Das Alphabet des Feuers – Wolfgang Schiffer liest Gedichte aus Island Hörbuch Elif Verlag

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Viele der Gedichte dieses Hörbuchs kenne ich schon. Auf dem Foto oben sieht man drei der Gedichtbände, die auch auf den CD`s zu finden sind. Ich besitze sie seit Erscheinen und habe sie auch bereits hier auf dem Blog besprochen. Ein Band ist ganz neu im Elif Verlag erschienen und auf einer CD gibt es Gedichte von Jón úr Vör, dessen Gedicht „Das Dorf“ fast als eine Art Klassiker auf Island gilt. Die 5 CD`s bieten eine schöne Auswahl von Gedichten aus mehreren Generationen. Von der 1992 geborenen Fríða Ísberg über den 1971 geborenen Ragnar Helgi Ólafsson, über die 1958 geborene Linda Vilhjàlmsdòttir, über den 1948 geborenen, 2017 gestorbenen Sigurður Pálsson bis zum 1917-2000 lebenden Jón úr Vör spannt sich der Bogen. Wolfgang Schiffer, der die Gedichte eingelesen hat ist ein großer Island-Literaturkenner. Im der CD beiliegenden Folder erfährt man, wie sich Schiffers Island-Faible entwickelte. Einen guten Anteil daran hat mit Sicherheit der Literaturnobelpreisträger Halldór Laxness, den Schiffer 1982 für ein Interview zu seinem 80. Geburtstag besuchte, das etwas ungewöhnlicher verlief als erwartet. Wolfgang Schiffers Stimme zu lauschen, bei einer heißen Tasse Tee und bei Regenwetter kann ich nur empfehlen. Der dunkle, warme Wohlklang lässt einen das Außen vergessen. Und Wolfgang Schiffer ist souverän genug, den Zuhörenden nichts vorzuspielen, sondern allein die Texte wirken zu lassen. Ein wunderbares Winter/Weihnachtsgeschenk, würde ich sagen.

Mit Jón úr Vör will ich beginnen, denn er ist einer der Vorreiter der modernen isländischen Dichtkunst. Er begann sich vom klassischen Versmaß abzuwenden und freie Verse zu schreiben. So gehört er zu den Atomdichtern, die die isländische Dichtung erneuerten und der großen Vielfalt der heutigen Lyriker den Weg bereitete. Mehr darüber auf Wolfgang Schiffers Blog „Wortspiele“. Ich muss zugeben, dass mich seine Gedichte beim Zuhören auch am tiefsten berührt haben, vielleicht weil ich die anderen Dichter schon kannte und gelesen hatte, vielleicht aber auch, weil die Gedichte aus dem Alltag eines Dorfes auf Island erzählen und somit ein wunderbares Bild über das Leben in den vierziger/fünfziger Jahren geben. Vielleicht ist es auch in der Tat so, dass das Hören, das vorgelesen bekommen eines Verses, einen anders trifft, als etwas selbst Gelesenes. 

Den neuen Band „Lederjackenwetter“ von Fríða Ísberg kannte ich bisher noch nicht und ich bin überrascht von dieser virtuosen Stimme. Es ist die Lyrik einer jungen Schriftstellerin, die in ihren Gedichten kleine Geschichten erzählt, die wir womöglich auch alle kennen. Von Kindheitserinnerungen an den Vater, der der 6jährigen die erste Lederjacke schenkte, später, das Freitagabend zurechtmachen und ausgehen, die jugendliche Melancholie aus unerfindlichen Gründen, die Zweifel, die versteckte Empfindsamkeit, die man nicht zeigen will bis zum Versuch der Selbstfindung und Ich-Verankerung in der Welt. Es sind starke, direkte Texte, die gleichzeitig von einer großen Einfühlsamkeit zeugen. Immer wieder taucht der Spiegel als Symbol auf für Licht und Schatten, für Trauer und Selbstreflexion. Oft ist die Lederjacke aus dem Titel des Bandes gleichbedeutend einer Schutzhaut vor dem Außen, aber auch ein Zeichen der inneren Stärke und der Willenskraft. Je öfter ich diese Gedichte höre, desto mehr finde ich eine Verbindung zu ihnen, desto mehr beginnen sie zu leuchten.

„Ich möchte einen Hilfsfond gründen, zu Gunsten der Empfindsamkeit
genug sammeln, so dass die Empfindsamkeit endlich eine Stärke sein darf
eine blassbleiche aderblaue Schönheit“

aus dem Gedicht „Moralfrau“

Die 3 weiteren Dichter, dieser schönen Auswahl kenne ich bereits und doch war es ein anderes, ein Neu- oder Wiederentdecken, denn ein Gedicht entfaltet sich laut gelesen auch ganz anders.

Besonders gefallen hat mir beim Vorlesen auch der Band „Gedichte erinnern eine Stimme“ von Sigurður Pálsson. Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds. Dazu kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Wolfgang Schiffer interpretiert auch diese Stimme gekonnt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/22/sigurdur-palsson-gedichte-erinnern-eine-stimme-elif-verlag/

Ragnar Helgi Ólafssons Gedichtband mit dem wunderschönen Titel „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können„(der mir derzeit besonders aus dem Herzen spricht) ist für mich auch ein Paradebeispiel zeitgenössischer isländischer Lyrik. Seine Texte scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Ólafssons Texte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden. Auch hier: stimmig vorgelesen. Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, hatte damit bereits großen Erfolg in Island. Ihre Texte sind sehr welthaltig. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor. Ich hatte vor einiger Zeit das Glück, sie lesen zu hören. Isländisch ist eine sehr eigene Sprache, sehr melodiös. Schön, dass es nun eine deutschsprachige Lesung gibt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Alle Bücher sind Grundlage der jeweiligen Lesung. Wolfgang Schiffer hat sie selbst übersetzt, zusammen mit Jón Thor Gíslason. Sowohl das Hörbuch als auch die Bücher erschienen im Elif Verlag.
(Bitte lieber Wolfgang, lies weiter isländische Gedichte ein!)

Ein schönes aufschlussreiches Interview mit Wolfgang Schiffer gibt es hier:

Auður Ava Ólafsdóttir: Miss Island Insel Verlag

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Was für ein zauberhafter in vielerlei Hinsicht überraschender Roman!
Auður Ava Ólafsdóttirs „Miss Island“ fiel mir im Verlagsprogramm auf, da ich ja Island-Literatur-Fan bin. Nun habe ich ihn in der Bibliothek erwischt und freue mich über die Entdeckung. Die Autorin ist in Island recht bekannt und wurde vielfach ausgezeichnet.

Es ist ein ganz eigenwilliger Stil, der mich manchmal an Rachel Cusks Romane erinnert hat, obwohl die beiden inhaltlich kaum Ähnlichkeiten haben. Denn die Heldin Hekla, benannt nach einem Vulkan, wird beim Lesen kaum greifbar, gewinnt überwiegend durch die anderen Menschen, die sie umgeben und mit ihr sprechen Kontur. Wir erfahren zwar gleich anfangs, dass sie schreiben will, Schriftstellerin sein will, doch in ihr Inneres dürfen wir kaum einen Blick werfen. Die Geschichte beginnt 1942 mit der Geburt Heklas und mit der Namensgebung. Hekla erhält ihren Namen vom Vater, der sich intensivst für Vulkane interessiert. Die Familie lebt auf einem Schafhof im Westen der Insel, die Mutter stirbt früh. Dann folgen wir Hekla weiter im Jahr 1963, als sie ihr Elternhaus verlässt und mit dem Bus in die Hauptstadt (Ulyssees lesend) Reykjavík fährt, um Schriftstellerin zu werden. Eine Unterkunft findet sie bei ihrem Kindheitsfreund Jón John, der jedoch plant Island Richtung Europa zu verlassen. Hekla findet Platz für ihre Schreibmaschine und findet einen Job als Kellnerin in einem Hotel. Bereits auf der Reise wird sie angesprochen. Weil sie so schön ist lädt man sie ein bei der Miss-Island-Wahl teilzunehmen. Doch Hekla will nur schreiben und Geld sparen, um Jón zu folgen.

Damit hat die Autorin gleich zwei Themen angesprochen, bei denen Island zu dieser Zeit doch noch eher konservativ und wenig offen scheint. Jón fühlt sich als homosexueller Mann sehr diskriminiert und falsch. Er gibt deshalb Hekla als seine Freundin aus. Doch auch Hekla hat Probleme, denn sie lässt sich nicht auf ihre Schönheit reduzieren, sie will als weibliche Autorin anerkannt werden und als eine Frau, die Hosen trägt und nicht ans Heiraten denkt. Beide sind wilde Geister, die in größter Freundschaft und Innigkeit miteinander verbunden sind.

Heklas Freundin Isey spielt ebenfalls eine große Rolle. Sie lebt verheiratet, schwanger mit dem zweiten Kind in einer Kellerwohnung, obwohl auch sie Schreibambitionen hat. Über die Dialoge mit ihr, die sich gerne bei Hekla ausspricht, erfahren wir mehr über diese als von ihr selbst. Einen weiteren Blick auf Hekla erfahren wir durch Starkaður, einem jungen Dichter, der in der Bibliothek arbeitet. Er wird ihr Liebhaber, sie zieht später zu ihm. Durch die Art, wie er mit ihr kommuniziert, erfahren wir wiederum ein Stück mehr über Hekla. Sie verschweigt ihm zunächst, dass sie auch schreibt. Dabei sehnt sie sich in den Kreis der Dichter und Schriftsteller, die im Cafe Mokka verkehrt. Während Starkaður kaum etwas fertig bringt, schreibt Hekla einen Roman und reicht ihn bei einem Verlag ein. Sie wird dafür gelobt, wie ein Mann zu schreiben, doch angenommen wird ihr Roman nicht, weil sie eine Frau ist.

Jón lebt mittlerweile in Dänemark und schreibt ermutigende Briefe. Für Hekla ist es klar, dass sie ihren Dichterfreund, obwohl er sich das wünscht nicht heiraten, sondern verlassen wird. Denn sie will nichts anderes als schreiben, das ist das Wichtigste. Als Jón ihr ein Ticket für die Überfahrt schickt, packt sie Schreibmaschine und Koffer und verlässt die Insel. Geschickt gemacht und sehr symbolträchtig genau in der Zeit als im isländischen Meer ein unterirdischer Vulkan ausbricht und eine neue Insel entsteht: Ausbruch & Aufbruch! Nomen est omen.

Im letzten Kapitel leben Jón und Hekla wieder zusammen in einer Wohnung. Beide arbeiten, Hekla schreibt, schickt Texte ein, etwas wird angenommen und die beiden planen von dem eingenommenen Geld eine Reise in den Süden. Weil es dann leichter wird und für beide Vorteile hat, heiraten die beiden vor ihrem Aufbruch. Wohin genau, erfahren wir nicht. Aber es ist ein Land, wo es heiß ist, wo Pfirsiche und Trauben reifen und wo man im Meer baden kann. Hekla vollendet einen weiteren Roman, der ebenso wenig Aussicht hat veröffentlicht zu werden. Bis sie auf eine besondere Idee kommt …

Dieses Buch ist sprachlich und inhaltlich ganz eigensinnig: zeitweise poetisch, zeitweise pragmatisch und dabei mit feinem Humor und einem Blick für das Wesentliche. Es ist leicht zu lesen und für Bücherfreunde und Lyrikliebhaber dennoch eine echte Fundgrube. Denn Hekla liest nicht nur die heimischen Sagas und Gedichte, sondern auch Joyce, Silvia Plath, Simone de Beauvoir, Inger Christensen, Thomas Manns Zauberberg, die Odyssee und vieles andere mehr. Es findet sich hier auch diese wunderbare Szene aus der Bibliothek in Reykjavík, bei der mir, die ich auch Gedichte schreibe, das Herz aufgeht:

„Wenn die Leute ihre Bücher nicht zurückgeben, sind es meistens Lyrikbände“, merkt er an. „Die sind am beliebtesten. Wir mussten sogar schon welche von säumigen Ausleihern zurückholen.“

Auður Ava Ólafsdóttir hat mit „Miss Island“ natürlich auch ein Problem sehr deutlich aufgezeigt, welches selbst heute immer noch Thema ist. Wann werden schreibende Frauen endlich die gleiche Wertschätzung erhalten wie Autoren?

Der Roman erschien im Insel Verlag und wurde übersetzt von Tina Flecken. Eine weitere Besprechung findet sich auf dem Blog Zeichen & Zeiten.

Linda Vilhjálmsdóttir: das kleingedruckte Elif Verlag

selten
so abseits im eigenen leben

als wenn ich in frauenzeitschriften blätterte
im friseursalon und beim zahnarzt im wartezimmer

Ein neuer Band der Isländerin Linda Vilhjálmsdóttir ist im Elif Verlag erschienen. „das kleingedruckte“ schließt in seinem Inhalt fast direkt an den vorherigen Band „Freiheit“ an und ist zweisprachig. Die 1958 geborenen Lyrikerin, die auch Krankenpflegerin ist, ist in ihrer Heimat bestens bekannt und wurde mit verschiedenen Preisen für ihre Werke ausgezeichnet. Ihre Themen sind Gesellschaftskritik, Frauenrechte und der Blick auf die Veränderungen diesbezüglich im eigenen Land. Der Band ist schön gestaltet, mit durchbrochenem Schutzumschlag, der das kleingedruckte durch zwei Lupen deutlich erkennen lässt. Tatsächlich sind auch alle Gedichte in Kleinbuchstaben gedruckt. 

So startet der neue Band mit einem Zyklus, der den „Bergfrauen“ gewidmet ist. Es ist Tradition am isländischen Nationalfeiertag, dass eine Frau im Bergfrauenkleid ein Gedicht vorliest. (Es gibt also nicht nur Amanda Gormans „The hill we climb). 2018 wurde Vilhjálmsdóttirs Gedichtzyklus gelesen, in dem sie alle Frauen, nicht auf einen Sockel, sondern gleich stellt.

nach
einem halben jahrhundert
blutigen kampfs
das zerbrechliche selbstbildnis
innerhalb einer akzeptablen fehlerspanne aufrecht zu erhalten

kann ich behaupten
dass frauen wie ich
immer noch unbekannte größen sind

Es kommt dann ein Zyklus, der sich sowohl übergeordnet mit der Rolle der Frau beschäftigt, aber eben auch direkt die eigenen persönlichen Erlebnisse dazu mit einbezieht: der ewige Kampf um Gleichstellung, die Reduzierung auf Äußerlichkeiten, die Entscheidung für oder gegen die Mutterschaft.

und als das herz
vor scham derart zerschlagen war

dass ich nicht ohne zu weinen
von zimmer zu zimmer kam

da habe ich endlich begriffen
dass es mit der scham eine ende haben musste

ich sollte mich nicht weiter vor mir hertreiben lassen
von der scham

und durfte mich nicht länger
für mich selbst
schämen

Im Zyklus „Manchmal fühle ich mich wie …“ versetzt sich die Dichterin in die Lage, derer, die es schwer haben und leiden müssen. Sei es der alte Mensch, den keiner mehr wahrnimmt, das Pelztier im Versuchslabor, die Frau im Pflegeberuf.

Im dritten Zyklus geht es um die Herrschenden, um (korrupte?)Politiker und es geht um Macht(missbrauch) und Männlichkeit. Hier wird Vilhjálmsdóttir sehr direkt in ihrer Wortwahl zu konkreten Ereignissen.

Zu guter Letzt zeigt uns die Autorin Bilder aus der eigenen Familiengeschichte; es geht um die Frauengenerationen. 

bevor aber das jahrhundert zur hälfte vorbei ist
werden die finger und die vorgereckten kinnspitzen
unserer vorfahrinnen

wie
wegweiser oder steinwarten
aus den schmelzenden Gletschern ragen

Die Großmutter aus armen Verhältnissen, die 10 Kinder gebar, von denen nicht alle überlebten, die Wolle spinnt für die Enkel, den getrockneten Fisch zubereitet und im Nylonkittel zur Putzstelle geht. Die Mutter, die mit 15 Jahren von der Schule abgehen musste und „im Fisch“ arbeitet. Und dann Linda selbst …

Linda Vilhjálmsdóttirs Gedichte sind alle sehr bodenständig, direkt und kraftvoll. Es sind keine Gedichte, die man nur mit bestimmtem Vorwissen versteht. Sie sind auch für Kaum-Lyrikleser bestens geeignet. Mir fehlte bisweilen das Geheimnis, das Zwischen den Zeilen, das für mich unbedingt zu einem Gedicht dazugehört. Das fand ich dann aber in der ergänzenden Lektüre, die ich sehr empfehlen kann: Die Literaturzeitschrift „Die Horen“ hat in der Ausgabe 280 ein längeres Kapitel der isländischen Lyrik/Kurzprosa gewidmet und einige der Gedichte haben mich eingefangen:

Hier finden sich etwa auch Gedichte von Fríða Ísberg, die demnächst ebenfalls im Elif Verlag erscheinen werden. Schon der Titel lockt: Lederjackenwetter (siehe Gedicht Foto oben). Ebenso Foto oben: Gedichte von Dagur Hjartarson und Steinunn Sigurðardóttir. Auch von Ragnar Helgi Ólafsson finden sich Texte (Besprechung seines Lyrikbandes „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden“ hier). Diese vielen wunderbaren Veröffentlichungen verdanken wir vor allem auch dem Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gislason, das auch bereits den Band „Freiheit“ und diverse andere Bände übersetzte. Wolfgang Schiffer bringt auf seinem Blog Wortspiele auch immer wieder die isländische Literatur in den Fokus. Es lohnt sich ein Blick auf diese Seite.

Alle Bände isländischer Autoren, die im Elif Verlag erschienen finden sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Ragnar Helgi Ólafsson: Handbuch des Erinnerns und Vergessens Elif Verlag

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Ragnar Helgi Ólafssons zweites in deutscher Sprache erschienenes Buch beinhaltet 13 mal kurze mal längere Geschichten, die einen an die eigenen Erinnerungen denken lassen und daran wie wenig zuverlässig unser Gedächtnis ist, aber auch wie erfinderisch. Mitunter verdrehen sie einem die Gedanken so, dass man schwer jeder einzelnen Behauptung hinterherdenken kann. Manchmal fragt man sich, ob man nicht doch noch Philosophie oder zumindest die gängigen Experten studieren sollte.

Die erste Geschichte, „Der Fluchtversuch“ ist mir die liebste, zeigt sie doch, wie schwierig es ist, sich zwischen Wunsch/Zukunft und Realität/Gegenwart zu entscheiden. Es ist das typische: „Lieber den Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach.“ Oder in diesem Fall: Lieber Lakritze im Mund, als ein Busticket in die Unsicherheit.

Manche der Geschichten kann mich nicht genug fesseln oder ich verstehe sie schlichtweg nicht. Manche regen mich zum Nachdenken und Rumspinnen an und entbinden mich von der (gerade ungeliebten) Realität (ihr wisst weshalb). Dazu die Frage, die in einer Geschichte aufgeworfen wird, ob man wirklich ohne Erinnerungen, mit Amnesie leichter und vor allem freier leben könnte: Schwer vorstellbar.

Die längste Erzählung im Buch ist eigentlich ein Brief, der womöglich nie gelesen wird, wie der Schreiber vermutet. Dies hindert ihn aber nicht, in großer Weitschweifigkeit eine einzige Frage seiner Ex-Geliebten zu beantworten. Dabei werden von Byron bis Shelley, von Pessoa bis zur griechischen Mythologie alle Register gezogen.

“ … und mir klar wurde, dass man erstmal etwas vergessen haben muss, um sich daran erinnern zu können: Um etwas noch mal wachrufen zu können, muss es erst vergessen worden sein, zumindest für einen Augenblick.“

Die Geschichte „Funes der Jüngere„, die in der argentinischen Nationalbibliothek spielt, (womöglich eine Hommage an Borges‘ Bibliothek von Babel) gefällt mir nach der ersten am Besten. Hier geht es um eine besondere Begabung: sich alles merken zu können, ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Was allerdings in diesem Fall zu massiven Einschränkungen führt.

„Erinnerungen müssen unklar sein. Sonst können sie nicht von der Wirklichkeit unterschieden werden. Sind sie eine vollkommen exakte Kopie von der Welt oder des Erlebnisses, dann gibt es keinen Unterschied zwischen Wirklichkeit und Erinnerung. Dann wird das Sicherinnern an ein Ereignis das Gleiche sein, wie es zu erleben, und das Sicherinnern, etwas erinnert zu haben, das Gleiche, wie sich daran zu erinnern, was wiederum nicht von dem unterschieden werden kann, was man erlebt.“

Der Isländer Ragnar Helgi Ólafsson ist Schriftsteller, Künstler, Musiker, Verleger und Grafikdesigner. Seine Vielfalt zeigt sich auch hier in diesen Geschichten wieder, denn es geht immer um alles oder nichts, um die Alltäglichkeiten und die Besonderheiten, um Ausgedachtes und Umgedachtes, um Realität und um Trugbilder. Empfehlen möchte ich dazu auch gleich noch den zuvor erschienenen Lyrikband „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“, den ich noch lieber gelesen und hier auf dem Blog auch schon ausführlich vorgestellt habe (Foto siehe oben)

Der Autor hat das im Elif Verlag erschienene Buch mit dem erwähnenswert schönen Cover selbst gestaltet. Das bewährte Übersetzerteam Wolfgang Schiffer und Jan Thor Gislason haben diesen Band aus dem Isländischen übertragen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Sätze & Schätze.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jón Kalman Stefánsson: Ástas Geschichte Piper Verlag

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„Im Übrigen stimmt die Wahrheit des Herzens nicht immer mit der Wahrheit der Welt überein. Darum ist das Leben unbegreiflich. Das ist der Schmerz. Das ist die Trauer. Das ist die Kraft, die uns zum Leuchten bringt.“

Es ist der erste Roman, den ich von Jón Kalman Stefánsson lese. Lange schon liebäugelte ich mit dem bekannten isländischen Autor und nun gab es eine Lesung im Felleshus der Nordischen Botschaften in Berlin (Foto unten der Autor im Gespräch mit Kristof Magnusson) und das war willkommener Anlass für den Einstieg ins Werk. Gleich vorweg: Jón Kalman Stefánssons Erzähler im Roman „Ástas Geschichte“ ist höchst unzuverlässig, wenngleich allwissend. Er erzählt und kommentiert und plaudert aus dem Nähkästchen, beobachtet ihn an seinem Schreibtisch, während man neugierig auf den Verlauf von Ástas Geschichte ist.

Das Wort Ást bedeutet im Isländischen Liebe. Und von einer oder gar mehreren Liebesgeschichten handelt auch dieses Buch. Wenngleich es nicht um erfüllte Liebe geht, wie könnte es anders sein. Ob die Mutter Ásta geliebt hat, obwohl sie sie als Kleinkind verließ? Obwohl sie doch ein Kind der Liebe war und nach einer zentralen Figur eines Romans von Halldor Laxness benannt war?

Der eigentliche Inhalt ist schnell erzählt: Das Leben Ástas scheint von Anfang an unter einem eher dunklen Stern zu stehen. Von der Mutter früh verlassen, wächst sie bei einer Ziehmutter auf, wird als Teenager zur Arbeit aufs Land geschickt, weil sie als „schwer erziehbar“ gilt und auch später tanzt sie aus der Reihe. Sie will sich nicht einordnen in die Normalität der Anderen und fällt dadurch oft „unangenehm“ auf. Doch trotz ihres wilden freizügigen Lebens wird sie nicht glücklich, denn die Männer, die sie ob ihrer Schönheit so anhimmeln, sind nie die richtigen. Bis auf einen, den sie verliert.

In Rückblenden aus der Sicht des Vaters (der zudem noch im Sterben liegt), in späten Briefen Ástas an einen verlorenen Geliebten und mit vielen Zeitsprüngen bahne ich mir als Leserin meinen Weg durch Raum und Zeit und decke die verschiedenen Schichten auf, erlese mir meine Sicht auf diese Frau, die „Liebe“ heißt.  Im letzten Drittel jedoch nahm die Neugier auf Ásta ein wenig ab, vielleicht weil, obgleich gut konstruiert, doch manche Kapitel in die Länge gezogen und wirr wirken. Mitunter finde ich die Art und Weise, wie hier von Liebe gesprochen wird, ein wenig zu süßlich, dann wieder arg derb. Vielleicht liegt es an dem, wie ich glaube, deutlich männlichen Blick. Auch sprachlich wurde ich nicht überzeugt, obwohl es einzelne schöne Sätze gibt (siehe Zitat oben). Dennoch kann man sagen, dass Stefánsson eine prägnante eigene Art hat zu schreiben, die man sicher aus vielen Texten heraus erkennen würde.

Schön finde ich, dass ich durch die Lektüre einige interessante, mir bisher unbekannte Dichter kennenlernen konnte, wie etwa den Norweger Sigbjørn Obstfelder (bekannt mit Rilke und Munch), dessen Zeilen aus dem Gedicht „ich sehe“ mir doch sehr aus der Seele sprechen:

Jeg ser, jeg ser …
Jeg erist kommet paa en feil klode!
Da saa underligt …

Ich schaue, ich schaue …,
ich bin auf dem falschen Planeten gelandet!
Es ist so seltsam hier …

Der Roman erschien im Piper Verlag und wurde übersetzt von Karl-Ludwig Wetzig. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Sigurður Pálsson: Gedichte erinnern eine Stimme Elif Verlag

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Erneut und nun schon zum dritten Mal, kommt ein Lyrikband aus Island im Elif Verlag heraus. Die Zusammenarbeit des Verlegers Dincer Gücyeter mit Übersetzer Wolfgang Schiffer und Jón Thor Gíslason trägt reiche Früchte. Wieder ist er ganz anders gestaltet, als die beiden Vorgänger. Es ist der letzte Band, der von Sigurður Pálsson veröffentlicht wurde. Er starb 2017. Posthum wurde sein Band für den „Preis des nordischen Rats“ nominiert. Auch zuvor wurde der Dichter bereits mit Preisen geehrt. Interessant an Pálssons Biografie ist, dass der 1948 geborene in Frankreich die Sprache und Literatur studierte, auch die Studentenunruhen 1968 miterlebte, und später zurück in Island neben seiner Dichtertätigkeit und der Arbeit für Film und Radio, diverse literarische Werke vom Französischen ins Isländische übertrug.

Pálssons Gedichte sind so, wie Gedichte für mich sein sollten. Nicht über die Maßen verrätselt und doch mit ungewöhnlicher Tiefe. Das erste Gedicht, welches mich beim Blättern in Bann zog, ist eines über das Schreiben. Es ist mir sehr nah, finden sich doch die Worte meiner eigenen Lyrik oft auf ganz ähnliche Art. Schattiges Glück heißt es und ist unten auch im Isländischen Original abgebildet.

Im ersten Teil finden sich kleine Aberwitzigkeiten, es findet sich Feuer und Glut, eine heitere Vielfarbigkeit, eine Neigung zur Farbe Weiß. Die Worte haben das Sagen, sind Lichter und Laternen und kommen auf ungewohnte aber äußerst wohlwollende Art und Weise. Und die Liebe gedeiht, fließt über die Insel und in Herzensdingen fallen die Worte weich und zart.

Alle Gedichte haben ein ganz eigenes Gewicht. Mir fällt der Begriff wertvoll ein. Aber es sind die kleinen Werte. Sie sind zu finden in dem wundervollen Zyklus „Stimmen in der Luft„, die den Dichter zu einem Seher werden lassen, quasi als Medium des Winds.

„Während der Windhauch zum Balkon hoch glitt
fand er ein Buch soeben vom Leben geschrieben
er las es durch von Anfang bis Ende
und entbrannte vor Begeisterung
er fuhr durch alle Straßen
und erzählte den Leuten
was er gelesen hatte

Erzählte den Leuten
von dem großen Wunder

dass das Leben zeichnen und schreiben könne
und er könne lesen“

Dann kommen die Nachdenklichkeiten und die Bewegung im Herzen, sehr innig und durchdrungen. Jedes einzelne Gedicht stellvertretend für ein Dichterleben. Sie zeugen von einer gelebten Spiritualität, erinnern in mancher Schlichtheit an Haikus, an östliche Weisheiten, an die Verbindung zum Größeren, sei es die Natur, sei es etwas Göttliches. Ich lese eine genaue Wahrnehmung, eine Achtsamkeit, eine enorme Sinnlichkeit, eine Bewusstwerdung. Eine Letztendlichkeit.

Weiße Nacht

Schlaflos war sie nicht
diese Nacht

Gleichwohl war sie weiß
vollkommen schneeweiß

Am Morgen liegt ein Blatt
mit Buchstaben
auf dem Tisch

Der, der am Tisch saß
ist verschwunden“

Mich begleiten Pálssons Gedichte herzlich tröstend. Er leuchtet mir durch die Tage und blinkt wie ein Leuchtturm in der Nacht. Mir scheint, die Isländischen Dichter haben eine Gabe, Tiefes und Dringliches in ihrer Lyrik auf eine angenehm natürliche Art zu vermitteln, die es einem leicht macht, sie zu mögen. Ich empfehle diesen Band sehr und weise auf zwei weitere isländische Lyriker/innen hin, ebenfalls im Elif Verlag erschienen:

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/10/ragnar-helgi-olafsson-denen-zum-trost-die-sich-in-ihrer-gegenwart-nicht-finden-koennen-elif-verlag/

https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/12/22/linda-vilhjalmsdottir-freiheit-elif-verlag/

Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit Elif Verlag

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Auch in diesem Jahr kommt aus dem Elif Verlag, dessen kleines Programm immer beachtlicher wird, ein Lyrikband aus Island. Ganz eindeutig scheint die Zusammenarbeit  des engagierten Verlegers Dinçer Güçyeter mit Übersetzer und Islandexperte Wolfgang Schiffer reiche Früchte zu tragen.

„zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht“

Diesmal ist es Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, der in Island bereits im Jahr 2015 erschien und großen Erfolg hatte. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor.

Im ersten Teil geht es um das Weltliche. Wir und unsere Bequemlichkeit, unser Wohlstand. Das ist nicht spezifisch isländisch, das gilt generell für die westliche Welt. Es geht um das, was wir haben, um unseren Besitz, sei es der Gasgrill oder das Fitnessgerät.

„das ziel ist es in einer woche
mindestens fünfhundert gramm
menschlichen fetts zu verbrennen.

dazu pumpen wir
auf der veranda und rackern uns ab auf dem crossstepper
und auf dem laufband in der garage

auf diese weise werden wir
in kürze alle bedingungen erfüllt haben
zur auferstehung des fleisches“

Der zweite Teil führt uns ins heilige Land. Doch auch hier ist nicht mehr alles heilig. Hier kämpfen die Religionen um ihre Vorherrschaft, auch hier geht es nicht mehr um den Glauben allein, nicht ums Religiöse. Hier herrscht Fanatismus und wieder geht es um Besitz. Wem gehört das Land? Welche Religion ist die Richtige?

„jahrhundert um jahrhundert durch marmor und metall
durch synagogen moscheen mauerwerk
hinein in die zerrissenen herzen der muslime und der juden
von denen keiner von beiden zögert den sohn des anderen zu opfern
im krieg um das alleinige recht den vorfahren zu ehren
um das alleinige recht in frieden zu leben im heiligen land.“

Der dritte Teil erzählt von der verschwindenden Natur, der Politik des Konsums, der gesellschaftlichen Forderungen, wie wir sein und uns verhalten sollen, das Streben nach immer mehr, immer schneller, immer weiter …

„gut beraten
in andacht
der festansprache zu lauschen

über unverbrauchte ressourcen
ungefangene makrelen ungebändigte energie
unberührte weiden und unbegrenzte möglichkeiten

in andacht zuzuhören
wenn in den kiefern der minister der knisternde markt
zusammenfließt mit dem lukrativen krachen des schmelzenden eises
in nördlichen gebieten und sich das ende der bewohnten welt
in einen strudel neuer weltsicht wandelt.“

„Freiheit“ ist eine zweisprachige Ausgabe, aus dem Isländischen übertragen von
 Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Freiheit in schlichtem Karton mit japanischer Bindung. Mehr über Buch und Autorin findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Stadt Land Buch 2018 Literatur aus den nordischen Ländern

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Vom 11.11. bis 16.11.18 sind die Nordischen Länder zu Gast bei StadtLandBuch in Berlin und Brandenburg. Hier gehts zum Programm: http://www.stadtlandbuch.de

Und hier einige meiner nordischen Favoriten:

Sjón: bewegliche berge Edition Rugerup

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Es muss also an Island liegen. Vor ein paar Monaten las ich bereits schon einmal einen Lyrikband eines Isländers: „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ von Ragnar Helgi Ólafsson. Beeindruckend war er. Und nun kommt Sjón, der in und außerhalb Islands ein Begriff ist, der Romane und Lyrik schreibt und manchmal Songtexte für Björk. Und ich bin wieder vollkommen begeistert von diesen Gedichten. „bewegliche berge“ heißt der Band und er lässt auch den Leser innerlich Berge versetzen.

In „ars poetica“ findet sich das Gedicht dazu im Original und in zwei unterschiedlichen Übertragungvarianten der beiden Übersetzerinnen. So zeigt sich gleich die Vielfalt der Möglichkeiten:

Die Gedichte haben oft etwas skurriles, was aber im Kontext vollkommen normal wirkt. Sie schleichen sich ein. Einmal lesen reicht nicht. In die Tiefe gelangt derjenige, der sich einlässt. Obwohl oft kurz und knapp enthalten sie Fülle und Reichtum der Sprache.

Oft erzählt Sjón von seiner Heimat Island, greift tief in die Vielfalt der Sagenwelt. Über jedem einzelnen Gedicht liegt ein Zauber, womöglich die Magie dieser Insel (die ich zu gerne einmal erleben würde). Teils sehr direkt, ja, fast anklagend lesen sich dann Gedichte wie „lied aus dem silbernen zeitalter“:

„bevor wir die kniegeige verloren
als wir noch kontrolle hatten über den zug der schwäne und lachse

bevor wir die verborgenen türen der erdhütten verloren
als wir noch zuflucht fanden im warmen schoß der lava

bevor wir den eisbären und den weißen falken verloren
als wir noch hörten das krächzen weißer raben …“

Teil sehr verfremdet und in der Tat grotesk, ja, makaber, wirkt der Zyklus „dans grotesque“, in dem es um Frauenleichen geht, der letztlich von der Entstehung des Eilands erzählen.

Ein Kapitel des Bandes steht im Blocksatz: Hier widmet sich der Autor seinen Erlebnissen in und mit der Nationalbibliothek und zeigt, dass man sich in Karteikartenkästen ebenso leicht verlieren kann, wie heute im worldwideweb.

Dann wiederum erzählt er von Reisen, wie etwa nach Berlin, wo ich sofort wusste, welche „Sehenswürdigkeit“ er in „über uns“ meinte. Ich mag das Gedicht sehr, es trifft die Stadt sehr genau:

„in form und farbe wie die erde
ein ballon mit der aufschrift „die welt“

er gleitet durch die bläue

eine mahnung dass wir durchs universum schweben
gleich ob verwurzelt oder wurzellos

und das tut berlin auch“

Das Gedicht „acta poetica“ erinnert vom Bild und der Stimmung her beinahe an Celan:

„schwarze reiskörner
wir essen sie nicht …“

Auch eine große Melancholie liegt oft in den Gedichten, die mitunter nur zwei Zeilen benötigen, um eine Stimmung auszudrücken:

„ein gefühlsmäßig zweifelhafter
pfeilgerader regenbogen“

Sjóns bewegliche berge erschien im kleinen feinen Verlag Edition Rugerup. Übersetzerinnen aus dem Isländischen sind Betty Wahl und Tina Flecken. Das schöne Coverbild stammt von Kristinn Már Pálmason.

Die Edition Rugerup verlegt sehr oft nordische Autoren. Gerade ist auch eine zweisprachige Sammlung schwedischer Gedichte mit dem Namen „Von Nordenflycht bis Tranströmer“ erschienen. Herausgeber ist der Lyriker Håkan Sandell. Er hat eine Auswahl getroffen, die in chronologischer Reihenfolge von 1700 bis heute reicht. Dabei sind unter anderem Nelly Sachs, Edith Södergran, Gunnar Ekelöf, Tomas Tranströmer und Lars Gustafsson.

Ragnar Helgi Ólafsson: Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können Elif Verlag

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Gleich vorab: Ein Leuchten! Hellstes Polarlichtleuchten!

Beim ersten Lesen des Titels auf dem anziehenden Cover war klar: Das ist passende Lyrik für mich. Sehr selten finde ich einen Lyrikband, bei dem ich mich mit allen Gedichten anfreunden kann. Hier ist es so. Ólafssons Texte vereinnahmen mich ganz. Sie scheinen erst so harmlos leicht und dann! dann kommt die Wendung, die aus einem schönen ein unvergleichliches Gedicht macht. Es ist manchmal nur ein Wort, eine Schwingung zwischen den Zeilen. Nach jedem Umblättern kommt eine Überraschung, keine Sensation, das eben nicht, sondern ein hauchfeines Etwas, dass umhaut. Mein Liebstes:

Dichtersprache

Ich möchte mit dir in einer Dichtersprache sprechen,
ohne die Stille zu durchbrechen.

Es ist nicht so schwierig, wie es klingen mag.

Es ist nur so,
als zöge man ein Kristallglas
an einem Wollfaden
über
einen steinübersäten Strand.

Eine große Vielfalt steckt in den Texten. Sie reichen von rätselhaft bis skurril („Der innere Raum des Kuchens ist alles das, was nicht Kuchen ist“) , von meditativ bis schlicht, von melancholisch bis humorvoll (“ Ich kann es mir nicht leisten, diese Seelöwen für längere Zeit zu halten“). Manchmal sind es bildhafte Texte von M.C. Escher`schem Format wie bei „Seifenblase“. Manche erscheinen als Traumsequenzen in all der Wirklichkeit: „Stupéfiant.“ Einige muten so essentiell an, wie die Suche nach dem eigenen Selbst. So glaubte ich einmal Pessoa zu begegnen im Gedicht „Nichts wie Nichts“ :

„Ich lehne Vergleiche ab.
Das was ich sage ist.
Ich lehne alle Vergleiche ab.
Alles ist das was es ist.“

Und da ist auch noch das zarte wunderbare „Wiegenlied 1“:

„… Es hat Millionen von Jahren gedauert, dies zustande zu bringen, aber die Welt macht nicht viel Aufhebens davon, weil sie schon darüber, dich in sich zu haben, so überglücklich ist.“

Ólafssons Gedichte sind auf verschiedenen Ebenen zugänglich. Das macht sie so besonders und empfehlenswert, auch für diejenigen, die sonst kaum Zugang zu Lyrik finden.

Sowieso ist es ein kleines Kunstwerk, innen wie außen. Die deutsche Ausgabe wurde ebenso ausgestattet wie das Original, das der Autor und Künstler selbst gestaltet hat: Ausgestanzter Einband, collagenhaft, welcher gleich tief blicken lässt, schwarze Fadenheftung auf weißem Grund, fast japanische Bindung, zweisprachig. Fein übersetzt von Island-Spezialist Wolfgang Schiffer und dem Isländer Jón Thor Gislason und verlegt im Elif Verlag, in dem auch sonst ganz fabelhafte Lyrik zu finden ist.

2017-11-08 19.43.16Wolfgang Schiffer stellte kürzlich den Band in Berlin im feinen Schokoladenbuchladen von Fräulein Schneefeld & Herr Hund vor: Es war ein mehr als interessanter Abend mit einer kleinen Einführung in die isländische Geschichte und mit der Vorstellung der isländischen „Atomdichter“, die einen neuen poetischen Ausdruck finden wollten, weitab der traditionellen Form in Island. Der Autor von „Denen zum Trost, die sich in ihrer Gegenwart nicht finden können“ ist ein aktueller Vertreter dieser Moderne.