Katie Kitamura: Intimitäten Hanser Verlag

Die Autorin Katie Kitamura ist für mich eine echte Entdeckung. Sie schreibt so unglaublich souverän und klug. Sie bringt brisante Themen in ihren Roman, ohne plakativ, laut und oder aufdringlich zu wirken, wie es in vielen Büchern derzeit der Fall ist. Ihre Stärke ist die Tiefe, der genaue Blick, die echte Auseinandersetzung mit Inhalten. Mir war schon bei der Leseprobe klar, dass das ein Schatz ist.

Titel und Cover mögen die Leserin vielleicht in eine andere Richtung denken lassen, aber es geht nicht vordergründig um eine Liebesbeziehung, sondern generell um die Beziehungen und Abhängigkeiten von Mensch zu Mensch. Es geht um Wahrhaftigkeit, im Kleinen wie im Großen. Und darum wie wir uns und andere mitunter selbst belügen, oft ganz unbewusst, doch manchmal mit großen Konsequenzen. Wie selbst vertraute Menschen manchmal nicht das sind, was sie scheinen. Wir wir verheimlichen oder verschweigen, zum eigenen Schutz oder dem eines anderen. Dabei geht Kitamura in die Tiefe, ihre Gedanken, bzw. die ihrer Heldin, beeindruckten mich. Großartig zum Beispiel, wie sie ihre Protagonistin während einer Ausstellungseröffnung vor einem Bild alter Meister stehen lässt und wie sie es nach eingehender Betrachtung interpretiert, als sie sieht, dass es von einer Frau gemalt ist, was damals selten war. Wie die Autorin anhand dieser kurzen Szene das Thema Feminismus weitaus besser und eindrucksvoller vermittelt, als es derzeit vielerorts laute Stimmen und Debatten vermögen, gefällt mir sehr. Überhaupt ist es ein stilles, aber umso nachdrücklicheres Buch.

Eine namenlose junge Frau verlässt New York, wo sie ihren Vater lange pflegte, während die Mutter zurück nach Singapur ging. Als sie für eine Stelle als Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag angenommen wird, ist das für sie ein großer Schritt, auch mit der Hoffnung besetzt, einen neuen Lebensort zu finden. Die Arbeit ist teils sehr schwer. Hier gibt Kitamura einen schönen Einblick in die Aufgabe einer Simultandolmetscherin, noch dazu am Gericht. Es geht um Sprache und deren Grenzen. Hier heißt es nicht nur die richtigen Worte zu finden, sondern auch den Tonfall des sprechenden Zeugen oder Angeklagten genau zu treffen, dabei aber jegliche eigene Interpretation zu unterlassen oder gar emotional zu werden. Was in Anbetracht der Verbrechen in manchen Prozessen extrem schwer ist.

„Am Gerichtshof ging es um nicht weniger als das Leid Tausender Menschen, und wenn es um Leid geht, ist Authentizität unerlässlich. Und doch war der Gerichtshof seinem Wesen nach ein Ort größter Theatralik.“

Gleichzeitig lernt sie Jana kennen, eine Kuratorin am Kunstmuseum, durch die sie wiederum Adriaan kennenlernt, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Auf einer Vernissage lernt sie eine weitere Frau, eine Kunsthistorikerin kennen und deren Bruder, der eine alte Buchhandlung besitzt. Und wenn das banal und nach wenig Handlung klingt, so muss ich deutlich machen, dass Kitamura in diesen Begegnungen Einblicke gibt, die sehr deutlich die komplizierten Beziehungsgeflechte spiegeln und Verhalten und Geschehnisse in Bezug setzen zu uns Leserinnen selbst. Jeder kennt das, hat solche Freundschaften oder Beziehungen erlebt und/oder hinterfragt.

„Es ist erstaunlich einfach, Wahrgenommenes wieder zu vergessen, einen entsetzlichen Anblick, die Stimme, die das Unsagbare sagt – um in dieser Welt bestehen zu können, müssen wir vergessen und tun es auch, wir leben in einem Zustand des Ich weiß es, aber ich weiß es nicht.“

Als Adriaan, der noch verheiratet ist, wegen Scheidungsfragen zu seiner Frau nach Portugal fliegt, überlässt er Jana seine Wohnung, die jedoch stark die Handschrift seiner Frau trägt. Eine Woche will er bleiben, es werden viele Wochen und bald schon kommt kein Lebenszeichen mehr. Währenddessen muss die Heldin in einer Gerichtsverhandlung dolmetschen, in dem ein afrikanischer Präsident schwerer Gewalttaten gegen die Menschenrechte angeklagt wird. Als sie teils für die Verteidigung übersetzen muss, sogar persönlich im Vorfeld des Gerichtsaals, beginnt sie zu spüren, wie stark sie sich selbst zurücknehmen muss, um diese Arbeit souverän und perfekt, wie es notwendig ist, zu machen.

Letztlich gelingt es ihr und man bietet ihr sogar eine Verlängerung des Arbeitsvertrags an. Will sie hierbleiben? Nach der Enttäuschung mit Adriaan? Hier kommen nun die Begriffe Heimat und Sich-Zuhause-Fühlen ins Spiel. Die Frage an welchem Ort, wie und mit wem man leben will. Hier im Roman bleibt sie vorsichtig positiv unbeantwortet …

Katie Kitamura ist ein für mich großer Roman gelungen. Sie schaut genau hin, beobachtet und beschreibt äußerst subtil, wie Menschen sich verhalten, wenn es um Liebe, um Macht und um Gewalt geht. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Übersetzt hat es Kathrin Razum. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier.
Eine weitere begeisterte Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Mich hat der Roman auch erinnert an die bereits hier besprochenen Romane von Lucy Fricke und Nora Bossong:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2022/03/29/lucy-fricke-die-diplomatin-claassen-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/09/20/nora-bossong-schutzzone-suhrkamp-verlag/

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Norbert Gstrein: Vier Tage drei Nächte Hanser Verlag

Es ist mein vierter Roman von Norbert Gstrein in Folge. Weil ich Gstreins Sprache wirklich sehr schätze. War ich beim letzten noch überwiegend erfreut, bin ich diesmal mächtig enttäuscht. Zum einen, weil es sich um einen „Corona-Roman“ handelt (was sich abwechselnd am Tragen von Gesichtsmasken und Selbstisolation, Verbot von Reisen etc. zeigt) und ich wirklich nicht auch noch in der Literatur damit zu tun haben will, zum anderen weil die Geschichte mich so oft langweilte und bisweilen fand ich sie wirklich auch albern bis kindisch. Von der Liebe könnte man anderes schreiben. Es gibt jedenfalls interessantere sogenannte Dreiecksgeschichten. Aber vielleicht trifft ja auch einfach zu, was die Hauptprotagonistin Ines, neben der die männlichen Figuren blass aussehen, im Roman gleich eingangs sagt:

„… Liebe in diesem Sinne gebe es ja nicht mehr und man sei gut beraten, sich in Sicherheit zu bringen, wenn einer davon spreche, weil sich dahinter meistens etwas anderes verberge, und das Drumherum, das ganze Gebräu aus Macht und Eifersucht sei ekelhaft, unkontrollierte Leidenschaft, eine einzige Peinlichkeit.“

Tatsächlich lebt Ines, die 35-jährige Literaturwissenschaftlerin, die sich auch in ihrer Arbeit mit literarischen Liebenden beschäftigt, dann fortwährend solche unmöglichen Beziehungen. Der ganze erste Teil des Buches kommt mir aufgrund des regelrecht kindlichen Verhaltens von Ines und ihrem aktuellen Lover albern vor. Auch weil der Stiefbruder Elias, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, ihr die abgelegten Männer, denen sie überdrüssig ist, quasi „abnimmt“. Also entweder wie ein Bodyguard grob vertreibt oder sie selbst als Liebhaber nimmt. Überhaupt ist dieser Elias Ines gegenüber sehr unterwürfig, die Schwester hat die Hosen an und pendelt zwischen Kommandoton und hysterischen und naivem Gebaren. Ziemlich unsympathisch. Elias allerdings nicht minder. Es finden sich Szenen, die pubertär und unreif wirken.

Im Mittelteil, den ich am unterhaltsamsten und interessantesten fand, findet sich dann tatsächlich eine Handlung, die allerdings viel zu kurz ist. Hier zeigt sich die große Eifersucht des Bruders gegenüber der Stiefschwester, in die er schon verliebt ist, bevor die Eltern ihnen davon erzählten, dass sie den gleichen Vater haben.

Dann geht es wieder weiter mit Liebeleien, diesmal ist Elias Freund Carl mit dabei. Auch hier finde ich die Handlung stockend und langweilig. Ich habe nur weitergelesen, weil ich Gstreins Sprache sehr mag und auch wissen wollte, ob nicht doch noch etwas bahnbrechendes passiert. Richtung Schluss ufert die Geschichte dann in ein gemeinsames Silvestergeschichtenerzählen aus: Jeder erzählt die Geschichte seiner ersten großen Liebe (seltsam, dass sie die nicht jeweils schon kennen). Und die drei Geschichten darf der Leser dann auch konsumieren, eine sogar in englisch (seltsam und irgendwie für die Handlung auch nicht notwendig). Da kam mir dieser Satz eines ehemaligen Liebhabers von Ines gerade zupass:

„Auch die schlechtesten Romane haben ihre Wahrheit, wenn man sie richtig zu lesen versteht.“

Gefunden habe ich die Wahrheit diesmal leider nicht. Auch nicht im letzten Teil, in dem sich die drei wieder treffen, später, nachdem Ines die Habilitation hingeschmissen hat und sich auf Sizilien selbst am Romanschreiben versucht. Ausgerechnet einen Roman über eine Dreiecksbeziehung mit einem dunkelhäutigen Mann namens Carl. Das Carl, nachdem er Ausschnitte daraus gehört hat, nicht begeistert ist, kann man sich dann selbst zusammenreimen …
Und so hoffe ich nun auf den nächsten Roman von Norbert Gstrein, auf den dann hoffentlich nicht folgendes Zitat (von Ines) zutrifft:

„Heraus kam ein überdrehter Monolog darüber, dass sie den Verdacht habe, man könne die Romane von älteren Männern danach klassifizieren, wie sie entgleisten, entweder ins Schlüpfrige oder in den ewigen Ersatz der sogenannten Gaumenfreuden, wo jeder „gute Tropfen“ und jeder „Schmaus“ wie ein Hochamt zelebriert werde.“

Der Roman „Vier Tage, drei Nächte“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von Norbert Gstrein bereits hier auf dem Blog besprochen:

Neue Lyrik im Herbst – Eine subjektive Auswahl aus den Verlagsvorschauen Herbst 2021

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Viele Blogger gestalten derzeit Beiträge zu den Herbstvorschauen 2021 der Verlage. Was dabei aber fast immer fehlt ist die Lyrik. Diese Lücke will ich nun schließen. Aber: Es ist ein sehr subjektiver Blick, es ist eine winzige Auswahl, es sind die, die mich am stärksten ansprechen. Viel Vergnügen beim Entdecken!

Meine vier Favoriten:

Auf Ulrich Kochs neuen Lyrikband freue ich mich sehr. Er ist ein, wenngleich unerreichbares, Vorbild für mein eigenes Schreiben. Geniale Kostproben gibt es immer wieder auf Facebook. „Diese Gedichte sind groß, groß genug für Gegensätze und Selbstwidersprüche, und sie nehmen sich zurück, als hätten sie sich gekürzt. Sie sind das, was übrig bleibt, wenn das Ich – »Ein Niemand / Unvergessen« – gestrichen ist.“ (aus dem Vorschautext). „Dies ist nur ein Auszug aus einem viel kürzeren Text“ erscheint am 27.8.21 beim Jung und Jung Verlag.

Levin Westermann hat mich mit seinem letzten Gedichtband sehr begeistert. „Denn das Schreiben ist immer auch ein Überschreiben. Literatur ist Palimpsest. Und alles ist verbunden, im Text und in der Welt. Kein Lebewesen existiert für sich allein, und kein Text entsteht aus dem Nichts.“ (aus dem Vorschautext).  „farbe komm dunkel“ erscheint am 26.8.21 im Matthes & Seitz Verlag.

Ich bin Fan von Lutz Seilers Texten, sei es Prosa oder Lyrik. Sein neuer Band heißt  „schrift für blinde riesen“. „Mit seiner suggestiven Stimme und einer gehärteten Sprache jenseits aller Moden eröffnet Lutz Seiler einen ureigenen poetischen Raum. Vor allem ist es die Materialität der Dinge, das Sprechen nah an den Substanzen – verwandelt in Rhythmus und Klang, bilden sie den Erzählton seiner neuen Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Erscheinungstermin ist der 16.8.21, wie immer im Suhrkamp Verlag.

Der Debütband „dekarnation“ von Eva Maria Leuenberger hat mich bereits fasziniert und ich bin sehr gespannt auf  „kyung“.  Eva Maria Leuenbergers zweites Buch ist eine unerschrockene Auseinandersetzung mit Identität, Herkunft und Sprache, Ent- und Verwurzelung, sexueller Gewalt und Angst. All das macht kyung zu einem hochpolitischen und hochaktuellen Werk.“ (aus dem Vorschautext) Der Band ist bereits erschienen am 25.6.21 im Literaturverlag Droschl.

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Ron Winklers Bände stehen fast alle in meinem Buchregal. Sein neuer Band trägt den Titel „Magma in den Dingen“. „Ron Winkler untersucht in seinem neuen Band, wie die Sprache in der Bewegung ihre Fließgeschwindigkeit verändert. Unermüdlich sind Winklers Gedichte dem »strapaziösen Schönen« auf der Spur, tragen sie die überraschenden Überschüsse dessen nach, was der Fall ist.“ (aus dem Vorschautext). Der Band erscheint am 20.7.21 im Schöffling Verlag.

Birgit Kreipes neuer Lyrikband aire“ ist gerade bei Kookbooks erschienen. „Die Gedichte in aire spüren inneren und äußeren Umbrüchen nach – etwa Krankheit, Umzug, Verlust – und interessieren sich für disruptive oder allmähliche Veränderungen: für die sukzessive Integration von Sinneseindrücken, das Gären von Gefühlen, Gedanken- und Erinnerungsspuren sowie die dadurch ausgelöste spezifische Unruhe – und deren Sprünge und Transformation in neue Erfahrung.“ (aus dem Vorschautext). ET 28.6.21

Herausgegeben von beiden, von Birgit Kreipe und Ron Winkler erscheint eine Anthologie über Märchen im Gedicht: „Rote Spindel Schwarze Kreide“.  Es überrascht nicht, dass Märchen auch die Poesie inspirieren. Es überrascht eher, dass märchenhafte Lyrik bisher nicht in dieser Form zusammengekommen ist. Dabei sind sich beide Genres äußerst nah. Am Wunderbaren rühren, die eigene Zeit verwandeln oder hinterfragen, vertuschen und verblüffen, es mit dem Unergründlichen aufnehmen: Das können Märchen, können Gedichte.“ (aus dem Vorschautext) Ab 13.9.21 bei Edition Azur/Voland Quist.

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Die Gedichte der jungen albanischen Lyrikerin Luljeta Lleshanakus fielen mir schon in der Anthologie „Grand Tour“ positiv auf.  Nun erscheint der Band Die Stadt der Äpfel im Hanser Verlag. „Luljeta Lleshanaku gehört zu den prägendsten Stimmen der neuen Lyrik Osteuropas. In jungen Jahren erlebte sie den politischen Umbruch in Albanien, jene plötzliche Beschleunigung der Zeit, die ihrer Generation eine Welt ohne Anker und Zukunft hinterließ. Lleshanakus Gedichte sind von großer Unmittelbarkeit und Melancholie gezeichnet.“ (aus dem Vorschautext) ET 27.9.21

Ronya Othmann, die bereits beim Gertrud Kolmar-Preis den Förderpreis erhielt, bringt nun nach ihrem Debütroman auch einen Gedichtband heraus. „Widerständig und zugleich an jeder Stelle ungeschützt und intim tragen diese existenziellen Gedichte einen neuen Ton in die Gegenwart: „wir werden die detonation rückwärts lesen.““ (aus dem Vorschautext)  „Die Verbrechen“ erscheint am 25.10.21 im Hanser Verlag.

Den Hauptpreis beim Gertrud Kolmar-Preis erhielt Ulrike Draesner mit ihrem Gedichtzyklus  „doggerland“ „Oszillierend zwischen Deutsch und Englisch, zwischen gebundener und freier Rede, wirft Draesners bereits vor der Veröffentlichung preisgekröntes Gedicht einen Blick zurück: vom immer wahrscheinlicheren Ende des Holozäns zu unseren Anfängen. Eine bewegende, von jahrhundertealten, meist männlichen Vorstellungen befreite lyrische Suche nach unseren Wurzeln.“ (Vorschautext) Der Band erscheint am 4.10.21 im Penguin Verlag.

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9783945832462.jpg frau20210624_130415158214244945771143.jpgDas Kettenkarussell

Die 1982 in Syrien geborene Rasha Habbal ist bereits an dem wunderbaren Projekt „Weiterschreiben“ beteiligt. „Rasha Habbals Gedichte machen sich verletzlich. Sie sind immer intim, aber nie privat – immer alltäglich, aber nie belanglos. Szenen und Situationen projiziert Habbal auf den Hintergrund ihrer Entstehung: die syrische Revolution von 2011, den Bürgerkrieg, das Leben in Deutschland. Die Geschehnisse gewinnen aber nicht die Oberhand über das Gewöhnliche, das eine umso größere Symbolkraft entfaltet.“ (aus dem Vorschautext) „Die letzte Frau“ erscheint am 1.9.21. im Verlagshaus Berlin.

Bei Kookbooks erscheint der neue Band des Lyrikers Farhad Showghi. „Ich entwerfe ein Sprechen. Und komme zum Erzählgedicht. Was geschieht, wenn ich sage: Genaugenommen verlasse ich das Haus und die Ortschaft. Die Ort-schaft. Die Silbe schaft beschäftigt mich. Und ich will jetzt einen Zuruf suchen, mit einem mundfernen Sprechgefühl, mir indes einen Namen machen, einen Namen, der von sich aus nichts tut, keiner Anweisung folgt, eher Lautfolge bleibt.“ (O-Ton Showghi in der Vorschau)  „Anlegestellen für Helligkeiten“ erscheint im Oktober 21.

Neue Gedichte der Georgierin Bela Chekurishvili sind bereits am 13.7.21 erschienen. Der Gedichtband heißt „Das Kettenkarussell und erschien beim Wunderhorn Verlag. „Die neuen Gedichte von Bela Chekurishvili haben ihre Ankerpunkte in der Kindheit. Sie rückt umso mehr in den Blick, je länger und je weiter sich die georgische Dichterin aus ihrer Heimat entfernt hat. Die Gedichte Bela Chekurishvilis holen die Ferne heran, mit den uralten Mitteln der Poesie.“ (Text aus der Verlagsvorschau).

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Zwei interessante Lyrikbände erscheinen Mitte September im Elif Verlag. Zum einen ein weiterer Band aus Island, diesmal „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg, wieder zweisprachig und übersetzt von Wolfgang Schiffer und Jon Thor Gislason. Eine Empfehlung vom Verleger selbst ist der Band „Schmutzfleck“ von Seyyidhan Kömürcü. 

Şafak Sarıçiçeks neuester Gedichtband scheint mir inhaltlich sehr spannend: „Mit Aplomb treten auch die Gedichte auf, die Im Sandmoor ein Android versammelt. Bemerkenswert ist ein Zyklus, der die Heidelberger Sammlung Prinzhorn – ein Museum für Kunstwerke aus psychiatrischen Kliniken – reflektiert und in kraftvolle Sprachbilder übersetzt. Überhaupt geht es in Sarıçiçeks Lyrik oft um Objekte, um Exponate. Kaum ein Gedicht ohne Auftritt lebender oder fossiler Pflanzen und Tiere.“ (aus dem Vorschautext)  „Im Sandmoor ein Android“erschien bereits am 14.7.21 beim Quintus Verlag.

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Titelfoto: Constanze Matthes

 

Leider ohne Leuchtkraft: Hilmar Klute: Oberkampf Galiani Verlag/Thilo Krause: Elbwärts Hanser Verlag

Schade, schade. 2 x kein Leuchten Auf beide Romane hatte ich mich gefreut, beide haben mich enttäuscht. Beide vereint eine nicht sonderlich sympathische männliche, wenig interessant geschilderte Hauptfigur. Statt gar keiner Besprechung möchte ich nun zumindest kurz vom Leseergebnis berichten:

Nach den begeisterten Stimmen zu Hilmar Klutes Roman „Was dann nachher so schön fliegt“, wollte ich nun immerhin den zweiten Roman „Oberkampf“ des Redakteurs der Süddeutschen Zeitung lesen. Das Thema klang gut. Einer, Mitte 40, der von Berlin weg zieht, Job und Beziehung hinter sich lässt, um die Biographie eines großen, wenngleich wenig gelesenen Schriftstellers zu schreiben, der in Paris lebt. Im Roman heißt der Autor Richard Stein und es könnte eine Mischung aus Martin Walser, Peter Handke, Peter Kurzeck und Jürgen Becker sein. Gleich nach seiner Ankunft geschehen die Terroranschläge in Paris, beginnend mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Eigentlich ein guter Ausgangspunkt, dachte ich. Doch wie Klute seinen Protagonisten auf diese Ausnahmesituation und wie die Franzosen damit umgehen blicken lässt, mutet merkwürdig an. Mir scheint es überheblich, teils spöttisch und ignorant.

„Waren sie das, was die Presse „eiskalte Mörder nannte? […] War es nicht ein Heldenstück, sich den Weg freizuschießen, die Tür zum kleinen Redaktionsbüro aufzustoßen und dann direkt in die überraschten, noch von der Wirkung eines Bonmots, einer satirischen Idee erfrischten, lachenden Gesichter zu feuern? […] Er war nicht fassungslos, er war höchstens überwältigt von der Brutalität, dem entschlossenen Vorwärtsschreiten der Krieger mit ihren althergebrachten Waffen.“

Gleich am ersten Abend lernt er außerdem eine (wie könnte es anders sein?!) wesentlich jüngere Frau kennen und beide beginnen eine Affäre. Mit dem Autor Richard Stein trifft er sich regelmäßig, mit der Geliebten ebenso. Alles plätschert so dahin. Nichts davon ist wirklich mitreißend erzählt, ich langweile mich. Ab der Mitte habe ich den Rest quer gelesen. Die Vater-Sohn-Geschichte des Autors hätte interessant werden können, war es aber nicht, auch der Einschub, der von der vorherigen Beziehung der Hauptfigur handelt, wirkt nicht stimmig und eher überflüssig. Auch das leckere Essen und der viele Wein reißen es nicht raus. Tatsächlich ist dann der Schluss für mich die beste Idee des ganzen Buches. Auch sprachlich bietet der Roman nichts Aufregendes. Er erschien im Galiani Verlag.

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Auch auf das Romandebüt des Lyrikers Thilo Krause war ich sehr gespannt. Krauses Protagonist kehrt in „Elbwärts“ mit eigener Familie in die ehemalige Heimat zurück. Nahe Dresden, in einem Dorf im Elbsandsteingebirge kauft er ein Haus mit Garten. Die oft nur nebenbei erwähnte, offenbar nur als Versorgerin dienende Frau arbeitet als Physiotherapeutin, während er sich so dahin treiben lässt und sich um die Tochter kümmert, die er permanent nur „die Kleine“ nennt. Auch die Stadt, in der „die Kleine“ in den Kindergarten geht, nennt er ausufernd die „Stadt-die-keine-ist“, was 1x sicher interessant klingt, aber bei dauerndem Gebrauch nur noch nervt.

„Die Kleine weiß nichts von meinen Ängsten. Sie weiß nicht, dass man sich Sorgen machen kann in der Welt. Das Pflaster, das sie bis heute Morgen noch über der Augenbraue trug, ist abgefallen. Hand in Hand sind wir losgezogen. Christina hatte die Sachen der Kleinen in Stapel gelegt. Ich packte alles ein. Es ist nicht viel Platz im Rucksack, weil oben die Kleine sitzt.“

In seinen Tagträumen, die er auf den Felsen seiner Kindheitslandschaft sitzend verbringt, lässt er diese Revue passieren. Vor allem geht es dabei um den Unfall, bei dem sein damaliger Jugendfreund Vito ein Bein verlor. Weil das beim Klettern an einer Stelle passierte, die der Protagonist vorschlug, gibt er sich bis heute die Schuld für das Geschehene. So wird immer wieder davon erzählt, auch von den geretteten Kaulquappen (!). Ein wenig DDR-Zeit wird aufgewirbelt, ein wenig aktuelle Gesellschaftskritik findet sich, denn die rechtsradikalen und heimattümelnden treffen sich direkt in der Nähe der Kletterfelsen im Sommerlager. Doch mitreißend ist die Geschichte nicht. Die Hauptfigur wollte zwar unbedingt zurück in die Heimat, findet sich aber nun doch nicht mehr zurecht, kümmert sich, wenn überhaupt, nur um seine Männerfreundschaften, vernachlässigt die Tochter, was dann zur Beziehungskrise führt. Ab der Mitte habe ich nur noch quergelesen. Reichlich schade ist es auch, dass sich Krauses lyrische Sprache hier im Roman so wenig spiegelt. Fazit: Lieber Krauses Lyrik lesen. „Elbwärts“ erschien im Hanser Verlag.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Christina Hesselholdt: Vivian Hanser Berlin

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Als ich im Januar 2019 die Ausstellung „In her own hands“ mit Photographien von Vivian Maier (Foto siehe oben) sah, war ich überwältigt von der Fülle und dem genauen Blick der Künstlerin. Dass der größte Teil ihrer Fotos erst nach ihrem Tod entdeckt, ja entwickelt wurden, ist das Schicksal, das viele Künstler teilen. Das Leben der 1926 geborenen und 2009 gestorbenen Vivian Maier war nicht einfach, sehr unruhig, oft prekär und womöglich gab ihr die Photographie einen Grund da zu sein.


Die 1962 geborene dänische Autorin Christine Hesselholdt hat nun ein ungewöhnliches Lebensporträt geschrieben. Ich bin hin- und hergerissen von diesem Buch. Die Autorin geht ein Wagnis ein, mit dem ich nicht immer einverstanden bin. Dann wieder denke ich, wie sonst könnte man sich dieser Künstlerin nähern, von der ja nicht so viel autobiografisches Material zur Verfügung steht. Hesselholdt setzt einen allwissenden Erzähler ein. Dazu kommt Vivian selbst zu Wort, aber auch die Menschen, denen sie begegnet ist, wie etwa ihre wohlhabenden Arbeitgeber, als sie viele Jahre lang als Kindermädchen jobbt.

Hier übertreibt es die Autorin meinem Empfinden nach, indem sie Vivian als ein eher unzumutbares Kindermädchen schildert. Eine, die dem Kind brüsk befiehlt aufzuessen, unterwegs auf ihren Fototouren Süßigkeiten klaut, die es mitnimmt in den Schlachthof, damit es das wirkliche Leben kennenlernt. Ist das irgendwo aus Biografischem herauszulesen? Was hier Wahrheit und was Fiktion ist, bleibt ein Rätsel.

Der gesamte erste Teil spielt im Haus der Familie, in der Maier ab 1968 als Kindermädchen arbeitet. Immer wieder spricht hier Sarah, Mutter des Kindes und Hausherrin aus ihrem Leben und der Kindheit bei den Großeltern in Dänemark (Autobiografisches der Autorin?), was mich wenig interessiert. Und dann bin ich doch wieder eingenommen von der Sprache und den kreativen Einfällen der Autorin, wenn sie etwa Vivian als eine Art Messie schildert, wie es seinerzeit die wohlhabenden Gebrüder Collyer waren und damit bekannt wurden (wunderbar nachzulesen in E. L. Doctorows Roman Homer & Langley).

Im zweiten Teil beginnt der Erzähler (aka Autorin?) darüber nachzudenken, was er/sie überhaupt mit Fotographie anfangen kann, was Fotos zeigen, denn es scheint ja nichts als nur eine Momentaufnahme zu sein. Hier wird reflektiert, was Vivian Meiers beabsichtigte, wenn sie Bilder machte.

„Der Bäcker fragte: „Warum machen Sie so viele Fotos?“ „Haben Sie mitgezählt?“, antwortete ich. Darauf wusste er nichts zu sagen.“

Dann geht es rückwärts in der Zeit. Maria, Vivians Mutter hat sich vom Vater getrennt und zieht mit der kleinen Tochter bei der Porträtfotographin Jeanne Bertrand ein. Nach einer kurzen Zeit in Südfrankreich kehren die drei zurück. Nun erzählt überwiegend Vivian. Wir erfahren von der zerrütteten Familie und vom Werdegang Vivs. Zum Ende des Buches hin, verläuft der Text in eine Art Zwiegespräch zwischen Vivian und Erzähler.

„Ich fange mich nur selten lächelnd ein, aber heute war es der Fall: Ein Mann trug eine Scheibe vorbei, und ich fotografierte ihn von hinten, sodass ich mich im Glas spiegelte und es aussah, als würde er mich tragen.“

Vivian wird als forsche, wenig einfühlsame, etwas sonderliche einzelgängerische Person geschildert. Auch war sie an Männern, Frauen, Familie überhaupt nicht interessiert, ja generell waren ihr nähere Beziehungen wohl suspekt. Ist es das was die Autorin auf ihren vielen Selbstporträts erkennt? Sie wird als gesellschaftskritisch dargestellt. War sie das? Sind ihre Fotographien vor diesem Hintergrund entstanden? Tatsächlich schwand meine anfängliche Skepsis während der Lektüre mehr und mehr und ich empfinde nun den Roman als ungewöhnlich, aber höchst gelungen. Eine Biographie ist es jedoch nicht, eher eine Annäherung.

Ich habe mir begleitend den Band „Vivian Maier Street Photographer“ vom Schirmer & Mosel Verlag aus der Bibliothek geholt. Hier sind viele Fotos zu sehen, die Hesselholdt in ihrem Buch beschreibt. Offenbar hat sie sich auch intensiv mit diesem Band beschäftigt. Die Fotos, die in meinem Beitrag zu sehen sind, sind alle aus diesem Buch (bis auf ein farbiges Selbstporträt aus „Die Farbphotographien“, ebenfalls Schirmer & Mosel) und es sind alles jene beschriebenen Szenen.

Der Roman erschien im Hanser Berlin Verlag. Übersetzt aus dem Dänischen hat ihn Ursel Allenstein. Eine Leseprobe gibt es hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

David Vann: Momentum Hanser Berlin Verlag

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Liest man David Vanns neuen Roman „Momentum“ und kennt seine vorigen Romane, spürt man, dass alles was zuvor geschrieben wurde auf dieses Buch hinausläuft. Man weiß dann auch, dass einige autobiographisch sind und imgrunde alle auf ein Thema zulaufen: den Suizid des Vaters des Autors.

„Kennt man Vanns Romane, sei es „Die Unermesslichkeit“, „Dreck“ oder „Im Schatten des Vaters“ erscheint „Aquarium“ zunächst um einiges zivilisierter. Alle Romane jedoch basieren auf dem genauen schonungslosen Blick auf menschliche Beziehungen mit all ihren Abgründen. Vater – Sohn, Ehefrau – Ehemann, Mutter – Sohn, immer geht es um Familienbande, die bedingungslos aneinanderketten, obgleich jegliche Liebe erzwungen zu sein scheint und es dann zur Eskalation kommen muss. Fast immer mit Gewalt.“

So schrieb ich in meiner Besprechung zu „Aquarium“. In Momentum geht es nun um eben jenen Moment, der zwischen jeder Zeit liegt und der vielleicht der eine ist/war, der das Leben hätte total verändern oder zum Positiven wenden können. Jedenfalls wünscht sich Hauptfigur Jim immer wieder an diesen Punkt, der für ihn jedoch nie einzutreten scheint. Jim ist depressiv. Leicht manische Phasen wechseln mit absoluten Tiefs. Der 39-jährige Vater von zwei Kindern, von deren Mutter er längst getrennt ist, kommt auf Anraten von Ärzten aus Alaska zu seiner Familie nach Kalifornien zurück. Jim hat sich als gut verdienender Zahnarzt Steuerschulden angehäuft und auch die zweite Ehe mit Rhoda zerbricht an seiner Untreue. Die Familie soll nun Hilfe leisten, rettend eingreifen, weil Jim suizidal ist. Wie das in den USA so ist, hat Jim, wie scheinbar jeder andere, eine Waffe. Und in Gedanken benutzt er diese nicht nur, um sich selbst umzubringen, sondern auch um die eigene Familie auszulöschen.

„Worauf es jetzt ankommt, ist herauszufinden, wie er nur zum Selbstmörder werden kann und nicht zum Massenmörder. Das ist das hohe Ziel, das Jim anstreben kann, der Ertrag eines Lebens voller harter Arbeit. Herzlichen Glückwunsch.“

Vann erzählt direkt und ohne Zurückhaltung von den Rache- und Gewaltphantasien, von der Maßlosigkeit eines Mannes, der nicht mehr ganz bei sich ist. Er erzählt aber auch von den inneren Nöten, von der familiären Prägung, der immer verschwiegenen indigenen Herkunft und von der Unsicherheit eines Mannes, der nirgends mehr Halt findet. Und er erzählt von den fantasiereichen Geschichten, die der Vater seinen Kindern auftischt, etwa die vom fliegenden Heilbutt auf dem Mond (engl. Originaltitel: Halibut on the moon). Der 13-jährige David (=Autor David Vann) und die 8-jährige Tracy himmeln ihren fast immer abwesenden Vater an und folgen gebannt, mitunter verstört seinen Geschichten und seinen sprunghaften Launen.

„Die Wahrheit ist, dass er gerade keinerlei Kontrolle über sich hat. Verschiedene Gefühle überwältigen ihn Tag und Nacht, immer ohne Warnung, ohne eine Ahnung, was als nächstes kommt. Keine Kontrolle zu haben ist erschreckend, ganz besonders vor seinen Kindern. Er will nicht, dass sie das mitbekommen.“

Die Besuche bei Eltern und Bruder, Exfrau und Kindern wirken auf Jim jedoch alles andere als stabilisierend, obwohl alle nach ihrem Empfinden das Beste geben. Das vom Arzt verordnete Medikament wirkt nicht schnell genug. Jims Aufenthalt gleicht einem Wettlauf mit sich selbst, einem ziel- und ruhelosem Treiben durch den Heimatort, einer Reise in die Vergangenheit. Einzig der Vater öffnet sich überraschenderweise kurzzeitig und lässt Nähe erkennen: er gesteht ihm, dass er selbst schon immer ein falsches Leben lebt, dass es schmerzt die eigene Abstammung von einem Cherokee-Vater fortwährend verheimlicht zu haben. Doch wie eine Depression eben ist, kann Jim die Worte nicht wirklich annehmen. Nach nur zwei durchwachten schmerzvollen Nächten kehrt er nach Fairbanks, Alaska zurück und nimmt die Waffe zur Hand …

David Vann gelingt es brillant, Erscheinungsformen der Krankheit Depression darzustellen. Mit großer sprachlicher Klarheit durchdringt er die ewige Sinnsuche und die Ratlosigkeit seines Helden angesichts dieser großen existentiellen Frage.

David Vanns neuer Roman erschien zum ersten Mal im Hanser Verlag und wurde von Cornelius Reiber übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Aris Fioretos: Nelly B.s Herz Hanser Verlag

Der 1960 im schwedischen Göteborg geborene Autor Aris Fioretos hat einen sprachlich meisterhaft gelungenen Roman geschrieben. Lange schon wollte ich einmal etwas von ihm lesen und habe mit „Nelly B.s Herz“ gleich einen Glücksgriff getan. Fioretos erzählt von Nelly Becker, die 1911 als erste Frau in Deutschland ihre Flugzeugführerlizenz erwarb. Er lehnt sich dabei an die reale Biografie der Amelie – Melli – Beese (1886 – 1925) an und ergänzt fiktiv die Zeit nach ihrer Fliegerlaufbahn in Johannisthal bei Berlin und vor ihrem Suizid 1925, über die man fast nichts weiß. Die Biografie Beeses selbst ist schon höchst interessant. Fioretos erzählt sie kurz als Anmerkung am Schluss des Buches.

„Der erste Pilot der Geschichte soll mit Schwingen aus Wachs zur Sonne aufgestiegen sein. Er ließ ein Labyrinth hinter sich, strebte nach offenen Himmeln. In dieser Sehnsucht nach Ungebundenheit erkenne ich mich selbst wieder. Als Mädchen habe ich niemandem erlaubt, mir zu helfen.“

Dem Autor ist es hervorragend gelungen, seine Hauptfigur im Kontext ihrer Zeit aufleben zu lassen. Er gibt ihr sehr viel Tiefe, Melancholie, aber auch eine kraftvolle Lebensfreude. Nelly wird in der Nähe von Dresden geboren, studiert Bildhauerei in Stockholm, bevor sie fasziniert von der Fliegerei mit dem Franzosen Paul Boutard im Fliegerhorst Johannisthal eine Flugschule gründet. Sie fliegt nicht nur, sondern kennt sich auch im technischen Bereich der Mechanik und Konstruktion bestens aus. Als selbständige Frau wird sie jedoch von den männlichen Kollegen oft schräg angesehen, sogar sabotiert. Nach dem 1. Weltkrieg, in dem Paul interniert wird und an Tuberkulose erkrankt, gelingt es ihnen nicht, die Schule erfolgreich weiterzuführen. Gleichzeitig bekommt Nelly die Diagnose einer Herzkrankheit. Sie darf nicht mehr fliegen.

Hier setzt nun die Haupthandlung ein. Nelly, die mittlerweile mit Paul verheiratet ist, trennt sich von ihm, nimmt eine Arbeit bei BMW Berlin an und verkauft Motorräder. Hier lernt sie Irma kennen. Sie verliebt sich in die wesentlich jüngere Frau und erlebt trotz des Flugverbots eine Zeit des Aufwinds, ein Gefühl der Verbundenheit, ja der Verschmelzung, dass sie bisher eigentlich nur oben am Himmel im Cockpit eines Flugzeugs fand. Nellys Herz soll genesen durch Ruhe und Medikamente und beginnt nun durch Irmas Anwesenheit weit zu werden. Im Erinnern an die Beziehungen zu zwei Freundinnen wird Nelly nun auch klar, dass sie bereits als junges Mädchen wusste, dass sie eine „Veilchenfrau“ ist. In der Erzählung der Liebesgeschichte zwischen den beiden Frauen zeigt sich auch die Sprachkunst und Sensibilität des Autors. Er verwendet im ganzen Text Wörter und Metaphern, die mitunter altmodisch anmuten, die aber perfekt zur Zeit und zu den beiden Frauen passen. Dabei spielt er mit Zahlen- oder Buchstabensymbolen, die Nellys komplexes Denken durchziehen.

„Ich muss an das Emblem der Flugschule denken. Sie und ich, einander zugewandt wie zwei Bs. Die Form eines perfekten Stundenglases.“

So musste ich das Wort „inklinieren“ suchen, was Fioretos mehrfach verwendet. Duden sagt dazu: „neigen; eine Disposition/eine Neigung haben, einen Hang/eine Tendenz haben, hinneigen, tendieren“. Das lässt sich nun natürlich hier auch für die Fliegersprache verwenden, nicht nur für die Zuneigung der beiden Frauen oder für die generelle Hinneigung von Frauen zu Frauen. Schnell bemerkt man, dass bei Fioretos Schreiben nichts dem Zufall überlassen wird. Die Geschichte lebt von gelungener Konstruktion, die aber niemals konstruiert wirkt, sondern vollkommen stimmig und leicht, was natürlich auch der großen Sprachsicherheit des Autors zu verdanken ist.

„Ob eine Frau sich nicht wie ein Mann verhalten könne, fragt Irma.
„Aber warum deshalb ein Mann sein wie ein Mann?“

Doch die Beziehung gestaltet sich nicht so einfach. Irma ist ein Kind ihrer Zeit, hat einen anspruchsvollen Job in einer Werbeagentur, will sich nicht festlegen, hat noch jemand anderen. Nelly erkennt das nur langsam und erkennt gleichzeitig was sie selbst will. Eine gemeinsame Flugreise, die sie eigentlich näher zusammen bringen sollte, stellt den Anfang vom Ende dar. Für Nellys Gesundheit zudem ein Desaster. Sie kann nicht mehr arbeiten, versinkt mehr und mehr in einer Welt von mal düsteren, mal klaren Wachträumen, hervorgerufen durch den Missbrauch drogenartig wirkender Medikamente. So wie die echte Fliegerin Mellie Beese, setzt sie ihrem Leben am 22.12.1925 ein Ende.

„Manchmal glaube ich, das ist der Sinn in allem: Als Mensch soll man sich mit seinem ganzen Sein nach außen und vorwärts strecken. Begrenzungen überwinden, dem Punkt entgegenstreben, an dem man endet – und sich danach an ihm vorbeibewegen.“

Aris Fioretos` komplexer Roman, der noch viel weiter reicht, als ich hier erzählen kann, ist für mich ein glückliches bleibendes Leseerlebnis gewesen. Aviatisches Leuchten!

Der Roman erschien im Hanser Verlag und wurde von Paul Berf aus dem Schwedischen übersetzt. Eine Leseprobe und ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es hier. Der Roman steht außerdem vollkommen zurecht auf der Februar-Bestenliste des SWR.

Norbert Gstrein: Als ich jung war Hanser Verlag

Ein Roman über einen Tiroler Skilehrer in Wyoming, USA? Kann das was werden? Obwohl ich den 1961 geborenen österreichischen Autor Norbert Gstrein mit seinem letzten Roman „Die kommenden Jahre“ für mich entdeckte, war ich skeptisch. Doch das Lesen hat sich gelohnt. Gstrein ist einer der unspektakulären und gerade deshalb ausgezeichneten Schriftsteller, wie etwa Ralf Rothmann, Karl-Heinz Ott oder Christoph Hein, die mit leisen, aber sehr tiefen Tönen punkten und die sich ihrer Sprache absolut sicher sind. So schafft es Gstrein auch in „Als ich jung war“ mich als Leserin zu gewinnen. Sein Roman ist wie ein steter fließender Fluß, dessen Untiefen jedoch nicht zu umgehen sind.

Franz fotografiert schon im Jugendalter auf Hochzeiten, die sein Vater in seinem Hotel und Restaurant ausrichtet. Wir sind in den Tiroler Bergen und die „Hochzeitsfabrik“ boomt. Später, als Franz schon studiert, wird er noch zweimal aushilfsweise vom Vater engagiert und beide Male sind für Franz prägend, denn einmal trifft auf er ein anziehendes junges Mädchen und einmal kommt die Braut zu Tode. Die Eltern des Mädchens lassen keinen Kontakt mehr zu und der Todesfall hetzt ihm den ermittelnden Kommissar auf den Hals, der klären will, ob es Mord oder Selbstmord war. Kurz darauf reist Franz in die USA, wo er in Wyoming seine „Karriere“ als Skilehrer startet. Für Außenstehende und die Zurückgebliebenen sieht es beinah aus wie eine Flucht. Dass er dort ganze 13 Jahre verbringen wird, ahnt er selbst nicht.

Franz ist ein Träumer, er ist und bleibt eine Art Außenseiter in der kleinen Stadt Jackson, hat keine Freundin und haust in einem billigen Apartment. Er fotografiert nun als Hobby Landschaften und ist trotz seiner Arbeit in der Skischule von den Geldsendungen seines Vaters abhängig. Schnell findet er in einem älteren Professor der Atomphysik einen Stammgast, der nur von ihm unterrichtet werden will. Der Professor ist eine merkwürdige Figur, noch mehr Außenseiter als Franz und doch werden beide Freunde. Der Professor erzählt ihm aus seiner Biografie. Franz ist zurückhaltender, berichtet aber eines Tages doch von Sarah, dem Mädchen auf der Hochzeit, dass er damals verliebt geküsst hat.

Erst viel später erfährt der Leser, dass jene Sarah gerade mal 13 Jahre alt war und der 24-jährige Franz sie trotz ihres „Nicht!“ geküsst hat. Auch der Professor ist nicht der, der er vorgab zu sein, zumindest nicht nur. Nach dessem überraschenden, inszeniert wirkenden Selbstmord auf der Piste, taucht ein seltsamer Briefwechsel auf, taucht sogar eine Ehefrau auf, die der Professor nie erwähnt hatte. Von ihr erfährt Franz nun eine Geschichte, die den Professor in einem ganz anderen Licht erscheinen lässt. Die dunkle Seite, die kaum einer kennt und die jeder in sich trägt.

„Er fragte mich, wovor ich Angst gehabt hätte, und ich wusste im selben Moment, dass es sich noch ganz anders verhielt, als er behauptet hatte, nämlich dass nicht nur jeder Mensch wenigstens eine Geschichte in seinem Leben hatte, von der er nicht wollte, dass jemand anderes sie zu hören bekam, sondern dass es auch Geschichten gab, die man nur erzählte, um andere Geschichten nicht erzählen zu müssen.“

Als Franz kurz darauf nach einem Skiunfall wieder in seine Heimat zurückkehrt, stellt er fest, wie wenig sich seitdem dort geändert hat und auch der Kommissar taucht wieder auf und stellt neugierige Fragen, die Franz nicht ganz unberührt lassen, obwohl er stets so tut …

In Gstreins Roman kommen viele verstorbene oder verschwundene Menschen vor, geht es um Wahrheit und Erfindung und die Frage, ob man einen anderen Menschen je genau kennen kann, ja gar sich selbst. Es geht um Selbstbild und Fremdwahrnehmung, um Täuschung und Schuld. Gstrein spricht viele aktuelle Themen an, wie etwa Kindesmissbrauch und die Me too-Debatte, lässt dabei aber alle Fragen offen und viel Raum für eigene Gedanken dazu, was ich sehr geschickt finde. Es freut mich, dass dieser Roman zumindest für den österreichischen Buchpreis nominiert wurde.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Mehr über Roman und Autor gibt es auf der Verlagsseite.

Eine weitere Besprechung zu Gstrein:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/04/27/norbert-gstrein-die-kommenden-jahre-hanser-verlag/

A. L. Kennedy: Süßer Ernst Hanser Verlag

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Ein neuer Roman von A. L. Kennedy kommt immer zur rechten Zeit. Auf dem Cover sind unzählige digitale Zeitanzeigen abgebildet. Es sind die Uhrzeiten, die auch Überschrift für jedes neue Kapitel sind. „Süßer Ernst“ spielt an einem einzigen Tag in London und ist eine Art Dialogroman mit vielen schräggedruckten Sequenzen. Es sind innere Selbstgespräche, die immer aus dem Kopf der Protagonisten direkt und unverblümt in die Leser_innen hineinerzählt werden. Der Bewußtseinsstrom der beiden Hauptfiguren verrät gleich von Anfang an viel über sie selbst. Wechselweise kommen Meg und Jon zu Wort. Beide, wie könnte es bei Kennedy auch anders sein, sind gebeutelte, vom Leben gezeichnete Personen, die versuchen in Richtung einer Beziehung zu gehen.

Jon, frisch geschieden von Valerie, eine fast erwachsene Tochter, Rebecca, mit der es auch schwierig ist, mag sich nicht. Er ist „Staatsdiener“. Er arbeitet für die Regierung, oft tatsächlich dienernd, und kennt nicht viel mehr als seine Arbeit. Eines Tages kommt er auf die seltsame Idee, als Ausgleich Briefe zu schreiben:

„Maßgeschneiderter Service: Handgeschriebene Briefe nach den Bedürfnissen der anspruchsvollen Frau. Zuneigungsbekundungen und Respekt wöchentlich geliefert. Antwort nicht erforderlich. [ … ]
Die ganze Sache war am Ende dreiunddreißig Wörter lang, und man hatte nicht damit rechnen können, dass sie einem hochexplosiven Sprengsatz gleichkamen.“

Meg ist gescheiterte Wirtschaftsprüferin, sprich insolvent, sprich pleite. Sie arbeitet inzwischen in einem Tierheim in der Verwaltung und ist dabei, mangels anderer Liebe, sich in einen der Hunde dort, den Spaniel Hector, zu verlieben. Auch sie ist nicht sehr überzeugt von sich. Obwohl sie inzwischen ein ganzes Jahr trockene Alkoholikerin ist.

„Sie allerdings gehörte zu denen, die einen Gedanken verschwendeten. Sie interessierte sich für Schäden, konnte man sagen: für Schäden und Lücken. Konnte beides lehrreich sein.“

Und so liest man, wie die beiden hadern, sich selbst bezweifeln, Blicke zurück werfen, grübeln, innerlich vor sich hin schimpfen, selten still innehalten. Was beide bewegt und weiter treibt, ist dass, was in Kennedys Büchern in der ein oder anderen Form immer thematisiert wird: Wie funktionieren Beziehungen? Hier ist es die Sehnsucht nach Zärtlichkeit, Berührung und Nähe im mittleren Alter. Und die Angst davor.

So schwanken wir hin und her zwischen beiden und tauchen immer tiefer in den Gedankenstrom von Uhrzeit zu Uhrzeit, bis es nachmittag wird und ihre Verabredung ansteht. Denn Meg will Jon treffen, der „Süße Ernst“ in seinen Briefen hat sie für ihn eingenommen. Doch daraus wird zunächst nichts: Jon erhält einen wichtigen Auftrag von seinem Chef, unverzüglich auszuführen. So muss er das Treffen mit Meg verschieben. Als das erledigt ist, ruft ihn seine Tochter zu Hilfe, sie hat Liebeskummer und braucht Trost. So muss er Meg erneut vertrösten. Und dann wieder der Chef, der das Ergebnis seines Auftrags erfahren will. Meg nimmt die wiederholten Verzögerungen zunächst einigermaßen gelassen, weil sie es sich vorgenommen hat, nicht so zu reagieren, wie sie es früher getan hätte. Und weil sie zu spüren glaubt, dass Jon ganz ähnlich tickt wie sie, obgleich sie so unterschiedliche Leben führen. Und dass eine solche Chance womöglich nicht wiederkommt. Sie sind beide nicht mehr jung und beide fragil und allzu leicht verletzlich.

Abgesehen davon, dass nicht jeder kleinste Gedanke der Protagonisten wichtig ist (vor allem bei Ihm; denn wenn Sie ausführlichst und bis ins Detail darüber nachgrübelt, abwägt, welchen Kuchen sie mit zur Arbeit bringen könnte (denn das ist allmonatlich so üblich unter den Angestellten), selbst gebacken oder gekauft? irgendwelche Allergien?, Schoko oder Käse?, damit auch ja alle Kollegen zufrieden sind, dann ist das himmlisch) für das Funktionieren der Story, ist auch das Schrägedruckt-Lesen auf Dauer etwas anstrengend. (Nachtrag: Man gewöhnt sich dran.)

Etwas kürzer wäre vielleicht auch besser gewesen. Was zunächst die Spannung steigen lässt, wird auf den letzten 100 Seiten (von 550) dann doch etwas zu langwierig. Denn als sie sich dann endlich doch noch treffen, in der Nacht, ist es teils unerträglich, wenn nur noch ein stotternder Mann und eine dagegen klar denkende Frau zu hören sind, wenn man den kompletten inneren Monolog zweier Menschen hört, die sich mögen, sich aber aus ihrer großen Verletztheit heraus, dem anderen kaum anvertrauen können. Zwei Menschen, die von Minderwertigkeitsgefühlen und von Selbsthass zerfressen sind … Aber das kennen wir ja von Al. L. Kennedy. Und lieben wir. Wir Kennedy-Leser_innen. Wir, die wir uns Kennedy zumuten …

Was am Ende bleibt:

„Ein zerknittertes Paar sitzt auf einem Hügel oberhalb einer bekannten Metropole.
Sie sitzen nebeneinander und lachen.
Sie sitzen nebeneinander und weinen.
Sie möchten lieber hier sein und daran sterben als anderswo sein.
Hier ist es.“

Kennedys Sprache ist ein Mix aus raffinierter, oft witziger Wortfindung kombiniert mit mal schnoddriger, mal zarter Stimme, immer jedenfalls mit großer Hingabe an ihre Figuren. Ich glaube, sie liebt ihre Helden und Heldinnen. Das zeigt sich im ganzen Text.

A. L. Kennedys Roman erschien im Hanser Verlag. Übersetzt aus dem Englischen haben  Ingo Herzke und Susanne Höbel. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Ich habe hier auf dem Blog außerdem Kennedys Buch übers Schreiben vorgestellt.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Karl-Heinz Ott: Und jeden Morgen das Meer Hanser Verlag

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Was hier mit einem so luftig leichten Titel beginnt, gewinnt beim Lesen schnell an Tiefe. Das Wasser spielt dabei eine Rolle: das wilde Meer in Wales, der zahme Bodensee.

„Jeden Morgen steht sie auf den Klippen, bei jedem Wind und Wetter, und jedesmal denkt sie, ich könnte springen. Denkt es, seit sie hier ist. Das Meer würde sie sofort verschlingen.“

Dass Karl-Heinz Ott ein großartiger Erzähler ist, war auch letzthin in seiner Lesung und Buchvorstellung (passenderweise am Wannsee) im Literarischen Colloquium zu erleben. Geschickt und kurzweilig erzählte er über sein Schreiben und über sein neues Buch. Beim Lesen nun kam mir vieles bekannt vor, Hintergründe die ich aus dem Gespräch erinnere. Doch auch ohne irgendwelches Vorabwissen ist dieses Buch ein Lesegenuss, wenngleich bei nicht gerade leichtem Thema. Doch Ott ist eben ein Könner – er arbeitet auch fürs Theater und ist Musikkenner – der Inszenierung und der Virtuosität. Alles passt. Jeder Satz sitzt. Am Wannsee erzählt er von seinem begonnenen Musikstudium, dass dann durch ein „Erweckungserlebnis“ durch die Lektüre Handkes ein Ende fand. Er wandte sich dem Schreiben zu.

Von einer katholisch-strengen Kindheit bei der Großmutter im Allgäu, später nach deren Tod bei den Nonnen im Waisenhaus, geprägt, möchte die Heldin später eigentlich nichts wie weg aus dieser Gegend. Sie lernt Bruno, einen Koch, bei der Ausbildung in Sankt Moritz kennen. Sie heiraten und übernehmen die Gastwirtschaft von Brunos Eltern. Ohne ihre Tatkraft und Energie wäre aus der Dorfwirtschaft am Bodensee nie ein 1-Sterne-Restaurant geworden. Ohne Ottos Kochkünste auch nicht. Doch als dann der Stern wieder weg ist, geht es mit Bruno bergab.

„Zuweilen ist ihr, als sei sie mit Bruno nie zusammen gewesen. Manchmal entschwindet er so weit, als hätten sie beide nie Seite an Seite gelebt. Er besteht dann nur noch aus einer Hülle, die eine Haube trägt und eine Schürze. Viel mehr sieht sie nicht mehr.“

Von Brunos Tod erfährt man schon zu Beginn des Romans. Langsam dröselt Ott dann die Hintergründe auf und baut damit Spannung auf. Seine Protagonistin, Mitte 60, sitzt auf einem Schuldenberg und findet keine Arbeit mehr. Bruno hat sie mit seinem Tod hängenlassen. Sie folgt schließlich dem Vorschlag eines Stammgasts und fährt, alles zurücklassend nach Wales, um dort ein in die Jahre gekommenes Hotel an der Küste zu bewirtschaften. Es gibt kaum Gäste. Sie hat dort viel Zeit zum Nachdenken und wir Leser/innen dürfen teilhaben an den zweifelnden, hinterfragenden, schmerzlichen, düsteren Gedanken, die sie verfolgen. Sie gibt sich den essentiellen (Glaubens-)Fragen hin, hadert mit der katholischen Erziehung. Selbst im Traum lassen Bruno und dessen Bruder Arno, der das verschuldete Restaurant am Bodensee übernommen hat, sie nicht zur Ruhe kommen. Nur am Meer, auf dem Klippenweg, dem tosenden Wind ausgesetzt, scheint der Kopf etwas leerer zu werden, sich die Unruhe etwas zu legen.

Wiederholte Äußerungen, wie etwa über ein Shakespeare-Gedicht in Sankt Moritz intensivieren das Gefühl der Hauptperson mit ihren ewig um das eine kreisenden Gedanken. Der Sinn des Lebens! Was war verloren? War etwas gewonnen? Was, wenn alles anders gekommen wäre? Großartig wie Ott eine Szene beschreibt, bei der sie einen Vortrag darüber besucht und sich ihrem Empfinden nach plötzlich alles allein auf sie gerichtet scheint. Und es kommen solch herrliche Sätze vor:

„Als Kind erblickte sie in diesen Strommasten lauter kleine Eifeltürme, deren endlose, am Horizont verschwindende Zahl irgendwann in Paris enden müsste.“

Trotz aller Kürze von 140 Seiten hinterlässt die Lektüre das Gefühl großer Fülle, in ihrer Komplexität und Nachdrücklichkeit liegt gerade die Kraft. Wer will, kann sich hier an kurzweiliger Lektüre erfreuen oder aber mit in die Tiefe tauchen, was ich durchaus empfehle. Ein Leuchten!

Bereits mit seinen Romanen „Wintzenried“ und „Die Auferstehung“ (wird auch verfilmt) hat mich Ott begeistert. „Und jeden Morgen das Meer“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Leseexemplar.