Angela Lehner: 2001 Hanser Berlin Verlag

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Nach ihrem Debüt „Vater unser“ erschien nun Angela Lehners neuer Roman „2001“. Es ist ein sehr junger Roman, zumindest strotzt er nur so von Jugendsprache und die am häufigsten verwendeten Worte sind „Fick dich“, „Fuck“ und „Alter“. Nichts desto trotz passt eben genau diese Sprache zum Inhalt, zu den „vergessenen“ Jugendlichen in einem Ort namens Tal in Österreich. Tal heißt auch der fiktive Ort, in dem die Geschichte spielt, in den sommers wie winters die Touristenhorden einfallen, die damit jedoch auch den ein oder anderen Arbeitsplatz sichern, wenn schon der größte Arbeitgeber, die Milchfabrik, weil sie nicht mehr rentabel war, schließen musste.

„Unsere Stadt heißt Tal und das ist alles, was man wissen muss.“

Die Geschichte erstreckt sich etwa über die Dauer eines Schuljahrs, beginnend mit Jänner. Die Hauptfigur Julia geht in die letzte Klasse der Hauptschule im Ort. Ihre Klasse wird auch unter der Hand „der Restmüll“ genannt. Doch ihre Interessen gelten nicht den Schulfächern, sondern vor allem der Rap-Musik. Mit ihrer Clique, „die Crew“ genannt, zieht sie an Wochenenden durch die Kneipen, soweit dort erwünscht, oder eben an die diversen anderen Treffpunkte am Wasserfall oder im Keller eines der Crewmitglieder. Julia schwänzt oft die Schule, sitzt zuhause vor der Glotze und trinkt Fertigcappuccino und ist Käsebrot. Ihr Bruder ist ehrgeiziger, er will studieren und auch andere aus der Crew, wie etwa Bene haben Ideen, wie die Zukunft aussehen könnte. Sie versuchen Julia wiederholt beim Lernen zu helfen, doch Julia drückt sich immer wieder.

Auch als der Geschichtslehrer im Unterricht ein Experiment ausprobieren möchte, ist Julia mehr oder weniger die Einzige, deren Interesse nicht geweckt wird. Das „Experiment“ war auch das, was mich an diesem Roman anfangs am meisten gelockt hat. Ich dachte an so etwas wie in „Die Welle“. Tatsächlich aber geht es um wichtige Personen aus der Zeitgeschichte und deren Darstellung durch die Schüler. Nicht ganz so spektakulär und doch schafft es der Lehrer das Interesse vieler Schüler zu wecken und einige beweisen großen Einfallsreichtum, ja ausgezeichnete Schauspielkunst. Dass das Experiment letztendlich dem Lehrer als Profilierung dienen soll, stößt bitter auf.

Die Beziehungen der Klasse untereinander verändern sich in diesem Schuljahr, so wie das in diesem Alter wahrscheinlich immer ist. Erste Verliebtheit kommt ins Spiel, oder zumindest das Schwärmen für den oder die. Julia ist heimlich verliebt in Tarek (der mitunter auch Rassismus zu spüren bekommt). Doch ihre beste Freundin Melli ist die Auserwählte, nachdem sie Julias Bruder einen Korb gegeben hat. Einer aus der Clique driftet weit nach rechts ab, einer outet sich als schwul. Ein Konzert der Lieblings-HipHop-Gruppe steht im Ort an und Julia sieht und bekommt ihre Chance, sich als Rapperin in der Öffentlichkeit zu zeigen. Als Höhepunkt der Geschichte zeigt sich schließlich die gewalttätige Eskalation zwischen einer rechten Gruppe und Teilen der „Crew“, bei dem Melli und Julia sich nicht unterkriegen lassen und dennoch auf der Polizeiwache landen. Die Vorkommnisse schweißen sie allerdings wieder eng zusammen.

Und immer schwebt die Atmosphäre der Verlorenheit über der Geschichte. Denn es ist trotz kleiner Bewegungen im Freundeskreis kaum Veränderung in Sicht und es bleibt eben nur wenig Spielraum für neue Wege. Wer hier aufwächst, hat es schwer. Wer hier im Ort, in diesem Viertel bleibt, verfällt in Stagnation und gibt auf. So wie Julias Mutter, die im ganzen Roman unsichtbar bleibt und erst in der Schlussszene auftaucht, aber auch da nur als Schatten vor dem Fernseher, vor dem Schatten des Attentats am 11.9.2001 in New York auf die Zwillingstürme.

„Die Schule ist vorbei. Jedes Unglück ist passiert und meine Welt ist zum Stillstand gekommen. Hier ist sie also: meine Zukunft.“

Angela Lehner trifft mit ihrem Erzählton immer wieder ins Schwarze. Trotz der rauen ruppigen Sprache gibt es immer wieder Stellen, die zum Totlachen sind, auch wenn sie teils zugleich sehr traurig sind. Und auch die Hauptfigur ist trotz ihrer jugendlichen Rotzigkeit oder vielleicht gerade deshalb eben irgendwie auch sympathisch.

Das Buch erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Doris Knecht: Die Nachricht Hanser Berlin Verlag

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Die Österreicherin Doris Knecht hat mich vor einigen Jahren mit ihrem Roman „Wald“ sehr begeistert. Auch „Besser“ gefiel mir. Mit „Alles über Beziehungen“ hat sie mich nicht so sehr überzeugt. Aber nun mit „Die Nachricht“ bin ich wieder dabei. Dieser Roman beleuchtet ein Thema, mit dem man eigentlich lieber nichts zu tun haben möchte, aber jede, die sich in Soziale Netzwerke begibt, könnte jederzeit ähnliches erleben. Cyber Mobbing sagt man wohl dazu, Stalking im Netz. So gut wie Vernetzungen hier funktionieren, können sie aber auch Menschen auf den Plan rufen, die nichts Gutes wollen, die anderen das Leben zur Hölle machen. Mit „Die Nachricht“ hat Doris Knecht ein brisantes Thema aufgegriffen und höchst spannend im Roman in Szene gesetzt.

Es geht um Ruth, deren Mann vor einigen Jahren gestorben ist, und die sich inzwischen mit ihrem Alleinleben ausgesöhnt hat, es sogar genießt. Es gibt im Haushalt noch den 15-jährigen Benni, Sohn Manuel ist bereits aus dem Haus. Doch auch ihre Stieftochter Sophie mit der neugeborenen Molly ist oft im Haus am Fluß im Grünen. Ruth kann überwiegend zuhause arbeiten, ihr Job ist Schreiben, Drehbücher und anderes. Um Freundinnen zu treffen fährt sie dann ab und an auch ins unweit gelegene Wien. Eines Tages erhält sie eine Email, in der unschöne Dinge über sie und ihren Mann stehen, dass er eine Affäre hatte z. B., was Ruth allerdings schon wusste. Sie vertraut sich Freundinnen an, vor allem Johanna, die sie schon ewig kennt, denn es bleibt nicht bei der einen Nachricht. Und die Nachrichten werden auch an Verwandte, ja an einen ihrer Arbeitgeber verschickt. Die meisten sagen dennoch, sie solle das einfach löschen und nicht weiter drüber nachdenken, irgendwelche Trolle eben. Das gelingt Ruth aber nicht so gut.

„Es fordert Leute heraus, wenn sie deine Stärke spüren und deine Unabhängigkeit, und manche von ihnen wollen dir das dann wegnehmen. Sie wollen dir zeigen, dass du gar nicht so stark bist und so unabhängig, wie du glaubst. Und sie beginnen ein Kräftemessen, ihre Kraft gegen deine, ohne dass du es merkst, und dann merkst du es.“

Glücklicherweise lernt sie in dieser Zeit einen Mann kennen, Simon, den ehemaligen Therapeuten ihres Sohnes Ben (Ben musste den tödlichen Skiunfall des Vaters quasi mit ansehen und benötigte Hilfe zum Verarbeiten). Die beiden treffen sich mehrmals und Ruth beginnt an eine neue Beziehung zu denken. Auch ihm erzählt sie von den immer ekliger werdenden Nachrichten. Doch Simon zieht sich oft zurück, findet Ausreden. Es kommt zu einer seltsamen On/Off-Beziehung. Allmählich merkt Ruth, dass ihr das nicht guttut und sie konzentriert sich wieder mehr auf ihre Familie und die Freunde. Wolf, ein guter Freund hat Krebs und sie beginnt sich um ihn zu kümmern. Und auch um Sophie und das Baby sorgt sie sich mit Hingabe. Als ihr die Idee kommt, dass die Freundin ihres Mannes die Nachrichten schreiben könnte, scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Viel später erst und mit Johannas Hilfe ergeben sich noch andere Verknüpfungen …

Doris Knecht schreibt fesselnd und entwirft ein Szenario, welches man wirklich nicht selbst erleben möchte. Dass Freundinnen, von denen Ruth glaubte, dass sie immer zu ihr stehen, plötzlich die Schuld bei ihr selbst suchen oder die Nachrichten klein reden wollen, dass man ihr rät, mal ein wenig zu entspannen oder eben wirklich etwas dagegen zu tun (Anzeige etc.), wenn die Nachrichten sie so sehr stören, ist für sie ein Schock. Wem kann sie eigentlich noch trauen? Auf wen ist Verlass?

„Was ich spürte: dass ich nicht nur allein war, ich war auf mich gestellt. Die Liste der Leute, auf die ich zählen konnte, war plötzlich viel kürzer geworden, sehr kurz. Ich musste es ab hier allein schaffen.“

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karin Smirnoff: Mein Bruder Hanser Berlin Verlag

Dass Karin Smirnoffs Roman ein Debüt ist (das sie erst mit 54 Jahren schrieb), merkt man ihm in keinster Weise an. Sowohl in ihrem individuellen Sprachstil, als auch mit der Geschichte selbst, ist ihr ein wirklich beeindruckendes Buch gelungen. Die 1964 geborene Schwedin siedelt ihre Geschichte im nördlich ländlichen Schweden an, in dem sich die Bewohner des Ortes alle kennen. Sie taucht damit tief ein in eine Lebensform, über die etwa Großstädter, die nie auf dem Land gelebt haben, nur staunen können. Hier scheinen noch archaische Grundstrukturen von Zusammenhalt und Zugehörigkeit zu herrschen, die man nur vom Dorf noch kennt. Doch was auch schön sein könnte, ist es eben bei den Hauptprotagonisten gerade nicht. Und geredet wird selten direkt, nur hinter vorgehaltener Hand.

„Dann fingen wir an zu reden. Wir redeten über alles außer das was uns kaputtmachte.“

Jana Kippo, um die 35, besucht nach langer Zeit ihren Zwillingsbruder Bror, der noch auf dem elterlichen Hof lebt. Eigentlich soll es nur über die Osterfeiertage sein, doch dann begegnet sie gleich bei der Ankunft im wenig frühlingshaften Schneesturm einem Mann, der sie fasziniert und alle Vorsätze ins Wanken bringt. Der Bruder, alkoholabhängig, die ungeliebte Mutter im Pflegeheim – eigentlich ein Grund gleich wieder in das Leben in der Stadt zurückzukehren. Doch Jana bleibt, nimmt einen Job bei einem mobilen Pflegedienst an und wird durch die Begegnungen mit den Pflegebedürftigen, die sie fast durchweg von früher kennt, immer mehr in die Kindheit und Jugend zurückgestoßen.

„All diese Namen. Mit den Alten war es genau dasselbe. Unendliche Erzählungen über Menschen. Lebende und Tote Bekannte und Unbekannte die irgendwas gesagt oder getan oder an irgendwas gestorben waren. Das weckte in mir sofort die Sehnsucht nach der Stadt.“

Nach und nach erfahren wir, warum alle Jana und ihren Bruder im Dorf so bekannt sind. Alle wissen von den Ereignissen auf dem Kippo-Hof, vom grausigen Tod des Vaters. Dass sich die Geschwister gegen den gewalttätigen, trinkenden Vater in solcher Form wehrten, scheint unglaublich. Doch immer mehr Abgründe tun sich auf, immer mehr Risse zeigen die Geschichten, die die Erinnerung beschwört. Immer mehr Lügen werden aufgedeckt. Niemandem ist zu trauen, nicht einmal dem eigenen Liebhaber.

„Ich konnte mir niemanden aus meiner Familie verliebt vorstellen. Wir waren keine liebende Familie. Wir waren einfach nur Erbgutträger die Nachfahren in die Welt setzten und taten was getan werden musste. Oft auf die denkbar schlechteste Weise und mit erbärmlichem Ergebnis.“

Smirnoff tut das in grundlegend anderer Weise, wie sonst solche Familiengeschichten aufgebaut sind. Schon in ihrer Sprache wird deutlich, dass hier ein anderer Ton vorherrscht. Die direkte Rede erfolgt ohne sie durch Satzzeichen kenntlich zu machen. Kurze Sätze ohne Kommas. Knallhart, unverschnörkelt. Und dabei doch mit einem eigenen unterschwelligen Humor, der der Geschichte die allzu große Schwere nimmt. Die Übersetzerin hat hier sicher Großes geleistet, da das Original offenbar auch mit Dialekt-Begriffen der Gegend um Västerbotten durchzogen ist.

Eine verlorene Tochter taucht auf und eine neue Schwester, die aber schon tot ist. Viele Menschen sterben in diesem Buch, aufgrund des Alters, der Einsamkeit, an schweren Erkrankungen. Und trotzdem gelingt es der Autorin, ihre Protagonistin immer wieder den Blick nach vorne zu werfen zu lassen. Jana Kippo ist, wie man im Laufe des Romans merkt eine Überlebenskünstlerin, die sich mit immenser Kraft, die sie auch aus der eigenen Kreativität schöpft, durch die alten seelischen Verletzungen und die immer wieder neu auftauchenden Widrigkeiten kämpft. Sie packt an. Den Bruder schickt sie in den Entzug, für die Pflegebedürftigen wird sie bald unentbehrlich, den Respekt der Männer im Dorf holt sie sich durch die Teilnahme an der Jagd, für die sie allerdings ihre eigenen Regeln aufstellt und ihren Liebhaber, der großflächige Bilder mit Motiven aus ihrer Kindheit malt, bringt sie dazu, sich für eine Ausstellung zu öffnen.

„Mein Bruder“ ist ein durchaus erschütterndes, familienpsychologisch jedoch hochinteressantes Buch, welches in mir gleich Resonanz erzeugte, zudem spannend wie ein skandinavischer Krimi. Ich hoffe sehr, dass die beiden weiteren, in Schweden bereits erschienenen Bände auch noch ins Deutsche übertragen werden. Dunkles Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag Berlin. Übersetzt hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.