Hans Joachim Schädlich: Die Villa Rowohlt Verlag

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Nach „Felix und Felka“ über das Künstlerpaar Nussbaum/Platek folgt nun ein Roman, der ein Haus in den Mittelpunkt stellt. In „Die Villa“ zeigt sich auch wieder die große Meisterschaft, die Hans Joachim Schädlich beherrscht: Die Kunst der Verknappung. Schmale Bände sind es mit kurzen Kapiteln. Doch immer wiegen sie mindestens doppelt so schwer. Denn das was der Autor nicht mitteilt, liest sich aus den Zusammenhängen dennoch heraus und verbindet sich zu einer komplexen Geschichte. Mehr und mehr erinnert mich diese Schreibart auch an Eric Vuilards (z.B. „Tagesordnung“) Herangehensweise.

Schädlich erzählt aus der Lebensgeschichte einer Familie im Vogtland, die durch strebsames Arbeiten und Wirtschaften zu Vermögen gekommen ist. Seine Geschichte umfasst den Zeitraum anfangs der 30er Jahre bis zu den Anfängen der DDR. Die Gründerzeitvilla mit großem Landschaftsgarten, die 1890 erbaut wurde wird in einem Prolog vorgestellt und auch das Schlußkapitel ist ihr wieder gewidmet. Zwischendrin begleiten wir die Mitglieder der Familie Kramer, die das Haus 1940 beziehen. Bereits das erste Kapitel, in dem Elisabeth Kramer „sich vorstellt“, legt den Grundstein für ein falsches Leben im Richtigen.

„Ich wollte keine Kinder“, sagte Elisabeth Kramer. „Ich wollte nicht heiraten“. Ich wollte nach der Volksschule in Oberheinsdorf was Soziales lernen und wollte in die Welt. Aber mein Vater hat nur die Jungs was lernen lassen, die gar keine Lust dazu hatten.“

Doch 1931 mit 18 Jahren „muss“ sie den Hans heiraten, kurz darauf kommt das erste Kind. Hans kommt aus einer Drogistenfamilie und steigt beim Schwiegervater in den Wollgroßhandel ein. Gleichzeitig wird er als NSDAP-Mitglied Ortsgruppenleiter der kleinen Stadt und die Familie wächst. Die Kinder, 3 Jungs und ein Mädchen, leben direkt in die von den Nazis geschaffenen Strukturen hinein, werden Pimpfe, später schickt man sie in die NAPOLA. Das Ehepaar verfolgt scheinbar nur am Rand mit, wie sich die Situation in Deutschland verändert, wie das angrenzende sudetendeutsche Gebiet übernommen wird, wie der Krieg erklärt wird, wie der einzige Jude im Ort, der Doktor, aus dem Alltagsleben verschwindet, wie einer von Elisabeths Brüdern, der psychisch krank ist, in einer Heil-und Pflegeanstalt plötzlich verstirbt. Der Garten der Villa wird neuerdings von einem französischen Zwangsarbeiter in Schuss gehalten. Die Familie lebt im Wohlstand, es gibt Auto und Dienstmädchen, scheint von der Verfolgung der Juden nichts mitzubekommen, hat auch in der Zeit während des Kriegs zunächst keinerlei Mangel. Der aufgrund einer Herzschwäche vom Wehrdienst befreite Hans fährt sogar mehrmals zur Kur quer durch Deutschland. Nur bruchstückhaft dringen die schrecklichen Geschehnisse auch in die Familie ein.

Nach Hans Tod durch Herzversagen 1943 zeigt sich Elisabeths soziale Stärke. Sie schafft es, als deutlich wird, dass der Krieg bald verloren sein wird, das Haus, ihre Eltern und die Kinder durchzubringen und später beim Einmarsch der Amerikaner sogar Unterstützung zu bekommen. Dennoch entscheidet sich sie nach deren Abzug die Heimat nicht aufzugeben, obwohl nun das Gebiet nach der Aufteilung der Alliierten an die Russen fällt …

Alles liest sich vollkommen natürlich, würde man diese Geschichte nicht mit dem heutigen Wissen lesen. Schädlich konstruiert das sehr geschickt. Er lässt den Krieg und die Gräueltaten der Nazis nur in ganz geringen Dosen in die im Kleinen heile Familienwelt einfließen, setzt bewusste Akzente. Erklärt nicht viel, lässt die Leser in der eigenen Vorstellung dieses Familienlebens treiben. Einzig der liebenswerte kleine Sohn Paul kommt einem hier als Persönlichkeit näher und steht vielleicht auch stellvertretend für die erschreckende Naivität der Bewohner dieser „normalen“ Familie im ländlichen Vogtland. Große Empfehlung!

„Die Villa“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Hans Joachim Schädlich: Felix und Felka Rowohlt Verlag

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Hans Joachim Schädlich ist ein Meister der kurzen Form. Vielfach wendet er sich historischen Themen zu („Sire, ich eile“ – Voltaire bei Friedrich II), fokussiert aber immer einen kleinen Ausschnitt und setzt ihn ins Bild. Im neuen Roman geht es um den jüdischen Maler Felix Nussbaum und seine Gefährtin Felka Platek.

Felix und Felka befinden sich 1933 in Rom. Felix hat ein Aufenthaltsstipendium der Villa Massimo. Zur gleichen Zeit arbeitet auch Arno Breker, der zukünftige Haus- und Hofbildhauer und Architekt Hitlers in einem der Ateliers. Zum Eklat und zur unerwartet frühen Abreise des Malerpaares kommt es, als ein Stipendiat, der sich eindeutig auf seinen Antisemitismus beruft, Felix tätlich angreift. Diese Situation steht symbolhaft gleich zu Beginn und weist auf das was künftig geschieht.

Von da an ist das paar ständig unterwegs. Nach Deutschland zurückzugehen wäre inzwischen zu riskant. So pendeln sie als Emigranten zwischen der italienischen Riviera, der Schweiz, Ostende, wo sie auch James Ensor treffen, und Brüssel, wo sie schließlich eine kleine Wohnung beziehen und 1937 heiraten.

Hier verfolgt der Leser zunächst vor allem den Briefwechsel zwischen Felix Nussbaum und der Familie Klein in den USA, die für Felix Bilder verkauft. Doch die Klientel will nur freundliche heitere Bilder, eine Herausforderung für den Maler, für den die Zeit alles andere als rosig ist. Und so hält sich das Paar zusätzlich mit Porzellanmalerei über Wasser. Die schlechten Vorzeichen häufen sich. Deutschland im Krieg gegen Polen: Felka sorgt sich um die Eltern in Warschau. Deutschland besetzt Belgien. Wohin nun?

„Jetzt sind wir in Bruxelles, wo morgen? Aber das ist ja nicht wichtig, zu neugierig darf man nicht sein. Aber ich glaube, dass wir hierbleiben. Das Wanderns Lust ist ja die des Müllers. Ein Nussbaum hat ruhig auf einem Fleck zu stehen.Hoffentlich trägt sein Baum mal Früchte.“

Eines Tages wird Felix abgeholt und in ein Internierungslager in Südfrankreich gebracht. Erst bei einer Verlegung gelingt Felix und einem Bekannten die Flucht. Sie schlagen sich durch zurück nach Brüssel. Freunde bieten eine winzige Wohnung an, bieten im Verlauf an bei ihnen zu wohnen. Doch sie werden gefunden. Man bringt sie nach Mechelen, von wo aus die Deportationen in den Osten geplant werden. Felix Nussbaum und Felka Platek werden 1944 in Auschwitz ermordet. Belgische Bekannte versteckten Gemälde, die somit erhalten blieben und teilweise heute im Felix-Nussbaum-Haus in Osnabrück zu sehen sind.

Schädlich gelingt trotz oder vielleicht wegen aller Verknappung ein intensives Porträt der beiden Künstler. Vor allem auch, weil er sich ins Private vorwagt, etwa die Konkurrenz zwischen beiden andeutet und Felkas Probleme mit der Schwiegermutter aufzeigt, der sie nicht genügt, weil sie eine „Ost-Jüdin“ ist.

Der kurze Roman macht neugierig, mehr über die beiden zu erfahren. Dazu bietet sich das Buch „Orgelmann“ von Mark Schaevers an, erschienen bei Galiani, dass ich aufgrund seiner Informations- und Bilderfülle sehr empfehle.

„Felix und Felka“ erschien im Rowohlt Verlag. Eine Leseprobe und mehr über den Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.