Hanne Ørstavik: ti amo Karl Rauch Verlag

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Die Norwegerin Hanne Ørstavik hat einen kurzen Roman herausgegeben, der sehr traurig ist. Ich bin großer Fan ihres Schreibens. Es sind immer Themen, die anspruchsvoll und oft melancholisch sind. Tiefe und Sehnsucht strahlen durch ihre Bücher. Doch diesmal ist es noch etwas anders. Das Buch ist autobiographisch und erzählt von der Krebsdiagnose ihres Ehemanns und der letzten schweren Zeit vor dem Tod. Sie zititert anfangs auch immer wieder Birgitta Trotzig, eine schwedische Schriftstellerin, die im Schreiben offenbar auch ihre Möglichkeit der Verarbeitung von schweren (Krankheits?-)Situationen fand. Im Buch schreibt sie selbst, dass sie in der Zeit der Krankheit und der Pflege ihres Mannes nicht in der Lage war einen neuen Roman zu beginnen. Erst sollte dieses Thema seinen Weg finden. Dann könnte womöglich Neues beginnen. Das Buch ist auch ein Blick in das reiche Innenleben dieser wunderbaren Autorin.

„Und ich habe vierzehn Romane geschrieben, und wenn es etwas gibt, worum es mir beim Schreiben gegangen ist, dann darum, dass es wahrhaftig sein soll. Das, was ich schreibe, soll wahr sein. Dasselbe gilt auch für mein Leben, im Verhältnis zu anderen Menschen, im Verhältnis zu mir selbst.“

Die Autorin begegnet ihrem zukünftigen Mann in Italien bei einer Buchmesse. Er ist ihr italienischer Verleger. Die beiden lernen sich kennen und lieben und sie zieht zu ihm nach Mailand. Es ist beider große Liebe. Doch es bleibt eine sehr kurze unbeschwerte Zeit. Bald zeigt sich, dass ihr Mann an Krebs erkrankt ist und auch nach einer Operation und zahlreichen Chemotherapien ist keine Heilung in Sicht. Hanne, die vom Arzt erfährt, dass er höchstens noch ein Jahr zu leben hat, würde gerne mit ihm über den Tod reden, doch ihr Mann lehnt das ab. Er sperrt sich regelrecht dagegen, selbst als es nicht mehr zu verheimlichen ist. Er plant Parties, obwohl ihr gar nicht danach ist und geht immer wieder auch zur Arbeit in den Verlag. Doch es scheint eher ein Aufabstandhalten, ein Nichtwahrhabenwollen, eine Art Flucht  zu sein, was ihn antreibt. Immer wieder kommen dann die großen Schmerzen, die selbst mit großen Mengen an Morphium oft nicht aufzuhalten sind. Ein schonungsloses Bild, dessen, was Krebskrankheit bedeuten kann.

Ørstavik schildert auch ihre eigene Gefühlslage und wie sie auch versucht, sich abzugrenzen, ihre eigenen Kräfte zu bewahren, um nicht selbst, an den Rand der Verzweiflung zu kommen. Es gelingt nicht immer stark zu sein. Viele Erinnerungen tauchen auf, wie sie sich kennenlernten, zusammenfanden, welche Reisen sie gemeinsam machten und noch planten, wie groß diese Liebe war. Immer wieder versichern sie sich dieser und sagen es: „ICH LIEBE DICH. Wir sagen es die ganze Zeit. Wir sagen es, statt etwas anderes zu sagen.“ Und immer wieder spricht sie im Text ihren Mann direkt als ein Du an. Wir Leser*innen nehmen auch dadurch sehr nah am Geschehen teil. Das ist manchmal nicht leicht (besonders wenn sich noch persönliche Verbindungen dazu finden). 

Über den Tod ihres Mannes und die Zeit danach erfahren wir nichts, obwohl ich gerne mehr zu Abschied und Trauer gelesen hätte, aber vielleicht war es Hanne Ørstavik einfach nicht möglich darüber zu schreiben. Es ist ohnehin außergewöhnlich, ein so persönliches, schmerzlich offenes Buch zu schreiben und zu ver-öffentlichen. Danke, Hanne Ørstavik!

Und danke Andreas Donat, für die sensible Übersetzung. Das Buch erschien im Karl Rauch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Und ein kurzes Video der Autorin zu ihrem Buch hier:

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar!

Weitere Rezensionen auf meinem Blog, alle Romane der Autorin sehr empfehlenswert:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Hanne Ørstavik: Roman. Milano Karl Rauch Verlag

Foto von pixabay gemeinfrei

„Es ist so, als lebten wir ein Leben, von dem wir nichts wissen, denkt Val.“

Es ist das vierte Buch der Norwegerin Hanne Ørstavik, das ich lese und ich kann von ihrer Sprache nicht genug bekommen. Andreas Donat hat „Roman. Milano“ wie schon zuvor Die Zeit, die es dauert hervorragend übersetzt. Wenn ich auf Seite 9 bereits die ersten Zeilen anstreiche, dann weiß ich, ich bin im richtigen Buch. Wenn Ørstaviks Romane bisher schon allerfeinste Seelen- und Sozialstudien des Menschlichen waren, so geht die Autorin in diesem Buch noch weiter. Ihre Heldin Val zeigt sie bis in die Tiefen ihres Seins und geht mit großem Feingefühl und ebensolchem Sprachgefühl vor.

Die Norwegerin Val, 27, zieht zu ihrem italienischen Freund Paolo nach Mailand. Er ist wesentlich älter und arbeitet für einen großen Galeriekonzern, sie ist Zeichnerin. Beide haben sich auf ihrer Ausstellung in Oslo kennengelernt. Paolo hat sie umworben, sie sind zusammen verreist, haben sich Kunst angesehen und dann hat hat sich Val entschieden den großen Schritt zu machen. Für sie ist es schwer in einer Beziehung mit jemandem so eng zusammenzuleben, für Paolo leicht. Paolo ist noch verheiratet, obwohl seine Frau und er sich vor über 10 Jahren trennten. Val behagt das nicht. Sie versteht es nicht, doch Paolo erklärt ihr, dass es nur materielle Hintergründe hat und dass er nur sie liebe.

Val beginnt Mailand zu erkunden, von der Erdgeschoßwohnung mit den vergitterten Fenstern aus, die Blick auf eine kleine Piazza mit einer kleinen Kirche hat. Ihr Blick ist aufmerksam und genau. Sie blättert Fotobände über die Geschichte der Stadt durch, begegnet dem Faschismus unter Mussolini und entdeckt zwischen den geschichtlichen Texten auch Bilder eines Kinderheims, die sie sehr berühren. Waisenkinder sind es, Mädchen, Stelline genannt. Val versteht sie gut, denn ihre Eltern haben sie als Kleinkind an die Tante abgegeben, bei der sie dann im Reihenhaus wohnte. Die Eltern gingen nach Kalifornien, um Karriere zu machen und vergaßen sie. Erst als sie 12 Jahre alt war, gab es ein Treffen, dann noch einen Mittelmeerurlaub und dann gab es nichts mehr. Danach geben die Eltern der Teenagertochter sogar schriftlich zu verstehen, dass sie sie nicht wollen, dass sie für ein Kind eben nicht geeignet sind.

Als Leserin kann ich direkt nachvollziehen, was Val geprägt hat. Eine andauernde Vorstellung vom „nicht gewollt sein“, vom Ausgegrenztsein. Sie wünscht sich dazu zu gehören, hat aber Bindung als Kind nie erfahren, als es wichtig gewesen wäre. Und deshalb bleibt sie auch bei Paolo. Er will sie. Er liebt sie. Nur verstehen kann er sie vermutlich nicht. Er sieht nicht alles von ihr. Nicht die Dunkelheit, die Verlorenheit, das beinahe Verschwinden.

Val begibt sich mithilfe ihrer Zeichnungen, die sie ganz intuitiv entstehen lässt, immer wieder tief in ihr Innerstes. Sie überlässt sich ganz ihren Eingebungen, ihrer Fantasie und ihren Träumen. So kann sie dem Leben besser entgegentreten. Sie erfindet Figuren, die sie real flüchtig gesehen hat und in ihren Zeichnungen und Notizen ausschmückt und ihnen Leben und Vergangenheit einhaucht. Dass diese Geschichten und Bilder immer mit ihrer eigenen Person zu tun haben, dessen ist sie sich bewusst.

„Dieses Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt.
Jene, da draußen, von der die Fotografen erzählen. Und dann gibt es die, die sie selbst in sich trägt, in ihrem Innersten. Die, mit der sie durch die Welt geht. Die für Val die stärkste ist. Als ginge sie durch die Welt, in ihrem eigenen Inneren. Kommen die beiden überhaupt in Berührung?“

Die Autorin lässt Figuren und Formen verschmelzen. Sie lässt die Stadt in den Augen Vals aufscheinen, die Architektur studiert hat, weil sie dann einen Beruf hatte, in dem sie zeichnen konnte. Gearbeitet hat sie nie als Architektin, aber sie geht mit diesem Blick durch die Stadt. Auch der menschliche Körper ist für sie in eine Form gepresst, durch die Muskeln gehalten. Oft hat sie das Gefühl, ihren Körper nicht in seiner Form halten zu können, zu zerfließen, sich aufzulösen. Dann will sie ihren Körper durch übertriebene Sportlichkeit formen. Auch der Blick Paolos auf sie ist ihr wichtig. Gleichzeitig erkennt sie auf den Festen und Ausstellungseröffnungen, die sie mit ihm besucht, wie wichtig Äußerlichkeiten in dessen Leben zu sein scheinen, wieviel Oberflächlichkeit in seinen Kreisen herrscht, wie verlogen die Kunstszene ist. Immer hinterfragt sie, was darunter liegt. Unter den Masken der Menschen und unter der neuen Architektur der Stadt. Für sie die Hochsensible, die Melancholische, geht alles ins Existenzielle. Sie gerät immer neu an ihre Grenzen.

„Ja, vielleicht kann das Zeichnen, kann die Kunst ein Freund sein, denkt Val. Vielleicht kann die Kunst die andere in mir sein. Das Fremde in mir, zu dem ich sonst keinen Zugang habe. Schattenräume in mir, versteckte. Die ich brauche, um zu wachsen. Durch deren Berührung ich mich verändern und wirklich werden kann?

In kurzen Kapiteln folgen wir Val durch ihr reales Leben in Mailand mit Paolo, durch ihre Vergangenheit in Norwegen und durch ihre Träume und die erzeichneten und erfundenen Geschichten über Jason, Vivian und die Waisenmädchen. Man fühlt, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie ein Leben innen und außen so unterschiedlich gelebt werden kann. Dank Ørstaviks Sprache und Einfühlungsvermögen ist es ein intensives Leseerlebnis, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Und ein tiefer Einblick in die Welt einer authentischen Künstlerin, für die ihr Tun heilsame Kräfte entwickelt. Einziges Manko, und dass sicher auch nur für mich: ein Happyend.

Geschickt und stimmig, wie Ørstavik Szenen aus Filmen von Michelangelo Antonioni mit einfügt. Froh bin ich auch über den Hinweis zur Künstlerin Marlene Dumas, deren Bilder im Roman mehrmals erwähnt werden und die mich sofort ansprechen. Große Lust, Mailand zu erkunden, habe ich bekommen. Danke auch dafür, Hanne Ørstavik! Strahlendes Leuchten!

Der Roman erschien im Karl Rauch Verlag. Er ist wieder wunderbar haptisch gestaltet mit feinem Papier, farbiger Fadenheftung und passendem Lesebändchen. Dank an Übersetzer Andreas Donat für das Rezensionsexemplar!

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Lyrik aus dem Verlagshaus Berlin: Martin Piekar: AmokPerVers / Tobias Roth: Grabungsplan

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Nach einer einjährigen Ruhepause gibt es im Verlagshaus Berlin in diesem Frühjahr wieder vier neue Lyrikbände. Meine Wahl ist auf Martin Piekars „AmokPer-Vers“ und Tobias Roths „Grabungsplan“ gefallen. Beide Bände sind bekannt schön gestaltet; feines Papier, fadengeheftet, aufwendig illustriert und in Szene gesetzt. Piekars Lyrik wurde von Robin Wagemann illustriert, Tobias Roths Band von Ibou Gueye.

Der 1990 geborene Martin Piekar hat kürzlich den Lyrikpreis Irseer Pegasus erhalten. Seiner Lyrik folge ich schon eine Weile und mag sie sehr, auch aufgrund der Vielschichtigkeit und der Offenheit. Sollte ich ein Stichwort dafür nennen, dann wäre es „ehrlich“: „Ich bin gegen Gedichte, die ausblenden …“ Lyrik lesen bedeutet Aufbruch, in Bewegung kommen, hier ganz besonders. Der Lyriker betrachtet unterschiedliche Bereiche des Lebens und erzählt davon in fast unverkennbarer Weise. Ein schönes Wortspiel bietet ja schon der Titel „Amok Per-Vers“.

Im Kapitel „Dirty Dairies“ beschäftigt sich Piekar mit dem Thema feministische Pornografie. Das ist spannend … ob es das in der Lyrik schon einmal gab? Angelehnt an eine feministische Kurzfilmsammlung von Mia Engberg entstanden so zwölf Gedichte, deren Inhalt und Verse von glasklarer Betrachtungsweise zeugen.

„Wie manche Männer unbehagen
Wenn sie sonst sabbern bei Mösen, die
Sie auf Screens zu ficken lechzen
Sich aber fürchten, wenn sie von ihnen
Überrascht werden … „

Ziemlich wunderbar finde ich das Kapitel „Ich bin kein Elitepartner“:

„Merken, dass Zeit und Geld nicht so mein Ding sind
Dass Wasseroberflächen Spannungen
Wie Gedichte haben können
Dass es Gedichte gibt, die ich wie Tee lese … „

Hier finden sich warme weiche Blicke auf das Ich und das Ich in Verbindung mit anderen, ein Blick auf das Wagnis sich einzulassen, zu lieben. Dies und das Kapitel „Ahab“ mag ich am liebsten. Hier zieht Piekar durch Frankfurt am Main, wo er lebt. Diese Gedichte zeugen von guter Beobachtungsgabe, vom Hin- und nicht Wegschauen. Es sind gesellschaftskritische, politische, zwischenmenschliche, digitalisierte Themen, auf die der Focus gerichtet ist.

„Wir schlafen aneinander vorbei
Glassplitter am Hauptbahnhof
Eine gestrandete Flaschenpost
In allerlei Zerstreutheit keine Hände …“

Erfindungsreich sind die „Zerrütteten Sonette“, denn da fallen immer eine Zeile, ein paar Worte heraus, werden durchgestrichen. Natürlich wird es damit erst interessant. Und auch sonst: Die Sprache ist Trumpf. Sie kennt Rhythmus und strömt und manchmal tobt sie. Piekars Band endet im Tollhaus, bei dem es sich womöglich um ein ganz normales Haus mit 17 Stockwerken handelt, die jeweils einem Menschen gewidmet sind, Dichter sind auch darunter … Ein Leuchten!

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Ganz anders ist Tobias Roths neuer Gedichtband „Grabungsplan“. Jedes Kapitel wird mit einem italienischen Zitat eingeleitet. Schon hier spürt man Roths Faible für italienische Lyrik, Kunst und antike Mythologie und der Titel weist auch gleich auf archäologische Expeditionen hin. Gleich der erste Text zeugt von großem Kunstverständnis. Mitunter ziehen sich auch italienische Zeilen durch die Verse. Wieder andere warten plötzlich mit oberbayerischem Dialekt auf. Die Gedichte sind oft von Natur durchdrungen, ohne dass es Naturgedichte wären. Es ist ein Schwanken zwischen Natur und Kultur.

„Der offene Kiefer der Gipfel reißt den
Wolken die durchhängenden Bäuche auf,
brotfarbene, dunkelblonde Wände und
unterhalb der Geburtsort Tizians …“

Einzelne Verse mag ich sehr.

„Der Schnee und sein an die Lippen gelegter Finger,
wo der Marmor geboren wird, beweglich
im Wind, grünender Granit.“

Viele bleiben mir auch nach mehrmaligem Lesen fremd. Habe ich bei einem Gedicht dann doch eine Vorstellung davon, wo es hingehen könnte, bleibt mir gleich das nächste wieder verschlossen.

„Wir winseln vor uns all diese Industrien.
Analyse des Gewitters
vormittägliche Gesinnung,
das Übrige wissen vielleicht die Antipoden.“

Woran es liegt? Vielleicht an der teils (für mich) verrätselten Sprache (die mich jedoch sonst auch selten stört). Die überwiegende Anzahl der Texte gelangen nicht nach innen, sie berühren und erwecken nichts in mir. Nicht einmal Sehnsucht nach Italien, wo ich vormals viel Zeit verbrachte (Esther Kinsky hat das kürzlich mit „Hain“ im Handumdrehen geschafft). Als Stichwort hier würde ich „verkünstelt“ wählen. Gut, dass es einen Anhang gibt, in dem Namen und fachliche Begriffe erklärt werden. So erschließen sich einige Zusammenhänge. Vielleicht fehlt mir aber generell das detaillierte Hintergrundwissen.

Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

PS:
So schön die Bände aus dem Verlagshaus auch gemacht sind, mir ist mitunter die Schrift zu klein. Gerade Fußnoten oder Widmungen waren für mich (womöglich altersbedingt;-) kaum lesbar.

Esther Kinsky: Hain Suhrkamp Verlag

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Esther Kinsky kenne ich bisher vor allem von ihren Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, obgleich sie schon einige Romane und auch Lyrik veröffentlicht hat. Zum Beispiel hat sie John Clares „Reise aus Essex“ übersetzt. Dass sie sich mit dem sogenannten „Nature Writing“ beschäftigt, merkt man auch im neuen Roman „Hain“. Kinskys „Geländeroman“ besteht in der Tat vor allem aus Beobachtungen und Beschreibungen im „Gelände“. Es sind Momente der Achtsamkeit und der Hingabe. Die Autorin zeichnet, trägt Farben auf, sie entdeckt die Bildhaftigkeit der Sprache und wandelt alles in Ausdruck.

„Wörter rollten in der Hand wie Murmeln, versehrte Glasmurmeln mit stumpfer, zerkratzter Oberfläche und winzigen Scharten, gescheuert an Sand, Erde, Beton, am Glas anderer Murmeln. Ein kleines Klicken, wenn sie aneinander stießen, ein Geräusch, in das der ganze Körper angespannt horchte, ob es zu einem Bild wurde.“

Jedenfalls ist es ein Trauer-Tagebuch. Die Protagonistin ist in einer Situation der Trauer um M. Das spürt man als Leser in den ganz kleinen erzählten, eigentlich fast aufgezählten Dingen. Die Protagonistin lebt in die Dinge hinein. Sie lässt sich treiben und ist gleichzeitig enorm aufnahmefähig für Atmosphärisches, erblickt in Alltäglichem Geheimes und erzählt uns davon. Die genauen Beschreibungen mögen manchem/r Leser*in zu viel werden. Mir nicht. Ich genieße diesen Blick, denn es ist ein Blick des wahrnehmenden Innehaltens. Des Durchatmens, der Langsamkeit, der Zeitlosigkeit. Anfangs in dem kleinen italienischen Ort Olevano, nahe Rom. Genau gegenüber der Unterkunft, auf der anderen Talseite liegt der kleine Friedhof, der zentraler Punkt ihres Blickes wird. Ein Ort, an dem sie mit ihrer Trauer richtig ist.

„Ich stand Stunden am Fenster wie in einer Glocke, die sich über mich gestülpt hatte und mich in die Kindheit versetzte, als ich mich nachmittags und abends oft unfähig fühlte, etwas anderes zu tun, als aus dem Fenster zu sehen.“

Kinsky erzählt weiter und wechselt die Richtung. Zwar bleiben wir in Italien, aber nun werden Kindheitserinnerungen aufgerollt, die Familienreisen, nach Chiavenna, nach Rom und zu den Grabstätten der Etrusker, in denen der Vater eine dominante Rolle spielt. Hier kommt Kinsky ab vom Beschreibenden, hier kommt erinnertes Erzählen. Hier sind wir dichter am Leben. Der Vater ist italophil, interessiert sich rege für die Kunst und die Sprache.

„Dieses langsame Buchstabieren an der Stadt Rom fiel in den Abschnitt des Heranwachsens, in dem ich – wie jedes Kind irgendwann – fast unvermittelt, von einem Zufall angestoßen, die Welt ohne mich erkannte.“

Von seinem Tod wird hier ebenfalls berichtet, von dem Verlust eines Vaters, der gegen Ende des Lebens so ganz anders war, als bei den Familienausflügen. Es ist ein seltsamer Nähe/Distanzwechsel zwischen Tochter und Vater, der nicht aufgelöst wird. Dennoch oder gerade darum führen die nächsten Reisen nach Ferrara und in die ehemaligen Salinen am Meer nach Comacchio, wo die eintönige Landschaft des Po-Deltas zahlreiche Vogelarten beheimatet und schließlich nach Ravenna, wo die Mosaiken an die kulturgeschichtlichen Ausführungen des Vaters erinnern.

„Manchmal ging er auch aus, aber nur kurz, zu seinen nachtlangen Abwesenheiten fehlte ihm in Rom wohl der Mut, oder er spürte die Kleinheit, die er sich an den Sehenswürdigkeiten zugezogen hatte.“

Kinsky ist auf den Spuren des Zerfalls und findet in Italien weitab der Touristenströme außerhalb der Saison im Herbst und Winter einen Raum, ihre ganz eigene Trauerlandschaft und ich mag diese Art an den Tod geliebter Menschen heranzugehen. Es ist vielleicht die beste Art mit den Toten zu kommunizieren, bis das Neue, das Alte ablöst.

„Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen. Messer oder Schere – was schneidet glatter? Eine müßige Frage, die sich ohnehin erst Jahre nach dem Ereignis stellt, etwa bei nachträglichen Flickversuchen an dem durchtrennten Band.“

Ich habe diesen Roman in mein Herz geschlossen, vor Genuss sehr langsam gelesen. Es begann eigentlich schon mit dem Titel und der Covergestaltung. Und dann bin ich in Kinskys Sprache gefallen und habe mich aufgehoben gefühlt. Zudem haben mich diese Streifzüge durch italienische Landschaften an eigene unzählige Italienreisen erinnert. Sogar die Besuche auf Friedhöfen mit den vielen Plastikblumen, aber auch die der Etruskergräber sind mir geläufig. Ich freue mich sehr über einen Roman, der mit seinem Inhalt sicher nicht jeden Leser erreichen wird, manche ab- oder verschrecken lässt aufgrund der melancholischen Grundstimmung. Ich fühle mich in diesem Roman sehr wohl. Ein Wunder und ein Glück, dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein sehr ausführliches aktuelles Interview mit Esther Kinsky gibt es beim Deutschlandfunk .
Sie steht außerdem auf der SWR-Bestenliste im März auf Platz 1.
Eine weitere Besprechung findet sich auf Blog letteratura.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nachtrag: 
Seltsam eigentlich, dass mich Kinskys Roman an den thematisch grundlegend anderen Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann erinnert, den ich kurz zuvor las. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Geschichten eine Hauptperson, die sich treiben lässt, verloren, irritiert und in Trauer. Und nicht zuletzt haben beide jeweils eine phantastische Sprache dafür gefunden.