Ambra Durante: Black Box Blues Wallstein Verlag

„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Der, durch die bunte social media Welt vorgegebenen tollen Dauerstimmung kann jemand, der unter Depressionen leidet nicht standhalten. Das drohende Scheitern schwebt immer darüber, das Gefühl, es nicht so gut zu können, wie die anderen. Tröstlich für die Heldin ist der „Klub 27“: diverse Musiker*innen (wie Amy Winehouse, Curt Cobain), die bereits mit 27 den Tod fanden und womöglich mit ähnlichen Dunkelheiten zu kämpfen hatten. Musik machen ist somit auch eine Option, mit der Verlorenheit umzugehen. Mit den diversen Therapeuten ist es schwieriger. Mehr Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden. Familie und Freunde sind auch in den dunkeln Phasen von unschätzbarem Wert.

Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Mir scheint das Buch allerdings eher für Jugendliche und junge Erwachsene geeignet und vielleicht auch eher für Außenstehende, die gerne einen Einblick in die Krankheit, die das Leben wirklich arg verändert, bekommen möchten. Betroffene werden sich sicher auch wiederfinden und vielleicht wird irgendwo ein kreativer Raum eröffnet. Dann wäre schon viel gewonnen. Mehr Worte möchte ich über das Buch nicht verlieren, denn es wirkt allein durch seine Bilder.

Ergänzend gibt hier es ein aufschlussreiches Interview mit der 19-jährigen Autorin, die in Berlin und Mecklenburg Vorpommern lebt: https://www.ndr.de/…/Black-Box-Blues-Graphic-Novel-ueber-De…

Das Buch erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

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Marie Luise Kaschnitzs Erzählung „Eisbären“ erschien bereits im Jahr 1966. Kaschnitz (1901 – 1974), die 1933 ihren ersten Roman veröffentlichte, aber auch Gedichte und Hörspiele schrieb, wird heutzutage wenig gelesen. Was für ein Versäumnis dies ist, merkte ich bei dieser Lektüre. Im Kunstanstifter Verlag erscheinen immer wieder staunenswerte bildschöne Buchkunstwerke und so stieß ich auf den Band „Eisbären“. Die Bilder machten neugierig, die Leseprobe noch mehr.

Die Illustratorin Karen Minden interpretiert die wunderbare überraschende Erzählung, die als Text nur wenige Seiten lang ist, ganz eigen und sehr faszinierend. Sie bewahrt das Geheimnis dieser Geschichte in ihren Zeichnungen, die reduziert und gleichzeitig kraftvoll sind. Der Bleistift ist das Handwerkszeug von Minden und so zeigen sich die Szenen überwiegend in Schwarz/Weiß mit allen Grauschattierungen. Als einzige Farbe kommt ein helles Blau hinzu, was für mich die Kühle symbolisiert, die immer wieder in der Geschichte aufblitzt.

Vor dem Eisbärengehege im Zoo trafen sie sich einst. Das Paar, das die Hauptrolle spielt, ist schon viele Jahre zusammen. Eines Abends, die Frau hat sich bereits zum Schlafen ins Bett zurückgezogen, der Mann lässt auf sich warten. Als er dann nach Hause kommt, möchte er mit ihr reden. Alles verläuft anders als sonst. Das Schlafzimmer ist stockdunkel, doch er will kein Licht. Das Gespräch beginnt er mit der Frage, ob sie noch wisse, wie sie sich kennengelernt haben. Die Frau wundert sich, weiß das aber natürlich noch. Oft nennt sie der Mann Eisbär, weil sie den Kopf drehte, nach rechts und nach links, immer wieder, damals als er sie am Gehege stehen sah, als würde sie sich nach jemandem umsehen, auf jemanden warten. Die Frau besteht wie immer darauf, dass sie auf niemanden wartete.

„Sie zweifelte aber plötzlich daran, dass ihr Mann ihr glauben würde. Sie hatte das Gefühl, als stände hinter seinen Worten eine Unruhe, die sie nicht würde stillen, und eine Angst, die sie ihm nicht würde ausreden können, jedenfalls nicht in dieser Nacht.“

Dass das doch der Fall war, erfahren nur wir Leser. Dass es da einen gab, der sie verlassen hatte, von dem sie hoffte, er käme zurück. Und dass sie ihren Mann nur geheiratet hatte, weil sie nicht allein bleiben wollte. Obwohl sie ihn nun längst liebt. Doch das sagt sie ihm nicht. Das sind nur ihre Gedanken. Sie besteht auf der Unwahrheit. Und der Mann gibt sich nach längerem hin und her letztlich damit zufrieden. Und das ist vielleicht gut so. Denn als es an der Tür klingelt, so spät noch, wundert sich die Frau beim Öffnen der Tür sehr …

So müssen Kurzgeschichten sein. Das ist die große Kunst, auf wenigen Seiten gekonnt mit Sprache spielend eine Spannung aufzubauen, die einen am Ende staunend und womöglich mit offenen Fragen zurücklässt. Kaschnitz setzt hier den Focus auf das Mysterium der Liebe und auf die Frage, ob die volle Wahrheit immer sinnvoll ist.
Ich stelle fest, ich sollte wieder mehr Erzählungen lesen, denn zumindest diese hat mir große Lust darauf gemacht. Marie Luise Kaschnitzs Erzählungen gibt es gesammelt beim Insel Verlag. Für Bibliophile sei aber auf jeden Fall diese zauberhafte Ausgabe empfohlen. Der Band erschien im Kunstanstifter Verlag, wo sich auch eine Leseprobe findet. Auch ein Blick auf die Website der in Berlin lebenden Künstlerin Karen Minden lohnt sich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Buchkunst aus der Büchergilde/Edition Büchergilde Teil 2 / 2001 – 2018

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Heute gibt es den lange schon angekündigten zweiten Teil meiner Büchergilde-Kunstbuchsammlung:
Es sind die wundervoll gestalteten, illustrierten Bände, die mich nicht nur inhaltlich, sondern eben auch künstlerisch ansprechen, ja manchmal auch für meine eigene Arbeit inspirieren. Ich kann die Bände jedem Bibliophilen nur empfehlen. Mit der chronologischen Reihenfolge habe ich mich etwas vertan, aber das tut ja der Schönheit keinen Abbruch.

Jorge Luis Borges: Die Bibliothek von Babel 
Typografische Bibliothek Band 4

Die typografische Bibliothek ist eine gesonderte Reihe, in der es vor allem um den Satz, die Schrift und die Textgestaltung geht. Faszinierend ist das, was Klaus Detjen, der die Bände herausgibt, aus einer Erzählung von Borges herauszuholen vermag. Detjen ist Typograph und Buchgestalter und arbeitet unter anderem auch für den Steidl Verlag.

Der Text von Borges ist recht kurz. Das Nachwort von Theresa Georgen und die Anmerkungen von Klaus Detjen machen den Text verständlicher:

“ Die Erzählung von Borges Die Bibliothek von Babel ist eine von vielen seiner Prosatexte und Gedichte, die die Bibliothek und das Buch zum Thema haben. Eine Bibliothek aus einer unendlichen Anzahl von Büchern, in denen alles Vordenkliche und Zukünftige geschrieben steht.“

Der Band erschien 2001 sowohl bei Steidl, als auch bei der Büchergilde. Er ist leider nur noch antiquarisch zu erhalten.

Ray Bradbury: Fahrenheit 451

Fahrenheit 451 ist die Temperatur, bei der Bücher sich selbst entzünden. Um Bücher- und Leseverbot und um Bücherverbrennungen, für die ausgerechnet Feuerwehrleute zuständig sind, geht es in dem Weltklassiker. Der dystopische Roman erschien im Jahr 1953. Er ist ähnlich bekannt wie Orwells Zukunftsvision 1984, aber für Bücherliebhaber, die allergrößte Horrorvorstellung. Natürlich geht es symbolisch darum, dass der Mensch sich nicht mehr nach eigenem Willen bilden darf, sondern ein Einheitsmensch geschaffen werden soll.
Das Buch wurde von Katrin Stangl illustriert in einer besonderen Technik:

„Die Illustrationen in diesem Buch wurden in Schabetechnik gearbeitet. Ein weißer Untergrund, der mit schwarzer Farbe beschichtet ist, wird durch Kratzen und Schaben mit Messer oder Nadel freigelegt. Wie beim Holz- oder Linolschnitt wird negativ gearbeitet, so dass am Ende die schwarze Form stehen bleibt.“

Leider ist auch dieser Band nur noch antiquarisch erhältlich.

Wolfgang Hildesheimer: Paradies der falschen Vögel

Endlich ein Band, der noch lieferbar ist und den ich wärmstens empfehle. Es geht um Kunstfälscher, fremde Länder und um falsche Vögel, die vorzüglich dargestellt sind von der Illustratorin Monika Aichele. Der Band erschien 2017 und besitzt zwei Lesebändchen, das Cover ist aus changierenden Leinen. Hier auf dem Blog habe ich ihn bereits ausführlich vorgestellt.

Arthur Miller: Fokus

Darauf freue ich mich. Ich werde es nach Beendigung der Lektüre noch ausführlich auf dem Blog vorstellen. Es ist im letzten Frühjahr erschienen und somit auch lieferbar. Fokus ist Millers einziger Roman. Erzählt wird aus dem New York kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Newman ist Personalchef in einem Büro. doch alles ändert sich, als er eine Brille braucht. Fortan wird er von Antisemiten verhöhnt und verfolgt. Diese verbanden mit der Brille ein jüdisches Aussehen. Unfassbar, aber in der Tat spiegelt dieser Roman, wie weitreichend und länderübergreifend eine antisemitische Haltung verbreitet war. Zu allen Zeiten und sogar in den doch so weltoffenen USA.

Die wunderbaren Holzschnitte, die den Text illustrieren stammen von Franziska Neubert. Das Buch ist in Leinen gebunden mit Prägedruck und Lesebändchen.

Auf den beiden tollen Blogs Zeichen & Zeiten und Gute Literatur wurde dieser Titel bereits besprochen.

Hier gehts zum ersten Teil meiner Büchergilde-Kunstbuchbesprechung.

Robert Macfarlane / Jackie Morris: Die verlorenen Wörter Matthes & Seitz

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Aus einem Twitter-Projekt für Kinder ist eine Aktion geworden, die weite Kreise zieht: Das Profil des Briten Robert Macfarlane zeigt täglich neue Begriffe, alte Wörter, die womöglich verloren gehen könnten, ebenso wie die entsprechenden Tiere oder Pflanzen, würde man sie nicht weitertragen. Alles begann mit einem Oxford-Kinder- und Jugend-Wörterbuch, in dem anstelle von Eisvogel oder Farn, neue Wörter wie chatroom etc. auftauchten. Bei Macfarlane läuteten die Alarmglocken. Aus einem offenen Brief mit bekannten britischen Unterzeichnern entstand die Idee der Rettung der Wörter. Da der Account so viel Anklang fand, ist daraus ein Buch entstanden. Und was für eins! Es ist Buchkunst, Kunstbuch, Bilderbuch, Wörterbuch und Gedichtband in einem. Großformatig und einfach unwiderstehlich illustriert von Jackie Morris, ist es wirklich eine Perle und ein geradezu himmlisches „Verschenkbuch“.

Die Illustrationen sind für mich das Schönste am ganzen Buch. Jackie Morris hat ein überaus feines Gespür für Farben und für feine Inszenierungen der jeweiligen Worte und Tiere bzw. Pflanzen. Schritt für Schritt, Seite für Seite nähert sie sich dem Begriff an, bis erkennbar wird, um was es sich handelt. die großformatigen Porträts sind eindrucksvoll und faszinierend.

Efeu

Efeu bin ich, wahrer Luftpirat.
Fasse Stein und Borke,
Erklimme First und Krone.
Unkt ihr: Bodendecker, ruf ich: Himmelsdraht.

Macfarlanes Gedichte sind oft kindlich, teils verdreht und verrückt, manchmal naiv und unbefangen, einige erinnern an Abzählreime. Tatsächlich klingen sie oft wie Zaubersprüche oder eindringliche Beschwörungsformeln (siehe Untertitel). Ich bin sicher, Daniela Seel hat hier ihr ganzes Sprachgefühl eingesetzt, damit die Verse auch im Deutschen gelingen konnten. Und das tun sie – von A – Z, bis hin zum Akrostichon.

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag, wo auch Macfarlanes andere ins Deutsche übertragene Bücher zu finden sind, die man der Sparte „nature writing“ zuordnen kann. Die deutsche Übersetzung von Lost Words stammt von Daniela Seel, selbst Lyrikerin und Verlegerin des Lyrikverlags Kookbooks. Eine Leseprobe gibt es hier und mehr über den Autor hier  
Wer Lust hat Robert Macfarlanes Aktivitäten zu verfolgen, der schaue auf sein Twitterprofil

Auf der Seite des englischen Penguin Verlags erfährt man außerdem einiges über den Entstehungsprozess des Buches: https://www.penguin.co.uk/articles/2017/designing-the-lost-words/

 

Carl-Christian Elze: langsames ermatten im labyrinth Verlagshaus Berlin

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Es ist der zweite Band, den ich von Carl-Christian Elze lese. Und auch hier bin ich wieder betört von der Schönheit dieser Lyrik. Der Band kommt auch diesmal wieder aus dem Verlagshaus Berlin und ist, wie alle Bände dieses Verlages, ganz wunderbar illustriert. Die Künstlerin ist Lilli Gärtner. Ungewöhnlich ist diesmal, dass der Band zweisprachig ist: Deutsch und im zweiten Teil, der sich auch farblich abhebt in Italienisch. Nicht von ungefähr, sind doch die Gedichte zum großen Teil mit einem Bezug zu Venedig. Die italienische Lagunenstadt von Elze bedichtet, das gefällt mir.

etwas greift in dich ein, in dein biologisches gerüst
als ständen hinter jeder biegung träume
auf den schienen: deine züge entgleisen
deine gedanken, auch deine bewegungen
verwackeln, jemand übernimmt die kontrolle
im dogenpalast deiner zellen: deine schultern
und deine beine beginnen zu zucken, nachts,
und immer öfter am tag im rhythmus …“

Schon das Cover strahlt in blauer Tiefe mit metallisch glänzendem Titelschriftzug. Innen wird es dann Pastell. Zarte, feine Motive, die sich filigran zwischen die Gedichte schmiegen. Textteil wechselt mit Bildteil ab. Das Buch ist fadengeheftet und mit vom Umschlag verdeckter japanischer Bindung. Unterschiedliche feinste Papiersorten wurden ausgewählt.

Elzes Gedichte erzählen von einem Venedig weitab der Touristenperspektive (Der Autor war als Stipendiat des Deutschen Studienzentrums 3 Monate in Venedig). Schon im Eingangsgedicht (siehe oben) spürt man, dass der Dichter versucht hat die Stadt zu durchdringen, aber es trotz längerem Aufenthalt nicht gelungen ist, was bei einer Stadt wie Venedig vielleicht gar nicht gehen kann. Das macht aber gar nichts, denn ob Elze aus der Perspektive einer Eintagsfliege auf die Stadt blickt oder im Zimmer Wagners dem Komponist kurz vor seinem Tod in Venedig über die Schulter schaut, immer ist es ein etwas anderer Blick. Immer bleibt ein Geheimnis.

Der Band ist, wie schon der Vorgänger in Kapitel, Caput genannt, unterteilt. Enorm viele der Gedichte beziehen sich auf Gemälde, die der Autor vermutlich in Museen und Kirchen betrachtet hat. (Auflage für ein Stipendium war ein gewisser Venedig-Bezug der Arbeiten). Gemälde von Tintoretto, Bellini, Giorgione und Carpaccio. Interessant wird das, wenn man sich beim zweiten Lesen die Bilder dazu aufruft, die unter dem jeweiligen Gedicht benannt werden. Hier fühlt man sich, als ginge man selbst durch die Scuola Grande die San Rocco und betrachte Tintorettos Zyklus der Leidensgeschichte Jesu. Obgleich ich sehr kunstbegeistert bin und ich mit den venezianischen Malern auch vertraut bin, gefallen mir die „neutralen“ Gedichte ohne Bildbezug dennoch besser. Sie sind freier, offener, zeigen mehr von der Stadt und auch mehr vom Dichter, was ich spannender finde. Gedichte über berühmte Gemälde, obgleich Elze einen besonderen Ton dafür findet, reichen meist nicht an diese heran, können es gar nicht, können bestenfalls den Blick oder die Auslegung des betrachtend Schreibenden aufzeigen.

„und dennoch gibt es eine art blume, die dich noch immer erfreut
eine art tier, das sich zu dir legt und dich wärmt
einen gedanken, der still hält und dich anhält
in deiner verzweifelten magie, eine art wolke,
die flüstert .. für einen kurzen moment.“

Immer wieder zeugen die Gedichte davon, wie es dem Autor geht, wie der Körper auf die Stadt reagiert, wie der Geist aus dem Lot gerät, ob der ganzen Kunst, der labyrinthischen Gassen, der vielen sinnlichen Eindrücke. Die Stadt als Spiegel des Selbst, das Ich auflösend? Überreaktionen, vielleicht gar das Stendhal-Syndrom? Und das Telefon verloren und zwinkernde Krankenschwestern. Doch dann gleicht sich alles wieder aus. Am Schreibtisch, den ruhig atmenden Hund zu Füßen.

„niemand ist rettbar
in diesem gebilde

weder dogen noch päpste
weder du noch dein kind

alles verschwindet
in einem anfall von schönheit

nichts und alles gelingt“

Elze schreibt alle Gedichte in Kleinbuchstaben, unterschiedlich formatiert, oft Einschübe, viele Zeilenbrüche, auch gestaltete konkrete Poesie. Form scheint genauso wichtig wie Inhalt. Ich kann den Gang durch diese venezianische Bildergalerie nur empfehlen. Denn sie leuchten, diese Gedichte, so hell, wie die Tintorettos oder Bellinis oder so glitzernd, wie die sonnenbeschienenen Wasser der Kanäle.

„langsames ermatten im labyrinth“ erschien im Verlagshaus Berlin. Die Übersetzung ins Italienische kommt von Daniele Vecchiato. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lucia Jay von Seldeneck/Florian Weiß: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Kunstanstifter Verlag

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„Tiermeldungen aus zwei Jahrhunderten“ – diesen Untertitel trägt dieser großformatige Band aus dem Kunstanstifter Verlag, der ganz feine, wunderschöne sehr eigen gestaltete Kunstbücher herausgibt. Dieses Exemplar hat es in sich. Es vereint kleine merkwürdige Geschichten über sonderbare Tiere mit beeindruckenden Illustrationen, die zudem auf sehr originelle Weise entstanden sind. Mit seiner selbst erfundenen „Punktiermaschine“ bearbeitet der Berliner Künstler und Illustrator Florian Weiß Papier und lässt kleine Meisterwerke entstehen. Siehe folgendes Foto:

Der Band ist in Halbleinen gebunden, auf feinem Papier gedruckt, fadengeheftet und hat zu jeder Geschichte ein ausklappbares Bild des jeweiligen Tiers. Beeindruckend, wie genau Weiß seine Punktierungen ausführt. Jedes einzelne Tier wird mit Entdeckungsjahr und Entdeckungsgeschichte vorgestellt. Es finden sich Tiere in der Luft, Tiere im Wasser, auf und unter der Erde.

Die Autorin Lucia Jay von Seldeneck ist bereits recht bekannt durch ihre Bücher über Berlin, wie etwa „111 Orte in Berlin, die man gesehen haben muß“. Doch diesmal geht es nicht um Berlin, sondern um die ganze Welt. Die Autorin hat sich Geschichten zu den seltsamen Tieren ausgedacht, die Weiß punktiert hat. Das ganze ist sehr stimmig geworden. Zu Bild und Geschichte gibt es auch die tatsächlichen Daten zum jeweiligen Tier und eine Landkarte zum Aufenthaltsort.

So erleben wir, wie ein 1,70 langer Alligator in der Kanalisation entdeckt wird. Oder dass Elefanten in Afrika immer kürzere Stoßzähne haben: man vermutet eine genetische Anpassung an die Gegebenheiten (Elfenbeinhandel). Wir hören von einem Storch, der im Mecklenburgischen mit einem Stück Pfeil aus afrikanischem Holz im Hals aufgefunden wird, und damit einen Beweis der Langstreckenflüge nach Süden erbringt. Oder von einem dänischen Archäologen, der Maulwürfe als Ausgrabungshelfer einsetzt.

Wir lesen von Maria Sibylla Merian, die über die Metamorphose der Raupe zum Schmetterling forscht und dazu Bilder veröffentlicht. Davon, wie eine Gruppe Wildgänse, in Formation fliegend, auf dem Radar über Alaska von Soldaten für Kampfflugzeuge gehalten wird. Über eine Schildkröte auf Tonga, die erst im Alter von 188 Jahren stirbt. Und wie die DDR-Regierung den amerikanischen Feinden eine Kartoffelkäferplage ankreidet. Was Dichter Ringelnatz mit Seepferdchen zu schaffen hat … und noch vieles andere mehr.

Dieser kunstvolle über DIN A4 große Band ist ein Kleinod aus einem ganz wunderbaren Verlag. Es lohnt sich, dem ungewöhnlichen Programm vom Kunstanstifter Verlag Beachtung zu schenken. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Buchkunst aus der Büchergilde/Edition Büchergilde Teil 1 / 2001-2006

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Beim Durchstöbern meines Buchregals war ich erstaunt, welch schöne Ausgaben der Büchergilde ich besitze. Es sind die wundervoll gestalteten, illustrierten Bände, die mich nicht nur inhaltlich, sondern eben auch künstlerisch ansprechen, ja manchmal auch für meine eigene Arbeit inspirieren. Ich kann die Bände jedem Bibliophilen nur empfehlen. 5 Bände, fast alles Klassiker, stelle ich hier chronologisch nach dem Erscheinungsdatum kurz vor, 4 weitere folgen in Kürze.

 

„Stille Tage von Clichy“ von Henry Miller ist sehr bekannt. Die drei Erzählungen in diesem Band entstanden Ende der dreißiger Jahre in Paris, wurden aber später stark überarbeitet. Erstmals erschienen sie in Frankreich, durften aber in den USA aufgrund der freizügigen Sexszenen nicht veröffentlicht werden. Es sind raue Geschichten, in denen sexuelle Ausschweifungen im Vordergrund stehen. Der Künstler Helge Leiberg hat die Illustrationen dazu gemacht. Es herrschen kräftige Farben vor und Bilder, die in ihrer reduzierten Art hervorragend zum Buch passen.
Das Buch wurde 2001 in der Büchergilde veröffentlicht ist aber leider nur noch antiquarisch zu erhalten.

 

„Babettes Fest“ von Tania Blixen ist eine faszinierende Geschichte um eine als Köchin bei einem ältlichen, strengen, karg lebenden Geschwisterpaar angestellte Frau. Keiner im Dorf kennt ihre Vergangenheit. Erst als Babette eines Tages bei einer Lotterie gewinnt und aus Paris auserlesene Zutaten für ein großes Festessen kommen lässt, stellt sich heraus, was wirklich hinter Babettes Kochkünsten steckt, ja, wer sie wirklich ist. Der Band erschien 2003 und wurde von der Illustratorin Nanna Max Vonessamieh mit feinen schwarz/weiß-Zeichnungen ausgestattet. Er ist nur noch antiquarisch erhältlich.

 

„Bartleby, der Schreiber“ von Herman Melville ist ein herrliches Buch um einen widerständigen Menschen, der irgendwann nach ewigen Routinetätigkeiten nicht mehr arbeiten will und stattdessen nur ganz schlicht zu seinen Vorgesetzten im Büro sagt: „I would prefer not to“  also „Ich möchte lieber nicht“. Ich liebe diese Geschichte, auch wenn sie nicht besonders gut für den Schreiber endet. Sie ist sehr kurz, auch düster, für mich jedoch sehr ausdrucksstark. Der Band erschien 2004 und ist nur noch antiquarisch
erhältlich.

 

„Das kunstseidene Mädchen“ von Irmgard Keun ist ein so wunderbares Buch, dass es überrascht, dass es sogar noch schöner illustriert werden kann. Die Ausgabe ist mit überwiegend schwarz/weiß bzw. sepiafarbenen leicht verschwommenen Bildern versehen. Wenige Farbpunkte setzt die Illustratorin Gerda Raidt zwischen die digital bearbeiteten Bleistiftzeichnungen. Keun erzählt von einer jungen Frau, die in die Glamourwelt Berlins in den 30er Jahren eintaucht, die nicht mehr nur „Tippse“ sein will, sonder ein „Glanz“. Das das nicht so einfach ist schildert Keun in ihrem unverwechselbaren Ton. Große Empfehlung! Die Ausgabe erschien 2006 und ist leider nur noch antiquarisch erhältlich.

 

Mit „Augen in der Großstadt“ von Kurt Tucholsky bleiben wir in Berlin, sogar in etwa zur gleichen Zeit. Dieser Band versammelt Gedichte und Prosa und schafft einen schönen Überblick über Tucholskys umfangreiches Werk. Herausgeber ist Ingmar Weber. Die farbigen ausdrucksstarken Illustrationen von Hans Ticha passen stimmig zum Inhalt und verstärken diesen. Das Buch erschien 2006 und ist nur noch antiquarisch erhältlich.

Teil 2 folgt in Kürze.

Hier gehts zur Büchergilde: http://edition-buechergilde.de/programm/