Schweden bereits erschienenen Bände auch noch ins Deutsche übertragen werden. Dunkles Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag Berlin. Übersetzt hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ulrike Almut Sandig: Monster wie wir Schöffling Verlag

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„Monster wie wir“ ist der Debütroman der 1979 in Großenhain/Sachsen geborenen Ulrike Almut Sandig. Doch es gibt von ihr bereits Erzählungen und wunderbare Gedichtbände. Sandig ist bei weitem keine Debütantin, sie weiß mit Sprache umzugehen. Sie vertont viele ihrer Gedichte und ihre Lesungen sind sehr lebendig.

In ihrem Roman nun ist alles ganz anderes. Anders als die Gedichte aus „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“. Auch anders als die Erzählungen aus „Buch gegen das Verschwinden“. Hier ist der Text zeitweise auch verrätselt, wie in manchen Gedichten, aber aus anderen Gründen. Hier gibt es zwei Familien, zwei Kinder stehen im Mittelpunkt. Schauplatz ist eine ländliche Gegend mit Braunkohleabbau. Hier wird eine ganz normale Familiengeschichte erzählt. Sie spielt in Ostdeutschland, teils als es noch DDR war, teils nach der Wende. Die Kinder heißen Ruth und Viktor. Die zwei Hauptteile des Romans sind nach ihnen benannt. Und es gibt Geheimnisse …

Erzählt wird aus der Sicht von Ruth, die kurz vor einem Konzert in Gedanken mit einen Mann namens Voitto spricht, der im Schlusskapitel wieder auftaucht.

Ruth begleiten wir von der Kindergartenzeit bis etwa ins Teenageralter. Ruth und ihr Bruder Fly spielen Instrumente: Cello und Geige. Der Vater ist Pfarrer, die Mutter Apothekenhelferin. Doch scheint die Ehe der beiden immer mehr in Schieflage zu geraten. Ruth hat auch Sorgen, sie hat aber auch einen guten Freund, nämlich Viktor, dessen Mutter aus der Ukraine kommt. Viktor erlebt in seiner Familie sexuellen Missbrauch durch direkte Familienmitglieder. So, wie es am häufigsten der Fall ist. Bei Viktor wird es uns direkt von der Erzählerin mitgeteilt. Bei Ruth gibt es Andeutungen, bleiben Fragen offen. Ruth wird mögliche Traumata mit der Geige wegspielen. Viktor will sie mit Springerstiefeln, Bomberjacke, großem Bizeps und Baseballschläger von sich fernhalten. Für beide ist Nähe schwierig. Körperliche wie emotionale.

„Bald las ich Noten verschiedener Schlüssel, als läse ich Geschichten. Ich spannte die Melodien in meinem Kopf auf und hangelte mich an ihnen entlang, entschlossen, weder die eigenen Fingerkuppen noch den Rest meines Körpers zu spüren.“

Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Viktor. Ein wie ein Neonazi gekleideter junger Mann wird Au-Pair bei einer wohlhabenden Familie mit zwei Kindern in Südfrankreich. Trotz der anfänglichen Zweifel der Eltern lebt sich Viktor in der Familie ein. Er kocht, putzt, bügelt, begleitet die Kinder auf dem Schulweg. Seine Sprachkenntnisse verbessern sich. Die Kinder beginnen, ihn anzuerkennen. So weit, so gut.

Dass dann aber – Vorsicht Spoiler – auch noch in der französischen Familie der Sohn vom Vater sexuell missbraucht wird, ist mir eigentlich zu viel. Wahrscheinlich ist die Geschichte so angelegt, damit Viktor diesmal einschreiten kann und nicht mehr hilfloses Kind ist. Das ist mir zu konstruiert. Hier fehlen mir die in den Gedichten verwendeten experimentellen und sprachbildnerischen Ideen. Und: Ist es in unserer Welt wirklich so? Erleben das wirklich so viele Kinder? Im Kreis der Familie, unabhängig vom Milieu? Ist das so verbreitet? Welch eine Horrorvorstellung! Welch ein Armutszeugnis für unsere Gesellschaft! Und wie wahr dann der Titel des Buches wäre! Ich möchte das nicht glauben.

Auch im letzten Kapitel, in dem man ein klein wenig von der Beziehung Ruths zu Voitto erfährt, geht es, wenn ich es richtig deute um Gewalt. Gewalt in einer Beziehung. Doch das braucht es wirklich nicht mehr, das Thema ist ausgereizt, der Bogen für mich längst überspannt.

Dennoch ist der Roman empfehlenswert, wenngleich mich die Gedichte und auch die Erzählungen von Sandig mehr ansprechen. Schon der Sprache wegen, aber auch wegen der vielen Auslassungen, die einen dazu bringen Lücken selbst zu füllen. Trotz des Themas, gerade wegen der mitunter feinen zarten Bilder von der Traurigkeit, der Hoffnung, die aus diesen Übergriffen, aus dieser Vernachlässigung der Menschlichkeit hervorgeht, ist dieses Buch so packend.

Das Buch erschien im Schöffling Verlag.
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs letteratura und leseschatz .

Zudem gibt es zwischen den durchweg positiven Stimmen im Feuilleton auch auf Deutschlandfunk Kultur die kritische von Sigrid Löffler, die sozusagen mit mir, einer Bloggerin im Internet(!), übereinstimmt, was die Überreizung des Themas Gewalt angeht.

Meena Kandasamy: Schläge CultureBooks

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Meena Kandasamys zweiter ins Deutsche übersetzte Roman ist nach „Reis & Asche“ wieder eine bemerkenswerte Lektüre. Die 1984 in Chennai, Indien geborene, in London lebende Autorin schreibt Lyrik und Prosa und ist feministische und politische Aktivistin. Außerdem ist sie promovierte Linguistin und so lebt ihr Schreiben von der Auseinandersetzung mit Sprache. Es ist ein starke kluge Stimme und ich wünsche dieser Autorin sehr viele Leser*innen.

Die namenlose Ich-Erzählerin hat sich aus ihrem Elternhaus befreit, um studieren zu können, was in Indien als Frau nicht unbedingt leicht ist. Sie studiert Literatur und Sprache und fühlt sich wohl mit der neuen unabhängigen Situation. Sie ist belesen und klug. Als sie einem etwa doppelt so alten bekannten Politiker begegnet, verliebt sie sich. Beide beginnen eine Liebesbeziehung, die jedoch immer heimlich bleiben muss. Die Karriere des Mannes steht im Vordergrund. Eine Heirat, um gleichwertig an seiner Seite stehen zu können, ist jedoch von ihm nie beabsichtigt. Es kommt zur Trennung und sie zieht nach Abschluß des Studiums wieder zuhause ein.

Viel zu überstürzt begibt sie sich dann in eine Ehe mit einem Universitätsdozenten. Sie glaubt, dass dieser offensichtlich gebildete Mann mit ihr auf einer Augenhöhe steht. Hier scheint sie gleichberechtigt zu sein. Doch es kommt ganz anders.

„Dass ich mich den Wünschen meines Mannes füge, lässt mich wie eine Frau erscheinen, die aufgegeben hat. Aber ich weiß, das es mir dieser Aufzug möglich macht, die Rolle der guten Hausfrau zu spielen. Nichts Lautes, nichts Auffälliges, nichts Schönes. Ich soll aussehen wie eine Frau, die niemand ansehen möchte, oder genauer, die niemand überhaupt sieht.

Sie lebt nun wie eine Gefangene, versucht zu schreiben, denn sie ist Autorin. Bekommt immer mal wieder Aufträge von Zeitschriften. Doch in erster Linie ist sie nun Hausfrau, die dem Ehemann das Leben leicht macht, abends mit dem Essen auf ihn wartet. Zwar darf sie mit ihm über den kommunistischen Klassenkampf in Indien diskutieren, über das marxistische Manifest, über Maoismus, doch das letzte Wort, wird sie nie bekommen. Der Mann hat recht. Wie sie nach und nach jede Selbstbestimmung verliert, wie sie nur noch begrenzten Internetzugang erhält, wie ihr Ehemann ihre Mails beantwortet, später alle löscht, wie er ihr Telefon einbehält und beim kleinsten Anlass eifersüchtig wird, das ist einfach nur ein Albtraum. So schreibt sie etwa Briefe an imaginäre Liebhaber, die sie wieder komplett löscht, bevor der Mann nach Hause kommt. Alles, was sie sagt oder tut, kann eine Falle sein.

„Als ich in die Realität zurückschalte, macht sich ein Teil von mir über die Möglichkeit lustig, dass er tatsächlich so weit gehen könnte, mich umzubringen. Andererseits hätte ich noch vor vier Monaten über die Vorstellung gelacht,von einem Mann geschlagen oder von meinem eigenen Mann vergewaltigt zu werden.“

Von Prügel über Vergewaltigung bis zur Androhung sie umzubringen. Im öffentlichen Raum setzt sich dieser Mann in Szene, als wäre er ein liebender Ehemann. Die Telefonate, die die Heldin mit ihren Eltern führt, zeugen von unfassbar veralteten traditionellem Rollenverhalten. Doch nach dem zweiten Mordversuch verlässt sie ihn und schafft es sogar ihn anzuzeigen. Dann beginnt der lange Weg der Heilung, die Entdeckung einer neu gewonnenen Unabhängigkeit.

Wie Kandasamy das erzählt, wie sie zurückblickt und immer wieder nur Ausnutzung und Missbrauch sieht, den ihre Protagonistin durch Männer erlebt hat, ist beeindruckend. Sie schildert all dies nicht im Opferton sondern mit klarer direkter Stimme. Ihr Buch kritisiert die Zustände, auch besonders die von „dunklen“ Frauen. Dies ist kein Liebesroman, kein Bollywood-Film, dies ist nackte Realität. Mir wird es immer unverständlich bleiben, wie an sich gebildete Männer im 21. Jahrhundert noch immer glauben, sie wären die Krone der Schöpfung und hätten das Recht ihre Frauen zu verprügeln, zu vergewaltigen, klein zu halten. Wie stark diese überholten traditionellen Rollen immer noch mancherorts das Leben von Frauen bestimmen, ist unfassbar und inakzeptabel. Ein wichtiges Buch!

„Schläge“ von Meena Kandasamy erschien im CultureBooks Verlag. Übersetzt aus dem Englischen hat es Karen Gerwig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Inès Bayard: Scham Zsolnay Verlag

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Inès Bayard hat mit ihrem Debütroman einiges gewagt. Sie hat über eine Vergewaltigung und deren Folgen geschrieben und zwar in so direkter schonungsloser Weise, dass es manchmal schwer war weiterzulesen. Ihre Hauptperson macht eine furchtbare Erfahrung, die in ihrem bisher so sicheren und behüteten Leben, alles, aber auch alles verändert und zerstört. So geht es auch weniger um die Tat, als um das Danach, die inneren Vorgänge, das Wie weiter?. Dieser Roman ist kein `schönes´ Buch. Es ist ein belastendes Leseerlebnis in drastischer Sprache und doch kann ich mich als Leserin mit der Autorin und ihrer Protagonistin solidarisieren. Ich kann ihre Tat, mit der der Roman wie ein Paukenschlag beginnt, nicht einmal wirklich verurteilen.

Marie ist Anfang 30, lebt in Paris, hat einen guten Job in einer Bank und ist glücklich verheiratet mit Laurent, einem aufstrebenden Rechtsanwalt. Beide wünschen sich ein Kind. Doch eines abends wird sie von ihrem obersten Vorgesetzten brutal vergewaltigt. Er droht ihr, ihrer beider Karriere zu beenden, falls sie darüber spricht. Damit beginnt Maries Martyrium, denn sie erzählt ihrem Mann nichts, geht nicht zur Polizei, verbirgt alles vor Freunden und der Familie, geht wieder zur Arbeit. Nach außen hin versucht sie alles zu tun, um sich nichts anmerken zu lassen. Doch wir Leserinnen erfahren, wie es in ihr drin aussieht, wie der geschundene Körper und die verletzte Seele Maries Leben vollkommen verdüstern.

„So steht die Frau still wie eine Klomuschel, damit der Mann sein Geschäft in sie hineinmachen kann“. Dieser Satz der Autorin Elfriede Jelinek fällt ihr plötzlich wieder ein. Jahre vor ihrer Vergewaltigung hatte ihr jemand den Roman „Lust“ geliehen. Sie erinnert sich, dass sie ihn nicht zu Ende gelesen hat. Sie fand ihn schockierend, ungerecht, ekelhaft, diesen Satz ganz besonders. Eine blöde Feministin. Heute sieht sie das anders.“

Als sie schwanger wird, ist sie sich sicher, dass das Kind von ihrem Vergewaltiger ist. Sofort beginnt sie dieses in ihr entstehende Leben zu hassen und zu bekämpfen. Mehrfach versucht sie das Kind vor und nach der Geburt zu töten, doch es gelingt nicht. Lieben kann sie es nicht, sie vernachlässigt es. Am Größten aber ist ihr Selbsthass. Ihre Psyche erkrankt, manchmal weiß man als Leser*in nicht mehr ob es noch wahr oder schon Wahn ist, was Marie erlebt. Dass weder ihrem Mann, noch der nahe stehenden Familie die Veränderung von Maries Wesen auffällt, finde ich jedoch nicht ganz glaubwürdig, denn es würde von wenig Sensibilität und Aufmerksamkeit zeugen. Dass keiner den bald auch körperlichen Verfall, die tiefe Depression wahrnimmt, wäre dann ein bitteres Zeugnis dafür, wie wenig oft nah zusammen lebende Menschen einander wirklich sehen. Andererseits gibt es womöglich solche Familien, die nicht sehen wollen, die ihre heile Welt aufrecht erhalten wollen, um jeden Preis.

Doch langsam bricht sich die Wahrheit ihre Bahn, endlich!, denke ich als Leserin. Maries Schwester liest zufällig eine ihrer Mails und erfährt von der Vergewaltigung und den inneren Kämpfen Maries. Doch statt sie zu verstehen und ihr zu helfen, wendet sie sich ab. Und auch Laurent fällt aus allen Wolken, als er Teile eines Telefonats Maries mit ihrer Schwester mitbekommt, jedoch dann ganz falsche Schlüsse daraus zieht …
Ein enormes Debüt, ein wichtiges Buch!

Der Roman erschien im Zsolnay Verlag und wurde von Theresa Benkert übersetzt. Ein aufschlussreiches Interview mit der 1992 geborenen Französin, die zur Zeit in Berlin lebt gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hanne Ørstavik: Die Zeit, die es dauert Karl Rauch Verlag

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Es ist nun das dritte Buch von Hanne Ørstavik nach „Liebe“ und „So wahr, wie ich wirklich bin“, dass ich lese. Jedesmal fängt alles so still und harmlos an und dann fächert die Autorin nach und nach die ganzen dunklen Seiten ihrer Protagonisten und deren Lebenswelt auf. Und aus ist es mit der idyllischen Harmonie. Keiner kann das besser als sie.

Die Norwegerin Hanne Ørstavik, die selbst ganz oben im Norden geboren wurde, in einer Gegend, die nah an Finnland, aber auch an Russland grenzt, in der auch die samische Kultur lebt, weiß, was Dunkelheit ist. In einer Gegend, in der es im Sommer nicht dunkel und im Winter nicht hell wird scheint das Leben generell anders, als wir es hier kennen und bringt womöglich auch diese sehr spezielle Art von Literatur hervor.

Es ist die Vorweihnachtszeit, in der die Geschichte spielt. Die junge Signe ist mit der kleinen Tochter und ihrem Mann aufs Land gezogen. Die Eltern, speziell die Mutter, wünschen sich, dass sie mit der Familie an den Weihnachtstagen zu Besuch kommt, denn Weihnachten ist das extrem aufgeladene Fest der glücklichen Familie. Signe weigert sich. Sie möchte allein mit Mann und Kind sein.

Als mir zum ersten Mal der Gedanke gekommen war, dass es möglich sei, Weihnachten für uns allein zu haben und diese schweren, wunden Tage zu umgehen, Weihnachten auf unsere Weise zu feiern, als mir klar wurde, dass dies tatsächlich möglich war, dass ich eine Wahl hatte, […] dass ich tatsächlich Nein zu etwas sagen konnte, […] hatte ich eine unglaubliche Erleichterung empfunden, ich hatte mich so mächtig gefühlt.“

In vielem fühlt sie sich überfordert in dem alten Haus, in dem noch viel gemacht werden muss. Das liegt jedoch vor allem an ihrem Perfektionismus, an dem „alles muss schön und harmonisch sein“, dass sie von Kindheit an gehört hat. Das jedoch erfahren wir erst im Laufe des Romans und zwar Stück für Stück. Ahnungslos gehen wir in diese Geschichte hinein und werden nach und nach zum Zeugen einer vollkommen zerrütteten Ehe und einer zerrissenen Kindheit.

„Etwas war passiert und sie hatte nicht aufgepasst, sie hatte einfach geschlafen, und da war die Mutter ganz allein gewesen. Signe dachte, dass sie aufmerksamer lauschen musste, um beim nächsten Mal rechtzeitig aufzuwachen.“

In den Rückblenden wird aus der Sicht der 13-jährigen Signe erzählt, der gläubigen, die sich auf Weihnachten freut, gerade erste Liebeserfahrungen macht und die sich nur wünscht, dass die Eltern gut miteinander sind. Doch der gewalttätige Vater, der eine psychiatrische Klinik leitet und die Mutter, eine Sozialarbeiterin, können eigentlich nicht mehr miteinander und schaffen es trotzdem nicht auseinander zugehen. Besonders der Vater hat ein überhöhtes Bild davon, wie eine Familie zu leben hat, wie sie perfekt zu funktionieren hat. Die Mutter wünscht sich weg in den Süden, wo es mehr Licht und mehr Lebendigkeit gibt. Die obligatorischen gemeinsamen Abendessen, die dem Zusammenhalt förderlich sein sollen, werden oft zum Tribunal, der übermächtige Vater als Ankläger der „schuldigen“ Mutter, der seine Frau sogar vor den Kindern schlägt. Signe versucht, immer wieder hoffnungsvoll, zu vermitteln, übernimmt viel zu viel Verantwortung für ihr Alter, sie und der Bruder versuchen auszuhalten, was nicht auszuhalten ist.

„Ihre Stimme war scharf. Signe schüttelte den Kopf. Sie wusste, dass sie nicht darüber reden durfte. Niemand durfte etwas wissen. Dann wäre alles ruiniert, alles würde zerspringen und auseinanderfallen, die ganze Familie, alles.“

Signe verliert sich oft in Erinnerungen von Sommerferien in der eigenen Hütte in den Bergen, in denen vermeintlich noch alles gut war. Doch auch hier zeigten sich schon die Brüche.

Die Kunst der Autorin liegt darin, uns zunächst ganz im Unklaren zu lassen, worum es genau in ihrem Roman geht. Dann ganz still und leise, zunächst nur in Andeutungen, legt sie eine Spur, um dann nach und nach das ganze Ausmaß aufzuzeigen. Bedeutsames liegt oft zwischen den Zeilen, jenseits der Worte. Am Ende des Buchs, vielleicht sogar erst Minuten später kommt die Erschütterung und weicht so schnell nicht wieder. Es ist schwer zu erklären, wie sie das macht, wie sie immer und immer wieder mit ihren tiefen Geschichten und ihrer dichten Sprache überrascht und ja, mitunter auch schockiert. Nordlichtleuchten!

Der Roman erschien, wie alle von Hanne Ørstavik im Karl Rauch Verlag (ja, genau, der mit dem Kleinen Prinz) in wunderschöner Ausstattung: Haptisch, der blaue Einband, feines Papier und farblich passende Fadenheftung. Übersetzt hat es Andreas Donat. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lina Atfah: Das Buch von der fehlenden Ankunft Pendragon Verlag

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Die 1989 geborene Lina Atfah kommt aus Syrien. Sie studierte arabische Literatur, kam 2006 wegen ihres Schreibens mit dem Gesetz in Konflikt und durfte 2014 aus dem Land ausreisen. Seither lebt und schreibt sie in Deutschland. Lisa Atfah ist unter anderem auch Teil des tollen Projekts „Weiter schreiben“, welches ich hier schon mit dem Buch „Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt“ vorgestellt habe. Die Initiative der beiden Schriftstellerinnen Annika Reich und Lina Muzur hinterfragt, wie sich Schriftsteller und Dichter fühlen, wenn sie nicht nur aus der Heimat sondern auch aus der Muttersprache geworfen werden. So ist dieser Band auch zweisprachig, arabisch im zweiten Teil, und wurde von mehrerern Übersetzern übertragen.

“ – Was macht die Sprache?
Sie gibt dir einen Spiegel, damit du in großer Stille deine
Einsamkeit betrachten kannst
– Wo gehe ich mit meinen Gedichten hin?
Hebe ein kleines Grab in deinem aus Kissen und schlaf, damit
deine Träume wahr werden“

Herausgekommen ist ein intensiver, hoch komplexer Lyrikband. Lina Atfah umkreist sich selbst und schaut in den Spiegel. Sie seziert ihre Gedanken, ihr unablässiges Denken, über das was war und das was daraus entstanden ist. Atfah bedient sich einer märchenhaft fabulierenden Sprache, während sie gleichzeitig von Flucht, Gewalt und Tod spricht. Wie sonst könnte man darüber schreiben? In einem ihrer Verse schreibt sie jedoch auch, das es lange gedauert hat, bis diese Gedichte entstehen konnten.

„ich ordnete die Dinge meines Herzens
das Schreiben gehorchte mir nicht
meine Sprache umarmte meinen Wunsch nicht
meine fernen Erinnerungen beugten sich über meine
Gegenwart
sie taumelte und verneigte sich“

In diesen Gedichten finden wir vor allem Abschied und Verlust. Erinnerungen an eine bessere Zeit gehören dazu, die Kindheit, jedoch sehr begrenzt. Viel mehr Raum nimmt das Thema Vertreibung ein. Der IS bedroht die Bevölkerung, besetzt syrische Städte und Dörfer und richtet Massaker an. So schreibt Atfah auch ein Gedicht konkret über den Überfall auf ein Dorf, in dem Verwandte wohnen. Aus diesem Ort wird ein Schlachtfeld. Der Tod erhält eine Stimme, das Leid. „Willst du den Apfel des Neins? Oder ein Paradies im Nichts?“.  Die Sprache bricht.

„Die Kriege ändern sich nicht
die Angst räumt alle Dinge auf
die Zivilisation formuliert die Bilder neu
Hunger ist Totschlag, der die Hände nicht befleckt
wie üblich sind die Gedichte bestürzt, doch nicht auf der Höhe
ihrer Helden“

Atfah schreibt aber auch über alte arabische Mythen. Sie ist darin tief verwurzelt, findet aber einen eigenen zeitgemäßen Ausdruck dafür. Sie verleiht auch den Frauen eine Stimme, betrachtet deren Leid und Unfreiheit. Sie schenkt ihnen eine Rose. Ihre Sprache ist Schwert und Liebkosung zugleich und ich staune voller Anerkennung.

Was Lina Atfahs Sprache vermag, ist unglaublich. Es ist eine sehr besondere Art, ein sehr besonderer Blick, sehr persönlich, auf die entsetzlichen Geschehnisse in Syrien und gilt auch für all die anderen schrecklichen Kriegsschauplätze. Wer diese Verse liest, kommt vom Denken ins Fühlen …

Im Vorwort schreibt Nino Haratischwili, die durch ihren großen Georgien-Roman „Das achte Leben“ sehr bekannt wurde, wie sie durch Annika Reich in Kontakt mit Lina Atfah kam und von deren ausdrucksstarken Gedichten begeistert war. Auch sie kannte aus Gesprächen mit ihrer Großmutter die Zensur der Schreibenden. Gedichte jedoch, machten es oft möglich verschlüsselt doch zu schreiben, was eigentlich unmöglich war. Auch Lisa Atfahs Gedichte fielen unter die Zensur. Nun hat sie hoffentlich eine neue literarische Landschaft hier in Deutschland  gefunden.

Der Band „Das Buch von der fehlenden Ankunft“ erschien im Pendragon Verlag. An Übersetzung und Übertragung beteiligt waren folgende Autoren: Dorothea Grünzweig, Mahmoud Hassanein, Brigitte Oleschinski, Hellmuth Opitz, Christoph Peters, Annika Reich, Joachim Sartorius, Mustafa Slaiman, Suleman Taufiq, Julia Trompeter, Jan Wagner, Kerstin Wilch, Osman Yousufi. Eine Leseprobe gibt es hier
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.