Lucia Jay von Seldeneck/Florian Weiß: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Kunstanstifter Verlag

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„Tiermeldungen aus zwei Jahrhunderten“ – diesen Untertitel trägt dieser großformatige Band aus dem Kunstanstifter Verlag, der ganz feine, wunderschöne sehr eigen gestaltete Kunstbücher herausgibt. Dieses Exemplar hat es in sich. Es vereint kleine merkwürdige Geschichten über sonderbare Tiere mit beeindruckenden Illustrationen, die zudem auf sehr originelle Weise entstanden sind. Mit seiner selbst erfundenen „Punktiermaschine“ bearbeitet der Berliner Künstler und Illustrator Florian Weiß Papier und lässt kleine Meisterwerke entstehen. Siehe folgendes Foto:

Der Band ist in Halbleinen gebunden, auf feinem Papier gedruckt, fadengeheftet und hat zu jeder Geschichte ein ausklappbares Bild des jeweiligen Tiers. Beeindruckend, wie genau Weiß seine Punktierungen ausführt. Jedes einzelne Tier wird mit Entdeckungsjahr und Entdeckungsgeschichte vorgestellt. Es finden sich Tiere in der Luft, Tiere im Wasser, auf und unter der Erde.

Die Autorin Lucia Jay von Seldeneck ist bereits recht bekannt durch ihre Bücher über Berlin, wie etwa „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muß“. Doch diesmal geht es nicht um Berlin, sondern um die ganze Welt. Die Autorin hat sich Geschichten zu den seltsamen Tieren ausgedacht, die Weiß punktiert hat. Das ganze ist sehr stimmig geworden. Zu Bild und Geschichte gibt es auch die tatsächlichen Daten zum jeweiligen Tier und eine Landkarte zum Aufenthaltsort.

So erleben wir, wie ein 1,70 langer Alligator in der Kanalisation entdeckt wird. Oder dass Elefanten in Afrika immer kürzere Stoßzähne haben: man vermutet eine genetische Anpassung an die Gegebenheiten (Elfenbeinhandel). Wir hören von einem Storch, der im Mecklenburgischen mit einem Stück Pfeil aus afrikanischem Holz im Hals aufgefunden wird, und damit einen Beweis der Langstreckenflüge nach Süden erbringt. Oder von einem dänischen Archäologen, der Maulwürfe als Ausgrabungshelfer einsetzt.

Wir lesen von Maria Sibylla Merian, die über die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling forscht und dazu Bilder veröffentlicht. Davon, wie eine Gruppe Wildgänse, in Formation fliegend, auf dem Radar über Alaska von Soldaten für Kampfflugzeuge gehalten wird. Über eine Schildkröte auf Tonga, die erst im Alter von 188 Jahren stirbt. Und wie die DDR-Regierung den amerikanischen Feinden eine Kartoffelkäferplage ankreidet. Was Dichter Ringelnatz mit Seepferdchen zu schaffen hat … und noch vieles andere mehr.

Dieser kunstvolle über DIN A4 große Band ist ein Kleinod aus einem ganz wunderbaren Verlag. Es lohnt sich, dem ungewöhnlichen Programm vom Kunstanstifter Verlag Beachtung zu schenken. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Spreepartie, die 2te: Neue Bücher aus dem Kunstanstifter Verlag, dem Weidle Verlag, der Büchergilde und dem Verlag ebersbach & simon

Die Presse-Agentur Kirchner Kommunikation, die ganz wunderbare kleine Verlage vertritt, lud kürzlich einige Literatur-Blogger ein zur zweiten „Spreepartie“ durch Berlin. Wie bereits im vorigen Jahr war es ein vielfältiges Programm, dass wieder einmal zeigt, auf welche überraschende Entdeckungen man gerade in den kleinen unabhängigen Verlagen treffen kann! Alle vier hier vorgestellten Neuerscheinungen erwarte ich mit Neugier.

Im Kirchner-Büro in Kreuzberg ging es dann auch gleich wieder um ein Buch aus dem fabelhaften Kunstanstifter Verlag. Allein der Titel verspricht schon, was das Buch mit Sicherheit halten wird: „Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ ist ein Künstlerbuch, das ein Kuriositätenkabinett aus dem Reich der Tierwelt bietet. Die Tier-Geschichten, basierend auf echten Daten, erzählt uns Lucia Jay von Seldeneck (siehe unten), die Illustrationen trägt Florian Weiß bei. Seine Arbeiten sind auf ganz besondere Weise hergestellt. Er hat eine Punktiermaschine erfunden: Statt jede einzelne Zeichnung mit der Hand zu pixeln, nutzt er den selbstgebastelten Grafittätowierer (siehe unten).

„Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen“ von Florian Weiß und Lucia Jay von Seldeneck erscheint im September im Kunstanstifter Verlag.

Weiter ging es durch die Stadt in Richtung Mitte. Hier stellte uns das Verlegerpaar Weidle einen Roman aus ihrem kommenden Herbstprogramm vor, der mindestens genauso aufregend klingt. Auch hier scheint sich ein kurioses Personal einzufinden: der Autor aus Georgien, Zurab Karumidze, erzählt uns von Dagny Juel, einer Norwegerin, ehemals Modell von Edvard Munch, die nach Tiflis reist, nur um kurze Zeit später in Georgien ihr Leben zu lassen. Rundherum drapiert der Autor allerhand verstrickte und verrätselte Begebenheiten, deren Höhepunkt in einem mystischen „Fest der Liebe“ gipfelt. Das wunderbare Covermotiv ist eine Zeichnung! der Berliner Künstlerin Levke Leiß.

„Dagny oder Ein Fest der Liebe“ von Zurab Karumidze erscheint im August im Weidle Verlag. Wie immer bei den Weidles wird es ein kleines Buchkunstwerk sein, dass von Friedrich Forssman mitgestaltet wird. Der Autor stellt sein Buch am 17.10. in Berlin in der Buchhandlung ocelot vor.

Im „Ministerium für Illustration“ in der Chausseestraße, einer Galerie, die von Henning Wagenbreth geleitet wird und die allein schon einen Besuch wert ist, wartet schon Rotraut Susanne Berner, die bekannte Illustratorin, um uns die „Tollen Hefte“ aus der Büchergilde vorzustellen. Ihr Mann Armin Abmeier legte den Grundstein für dieses ambitionierte künstlerisch eigene Projekt: Alle Hefte (bisher fast 50) werden im Original-Flachdruck hergestellt, die Illustratoren haben große Freiheit bei der Gestaltung. Die „Tollen Hefte“ sind mittlerweile Sammelobjekt, da sie in einmaliger, limitierter Auflage und 2 x im Jahr erscheinen.

Das nächste Tolle Heft erscheint am 15 September in der edition büchergilde. Es trägt den Titel „Die Hauskatze ist selten eine weiße“ und wurde von Katrin Stangl und 21 Kindern gestaltet.

Vierte und letzte Station war die Buchhandlung und Chocolaterie „Fräulein Schneefeld & Herr Hund“. Hier stellte uns die Autorin Unda Hörner ihr neues Buch im Verlag ebersbach & simon vor. Es geht um Franz Kafka und es geht vor allem um Felice Bauer, mit der er 2 x verlobt und wieder entlobt war. Unda Hörner hat auf Grundlage der Briefe Kafkas an Felice die Beziehung der beiden recherchiert und dann in einem teils fiktiven Roman erzählt. Ein spannendes Projekt, gibt es doch einen deutlichen Einblick in Kafkas Zerrissenheit zwischen Leben, Lieben und Schreiben …

„Kafka und Felice“ von Unda Hörner erscheint am 21, August im Verlag ebersbach & simon , wo von der Autorin auch schon „Ohne Frauen geht es nicht“ über Tucholskys Lieben verlegt wurde.

Dank an Kirchner Kommunikation und an alle anderen Beteiligten für diesen ergiebigen Tag der literarisch-künstlerischen Fülle!
Weitere Beiträge zur Spreepartie von Zeichen & Zeiten und Klappentexterin.