Ayelet Gundar-Goshen: Wo der Wolf lauert Kein & Aber Verlag

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Nach „Löwen wecken“ ist dies mein zweiter Roman der Israelin Ayelet Gundar-Goshen. Die Autorin greift brisante Themen auf, in denen sich menschliche Verhaltensweisen in Extremsituationen spiegeln. Das ist hochinteressant und spannend zu lesen, wobei mir Löwen wecken etwas besser gefiel, was vielleicht am für mich interessanteren Thema lag. Was ich jedoch immer wieder feststelle bei Autoren aus Israel – erst kürzlich las ich auch den sehr empfehlenswerten neuen Roman „Siegerin“ von Yishai Sarid – ist, dass in Israel im Lebensalltag Waffen, Militärdienst und Krieg eine offenbar große, ja selbstverständliche Rolle spielen. Etwas, was mich irgendwie sehr erschreckt. War es in „Siegerin“ die Militär-Psychologin, die Soldaten beim Töten und den traumatischen Folgen unterstützen soll, so ist es hier der ehemalige Soldat Uri, der für Jugendliche Kurse in Krav Maga, einer israelischen Selbstverteidigungsart gibt, unter dem Motto „Bevor dich ein anderer tötet, töte du ihn“. Und auch in Zeruya Shalevs neuem Roman „Schicksal“, den ich als Hörbuch höre, wird gleich in den ersten Abschnitten von der Militärausbildung des Sohns gesprochen.

Lilach und Michael Schuster sind von Israel in die USA ausgewandert, um eine ruhigeres Leben für sie und den kleinen Sohn Adam zu finden. Michael tritt eine gut bezahlte Stelle im Silicon Valley in einer IT- Sicherheitsfirma an und wird rasch befördert. Lilach kümmert sich um das Haus und den mittlerweile 16 Jahre alten Sohn und arbeitet ehrenamtlich in einem Altenheim. Doch auch hier im bunten Kalifornien sind Juden nicht vor Anfeindungen geschützt. Das erste Mal wird ihre Sicherheit erschüttert, als es in einer Synagoge der israelischen Gemeinde zu  einem antisemitischen Anschlag kommt. Ein junges Mädchen stirbt.

Beim zweiten Mal sind die Schusters unmittelbar betroffen, als ein Mitschüler Adams bei einer Party stirbt. Wie sich bei den polizeilichen Ermittlungen herausstellt waren Drogen im Spiel. Auch Adam gerät in den Fokus der Ermittlungsbeamten, da er nicht gut auf den schwarzen Jamal zu sprechen war. Lilach versucht alles, um ihren Sohn zu schützen, aber auch alles, damit er sich ihr anvertraut. Doch der öffnet sich neuerdings nur seinem Trainer Uri, den er sich als großes Vorbild auserkoren hat. Uri freundet sich auch mit Adams Vater an und Michael bringt ihn in seiner Firma unter, mehr oder weniger aus Dankbarkeit, dass sich Uri so gut um seinen Sohn kümmert. Michael freut es, dass Adam endlich nicht nur am Computer sitzt, sondern nun lernt, sich körperlich gegen andere zur Wehr zu setzen.

Lilach verhält sich ziemlich überbehütend und kommt gleichzeitig ihrem Sohn nicht nahe. Sie schafft es nicht, zu erfahren, was wirklich am Abend der Party geschah. Uri wird immer wichtiger für die Familie, wird sogar zum Wochenendausflug eingeladen. Als Michael auf Dienstreisen ist, quartiert er sich im Haus ein und wirkt als Beschützer. Was zunächst durchaus hilfreich ist, denn die islamische Clique von Jamal verdächtigt Adam und schreckt auch nicht vor direkten Bedrohungen und handgreiflichen Einschüchterungsversuchen zurück.

Was für eine Rolle Uri in dieser Geschichte wirklich spielt, zeigt sich, als die Familie nach einem Trauerurlaub wegen des Todes von Michaels Mutter aus Israel zurückkehrt …

Ich fand den Roman anfangs etwas lang gezogen, erst im letzten Drittel gewinnt die Geschichte wirklich an Fahrt. Sprachlich gibt es hier keine großen Highlights. Doch die überraschenden Kapitelanfänge sorgen für Spannung. Gundar-Goshen hat einen leicht lesbaren Roman zu einem brisanten Thema geschrieben, der jedoch an manchen Stellen wichtige Fragen offen lässt. Ob das absichtlich so konstruiert ist, habe ich nicht herausbekommen.

Das Buch erschien im Kein & Aber Verlag und wurde von Ruth Achlama übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Ein klein wenig hat es mich auch an Ben Lerners „Topeka Schule“ erinnert, bei dem es auch um den Tod eines Schülers geht, wenngleich es sprachlich eine viel größere Herausforderung ist.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Minka Pradelski: Es wird wieder Tag Frankfurter Verlagsanstalt

Minka Pradelskis Roman „Es wird wieder Tag“ zeugt einmal mehr von der schrecklichen Grausamkeit in den Konzentrationslagern der Nationalsozialisten. Die Idee zu diesem Roman kam der Autorin, die für die USC Shoa Foundation arbeitet, bei berührenden Begegnungen mit Überlebenden. So erzählt die Autorin von ihrer Hauptfigur Klara, die sich an ihre Zeit in den Lagern erinnert, aber auch von den folgenden Bedingungen als „Überlebende“.

Die Geschichte beginnt allerdings 1946 in Frankfurt am Main mit der Geburt von Klaras Sohn Bärel, der diesen ersten Teil des Romans mit neunmalkluger Baby/Kleinkindstimme auch selbst erzählt. Er selbst erlebt im „Sportwagen“ sitzend die schlimme Begegnung der Mutter mit einer ihrer Peinigerinnen im Arbeitslager.

Vollkommen retraumatisiert ist Klara nach dieser Begegnung kaum mehr fähig sich um den Sohn zu kümmern und verfällt in eine tiefe Depression. Ihr Ehemann fordert sie schließlich auf, nachdem andere Möglichkeiten nicht halfen: Schreib es aus dir heraus! Erzähle es im Schreiben! Und das tut Klara schließlich und wir lesen mit. So ist das zweite Kapitel dann auch aus der Sicht von Klara erzählt.

So erfahren wir von „Liliput“, der KZ-Oberaufseherin in einem polnischen Lager, in der Klara als Zwangsarbeiterin lebte, nachdem sie Auschwitz entrinnen konnte, weil sie gesund genug aussah, um arbeiten zu können. In diesem Lager erlebt sie Unbegreifliches, aber auch die Solidarität italienischer Strafgefangener und schließlich dann auch die Befreiung durch die Rote Armee.
Sie schreibt auch über die Umstände ihrer Flucht als junges Mädchen, die die Eltern ermöglichten, um sie zu schützen, die sie jedoch in neue ungute Abhängigkeiten bringt. Sie bekommt Hilfe, wird aber ebenfalls ausgenutzt und hinters Licht geführt und lebt mehr und mehr in Angst. Letztlich kann sie ihre Identität nicht länger verschleiern und wird als Jüdin identifiziert. Diese Szenen sind die eindringlichsten im Buch.

Im Kapitel, das aus der Sicht von Klaras Ehemann erzählt wird, den sie selbst zunächst nur beim Nachnamen nennt, so fremd bleibt er ihr, zeigt sich auch wieder das, was das große Thema dieser Zeit war, die Verdrängung des Erlebten, das Fernhalten der Grausamkeiten, der unbedingte Wunsch und das Streben nach dem besseren Leben. Von Leon Bromberger erfahren wir nur über die Zeit nach dem Krieg. Er lässt Gefühle nicht zu, obwohl auch er seine gesamte Familie verlor, schirmt sich ab und stürzt sich in das neue Leben, was bei ihm soviel heißt wie, Geld verdienen, reich werden, Familie gründen und versorgen. Nie mehr in Lumpen, nie mehr hungern. Erst Klaras Krankheit nach der Begegnung mit Liliput, lässt ihn sich etwas öffnen, weicher werden, Gefühle Klara gegenüber empfinden.

Die Geschichte zeigt auch, wie es war „Überlebende/r“ zu sein im Nachkriegsdeutschland. Wie es war im amerikanischen Lager für Displaced Persons und welche Zukunft überhaupt möglich war. Dass das Zurückblicken anhand des großen Leids und Verlusts kaum möglich war, macht die Autorin anhand ihrer Hauptfiguren deutlich klar. Sie erzählt ihre Geschichte in einfacher Sprache. Den etwas künstlich wirkenden Erzählstrang aus Sicht des Neugeborenen fand ich eher anstrengend zu lesen. Möglicherweise hat er aber hohen Symbolgehalt, da Bärel, das erste jüdische Kind in der Frankfurter Klinik ist, das nach dem Krieg geboren wurde.

Minka Pradelski, 1947 selbst in einem Lager für Displaced Persons in Deutschland geboren, ist Tochter von Überlebenden des Holocaust. Ihr Roman erschien in der Frankfurter Verlagsanstalt. Ein Interview mit der Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Yishai Sarid: Monster Kein & Aber Verlag

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„Was arbeitest du, Papa?“ fragte er. […] „Es gab mal ein Monster, das Menschen getötet hat“, antwortete ich. „Und du bekämpfst es?“, fragte Ido begeistert. „Es ist schon tot“, versuchte ich ihm zu erklären, „es ist ein Monster der Erinnerung.“

Der israelische Autor Yishai Sarid hat einen Roman geschrieben, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er in seinem Heimatland Aufsehen erregte. Den Titel „Monster“ finde ich trotz des obigen Schlüssel-Zitats nicht ganz so gut gewählt. Im Original lautet der Titel des dort bereits 2017 erschienenen Buches sicher treffender.

Die ganze Geschichte besteht aus einem langen Brief an den Direktor von Yad Vashem, Leiter der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Geschrieben wird er von einem jungen israelischen Familienvater aus Tel Aviv, der lange Zeit als Guide für Yad Vashem für die KZ-Gedenkstätten in Polen tätig war. Eigentlich wollte er sich mit diesem Nebenjob nur etwas dazuverdienen, denn Frau und Sohn müssen versorgt werden, doch verbringt er immer mehr Zeit in Polen. Seine Doktorarbeit mit dem Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ macht ihn zu einem gefragten Experten. Zunächst läuft alles gut, obwohl er durch die Arbeit immer länger von seine Familie in Israel getrennt ist, vor allem der kleine Sohn ihn vermisst. Doch seine Tätigkeit bleibt nicht ohne Folgen. Der Mann, der Schulklassen, Soldaten und Touristen durch die Lager führt, tagein tagaus kaum etwas anderes sieht und hört, als die grausame Vergangenheit, kommt an seine Grenzen.

„Sie waren in die Staatsflagge gehüllt, trugen Kippas und liefen zwischen den Baracken umher, voller Hass – nicht auf die Mörder, sondern auf die Opfer. Es war schwer zu fassen, diese Jungs schwiegen bei den abendlichen Gesprächen, und doch verstand ich sie völlig, ganz und gar, bis zum Ende.“

Er, der anfangs souverän und sachlich an die Arbeit ging, reagiert immer empfindlicher, er hat Aussetzer, hört Stimmen, sieht die ermordeten Lagerinsassen, versucht in seinen Touren Tiefe zu vermitteln. Denn er erfährt, dass die furchtbaren Taten, die Erinnerungsgeschichte, heutzutage sogar mit möglichst großen Effekten aufbereitet und vermarktet werden. Sei es das Computerspiel, vielmehr „die Simulation für rein pädagogische Zwecke“, an dem er mitwirken und sein detailliertes Wissen einbringen soll, sei es eine Gedenkveranstaltung zum 75-jährigen Jahrestag der Wannseekonferenz, die vom Militär mithilfe seiner Kenntnisse zu einer groß inszenierten „Show“ in einem der polnischen Lager vorbereitet wird.

„Das wird ein Computerspiel, sagte ich zu meinem Mann, der für die Lager zuständig war, und als ich beharrte, erklärte er „Wenn Sie unbedingt wollen, kann man es so nennen. Die Leute mögen grausame Spiele.“

Er hält durch, macht mit. Bis die aufgestauten Gefühle, die Trauer, die Wut, sich nicht mehr kontrollieren lassen und sich in einem Akt der Gewalt ihren Raum nehmen …

Der Held ist eine nicht immer sympathische Romanfigur, was es nicht leicht macht, ihm in seinen Gedankengängen gern zu folgen. Trotzdem muss man zugeben, dass er doch immer wieder kluge Fragen stellt. Fragen, die allerdings den Besuchern unangenehm werden, mit denen er vor allem auch die Schulklassen überfordert und mit denen er nicht zuletzt bei seinem Arbeitgeber aneckt. Er schafft es, zu provozieren. Traut sich in solch einem sensiblen Rahmen, die Frage nach der (Mit-)Schuld und der Opferrolle zu stellen. Vor Jugendlichen, vor Soldaten. Ich denke, dass hier die Lesart dieses Romans eine komplett andere ist, als die der Leser in Sarids Heimatland. Es ist ein schwer lastendes, dennoch irgendwie stilles, wenngleich beeindruckendes Buch.

Der Roman „Monster“ des 1965 geborenen israelischen Rechtsanwalt und Autor erschien im Kein & Aber Verlag. Übertragen aus dem Hebräischen wurde er von der verdienten Übersetzerin Ruth Achlama. Im Anhang findet sich ein kleines Glossar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Stewart O`Nan: Stadt der Geheimnisse Rowohlt

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Der neue Roman des US-Amerikaners Stewart O`Nan spielt in Jerusalem. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, die Staatsgründung Israels nicht mehr fern. In der Stadt geht es drunter und drüber. Zionistische Untergrundgruppierungen wie Irgun und Hagana ziehen die Fäden. Oberflächlich ist Jerusalem die heilige Stadt der drei Religionen, Touristen kommen und gehen, Kibbuz werden ringsum gegründet. Überlebende des Holocaust und des Krieges, Geflohene, versuchen Fuß zu fassen und alle Schrecknisse hinter sich zu lassen. So auch Jossi, dessen gesamte Familie, lettische Juden, die Vernichtungaktionen der Deutschen nicht überlebt hat. Er arbeitet als Taxifahrer, zumindest offiziell. Doch in Wirklichkeit hat er sich einer Zelle angeschlossen, die gegen die britische Mandatsregierung agiert und dabei auch Anschläge und Morde nicht scheut. Er, der das Lager nur überlebt hat, weil er Mechaniker ist, lernt nun auch Sprengkörper zu bauen. Zu verlieren hat er ohnehin nichts, seine Lagererfahrung hat ihn zu einem gebrochenen Menschen gemacht und so macht er mit, vielleicht auch, um sich nicht ganz so einsam zu fühlen. Die Gruppe scheint zunächst Halt zu geben.

Seine Mitstreiterin in Sachen Untergrund, die in die Jahre gekommene Schauspielerin Eva, die zeitweise als Prostituierte (und Spionin) arbeitet, wird seine Geliebte. Im Taxi chauffiert er sie ins King David Hotel zu ihren „Terminen“. Beide wissen, dass es eher eine „Ersatzbeziehung“ ist, das die verstorbenen Ehepartner beider, nicht zu ersetzen sind. In seinen Träumen taucht wiederholt seine Frau Katja auf, die im heimischen Krähenwald mit dem Rest der Familie erschossen in einem Massengrab endete.

Nach verschiedenen gelungenen Einsätzen wird Jossi stolz auf sein Tun, doch näher eingeweiht, wie etwa Eva, wird er in die Planungen nicht. Und Eva verschweigt viel. Nicht immer läuft alles nach Plan. Jossi hadert oft mit der brutalen Gewalt, wird mehrmals auf eine Bewährungsprobe gestellt, sogar einmal kurz verhaftet. Warum er wieder freikommt, weiß er nicht. Die Männer seiner Zelle sind undurchschaubar in ihrer Geheimhaltung. Als eines Tages ein großer Coup gelandet werden soll, wird Jossi absichtlich nicht eingeweiht: In dieses Fall übernimmt Eva einen wichtigen, jedoch gefährlichen Part …

O`Nans Sprache ist leicht und flüssig. Er ist ein gekonnter Erzähler, das Buch unterhaltsam. Doch es ist ganz sicher nicht einer seiner besten Romane. Die beiden vorhergehenden „Die Chance“ und „Westlich des Sunset“ kann ich sehr empfehlen. Als Schauplatz des Romans macht sich Jerusalem allerdings sehr gut, die Handlung ist nah an tatsächliche Ereignisse angelehnt. Kurz war ich an Amos Oz erinnert, doch sind Oz`Romane bedeutender. „Stadt der Geheimnisse“ erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat Thomas Gunkel. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Maxim Biller: Sechs Koffer Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Mal sehen, ob Maxim Billers hohe Ansprüche, was gute Literatur angeht, auch auf seinen eigenen Roman zutreffen, dachte ich mir, als ich „Sechs Koffer“ zu lesen begann. Leider, gleich vorweg, kann ich nichts finden, was diesen Roman als besonders anspruchsvoll auszeichnet. Weder inhaltlich noch sprachlich hat er mich in Gänze überzeugt. Zwischendurch hat er mich sogar gelangweilt und nach der Lektüre ist die Geschichte schnell vergessen. Das macht Arno Geiger besser, das kann Ralf Rothmann besser, Uwe Timm und auch Christoph Hein, die alle ähnliche Themen in ihren Romanen bearbeiten.

Die Geschichte, die sich rund um den in der Sowjetunion wegen seiner Schmugglergeschäfte hingerichteten Großvater des Erzählers (aka Autor) dreht, ist zeitweise leicht konfus. Es geht darum, wer in der Familie den Großvater verraten hat, ihn an die Obrigkeit ausgeliefert hat, wer für seinen Tod verantwortlich ist und es geht darum, wer mit wie vielen Dollarscheinen durch den eisernen Vorhang gen Westen flüchten wollte. Der Enkel versucht die ewig unter Verschluss gehaltenen Wahrheiten zu erforschen und aufzudecken. Vater und Mutter, drei Onkel und eine Tante könnten dabei die Finger im Spiel gehabt haben. Jeder Leser kann letztlich anhand der „Aussagen“ selbst entscheiden, wer der Schuldige ist. Ganz klar ist es aus der Geschichte nicht herauszulesen.

Der Roman spielt teils in der Tschechoslowakei, später in Hamburg und Zürich und wechselt dauernd die Zeiten, einmal 1965, dann 1978.  Keine der Figuren kommt mir nahe. Keine berührt mich oder bleibt im Gedächtnis haften. Auch ist nicht immer klar, aus wessen Perspektive eigentlich erzählt wird. Interessant immerhin, dass Biller versucht den 15-Jährigen eine zeitlang anhand einer Brechtlektüre (Flüchtlingsgespräche) durch seine Suche auf den Spuren der Familie zu führen.

Ich finde den Roman trotz seiner Thematik weder tragisch noch eindringlich, ab und an klingt ein wenig trockener Witz hindurch. Nichts jedoch, was einen hohen Anspruch an Literatur erfüllen könnte. Schade, ich hatte mir mehr erhofft.

Im Literarischen Quartett und auch im Feuilleton so wie bei vielen Buchbloggern ist er durchweg besser angekommen. Etwa bei „Die Buchbloggerin“.

Der Roman steht auf der Longlist, ist also nominiert für den Deutschen Buchpreis. Er erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Moische Kulbak: Die Selmenianer Die andere Bibliothek

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„Selmenianer sind schwarzhaarig und knochig gebaut. Sie haben eine breite, niedrige Stirn, fleischige Nasen und Grübchen in den Wangen. Im Allgemeinen sind sie ruhig und schweigsam und sehen jeden von der Seite an, es gibt aber, vor allem in der jüngeren Generation, auch solche, die kühn oder sogar frech reden können.

„Die Selmenianer“ ist ein Band aus der kunstvoll gestalteten Reihe „Die andere Bibliothek“. Bereits in „Montag“  hat mich Moische Kulbaks fabelhafte Sprache begeistert. Auch der Gedichtband „Childe Harold aus Disna“ aus der Edition Fototapeta ist ein Kleinod. Der Wagenbach Verlag wird in diesem Frühjahr ebenfalls einen Roman herausgeben. Schön, dass Kulbak wieder aufgelegt und gelesen wird. Er ist ein glänzender Geschichtenerzähler. Bereits auf der zweiten Seite begann ich besonders gelungene Passagen anzustreichen. Kulbak hat einen Humor, der seinesgleichen sucht. Eher naiv muten seine Texte anfangs oft an, bis die Sprache sich vollends verzweigt, ausdehnt und zum großen Lesegenuss wird.  Hellstes selmenianisches Leuchten!

Die Selmenianer sind eine jüdische Sippe, deren Urvater Reb Selmele aus dem tiefsten Russland stammt. Mit Bobe Basche gründet er eine weit verzweigte Großfamilie, die auf dem Rebsehof bei Minsk zusammen lebt und sich doch nicht immer ganz koscher ist. Einige Hauptprotagonisten zeichnen sich beim fortschreitenden Lesen ab, wobei man mit den Namen sehr aufpassen muss, um sich zurechtzufinden: Die Brüder Itsche, Sische, Juhde und der Außenseiter Folje (der als Kind gekränkt wurde), deren Frauen Gite und Malke, deren Söhne, der schlaue Falke und der lebensmüde Zalke und die Töchter Tonke, Chaje und Sonja etc.

„Ihr zufolge hat Bobe Basche die Welt nicht auf natürliche Weise verlassen, sondern ist von einem Tisch gefallen, was bei einem so alten Menschen einem Sturz aus dem zehnten Stock gleichkommt.“

Wir erleben Familienzwist und Unstimmigkeiten, wenn beispielsweise Tochter Sonja heimlich einen Goj heiratet oder Falke nicht nur die Elektrizität auf den Hof bringt, sondern auch noch das Radio. Überhaupt sind die Jungen – Kulbak nennt sie Taugenichtse –, die, die sich fürs Moderne begeistern, die, die sich gegen die alten (religiösen) Traditionen auflehnen z.B. nach der Geburt eines Sohnes gegen das Beschneiden oder gar das Feiern des Pessach-Festes.

„– Sag mal Mottele, wann müssen wir sterben? –, fragte Lipe, das Kindergartenkind.
– Das dauert noch–, antwortete Mottele, – vorher müssen wir noch heiraten, danach in den Krieg ziehen und dann den Ernteertrag erhöhen.“

Alle in der Familie haben ihre Eigenheiten, so etwa einer der oft seufzt, dass es wie ein Wiehern klingt, der andere, der in Ohnmacht fällt, wenn er nicht mehr weiter weiß und wieder einer, der sich von Zeit zu Zeit umbringen will, dem es aber nie gelingt. Einer verlässt den Rebsehof und wird „fast ein Kolchosearbeiter, mit dem typischen Heuduft, aber noch grün hinter der Schläfenlocke und mit langem Kaftan.“

Es ist ein sehr sinnliches Buch. Die Selmenianer duften nach Heu, ein Apfel erfüllt die Küche mit seinem Geruch nach Wein. Der Schnee liegt rosa, die Nacht unendlich tintenschwarz. Durch Wiederholungen intensiviert Kulbak oft bestimmte, wichtige oder skurrile Passagen. Und dennoch ist er ein unzuverlässiger Erzähler, ganz wie die Selmenianer selbst, deren Gerüchteküche unentwegt brodelt. Er wechselt die Jahreszeiten unverblümt wie er es braucht, es ist erschreckend oft Winter, und auch Totgeglaubte stehen mitunter wieder auf. Der Erzähler selbst warnt auch immer wieder, man möge das Erzählte lieber überprüfen.

„In Österreich, einer Art Deutschland, war Onkel Folje als Kriegsgefangener.“

Und es ist vor allem auch ein witziges Buch. Ein Buch dessen Tiefe sich zunächst versteckt und erlesen werden will. Es ist auch ein kritisches Buch. Revolutionskritisch, sowjetkritisch, doch eben nicht auf den ersten Blick. Kulbak, der anfangs noch an die revolutionäre Idee glaubte, unterteilt seinen Roman in zwei Bücher. Während es im ersten Teil zumeist um die innerselmenianischen Belange geht, dringt in Teil zwei die äußere Welt, die moderne, die politische, in die kleine Selmenianerwelt ein. Als dann schließlich Zalkes erneuter Suizid klappt, ist das auch gleichzeitig ein Symbol des Endes des Rebsehofes und damit der Selmenianer. Der Hof wird zur Fabrik umgebaut.

In der Sowjetunion erschien Kulbaks Roman erstmals 1971, allerdings zensiert. Mehr über den 1896 geborenen Autor, der 1937 in einem Schauprozeß zum Tode verurteilt wurde, kann man im aufschlussreichen Nachwort von Susanne Klingenstein und auf der Verlagsseite lesen. Übersetzt aus dem jiddischen wurde der Roman von Niki Graça und Esther Alexander-Ihme.

„Die Selmenianer“ ist natürlich auch äußerlich wieder ein kleines Kunstwerk. Das nachtblaue Vorsatzblatt, das feine Papier, fadengeheftet und die kleinen Zeichnungen am Anfang und Ende des Buches, welches der Berliner Illustrator Christian Gralingen gestaltet hat, sind Augenschmaus.

Mit Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.