James Baldwin: Giovannis Zimmer Random House Audio

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Obwohl James Baldwins Romane inzwischen durch viele Neuauflagen im Deutschen Taschenbuchverlag wieder sehr präsent sind, habe ich bisher nichts von ihm gelesen. Mein erster Versuch mit „Von dieser Welt“ gelang nicht, mir blieb das Thema seinerzeit verschlossen. Nun griff ich nach dem Hörbuch „Giovannis Zimmer„, um eine Leseflaute auszugleichen und es gelang beim zweiten Anlauf. Das Buch wurde 1956 geschrieben und löste nach Erscheinen Skandale aus. Man gestand Baldwin nicht zu, als Schwarzer über eine Beziehung zweier homosexueller weißer Männer zu schreiben. Tatsächlich war das zu dieser Zeit sehr mutig. Baldwins Wille, sich beim Schreiben an keine von der Gesellschaft vorgegebenen Themen zu halten, finde ich höchst bewundernswert.

Baldwin lässt schon von Anfang an das tragische Ende seiner Geschichte durchscheinen. Sehr spannend entwickelt sich dadurch die Handlung. Er lässt dafür seinen Helden David in Rückblenden erzählen. Dabei ist mein Held eigentlich der Italiener Giovanni. Der Amerikaner David, der Giovanni in Paris kennenlernt ist zeitweise wirklich sehr unsympathisch und wie auch Giovanni ihm viel später vorwerfen wird, ein großer Egoist und gleichzeitig eine von Schuld und Scham geprägte Figur. David kann sich sein Schwulsein, seine Liebe zu einem Mann selbst nicht zugestehen und kann aber auch nicht zurück ins alte Leben, welches Ehe und Familie in den USA vorsieht.

„Wohl deshalb habe ich um ihre Hand angehalten, um mich irgendwo zu verankern. Vielleicht hat sie deshalb in Spanien beschlossen, mich zu heiraten. Doch leider können sich die Menschen ihren Ankerplatz, ihre Liebhaber und ihre Freunde ebenso wenig aussuchen wie ihre Eltern. Das Leben gibt sie und nimmt sie, und die Schwierigkeit liegt darin, zum Leben Ja zu sagen.“

Paris, 50er Jahre: Als seine Verlobte Hella, ebenfalls Amerikanerin, nach Spanien fährt, um sich auf ihrer Reise ihrer Gefühle für David klar zu werden, zieht dieser durchs Pariser Nachtleben und entdeckt erneut die homosexuelle Liebe, lange verdrängt, die sich nun doch wieder in aller Intensität Bahn bricht. Bald zieht er zu Giovanni, der aus Geldmangel in einem winzigen Zimmer am Rand von Paris lebt. David lebt vom Geld, dass ihm sein Vater aus den USA zuschickt, wenn ihm danach ist. Als Giovanni seine Arbeit in der Bar von Guillaume verliert, denken die beiden zunächst dennoch, dass sie es gemeinsam schaffen können.

Als jedoch Hella ihre Rückkunft nach Paris ankündigt und David fest entschlossen ist, den früher eingeschlagenen Weg weiterzugehen, beginnt eine dramatische Entwicklung, die zunächst Giovanni und letztlich dann alle drei ins Unglück stürzen lässt.

James Baldwin hat ein unheimliches Gespür für Sprache und findet darin die allerfeinsten Nuancen. Seine Charakter schildert er so deutlich, dass ich diese Geschichte wie einen Film vor mir ablaufen sah. Das hat sicher auch damit zu tun, dass mir die Geschichte vorgelesen, ja, erzählt wird. Thomas Lettow, ein mir bisher unbekannter  Schauspieler, spricht in der Ich-Form aus der Sicht Davids und spielt diese Rolle gut. Das intensiviert die Geschehnisse und lässt mich nah dabei sein, lässt klare Bilder entstehen. Hörbuchleuchten!

„Giovannis Zimmer“ in der Neuübersetzung von Miriam Mandelkow erschien bei Random House Audio. Thomas Lettow interpretiert den ungekürzten Text (6 CDs, über 6 Stunden) sehr überzeugend. Auch das aufschlussreiche Nachwort von Sasha Marianna Salzmann, gelesen von Frank Arnold ist dabei. Eine Hörprobe gibt es hier.

Eine sehr gute Besprechung zum Buch findet sich bei Zeichen & Zeiten.

Ocean Vuong: Auf Erden sind wir kurz grandios Hanser Verlag

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Viel Aufmerksamkeit bekam dieses Buch schon lange vorab. Der Shooting Star aus den USA nun auch in deutscher Übersetzung! So viele Vorschusslorbeeren machen mich eher skeptisch. Doch dann las ich, dass Vuong auch Gedichte schreibt, las die Leseprobe und wusste: Ja, das will ich lesen. Da ist einer, der hat eine poetische Sprache, der hat kluge Metaphern an der richtigen Stelle, dessen Sprache schwebt und sich erhebt über die Geschichte, seine eigene Geschichte, die auch eine Leidensgeschichte ist. Grandios auch das Coverbild und der Titel.

Im ersten Teil beschreibt Ocean Vuong auf unruhige, nicht immer leicht durchschaubare Weise  Kindheit und Familiengeschichte seines Protagonisten, genannt „Little Dog“. Hier wählt er die Briefform, ein vermutlich nie gelesener Brief an die Mutter, die Analphabetin ist. Er kommt mit zwei Jahren mit seiner Mutter und Großmutter aus Vietnam in die USA. Gleich zu Anfang wird die Gewalttätigkeit der Mutter thematisiert, die umso mehr erschreckt, als sie zwischen sprachlich feine Passagen gesetzt wird. Großmutter, Mutter, Kind: Alle durch den Vietnamkrieg psychisch erschüttert, alle nun in der Hoffnung auf ein besseres Leben im Land des Kriegsgegners. Alle binnen kurzer Zeit ohne jede Hoffnung. Es ist auch der Teil, der mir am eindrücklichsten bleibt.

„Unsere Muttersprache ist so überhaupt keine Mutter – sondern eine Waise. Unser Vietnamesisch eine Zeitkapsel, die den Punkt markiert, an dem deine Bildung endete, zu Asche zerfiel, Ma, unsere Muttersprache zu sprechen heißt, nur teilweise auf Vietnamesisch zu sprechen, aber ganz auf Krieg.“

Im zweiten Teil geht es um die Identifizierung als Teenager, der sich zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlt bis hin zum Coming Out gegenüber der Mutter. Mit Trevor einem Farmerssohn erlebt er zum ersten Mal Sex. Auch hier ist Gewalt im Spiel, gewollte Gewalt. Es geht um die beiden Jungen, der eine weiß, der andere gelb, die sich durch die Zeit treiben lassen, begleitet von Drogen verschiedenster Art, langer Weile, Schwärmerei und dem Wunsch nach Rebellion, in einer heruntergekommenen Gegend, in einer für sie begrenzten Welt.

„Da war Gewalt bereits alltäglich für mich, war, was ich letzten Endes von Liebe wusste.“

Im dritten Teil, fünf Jahre sind vergangen, studiert „Little Dog“ in New York Literatur. Als er von Trevors Tod durch eine Überdosis Heroin erfährt, kehrt er zurück in die Stadt seiner Jugend. Kurze Zeit darauf stirbt auch die Großmutter und Little Dog reist mit der Mutter zur Beisetzung zurück nach Vietnam, nach Saigon.

„Ich wollte nie einen „Textkörper“ erschaffen, sondern sie, unsere Körper, atmend und verschollen im Text bewahren.“

Vuong unterfüttert seine Geschichte mit einzelnen Sätzen, Zeilen, die ungeordnet aus dem Rahmentext hervorbrechen, die teils wirken, als versuchten sie wie Säulen den Fließtext in seiner inhaltlichen Brüchigkeit und manchmal auch Grobheit zu stützen. Einfach ausgedrückt, bestehen sie womöglich aus gewonnener Erkenntnis in poetische Bilder gelegt.

Was mir gefehlt hat, ist die Entwicklungsgeschichte Little Dogs hin zum Studium, zur Literatur und zum eigenen Schreiben. Das hätte mich brennend interessiert. Nun bin ich gespannt auf seine Lyrik, die hoffentlich auch in Deutsch erscheinen wird.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung stammt von Anne-Kristin Mittag.

Édouard Lewis: Im Herzen der Gewalt S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ, war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Ich wusste nicht, las es erst später, dass Édouard Louis inzwischen einer der aktuell aufstrebendsten Intellektuellen Frankreichs ist. Auch war mir beim Lesen noch nicht klar, dass die Freunde, die er im Roman sehr oft mit Vornamen nennt, Didier Eribon und Geoffroy de Lagasnerie sind. Beide sind bekannte französische Philosophen. Eribon landete einen Bestseller mit „Rückkehr nach Reims“, in dem er, wie Louis, von seinem Elternhaus in der französischen Provinz berichtet, jedoch nicht romanhaft. De Lagasnerie ist viel politisch aktiv und setzt sich für die Gelbwesten ein.

„Im Herzen der Gewalt“ beginnt damit, dass der Protagonist seine Wäsche in den Waschsalon bringt, zuhause alles putzt und zuletzt versucht, sich selbst klinisch rein zu waschen. Nichts hilft. Der Makel bleibt. Was ist passiert?

„Und ich dachte auch – in ungeduldiger Erwartung der Zukunft, die das Ganze in gewisser Weise in die Vergangenheit verlegen, es relativieren würde: In einer Woche denkst du: Jetzt ist es schon eine Woche her, komm schon, und in einem Jahr: Jetzt ist es schon ein Jahr her.“

In Rückblenden erfahren wir, dass Edouard Opfer einer Gewalttat wurde. Am Weihnachtsabend kehrt er sehr spät von Freunden in seine Wohnung zurück. Unterwegs spricht ihn ein Mann an, Reda, der in recht eindeutiger Weise Kontakt sucht. Zunächst versucht Edouard, der allein mit seinen Büchern sein will, ihn abzuwimmeln. Doch schließlich nimmt er Reda mit in seine Wohnung. Es kommt zu einvernehmlichem Sex. Reda erzählt von seinem Vater, der nach Frankreich emigrierte, ein Kabyle, kein Araber sei er. Araber hasse er.

Als Reda gegen Morgen aufbrechen will, bemerkt Édouard, dass sein Mobiltelefon fehlt. Als er Reda darauf anspricht, tickt dieser aus. Er fühlt sich als Dieb beschuldigt und in seiner Ehre beleidigt, obgleich er, wie sich herausstellt, tatsächlich das Telefon in der Tasche hat. In der Tasche hat er außerdem eine Pistole, mit der er Édouard später bedroht. Seine Wut steigert sich, je mehr Édouard versucht zu beschwichtigen und den Diebstahl, als in seiner prekären Situation als normal, ja notwendig hinzustellen. Reda würgt und vergewaltigt Édouard. Später, als Édouard es geschafft hat, ihn zur Tür hinaus zu bewegen, entschuldigt er sich gar und will wieder hinein.
Was Édouard erlebte war Todesangst.

Wie Édouard desweiteren mit der Situation umgeht, wie er sein dringendes Redebedürfnis dem Krankenhauspersonal, den Polizisten, die die Anzeige aufnehmen, seinen Freunden, seiner Schwester überstülpt, wird überdeutlich. Wie er später jedoch genau ins Umgekehrte driftet und nur noch darüber schweigen will, keine Therapie gegen das erlittene Trauma in Anspruch nehmen will. Sondern bewusst verdrängen, ja leugnen will, ist unglaublich präzise und zum Nachdenken anzettelnd geschrieben.

„Aber ich wusste, dass ich mich belügen musste. Ich sage nicht, dass das an sich eine Lösung ist, ich weiß nicht, ob sie für jedermann gälte, aber ich für meinen Fall tat gut daran, all meine Energie darauf zu verwenden, mich zu überzeugen, dass ich nicht traumatisiert war, und mir einzureden, dass es mir gutging, auch wenn das nicht stimmte, auch wenn es eine Lüge war.“

Gerade auf der Bühne entfaltet sich hier die Komplexität der Ereignisse sehr plastisch: Die Bemühungen des Opfers (der selbst aus einer armen Familie stammt), den Emigrantensohn in seiner prekären Lage zu verstehen und nicht überheblich, sondern großzügig zu wirken, verkehren sich ins Gegenteil. Die Gewalt des Täters im Spiegel seiner Herkunft, im Verleugnen der eigenen Homosexualität durch Herauskehren der vermeintlichen Männlichkeit durch Gewaltausübung. Das Gefühl Édouards, dass selbst die engsten Freunde, ihn nicht verstehen. Wie er letztlich doch Anzeige erstattet.

Ach darum – so dachte ich, heute bin ich mir nicht mehr so sicher, ob es sich so verhält, aber in dem Moment dachte ich: „Er begehrt dich und verabscheut sein Begehren zugleich. Er will dich für sein Begehren büßen lassen. Er will sich sleber glauben machen, dass ihr das alles nicht getan habt, weil er dich begehrt, sondern als Vorwand für das, was er jetzt tut, …“

Louis berichtet hier nicht chronologisch, sondern lässt seine Hauptfigur von Emotionen geleitet, scheinbar sprunghaft erzählen. Zudem baut er eine weitere Instanz ein, nämlich Édouards Schwester, der er bei einem Besuch, einer Flucht gleich, von seinem schrecklichen Erlebnis erzählt. Diese wiederum erzählt die Geschichte ihrem Mann, was eine ganz neu Sicht auf die Dinge wirft, da sie die Geschehnisse, als typisch für ihren Bruder auslegt und meint, er hätte vorher wissen können, was für ein Täter Reda sei. Gleichzeitig zeigen sich hier wieder die tiefen Differenzen zwischen Bruder, der zum Studium von Zuhause fort ging, und die Schwester, die im Heimatort blieb.

„Im Herzen der Gewalt“ ist sowohl als Theaterstück, als auch als Buch ein großes Erlebnis. Es bringt so viele der aktuellen gesellschaftspolitischen Themen auf den Punkt, Rassismus, Homophobie, Klassenunterschiede, dass man daran eigentlich gar nicht vorbeikommt. Es regt in ganz verschiedenen Richtungen zum Denken an und ist nicht so schnell vergessen. Und all das in feinster Sprache. Große Empfehlung! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Édouard Louis: Das Ende von Eddy S. Fischer Verlag

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Von Édouard Louis` Romanen las ich immer wieder in verschiedenen Blogs und Zeitungen. Nun ergab sich die Möglichkeit die Inszenierung eines seiner Romane in der Schaubühne Berlin in der Regie von Thomas Ostermeier zu sehen. Als ich „Im Herzen der Gewalt“ verließ war ich mit Eindrücken voll, die mich noch Tage danach über das Stück nachdenken ließen. Ich beschloss, unbedingt auch den Roman zu lesen.

Da die Romane von Louis alle autobiografische Züge tragen, begann ich nun mit dem ersten: Mit „Das Ende von Eddy“ gelang Louis in Frankreich 2014 ein Riesenerfolg.

„An meine Kindheit habe ich keine einzige glückliche Erinnerung. Das soll nicht heißen, ich hätte in all den Jahren niemals Glück oder Freude empfunden. Aber das Leiden ist totalitär: Es eliminiert alles, was nicht in sein System passt.“

Er schildert darin seine Kindheit in der ländlichen Picardie, im Norden Frankreichs. Er wächst in ärmlichen Verhältnissen auf, in einem Haushalt in dem schon morgens der Fernseher läuft, allein der Vater das Sagen hat, wo jeder Junge Arbeiter in der Fabrik wird und früher oder später Alkoholiker. Bereits als Junge merkt er, dass er anders ist, sich beispielsweise anders bewegt, als die anderen Jungs. Später in der Schule, wird er aufgrund dessen sogleich als tuntig und schwul gehänselt.

„Meine Eltern nannten das Getue, sie sagten Lass doch das Getue. Sie wunderten sich Warum benimmt Eddy sich wie eine Tussi. Sie sagten Reg dich ab, muss das sein, dieses tuntige Gefuchtel. Sie dachten, es sei meine Entscheidung, dass ich mich so benahm, als wäre das eine Ästhetik, die ich kultivierte, um sie zu ärgern.“

Als Einzelgänger, der eigentlich lieber mit Mädchen zusammen wäre, wird er von anderen Schülern gepiesackt, teilweise misshandelt. Als die Pubertät beginnt, ist klar, dass er auf Jungen steht. Etwas, dass in seiner Familie und generell in dieser macho-dominierten dörflichen Arbeiterregion, wo nur „echte“ Männer etwas zählen, so überhaupt nicht geduldet wird, ja, eigentlich gar nicht vorkommen darf. Mit anderen Jungs, die einen Porno nachspielen wollen, kommt es dann tatsächlich zu ersten körperlichen Begegnungen mit dem eigenen Geschlecht. Was die „Mitspieler“ als ein Ausprobieren ihrer Männlichkeit verstehen, wird für Eddy die Offenbarung seiner Homosexualität. Vom Vater, der die Arbeit in der Fabrik verlor, von der Mutter, die sich als Altenpflegehelferin abrackert, um das Geld für den Lebensunterhalt der Familie verdient, wird „Eddy“ so überhaupt nicht akzeptiert. Die Schwester Clara versucht ihn mit Freundinnen zu verkuppeln.

Wie ein Studierter reden, das hieß auftreten wie die verhasste Klasse, die Feinde, die was haben, die Reichen. Wie diejenigen, die eine Chance auf höhere Schul- und Universitätsbildung haben.“

Eddy leidet und wünscht sich nichts sehnlicher als „normal“ zu sein, wie alle anderen. Bis es irgendwann nicht mehr geht und er seine Flucht aus dieser Gefangenschaft, aus dieser kleingeistigen Welt plant. Eine Chance bietet die Theatergruppe seiner Schule, Eddy ist begabt. So erhält er ein Stipendium für eine musisch ausgerichtete weiterführende Schule mit Internat und verlässt das Dorf in Richtung Amiens.

In diesem ersten Roman erlebt man den 1992 geborenen Édouard Louis sehr nah und persönlich. Hier ist seine Sprache noch nicht ganz so ausgereift, wie später in „Im Herzen der Gewalt“. Dennoch ist es ein ungewöhnlich dichtes autobiografisches Buch, dass ich sehr empfehle, vor allem, wenn man vielleicht, wie ich, Anknüpfungspunkte, was die Kindheit betrifft, hat.

„Das Ende von Eddy“ erschien im Fischer Verlag und wurde genial wie immer von Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Französischen übersetzt.

Die Besprechung zu „Im Herzen der Gewalt“ folgt im nächsten Beitrag hier auf dem Blog.

Nell Zink: Virginia Rowohlt Verlag

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Obgleich Nell Zink schon mit ihrem Roman „Der Mauerläufer“, zu dem es eine schöne Entstehungsgeschichte gibt, in der auch der Autor Jonathan Franzen, der ja ein leidenschaftlicher Vogelbeobachter ist, eine Rolle spielt, hierzulande bekannt wurde, ist es der erste Roman, den ich von ihr lese. Sie ist mir gleich irgendwie sympathisch, da sie vor einiger Zeit nach Bad Belzig in Brandenburg statt nach Berlin zog, weil sie sich in der Hauptstadt die Miete einfach nicht leisten konnte. Könnte mir bald ähnlich gehen …

Dass ich nun ihren Debütroman „Virginia“ lese, der tatsächlich in Virginia, USA spielt, hat den einfachen Grund, dass ich die skurrile Idee, dass eine lesbische Studentin und ihr schwuler Literaturprofessor heiraten und Kinder bekommen, ziemlich witzig fand. Und die noch skurrilere Idee, nach der Trennung mit der kleinen Tochter die Identität einer Schwarzen anzunehmen, einfach genial fand. Hier merkt man schon gleich, dass Zink allerhand in ihren Roman packt und dabei so manche Grenze überschreitet. Dennoch ist der Roman kein bisschen überladen, sondern einfach nur witzig auf hohem Niveau. Zink weiß viel, denkt viel. Schreibt mit viel Humor, wenngleich die Sprache auf Dauer für mich schon etwas glatt nach Creative Writing klingt. Vielleicht ist es auch einfach die amerikanische Art, die Dinge auszudrücken. Wenn ich „Virginia“ mit dem Roman „Max, Mischa und die TET-Offensive“ des Norwegers Johan Harstad vergleiche (lese ich gerade parallel), der auch in den USA spielt, dann liegen Welten dazwischen.

Da ist also Peggy (später Meg), lesbische Studentin und ihr schwuler Professor, Lee Fleming. Da Meg ziemlich schnell schwanger wird, heiraten die beiden, bekommen auch noch ein zweites Kind, obwohl sie eigentlich gar nicht für ein Zusammenleben geeignet sind.

„Für eine Lesbe bedeutete Lees Haus einen kalten Entzug. Es konnten Monate vergehen, ohne dass man eine Frau zu Gesicht bekam. Aber das war auch egal, wenn man vorgehabt hatte, eine bleistiftdünne Verführerin in Schwarz zu sein, und nun im karierten Bademantel am Herd stand und Pfannkuchen buk.“

Eines Tages haut Peggy dann auch mit der Tochter ab, nachdem sie den Wagen ihres Mannes in den See gefahren hat, aus Wut über seine Untreue. Der Sohn bleibt beim wohlhabenden Vater. Im geschichtsträchtigen ländlichen Südstaaten-Virginia übernimmt Peggy/Meg mit ihrer Tochter eine neue „schwarze“ Identität, was tatsächlich nicht hinterfragt wird, denn es gibt hier viele Abstufungen des „Schwarzseins“. Sie kämpft sich mit ihrer Tochter Mireille/Karen quasi mittellos durch, schreibt nebenher Theaterstücke für die Schublade. Tatsächlich findet ihr Mann, der Detektive los schickt, um sie wegen Kindesentführung dingfest zu machen, sie deshalb nicht. Mit kleineren illegalen Drogengeschäften verdient sie ihr Geld, nach außen hin rechtschaffen. Die Tochter, die nichts von Vater und Bruder ahnt, kann studieren gehen mit ihrem schwarzen Freund Temple, beide erhalten ein Stipendium für „Minoritäten“.

„Und ihre Tochter war (…) wenn schon nicht das beliebteste aller Kinder, das Idol aller Emigranten der Vorstädte. Das geisterhafte, flachsblonde schwarze Kind war geradezu der Solz der Bürger. Die hofften, sie würde in der Gegend bleiben, einen hellhäutigen Mann mit blauen Augen heiraten und eine dieser Konversationsstück-Dynastien begründen.“

Der Sohn Byrdie, einige Jahre älter, wächst ohne Sorgen beim Vater heran, nimmt sein Studium nicht so ganz ernst und konsumiert mitunter mit Mitstudenten Drogen. Zum Showdown kommt es, als Temple und Karen auf einer Studentenfete nichts ahnend auf Byrdie treffen. Hier gibt Nell Zink Gas und schlittert mit allerhand Unglaubwürdigkeiten rasant auf ein Happy End mit einer Art Familienzusammenführung zu. Das ist schon leicht übertrieben, aber wie hätte ein anderes Ende in solch einer Geschichte enden sollen? Zinks Sprache hilft auf jeden Fall über manche allzu pathetische Passage hinweg. Mitunter salopp, derb, aber auch mit vereinzelten poetischen Einschüben ist das Buch auf jeden Fall durchweg abwechslungsreich und spannend zu lesen. Vor allem, wenn man, so wie ich, so gut wie keine Ahnung vom US-amerikanischen Süden hat, lernt man allerhand über das soziale Gefüge und gesellschaftsspezifische Besonderheiten. Denn die 1964 in Kalifornien geborene Nell Zink wuchs selbst im ländlichen Virginia auf. Alles in allem ist „Virginia“ ein Roman, denn ich flott und mit Gewinn gelesen habe.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag, dem ich für das Rezensionsexemplar danke. Übersetzt hat es Michael Kellner. (Zink schreibt in Englisch, obwohl sie sehr gut Deutsch spricht.) Eine Leseprobe gibt es hier

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Chinelo Okparanta: Unter den Udala Bäumen Wunderhorn Verlag

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Der Wunderhorn Verlag hat eine eigene Reihe für zeitgenössische Literatur aus Afrika, herausgegeben von Indra Wussow. Nach „Ma“ von Aya Cissoko ist dies nun der zweite Roman, den ich lese. Und ich finde diese Reihe wirklich besonders gut ausgewählt. Sie gibt hierzulande noch weniger bekannten Stimmen einen Raum.

„Der Legende nach kommen Geisterkinder, die es leid sind, rastlos zwischen der Welt der Lebenden und der Toten hin- und herzuschweben, über Udala-Bäumen zur Ruhe. Dankbar, endlich irgendwo anzukommen, verhelfen sie jeder Frau, die sich, und sei es auch noch so kurz, unter einem Udala-Baum niederlässt, zu Fruchtbarkeit.“

Nigeria in den 70er Jahren. Es herrscht Bürgerkrieg. Unter den Udala Bäumen spielt eine Schlüsselszene des Romans von Chinelo Okparanta. Hier begegnet die Heldin ihrer zukünftigen Freundin Amina zum ersten Mal. Aus der Freundschaft der beiden jungen Mädchen entsteht eine körperliche Anziehungskraft, entsteht eine zarte erste Liebe. Was für die beiden 12-Jährigen selbstverständlich ist, treibt die Pflegefamilie zu strengen Maßnahmen, denn in der Region in Nigeria mit seinem strengen Katholizismus, ist das, was die beiden tun verboten, ja eine Todsünde, die man nur durch strenges Bibelstudium wieder wettmachen kann. Zudem sind beide auch noch aus unterschiedlichen, verfeindeten Ethnien, die eine Hausa, die andere Igbo. Man trennt die beiden Mädchen. Die Muslimin Amina bleibt bei der Familie, Ijeoma wird zurück zur Mutter geschickt, die sie während des Bürgerkriegs in eine sicherere Region gebracht hatte, nachdem bei einem Bombenangriff 1968 der Vater getötet und das Haus zerstört wurde.

„Ich hatte nicht die Geistesgegenwart zu lügen. Ich sah Mama in die Augen und nickte. „Ja, ich denke immer noch an sie“, sagte ich. Und „Ja, ich denke immer noch auf diese Weise an sie.“ Mama sprang auf, warf die Hände in die Luft und brüllte irgendwas von Gebeten und Vergebung. Sie zog mich am Kragen meines Kleides auf die Füße.“

Ijeoma beugt sich zunächst der strengen Mutter, die das was die beiden Mädchen taten, als ein „Gräuel“ bezeichnet, die laut Altem Testament von Gott nicht geduldet wird. Doch später im Internat kommen die beiden wieder zueinander, können sich aber nur heimlich begegnen. Bis Amina aus Angst vor Strafe beginnt sich Jungen zuzuwenden und schließlich nach Abschluss der Schule heiratet und aus Ijeomas Blickfeld verschwindet. Diese kehrt zur Mutter zurück und arbeitet in ihrem kleinen Gemischtwarenladen mit. Dort lernt sie die Lehrerin Ndidi kennen. Die beiden werden ein heimliches Paar. Alles geht hier nur heimlich. Wer als gleichgeschlechtlich Liebender erkannt wird, muss den Tod fürchten. Selbst vor Steinigung schrecken die gläubigen Katholiken nicht zurück. Ein als Kirche getarnter Treffpunkt für lesbische Frauen, wird enttarnt und viele Frauen fallen der willkürlichen Gewalt der „Sittenwächter“ zum Opfer.

„Orangeblaue Flammen. Sie stiegen von einem Haufen aus brennendem Holz auf. Ndidi begann zu weinen. Wir alle weinten jetzt, weil wir das Gesicht erkannt hatten oder vielleicht mehr das, was davon übrig war. Adanna lag mitten in dem Feuer und brannte.“

Eines Tages taucht im Laden der Jugendfreund von Ijeoma auf und umgarnt sie. Er ist auf der Suche nach einer Ehefrau und Ijeomas Mutter ist begeistert, ihre Tochter endlich unter die Haube zu bringen. So ganz verstehe ich als Leserin nicht, warum Ijeoma schließlich in die Ehe einwilligt, obwohl sie nicht ihn, sondern weiterhin Ndidi liebt. Vielleicht ist es auch nicht nachvollziehbar aus heutiger Zeit und europäischer Sichtweise, wie schwer es war diese Heimlichkeit und das Gefühl einer Schuld zu ertragen.

Es kommt, wie es kommen muss. Ijeoma fühlt sich in ihrer Ehe gefangen, wird depressiv, hat schreckliche Angst von Gott bestraft zu werden, wenn sie keine gute Ehefrau und Mutter ist, ihrem Mann nicht zu Diensten ist. Okparanta beschreibt dieses Dilemma, so im religiösen Glauben verhaftet zu sein mehr als eindringlich. Als Leserin spürt man den seelischen Schmerz und die Angst der Hauptfigur einschneidend und deutlich. Es braucht Zeit, sich davon zu lösen und das Wagnis der Trennung einzugehen …

Die 1981 geborene Nigerianerin Chinelo Okparanta, die seit ihrem 10. Lebensjahr in den USA lebt, hat einen, sprachlich wie inhaltlich, für mich sehr bereichernden Roman geschrieben. Solche Bücher öffnen den Zugang zu anderen Ländern, geben Einblicke in andere Lebenswelten und machen neugierig.

Der Roman wurde aus dem nigerianischen Englisch übersetzt von Sonja Finck und Maria Hummitzsch. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Christoph Hein: Verwirrnis Suhrkamp Verlag

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Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoph Hein fast jährlich einen Roman. Diesmal heißt er „Verwirrnis“ und ist (nach dem etwas schwächeren „Trutz“) wieder einmal richtig gut gelungen. Es ist für mich eine sehr emotionale Lektüre gewesen. Immer wieder kam ich beim Lesen in Rage: Was für ein fürchterlicher Vater! Was für grässliches Verhalten unter dem Deckmäntelchen der katholischen Religion! Welch schlimm konservatives Denken, welche Verbohrtheit in den 50er Jahren!

Wir befinden uns im Eichsfeld der 50er Jahre. Es ist die katholischste Region vermutlich ganz Deutschlands, zumindest aber der ganzen Ost-Zone. Im kommunistischen Teil Deutschlands ein Ausnahmefall. Hier wachsen Friedeward und Wolfgang auf. Der Sohn eines strenggläubigen katholischen Lehrers und der Sohn eines Kantors begegnen sich mit 15 zum ersten Mal in der Schule und werden die dicksten Freunde. Sie sondern sich ab von anderen, lesen und diskutieren und stellen sich eine Zukunft als Künstler vor. Als sie gemeinsam Urlaub an der Ostsee machen, entwickelt sich aus der Freundschaft ein gegenseitiges körperliches Begehren, was die beiden nur noch enger zusammenschweißt. Natürlich darf keiner davon erfahren, schon gar nicht Friedewards Vater, der seinen Sohn auch im fortgeschrittenen Jugendlichen-Alter zur Strafe noch mit einer Art Peitsche züchtigt. Dies hat die Geschwister Friedewalds bereits aus dem Haus getrieben.

Es kommt, wie es kommen muss: Pius Ringeling, Friedewards Vater erwischt die beiden auf frischer Tat. Er schafft es, dass Wolfgang die Schule verlassen muss und verdrischt den 17-jährigen Sohn.

„Die frommen Lehren bedrückten Friedeward, bescherten ihm schlaflose Nächte. Die Verdammnis wurde zu einem allnächtlichen Schreckgespenst, er hatte Albträume, er sah die Hölle, die Teufel, das Fegefeuer vor sich und fuhr im Halbschlaf laut schreiend in seinem Bett hoch.“

Dennoch schaffen beide es, wieder zusammen zu kommen. Beide studieren in Leipzig, Wolfgang Musik und Friedeward Germanistik, führen dort ihre Beziehung, wenngleich immer noch heimlich, weiter. Die Freundschaft zur Theaterstudentin Jacqueline und deren Professorin Herlinde, die ebenfalls heimlich ein Paar sind, verschafft ihnen ungeahnte Möglichkeiten: Friedeward und Jacqueline geben sich als Paar aus und sind damit gefeit vorm Entdecktwerden. Eine Hochzeit wird geplant.

Wolfgang jedoch entfernt sich. Er beendet sein Studium in Westberlin, nimmt die westdeutsche Staatsangehörigkeit an und darf fortan nicht mehr in den Osten einreisen. Er bricht alle Beziehungen zu Freunden aus dem Osten ab, auch die zu Friedeward, für den die Trennung ein schwerer Schlag ist.

Beide machen Karriere, sind Könner ihres Metiers, Musik und Literatur, und es scheint sich der Künstlertraum der Jugendlichen zu erfüllen, nur eben nicht gemeinsam.

Ein wenig seltsam mutet es an, dass Friedeward so gelassen zuhört, als im Radio vom Bau der Berliner Mauer berichtet wird. Einzig wegen Wolfgang vergisst er einige Tränen, die Idee eines eingemauerten Berlins scheint ihn kalt zu lassen, vielleicht weil sie so unvorstellbar ist oder in der Überzeugung, dieser Staat sei der Richtige. An der Universität in Leipzig herrscht ein freies, vom Regime wenig beeinträchtigtes Klima. Bis dem Leitenden Professor, genannt Goethe-höchstselbst, eine Ausreise zu einem Kongress in Wien verweigert wird. Bei nächster Gelegenheit bleibt er im Westen. Nun ändern sich die Verhältnisse. Wer nicht linientreu ist/wird, hat keine Chance auf einen höheren Posten. So auch Friedeward, doch er behält zumindest seine Dozentur, weil er zum Zeitpunkt der „Säuberungen“ bei der Beerdigung seines Vater im Eichsfeld ist. Offensichtlich wird auch er längst bespitzelt und steht trotz der „Schein“-Heirat mit Jacqueline, unter Beobachtung. Seine Sexualität lebt er weiterhin nur im Geheimen, obwohl Homosexualität kein Strafdelikt mehr ist.

Für Friedeward vergehen die Jahre bis zur politischen Wende in der DDR dennoch friedlich. Erst die Wiedervereinigung mit der damit verbundenen Abwicklung, mit Stellenabbau auch an der Universität Leipzig, stellt ihn vor eine schwerwiegende Entscheidung …

Heins Sprache ist wie immer unspektakulär, seine Stärke liegt im fließenden Erzählrhythmus, was er mit diesem Roman einmal mehr beweist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Weitere begeisterte Besprechungen findet man bei Zeichen & Zeiten, bei Ruth liest und Peter liest.