Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios Hanser Verlag

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Viel Aufmerksamkeit bekam dieses Buch schon lange vorab. Der Shooting Star aus den USA nun auch in deutscher Übersetzung! So viele Vorschusslorbeeren machen mich eher skeptisch. Doch dann las ich, dass Vuong auch Gedichte schreibt, las die Leseprobe und wusste: Ja, das will ich lesen. Da ist einer, der hat eine poetische Sprache, der hat kluge Metaphern an der richtigen Stelle, dessen Sprache schwebt und sich erhebt über die Geschichte, seine eigene Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist. Grandios auch das Coverbild und der Titel.

Im ersten Teil beschreibt Ocean Vuong auf unruhige, nicht immer leicht durchschaubare Weise  Kindheit und Familiengeschichte seines Protagonisten, genannt „Little Dog“. Hier wählt er die Briefform, ein vermutlich nie gelesener Brief an die Mutter, die Analphabetin ist. Er kommt mit zwei Jahren mit seiner Mutter und Großmutter aus Vietnam in die USA. Gleich zu Anfang wird die Gewalttätigkeit der Mutter thematisiert, die umso mehr erschreckt, als sie zwischen sprachlich feine Passagen gesetzt wird. Großmutter, Mutter, Kind: Alle durch den Vietnamkrieg psychisch erschüttert, alle nun in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land des Kriegsgegners. Alle binnen kurzer Zeit ohne jede Hoffnung. Es ist auch der Teil, der mir am eindrücklichsten bleibt.

„Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel, Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Im zweiten Teil geht es um die Identifizierung als Teenager, der sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt bis hin zum Coming Out gegenüber der Mutter. Mit Trevor einem Farmerssohn erlebt er zum ersten Mal Sex. Auch hier ist Gewalt im Spiel, gewollte Gewalt. Es geht um die beiden Jungen, der eine weiß, der andere gelb, die sich durch die Zeit treiben lassen, begleitet von Drogen verschiedenster Art, langer Weile, Schwärmerei und dem Wunsch nach Rebellion, in einer heruntergekommenen Gegend, in einer für sie begrenzten Welt.

„Da war Gewalt bereits alltäglich für mich, war, was ich letzten Endes von Liebe wusste.“

Im dritten Teil, fünf Jahre sind vergangen, studiert „Little Dog“ in New York Literatur. Als er von Trevors Tod durch eine Überdosis Heroin erfährt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Jugend. Kurze Zeit darauf stirbt auch die Großmutter und Little Dog reist mit der Mutter zur Beisetzung zurück nach Vietnam, nach Saigon.

„Ich wollte nie einen „Textkörper“ erschaffen, sondern sie, unsere Körper, atmend und verschollen im Text bewahren.“

Vuong unterfüttert seine Geschichte mit einzelnen Sätzen, Zeilen, die ungeordnet aus dem Rahmentext hervorbrechen, die teils wirken, als versuchten sie wie Säulen den Fließtext in seiner inhaltlichen Brüchigkeit und manchmal auch Grobheit zu stützen. Einfach ausgedrückt, bestehen sie womöglich aus gewonnener Erkenntnis in poetische Bilder gelegt.

Was mir gefehlt hat, ist die Entwicklungsgeschichte Little Dogs hin zum Studium, zur Literatur und zum eigenen Schreiben. Das hätte mich brennend interessiert. Nun bin ich gespannt auf seine Lyrik, die hoffentlich auch in Deutsch erscheinen wird.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung stammt von Anne-Kristin Mittag.

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Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag

Ein Haus in Paris, ein Innenhof in der Rue de Grenelle, ein Fiat 500 im Hof, ein Haus, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, eine Wohnung mit zwei Stockwerken, in einem Raum das Versteck.

„Diese Familie ist nichts als eine lange Folge von Pseudonymen, Spitznamen, gekauften oder erfundenen Decknamen. Von nicht mehr ganz eigenen Namen, da sich dahinter andere verbergen, die alle dieselbe Frage stellen: „Wer sind wir?“

Christophe Boltanskis Buch besteht aus Räumen, angefüllt mit Dingen, an denen Erinnerungen haften, begehbare Einheiten einer Familiengeschichte, ein Durchlaufen der Ereignisse, ein intimer Einblick in einen geschlossenen Kosmos. Das hier gelebte Konstrukt heißt Familie und es scheint zu funktionieren vor dem Hintergrund der permanenten Angst ihrer Mitglieder. Die Idee dieses Romans erinnert leicht an Georges Perecs „Das Leben – Gebrauchsanweisung, das eine ebensolche Einteilung in Wohnungen und ihre Bewohner eines Mietshauses in Paris beinhaltet oder an Xavier de Maistres „Die Reise um mein Zimmer. Die Wohnung spielt in der Tat eine wichtige Rolle, ist Schutzraum, Abgrenzungsort, ist wie ein Mitglied der Familie, ja vielleicht der eigentliche Hauptprotagonist. Erst spät wird sie auch zu einem Begegnungsort der intellektuellen Freunde der Familie.

Boltanski gliedert diese autobiografische Geschichte nicht chronologisch, sondern in Kapitel, die jeweils nach einem Zimmer des Hauses benannt sind. Dass diese Gliederung im Fall von Boltanskis Familie stimmig ist, zeigt sich im Laufe des Lesens. Jedes Zimmer wird betreten, der Autor hat eingeladen: Er schildert, was darin geschah. Anhand der einzelnen Familienmitglieder bildet er das Familienleben und die Stellung eines jeden darin ab. Er erzählt von den wichtigen Gegenständen und der unterschiedlichen Erinnerung daran. Beginnend mit dem Auto, dem Fiat 500, der letztlich eine Erweiterung der Wohnung war.

„Der Fiat befriedigt unseren Wunsch, fliehen und sich einschließen zu können, zur Welt zu kommen und in den Zustand eines Fötus zurückzukehren.“

Im nächsten Kapitel geht es um Küche und Esszimmer. Hier taucht Boltanski weit zurück in der Zeit und erzählt etwa von der Urgroßmutter aus Odessa, die wenig Hab und Gut auf die Reise nach Frankreich mitnehmen konnte, aber eben einen Samowar: „Das Totem der Boltanskis.“ Hier spricht er von den seltsamen Essgewohnheiten, die auf die Sparsamkeit der Großmutter zurückzuführen sind. In diesem Zusammenhang schildert er auch die denkwürdigen Urlaubsreisen mit einem Volvo 144, in dem unzählige Familienmitglieder Platz fanden. Doch ging es eigentlich nur um eine möglichst lange zurückgelegte Strecke, keineswegs um den erreichten Ort oder um eine etwaige Erholung.

„Meine Familie lebte nicht zurückgezogen, sondern zusammengeschweißt.“

Es geht hier weniger um Einzelpersonen. Diese Familie ist lebensfähig nur im Ganzen. Zumindest ist dies die unumstößliche Ansicht der Großmutter Boltanskis, die mehr noch als der Großvater im Mittelpunkt des Buches und auch in dem der Familie steht. Sie ist es, die trotz (oder wegen) ihrer körperlichen Gebrechen die Starke ist, die alles mit eiserner Hand trägt und zusammenhält, die den anderen oft die Luft zum Atmen nimmt. Die Großmutter ist es auch, die entscheidet, dass im Haus „das Versteck“ eingerichtet wird, in dem sich der Großvater letztlich 20 Monate während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aufhält und überlebt.

Das Kapitel „Salon“ erzählt von der Kindheit der Großmutter, die von den Eltern zur Adoption zu einer reichen Bekannten geschickt wird, dass sie es einmal besser habe. In dieser Zeit ist sie unglücklich, aber materiell versorgt, beerbt schließlich sogar die Adoptivmutter.

„Über dem Taufbecken hatte man sie an eine alleinstehende Dame verkauft, die ein zurückgezogenes Leben führte und ihr mit spitzen kaum angedeuteten Küssen Moralpredigten hielt.“

Im Anschluss daran, zeigt das Kapitel „Treppe“, das weitere Schicksal der Großmutter auf. Sie beginnt ein Medizinstudium und schreibt unter Pseudonym Romane und Essays. Alles ändert sich, als sie sich als junge Frau mit Polio infiziert und seitdem unter diversen Lähmungen leidet und nur unter größter Anstrengung zu gehen vermag. Auf der Straße sieht man sie nur im Fiat, wo nichts von ihrer Gebrechlichkeit zu sehen ist. Diese Krankheit und ihr Stolz treibt sie dazu, die restliche Familie permanent um sich herum zu scharen, sie zu isolieren.

„Es ist logisch, dass sie nach einer solchen Kindheit nicht ruhte, das zu erschaffen, was sie selbst nicht gehabt hatte: eine Familie, die wie ein kompakter Block war. Sie bewegte sich nur umgeben von den Ihren. „Meine Kinder sind meine Stöcke, erklärte sie.“

Im Kapitel „Arbeitszimmer“ wird die Geschichte des Großvaters Etienne erzählt, der Arzt war und jüdischer Abstammung. Als junger Mann war er mit dem Dadaisten Théodore Fraenkel befreundet und verkehrte im club des sophistes. Aus Überzeugung trat er mit dreißig zum Christentum über, was ihn später nicht vor der Verfolgung durch die Nazis rettete. Der Großvater war gleich nach dem Studium als Arzt zwei Jahre im 1.Weltkrieg an der Front tätig und stark traumatisiert zurückgekehrt. Als in Paris die Verfolgung durch das Vichy-Regime begann, musste er seine Tätigkeit in einer Klinik beenden. Seine Frau hatte schließlich die rettende die Idee, sich offiziell von ihm scheiden zu lassen und ihn in Wirklichkeit im „Zwischenraum“ genannten Versteck direkt neben ihrem Zimmer unterzubringen. Von der Zeit im Versteck erfahren wir wenig, nur, dass es dem Großvater danach schwerfiel wieder ins Leben zurückzufinden.

„Er vermisste sein Versteck, das Leid, das ihn geläutert hatte. Er hat es nie wieder verlassen. Überall, wo er war, baute er sein Gefängnis um sich herum. Er errichtete hohe Mauern zwischen denen er sich aufhielt.“

Dennoch waren die Boltanskis später politisch und gesellschaftlich aktiv, die Großmutter nach dem Krieg bei diversen Hilfsorganisationen, die Eltern des Autors vor allem was die Algerienpolitik Frankreichs betraf,

Der Autor reiste auf den Spuren seiner Familie nach Odessa, wohin bisher keiner der Verwandten zurückgekehrt war. Er wollte wissen, wie sehr die Erinnerungen der von ihm befragten Verwandten mit der Realität übereinstimmen. Doch trotz aller Bemühungen gelang es ihm nicht, etwas in Erfahrung zu bringen.

Boltanski wuchs im Haus der Großeltern auf. Er erzählt die Geschichte seiner Familie offen mit liebevollem Blick und mit ehrlichem Respekt, verschweigt auch die dunklen Seiten nicht, vermutet sogar eine Traumatisierung der gesamten Familie, die sich bis auf seine Generation übertragen hat.

„Diese Furcht hat mir meine Familie schon sehr früh vermittelt, fast bei der Geburt.“

Aufgrund der vielen Zeitsprünge und der unglaublich vielen Namen von Familienangehörigen, die Großmutter hatte aufgrund der Adoption allein drei verschiedene, ist es mitunter etwas schwierig der Geschichte zu folgen. Ein Namensregister im Anhang wäre hilfreich gewesen.

Der 1962 in Paris geborene Christophe Boltanski ist Journalist und Kriegsreporter gewesen. Sein erster Roman ist ideenreich und eigen konstruiert, spannend und humorvoll erzählt. Er ist ein bewegendes Porträt einer ungewöhnlichen Familie von Freigeistern und Künstlern. Ihm gelingt es aus diesem biografischem Material wirklich Literatur zu machen. Seine Sprache ist bilderreich und, mir fällt kein treffenderes Wort ein, schlichtweg elegant.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Dieser Beitrag erschien erstmals auf fixpoetry

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre Hanser Verlag

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An Norbert Gstreins neuen Roman habe ich mich erst herantasten müssen. Es ist sehr lange her, dass ich ein Buch dieses Autors las. Doch dann eröffnete sich mir der Roman in schönster Fülle. Gstrein hat eine starke Geschichte konstruiert, die aus einem Kernthema heraus weite Kreise zieht und sehr differenzierte Betrachtungsweisen aufzeigt.

Die Hauptfigur ist Richard, ein Gletscherforscher, der sich dem ewigen Eis verschrieben hat und darüber an der Uni lehrt, vor allem über den Klimawandel. Ob dabei eine Rolle spielte, dass er in der Kindheit von seinen Eltern, wenn er frech war in einem Kühlraum eingesperrt wurde? Die Eltern hatten in Tirol ein Hotel. Inzwischen lebt er aber längst mit Frau und Kind in Hamburg. Im Roman finden sich Eis und Kälte zuhauf. Und sei es sinnbildlich, wenn etwa Natascha, die Ehefrau, ihn mal wieder Eismann nennt, wenn sie seiner angeblichen Gefühlskälte überdrüssig ist. Diese unterstellt sie ihm ebenfalls in der Sache mit der Flüchtlingsfamilie, die beide in ihrem Ferienhaus im Umland aufgenommen, besser gesagt, es an diese vermietet haben. Während Richard die Familie zur Ruhe kommen lassen will, kümmert sich Natascha jeden Augenblick um das Wohl der Familie, ruft an, fährt hin, ja beginnt sie im Grunde zu bevormunden. Schön, wie Gstrein diesen Zwiespalt herauskehrt und den Leser damit konfrontiert.

„Sicher hätte ich mir meinen Kommentar sparen können, um zu helfen, müsse ich nicht ein Diplom in Ethnologie oder Religionswissenschaftler haben, als sie mich fragte, ob ich mich nicht auch auf unsere Gäste vorbereiten wollte.“

Natascha und Richard entfremden sich aufgrund dieser Differenzen noch mehr als bisher. Natascha ist erfolgreiche Schriftstellerin und vermarktet die Idee mit der Flüchtlingshilfe sogar als Story in einer populären Zeitschrift. Sie lässt Mann und Kind alleine in die Ferien fahren. Sie geht voll in ihrer neuen Rolle als Helferin und Beschützerin auf. Vor allem auch dann, als vermehrt bedrohliche Nachrichten oder sind es Gerüchte? über das Haus am See aus der Nachbarschaft kommen. Die Familie aus Damaskus hingegen, scheint sich einzuleben, die Söhne gehen zur Schule, haben in kürzester Zeit deutsch gelernt. Als der Vater gar zum Christentum übertreten will, ist Natascha entsetzt, hatte sie sich doch gerade mit dem Islam beschäftigen wollen. In der Tat fragt man sich da als Leser/in, ob außer dem Wunsch zu helfen nicht doch auch ein gewisser Narzissmus im Spiel ist.

“ … ob sie der Familie nicht ein bisschen Ruhe gönnen wolle, wenn sie sich wieder einmal bereitmachte, zum Haus hinaus zu fahren, ob sie sicher sei, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit willkommen war, …“

Richard dagegen verhält sich freundlich, doch zurückhaltend. Außerdem denkt er gerade selbst über einen Neuanfang in einem anderen Land nach. Kanada steht zur Debatte, weil ein Studienfreund ihm dort eine Stelle angeboten hat. Doch bevor es zu einer Entscheidung für ein neues Leben und damit verbunden womöglich zur Trennung von Frau und Kind kommt, hat Gstrein eine Idee, die nicht neu ist: Im letzten Teil des Buches schreibt er drei verschiedene Schlusskapitel, wovon er eines „Was wirklich geschah“ nennt. Die anderen beiden kann man getrost weglassen. Sie sind nicht stimmig und lesen sich wie Füllmaterial.

Norbert Gstreins Roman „Die kommenden Jahre“ erschien im Hanser Verlag.

 

Anja Kampmann: Wie hoch die Wasser steigen Hanser Verlag

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Anja Kampmann ist mir als Lyrikerin bereits bekannt. Nach ihrem Lyrikdebüt 2016 liegt nun ihr Romandebüt vor mir und ich freue mich, dass sie beides kann – Lyrik und Prosa.

Ihr Roman beginnt auf einer Ölbohrinsel im Meer vor Marokko. Wir lernen die Arbeiter kennen, die draußen hoch überm Wasser ihre harte Arbeit verrichten. Kampmanns Blick fällt auf Waclav/Wenzel, der aus Polen kommt und auf seinen Freund Matyás, der nach einer Unwetternacht plötzlich verschollen ist. Es wird sofort von seinem Tod ausgegangen. Beweise dafür gibt es nicht. Wenzel, der mit ihm das Zimmer teilte, und mit ihm schon seit Jahren im Team auf den Bohrinseln verschiedenster Erdteile arbeitete, der sein Freund war, wird beurlaubt und reist nach Ungarn, in die Heimat von Matyás. Wenzel übergibt die wenigen privaten Dinge Matyás` Schwester.

„Auch dieses Ungarn würde vorbeigehen, er hatte zu viele Orte gesehen in den letzten zwölf Jahren, und nur zu Beginn hatte diese Ferne ihn noch erleichtert.“

Doch er beginnt nicht wie geplant mit dem nächsten Dienst auf der Bohrinsel; aus der Bahn geworfen vom Tod des Freundes reist er zu den Orten, an denen er früher mit Matyás war, lässt sich treiben. So geht es nach Tanger, Rom, nach Malta und dann wieder nordwärts, sich seiner Einsamkeit und Haltlosigkeit immer mehr bewusst werdend. Per Anhalter nach Norditalien und dann zu Fuß macht er sich auf die Suche nach dem Onkel, mit dem ihn schöne Kindheitserinnerungen verbinden. Und für den Onkel, einem Brieftaubenhalter, fährt er kurz darauf, mit dem Versprechen seine beste Taube vom Ruhrpott in Deutschland auf die lange Reise zurück zu schicken, Richtung Heimat. So fährt er schließlich mit einem alten Pickup los und über die Berge in die namenlose deutsche Stadt, ins Braunkohlerevier, in dem auch Wenzels Vater arbeitete, bis er früh verstarb. Von Anfang an taucht zwischendurch immer wieder der Name Milena auf. Mit ihr war Wenzel zusammen, bevor er zum Arbeiten auf die Bohrinsel kam. Mir ihr wollte er in Polen zusammenleben, Haus und Kind haben. Die Beziehung scheiterte und scheint noch immer nicht abgeschlossen zu sein, trotz der vielen Jahre, die seither vergangen sind. Angekommen in der vertrauten und doch fremd gewordenen Stadt erfährt er dann auch neues über Milena und begibt sich ohne Zögern auf die Reise in jenes polnische Dorf …

„In dieser Nacht war er zweiundfünfzig Jahre alt geworden. Es gab keinen Rasen, den er mähen musste, und dieser Rasen umschloss kein Haus, gefüllt mit Stimmen und vertrauten Gerüchen.“

Der Autorin gelingt es bestens die Atmosphäre darzulegen: die Härte auf See, auf der Bohrinsel mit dem rauen Klima der Arbeiter und dazwischen immer wieder die Verlorenheit der freien Wochen, in denen die Zeit nicht reicht eine private nähere Beziehung aufzubauen oder zu halten. Die vielen Reisen von Insel zu Insel, das wochenlange abgekapselt sein, die Gefahr, die immer dabei ist.

„Er dachte, es wäre leicht, nach Dingen zu suchen. Er dachte, dass er etwas in der Ferne gesucht hatte, aber dass dort nichts war. Nichts für Menschen.“

Der Roman ist ein Roadmovie, ein Roman über Wanderarbeiter, wie es sie auch heute noch gibt – ein ungewöhnliches Thema, das die Autorin hier wählt. Kampmann hätte daraus auch ein Lang-Gedicht machen können, so lyrisch drückt sie sich aus. Verkapselte Sätze, Zeilenumbrüche und Metaphern, Zeitsprünge, die gut als Gegenpol zur kargen melancholischen Ausstattung des Inhalts passen. Ich kann mich daran gar nicht satt lesen, an dieser wertvollen Sprache. Manchem mag das zu verrätselt wirken, vor allem plotorientierten Lesern, für mich ist gerade das der Reiz und die Möglichkeit, das Eigene mit einzubringen. Ein Leuchten!

Anja Kampmann ist mit ihrem Debütroman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert. Der Roman und auch ihr Lyrikdebüt erschienen im Hanser Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier .
Außerdem:
http://www.zehnseiten.de/de/buecher/detail/anja-kampmann-wie-hoch-die-wasser-steigen-652.html

Arno Geiger: Unter der Drachenwand Hanser Verlag

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Ich habe Arno Geigers neuen Roman nur aufgrund der guten Kritiken zur Hand genommen, denn sein letztes Buch „Selbstporträt mit Flusspferd“ fand ich schwach. Doch „Unter der Drachenwand“ ist wieder ein buchpreiswürdiges Werk, wie ich finde, sein bestes. Ich bin tief beeindruckt. Es ist ein Buch, welches ich nach Lesebeginn nicht mehr aus der Hand legen mochte und bei dem ich, das ist selten, es schwierig fand darüber zu schreiben, weil man es eigentlich unbedingt selbst lesen und vor allem spüren muss.

Es fällt mir schwer zu formulieren, was genau Geiger macht, um die Leser zu gewinnen. Geiger lässt uns seine Protagonisten sehr nahe kommen. Damit erzielt er große Wirkung. Und es ist wahrscheinlich so, dass alle Komponenten, von Sprache über Inhalt bis Konstruktion, so gelungen ineinander greifen, dass ein nahezu perfekter Roman entsteht. Und obwohl schon soviel geschrieben wurde über das Thema 2. Weltkrieg und Nationalsozialismus, musste auch dieses Buch geschrieben werden.

Geiger erzählt von Veit, einem jungen Mann, der nach 5-jähriger Dienstzeit als Soldat in Russland, verletzt im Lazarett landet. Man genehmigt daraufhin einen Fronturlaub und Veit reist nach Wien zu den Eltern. Doch traumatisiert und ernüchtert wie er ist, erträgt er die väterlichen Hymnen auf den Krieg und den F. nicht und erholt sich im ländlichen Ort Mondsee, wo ein Onkel wohnt. Doch seine posttraumatische Belastungsstörung lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Er nimmt Medikamente dagegen. Eine Lösung ist das nicht, denn sie machen abhängig. Erst als er sich mit Margot, die mit ihrer kleinen Tochter in der Pension im Zimmer nebenan wohnt, anfreundet, gelingt ihm wieder so etwas wie Freude und Gelassenheit.

„Die Zukunft? An eine große Zukunft konnte ich nicht mehr glauben, ich hatte gelernt, der großen Zukunft zu misstrauen. Und deshalb kam mir die kleine Zukunft gerade recht.“

Zwischen die eigentliche Erzählung mischt Geiger immer wieder Briefe. Sie kommen von Margots Mutter aus Darmstadt, von einem jungen Mann, der in ein Mädchen verliebt ist, dass in einem Kinderlandverschickungsheim in Schwarzindien am Mondsee lebt und einer österreichischen jüdischen Familie auf der Flucht. Versteht man am Anfang nicht ganz, wie alles zusammenhängt, so zeigen sich am Schluss doch die Verbindungen.

Margot, deren Ehemann ebenfalls im Krieg ist, und Veit werden ein Paar. Ganz langsam und unerwartet entsteht für die beiden jungen Leute, so etwas wie eine Insel der Geborgenheit und des Glücks inmitten der kriegerischen Welt. Dennoch wird der Friede auch immer wieder von außen durchbrochen, etwa wenn der eigensinnige Gärtner gegenüber verhaftet wird, wenn das Mädchen Nanni verschwindet oder der nächste Untersuchungstermin Veits ansteht.

„Wie schlecht eine Zeit ist, erkennt man daran, dass sie auch kleine Fehler nicht verzeiht.“

Ich empfinde die Briefe als enorm wichtig, schildern sie doch, und das auf sehr persönliche Art, wie sich mal für mal das Lob des Krieges, der völkische Stolz wandelt und alles im Chaos zu versinken droht, wie Bomben fallen, wie Nahrung fehlt, wie von einem auf den anderen Tag auch in den „eroberten“ Gebieten wie etwa Ungarn, die Juden der Willkür der restlichen Bevölkerung ausgesetzt werden.

„Ein heimatloser Flüchtling, ein heimat- und staatenloser Mensch, unter falschem Namen, mit falschen Papieren, mit falschem Blut, in der falschen Zeit, im falschen Leben, in der falschen Welt.“

Geiger erzählt in einem Interview, dass dieser Roman lange brauchte um zu Tage treten zu dürfen. Die Idee dazu entstand wohl bereits vor 10 Jahren. Die Briefe, die im Roman eine wichtige Rolle spielen, fand er offenbar auf einem Flohmarkt, sie dienten als Inspiration. Nur am Schluss hätte ich nicht wie in einem Filmabspann lesen mögen, wie es mit den Protagonisten weiterging. Da hätte ich mir lieber das offene Ende gewünscht … Ansonsten ist hier alles ein großes Leuchten!

Arno Geigers Roman erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit dem Autor gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Literaturreich und Leckere Kekse.