Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks S. Fischer Verlag

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Ein höchst komplexes Buch hat Arundhati Roy da geschrieben. Nach ihrem großen Romanerfolg mit „Der Gott der kleinen Dinge“ vor vielen vielen Jahren, an dessen Lektüre ich mich noch sehr gut und gern erinnere, hat die Autorin jetzt ihren neuen Roman vorgelegt. In der Zwischenzeit war Roy nicht untätig, sondern hat sich um die Politik ihres Landes bemüht, auch im Hinblick auf die Rolle der Frau.

„Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zuviel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?“

Der neue Roman bietet, wie ich finde, einen Überblick über das Land und konfrontiert den Leser mit dessen Politik, die sich geschichtlich herleiten lässt und die nicht immer einfach zu verstehen ist. Was allerdings von vorn herein klar wird, ist, dass auch hier wie fast überall auf der Welt, die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Ganz ähnliches erzählt auch Shumona Sinha über ihr Heimatland.
Was Roy nicht verlernt hat, ist die Poesie ihrer Sprache. Sie ist es auch, die mich durch das Buch trägt und mich dabei bleiben lässt, auch wenn es manchmal verwirrend wird.

„Gottes Halsschlagader platzte auf der neuen Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Millionen Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“

Es geht um die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslims, die offenbar nicht mehr friedlich nebeneinander leben wollen und zusätzlich geht es um die vielen Bevölkerungsgruppen/schichten und politischen Parteien, die untereinander aus ähnlichen oder anderen Gründen zerstritten sind. Dazu rechne man dann noch die Kolonialvergangenheit … Roy öffnet diesen Raum für westliche Augen, gibt Einblicke. So, im Roman, lässt sich für mich die Geschichte eines Landes besser verstehen und bei Roy darf man auf fundiertes Wissen vertrauen.

„Die Bangladeshi, die wir befreit haben, verfolgen die Hindus. Die guten alten Kommunisten nennen Stalins Gulag einen „unumgänglichen Bestandteil der Revolution“. Die Amerikaner halten den Vietnamesen derzeit  Vorträge über Menschenrechte. Wir haben es mit einem Problem der Spezies Mensch zu tun. Niemand von uns ist ausgenommen.“

Haarsträubende Geschichten von Gewalt und Unrecht sind es, die Roy erzählt. Wenn ich so etwas lese, verstehe ich die Welt nicht mehr. Dieses Buch strotzt vor Korruption und Folter, Tod und Sterben, Mord und Massaker. Was ist ein Menschenleben wert? Mir fiel es auch schwer einem roten Faden darin zu folgen. Den Inhalt des Romans hier zu erläutern ist ebenso schwierig; ich habe das Gefühl, alles wiederholt sich ständig:

In zwei Erzählstränge teilt Roy ihre Geschichte auf. Zum einen geht um Aftab, der/die eine Hijra ist, also ein Wesen mit beiden Geschlechtsmerkmalen. Sie entscheidet sich für das Weibliche und nennt sich fortan Anjum und geht früh von zuhause fort. Im Verlauf gründet sie ein Gästehaus für Verlorene und Ausgestoßene mit Bestattungsunternehmen auf einem Friedhof in Delhi.

Zum zweiten geht es um vier Studenten, drei Männer und eine Frau, die sich anfreunden, deren Wege sich aber trennen und die sich in alle Winde zerstreuen. Mitunter kreuzen sich wieder die Bahnen und es kommt schließlich auch zu einem Zusammentreffen der beiden Stränge … Für mich sind jeweils die Frauen die Hauptpersonen.

Roy macht es dem Leser nicht leicht, der Geschichte zu folgen: so viele Namen, so viele Personen, gewaltige Zeitsprünge, wechselnde Perspektiven. Gegen Ende des Romans war ich mehr und mehr erschöpft und habe nur aufgrund von Roys sprachlichem Können zu Ende gelesen. Die hohe Qualität der Lektüre ist unbestreitbar, am Inhalt jedoch trägt man schwer …

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy in einer Übersetzung aus dem Englischen von Anette Grube erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

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Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

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Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit  „Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman Kalkutta kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden …
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Meena Kandasamy: Reis und Asche Verlag Das Wunderhorn

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Dass die Suche nach bester Lektüre auch gerade bei kleineren Verlagen so lohnenswert ist wie nie, zeigte mir Meena Kandasamys Debütroman „Reis und Asche“. Die 1984 geborene Inderin ist auch Lyrikerin und hat bereits einen Band namens „Fräulein Militanz“ in Deutschland veröffentlicht. Beide Bücher erschienen im Wunderhorn Verlag. Diese Autorin ist eine echte Entdeckung! Ich habe mit größtem Genuss dieses Buch gelesen, das trotz des schrecklichen Themas ein helles Licht in der literarischen Landschaft ist. Ein Leuchten!

Das liegt vorrangig, aber nicht ausschließlich, an der Form die sie für ihre Geschichte wählt. Wenn man die kurze Inhaltsangabe liest, vermutet man zunächst einen Roman über ein Drama, ein Massaker, dass sich in Indien im Jahre 1968 abgespielt hat und das die Ungleichheiten zwischen Armen und Reichen thematisiert. Das ist es letztendlich auch. Aber eben noch viel mehr.

„Wenn man auf eine neue, originelle Idee für einen Roman gekommen ist, muss man sicher gehen, dass Kurt Vonnegut nicht bereits dieselbe Idee hatte.“

Kandasamy macht gleich von Anfang an klar, dass das keine einfache Lektüre für den Leser wird, in jeder Hinsicht. Sie spricht uns Leser/innen direkt an, sie zieht uns damit hinein und überträgt uns damit sogar Verantwortung. Sie plappert, moniert, referiert, lamentiert und erklärt sich gleich selbst als Romandebütantin für möglicherweise unperfekt und schiebt gleich nach, dass sie dennoch über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann und überhaupt sei ohnehin die Form des Romans zig mal variabler als die lyrische Formen. Sie kommentiert sich während der fortlaufenden Geschichte selbst, mischt sich als Allwissende ein und scheut nicht davor zurück alle Prosa-Regeln über den Haufen zu werfen.

„Ich könnte Ihnen die Freude bereiten, auf dieser exotischen Zeitreise eine Economy-Class-Voyeurin zu sein. So würde es immer weitergehen, ad nauseam, und Sie hätten das widerwärtig Süßliche bald über.
Die einzige Alternative hierzu ist meine Vorgehensweise,“

Es ist ein überaus gelungenes Experiment!

Je weiter die Geschichte erzählt wird, die von den Ärmsten, den unberührbaren Landarbeitern und deren Kampf um ihre Rechte handelt, desto tiefer versinkt man in diese Geschichte aus unsagbarer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Die Grundbesitzer haben das Sagen, stecken mit Polizei und Politikern unter einer Decke und beuten die weit unter ihnen stehenden aus. Zu alldem kommt noch das (offiziell abgeschaffte) Kastensystem dazu. Als ein Dorf sich dem Kommunismus zuwendet und beginnt auf die roten Politiker zu zählen, zu streiken, um wenigstens ihre Familien ernähren zu können, kommt es zu unglaublichen Gewaltszenerien in jenem Dorf. Der Gerichtsprozess, der sich über Jahre hinzieht, schafft keine Gerechtigkeit und zeigt nur auf, wie korrupt das System über Menschenrechte hinweg agiert.

„Wir wussten, dass alle nur wegen des Todes in unser Dorf kamen. Das wussten wir, weil nie jemand kam, wenn wir uns abmühten oder Hunger litten oder still auf den Tod warteten. Der Tod war der Höhepunkt. Der Tod war wie der Augenblick im Kino, den keiner verpassen will und wo alle weinen.“

Kandasamy verleiht den Menschen in diesem Dorf eine Stimme, eine Stimme, die gehört werden sollte, die stellvertretend für so viele Dörfer, so viele Länder steht und sie tut dies in ungewöhnlicher Weise, dennoch mit großem Respekt. Ihr Buch ist ein Aufruf, sich endlich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Wehr zu setzen. Es ist ein Plädoyer an alle und besonders auch an Frauen, dafür aufzustehen und aufzubegehren.

Meena Kandasamys Buch erschien im Wunderhorn Verlag und wurde von Claudia Wenner aus dem Englischen übersetzt. Es enthält ein Glossar und ein erklärendes Nachwort dieser klugen Autorin, die sich auch stark für Frauenrechte und gegen Gewalt und gegen das Kastensystem einsetzt.
Eine Leseprobe gibt es hier.
„Reis und Asche“ steht außerdem auch auf der Liste der Nominierten für den Liberaturpreis 2017. Bis zum 31.5. kann man noch für dieses Buch abstimmen.

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus

Shumona Sinha: Kalkutta

Mit dem aufsehenerregenden Roman „Erschlagt die Armen“ wurde Shumona Sinha bekannt.

In ihrem nun vorliegenden Roman „Kalkutta“ geht Sinha wieder einen Schritt zurück: Sie schickt ihre Heldin Trisha in ihr Heimatland, zurück nach Kalkutta, wohin sie aufgrund des Todes ihres Vaters reist, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Vor sehr langer Zeit hatte sie das Land verlassen, um in Paris zu leben.

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