Meine Liebsten im Jahr 2022 – Romane, Lyrik, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick:


Es war ein schwieriges, anstrengendes Jahr mit weniger Lektüre als sonst, zumindest in den letzten Monaten des Jahres. Es gab anderes zu tun. Es gab oft keine Konzentration und auch keine Zeit für Literatur. Viele der Herbstneuerscheinungen liegen noch ungelesen, obwohl die Verlage schon längst die Frühjahrsneuerscheinungen anpreisen. Dafür gab es ganz klare Favoriten. Die Lyrik war besonders stark präsent und ich spürte einmal mehr, welch unglaubliche Kraft von Gedichten ausgeht. Und auch Hörbücher haben mir gute Dienste geleistet. Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag.

Meine liebsten Romane:

Meine liebsten Lyrikbände und ein Hörbuch:

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Alois Hotschnig: Der Silberfuchs meiner Mutter Büchergilde Gutenberg/Argon Hörbuch

„Nicht hier sein wollen und woanders nicht hinkönnen, auch das habe ich von ihr.“

Immer wieder habe ich von diesem Roman gehört; oft hieß es „Geheimtipp“ oder „Ganz besonders“. Ich bekam dann die schöne Ausgabe der Büchergilde als Geschenk, als ich gerade auch das Hörbuch entdeckt hatte. Und so habe ich sozusagen parallel gehört und gelesen und muss sagen, dass das zuhören wirklich eine Freude war, denn der österreichische Schauspieler Wolfram Berger interpretiert den Roman grandios. Es ist, als würde er die Geschichte aus seinem Gedächtnis heraus erzählen und nicht etwa ablesen, was die Perspektive der Ich-Form erleichtert. Durch seine Worte hindurch spürt man die Atmosphäre des Romans, man erlebt mit dem Helden mit; stimmig dazu auch die österreichische Tönung der Sprache.

Alois Hotschnig orientiert sich mit diesem Roman an der Biographie des Schauspielers Heinz Fitz. Er schreibt sich suchend und tastend um dieses Leben herum und mitunter auch sehr tief hinein. Dabei macht er stets klar, dass alles wahr oder eben auch fiktiv sein kann. Die wenigen wirklich sicheren Fakten, mit denen sich der Held Heinz zufrieden geben muss, führen dabei wie ein roter Faden voran. Schon als kleines Kind herrscht größtmögliche Unsicherheit, da Heinz der Sohn einer Norwegerin ist, die sich in der Besatzungszeit mit einem deutschen Soldaten „eingelassen“ hat. Die schwangere Gerd wird von ihm 1942 zumindest ein Stück weit in seine Heimat Hohenems in Österreich begleitet. Doch die weitere Reise ist von Unterbrechungen und Unrast geprägt. Nachdem der Sohn geboren ist, erleidet Gerd einen Zusammenbruch und kommt in eine Klinik. Dort wird sie auch gegen ihre Epilepsie behandelt, von der sie erst spät geheilt wird. Heinz wird, vermutlich, in einem Heim des Lebensborn untergebracht.

„Der Lebensborn war es, der meine Mutter mit mir im Bauch von Norwegen nach Hohenems heruntergeholt hat. Der Lebensborn war überall oder sollte überall sein, so war es gedacht und geplant, wo es diese Mütter und deren Kinder gegeben hat. Und doch wusste kaum jemand davon.“

Und so sehen sich beide erst nach vier Jahren wieder, als die Mutter ihn sucht und auf einem Bauernhof findet, wo er als Pflegekind lebte. Immer steht die Frage nach dem Vater im Raum, der nicht mit ihnen leben will und die Mutter, die oft glaubt, Heinz wäre als Baby vertauscht worden. Diese Frage nach der Identität verfolgt Heinz durch sein Leben. Die Mutter heiratet Fritz und bekommt zwei weitere Kinder, Fritz stirbt früh an einer Lungenkrankheit und Heinz muss bald für den Lebensunterhalt der Familie aufkommen. Er arbeitet in einer Stickereifabrik in Lustenau. Als Kind erlebte er immer wieder die epileptischen Anfälle der Mutter und ihre Schwermut, die auch auf ihn überging. Als Zwölfjähriger wollte er sich bereits umbringen. Zum Glück traten immer wieder Menschen in sein Leben, die ihm Mentor und Freund wurden. So entdeckte er auch die Welt der Bücher, das Kino und schließlich das Theater, dass ihm nach dem Schauspielstudium zur Heimat wurde.

Erst sehr spät, mit 60 Jahren nimmt sein Vater durch die Stiefschwester Kontakt mit ihm auf. Ein vorheriger Versuch des Jungen scheiterte. Durch seine Stiefschwester und anderen entfernten Verwandten erfährt er dann nach und nach Fragmente seiner Geschichte, Wie es der Mutter ergangen ist, als sie in Hohenems in der Tür stand. Die „Norwegerin“, die Fremde mit dem Silberfuchs um den Hals und der falschen Religion. Immer mehr Puzzleteile setzt Heinz zusammen; es entsteht dennoch nur ein vages Bild. Ein Historiker interessiert sich dann für seine Herkunft als „Lebensborn“-Kind. Auch durch ihn finden wieder einige Teile des Puzzles ineinander. Viel später – Heinz ist Schauspieler und lebt mit vielen Tieren auf einem Hof –kommen dann noch Puzzleteile aus Norwegen, die ein Verwandter Gerds sammelte und nur durch einen glücklichen Zufall finden sie den Weg zu Heinz. Es sind Briefe der Mutter und der Eltern der Mutter und des Vaters, die wieder eine ganz andere Geschichte erzählen und die bisherige in Frage stellen.

„So vieles ist offen. Auch durch diese Briefe jetzt noch einmal neu. Wenn es stimmt, was meine Mutter in den Briefen erzählt, dann werde ich auch mit dieser zweiten Hälfte der Wahrheit leben wie mit der ersten bisher, im Wissen darum, dass eine ganze Wahrheit wohl nicht daraus werden kann.“

Dieses Zitat fast am Schluss des Romans zeigt die große Unsicherheit und auch Zwiespältigkeit auf, die in diesem Leben zu finden ist. Es ist eine Geschichte vom Versuch sich selbst besser zu verstehen und eine Mutter zu finden, die sehr wenig greifbar war. Noch weniger greifbar, der Vater. Und zum Glück gab es immer stützende Menschen, die zur rechten Zeit da waren und halfen dieses Leben leichter lebbar zu machen. Ich bin sehr angetan von diesem Buch. Hotschnig hat ein einfühlsames eindringliches Porträt eines Menschen geschrieben, der trotz aller Widrigkeiten seine Berufung fand, das Schauspiel. Und er hat an die Aktion „Lebensborn“ erinnert, deren Geschichte sicher auch noch nicht umfassend bekannt ist. Ein Leuchten für Buch und Hörbuch!

Das Buch erschien bei der Büchergilde, das Hörbuch bei Argon. Eine Hörprobe gibt es hier.

Eckhart Nickel: Spitzweg Hörbuch speak low



„Wie etwas gemeint ist, darüber haben sich auch die klügsten Geister schon immer den Kopf zerbrochen. Jedes Mal, wenn ich einem Streit beiwohne, habe ich den Eindruck, das alles Übel dieser Welt daher rührt, dass Menschen verschiedener Meinung sind.“

Wie habe ich als Teenager die Bilder von Carl Spitzweg geliebt, allen voran „Der arme Poet“ (nicht ahnend dass ich selbst einmal ähnlich arm poetisch unterm Dach sitze – Haha!). Ich glaube mit ihnen hat meine Freude an Kunst begonnen. Da wurde ich natürlich sofort aufmerksam auf den Roman von Eckhart Nickel. Auf dessen Cover ist allerdings „Der Hagestolz“ abgebildet. Das ist ein geschickter Schachzug, denn tatsächlich geht es ganz am Schluss des Romans dann in einem fabelhaften Showdown um ein anderes Werk des Malers der Spätromantik.

Welch ein kluges, witziges, sprachfertiges, anspruchsvolles Buch! Coming of Age-Geschichten sind sonst so gar nicht mein Ding, aber hier ist es Nickel wirklich gelungen mich zu begeistern. Vielleicht auch, weil ich mir selbst so einen gebildeten kunstbegeisterten Freund in meiner Jugend gewünscht hätte, wie es Carl im Roman für den jugendlichen Helden ist. Die ausgewählten Zitate zeugen als Beispiele davon, warum mich dieser Roman so gut unterhalten hat und gleichzeitig mit seiner feinen Sprache fasziniert hat. Er wird hervorragend und absolut passend zum Inhalt und Stil interpretiert von Schauspieler Andreas Hutzel.

„Ich habe einmal gelesen, es sei die einzige Aufgabe unseres Daseins einen Mittelweg zwischen Schmerz und Langeweile zu finden. Also eine Balance herzustellen zwischen Entbehrung und Überdruss. Und dass es nur dadurch möglich sei sich einen inneren Reichtum aus Geist und Empfindungen anzulegen, der uns unabhängig mache von den Unbilden stumpfer Geselligkeit, wie sie die äußere Welt für uns bereit hält mit der geistlosen Leere der Zerstreuungssucht und der Verrohung ihrer Sinne bis zur Empfindungslosigkeit. Nur wie sieht dieser innere Reichtum aus? Wie und wo häufe ich ihn an?“

Gleich eingangs findet sich ein Beispiel, welches aufzeigt, weshalb viele Menschen schon in der Schule vom Kunstunterricht vollkommen entmutigt sind und so auch später immer sagen werden: „Ich kann nicht malen“ oder „Ich kann mit Kunst nichts anfangen“. Kunstlehrer*innen und die Notengebung sind eher oft das Problem. Auch der Umgang mit und der Blick auf Kunst wird hier geprägt. Ich hatte damals das große Glück eine wunderbare und fördernde Kunstlehrerin zu haben. Das hat mich weit getragen. Der Hauptprotagonist jedoch meint gleich eingangs, dass er mit Kunst eigentlich wenig am Hut hat, außer mit den in Zeitungen oft zu findenden Suchbildern, in denen man 10 Unterschiede zum Originalkunstwerk entdecken soll. Doch oben genannte Szene im Kunstunterricht öffnet unerwartet die Türen für neue Betrachtungsweisen und beschert dem Helden einen neuen Freund, einen wahren Kunstdurchdringer und durch ihn die Nähe zu seiner Angebeteten, einer kunstbegabten Mitschülerin. Er, der bisher darunter gelitten hat, dass er mit einer allzu normalen, langweiligen Familie geschlagen ist, zehrt nun von der Besonderheit und Eigenart seiner Freunde und wächst selbst.

„Ich hatte mir angewöhnt bei einem Spezialisten für Antiquarisches in der Altstadt zu suchen, der auch ab und zu wohlfeile Neuausgaben führte, bei denen zum Glück die Preisbindung aufgehoben war, aber der Stempel, mit dem sie quer über die Unterseite versehen waren, störte mich enorm wegen des hässlichen Wortes. Ich hatte immer das ungute Gefühl, der Umstand, dass sie als Mängelexemplar gekennzeichnet waren, färbe in Folgerichtigkeit nicht nur unweigerlich versteckt auf den Inhalt, sondern irgendwann auch auf den Leser selbst ab. Also mich.“

Dieser Carl (!) lebt wie ein junger Dandy, drückt sich gewählt aus und lädt unseren Helden in sein kleines geheimes Refugium, serviert exklusiven Tee und philosophiert und erzählt exzellent und kurzweilig über Kunst. Bald stößt auch noch Kirsten dazu, die von der Kunstlehrerin aufgrund eines Selbstporträts gedemütigt wurde. Die drei Außenseiter verstehen sich auf Anhieb und bald wächst in Carls blühender Fantasie ein Plan, wie man der Kunstlehrerin ihre Unsensibilität heimzahlen kann. Der Plan wird gleich am nächsten Tag in die Tat umgesetzt und Kirsten verschwindet. Zumindest soll es in der Schule so aussehen, tatsächlich soll sich Kirsten im Geheimzimmer von Carl verstecken.

Nun läuft nicht alles so wie geplant, aber letztendlich auch nichts verkehrt. Es gibt Überraschungen und seltsame, ja gefährliche Begegnungen und auf der Suche nach Kirsten, die dann plötzlich wirklich verschwunden ist, landen alle im Kunstmuseum. Hier kommt es (zumindest für mich, die ich jedes im Roman erwähnte Gemälde googelte) auch zu dem großen Aha-Erlebnis bezüglich eines Spitzweg-Gemäldes. Und zu einem doch sehr spannenden und einfallsreichen Countdown, der sicher die Freundschaft der drei Protagonisten aufs Schönste besiegelt.


Ich liebe diesen Roman sehr. Ich liebe seine wundervoll altmodisch geschnörkelte Sprache weitab vom Mainstream, auch inhaltlich. Kunst ist das Hauptthema, das jedoch in allen Facetten abgebildet wird und Neugier weckt. Vielseitig zeigt Nickel hier auf, in welcher Weise man mit Kunst umgehen kann, wie man über sie sprechen kann, dass sie ein großes feierliches Erlebnis wird, aber gleichzeitig nicht abgehoben wirkt. Ich bewundere diese Sprachfertigkeit. Dieser Roman hat Stil und vergisst nicht einmal den Humor, der manchen guten Romanen fehlt. Große Empfehlung! Warmes Leuchten!

„Es gibt diesen Notausgang gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ – Schönster Satz, denn ich hätte zur Zeit manchmal auch gerne so einen rettenden Notausgang. Gemeint ist hier der im Kunstmuseum, dessen Räume nach Epochen aufgeteilt sind.

Ich danke dem Hörbuchverlag speak low für das Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier. Die Daumen sind gedrückt für den Deutschen Buchpreis!

Ich habe die drei wichtigsten Gemälde aus dem Roman hier mit eingestellt. Für mich sind die Bilder eine schöne Ergänzung gewesen. Und hier gehts zum hochinteressanten Hintergrund der Geschichte:
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/anwalt-gesteht-spitzweg-diebstahl-1486243.html

Fotos gemeinfrei Wikimedia commons

Ralf Rothmann: Die Nacht unterm Schnee Hörbuch Hamburg


Nach „Im Frühling sterben“ und Der Gott jenes Sommers“, beide hier auf dem Blog besprochen, folgt der letzte Teil der Trilogie, deren Bände auch gut einzeln gelesen werden können. Jeder ist in sich abgeschlossen. Trotzdem war ich gespannt, wie die Geschichte ihren Abschluss findet. Aus Gründen habe ich mir die Geschichte wieder vorlesen lassen.

Die Geschichte ist in zwei Stränge aufgeteilt, die auch von zwei Sprechern interpretiert werden. Abwechselnd hören wir von einem jungen Mädchen auf der Flucht vor den Russen nach Nordwesten gegen Ende des zweiten Weltkriegs. Diesen Strang liest Markus Hoffmann (mitunter etwas pathetisch). Den zweiten Strang, in dem die Geschichte von Elisabeth und Walter, die schon Hauptfiguren in den beiden vorigen Büchern waren, weitergeführt wird, liest Nina Petry. Ihre Stimme, die auch manchmal den norddeutschen Tonfall trifft, passt ganz wunderbar und gefällt mir auch besser als die männliche.

Der Titel des Romans Die Nacht unterm Schnee passt zur Fluchtgeschichte, die tatsächlich im Winter unter schwersten, grausamen Bedingungen stattfindet. Sie ist in die eigentliche Geschichte in kurzen Zwischenepisoden eingefügt. Tatsächlich hätte ich lieber auf die genauen Schilderungen der sexuellen Gewalt verzichtet, so dass ich auch zum allerersten Mal für ein Buch eine Triggerwarnung ausspreche.

In der eigentlichen Geschichte, die rückblickend von Luisa erzählt wird, die wir aus dem letzten Roman kennen, begegnen wir Elisabeth, Liesel, wieder, die im Kieler Hafen in der Gaststätte von Luisas Eltern arbeitet. Luisas Vater lebt nicht mehr und die Mutter stellt Elisabeth schließlich sogar als Geschäftsführerin ein, weil sie so gut in ihrer Arbeit und so beliebt ist. Liesel ist mit Walter verlobt, der nördlich von Kiel auf einem Hof als Melker arbeitet, wie vor dem Krieg. Sie ist scheinbar kein Kind von Traurigkeit zumindest sieht es von außen so aus. Nach einem Suizidversuch, der für alle überraschend kommt, zieht sie zu Walter auf das Gut und bekommt ein Kind. Die Arbeit ist hart und oft sehnt sie sich nach der Stadt.

Nebenbei erfahren wir von Luisas Abitur, den ersten Liebeserfahrungen und schließlich dem Studium der Bibliothekswissenschaft. Sie verliebt sich in ihren Dozenten und die beiden werden ein Paar, obgleich er wesentlich älter ist. Luisa erhält einen Hilferuf von Elisabeth, die wegen einer komplizierten Schwangerschaft die schwere Arbeit auf dem Hof nicht mehr machen kann und fährt kurzerhand aufs Land zu Walter um zu helfen. Elisabeths Tochter wird mit einer leichten Behinderung geboren, Walter wirft ihr vor, dass das von ihrem vielen Trinken und Rauchen herrühre. Doch es gibt zu dieser Schwangerschaft noch weitere Geheimnisse …

Während Luisa und Richard in Kiel ein recht gutes Leben leben, kommen Walter und Elisabeth nie aus ihren Traumata heraus. Nach der Geburt des zweiten Kindes verließen sie den Hof und zogen in den Ruhrpott, wo sie nun zwar eine bessere Bleibe und neue Arbeit finden und doch immer weiter unglücklich miteinander bleiben. Walter schuftet im Stollen und Elisabeth wird Hausfrau und sucht Ablenkung bei Festen und Feiern. Sie kann ihre schrecklichen Erlebnisse nie verarbeiten, trinkt und raucht, schlägt die Kinder und beim Ausgehen über die Stränge.

„Ihr war kaum zu helfen, fürchte ich, und vielleicht können Menschen mit einer besonders schmerzhaften Vergangenheit ja nicht anders: Sie betäuben sich in jedem Augenblick neu, und sei es mit Arbeit, denn sie wissen, dass sie mehr oder weniger verloren sind für das Künftige, das ungeachtet aller bösen Erfahrungen unser Zutrauen braucht, um zu gelingen.“

Aus der Geschichte, die Rothmann Luisa aus der Erinnerung heraus erzählen lässt, höre ich mitunter einen klassistischen Ton heraus, obwohl sie die Ereignisse rückwirkend durchaus reflektiert betrachtet. Luisa, die studierte Akademikerin und Elisabeth, die Kellnerin mit Walter, dem Arbeiter. Möglicherweise, ich bin mir da nicht schlüssig, liegt es auch an der Interpretation Nina Petrys, die die Stimmlage der beiden Frauen sehr unterschiedlich klingen lässt.

Mir ist die Geschichte an vielen Stellen viel zu intim, viel zu intensiv. Rothmann schreibt über seine eigenen Eltern und mich wundert, dass er es in solch einer Weise tut. Seine Sprache ist so dicht an den Protagonisten dran, dass ich beim Hören immer wieder Pausen machen muss. Was andernorts in Kritiken bewundert wird, empfinde ich als grenzüberschreitend. Es fühlt sich für mich an, als dürfe diese Geschichte nicht in die Welt. Aber das ist meine persönliche Empfindung, die mich selbst erstaunt. Es wundert mich, dass diese Art mir nicht bei den beiden vorigen Bänden auffiel. Oder waren diese tatsächlich anders geschrieben? Bin ich angesichts des schlimmen aktuellen Geschehens empfindlicher geworden?

Das Hörbuch erschien bei Hörbuch Hamburg, der Roman bei Suhrkamp. Eine Hörprobe gibt es hier.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem auf dem Blog Zeichen & Zeiten und bei Kommunikatives Lesen.

Stefan Hertmans: Der Aufgang Hörbuch Diogenes Verlag

„Alles war am Verfallen, als sich Ende der Sechzigerjahre im Zuge der Studentenrevolte die Boheme hier niederließ. Das Haus, vor dem ich nun stand, lag am nordöstlichen Rand des Viertels, in einer Straße namens Drongenhof, nicht weit von dort, wo die Leie träge und dunkel an den feuchten Häusern entlangfloss.“

Auf der SWR-Bestenliste diesen Sommers stand der Roman „Der Aufgang“ von Stefan Hertmans auf Platz 6. Der Autor wurde 1951 in Gent, Belgien geboren, wo auch seine Geschichte in großen Teilen spielt. Da mir die Hörprobe gefiel, ließ ich mir das Buch vorlesen, ungekürzt von Michael A. Grimm.

Hertmans kauft als junger Mann für wenig Geld ein heruntergekommenes Haus in Gent, ganz unüberlegt, intuitiv, lässt es herrichten und bewohnt es sehr lange. Erst als er es bereits viel später wieder verkauft hat, erfährt er, dass in seinem Haus der SS-Mann Willlem Verhulst mit seiner Familie wohnte. Obwohl der Notar bei der Besichtigung etwas andeutete, wird Hertmans erst dann klar, welche Geschichte dieses Haus mit sich trägt …

„Nun gut, dachte ich, dann werde ich eben nicht die Geschichte eines SS-Mannes erzählen; solche Geschichten gibt es ohnehin zuhauf. Ich werde die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählen. Allerdings dauerte es Jahre, bis ich das Material für die nun folgende Geschichte zusammen hatte. Einige Augenzeugen leben noch, sie sind hochbetagt und haben mir ihre Erinnerungen, soweit das möglich war, in vielen Einzelheiten geschildert. Erst später, nachdem ich alles mühsam durchgearbeitet hatte, wurde mir klar, dass der sonst so gewissenhafte Historiker Adriaan Verhulst niemals Einsicht in die Gerichtsakten genommen hatte, in denen die ganze Wahrheit stand. Er hätte es problemlos tun können, doch dann wäre das Porträt seines Vaters wohl kaum so milde ausgefallen.“

Wir Zuhörer/Leser erleben nun, wie der Makler dem jungen Hertmans das Haus zeigt: sie gehen von Raum zu Raum. Währenddessen gleitet der Autor in die Vergangenheit und lässt das Haus zur Zeit von Verhulst und Familie aufleben. Durch diese Konstruktion macht er tatsächlich das Haus, Drongenhof genannt, zum Hauptprotagonisten (so passt diese Besprechung auch gut zu meinem Blogbeitrag „Das Haus im Roman“).

Willem Verhulst, der als Kind eine extrem enge prägende Beziehung zu seiner Mutter hatte, litt unter einer Augenkrankheit, die ihn zunächst blind machte, dann konnte aber immerhin ein Auge wieder geheilt werden. So trug er mitunter Augenklappe oder eine über dem blinden Auge milchverglaste Brille. Zum Studium von zuhause weg, zog er, der Feuer und Flamme ist für die nationale Bewegung Flanderns, in ein Zimmer im Haus einer Bäckerei, wo er sich in die Bäckersfrau verliebte. Mit ihr zog er schließlich weg in die Niederlande und sie heirateten, sie verstarb früh. Am gleichen Ort lernte er die Bauerstochter Harmina, Mientje, kennen, die überlegte aufgrund ihres Wissensdursts zu studieren, eventuell sogar Pastorin zu werden. Zuerst wies sie ihn ab, doch ein paar Jahre später heirateten sie und bekamen drei Kinder: Adriaan, Aletta und Suzy. Mientjes Leben wurde nun von Grund auf anders. Sie versorgte Kinder und Haushalt, hing weiter an ihrem Glauben und konnte als friedvoller Mensch Willems Uniformen und seine Tätigkeit, von der sie sicher nur einen Bruchteil wusste, nie ausstehen. Verhulst hingegen tat weiter, was er wollte, hatte später als Vertrauensmann der Deutschen nach der Besetzung Belgiens eine ständige Geliebte namens Griet.

Vom Handlungsreisenden zum Leiter einer Fabrik und weiter zum Leiter eines Radiosenders bis zum SS-Mann, der hunderte Menschen in seiner Umgebung bespitzeln und dann verhaften und verhören ließ. Vom liebenden Familienvater mit drei Kindern zum Denunzianten und Kollaborator. Hertmans schafft es allerdings immer sachlich, fast wie in einem Sachbuch zu erzählen, er kombiniert Fakten mit Tagebuchauszügen und niedergeschriebenen Gesprächen mit den Nachkommen. Hertmans muss unglaublich viel recherchiert haben, was auch im Roman immer wieder durchscheint, denn er erzählt von seinen Wegen ins Archiv, zu Verwandten Verhulsts oder zu anderen wichtigen Orten seiner Biographie. Er zitiert viel aus Mientjes Tagebuch, später aus Gefängnisbriefen von Willem und er zieht Adriaans Biografie zurate. Dieser Sohn, Adriaan Verhulst, Historiker, der in Hertmans Studentenzeit seine Examensprüfung abnahm und ihn beim ersten Mal durchfallen ließ.

Willem Verhulst floh mit der Geliebten und anderen Kollaborateuren gegen Ende des Kriegs nach Deutschland, hoffte dort sicherer leben zu können. Mientje und die Kinder ließ er mit einem Bündel Geld zurück, dass nicht lange reichte. Sie musste Zimmer vermieten an Studenten, um durchzukommen. Ihre Religiösität schützte und stabilisierte sie in diesen harten Zeiten.

Doch er wird 1947 gesucht und gefangen genommen, erhält zunächst die Todesstrafe, die dann auf lebenslängliche Haft verändert wird und 1953 wird er unerwartet entlassen. Er lebt sein Leben weiter, findet sogar wieder Arbeit. Seine Familie sieht er regelmäßig, doch ist er die meiste Zeit wieder bei seiner Geliebten, die er später sogar heimlich heiratet. Unfassbar, dass er sogar eine kleine Rente für seine SS-Tätigkeit aus Deutschland erhält. Willem ist ein gutes Beispiel dafür, wie in der Nachkriegszeit Menschen, die so viele grausame Verbrechen zu verantworten hatten, schließlich dafür so wenig büßen mussten. Sehr traurig.

Ich fand diese Geschichte, der ich immerhin über 11 Stunden und 53 Minuten lauschte, hochinteressant, denn es zeigt mir eine Seite der Zeit des Nationalsozialismus, die ich so noch nicht kannte. Ein Blick von außerhalb Deutschlands auf die wahnsinnigen Geschehnisse eines Systems, dass sogar länderübergreifend funktionierte. Und ich höre auch von einer starken Frau, die sich trotz allem nie von der ideologischen Tätigkeit ihres Mannes vereinnahmen ließ und auch die Kinder davor schützte.

Der Roman erschien im Diogenes Verlag. Übersetzt wurde er von Ira Wilhelm. Eine Lese/Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für den Hörbuch-Download.

Ergänzend eine Website mit sehr viel Bildmaterial (Bilder enthält auch das Buch):

Bernhard Schlink: Die Enkelin Diogenes Hörbuch

Es gibt Zeiten, da kann ich mich nicht aufs Lesen konzentrieren, Da ist das eine Buch zu dick, dass andere zu schwierig, ein weiteres zu banal, aber ein Hörbuch kann ich mir anhören. Hörspiele mag ich eher nicht, aber Lesungen, besonders wenn sie wie hier bei Bernhard Schlinks „Die Enkelin“ von so hervorragenden Sprechern interpretiert werden wie Hanns Zischler und Nina Petry. Dass es ein Schlink wurde, liegt am Thema, das mich sehr ansprach. Es geht um eine Liebesgeschichte zwischen Ost und West, ein zurückgelassenes Kind wegen einer Flucht in den Westen, einen Tod und ein aufgefundenes Buchmanuskript, welches allerhand in Bewegung bringt.

Die Geschichte gliedert sich in drei Teile. Im ersten Teil findet Hauptprotagonist Kaspar, 70, seine Frau Birgit tot zuhause in der Badewanne. Sie litt zuletzt unter Depressionen und war alkoholabhängig. Teil der Trauerarbeit ist es Birgits Sachen zu ordnen. Hier findet er ein Manuskript von ihr und beginnt zu lesen.
Nun kommt Birgit zu Wort. Sie erzählt uns ihre Geschichte. Hier ist es Nina Petry, die der Protagonistin ihre Stimme verleiht. Birgit lebt in Ostberlin und studiert. Bei einem Austausch mit Westberliner Studenten 1964 lernt sie Kaspar kennen. Beide verlieben sich. Es beginnt eine Ost/West-Beziehung. Birgit verheimlicht (auch vor sich selbst) lange, dass sie von einem anderen schwanger ist. Heimlich bringt sie das Kind zur Welt und gibt es einer Freundin in Obhut. Danach flieht sie mit falschen Papieren zu Kaspar nach Berlin. Birgit studiert, Kaspar wird Buchhändler. Sie gründen zusammen eine Buchhandlung, kaufen eine Wohnung. Kaspar merkt schnell, dass Birgit ein sehr starkes Eigenleben führt. Es scheint, als wäre sie andauernd auf der Suche nach sich selbst. Warum weiß er nicht. Von dem Kind hat sie ihm nie erzählt.

„Sie habe keine Depressionen, es gebe keine Depressionen. Es gebe melancholische Menschen, es habe sie immer gegeben, sie sei einer. Sie wolle sich nicht von Medikamenten in einen anderen Menschen verwandeln lassen. Dass jedermann ausgeglichen und zuversichtlich sein müsse, sei törichtes modernes Zeug. In der Tat war sie, auch wenn sie keine Depression hatte, nachdenklicher, ernsthafter, schwermütiger als andere.“

Hanns Zischler liest nun weiter vor: Kaspar fragt sich, wie er in den vielen Ehejahren so wenig über seine Frau wissen konnte. Dass es ein Kind gab, erschüttert ihn, vor allem auch, weil sie beide zusammen nie Kinder hatten. Er macht sich auf die Suche nach der verlorenen Tochter, warum weiß er selbst nicht, vielleicht weil Birgit in ihren Aufzeichnungen andeutet, dass sie wissen wollte, wie es der Tochter ergangen ist. Ihre bisherigen Recherchen greift Kaspar auf und fährt zuerst zu jener Freundin, mit deren Hilfe Birgit das Kind bekam. Von Berlin aus macht er sich auf in den Nordosten des Landes, der so ganz anders tickt, als die Hauptstadt. Schließlich findet er die Tochter, Svenja, die nun selbst eine 14-jährige Tochter hat und die mit ihrem Mann in einer ganz anderen Welt lebt. Sie sind Bewohner einer völkischen Siedlung auf dem Land und höchst misstrauisch gegenüber Fremden. Dass sich Kaspar dennoch so weit hineinbegeben kann, liegt daran, dass er vorgibt, Birgit hätte in ihrem Testament auch die verschollene Tochter bedacht.

Hier muss ich zugeben, kommt mir die Geschichte ein wenig unrealistisch vor. Wie kommt ein Buchhändler zu so viel Reichtum, um die Enkeltochter Sigrun sozusagen `freizukaufen´? Denn er bietet an, sie in den Ferien zu sich zu holen, damit sie sich kennenlernen können. Auch hier hege ich Zweifel, ob völkische Eltern ihre Tochter einfach so zu einem Fremden in die Hauptstadt schicken würden. Gleichzeitig verstehe ich Kaspar nicht, was er sich davon erhofft.

Trotzdem höre ich mit Spannung weiter und Schlink schafft es dann auch ziemlich gut den Zwiespalt Kaspars darzustellen, der natürlich mit Sigruns Vorstellungen von Deutschtum etc. einher geht. Tatsächlich gelingt es ihm dann mitunter sie auf neue Spuren zu bringen und bei ihr die Liebe zur Musik (unabhängig von deutschen Komponisten), sogar zum Klavierspiel zu erwecken, ohne allzu oberlehrerhaft zu wirken. Doch ein bisschen ist es wie ein Krebsgang: zwei Schritte vor, einen zurück.

Sigruns Vater passt das eines Tages nicht mehr und er untersagt Kaspar jeden weiteren Kontakt. Der findet sich damit schwer ab. Als dann zwei Jahre später Sigrun in den typischen Klamotten der Autonomen Nationalisten völlig aufgelöst vor seiner Tür steht und um Hilfe bittet, kann er nicht anders und lässt sie herein …

Ich finde es nach wie vor gut, dass das Thema Ost-West in die Literatur Eingang findet, denn es ist eben keine Einheit geworden, wie man damals hoffte. Noch immer gibt es diese enormen Unterschiede, die auch thematisiert werden sollten. Das Ende seiner Geschichte ist Schlink gut gelungen. Auch hier hatte ich Angst vor einem allzu künstlichen Schluss. Schlink ist ein sehr sehr guter Erzähler, mitunter etwas altbacken. Dass er keine sprachlichen oder formellen Besonderheiten bietet, war zu erwarten. Zischlers Stimme trug mich durch 8 Cd`s in 9 Stunden und 35 Minuten. Eine Hörprobe gibt es hier.

#weiterschreiben Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt Ullstein Verlag

Inzwischen hat sich dieses bereits am 16.1.19 hier auf dem Blog vorgestellte Projekt ein großes Stück erweitert und feiert gerade 5-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass gibt es noch einmal den Beitrag zum Buch und den Hinweis auf das Hörbuch, welches gerade erschienen ist: Dabei sind Autoren, die von Anfang an dabei waren, wie auch ganz viele neue. Siehe unten.

Hörbuch: Weiter Schreiben – (W)Ortwechseln

Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand im Netz eine Website und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Der Beitrag erschien zum ersten Mal am 16.1.19.

Julia May Jonas: Vladimir Hörbuch Random House Audio

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9 Stunden, 8 Minuten, 8 CDs. Ungekürzte Lesung. Wenn ich mich schwer aufs Lesen konzentrieren kann, klappt meistens das Hörbuchhören. Dabei ziehe ich Lesungen Hörspielen vor. Ausschlaggebend mich auf dieses Hörbuch einzulassen war tatsächlich, dass dieser Roman von der grandiosen Schauspielerin Martina Gedeck interpretiert wird. Von der Autorin Julia May Jonas hatte ich noch nie gehört. Die US-amerikanische Autorin, die Dramatikerin ist und in New York lebt, schrieb mit „Vladimir“ ihren ersten Roman.

Es geht um eine namenlose Literaturprofessorin Ende 50, deren Ehemann John, ebenfalls Professor, an seiner Universität in Verruf gerät bezüglich seiner sexuellen Beziehungen mit seinen Studentinnen. Er wird während der Untersuchung der Geschehnisse von der Uni suspendiert. Sie selbst versucht sich zu verorten, sie weiß nicht genau, wie sie sich dazu verhalten soll. Da die beiden schon immer eine offene Beziehung führten, will sie John nicht verurteilen. Denn auch sie hatte mehrere Affären im Laufe ihrer Beziehung. Gleichzeitig kommen von außen Stimmen, die ihr raten, sich zu trennen, die ihr passives Verhalten dazu nicht akzeptieren wollen, wie etwa einige ihrer Studentinnen und auch ihre Tochter. Gerade hier und immer wieder geht es um das Thema Älter werden und darum, dass traurigerweise ältere Frauen oft gar nicht mehr gesehen werden und häufig von der gesellschaftlichen Bühne verschwinden.

Im Fokus steht zeitweise auch die Tochter des Paars, Sidney. Sie ist Anwältin und ihre Freundin hat sich gerade von ihr getrennt hat. Sidney wohnt eine Zeit lang wieder zu Hause, meidet aber ihren Vater und wundert sich ihrer Mutter gegenüber, dass sie sich nicht von John trennen will. Auch am Campus spitzt sich die Lage einige Wochen vor der gerichtlichen Anhörung Johns zu. Kollegen führen ein Gespräch mit der Protagonistin, in dem sie ihr nahelegen, sie möge ihre Tätigkeit niederlegen. Sie sprechen für Studentinnen, die sich durch sie getriggert fühlen.

„Mit Trumps Präsidentschaft war die Illusion einer Welt, die man ihnen vom Fahrersitz des Mini-Vans aus gepredigt hatte, die Illusion alles würde sich stetig verbessern, und der lange Bogen der Geschichte sich in Richtung Gerechtigkeit krümmen auf den Kopf gestellt oder so ähnlich. Ich schüttelte meine hochtrabenden Gedanken ab, ich verstand die jungen Leute nicht und hatte keine Ahnung von ihrer Lebenswirklichkeit. Dass ich sie mochte, rechnete ich mir selbst hoch an. Auf Dinnerpartys verteidigte ich sie: „Die Kids sind in Ordnung“. Ich mochte ihren Aktionismus, ihre strenge Moral, ihr Gebrüll.“

Außerdem geht es um die Begegnung mit Vladimir, dem attraktiven 40jährigen Junior-Professor ihres Fachbereichs. Beide haben Romane geschrieben und über diese Gemeinsamkeit kommen sie sich näher. Während die Heldin durch die kurzen Begegnungen, durch sein Buch und nicht zuletzt durch ihre Fantasien und Tagträume angeregt wird, endlich wieder zu schreiben, hat Vladimir mit seiner Arbeit, mit seiner labilen Frau und der kleinen Tochter zu tun. Nach langer Zeit findet sich ein Termin für ein längeres Gespräch – die Heldin hat mehr im Sinn – ausgerechnet genau an dem Tag, an dem auch die Anhörung zu den Vorwürfen gegen John stattfindet. Ab hier läuft manches aus dem Ruder und wirkt geradezu grotesk. Im Ferienhaus, in das sie Vlad einlädt, entwickeln sich die Geschehnisse nämlich ganz anders als geplant und führen zu einem Ende, dass dann doch etwas unglaubwürdig, zumindest aber übertrieben anmutet.

Mir war die Sprache des Romans zeitweise zu pathetisch, manchmal bis ans Kitschige grenzend, gerade auch, wenn es um Sex geht. Hier passt die Freizügigkeit der Erzählweise nicht immer stimmig zum sprachlichen Gerüst. Glücklicherweise konnte Martina Gedeck das Manko durch ihre Stimme und glaubwürdige Interpretation dann wieder ausgleichen, zumal es auch um eine Frau ihres Alters geht, was sie womöglich auch bewegt hat, dem Roman ihre Stimme zu verleihen.

Außerdem kommen mir dann manche Aussagen, wie die folgenden, schon merkwürdig vor, wenn sich das Buch um Feminismus und Gleichberechtigung dreht. Es geht sehr viel um Äußerlichkeiten: wie man als Frau auf einen Mann wirkt, was man alles tun muss, um einem Mann zu gefallen, wie man einen Mann anhimmelt. Das hört sich für mich, gerade wenn es ins Klischeehafte rutscht, schon eher wenig nach weiblichem Selbstbewusstsein oder Unabhängigkeit an …

„Ich schenkte Vladimir doppelt so viel (Wein) ein wie mir, was er, weil er ein Mann war nicht bemerkte.“

oder

„Der Kellner trat an unseren Tisch und erkundigte sich nach unseren Dessertwünschen. Vlad wollte einen Cappuccino. Aber auf die Gefahr hin zu dominant zu erscheinen bestellte ich die Rechnung.“

Gut gefallen hat mir der Bezug zur und die Gespräche über Literatur, im Text teilweise mit konkreten Autoren und Buchtiteln verknüpft und die Handlung, die auch die Verhältnisse und Gepflogenheiten an einer modernen amerikanischen Universität spiegeln, der Campus als Schauplatz. Und die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre etablieren. Wir erleben, wie die frühere Feministinnen-Generation der 60/70er Jahre der neuen jungen, vollkommen anders denkenden gegenübersteht. In diesem Zusammenhang denkt die Heldin auch über die Kunst, den Kunstbegriff nach:

„Die Wahrheit lag außerhalb der moralischen Grenzen. Die Kunst wollte zu ihren eigenen Bedingungen angenommen oder abgelehnt werden. Die Kunst war nicht der Künstler. Waren das einfach nur Plattitüden, die ich unhinterfragt übernommen hatte? In letzter Zeit beschlichen mich immer öfter Zweifel. Sollten wir nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? Sollten wir gewissen Geschichten den Stempel „schädlich“ aufdrücken und das Publikum vor ihnen schützen? Trauten wir den Lesern nicht mehr zu, eine Geschichte zu lesen, ohne ihre Botschaft zu verinnerlichen?

Dass ich über 9 Stunden am Ball blieb bei diesem Hörbuch, spricht für seine Qualität.
Das Hörbuch erschien bei Random House Audio, das Buch beim Blessing Verlag. Übersetzt wurde der Roman von Eva Bonné. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier die Autorin in einer kurzen Buchvorstellung:

Meine Liebsten im Jahr 2021 – Teil 1: Roman, Debüt, Erzählung, Buchkunst, Hörbuch

Mein literarischer Jahresrückblick: Es war ein gutes Lesejahr, immerhin …
Mit Überraschungen, wie beispielsweise gleich drei starken Debüts aus dem hohen Norden. Mit wunderbaren Hörbuchstimmen. Und zauberhafter Lyrik. Mit faszinierenden Romanen aus aller Welt und einer deutschen Buchpreisträgerin. Aus unabhängigen und Publikumsverlagen. Von Autoren und Autorinnen, wobei in diesem Jahr die weiblichen Stimmen stark überwiegen, ohne dass ich es bewusst so gewählt hätte.
Ein Überblick über meine diesjährigen Highlights in der Literatur: Mit Klick auf das Bild kommt man zum Blogbeitrag. Teil 2 mit liebsten Lyrikbänden folgt. Viel Freude beim Entdecken!

Romane:

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Romandebüts:

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Erzählungen & Buchkunst:

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Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

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Viele der Gedichte dieses Hörbuchs kenne ich schon. Auf dem Foto oben sieht man drei der Gedichtbände, die auch auf den CD`s zu finden sind. Ich besitze sie seit Erscheinen und habe sie auch bereits hier auf dem Blog besprochen. Ein Band ist ganz neu im Elif Verlag erschienen und auf einer CD gibt es Gedichte von Jón úr Vör, dessen Gedicht „Das Dorf“ fast als eine Art Klassiker auf Island gilt. Die 5 CD`s bieten eine schöne Auswahl von Gedichten aus mehreren Generationen. Von der 1992 geborenen Fríða Ísberg über den 1971 geborenen Ragnar Helgi Ólafsson, über die 1958 geborene Linda Vilhjàlmsdòttir, über den 1948 geborenen, 2017 gestorbenen Sigurður Pálsson bis zum 1917-2000 lebenden Jón úr Vör spannt sich der Bogen. Wolfgang Schiffer, der die Gedichte eingelesen hat ist ein großer Island-Literaturkenner. Im der CD beiliegenden Folder erfährt man, wie sich Schiffers Island-Faible entwickelte. Einen guten Anteil daran hat mit Sicherheit der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, den Schiffer 1982 für ein Interview zu seinem 80. Geburtstag besuchte, das etwas ungewöhnlicher verlief als erwartet. Wolfgang Schiffers Stimme zu lauschen, bei einer heißen Tasse Tee und bei Regenwetter kann ich nur empfehlen. Der dunkle, warme Wohlklang lässt einen das Außen vergessen. Und Wolfgang Schiffer ist souverän genug, den Zuhörenden nichts vorzuspielen, sondern allein die Texte wirken zu lassen. Ein wunderbares Winter/Weihnachtsgeschenk, würde ich sagen.

Mit Jón úr Vör will ich beginnen, denn er ist einer der Vorreiter der modernen isländischen Dichtkunst. Er begann sich vom klassischen Versmaß abzuwenden und freie Verse zu schreiben. So gehört er zu den Atomdichtern, die die isländische Dichtung erneuerten und der großen Vielfalt der heutigen Lyriker den Weg bereitete. Mehr darüber auf Wolfgang Schiffers Blog „Wortspiele“. Ich muss zugeben, dass mich seine Gedichte beim Zuhören auch am tiefsten berührt haben, vielleicht weil ich die anderen Dichter schon kannte und gelesen hatte, vielleicht aber auch, weil die Gedichte aus dem Alltag eines Dorfes auf Island erzählen und somit ein wunderbares Bild über das Leben in den vierziger/fünfziger Jahren geben. Vielleicht ist es auch in der Tat so, dass das Hören, das vorgelesen bekommen eines Verses, einen anders trifft, als etwas selbst Gelesenes. 

Den neuen Band „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg kannte ich bisher noch nicht und ich bin überrascht von dieser virtuosen Stimme. Es ist die Lyrik einer jungen Schriftstellerin, die in ihren Gedichten kleine Geschichten erzählt, die wir womöglich auch alle kennen. Von Kindheitserinnerungen an den Vater, der der 6jährigen die erste Lederjacke schenkte, später, das Freitagabend zurechtmachen und ausgehen, die jugendliche Melancholie aus unerfindlichen Gründen, die Zweifel, die versteckte Empfindsamkeit, die man nicht zeigen will bis zum Versuch der Selbstfindung und Ich-Verankerung in der Welt. Es sind starke, direkte Texte, die gleichzeitig von einer großen Einfühlsamkeit zeugen. Immer wieder taucht der Spiegel als Symbol auf für Licht und Schatten, für Trauer und Selbstreflexion. Oft ist die Lederjacke aus dem Titel des Bandes gleichbedeutend einer Schutzhaut vor dem Außen, aber auch ein Zeichen der inneren Stärke und der Willenskraft. Je öfter ich diese Gedichte höre, desto mehr finde ich eine Verbindung zu ihnen, desto mehr beginnen sie zu leuchten.

„Ich möchte einen Hilfsfond gründen, zu Gunsten der Empfindsamkeit
genug sammeln, so dass die Empfindsamkeit endlich eine Stärke sein darf
eine blassbleiche aderblaue Schönheit“

aus dem Gedicht „Moralfrau“

Die 3 weiteren Dichter, dieser schönen Auswahl kenne ich bereits und doch war es ein anderes, ein Neu- oder Wiederentdecken, denn ein Gedicht entfaltet sich laut gelesen auch ganz anders.

Besonders gefallen hat mir beim Vorlesen auch der Band „Gedichte erinnern eine Stimme“ von Sigurður Pálsson. Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds. Dazu kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Wolfgang Schiffer interpretiert auch diese Stimme gekonnt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/22/sigurdur-palsson-gedichte-erinnern-eine-stimme-elif-verlag/

Ragnar Helgi Ólafssons Gedichtband mit dem wunderschönen Titel „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können„(der mir derzeit besonders aus dem Herzen spricht) ist für mich auch ein Paradebeispiel zeitgenössischer isländischer Lyrik. Seine Texte scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Ólafssons Texte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden. Auch hier: stimmig vorgelesen. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, hatte damit bereits großen Erfolg in Island. Ihre Texte sind sehr welthaltig. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor. Ich hatte vor einiger Zeit das Glück, sie lesen zu hören. Isländisch ist eine sehr eigene Sprache, sehr melodiös. Schön, dass es nun eine deutschsprachige Lesung gibt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Alle Bücher sind Grundlage der jeweiligen Lesung. Wolfgang Schiffer hat sie selbst übersetzt, zusammen mit Jón Thor Gíslason. Sowohl das Hörbuch als auch die Bücher erschienen im Elif Verlag.
(Bitte lieber Wolfgang, lies weiter isländische Gedichte ein!)

Ein schönes aufschlussreiches Interview mit Wolfgang Schiffer gibt es hier: