Shumona Sinha: Das russische Testament Edition Nautilus

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Ich bin Fan von Shumona Sinhas Romanen. Einmal habe ich sie beim Internationalen Literaturfestival Berlin bei einer Buchvorstellung erlebt und finde sie und ihr Schreiben sehr authentisch. Nun ist der neue Roman „Das russische Testament“ erschienen und auch hier bleibt die in Paris lebende, französische, indisch-stämmige Autorin ihren Themen treu. Sie teilt ihren Roman in zwei Stränge, zum einen geht es um Tania aus Indien und zum anderen um Adel, die Tochter eines unkonventionellen russischen Verlegers in Leningrad/St. Petersburg, deren Wege sich schließlich kreuzen.

Tania (den russischen Namen hat ihr der Vater gegeben), die in Kalkutta aufwächst und schon früh viel Zeit bei ihrem Vater, einem Buchantiquar, am Verkaufsstand verbringt, hat auch ein Talent fürs Geschichtenerzählen, wie sich im Schulunterricht zeigt. Der Vater verkauft unter anderem kommunistische Literatur und Tania verliebt sich erst in die russischen Kinderbücher, dann in die Klassiker, liest Tschechow, wie Anne Frank. Ihre Mutter hingegen ist enttäuscht von der Tochter und hegt fortwährend Hass gegen sie, wird dabei auch gewalttätig. Für Tania ist es immer eine Flucht aus dem Elternhaus, wenn sie in Bücher eintaucht oder ins Schreiben. Als ihr Tagebuch von den Eltern vernichtet wird, beginnt sie Briefe an eine ältere, bewunderte Freundin zu scheiben. Sie bewegt sich bereits als Teenager in Richtung der kommunistischen Bewegung, die in Bengalen in dieser Zeit viel Zulauf erhält. Als sie jedoch einem Verehrer gegenüber nicht zurückhaltend genug agiert, so wie es die Gesellschaft verlangt, und einer Freundin angeblich zu nahe kommt, fällt sie unter den kommunistischen Kommilitonen in Ungnade. Man schließt sie aus.

„Sie wusste nicht, in welche geheime Hautfalte ihres Körpers der Zauberspruch tätowiert war, der diese Mädchen so schön, so lebenskräftig machte, während sie selbst leicht wie Blütenstaub blieb und über die Tage wirbelte, ohne Spuren zu hinterlassen. Ihr Körper war unbedeutend, ihre Bewegungen ungeschickt und in ihrem Kopf war sie schon anderswo …“

Tania jedoch hat ein Ziel. Sie lernt länger schon Russisch und möchte dem Verleger ihres Lieblingsverlags Raduga schreiben. Raduga verlegte unter anderem Schriftsteller wie Majakowski, wurde aber immer mehr der Zensur unter Stalin ausgesetzt, wegen der angeblich nicht konformen Literatur. Um einen Kontakt zu knüpfen recherchiert sie unnachgiebig und entdeckt schließlich, dass die Tochter Lew Kljatschkos noch lebt.  Doch das Schreiben erweist sich als schwierig und das Absenden des Briefs wird verschoben. Währenddessen lernt sie einen russischen Diplomaten kennen, mit dem sie eine Art Beziehung/Affäre hat, für ihn ist sie allerdings nicht die einzige. Und als die Eltern es herausfinden – sie wohnt noch zu Hause – wird sie bestraft: verprügelt und in ihr Zimmer eingesperrt. Für Tania ist nun klar, sie muss einen Plan entwickeln, das Elternhaus, ja womöglich das Land zu verlassen; sie muss unabhängig werden. Als gebildete unabhängige Frau hat sie anderswo bessere Möglichkeiten.

Adel, die Tochter Kljatschkos lebt als betagte Frau in einem Seniorenheim in St. Petersburg. Als sie eines Tages Tanias Brief erhält, ist sie erstaunt über das Interesse der jungen Frau aus Indien, da es den Verlag ihres Vater ja längst nicht mehr gibt. Der Brief regt sie aber auch an, nachzudenken über ihr Leben und so erfahren wir Leser, was Tania erst einmal nicht erfahren wird, denn ihr Brief wird nicht sofort, vielleicht nie beantwortet … Adel erzählt von ihrer Zeit mit dem Verlegervater, ihren Ehen, von der Flucht und der Zeit in Sibirien, weil die Deutschen Leningrad angriffen, von ihren zwei Kindern, die in den USA leben, wohin sie auch selbst bald umsiedeln wird. Das Tagebuch ihres Mannes bewahrt sie in einem alten Koffer auf. Ob Tania, die daran brennend interessiert ist, vielleicht darüber schreiben will, es jemals sehen wird, lässt der Roman offen. 

„Nichts passierte aus Zufall. Die Menschheit war aus Sternenstaub gemacht, beim Tod eines Mannes in Russland hatten sich seine Elementarteilchen verstreut, waren vom Raum aufgenommen worden und durch den Filter der Zeit gewandert, um sich neu zusammenzusetzen und bei ihr eine winzige Spur dieses Vorhabens zu hinterlassen.“

Sinha schreibt erneut sehr poetisch über durchaus relevante zeitgeschichtliche Themen. Ihr gelingt jedes Mal diese besondere Verbindung. Noch mehr erfahre ich über die kommunistischen Bewegungen in Westbengalen. Immer wieder bin ich schockiert, wie wenig Mädchen und Frauen in Indien wert sind, wie stark man sie beherrschen will und über sie bestimmt, wie wenig sicher sie in der eigenen Familie sind. Anhand der Heldin Tania zeigt die Autorin, wie eine Befreiung aus diesem Korsett aussehen könnte. Gerade deshalb sind Sinhas Romane auch so wichtig und aktuell. Und obwohl ich diesen Roman von der Geschichte her nicht ganz so stringent wie die bisherigen fand, bleibt er eine empfehlenswerte Lektüre.

Der Roman erschien im Verlag Edition Nautilus. Aus dem Französischen übersetzt hat es wie immer Lena Müller. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Weitere Besprechungen von Romanen der Autorin hier auf dem Blog:

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

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„Vom Fremdsein. Vom Leben im Zwischenraum“

Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman  „Kalkutta“ kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden.

„Das erste Gebiet einer Frau ist ihr Körper. Wird dieser fremdbestimmt, vereinnahmt, belagert, dann ist sie staatenlos.“

Sinha verwebt hier geschickt die Geschichten dreier Frauen, die die jeweilige Herkunft zunächst gleichstellt – alle drei Frauen wurden in Indien geboren – , die jedoch aufgrund ihrer Lebensweisen, durch Zufall oder bewusst gewählt, mit ganz verschiedenen Voraussetzungen ihr Leben angehen: Mina, eine Bengalin, die sich in ihrem Heimatdorf politisch engagiert, was für eine einfache Frau, die kaum Lesen und Schreiben kann, ungewöhnlich ist. Esha, die in Kalkutta geboren wurde und als junge Frau zum Studium nach Frankreich ging und blieb und Marie, die als Kind einer Inderin von einem Paar aus Frankreich adoptiert wurde und dort, also mit westlicher Kultur, aufwuchs.

Gleich am Anfang dieser komplexen Geschichte wird den Leser*innen einiges zugemutet. Und es wird auch im Verlauf weiterhin zu erschreckenden Momenten kommen, in denen ich mich, gerade als Frau frage, ob es wirklich so ist, ob wirklich so die Gleichstellung von Mann und Frau, die soziale Gerechtigkeit, die Chancengleichheit auf Grundlage der Menschenrechte aussieht.

Shumona Sinha sprach bei der Buchvorstellung beim Internationalen Literaturfestival in Berlin über die Entstehung des Romans: Die Figur Minas formte sich aus einer wahren Begebenheit, die geschah, als die Autorin, sich in Indien aufhielt. Sie war Auslöser, das Buch zu schreiben. Zurück in Paris passierte der Terroranschlag auf „Charlie Hebdo“ und daraufhin ging es Sinha nicht mehr nur allein um Mina, denn die Gewalt war damit auch in Europa angekommen. So entwickelten sich dann die anderen beiden Figuren, Esha und Marie.

„Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Europa, in diesem Land, wo die Armee, die Polizei, die Geheimdienste zusammen die Schlagkraft eines der fünf mächtigsten Länder der Erde sicherten, schien es ihr, als sei sie den unterirdischen Schichten der Gewalt nicht entkommen, als könne nun überall auf der Welt der Boden aufreißen und einstürzen.“

 

Die Anfangsszene schildert Sinha wie eine Traumsequenz. Eine Frau spricht aus ihrem Grab heraus und versucht sich aus dem Lehm, mit dem man sie zugescharrt hat, zu befreien. Doch ihr fehlen Füße, Beine, der ganze Unterkörper, das neue Leben, dass sie in sich trug. Ein starkes Bild, dass sich langsam erklärt, sobald Sinha, Mina erzählen lässt. Mina wächst als Landarbeitertochter auf mit ihrem Cousin Sam, beide engagieren sich später politisch, sie verlieben sich und Mina wird schwanger, ohne jede Hoffnung, dass Sam sie jemals heiraten wird. Das heißt Ausschluss aus der Familie, es heißt, der Willkür der Männer ausgeliefert zu sein.

Marie bleibt als Figur im Roman etwas farblos. Sie scheint eher als Bindeglied zwischen Mina und Esha zu fungieren. Sie, die Adoptivtochter eines französischen Paars, reist nach Indien auf der Suche nach ihren leiblichen Eltern und engagiert sich nebenbei politisch und sozial, etwa im Krankenhaus Mutter Teresas in Kalkutta. Doch scheint sie nicht zu finden, was sie sucht. Sie scheint eher zu schwanken zwischen den Kulturen, zwischen Ost und West, als jeweilige Lebensform.

Esha arbeitet als Lehrerin in Paris. Sie ist auch der stärkste Charakter in Sinhas Geschichte mit autobiografischen Anklängen. Esha wartet auf ihre Einbürgerung. Sie hat studiert, ist gebildet, will als Frau selbstbestimmt und frei leben, sie will sich nicht festlegen müssen. Sie lebt wechselnde Beziehungen zu Männern. Doch überall begegnet ihr Feindseligkeit. Aufgrund ihrer Hautfarbe und ihres exotischen Aussehens, kommt es, und sei es „nur“ verbal, zu sexistischen Angriffen. Man reduziert sie auf Äußerlichkeiten.

„Esha verstand, dass sie sich selbst nicht entkommen würde, ihrem Bild, ihrem Schatten. Sie würde der Gefahrenzone nie entkommen, weil sie sie in sich trug, auf ihrer Haut, in ihrem Gesicht, über ihren ganzen Körper verteilt, wie die vergilbte Karte eines fernen Landes. Sie selbst war die Zone.“

Als Lehrerin versucht sich Esha durch die Unterrichtsstunden zu kämpfen, sich Respekt zu verschaffen. Doch selbst hier scheitert sie, obgleich die meisten Schüler*innen ebenfalls einen Migrations-Hintergrund haben. Will sie die Teenager-Mädchen mit einer Stunde über die feministische Autorin Simone de Beauvoir auf ihre Seite ziehen, schreien die „das ist haram, die ist abartig, etc.“, weil die Beauvoir Männer und Frauen liebte. Als Esha eines Tages auf dem Weg zur Metro von jungen Frauen ohne Grund provoziert und angegriffen wird, erst verbal und dann mit brutaler Gewalt, ist sie erschüttert, und fragt sich, ob das nun noch das Land ist, in dem sie unbedingt der Sprache und der Freiheit wegen leben wollte.

Shumona Sinhas Blick ist scharf, ihr Ton mitunter zornig. Sie durchleuchtet klug und kritisch die Situation der Frau, die der Emigranten und die gesellschaftlichen Befindlichkeiten in ihrem Land. In Frankreich ist ihr Roman mancherorts kritisch aufgenommen worden, man warf ihr gar Undankbarkeit dem Land gegenüber vor, welches sie so freundlich aufgenommen habe. So trifft Sinha einmal mehr den Nerv unserer Zeit. „Staatenlos“ ist ein aktuelles, letztlich auch ein politisches Buch: Wenn Sinha von den Reisbauern erzählt, die von den Feldern vertrieben werden ohne Entschädigung, weil Autoindustrie angesiedelt werden soll und wenn die kommunistische Partei alles andere als hinter ihnen steht, dann ist das nur ein Beispiel für all das Unrecht, dass es eben nicht nur in Ländern wie Indien gibt. Es ist ein Beispiel für die immer größer werdende Kluft zwischen Arm und Reich.

Sinha ist in ihrer Sprache direkter und klarer geworden, obgleich sie noch immer den feinen poetischen Ton beherrscht, der sich immer zum passenden Zeitpunkt in die Geschichte einfügt. So etwa, wenn es um die ermordete Mina geht, die als Geist über allem schwebt, die tote Mina, die von ihrer Schöpferin, der Autorin, wieder zum Leben erweckt wird und die ihr wieder eine Stimme verleiht.

Shumona Sinha ist eine mutige Frau, eine Autorin, die genau beobachtet, die die unangenehmen Dinge sieht und auch benennt und die mit den ihr zur Verfügung stehenden Mitteln, ihrer unverwechselbaren Sprache, die auch Dank Übersetzerin Lena Müller glänzt, da bin ich mir sicher, einiges bewirken kann.

Der Beitrag erschien zuerst auf fixpoetry.com  

08.10.2017 Hamburg Von Marina Büttner

Shumona Sinha: Kalkutta Edition Nautilus

Shumona Sinha: Kalkutta

„Kleine Geschichte Bengalens oder Erinnerungen an eine Kindheit zwischen Tradition und Moderne“

Mit dem aufsehenerregenden Roman „Erschlagt die Armen“ wurde Shumona Sinha bekannt. Darin erzählte sie, wie es  Asylsuchenden in den Behörden und Ämtern ergeht, allerdings aus der Sicht einer als Dolmetscherin angestellten Frau, die selbst vor einiger Zeit emigrierte und die um die Zerrissenheit zwischen Heimat und Neuland weiß. Vieles in dieser Geschichte ist autobiografisch, Sinha wusste, wovon sie erzählte: Die aus Indien stammende, 1973 geborene Schriftstellerin emigrierte selbst nach Frankreich und arbeitete in Paris in der Einwanderungsbehörde als Dolmetscherin, wurde allerdings nach der Veröffentlichung ihres Romans dort nicht mehr beschäftigt.

In ihrem nun vorliegenden Roman „Kalkutta“ geht Sinha wieder einen Schritt zurück: Sie schickt ihre Heldin Trisha in ihr Heimatland, zurück nach Kalkutta, wohin sie aufgrund des Todes ihres Vaters reist, um an den Trauerfeierlichkeiten teilzunehmen. Vor sehr langer Zeit hatte sie das Land verlassen, um in Paris zu leben.

„Aber zunächst umkreise ich seinen Leichnam im Rhythmus der Mantras, umkreise die Geschichte eines Lebens, das meines Vaters. Dann wird eine Fackel angezündet. Das Feuer muss an seinen Mund geführt werden, zum Ursprung der Dinge und der Worte, bevor der Körper ganz in die Brennkammer geschoben und der eiserne Vorhang hinuntergelassen wird.“

Es wird eine Erinnerungsreise, alles, was sie im Elternhaus sieht, jedes Ding, erinnert sie an ihre Kindheit und an die Eltern, die so verschieden waren. Eine Schlüsselszene wählt Sinha: Der Vater versteckt eine Pistole, die kleine Tochter beobachtet das heimlich und teilt fortan mit dem Vater ein Geheimnis.

Während Sinha anfangs vor allem Trishas aktuelle Gefühle im einstigen Elternhaus spiegelt, legt sie im Verlauf den Fokus vorrangig auf die Geschichte der Eltern seit ihrer ersten Begegnung und immer weiter zurück bis tief in die Familiengeschichte hinein und damit auch in die Kolonialgeschichte des Landes.

Sie beginnt im Jahr 1972, als ihre Eltern heiraten. Die Mutter Urmila, eine gebildete junge Frau aus gutem Hause leidet unter einer tiefen Melancholie, die immer wiederkehrt. Trishas Vater, Shankhya, verzaubert von Urmilas Schönheit, nimmt sie trotz seiner Angst vor ihrer Depression zur Frau. Er, der selbst vom Land aus einer einfachen Familie kommt, hegt größere Ambitionen und kämpft mit seinen kommunistischen Genossen für die Freiheit des Landes. Er arbeitet an der Universität als Physikprofessor und ist überzeugt von kommunistischen Idealen und einer kritischen Geisteshaltung. Das Haus ist oft gefüllt, mit Freunden oder auch mit Arbeitern aus einer niedrigeren Klasse, die Shankhya einfach einlädt in seine Diskussionsrunden oder zu einem Glas Tee.

Trishas Kindheit ist geprägt vom Warten auf den Vater und der Angst, dass ihm etwas zugestoßen sein könnte, denn die kommunistische Partei findet mehr und mehr Feinde. Mitstreiter verschwinden oder werden getötet.

„Der Tag erreichte den Höhepunkt, alle Rätsel lösten sich, wenn ihr Vater nach Hause kam, wenn er vor der Veranda auftauchte, endlich ergab alles einen Sinn, nichts war schmerzlicher, unerklärlicher als seine Abwesenheit.“

Urmila, die als Literaturdozentin arbeitet, scheint lange nicht glücklich in dieser Ehe, hätte sie doch einen ganz anderen Mann gewählt, wenn der sie nicht verlassen hätte. In der Mutter findet Trisha nicht immer einen Halt, doch gibt es noch die Großmutter, die märchengleiche Geschichten zu erzählen weiß.

Sinha wechselt im Laufe ihrer Geschichte mehrmals die Erzählperspektive: Einmal wählt sie die „Ich-Form“, ein anderes Mal erzählt sie uns von Trisha. Einige Male springt sie, um Situationen zu verdeutlichen, innerhalb einer Szene vom Präteritum ins Präsens.

Was als Familiengeschichte beginnt, führt den Leser schnell auch in die politische Geschichte Indiens, beziehungsweise Bengalens ein. Dabei spannt sie den Bogen von 1975 bis heute. Sie schildert die Kämpfe zwischen rechts und links und die Auseinandersetzungen aufgrund verschiedener religiöser Sichtweisen zwischen Hindus und Moslems, aber auch die Zwiespältigkeit zwischen Religion und Politik überhaupt und nicht zuletzt die Auswirkungen der Kolonialherren, der Engländer. Besonders deutlich zeigt sich das auch in Trishas Familie: während der Vater als Unterstützer kommunistischer Ideen atheistisch ist, ist die Großmutter religiös und schaut sich im Fernsehen als Soap inszenierte Serien aus dem indischen Volksepos Mahabharata an.

In den Kritiken ihres letzten Romans oft umstritten, erweist sich Sinhas bildhafte, blumige, manchmal naiv wirkende Sprache hier als passend zur Thematik ihrer Geschichte und auch stimmig im Sinne der Erzählperspektiven, wie etwa des Kindes Trisha oder der Großmutter. Dass Sinha auch Lyrik schreibt merkt man ihren Romanen an. Ein poetischer Ton herrscht vor. Selten jedoch findet man Metaphern, die, wie hier, ins Kitschige driften:

„Die grünen Fensterläden in den weiß gekalkten Mauern bissen die Zähne zusammen.“

Für die treffliche Übersetzung aus dem Französischen gilt auch Lena Müller ein Lob, die auch den Vorgängerroman ins Deutsche übertrug und dafür zusammen mit der Autorin den Internationalen Literaturpreis 2016 erhielt.

Zum Ende hin scheint der Autorin allerdings die Geschichte ein wenig zu entgleiten. Was sie über Trishas Urgroßmutter schreibt, die offenbar Kurtisane in einem Fürstenhaus war, klingt manchmal ein wenig nach Bollywood, zumindest aber wie Szenen aus einem indischen Heldenepos. Jedenfalls  bleibt für den Leser/die Leserin manches undurchsichtig und verschwommen. Aber vielleicht sind es wirklich nur „Märchen“, die die Großmutter für ihre Enkelin erfindet?

Glücklicherweise schafft es Sinha, am Schluss wieder zu ihrer sprachmächtigen eigenen Art zurückzufinden, die sonst das ganze Buch durchdringt, indem sie wieder in die Gegenwart springt, nämlich in die Gegenwart der Trauer um den verstorbenen Vater.

„Gegen unseren Willen warten wir auf Vater. Es ist, als wäre er auf einer Geschäftsreise und müsste jeden Augenblick nach Hause kommen. Es ist, als würde es langsam spät, als wäre Vater ungewöhnlich spät dran.“

Es mag daran liegen, dass Selbsterlebtes – man kann davon ausgehen, dass auch dieses Buch autobiografische Ursprünge hat – leichter zu greifen ist, als von anderen Überliefertes. So gelingt es der Autorin durchaus und fast durchweg hervorragend, aus Biografischem Literatur zu machen, fabelhafte Stimmungsbilder der Stadt Kalkutta zu erzeugen und dem Leser gleichzeitig eine kleine Geschichte Bengalens zu vermitteln.

Hamburg

Meena Kandasamy: Schläge CultureBooks

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Meena Kandasamys zweiter ins Deutsche übersetzte Roman ist nach „Reis & Asche“ wieder eine bemerkenswerte Lektüre. Die 1984 in Chennai, Indien geborene, in London lebende Autorin schreibt Lyrik und Prosa und ist feministische und politische Aktivistin. Außerdem ist sie promovierte Linguistin und so lebt ihr Schreiben von der Auseinandersetzung mit Sprache. Es ist ein starke kluge Stimme und ich wünsche dieser Autorin sehr viele Leser*innen.

Die namenlose Ich-Erzählerin hat sich aus ihrem Elternhaus befreit, um studieren zu können, was in Indien als Frau nicht unbedingt leicht ist. Sie studiert Literatur und Sprache und fühlt sich wohl mit der neuen unabhängigen Situation. Sie ist belesen und klug. Als sie einem etwa doppelt so alten bekannten Politiker begegnet, verliebt sie sich. Beide beginnen eine Liebesbeziehung, die jedoch immer heimlich bleiben muss. Die Karriere des Mannes steht im Vordergrund. Eine Heirat, um gleichwertig an seiner Seite stehen zu können, ist jedoch von ihm nie beabsichtigt. Es kommt zur Trennung und sie zieht nach Abschluß des Studiums wieder zuhause ein.

Viel zu überstürzt begibt sie sich dann in eine Ehe mit einem Universitätsdozenten. Sie glaubt, dass dieser offensichtlich gebildete Mann mit ihr auf einer Augenhöhe steht. Hier scheint sie gleichberechtigt zu sein. Doch es kommt ganz anders.

„Dass ich mich den Wünschen meines Mannes füge, lässt mich wie eine Frau erscheinen, die aufgegeben hat. Aber ich weiß, das es mir dieser Aufzug möglich macht, die Rolle der guten Hausfrau zu spielen. Nichts Lautes, nichts Auffälliges, nichts Schönes. Ich soll aussehen wie eine Frau, die niemand ansehen möchte, oder genauer, die niemand überhaupt sieht.

Sie lebt nun wie eine Gefangene, versucht zu schreiben, denn sie ist Autorin. Bekommt immer mal wieder Aufträge von Zeitschriften. Doch in erster Linie ist sie nun Hausfrau, die dem Ehemann das Leben leicht macht, abends mit dem Essen auf ihn wartet. Zwar darf sie mit ihm über den kommunistischen Klassenkampf in Indien diskutieren, über das marxistische Manifest, über Maoismus, doch das letzte Wort, wird sie nie bekommen. Der Mann hat recht. Wie sie nach und nach jede Selbstbestimmung verliert, wie sie nur noch begrenzten Internetzugang erhält, wie ihr Ehemann ihre Mails beantwortet, später alle löscht, wie er ihr Telefon einbehält und beim kleinsten Anlass eifersüchtig wird, das ist einfach nur ein Albtraum. So schreibt sie etwa Briefe an imaginäre Liebhaber, die sie wieder komplett löscht, bevor der Mann nach Hause kommt. Alles, was sie sagt oder tut, kann eine Falle sein.

„Als ich in die Realität zurückschalte, macht sich ein Teil von mir über die Möglichkeit lustig, dass er tatsächlich so weit gehen könnte, mich umzubringen. Andererseits hätte ich noch vor vier Monaten über die Vorstellung gelacht,von einem Mann geschlagen oder von meinem eigenen Mann vergewaltigt zu werden.“

Von Prügel über Vergewaltigung bis zur Androhung sie umzubringen. Im öffentlichen Raum setzt sich dieser Mann in Szene, als wäre er ein liebender Ehemann. Die Telefonate, die die Heldin mit ihren Eltern führt, zeugen von unfassbar veralteten traditionellem Rollenverhalten. Doch nach dem zweiten Mordversuch verlässt sie ihn und schafft es sogar ihn anzuzeigen. Dann beginnt der lange Weg der Heilung, die Entdeckung einer neu gewonnenen Unabhängigkeit.

Wie Kandasamy das erzählt, wie sie zurückblickt und immer wieder nur Ausnutzung und Missbrauch sieht, den ihre Protagonistin durch Männer erlebt hat, ist beeindruckend. Sie schildert all dies nicht im Opferton sondern mit klarer direkter Stimme. Ihr Buch kritisiert die Zustände, auch besonders die von „dunklen“ Frauen. Dies ist kein Liebesroman, kein Bollywood-Film, dies ist nackte Realität. Mir wird es immer unverständlich bleiben, wie an sich gebildete Männer im 21. Jahrhundert noch immer glauben, sie wären die Krone der Schöpfung und hätten das Recht ihre Frauen zu verprügeln, zu vergewaltigen, klein zu halten. Wie stark diese überholten traditionellen Rollen immer noch mancherorts das Leben von Frauen bestimmen, ist unfassbar und inakzeptabel. Ein wichtiges Buch!

„Schläge“ von Meena Kandasamy erschien im CultureBooks Verlag. Übersetzt aus dem Englischen hat es Karen Gerwig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks S. Fischer Verlag

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Ein höchst komplexes Buch hat Arundhati Roy da geschrieben. Nach ihrem großen Romanerfolg mit „Der Gott der kleinen Dinge“ vor vielen vielen Jahren, an dessen Lektüre ich mich noch sehr gut und gern erinnere, hat die Autorin jetzt ihren neuen Roman vorgelegt. In der Zwischenzeit war Roy nicht untätig, sondern hat sich um die Politik ihres Landes bemüht, auch im Hinblick auf die Rolle der Frau.

„Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zuviel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?“

Der neue Roman bietet, wie ich finde, einen Überblick über das Land und konfrontiert den Leser mit dessen Politik, die sich geschichtlich herleiten lässt und die nicht immer einfach zu verstehen ist. Was allerdings von vorn herein klar wird, ist, dass auch hier wie fast überall auf der Welt, die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Ganz ähnliches erzählt auch Shumona Sinha über ihr Heimatland.
Was Roy nicht verlernt hat, ist die Poesie ihrer Sprache. Sie ist es auch, die mich durch das Buch trägt und mich dabei bleiben lässt, auch wenn es manchmal verwirrend wird.

„Gottes Halsschlagader platzte auf der neuen Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Millionen Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“

Es geht um die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslims, die offenbar nicht mehr friedlich nebeneinander leben wollen und zusätzlich geht es um die vielen Bevölkerungsgruppen/schichten und politischen Parteien, die untereinander aus ähnlichen oder anderen Gründen zerstritten sind. Dazu rechne man dann noch die Kolonialvergangenheit … Roy öffnet diesen Raum für westliche Augen, gibt Einblicke. So, im Roman, lässt sich für mich die Geschichte eines Landes besser verstehen und bei Roy darf man auf fundiertes Wissen vertrauen.

„Die Bangladeshi, die wir befreit haben, verfolgen die Hindus. Die guten alten Kommunisten nennen Stalins Gulag einen „unumgänglichen Bestandteil der Revolution“. Die Amerikaner halten den Vietnamesen derzeit  Vorträge über Menschenrechte. Wir haben es mit einem Problem der Spezies Mensch zu tun. Niemand von uns ist ausgenommen.“

Haarsträubende Geschichten von Gewalt und Unrecht sind es, die Roy erzählt. Wenn ich so etwas lese, verstehe ich die Welt nicht mehr. Dieses Buch strotzt vor Korruption und Folter, Tod und Sterben, Mord und Massaker. Was ist ein Menschenleben wert? Mir fiel es auch schwer einem roten Faden darin zu folgen. Den Inhalt des Romans hier zu erläutern ist ebenso schwierig; ich habe das Gefühl, alles wiederholt sich ständig:

In zwei Erzählstränge teilt Roy ihre Geschichte auf. Zum einen geht um Aftab, der/die eine Hijra ist, also ein Wesen mit beiden Geschlechtsmerkmalen. Sie entscheidet sich für das Weibliche und nennt sich fortan Anjum und geht früh von zuhause fort. Im Verlauf gründet sie ein Gästehaus für Verlorene und Ausgestoßene mit Bestattungsunternehmen auf einem Friedhof in Delhi.

Zum zweiten geht es um vier Studenten, drei Männer und eine Frau, die sich anfreunden, deren Wege sich aber trennen und die sich in alle Winde zerstreuen. Mitunter kreuzen sich wieder die Bahnen und es kommt schließlich auch zu einem Zusammentreffen der beiden Stränge … Für mich sind jeweils die Frauen die Hauptpersonen.

Roy macht es dem Leser nicht leicht, der Geschichte zu folgen: so viele Namen, so viele Personen, gewaltige Zeitsprünge, wechselnde Perspektiven. Gegen Ende des Romans war ich mehr und mehr erschöpft und habe nur aufgrund von Roys sprachlichem Können zu Ende gelesen. Die hohe Qualität der Lektüre ist unbestreitbar, am Inhalt jedoch trägt man schwer …

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy in einer Übersetzung aus dem Englischen von Anette Grube erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Meena Kandasamy: Reis und Asche Verlag Das Wunderhorn

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Dass die Suche nach bester Lektüre auch gerade bei kleineren Verlagen so lohnenswert ist wie nie, zeigte mir Meena Kandasamys Debütroman „Reis und Asche“. Die 1984 geborene Inderin ist auch Lyrikerin und hat bereits einen Band namens „Fräulein Militanz“ in Deutschland veröffentlicht. Beide Bücher erschienen im Wunderhorn Verlag. Diese Autorin ist eine echte Entdeckung! Ich habe mit größtem Genuss dieses Buch gelesen, das trotz des schrecklichen Themas ein helles Licht in der literarischen Landschaft ist. Ein Leuchten!

Das liegt vorrangig, aber nicht ausschließlich, an der Form die sie für ihre Geschichte wählt. Wenn man die kurze Inhaltsangabe liest, vermutet man zunächst einen Roman über ein Drama, ein Massaker, dass sich in Indien im Jahre 1968 abgespielt hat und das die Ungleichheiten zwischen Armen und Reichen thematisiert. Das ist es letztendlich auch. Aber eben noch viel mehr.

„Wenn man auf eine neue, originelle Idee für einen Roman gekommen ist, muss man sicher gehen, dass Kurt Vonnegut nicht bereits dieselbe Idee hatte.“

Kandasamy macht gleich von Anfang an klar, dass das keine einfache Lektüre für den Leser wird, in jeder Hinsicht. Sie spricht uns Leser/innen direkt an, sie zieht uns damit hinein und überträgt uns damit sogar Verantwortung. Sie plappert, moniert, referiert, lamentiert und erklärt sich gleich selbst als Romandebütantin für möglicherweise unperfekt und schiebt gleich nach, dass sie dennoch über unsere Köpfe hinweg entscheiden kann und überhaupt sei ohnehin die Form des Romans zig mal variabler als die lyrische Formen. Sie kommentiert sich während der fortlaufenden Geschichte selbst, mischt sich als Allwissende ein und scheut nicht davor zurück alle Prosa-Regeln über den Haufen zu werfen.

„Ich könnte Ihnen die Freude bereiten, auf dieser exotischen Zeitreise eine Economy-Class-Voyeurin zu sein. So würde es immer weitergehen, ad nauseam, und Sie hätten das widerwärtig Süßliche bald über.
Die einzige Alternative hierzu ist meine Vorgehensweise,“

Es ist ein überaus gelungenes Experiment!

Je weiter die Geschichte erzählt wird, die von den Ärmsten, den unberührbaren Landarbeitern und deren Kampf um ihre Rechte handelt, desto tiefer versinkt man in diese Geschichte aus unsagbarer Grausamkeit und Ungerechtigkeit. Es scheint ein aussichtsloser Kampf zu sein. Die Grundbesitzer haben das Sagen, stecken mit Polizei und Politikern unter einer Decke und beuten die weit unter ihnen stehenden aus. Zu alldem kommt noch das (offiziell abgeschaffte) Kastensystem dazu. Als ein Dorf sich dem Kommunismus zuwendet und beginnt auf die roten Politiker zu zählen, zu streiken, um wenigstens ihre Familien ernähren zu können, kommt es zu unglaublichen Gewaltszenerien in jenem Dorf. Der Gerichtsprozess, der sich über Jahre hinzieht, schafft keine Gerechtigkeit und zeigt nur auf, wie korrupt das System über Menschenrechte hinweg agiert.

„Wir wussten, dass alle nur wegen des Todes in unser Dorf kamen. Das wussten wir, weil nie jemand kam, wenn wir uns abmühten oder Hunger litten oder still auf den Tod warteten. Der Tod war der Höhepunkt. Der Tod war wie der Augenblick im Kino, den keiner verpassen will und wo alle weinen.“

Kandasamy verleiht den Menschen in diesem Dorf eine Stimme, eine Stimme, die gehört werden sollte, die stellvertretend für so viele Dörfer, so viele Länder steht und sie tut dies in ungewöhnlicher Weise, dennoch mit großem Respekt. Ihr Buch ist ein Aufruf, sich endlich gegen Ungerechtigkeit und Ungleichheit zur Wehr zu setzen. Es ist ein Plädoyer an alle und besonders auch an Frauen, dafür aufzustehen und aufzubegehren.

Meena Kandasamys Buch erschien im Wunderhorn Verlag und wurde von Claudia Wenner aus dem Englischen übersetzt. Es enthält ein Glossar und ein erklärendes Nachwort dieser klugen Autorin, die sich auch stark für Frauenrechte und gegen Gewalt und gegen das Kastensystem einsetzt.
Eine Leseprobe gibt es hier.
„Reis und Asche“ steht außerdem auch auf der Liste der Nominierten für den Liberaturpreis 2017. Bis zum 31.5. kann man noch für dieses Buch abstimmen.