Christina Hesselholdt: Vivian Hanser Berlin

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Als ich im Januar 2019 die Ausstellung „In her own hands“ mit Photographien von Vivian Maier (Foto siehe oben) sah, war ich überwältigt von der Fülle und dem genauen Blick der Künstlerin. Dass der größte Teil ihrer Fotos erst nach ihrem Tod entdeckt, ja entwickelt wurden, ist das Schicksal, das viele Künstler teilen. Das Leben der 1926 geborenen und 2009 gestorbenen Vivian Maier war nicht einfach, sehr unruhig, oft prekär und womöglich gab ihr die Photographie einen Grund da zu sein.


Die 1962 geborene dänische Autorin Christine Hesselholdt hat nun ein ungewöhnliches Lebensporträt geschrieben. Ich bin hin- und hergerissen von diesem Buch. Die Autorin geht ein Wagnis ein, mit dem ich nicht immer einverstanden bin. Dann wieder denke ich, wie sonst könnte man sich dieser Künstlerin nähern, von der ja nicht so viel autobiografisches Material zur Verfügung steht. Hesselholdt setzt einen allwissenden Erzähler ein. Dazu kommt Vivian selbst zu Wort, aber auch die Menschen, denen sie begegnet ist, wie etwa ihre wohlhabenden Arbeitgeber, als sie viele Jahre lang als Kindermädchen jobbt.

Hier übertreibt es die Autorin meinem Empfinden nach, indem sie Vivian als ein eher unzumutbares Kindermädchen schildert. Eine, die dem Kind brüsk befiehlt aufzuessen, unterwegs auf ihren Fototouren Süßigkeiten klaut, die es mitnimmt in den Schlachthof, damit es das wirkliche Leben kennenlernt. Ist das irgendwo aus Biografischem herauszulesen? Was hier Wahrheit und was Fiktion ist, bleibt ein Rätsel.

Der gesamte erste Teil spielt im Haus der Familie, in der Maier ab 1968 als Kindermädchen arbeitet. Immer wieder spricht hier Sarah, Mutter des Kindes und Hausherrin aus ihrem Leben und der Kindheit bei den Großeltern in Dänemark (Autobiografisches der Autorin?), was mich wenig interessiert. Und dann bin ich doch wieder eingenommen von der Sprache und den kreativen Einfällen der Autorin, wenn sie etwa Vivian als eine Art Messie schildert, wie es seinerzeit die wohlhabenden Gebrüder Collyer waren und damit bekannt wurden (wunderbar nachzulesen in E. L. Doctorows Roman Homer & Langley).

Im zweiten Teil beginnt der Erzähler (aka Autorin?) darüber nachzudenken, was er/sie überhaupt mit Fotographie anfangen kann, was Fotos zeigen, denn es scheint ja nichts als nur eine Momentaufnahme zu sein. Hier wird reflektiert, was Vivian Meiers beabsichtigte, wenn sie Bilder machte.

„Der Bäcker fragte: „Warum machen Sie so viele Fotos?“ „Haben Sie mitgezählt?“, antwortete ich. Darauf wusste er nichts zu sagen.“

Dann geht es rückwärts in der Zeit. Maria, Vivians Mutter hat sich vom Vater getrennt und zieht mit der kleinen Tochter bei der Porträtfotographin Jeanne Bertrand ein. Nach einer kurzen Zeit in Südfrankreich kehren die drei zurück. Nun erzählt überwiegend Vivian. Wir erfahren von der zerrütteten Familie und vom Werdegang Vivs. Zum Ende des Buches hin, verläuft der Text in eine Art Zwiegespräch zwischen Vivian und Erzähler.

„Ich fange mich nur selten lächelnd ein, aber heute war es der Fall: Ein Mann trug eine Scheibe vorbei, und ich fotografierte ihn von hinten, sodass ich mich im Glas spiegelte und es aussah, als würde er mich tragen.“

Vivian wird als forsche, wenig einfühlsame, etwas sonderliche einzelgängerische Person geschildert. Auch war sie an Männern, Frauen, Familie überhaupt nicht interessiert, ja generell waren ihr nähere Beziehungen wohl suspekt. Ist es das was die Autorin auf ihren vielen Selbstporträts erkennt? Sie wird als gesellschaftskritisch dargestellt. War sie das? Sind ihre Fotographien vor diesem Hintergrund entstanden? Tatsächlich schwand meine anfängliche Skepsis während der Lektüre mehr und mehr und ich empfinde nun den Roman als ungewöhnlich, aber höchst gelungen. Eine Biographie ist es jedoch nicht, eher eine Annäherung.

Ich habe mir begleitend den Band „Vivian Maier Street Photographer“ vom Schirmer & Mosel Verlag aus der Bibliothek geholt. Hier sind viele Fotos zu sehen, die Hesselholdt in ihrem Buch beschreibt. Offenbar hat sie sich auch intensiv mit diesem Band beschäftigt. Die Fotos, die in meinem Beitrag zu sehen sind, sind alle aus diesem Buch (bis auf ein farbiges Selbstporträt aus „Die Farbphotographien“, ebenfalls Schirmer & Mosel) und es sind alles jene beschriebenen Szenen.

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Übersetzt aus dem Dänischen hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

David Vann: Momentum Hanser Berlin Verlag

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Liest man David Vanns neuen Roman „Momentum“ und kennt seine vorigen Romane, spürt man, dass alles was zuvor geschrieben wurde auf dieses Buch hinausläuft. Man weiß dann auch, dass einige autobiographisch sind und imgrunde alle auf ein Thema zulaufen: den Suizid des Vaters des Autors.

„Kennt man Vanns Romane, sei es „Die Unermesslichkeit“, „Dreck“ oder „Im Schatten des Vaters“ erscheint „Aquarium“ zunächst um einiges zivilisierter. Alle Romane jedoch basieren auf dem genauen schonungslosen Blick auf menschliche Beziehungen mit all ihren Abgründen. Vater – Sohn, Ehefrau – Ehemann, Mutter – Sohn, immer geht es um Familienbande, die bedingungslos aneinanderketten, obgleich jegliche Liebe erzwungen zu sein scheint und es dann zur Eskalation kommen muss. Fast immer mit Gewalt.“

So schrieb ich in meiner Besprechung zu „Aquarium“. In Momentum geht es nun um eben jenen Moment, der zwischen jeder Zeit liegt und der vielleicht der eine ist/war, der das Leben hätte total verändern oder zum Positiven wenden können. Jedenfalls wünscht sich Hauptfigur Jim immer wieder an diesen Punkt, der für ihn jedoch nie einzutreten scheint. Jim ist depressiv. Leicht manische Phasen wechseln mit absoluten Tiefs. Der 39-jährige Vater von zwei Kindern, von deren Mutter er längst getrennt ist, kommt auf Anraten von Ärzten aus Alaska zu seiner Familie nach Kalifornien zurück. Jim hat sich als gut verdienender Zahnarzt Steuerschulden angehäuft und auch die zweite Ehe mit Rhoda zerbricht an seiner Untreue. Die Familie soll nun Hilfe leisten, rettend eingreifen, weil Jim suizidal ist. Wie das in den USA so ist, hat Jim, wie scheinbar jeder andere, eine Waffe. Und in Gedanken benutzt er diese nicht nur, um sich selbst umzubringen, sondern auch um die eigene Familie auszulöschen.

„Worauf es jetzt ankommt, ist herauszufinden, wie er nur zum Selbstmörder werden kann und nicht zum Massenmörder. Das ist das hohe Ziel, das Jim anstreben kann, der Ertrag eines Lebens voller harter Arbeit. Herzlichen Glückwunsch.“

Vann erzählt direkt und ohne Zurückhaltung von den Rache- und Gewaltphantasien, von der Maßlosigkeit eines Mannes, der nicht mehr ganz bei sich ist. Er erzählt aber auch von den inneren Nöten, von der familiären Prägung, der immer verschwiegenen indigenen Herkunft und von der Unsicherheit eines Mannes, der nirgends mehr Halt findet. Und er erzählt von den fantasiereichen Geschichten, die der Vater seinen Kindern auftischt, etwa die vom fliegenden Heilbutt auf dem Mond (engl. Originaltitel: Halibut on the moon). Der 13-jährige David (=Autor David Vann) und die 8-jährige Tracy himmeln ihren fast immer abwesenden Vater an und folgen gebannt, mitunter verstört seinen Geschichten und seinen sprunghaften Launen.

„Die Wahrheit ist, dass er gerade keinerlei Kontrolle über sich hat. Verschiedene Gefühle überwältigen ihn Tag und Nacht, immer ohne Warnung, ohne eine Ahnung, was als nächstes kommt. Keine Kontrolle zu haben ist erschreckend, ganz besonders vor seinen Kindern. Er will nicht, dass sie das mitbekommen.“

Die Besuche bei Eltern und Bruder, Exfrau und Kindern wirken auf Jim jedoch alles andere als stabilisierend, obwohl alle nach ihrem Empfinden das Beste geben. Das vom Arzt verordnete Medikament wirkt nicht schnell genug. Jims Aufenthalt gleicht einem Wettlauf mit sich selbst, einem ziel- und ruhelosem Treiben durch den Heimatort, einer Reise in die Vergangenheit. Einzig der Vater öffnet sich überraschenderweise kurzzeitig und lässt Nähe erkennen: er gesteht ihm, dass er selbst schon immer ein falsches Leben lebt, dass es schmerzt die eigene Abstammung von einem Cherokee-Vater fortwährend verheimlicht zu haben. Doch wie eine Depression eben ist, kann Jim die Worte nicht wirklich annehmen. Nach nur zwei durchwachten schmerzvollen Nächten kehrt er nach Fairbanks, Alaska zurück und nimmt die Waffe zur Hand …

David Vann gelingt es brillant, Erscheinungsformen der Krankheit Depression darzustellen. Mit großer sprachlicher Klarheit durchdringt er die ewige Sinnsuche und die Ratlosigkeit seines Helden angesichts dieser großen existentiellen Frage.

David Vanns neuer Roman erschien zum ersten Mal im Hanser Verlag und wurde von Cornelius Reiber übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Aris Fioretos: Nelly B.s Herz Hanser Verlag

Der 1960 im schwedischen Göteborg geborene Autor Aris Fioretos hat einen sprachlich meisterhaft gelungenen Roman geschrieben. Lange schon wollte ich einmal etwas von ihm lesen und habe mit „Nelly B.s Herz“ gleich einen Glücksgriff getan. Fioretos erzählt von Nelly Becker, die 1911 als erste Frau in Deutschland ihre Flugzeugführerlizenz erwarb. Er lehnt sich dabei an die reale Biografie der Amelie – Melli – Beese (1886 – 1925) an und ergänzt fiktiv die Zeit nach ihrer Fliegerlaufbahn in Johannisthal bei Berlin und vor ihrem Suizid 1925, über die man fast nichts weiß. Die Biografie Beeses selbst ist schon höchst interessant. Fioretos erzählt sie kurz als Anmerkung am Schluss des Buches.

„Der erste Pilot der Geschichte soll mit Schwingen aus Wachs zur Sonne aufgestiegen sein. Er ließ ein Labyrinth hinter sich, strebte nach offenen Himmeln. In dieser Sehnsucht nach Ungebundenheit erkenne ich mich selbst wieder. Als Mädchen habe ich niemandem erlaubt, mir zu helfen.“

Dem Autor ist es hervorragend gelungen, seine Hauptfigur im Kontext ihrer Zeit aufleben zu lassen. Er gibt ihr sehr viel Tiefe, Melancholie, aber auch eine kraftvolle Lebensfreude. Nelly wird in der Nähe von Dresden geboren, studiert Bildhauerei in Stockholm, bevor sie fasziniert von der Fliegerei mit dem Franzosen Paul Boutard im Fliegerhorst Johannisthal eine Flugschule gründet. Sie fliegt nicht nur, sondern kennt sich auch im technischen Bereich der Mechanik und Konstruktion bestens aus. Als selbständige Frau wird sie jedoch von den männlichen Kollegen oft schräg angesehen, sogar sabotiert. Nach dem 1. Weltkrieg, in dem Paul interniert wird und an Tuberkulose erkrankt, gelingt es ihnen nicht, die Schule erfolgreich weiterzuführen. Gleichzeitig bekommt Nelly die Diagnose einer Herzkrankheit. Sie darf nicht mehr fliegen.

Hier setzt nun die Haupthandlung ein. Nelly, die mittlerweile mit Paul verheiratet ist, trennt sich von ihm, nimmt eine Arbeit bei BMW Berlin an und verkauft Motorräder. Hier lernt sie Irma kennen. Sie verliebt sich in die wesentlich jüngere Frau und erlebt trotz des Flugverbots eine Zeit des Aufwinds, ein Gefühl der Verbundenheit, ja der Verschmelzung, dass sie bisher eigentlich nur oben am Himmel im Cockpit eines Flugzeugs fand. Nellys Herz soll genesen durch Ruhe und Medikamente und beginnt nun durch Irmas Anwesenheit weit zu werden. Im Erinnern an die Beziehungen zu zwei Freundinnen wird Nelly nun auch klar, dass sie bereits als junges Mädchen wusste, dass sie eine „Veilchenfrau“ ist. In der Erzählung der Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen zeigt sich auch die Sprachkunst und Sensibilität des Autors. Er verwendet im ganzen Text Wörter und Metaphern, die mitunter altmodisch anmuten, die aber perfekt zur Zeit und zu den beiden Frauen passen. Dabei spielt er mit Zahlen- oder Buchstabensymbolen, die Nellys komplexes Denken durchziehen.

„Ich muss an das Emblem der Flugschule denken. Sie und ich, einander zugewandt wie zwei Bs. Die Form eines perfekten Stundenglases.“

So musste ich das Wort „inklinieren“ suchen, was Fioretos mehrfach verwendet. Duden sagt dazu: „neigen; eine Disposition/eine Neigung haben, einen Hang/eine Tendenz haben, hinneigen, tendieren“. Das lässt sich nun natürlich hier auch für die Fliegersprache verwenden, nicht nur für die Zuneigung der beiden Frauen oder für die generelle Hinneigung von Frauen zu Frauen. Schnell bemerkt man, dass bei Fioretos Schreiben nichts dem Zufall überlassen wird. Die Geschichte lebt von gelungener Konstruktion, die aber niemals konstruiert wirkt, sondern vollkommen stimmig und leicht, was natürlich auch der großen Sprachsicherheit des Autors zu verdanken ist.

„Ob eine Frau sich nicht wie ein Mann verhalten könne, fragt Irma.
„Aber warum deshalb ein Mann sein wie ein Mann?“

Doch die Beziehung gestaltet sich nicht so einfach. Irma ist ein Kind ihrer Zeit, hat einen anspruchsvollen Job in einer Werbeagentur, will sich nicht festlegen, hat noch jemand anderen. Nelly erkennt das nur langsam und erkennt gleichzeitig was sie selbst will. Eine gemeinsame Flugreise, die sie eigentlich näher zusammen bringen sollte, stellt den Anfang vom Ende dar. Für Nellys Gesundheit zudem ein Desaster. Sie kann nicht mehr arbeiten, versinkt mehr und mehr in einer Welt von mal düsteren, mal klaren Wachträumen, hervorgerufen durch den Missbrauch drogenartig wirkender Medikamente. So wie die echte Fliegerin Mellie Beese, setzt sie ihrem Leben am 22.12.1925 ein Ende.

„Manchmal glaube ich, das ist der Sinn in allem: Als Mensch soll man sich mit seinem ganzen Sein nach außen und vorwärts strecken. Begrenzungen überwinden, dem Punkt entgegenstreben, an dem man endet – und sich danach an ihm vorbeibewegen.“

Aris Fioretos` komplexer Roman, der noch viel weiter reicht, als ich hier erzählen kann, ist für mich ein glückliches bleibendes Leseerlebnis gewesen. Aviatisches Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag und wurde von Paul Berf aus dem Schwedischen übersetzt. Eine Leseprobe und ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es hier. Der Roman steht außerdem vollkommen zurecht auf der Februar-Bestenliste des SWR.

Norbert Gstrein: Als ich jung war Hanser Verlag

Ein Roman über einen Tiroler Skilehrer in Wyoming, USA? Kann das was werden? Obwohl ich den 1961 geborenen österreichischen Autor Norbert Gstrein mit seinem letzten Roman „Die kommenden Jahre“ für mich entdeckte, war ich skeptisch. Doch das Lesen hat sich gelohnt. Gstrein ist einer der unspektakulären und gerade deshalb ausgezeichneten Schriftsteller, wie etwa Ralf Rothmann, Karl-Heinz Ott oder Christoph Hein, die mit leisen, aber sehr tiefen Tönen punkten und die sich ihrer Sprache absolut sicher sind. So schafft es Gstrein auch in „Als ich jung war“ mich als Leserin zu gewinnen. Sein Roman ist wie ein steter fließender Fluß, dessen Untiefen jedoch nicht zu umgehen sind.

Franz fotografiert schon im Jugendalter auf Hochzeiten, die sein Vater in seinem Hotel und Restaurant ausrichtet. Wir sind in den Tiroler Bergen und die „Hochzeitsfabrik“ boomt. Später, als Franz schon studiert, wird er noch zweimal aushilfsweise vom Vater engagiert und beide Male sind für Franz prägend, denn einmal trifft auf er ein anziehendes junges Mädchen und einmal kommt die Braut zu Tode. Die Eltern des Mädchens lassen keinen Kontakt mehr zu und der Todesfall hetzt ihm den ermittelnden Kommissar auf den Hals, der klären will, ob es Mord oder Selbstmord war. Kurz darauf reist Franz in die USA, wo er in Wyoming seine „Karriere“ als Skilehrer startet. Für Außenstehende und die Zurückgebliebenen sieht es beinah aus wie eine Flucht. Dass er dort ganze 13 Jahre verbringen wird, ahnt er selbst nicht.

Franz ist ein Träumer, er ist und bleibt eine Art Außenseiter in der kleinen Stadt Jackson, hat keine Freundin und haust in einem billigen Apartment. Er fotografiert nun als Hobby Landschaften und ist trotz seiner Arbeit in der Skischule von den Geldsendungen seines Vaters abhängig. Schnell findet er in einem älteren Professor der Atomphysik einen Stammgast, der nur von ihm unterrichtet werden will. Der Professor ist eine merkwürdige Figur, noch mehr Außenseiter als Franz und doch werden beide Freunde. Der Professor erzählt ihm aus seiner Biografie. Franz ist zurückhaltender, berichtet aber eines Tages doch von Sarah, dem Mädchen auf der Hochzeit, dass er damals verliebt geküsst hat.

Erst viel später erfährt der Leser, dass jene Sarah gerade mal 13 Jahre alt war und der 24-jährige Franz sie trotz ihres „Nicht!“ geküsst hat. Auch der Professor ist nicht der, der er vorgab zu sein, zumindest nicht nur. Nach dessem überraschenden, inszeniert wirkenden Selbstmord auf der Piste, taucht ein seltsamer Briefwechsel auf, taucht sogar eine Ehefrau auf, die der Professor nie erwähnt hatte. Von ihr erfährt Franz nun eine Geschichte, die den Professor in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die dunkle Seite, die kaum einer kennt und die jeder in sich trägt.

„Er fragte mich, wovor ich Angst gehabt hätte, und ich wusste im selben Moment, dass es sich noch ganz anders verhielt, als er behauptet hatte, nämlich dass nicht nur jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben hatte, von der er nicht wollte, dass jemand anderes sie zu hören bekam, sondern dass es auch Geschichten gab, die man nur erzählte, um andere Geschichten nicht erzählen zu müssen.“

Als Franz kurz darauf nach einem Skiunfall wieder in seine Heimat zurückkehrt, stellt er fest, wie wenig sich seitdem dort geändert hat und auch der Kommissar taucht wieder auf und stellt neugierige Fragen, die Franz nicht ganz unberührt lassen, obwohl er stets so tut …

In Gstreins Roman kommen viele verstorbene oder verschwundene Menschen vor, geht es um Wahrheit und Erfindung und die Frage, ob man einen anderen Menschen je genau kennen kann, ja gar sich selbst. Es geht um Selbstbild und Fremdwahrnehmung, um Täuschung und Schuld. Gstrein spricht viele aktuelle Themen an, wie etwa Kindesmissbrauch und die Me too-Debatte, lässt dabei aber alle Fragen offen und viel Raum für eigene Gedanken dazu, was ich sehr geschickt finde. Es freut mich, dass dieser Roman zumindest für den österreichischen Buchpreis nominiert wurde.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Mehr über Roman und Autor gibt es auf der Verlagsseite.

Eine weitere Besprechung zu Gstrein:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/04/27/norbert-gstrein-die-kommenden-jahre-hanser-verlag/

A. L. Kennedy: Süßer Ernst Hanser Verlag

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Ein neuer Roman von A. L. Kennedy kommt immer zur rechten Zeit. Auf dem Cover sind unzählige digitale Zeitanzeigen abgebildet. Es sind die Uhrzeiten, die auch Überschrift für jedes neue Kapitel sind. „Süßer Ernst“ spielt an einem einzigen Tag in London und ist eine Art Dialogroman mit vielen schräggedruckten Sequenzen. Es sind innere Selbstgespräche, die immer aus dem Kopf der Protagonisten direkt und unverblümt in die Leser_innen hineinerzählt werden. Der Bewußtseinsstrom der beiden Hauptfiguren verrät gleich von Anfang an viel über sie selbst. Wechselweise kommen Meg und Jon zu Wort. Beide, wie könnte es bei Kennedy auch anders sein, sind gebeutelte, vom Leben gezeichnete Personen, die versuchen in Richtung einer Beziehung zu gehen.

Jon, frisch geschieden von Valerie, eine fast erwachsene Tochter, Rebecca, mit der es auch schwierig ist, mag sich nicht. Er ist „Staatsdiener“. Er arbeitet für die Regierung, oft tatsächlich dienernd, und kennt nicht viel mehr als seine Arbeit. Eines Tages kommt er auf die seltsame Idee, als Ausgleich Briefe zu schreiben:

„Maßgeschneiderter Service: Handgeschriebene Briefe nach den Bedürfnissen der anspruchsvollen Frau. Zuneigungsbekundungen und Respekt wöchentlich geliefert. Antwort nicht erforderlich. [ … ]
Die ganze Sache war am Ende dreiunddreißig Wörter lang, und man hatte nicht damit rechnen können, dass sie einem hochexplosiven Sprengsatz gleichkamen.“

Meg ist gescheiterte Wirtschaftsprüferin, sprich insolvent, sprich pleite. Sie arbeitet inzwischen in einem Tierheim in der Verwaltung und ist dabei, mangels anderer Liebe, sich in einen der Hunde dort, den Spaniel Hector, zu verlieben. Auch sie ist nicht sehr überzeugt von sich. Obwohl sie inzwischen ein ganzes Jahr trockene Alkoholikerin ist.

„Sie allerdings gehörte zu denen, die einen Gedanken verschwendeten. Sie interessierte sich für Schäden, konnte man sagen: für Schäden und Lücken. Konnte beides lehrreich sein.“

Und so liest man, wie die beiden hadern, sich selbst bezweifeln, Blicke zurück werfen, grübeln, innerlich vor sich hin schimpfen, selten still innehalten. Was beide bewegt und weiter treibt, ist dass, was in Kennedys Büchern in der ein oder anderen Form immer thematisiert wird: Wie funktionieren Beziehungen? Hier ist es die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Berührung und Nähe im mittleren Alter. Und die Angst davor.

So schwanken wir hin und her zwischen beiden und tauchen immer tiefer in den Gedankenstrom von Uhrzeit zu Uhrzeit, bis es nachmittag wird und ihre Verabredung ansteht. Denn Meg will Jon treffen, der „Süße Ernst“ in seinen Briefen hat sie für ihn eingenommen. Doch daraus wird zunächst nichts: Jon erhält einen wichtigen Auftrag von seinem Chef, unverzüglich auszuführen. So muss er das Treffen mit Meg verschieben. Als das erledigt ist, ruft ihn seine Tochter zu Hilfe, sie hat Liebeskummer und braucht Trost. So muss er Meg erneut vertrösten. Und dann wieder der Chef, der das Ergebnis seines Auftrags erfahren will. Meg nimmt die wiederholten Verzögerungen zunächst einigermaßen gelassen, weil sie es sich vorgenommen hat, nicht so zu reagieren, wie sie es früher getan hätte. Und weil sie zu spüren glaubt, dass Jon ganz ähnlich tickt wie sie, obgleich sie so unterschiedliche Leben führen. Und dass eine solche Chance womöglich nicht wiederkommt. Sie sind beide nicht mehr jung und beide fragil und allzu leicht verletzlich.

Abgesehen davon, dass nicht jeder kleinste Gedanke der Protagonisten wichtig ist (vor allem bei Ihm; denn wenn Sie ausführlichst und bis ins Detail darüber nachgrübelt, abwägt, welchen Kuchen sie mit zur Arbeit bringen könnte (denn das ist allmonatlich so üblich unter den Angestellten), selbst gebacken oder gekauft? irgendwelche Allergien?, Schoko oder Käse?, damit auch ja alle Kollegen zufrieden sind, dann ist das himmlisch) für das Funktionieren der Story, ist auch das Schrägedruckt-Lesen auf Dauer etwas anstrengend. (Nachtrag: Man gewöhnt sich dran.)

Etwas kürzer wäre vielleicht auch besser gewesen. Was zunächst die Spannung steigen lässt, wird auf den letzten 100 Seiten (von 550) dann doch etwas zu langwierig. Denn als sie sich dann endlich doch noch treffen, in der Nacht, ist es teils unerträglich, wenn nur noch ein stotternder Mann und eine dagegen klar denkende Frau zu hören sind, wenn man den kompletten inneren Monolog zweier Menschen hört, die sich mögen, sich aber aus ihrer großen Verletztheit heraus, dem anderen kaum anvertrauen können. Zwei Menschen, die von Minderwertigkeitsgefühlen und von Selbsthass zerfressen sind … Aber das kennen wir ja von Al. L. Kennedy. Und lieben wir. Wir Kennedy-Leser_innen. Wir, die wir uns Kennedy zumuten …

Was am Ende bleibt:

„Ein zerknittertes Paar sitzt auf einem Hügel oberhalb einer bekannten Metropole.
Sie sitzen nebeneinander und lachen.
Sie sitzen nebeneinander und weinen.
Sie möchten lieber hier sein und daran sterben als anderswo sein.
Hier ist es.“

Kennedys Sprache ist ein Mix aus raffinierter, oft witziger Wortfindung kombiniert mit mal schnoddriger, mal zarter Stimme, immer jedenfalls mit großer Hingabe an ihre Figuren. Ich glaube, sie liebt ihre Helden und Heldinnen. Das zeigt sich im ganzen Text.

A. L. Kennedys Roman erschien im Hanser Verlag. Übersetzt aus dem Englischen haben  Ingo Herzke und Susanne Höbel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Ich habe hier auf dem Blog außerdem Kennedys Buch übers Schreiben vorgestellt.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer Hanser Verlag

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Was hier mit einem so luftig leichten Titel beginnt, gewinnt beim Lesen schnell an Tiefe. Das Wasser spielt dabei eine Rolle: das wilde Meer in Wales, der zahme Bodensee.

„Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedesmal denkt sie, ich könnte springen. Denkt es, seit sie hier ist. Das Meer würde sie sofort verschlingen.“

Dass Karl-Heinz Ott ein großartiger Erzähler ist, war auch letzthin in seiner Lesung und Buchvorstellung (passenderweise am Wannsee) im Literarischen Colloquium zu erleben. Geschickt und kurzweilig erzählte er über sein Schreiben und über sein neues Buch. Beim Lesen nun kam mir vieles bekannt vor, Hintergründe die ich aus dem Gespräch erinnere. Doch auch ohne irgendwelches Vorabwissen ist dieses Buch ein Lesegenuss, wenngleich bei nicht gerade leichtem Thema. Doch Ott ist eben ein Könner – er arbeitet auch fürs Theater und ist Musikkenner – der Inszenierung und der Virtuosität. Alles passt. Jeder Satz sitzt. Am Wannsee erzählt er von seinem begonnenen Musikstudium, dass dann durch ein „Erweckungserlebnis“ durch die Lektüre Handkes ein Ende fand. Er wandte sich dem Schreiben zu.

Von einer katholisch-strengen Kindheit bei der Großmutter im Allgäu, später nach deren Tod bei den Nonnen im Waisenhaus, geprägt, möchte die Heldin später eigentlich nichts wie weg aus dieser Gegend. Sie lernt Bruno, einen Koch, bei der Ausbildung in Sankt Moritz kennen. Sie heiraten und übernehmen die Gastwirtschaft von Brunos Eltern. Ohne ihre Tatkraft und Energie wäre aus der Dorfwirtschaft am Bodensee nie ein 1-Sterne-Restaurant geworden. Ohne Ottos Kochkünste auch nicht. Doch als dann der Stern wieder weg ist, geht es mit Bruno bergab.

„Zuweilen ist ihr, als sei sie mit Bruno nie zusammen gewesen. Manchmal entschwindet er so weit, als hätten sie beide nie Seite an Seite gelebt. Er besteht dann nur noch aus einer Hülle, die eine Haube trägt und eine Schürze. Viel mehr sieht sie nicht mehr.“

Von Brunos Tod erfährt man schon zu Beginn des Romans. Langsam dröselt Ott dann die Hintergründe auf und baut damit Spannung auf. Seine Protagonistin, Mitte 60, sitzt auf einem Schuldenberg und findet keine Arbeit mehr. Bruno hat sie mit seinem Tod hängenlassen. Sie folgt schließlich dem Vorschlag eines Stammgasts und fährt, alles zurücklassend nach Wales, um dort ein in die Jahre gekommenes Hotel an der Küste zu bewirtschaften. Es gibt kaum Gäste. Sie hat dort viel Zeit zum Nachdenken und wir Leser/innen dürfen teilhaben an den zweifelnden, hinterfragenden, schmerzlichen, düsteren Gedanken, die sie verfolgen. Sie gibt sich den essentiellen (Glaubens-)Fragen hin, hadert mit der katholischen Erziehung. Selbst im Traum lassen Bruno und dessen Bruder Arno, der das verschuldete Restaurant am Bodensee übernommen hat, sie nicht zur Ruhe kommen. Nur am Meer, auf dem Klippenweg, dem tosenden Wind ausgesetzt, scheint der Kopf etwas leerer zu werden, sich die Unruhe etwas zu legen.

Wiederholte Äußerungen, wie etwa über ein Shakespeare-Gedicht in Sankt Moritz intensivieren das Gefühl der Hauptperson mit ihren ewig um das eine kreisenden Gedanken. Der Sinn des Lebens! Was war verloren? War etwas gewonnen? Was, wenn alles anders gekommen wäre? Großartig wie Ott eine Szene beschreibt, bei der sie einen Vortrag darüber besucht und sich ihrem Empfinden nach plötzlich alles allein auf sie gerichtet scheint. Und es kommen solch herrliche Sätze vor:

„Als Kind erblickte sie in diesen Strommasten lauter kleine Eifeltürme, deren endlose, am Horizont verschwindende Zahl irgendwann in Paris enden müsste.“

Trotz aller Kürze von 140 Seiten hinterlässt die Lektüre das Gefühl großer Fülle, in ihrer Komplexität und Nachdrücklichkeit liegt gerade die Kraft. Wer will, kann sich hier an kurzweiliger Lektüre erfreuen oder aber mit in die Tiefe tauchen, was ich durchaus empfehle. Ein Leuchten!

Bereits mit seinen Romanen „Wintzenried“ und „Die Auferstehung“ (wird auch verfilmt) hat mich Ott begeistert. „Und jeden Morgen das Meer“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.

Robert Seethaler: Das Feld Hanser Verlag

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Ich liebe Friedhöfe. Ich halte mich gern dort auf, weil es still ist. Ich kann dort weitab vom Berliner Lärm schreiben, lesen und meditieren. Und so war ich durchaus erfreut, als ich bei den Neuerscheinungen zwei „Friedhofsromane“ vorfand: Seethalers Das Feld und George Saunders Lincoln im Bardo. Enttäuscht haben mich beide.

Robert Seethaler habe ich schon gelesen, bevor er zum „Geheimtipp“ wurde. Seine Romane „Der Trafikant“ und „Ein ganzes Leben“ fand ich ganz wunderbar und kann sie nur empfehlen. Der neue Roman, der auf Episoden basiert, die Verstorbene im Rückblick auf die Essenz ihres Lebens erzählen, hat längst nicht die Kraft der beiden Vorgänger. An was es liegt? Mein Gefühl sagt mir, es sind zu viele Personen, die da „vorgestellt“ werden. Mancher erhält nur eine halbe Seite. Durch diese Vielzahl erreicht jeder einzelne nicht die Tiefe, die man von Seethalers Figuren kennt und liebt. Und mich stört auch diese Verknüpfung der Lebensgeschichten um jeden Preis. Das hört sich manchmal schon weit hergeholt an, dass sich alle Toten kannten in dieser Kleinstadt. Das soll den Roman sicher komplexer machen. Mich überzeugt es nicht.

Ich habe das Buch bis zur Hälfte gelesen, angestrichen habe ich mir nichts (!). Seethaler erreicht mich diesmal nicht, doch zähle ich einfach auf den nächsten Roman. Aufgeben mag ich diesen Autor nicht. Denn er sagt so schöne Sätze wie:

„Der Reichtum eines Lebens hängt ja nicht von Erlebnissen ab, sondern vom Erleben, das ist es, was mich interessiert.“

Außerdem: ein belletristisches Buch, dass kein Krimi und keine Schmonzette ist, auf Platz 1 der Spiegel-„Bestsellerliste“ ist nicht das Schlechteste …

„Das Feld“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen Hanser Verlag

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Margriet de Moor ist eine der bedeutendsten niederländischen Autorinnen und hat auch mit diesem Roman einmal mehr überzeugt. Jedesmal staune ich über ihren ganz eigenen Erzählton und gebe mich diesem gerne hin. De Moor weiß aus jedem Thema besondere Literatur zu machen.

Diesmal ist es eine Art Kriminalroman, unglaublich spannend, geradlinig und geheimnisvoll zugleich und gut in einem Rutsch zu lesen. Ich lerne außerdem einen neuen Beruf kennen, der mich fasziniert: Vogelvertreiber auf einem Flughafen, offizielle Bezeichnung: Vogelschlag-Beauftragter für Flughäfen. Rinus, der mit der Hauptfigur Marie Lina, die als Krankenschwester arbeitet, verheiratet ist, übt diesen Beruf auf dem Flughafen Amsterdam/Schiphol aus und nimmt manchmal auch den Sohn Olivier mit zum Dienst. Er versteht seinen Beruf eher als Vogelretter, während es eigentlich darum geht, zu verhindern, dass Vögel in den Triebwerken landen und die Maschine beschädigen und ein Unglück geschieht.

„Eine weitläufige Fläche. Ein Traumbuch für Vögel. Auf dem Polderflughafen mit seinen sechs Start- und Landebahnen in einer von Wassergräben und Äckern gesäumten Prärie ist die Anwesenheit des Menschen eine zu vernachlässigende Größe. Der Mensch sitzt in einem brüllenden Getöse, das aufsteigt oder sich senkt, je nachdem. Kein Vogel schert sich darum.“

Marie Lina und Rinus und der Sohn sind eine ganz normale Familie. Beide gehen arbeiten, beide haben ein wunderbares Selbstverständnis davon, wie sich ihr Zusammenleben gestalten soll. Eines Tages geschieht etwas, dass die Familie erschüttert, letztlich jedoch nur noch mehr zusammenschweißt. Eine ältere Frau stürzt bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit Marie Lina am Amsterdamer Bahnhof in eine Baugrube. Die Frau überlebt nicht. Marie Lina wird am nächsten Morgen von der Polizei abgeholt, gesteht und kommt in Haft. Dass sich somit das Schicksal ihrer Mutter wiederholt, ist ihr ganz offensichtlich klar und gewollt.

„Ihre Mutter war jemand der las und vorlas. Und ihre unstillbare Neigung, das Leben mit Geschichten zu korrigieren und zu vertiefen, auf ihre Tochter übertrug.“

In Rückblenden erfährt man dann Zug um Zug, was es mit dem Geschehnissen um Marie Linas Mutter auf sich hat. Louise arbeitete als Haushaltshilfe in einer Seniorenwohnanlage und regelmäßig auch bei dem 90-jährigen Bruno. Dieser verehrt die sanftmütige Frau. Eines abends wird Bruno in seinem Zimmer getötet und beraubt. Man klagt sofort Louise an. Die Beweislage spricht gegen sie. Doch sie wehrt sich nicht, obwohl sie die Tat nicht begangen hat. Erstaunlich schnell, wie ein Justizirrtum zustande kommen kann. Sie sitzt die Strafe ab. Ihr Mann, ein Fernfahrer trennt sich von ihr. Die kleine Tochter, die miterlebt hat, wie die Mutter von der Polizei abgeholt wird, kommt zu Verwandten in Pflege. Ein Trauma wird dennoch bleiben. Jahre später wird Louise wegen guter Führung früher entlassen und sogar rehabilitiert. Doch die wahre Täterin kommt nicht hinter Gittern. Nach dem Tod der Mutter spürt Marie Lina diese auf und in ihr reift ein Plan …

De Moor schildert die Vorgänge innerhalb der Familie während der Ereignisse sehr feinfühlig echt und doch bleiben sie immer auch rätselhaft. Nichts wird in Gänze aufgelöst. Es ist das Gespür des Lesers/der Leserin gefragt, um die Geheimnisse zu durchdringen. Der Roman hält über die ganzen 260 Seiten seine Spannung. De Moor führt ihre Protagonisten ausführlich ein, so dass sie stark hervortreten, allerdings mehr über das innere Geschehen. In zwei Kapiteln, die von Festnahme bis Justizvollzugsanstalt erzählen, steigert sich die Intensität, da in der Ich-Form erzählt wird.

Was, wie mir scheint, in dieser Geschichte dabei immer vorhanden ist, ist eine besondere Art stetiger Liebe und eine Selbstverständlichkeit des Zusammenhalts – vielleicht so, wie es sich jeder wünscht. Was es genau mit den Zusammenhängen zwischen Vögeln und Menschen auf sich hat, habe ich nicht gänzlich herausgefunden und fand doch die Episoden auf dem Flughafen sehr eindrücklich. De Moor´sches Leuchten!

„Von Vögeln und Menschen“ erschien im Hanser Verlag. Übersetzt wurde es von Helga van Beuningen. Den vorigen Roman von Margriet de Moor „Schlaflose Nacht“ habe ich als Hörbuch gehört und auch hier besprochen.

Sylvia Geist: Fremde Felle Hanser Verlag

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„Eine Katze sprang von einem Balkon
im 10. Stock und blieb unten lange liegen.
Bis sie aufstand, um länger zu leben …“

Fremde, zumindest aber bunte Felle finden sich auch auf dem Coverbild von Sylvia Geists neuem Lyrikband. Mich wundert, dass mir Geists Lyrik nicht schon früher aufgefallen ist, denn die Gedichte sind so, wie ich mir Gedichte wünsche: Zunächst leicht zugänglich, sogar witzig und etwas verschroben. Und dann der Sinkflug, der Tiefgang, die scheinbar mir eigens zugedachte Bedeutung, ein Sprung in Richtung Innerlichkeit. Oder umgekehrt.

“ … Das Bewusstsein
da ist ein leerer Stuhl, der an der Schädeldecke hängt.“

Manches der Gedichte, scheint mir, besteht aus Sätzen des Kreuzwort-Rätsels „Um die Ecke gedacht“ aus der ZEIT, dass ich eigentlich recht gerne versuche zu lösen. Meist weiß ich nicht alle Antworten, doch erschließen sie sich aus den Querverbindungen. Ganz ähnlich ist es mit Geists Gedichten. Die Dichterin arbeitet viel mit Zeilenbrüchen, was noch mehr Variations- und damit Deutungsmöglichkeiten erlaubt und zum Mehrfachlesen auffordert.

Geists Themen sind keineswegs weltfremd, aber mitunter verfremdet. Sie berichten von Reisen, (Ver-)Orten, Beziehungen, Veränderungen, Verbindungen, von Wegen und Abzweigungen, von Natur und Alltag. Oft agiert ein Ich oder ein Wir.

“ … du lässt dich
auswaschen vom Meerlärm, während ich blinde
Plastikflaschen nach Hilferufen schüttle, „

Sylvia Geists Gedichte leben alle auch von ihrem Rhythmus.

„Stimmt, Pusteblume mit der Potenz einer Streubombe
jeder, so rutschen wir durch die Ritze Leben …“

Inhalt und Form gehen eine Beziehung ein, die letztlich harmonisch ist, im Einklang fließend.

„……. Die Minute,
die ihr nicht gemeinsam habt, du und deine Möglichkeiten, …“

Feine Liebesgedichte sind so selten, aber „Porträt des Geliebten als Setzkasten“ ist ein außergewöhnliches:

“ ….. Karge Gelegenheitsfunde,
zum Wahrzeichen erklärt und abgestaubt für einen Setzkasten,
der mich an dich denken lässt. Ein bräunliches Blatt, das mir
unter den Fingern zerbröseln könnte, dein Lid, wenn du mich
dich lieben machst, wie du selbst es tätest, gäbe es mich nicht.“

Die Lyrikerin ist viel auf Reisen, innen und außen. Ihre Wege bereitet sie für ihre Leser nachhaltig auf, weiß genau, was die Essenz des jeweiligen ist, was heraus zu filtern notwendig ist. Beispielsweise die fiktive Begegnung auf einer Reise mit Dichter Bobrowski im Gedicht „Auf dem Heimweg“:

„Zehn Minuten von zuhause entfernt
geraten wir in eine andere Welt. Dort
steht Bobrowski auf der Leiter, hämmert
am Dach seiner Nebelhütte und schüttelt
den Kopf über unsere Frage nach dem Weg
vor unseren Füßen.“

Ich habe mich an Geists Lyrik fest gelesen und mich bereichern lassen von dieser Art des dichterischen Denkens. Lyrisches Leuchten!

Einige Gedichte sind aus ganz bestimmtem Anlass entstanden, ist aus dem Anhang zu erfahren. Etwa im Rahmen eines österreichischen Projekts Netzwerk Poesie, bei der Geist auf Gedichte anderer Lyriker „antwortete“ oder bei einem Stipendienaufenthalt in Krakau. Fast wirken diese Informationen störend, als wollte man die Gedichte erklären, und ich wünschte mir man hätte sie weggelassen oder sie tatsächlich in den zugehörigen Zusammenhang gestellt.

„Fremde Felle“ der 1963 geborenen Berlinerin erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter Hanser Verlag

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In ihrem neuen Roman blickt die große russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Hauptperson darin ist Nora, eine unkonventionelle Frau, die als Bühnenbildnerin arbeitet, einen Sohn alleine aufzieht und mit einem verheirateten Regisseur liiert ist. In Kapiteln die von der Heute-Zeit bis weit in die Vergangenheit zurückreichen erzählt sie aus wechselnder Perspektive, beginnend mit dem Tod der Großmutter Maria und dem Auffinden alter Briefe.

„Das war wohl das Schicksal seiner Familie, seines Volkes – in einer großen Grube in Kiew, in Babi Jar lagen sein jüngster Bruder, vier Cousinen, insgesamt neunundzwanzig Blutsverwandte – ermordet. Und über ganz Europa verstreut noch viele Millionen Menschen, mit denen er nicht verwandt war. Der Teufel trug nur verschiedene Schnauzbärte.“

Einer der Stränge besteht aus Auszügen eines Tagebuchs und Briefen, die die Autorin tatsächlich im Nachlass ihrer Familie fand. Die verschiedenen Briefwechsel gestalten sich nach meinem Empfinden zeitweise ein wenig langatmig, lesen sich weniger flüssig als die durcherzählte Geschichte. Das mag daran liegen, dass bei den Briefen viele offene Fragen bleiben, aber auch an Jakows und Marias langen, sich ständig wiederholenden Liebesschwüren. Der Briefwechsel war einzig möglicher Kontakt über lange Phasen dieser Beziehung, weil das Paar immer wieder getrennt wurde: Zuerst war Jakow beim Militär, dann im Krieg und schließlich mehrmals in der Verbannung, ohne Schuld, was bei ihm immerhin kein Straflager bedeutete. Er konnte recht frei einer vorgegebenen Arbeit nachgehen, nur eben an anderen Orten. Letztlich zerbrach die Ehe daran. Dieser Strang zieht sich über einen Zeitraum von 1905 bis 1955 und wird wechselweise zu Noras Geschichte – 1974 bis 2011 – erzählt.

Die Hauptgeschichte ist spannender, sie reicht von Russland bis in die USA. Nora ist Bühnenbildnerin und arbeitet oft mit Tengis, einem georgischen Regisseur zusammen. Obgleich die beiden sehr lange getrennte Zeiten verbringen, bleiben sie stets ein Liebespaar. Ihre Arbeit speist sich auch aus den Eigenheiten der beiden und ihrem starken Freiheitsdenken. So sind ihre Stücke durchaus manchmal unbequem und werden mitunter abgesetzt. Nora ist die Enkelin der beiden briefeschreibenden Liebenden und hat einen Sohn, Jurik, der als junger Mann zu seinem in die USA ausgewanderten Vater zieht. Vitja ist ein Mathematikgenie und hat seinem Sohn einiges davon vererbt. Jurik allerdings zieht es eher zur Musik, wobei er scheinbar seinem Urgroßvater Jakow nachkommt. Während Vitja sich jedoch erfolgreich integriert, wird Sohn Jurik drogenabhängig. Doch Nora holt ihren Sohn zurück nach Russland …

„Sie, Nora, schwamm in einem Fluss, und hinter ihr schwammen fächerartig drei Generationen von Menschen, die auf den Fotografien festgehalten waren und deren Namen sie kannte. Dahinter in der Ferne eine endlose Reihe namenloser Vorfahren, Männer und Frauen, die einander aus Liebe, aus Leidenschaft, aus Berechnung, auf elterliches Geheiß gewählt, Nachkommen gezeugt und aufgezogen hatten.“

Ich mag Ulitzkajas Art zu schreiben sehr. Die Geschichte ihrer Familie ist überaus interessant, scheint es doch sehr ungewöhnliche und vielseitige Persönlichkeiten zu geben. Künstlerisch begabte, wie Maria, die sich als junge Frau erfolgreich dem Ausdruckstanz zuwendet und auf der Bühne steht, Jakow, der die Musik liebt, sie aber für ein Studium der Wirtschaft aufgibt und wissenschaftlich Begabte, wie Vitja, der Mathematiker und Jurik, bei dem sich die Musik mit der Wissenschaft verbindet. Oft frage ich mich, was davon Fiktion ist …

„Jakobsleiter“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung aus dem Russischen kommt von Ganna-Maria Braungardt. Auf dem Vorsatz- und Nachsatzblatt findet sich der Stammbaum der Familie. Das ist hilfreich zum Nachvollziehen der verwandtschaftlichen Verbindungen. Außerdem finden sich am Schluß Anmerkungen der Übersetzerin. Eine Leseprobe und ein Interview gibt es hier.