Johanna Holmström: Die Frauen von Själö Ullstein Verlag

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Als die Autorin Johanna Holmström, die einer schwedischsprachigen Minderheit in Finnland angehört, 2015 in einem Archiv auf Patientenakten einer Heilanstalt auf der winzigen finnischen Schäreninsel Själö stieß, fing sie an weiter zu recherchieren. Entstanden ist ein aufschlußreicher Roman über die Zustände in einer Nervenheilanstalt Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Auf Själö wurden sogenannte geisteskranke Frauen weggesperrt, wobei die meisten von ihnen niemals mehr die Insel verließen. Von Heilen konnte keine Rede sein. In ihrem Vorwort weist die Autorin auf eine der zahllosen schrecklichen „Heilmethoden“ damals hin.

Holmström schildert den Aufenthalt zweier Frauen in der Anstalt auf Själö und verbindet beide mit der Pflegerin Sigrid, die ihr ganzes Arbeitsleben auf Själö verbringt. Da ist zunächst Kristina. Sie kommt im Jahr 1899 auf die Insel, weil sie ihre beiden kleinen Kinder ertränkt hat. Der Pfarrer schützt sie vor dem Gefängnis und fortan lebt sie auf Själö als Geisteskranke. Nach und nach erzählt uns die Autorin dann die Hintergründe, die zur Ermordung der beiden Kinder führten. Kristina wurde mit 16 vergewaltigt, bekam eine Tochter und galt fortan als leichtes Mädchen. Als sie mit 24 Einari kennenlernt, fühlt sie zum ersten Mal Liebe. Die beiden lösen sich von ihren wohlhabenden Elternhäusern und leben arm und unverheiratet zusammen. Ein Sohn wird geboren. Doch als ihr Mann sich entschließt fortan zur See zu fahren, um schnell Geld zu verdienen für ein besseres Leben, bleibt Kristina eine Ausgestoßene. Ihr wächst die Arbeit und die Betreuung der Kinder über den Kopf. Völlig erschöpft, wünscht sie sich nur noch Ruhe. In diesem Zustand lässt sie die schlafenden Kinder aus dem fahrenden Boot ins Wasser gleiten. Auf Själö lebt sie sich nach einer Weile ein und darf sogar extern den Haushalt des neuen Pfarrers übernehmen. Als dessen Ehefrau mit Kindern im gleichen Alter ihrer verstorbenen Kinder auf die Insel und ins Pfarrhaus einzieht, nimmt das Unglück seinen Lauf.

Als die 16-jährige Elli 1934 auf die Insel kommt, lebt Kristina wieder und immer noch dort. Elli ist von zuhause heimlich mit ihrem Liebhaber getürmt. Als die Polizei sie verfolgt, da sie angeblich Raubüberfälle verübt hatten, gelingt es Maurice zu fliehen. Elli wird jedoch gefasst, kommt zunächst ins Gefängnis, wegen ihres auffälligen Verhaltens und wegen der Intervention der Eltern dann aber auf die Insel. Dass Elli zuhause von der kühlen Mutter vernachlässigt und vom Vater kaum wahrgenommen wurde und sie als Teenager in eine tiefe Depression glitt, die mit einem Selbstmordversuch einherging, erfahren wir zwischendurch in Rückblicken.

„Sie hatte schon vor ein paar Jahren angefangen, sich im Herbst zu grämen, weil er leise und schläfrig das Licht hinter sich herschleifte und mitnahm und es immer schwerer wurde, die Dunkelheit zu ertragen.“

In den 30/40er Jahren ist außerdem sogar in Finnland eine bestimmte „Rassentheorie“ angekommen. Elli wird als Gemischtrassige ostbaltischen Typs eingestuft. Auch hier wird, was mir nicht klar war, die Sterilisation bei Frauen, die nicht der rein-schwedischen Rasse entsprachen (und dann noch als geisteskrank galten), angewandt.

Holmström wirft einen genauen Blick auf die Frauen, über die sie schreibt. Und sie hat große Empathie für sie. Es gelingt ihr sehr spannend und stimmig Kristinas Geschichte zu erzählen, während sich Ellis Geschichte schon sehr in die Länge zieht. Sigrid, die Pflegerin, bleibt, obgleich sie am Ende noch ein kürzeres eigenes Kapitel erhält, für mich eher wenig greifbar. Vielleicht wäre die Beschränkung auf eine Frauenfigur oder eine dichtere Struktur hier sinnvoller gewesen.

Auch sprachlich scheint mir der erste Teil weit besser gelungen. Teils poetische Sequenzen wechseln sich hier mit realistischen, traurig-trüben Beschreibungen des Anstalt-Alltags ab. Dennoch gibt das Buch einen guten Einblick in die Zeit als die Psychiatrie noch Irrenhaus genannt wurde und die meisten Patientinnen aus heutiger Sicht, wohl eher dort erst „irre“ wurden. Hier zeigt sich auch wieder die Aburteilung der Frau als hysterisches Wesen durch einen männlichen Arzt.

„“Mit der weiblichen Natur verhält es sich so, dass sie zyklisch ist. Das gilt auch für den weiblichen Wahnsinn. Der Zusammenhang zwischen diesen Wahnsinnszyklen und der Menstruation ist in den meisten Fällen offensichtlich, und sobald die Menstruation aufhört, hört sehr oft auch der Wahnsinn auf. Deswegen hatten schon viele das Glück, zu diesem Zeitpunkt entlassen zu werden“, erklärt er.“

„Die Frauen von Själö“ erschien im Ullstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ich habe außerdem drei weitere sehr empfehlenswerte Romane, die sich mit dem Thema befassen, auf dem Blog besprochen:
Christine Lavant: Aufzeichnungen aus dem Irrenhaus
Amalie Skram: Professor Hieronimus
Nelly Bly: 10 Tage im Irrenhaus

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

John Clare: Reise aus Essex Matthes & Seitz Verlag

John Clare war Dichter. Er wurde 1793 in Northhamptonshire, England geboren und stammte aus einer Landarbeiterfamilie. Er ging nur bis zu seinem 12. Lebensjahr zur Schule. Mit 13 Jahren begann er zu dichten und zu reimen. Er hatte Talent. Es gab Menschen, die ihn förderten, aber auch welche, die ihn verspotteten und kritisierten. Er war überwiegend Autodidakt und wurde nie so bekannt wie seine Zeitgenossen Keats, Wordsworth und Coleridge (vielleicht lag es an seiner Herkunft?). Gut, dass es nun Esther Kinsky gelungen ist, einen kleinen Eindruck von Clares Werk auch in deutscher Sprache zu vermitteln. Kinsky, die selbst Lyrikerin, Prosaautorin und Übersetzerin ist, schreibt in ihrem Vorwort von der Herausforderung Clare zu übersetzen:

„Die Übersetzung von Clares idiosynkratischem Stil ist keine leichte Aufgabe. Für mich stand von Anfang an fest, dass seine Eigenheiten im Umgang mit Sprache und Schreibweise so sehr zu seinen Texten gehören, dass sie weitgehend erhalten bleiben mussten.“

Für heutige Leser mutet Clares Sprache sehr ungewohnt an, wirkt altmodisch, teilweise fast naiv und unbeholfen. Und doch war es zeitgemäß, wie Clare dichtete und erzählte. Der Titel des Buches führt ein wenig in die Irre, denn nur ein geringer Teil gegen Ende des Buches handelt tatsächlich von der „Reise aus Essex“. Es ist der Bericht, den Clare über seine Flucht aus einer psychiatrischen Einrichtung zurück in seinen eigentlichen Wohnort, sein Zuhause, schreibt. Dennoch lebte er später bis an sein Lebensende wieder in der Psychiatrie.

„Was ist denn Leben? Ein Stundenglas, das rinnt,
ein Dunst, der in der Morgensonne schwind`t,
Ein hastend, rastlos, immer wiederholter Traum. –
Wie lang? So kurz wie ein Gedanke währt.“

Der überwiegende Teil des Buches ist wie eine Art Tagebuch zu lesen. Clare erzählt aus seiner Kindheit und seiner Lebensgeschichte und wie er dazu kam, zu dichten. Er erzählt aber auch von seiner ständigen Suche nach ihm gemäßer Arbeit und seine finanzielle Lage war immer prekär. Oft verdingte er sich als Gärtner oder Feldarbeiter. Er erzählt über seine Nähe zu den umherziehenden Zigeunern und seiner ersten Liebe. Clare war ein sehr naturverbundener Mensch, der auch von der Natur zum Schreiben inspiriert wurde. Im Buch sind zwei Gedichte zu lesen, die einen guten Eindruck seiner Lyrik vermitteln. Am Anfang das Gedicht: „Was ist Leben?“ und am Ende das Gedicht „Ich bin“.

„Ich selbst verzehr allein mein ganzes Leid: –
Das steigt und schwindet mit jedwedem aus dem Sinn,
Wie Schatten in der Liebe rasendem ersticktem Schrei: –
Und doch – ich bin und lebe –wie Nebel her und hin“

Beide Gedichte sind fast durchgehend gereimt, klingen mitunter etwas holprig, wobei dies möglicherweise der schwierigen Übertragung aus dem Englischen geschuldet ist. Dennoch findet sich die ganze Seelentiefe und Traurigkeit von Clares Persönlichkeit in diesen Texten. Eine Schwermut, die ihn vermutlich am Leben scheitern ließ, die gleichzeitig aber auch diese sehnsüchtigen Verse hervorholte.

Auf dem Höhepunkt seiner Erfolge, als zwei Gedichtbände von ihm erschienen und er bekannter wurde, reist er auch mehrmals nach London. Die Berühmtheit währt nur sehr kurz, Clare fühlt sich missachtet und es zeigt sich zunehmend seine depressive Disposition. 1837 war sein erster Aufenthalt in der Psychiatrie, aus der er 1841 floh. Kurz darauf wurde er erneut eingewiesen und blieb bis zu seinem Tod 1864.

„Ich hielt mich etwa einen monat in London auf & verbrachte meine zeit sehr angemehm mit besuchen in der stadt & in gesellschaft jener einstigen wunder an Dichtern Malern & verfasern von büchern fast aller richtungen die mir von wundern zu ganz gemeinen männern wurden.“ 

Die „autobiografischen Fragmente“ aus den 1930er Jahren und zwei Briefe vervollständigen das knappe Bild, dass man sich anhand dieses Buches über John Clare machen kann. Esther Kinsky erläutert manches in ihrem Vowort. Das Buch erschien in sehr schöner Ausstattung in Fadenheftung und mit Lesebändchen im Matthes & Seitz Verlag, in dem es auch eine interessante Ergänzung zu diesem Band gibt: Das Buch „Der Rand des Orizonts“ von Iain Sinclair erzählt von dessen Wanderungen auf den Spuren von John Clares Flucht aus Essex 150 Jahre zuvor. Beide Bücher wurden von Esther Kinsky aus dem Englischen übertragen. Mehr darüber hier .