Irmgard Keun: Nach Mitternacht Claassen Verlag

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„Ein Deutschland mit unfrohen rohen Gesängen und drohenden Rundfunkreden, mit der künstlichen Dauer-Ekstase von Aufmärschen, Partei-Tagen, Heil-Jubeln und Feiern. Ein Deutschland voll berauschter Spießbürger. Berauscht, weil sie es ein sollten – berauscht, weil man ihnen Vernunftlosigkeit als Tugend pries – berauscht, weil sie gehorchen und Angst haben durften und berauscht, weil sie Macht bekommen hatten.“

So schreibt Heinrich Detering im Nachwort des Romans über das, was Irmgard Keun 1947 zu ihrem Buch sagte, was sie darin hatte zeigen wollen. Nun wurde „Nach Mitternacht“ neu aufgelegt mit einem wunderbaren Cover, welches der Roman auch bei der ersten Auflage im Jahr 1937 beim Exilverlag Querido in Amsterdam trug. Die 1905 in Berlin geborene Autorin hatte mit ihren Romanen großen Erfolg, besonders mit „Das kunstseidene Mädchen“, musste aber aufgrund der Verbote durch die Nationalsozialisten 1936 ins Exil gehen. Unter anderem ging sie nach Oostende, wo sie auf Josef Roth traf und mit ihm eine Beziehung einging. Sie kehrte 1940 wieder nach Deutschland zurück und lebte mit falschen Papieren aber unerkannt bis 1945 in ihrem Elternhaus in Köln. Nach dem Krieg dauerte es, bis ihre Literatur wieder bekannter wurde. Erst in den Siebziger Jahren wurde sie erneut entdeckt.

Was ich an Irmgard Keuns Romanen so liebe, ist dieser frische, oft naiv aber doch frech anmutende Ton in ihren Texten. Sie erfindet schöne Wortkombinationen, die für mich auch als eine Art Erkennungszeichen fungieren:

„Noch nicht mal mein Haar leuchtet. Es hat eine blonde Farbe, die schläft.“
oder
„Am liebevollsten konnte der Franz es sagen: „Sanna“. Weil er ja überhaupt so langsam und samtig denkt.“
oder
Leise plätscherten ihre Gespräche, es hörte sich an, als regne es im Lokal.“

Die Geschichte um die 19-jährige Susanne, Sanna genannt, spielt innerhalb 48 Stunden in Frankfurt am Main des Jahres 1936. Sanna wohnt dort bei Algin, ihrem Stiefbruder, der bis zur Machtübernahme der Nazis ein bekannter und oft gelesener Schriftsteller ist und seiner Frau Liska in recht wohlhabenden Verhältnissen. Vorher lebte sie bei Ihrer Tante Adelheid in Köln, einer verbitterten Frau, deren Sohn Franz nun allerdings ihr Liebster ist. Sanna musste dort weg, weil die eigene Tante sie bei der Gestapo denunziert hatte und sie nur mit viel Glück nach dem Verhör frei gelassen wurde. Sie hatte ganz unbedarft etwas über die Reden des Führers gesagt, was nicht gut ankam.

„Durch die Diktatur ist Deutschland ein vollkommenes Land geworden. Ein vollkommenes Land braucht keine Schriftsteller. Im Paradies gibt es keine Literatur. Ohne Unvollkommenheiten gibt es keine Schriftsteller und keine Dichter. Der reinste Lyriker bedarf der Sehnsucht nach Vollkommenheit. Wo Vollkommenheit ist, hört die Dichtung auf. Wo keine Kritik mehr möglich ist, hast du zu schweigen.“

In Frankfurt nun ist ihre kleine Welt, die Wohnung von Algin und seiner Frau Liska und deren Freunde und Bekannte. Der Brief von Franz, der eines Tages nach langer Schreibpause eintrifft, lässt sie hoffen, dass er nun nach Frankfurt kommt und ihr gemeinsames Leben doch endlich beginnen könnte. Am gleichen Tag wird der Führer in Frankfurt erwartet, der Opernplatz fühlt sich mit Menschenmassen, während Sanna mit ihrer Freundin Gerti durch die Straßen, Cafes und Kneipen streift. Für die Wartenden wird es eine Enttäuschung, denn Adolf Hitler fährt mit großem Troß durch die gesperrten Straßen, hält jedoch nicht an, die erwartete Rede fällt aus.

„Jetzt heult die Gerti plötzlich los, weil sie den jungen Aaron heute nicht getroffen hat, ich muss sie trösten. So ein Mädchen verliebt sich nun ausgerechnet in einen verbotenen Mischling, wo es doch immer noch Männer gibt, die von der Behörde erlaubt sind.“

Aus Sannas Erzählungen erfahren wir, wie sie, die eigentlich unpolitisch ist, sich mit der „Weltanschauung“ der Nationalsozialisten auseinandersetzen muss. Durch ihre Offenheit und Direktheit ohne Hintergedanken eckt sie mitunter an. Aus verschiedenen Blickwinkeln wird die Situation beleuchtet. Während die Deutschen immer hitlerhöriger werden, verstummen kritische Stimmen, freiwillig oder gezwungenermaßen, während jeder jeden aus den geringsten Gründen denunzieren kann, glauben viele Juden nicht, dass es für sie wirklich gefährlich werden wird.

Keun erzählt davon beeindruckend, oft mit herrlichem Witz, Esprit und Ironie, die trotz des schweren Themas vollkommen angemessen und passend erscheinen. Sie hatte eine echte Gabe fürs Erzählen. Die Protagonistin Sanna, die sich selbst immer als sehr unwissend und einfach sieht, und auch nicht schön genug im Verhältnis zur Freundin Gerti etwa, darf durch das sichere Wissen und Begreifen der Autorin hindurchstrahlen. Sie schafft es auch geschickt, Männer zu entlarven, Männer, die oft groß tun und behaupten sehr viel Wissen und Erfahrung zu haben und dann doch nur in der Kneipe alkoholisiert groß daherreden. Das durchschaut auch Sanna und da passt der ruhige Franz ja eigentlich dann doch am besten zu ihr.

Franz kommt wirklich nach Frankfurt, nach Mitternacht, als ein großes Fest im Haus von Algin und Liska stattfindet. Doch er kommt nicht zum Feiern, er hat Schlimmes mitzuteilen. Ihre gemeinsame Zukunft, sofern sich Sanna wirklich dafür entscheidet, scheint unter keinem guten Stern zu beginnen …

„Wir leben nun mal in der Zeit der großen Denunziantenbewegung. Jeder hat jeden zu bewachen, jeder hat Macht über jeden. Jeder kann jeden einsperren lassen. Der Versuchung, diese Macht auszuüben, können nur wenige widerstehen. Die edelsten Instinkte des deutschen Volkes sind geweckt und werden sorgsam gepflegt.“

Ich habe den Roman als sehr zeitgemäß empfunden und finde ihn gerade auch als Einstieg in Keuns Literatur geeignet, obgleich er wesentlich düsterer ist und schwerer wiegt, als beispielsweise „Das kunstseidene Mädchen“ oder „Kind aller Länder“. Mir scheint, jedes ihrer Bücher hat einen ganz eigenen Reiz und ich lege die Lektüre jedem ans Herz.

Der Roman erschien im Claassen Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Juan Gómez Bárcena: Kanada Secession Verlag

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Gerade hat der Secession Verlag den großen Berliner Verlagspreis 2021 gewonnen, deshalb möchte ich noch einmal auf eines der grandiosen Bücher dieses wunderbaren Verlags besonders hinweisen. Es erschien bereits 2018, ist aber zeitlos:

Es ist ein Roman, zu dem sich kaum Worte finden lassen. Atemlos, gebannt, fast an einem Stück habe ich ihn gelesen. Und jetzt Sprachlosigkeit infolge des Raums und der Sprachlandschaft dieses Romans, der Fülle und zugleich der Leere …

Juan Gómez Bárcena war eine Empfehlung (damals von Alexander Weidel) vom Secession Verlag für Literatur. Ohne ihn hätte ich das Buch vermutlich nicht gelesen. Im Wust der Bücherfluten wäre er untergegangen. Ich bin froh, dass das nicht passiert ist. Mir wäre etwas entgangen, was für mich unvergleichlich gute Literatur ausmacht. Trotzdem oder gerade deshalb fällt es mir schwer über den Roman zu schreiben. Ich weiß jetzt schon, dass ich das nicht zu fassen kriege, was er transportiert in all seiner Bildhaftigkeit und was vermutlich bei jedem/jeder Leser/in ganz anders ankommt. Und ich weiß, dass es anderen bei der Lektüre ähnlich ging.

„Kanada ist eine Empfindung, ein Schütteln, ein Schlag, den man nicht verstehen kann und der aus diesem Grund niemals verschwindet, während dein Leben vor dem Krieg nur ein Konzept ist, eine Idee, die sich auflöst, sobald man sie erklärt.“

Zunächst klingt der Titel ganz harmlos. Kanada. Doch dann spielt der Roman in Ungarn. Und erst auf Seite 124, zumindest ich wusste es vorher nicht, erfahre ich von den Erlebnissen des Protagonisten in „Kanada“. Gemeint ist nicht das Land in Übersee. Furchtbare traumatisierende Erfahrungen macht dieser Mann und kann nicht wieder in sein Leben zurück, weil er eigentlich nicht mehr lebensfähig ist. Was er durchgemacht hat, versteht niemand. Auch nicht der „nette“ Nachbar, der sich in der Zeit seiner Abwesenheit um das Haus gekümmert hat. Trotzdem wurde es geplündert. Dem/r Lesenden wird klar, warum. Die Stadt ist von den Bomben des Zweiten Weltkriegs völlig zerstört. Der Mann verkriecht sich im Haus. Anfangs glaubt der Nachbar, der ihm regelmäßig Essen bringt, dass er bald wieder anfangen wird zu arbeiten. Versucht zu vermitteln. Doch nach dem Krieg haben die Kommunisten das Land übernommen. Mit einer Arbeit wird es nichts. Der Mann zieht sich in sein ehemaliges Büro im Haus zurück und verlässt es nicht mehr, zieht sich immer mehr in sich zurück. Man erfährt, dass er ein Zahlengenie ist, dass er einmal Dozent war, ein versierter Astrophysiker. Dass er das Lager nur überlebt hat, weil er diese Begabung hat. Doch auch jetzt in der Freiheit kann er nur weiter dahinvegetieren, mehr Tier als Mensch. Der Nachbar quartiert im restlichen Haus Mieter ein und verdient Geld damit. Jahre vergehen. Das Kind der Nachbarin wird vom Säugling zum Schulkind. Wie viele Jahre wirklich vergehen, erfährt man erst, als es plötzlich Straßenkämpfe gibt, sowjetische Panzer durch die Stadt rollen. Es ist also der Ungarnaufstand 1956, als sich das Land gegen die Besatzungsmacht, die Sowjetunion auflehnt.

„Der Schuld lässt sich auf die ein oder andere Weise trotzen. Unschuldig zu sein, ist dagegen ein Gewicht, das dich zerquetscht. Unschuld stellt die ganze Welt bloß. Wenn es möglich ist, die härtesten Strafen grundlos zu erleiden, dann wird die  Wirklichkeit schuldig und verliert ihren Sinn –“

Der gebrochene Mann – nur ein einziges Mal erfährt man seinen Namen, János Kövári – nimmt kaum noch etwas außerhalb war, er fantasiert in Wahnvorstellungen, absurden Träumen oder sind es Retraumatisierungen? Erst am Schluss, als alles rückwärts läuft, scheint vollkommene Klarheit in den Mann zurückzukehren. Es ist wie ein Abspann. Er sieht sich und seine Familie unversehrt aus dem Zug aussteigen und ins Haus zurückkehren mit allen Koffern und sieht aus dem Fenster, wie der Nachbar den Schergen den Weg zu seinem Haus weist …

Die Entpersonalisierung oder Abspaltung wirkt besonders stark durch die Erzählform aus der Du-Perspektive. Und auch deshalb kommt mir die Geschichte besonders nah. Und tut weh. „Kanada“ ist ein Roman, der schmerzt, schmerzen muss, weil Literatur mitunter so sein muss. Große Literatur ist für mich keine, die unterhaltsam ist, sondern eine, die mich auch an meine Grenzen bringen darf. Das tut Bárcena mit diesem unfassbaren Buch. Und gerade deshalb leuchtet dieser Roman in all seinen Schrecken und seiner Düsternis.

Der Roman des 1984 in Spanien geborenen Juan Gómez Bárcena erschien im Secession Verlag für Literatur. Genial übersetzt wurde es von Steven Uhly. Er ist wie immer fein ausgestattet und fadengeheftet. Papiersorte und Schriftart kann man im Impressum nachlesen. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Bücher vom Secession Verlag auf meinem Blog:https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/10/21/steven-uhly-den-blinden-goettern-secession-verlag/

Stephen Uhly: Finsternis Secession Verlag

Eva Menasse: Dunkelblum Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Es geht sich aus! Es geht sich ganz wunderbar aus!
Viele Tassen Kaffee und einige Mehlspeisen lang hatte ich riesige Freude an dieser opulenten Lektüre. Eva Menasses neuester Roman „Dunkelblum“ scheint mir auch ihr bester bisher zu sein. Ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Roman Vienna, den sie damals 2005, ich war noch als Buchhändlerin tätig, im Café Einstein in Berlin bei einem köstlichen österreichischen Menü vorstellte. Seitdem sind einige weitere Romane erschienen, nicht alle davon habe ich gelesen, aber hier hat mich die Leseprobe schon absolut überzeugt. Auf über 500 Seiten breitet sie hier ein irres Panorama einer österreichischen Marktgemeinde aus, Dunkelblum genannt, aber angelehnt an die Geschichte des real existierenden Rechnitz im Burgenland. Über das „Massaker von Rechnitz“ kann man auf Wikipedia lesen, ich empfehle aber erst den Roman, denn von Menasse nachkonstruiert und auserzählt, ist es schon noch einmal etwas anderes.

1989: Es beginnt mit der Anreise des Dunkelblumer Lowetz, der sehr bald als junger Kerl dem Heimatort an der Grenze zu Ungarn den Rücken gekehrt hat und in der Hauptstadt lebt. Er kommt, um sich um den Nachlass seiner gerade gestorbenen Mutter zu kümmern, eine Verbindung zu ihr hatte er nicht mehr. Doch der Einzug ins Elternhaus und die Gespräche mit den alteingesessenen Dunkelblumern lassen ihn rasch wieder in den Ort eintauchen. Er lernt Flocke kennen, die Tochter des einzigen Bioweinbauern vor Ort, die auch nur zu Besuch ist und den Ehrgeiz hat eine Art Heimatmuseum aufzubauen; allerdings anders, als sich das die Einheimischen vorstellen. Der Reisebürobesitzer Rehberg, der an einer Dunkelblumer Chronik arbeitet und eben Lowetz` Mutter recherchierten mit ihr zusammen für dieses Projekt.

Etwa zur gleichen Zeit taucht auch ein vermeintlich Fremder namens Gellért auf, der sich augenscheinlich ebenfalls für die Dunkelblumer Geschichte interessiert, vor allem für die Zeit kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Er verwickelt die Bewohner freundlich in Gespräche und stellt Fragen. Viele können, oder vielleicht eher wollen, sich nicht mehr erinnern.

„Man tat, wie man geheißen wurde, und schwieg, so war das damals. Und später war es auch so.“

Gleichzeitig widmet sich eine Gruppe Wiener Geschichtsstudenten der Verschönerung des Jüdischen Friedhofs, der sehr lange sich selbst überlassen blieb. Die Studentin Martha begleitet die Aktion mit ihrer Kamera. Sie spielt später noch eine große Rolle gegen Ende des Romans.

Wir lernen nach und nach verschiedene Mitglieder der Ortschaft kennen. Menasse schafft es hier wunderbar die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten und auch in Bezug zu der persönlichen Familiengeschichte zu setzen. So wimmelt es bald von Namen und Persönlichkeiten, die man später nicht unbedingt immer zuordnen kann, aber das spielt so gar keine Rolle, weil die Lektüre einen einfach weitertreibt und vollkommen fasziniert über die Geschehnisse staunen lässt. Da gibt es beispielsweise die resolute Resi Reschen, die das Hotel Tüffer führt, in welchem sie ihre Lehre begann und welches sie nach der Flucht der jüdischen Eigentümersfamilie Tüffer eigenständig weiterführte.  Da gibt es die schöne Leonore, die aus einem Nachbarsort eingeheiratet hat und ehrgeizig mit ihrem Mann, dem Toni Malnitz, aus dem eigenen Weingut einen Biobetrieb mit anspruchsvoller Hotellerie gemacht hat. Sie ist auch die Mutter von Flocke, aber Malnitz ist nicht der Vater. Da gibt es den bald pensionierten Hausarzt Sterkowitz, der damals frisch aus dem Studium plötzlich die Arztstelle übernehmen musste, weil der ansässige jüdische Arzt Bernstein den Ort verlassen musste. Da ist Antal Grün, ein KZ-Überlebender, der wieder nach Dunkelblum zurückkehrt und einen Laden eröffnet. Da gibt es den phlegmatischen Bürgermeister Koreny, der sich mit dem Wasserwirtschaftsamt herumschlägt, den öko-angehauchten Faludi-Bauer und den Obstbauer, den geflickten Schurl und viele andere mehr. Es ist ein großes Vergnügen zu lesen, wie die Autorin hier mit der Sprache und den speziellen österreichischen Begrifflichkeiten spielt.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.
Und daher geht es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit, in der man sich anstrengen musste, um den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern endlich wieder herauszuarbeiten – das war historisch noch nie dasselbe, bitteschön!“

Dunkelblum gelangt mehr und mehr aus dem Ruder, als zuerst bei Grabungen ein altes Skelett gefunden wird, dann ein Flüchtling aus der DDR auftaucht, der über die ungarische grüne Grenze kam, Flocke verschwindet und der inzwischen wieder ansehnliche jüdische Friedhof mit Schmierereien geschändet wird. Plötzlich nach so langer Ruhe kommt Bewegung in den Ort, kommen Journalisten, gelangen Menschen durch den Eisernen Vorhang. Wie es geschieht, dass dann doch nach über 50 Jahren Schweigen über die grauenhaften Taten der Nazis kurz vorm Ende des zweiten Weltkriegs einer den Mund aufmacht, der wirklich große Schuld trägt und das auch noch vor der Kamera der jungen Martha, ist auch der Mithilfe von Gellért zu verdanken, der, man ahnte es schon, ebenfalls aus Dunkelblum stammt und fliehen musste:

Im Schloss der Gräfin feierten Nazigrößen noch kurz bevor die Russen eintrafen ein riesiges Gelage. Und in dieser Nacht wurden unzählige jüdische Zwangsarbeiter, die den Südostwall zum Schutz des Landes graben mussten, mithilfe Dunkelblumer SS-Schergen und der Hitlerjugend gewaltsam hingerichtet und dort verscharrt. Im realen Reckwitz hat man die Toten trotz vieler Grabungen niemals gefunden. In den umgebenden Gemeinden, in denen ähnliches geschah, aber schon. Eva Menasse hat unglaublich viel recherchiert für diesen Roman und ihn sehr breit angelegt. Ihr ist es unglaublich gut gelungen zum Schluss hin alle vielleicht zeitweise verwirrenden Fäden zu einem stimmigen Ende zusammenzubringen und richtig gute Literatur zu machen. Unbedingte Empfehlung!

Das Buch erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Hubert Mingarelli: Ein Wintermahl Ars Vivendi Verlag

Was für ein Buch!
Auf nur 141 Seiten erzählt der Franzose Hubert Mingarelli eine Geschichte, die eine große Tiefe und atmosphärische Dichte besitzt, die mich mit einer großen Wucht traf, die in ihrer leisen Erzählweise gerade ihre große Kunst offenbart.

Der Autor wirft die Leser gleich in die Geschichte hinein. Langsam versteht man, wo man sich befindet. Ein Lager in Polen im tiefsten Winter. Zweiter Weltkrieg. Ein Leutnant ruft zum Appell. Soldaten folgen. Sie müssen seinem Befehl gehorchen und in der Eiseskälte Aufstellung nehmen.

„…sagte uns Leutnant Graaf, dass heute welche kommen würden, aber wahrscheinlich erst spät, sodass die Arbeit für den nächsten Tag vorgesehen wäre und dass sie diesmal an unsere Kompanie fallen würde.“

Für die Hauptprotagonisten, drei Soldaten, Reservisten um die vierzig, wie wir später erfahren, ist es eine Horrornachricht. Denn die Arbeit ist das Erschießen von Gefangenen. Massenerschießungen. Um dem und den folgenden Albträumen diesmal zu entgehen, melden sie sich freiwillig für „das Jagen“, womit die Suche nach versteckten Juden gemeint ist. Es wird ihnen erlaubt. So brechen sie am Morgen auf und durchstreifen die Gegend, die Wälder. Was sie tun, ist nicht Jagen. Sie versuchen irgendwie die Zeit vergehen zu lassen, unterbrochen nur durch das beinahe rituelle Zigarettenrauchen. Wir lernen die drei ein wenig kennen, Bauer, Emmerich und den Ich-Erzähler. Dieser blickt zurück und erzählt diese Geschichte direkt einem Zuhörenden oder Lesenden. Von ihm erfahren wir nur, dass er keine Familie hat, im Gegensatz zu den beiden anderen. Bauer scheint ein aufbrausender, impulsiver Typ zu sein, der mitunter laut wird. Emmerich ist ein Sensibler, den der Krieg am meisten auszumachen scheint, der sich um seinen Sohn sorgt und den anderen immer wieder davon erzählt. Für Emmerich ist es das Klammern an eine Realität, eine Normalität, die vom Krieg vollkommen absorbiert wird. Der Sohn ist es, der ihn durchhalten lässt.

Er ist es dann auch, der aufgrund seiner feinen Wahrnehmung eine Erdhöhle entdeckt, in der sich ein junger Mann versteckt hält. Alle drei sind froh, so können sie bei ihrer Rückkunft einen Gefangenen präsentieren und werden vielleicht am nächsten Tag wieder hinausgeschickt. Entgehen weiteren Blutbädern. Als der Hunger überhand nimmt, beginnen sie in einem leerstehenden Haus ein Feuer im Ofen zu schüren, um aus dem wenigen essbaren, was sie besitzen eine Suppe zu kochen. Der Gefangene wird in die leere Vorratskammer gesperrt. Ein Pole taucht auf, will gegen etwas zu essen, seinen Kartoffelschnaps tauschen. Man lässt sich darauf ein. Die Vorfreude auf ein warmes Essen, die Glut des Ofens, das Ablegen der Gewehre und Helme. Aus den Soldaten werden Menschen.

Um die Suppe zum Kochen zu bringen, muss schließlich auch die Tür zu Vorratskammer als Brennstoff dienen. Es ist für mich ein Symbol der später aufscheinenden Möglichkeit, der Möglichkeit von Menschlichkeit, von Barmherzigkeit, von Widerstand gar. Und tatsächlich winkt Bauer den Gefangenen mit an den Tisch. Er darf, wie schon der Pole mitessen. Doch damit kommt man ihm näher, wird er ein Gleichwertiger. Und einen gleichwertigen Menschen erschießen, denn genau das würden sie letztlich tun müssen, wer konnte das? So etwas hatten sie schon im Lager erlebt und nie vergessen.

„Wir gelangten zu der simplen Erkenntnis, dass wir (…) nicht mehr bei ihnen vorbeischauen würden, dass wir nicht mehr mit ihnen reden würden. Dass es besser war, nichts mit ihnen zu machen, was dem wirklichen Leben gleichkam.“

Und schon wirft Emmerich die Frage in den Raum. Warum lassen wir ihn nicht gehen? Der sensible Emmerich sieht in dieser Tat einen Ausweg. Wenigsten einen, werden sie später sagen können, haben wir nicht auf dem Gewissen. Er sieht darin auch seinen Sohn. Bauer wirft ein: Was nützt schon einer? Und der Erzähler weiß gar nicht, was er dazu sagen soll und wird doch schließlich die Entscheidung treffen müssen …

Mingarelli ist, wie ich finde ein kleines Meisterwerk gelungen. Ein Buch, dass ich jedem empfehle. Auch um zu erinnern, was jeder einzelne tun kann. Um zu erinnern, dass wir alle Menschen mit den gleichen Rechten sind. Um zu erinnern, wie schlimm Kriege sind, und was sie aus Menschen machen. Dieser Roman, wage ich zu behaupten, lässt keine/n Leser/in unberührt.

Hubert Mingarellis (1956–2020) umfangreiches Werk wurde mehrfach ausgezeichnet und war für den Prix Goncourt und den International Booker Prize nominiert. Ein Wintermahl ist sein erster Roman, der auf Deutsch erscheint. Aus dem Französischen von Elmar Tannert. Eine Leseprobe gibt es hier.

 

 

Arthur Miller: Fokus Büchergilde Gutenberg

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In ihrem Nachwort dieser Büchergilde-Ausgabe von Arthur Millers (1915 – 2005) Fokus, schreibt die Illustratorin und Grafikerin Franziska Neubert darüber, wie erschrocken sie war, als sie das Buch las, um sich auf die Illustrationen vorzubereiten. Genauso erging es mir. Arthur Miller, vor allem bekannt durch seine Theaterstücke, schreibt in seinem einzigen Roman über Antisemitismus in den USA. Die Geschichte erschien erstmals 1945, sie spielt kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs in New York. Bisher war mir nicht bewusst, dass der Antisemitismus auch in den Vereinigten Staaten solche Ausmaße besaß. Nach einiger Recherche ist mir nun klar, dass es vor allem christliche Organisationen waren, die massiv gegen Juden hetzten, wie in Millers Roman die „Christliche Front“.

Zitat aus Wikipedia„Nach einer Umfrage von 1939 waren 53 Prozent der US-Bürger der Ansicht, dass Juden anders seien und Einschränkungen unterliegen sollten. Verschiedene Untersuchungen zwischen 1940 und 1946 belegten, dass sie als eine größere Gefahr für das Wohl der Vereinigten Staaten angesehen wurden als jede andere national, religiös oder rassisch definierte Gruppe“ 

In „Fokus“ erleben wir, wie der als Personalchef in einem großen Unternehmen tätige Lawrence Newman nach jahrzehntelanger Betriebszugehörigkeit plötzlich aus seiner leitenden Position verdrängt wird. Der Grund: Er muss wegen eingeschränkter Sehkraft eine Brille tragen, die ihn in den Augen vieler wie ein Jude aussehen lässt. Erschreckend, wie allein anhand der Physiognomie hier Ausgrenzung stattfindet. Auch als Personalchef hatte Newman strenge Anweisungen „solche“ Bewerber gleich abzuwimmeln. Nun trifft es ihn selbst. Lange findet er keinen Job und auch in den Augen seiner Nachbarn wird er plötzlich zum Feind. Vor allem, weil er einer antisemitisch ausgerichteten Organisation nicht beitreten will, für die sein Nachbar Fred wirbt. In der gleichförmigen Einfamilienhaussiedlung in Queens gibt es jedoch schon Anfeindungen gegen den Ladenbesitzer Finkelstein. Man will das Viertel „säubern“.

„Finkelstein war noch ein junger Mann, als Jude aber war er alt. Er wusste, was da vorging; er musste es wohl wissen. Zweimal hatte er in den letzten drei Wochen, wenn er um sechs Uhr früh aus seinem Haus gekommen war, seinen Mülleimer auf der Seite liegend gefunden und die Abfälle vor seinem Haus verstreut.“

Newman, der, selbst voller Vorurteile, zuvor nie darüber nachgedacht hatte, warum man Juden ausgrenzt, erfährt nun selbst, was es bedeutet. Er wird nicht mehr als Einzelner gesehen, sondern aufgrund der vermeintlichen Zugehörigkeit einer Rasse behandelt. Newman versucht anfangs alles zu tun, weiter dazuzugehören, doch das ändert nichts. Etwas verändert sich nun in seinen Gedanken.

Als er an seiner neuen Arbeitsstelle eine Frau trifft, deren Bewerbung er ehemals aufgrund ihres Aussehens als Personalchef abgelehnt hatte, scheint sich sein Leben noch einmal grundlegend zu ändern: Er verliebt sich, sie heiraten. Zunächst scheint alles leichter, doch als beide in einem Hotel aufgrund ihrer vermeintlichen Herkunft kein Zimmer erhalten, beginnt auch hier die Schmach. Lawrences Frau Gertrud möchte nun, dass er auch zu den Versammlungen geht, dass sie endlich auch zeigen, auf welcher Seite sie sind. Newman hingegen erlebt am eigenen Leib, was die Fanatiker anrichten können. Das, was vorher allein Finckelstein zu ertragen hatte, trifft nun auch ihn. Er erlebt Ablehnung bis hin zur physischen Gewalt. Doch all das sensibilisiert ihn umso mehr. Und so steht er schließlich Finkelstein näher als allen anderen …

Arthur Miller hat einen Roman geschrieben, der mich aufgrund seiner perfekten Konstruktion und seiner gekonnten Sprache stark beeindruckt. Vollkommen mit genommen und mit wachsender Erschütterung las ich dieses Buch und möchte es hier bedingungslos empfehlen. Zumal Franziska Neuberts Holzschnitte sich in ihrer Zurückgenommenheit perfekt in die Geschichte einpassen, genug Raum lassen für eigene Bilder. Nie zeigt sie Gesichter, nie sieht man Newman genau. Absichtlich nicht, sagt Neubert. Das leuchtet ein, zumal allein die Atmosphäre und die Farbgebung hinreichend Auskunft geben, dass hier Unheimliches geschieht. Ein Leuchten!

„Fokus“ erschien in der Büchergilde Gutenberg wie immer in feinster Ausstattung. Aus dem amerikanischen Englisch übersetzte es Doris Brehm. Von der 1977 geborenen Graphikerin Franziska Neubert stammen die ausdrucksstarken Illustrationen.

Weiter Besprechungen zum Buch gibt es bei Zeichen & Zeiten und bei Gute Literatur – Meine Empfehlung.

Ergänzend bietet sich als Lektüre an: „Der Empfänger“ von Ulla Lenze.

Bücher gegen das Vergessen – Zum 75. Gedenktag der Befreiung von Auschwitz und zum Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

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„Sofern es überhaupt ein „Bewältigen“ der Vergangenheit gibt, besteht es in dem Nacherzählen dessen, was sich ereignet hat.“

Hannah Arendt

Viel habe ich gelesen darüber. Immer schon. Viel über Menschen, die der Tötungsmaschinerie der Nationalsozialisten zum Opfer fielen. Und jedes Mal diese Unfassbarkeit. Immer war es schwer und trotzdem wichtig, vor allem wichtig, diese Texte weiter zu reichen, davon zu erzählen, auf das sie präsent bleiben. Hier eine kleine Auswahl:

Sehr besonders empfand ich da zum Beispiel, wie Zoni Weisz über seine verfolgte Familie und sein Überleben und Weiterleben erzählt. Nicht nur Juden wurden verfolgt und ermordet, auch Sinti und Roma, sowie sogenanntes „unwertes“ Leben, Menschen mit Behinderungen und psychischen Krankheiten – ein Schicksal beschreibt Barbara Zoeke in „Die Stunde der Spezialisten“ – Künstler, wie Felix Nussbaum und seine Frau Felka Platek oder die junge Charlotte Salomon, Kunstschülerin, die aus Berlin flieht, und alle Menschen, die sich auflehnten und im Widerstand mitwirkten – Valentine Goby erzählt von einem solchen Schicksal im Frauenlager Ravensbrück – oder Hilfe bei der Flucht leisteten.

Einer der auch sprachlich beeindruckendsten Romane über einen Überlebenden eines Speziallagers in Auschwitz ist Kanada“ von Juan Gómez Bárcena. Und eine aktuelle Perspektive auf Auschwitz zeigt der israelische Autor Yishai Sarid in seinem Roman „Monster“, der von einem israelischen Touristen-Guide handelt, der für die Gedenkstätte Yad Vashem arbeitet.

Zu den Einzelbesprechungen der Bücher und Hörbücher kommt man durch Klick auf das jeweilige Foto oben.

 

Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag

Ein Haus in Paris, ein Innenhof in der Rue de Grenelle, ein Fiat 500 im Hof, ein Haus, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, eine Wohnung mit zwei Stockwerken, in einem Raum das Versteck.

„Diese Familie ist nichts als eine lange Folge von Pseudonymen, Spitznamen, gekauften oder erfundenen Decknamen. Von nicht mehr ganz eigenen Namen, da sich dahinter andere verbergen, die alle dieselbe Frage stellen: „Wer sind wir?“

Christophe Boltanskis Buch besteht aus Räumen, angefüllt mit Dingen, an denen Erinnerungen haften, begehbare Einheiten einer Familiengeschichte, ein Durchlaufen der Ereignisse, ein intimer Einblick in einen geschlossenen Kosmos. Das hier gelebte Konstrukt heißt Familie und es scheint zu funktionieren vor dem Hintergrund der permanenten Angst ihrer Mitglieder. Die Idee dieses Romans erinnert leicht an Georges Perecs „Das Leben – Gebrauchsanweisung, das eine ebensolche Einteilung in Wohnungen und ihre Bewohner eines Mietshauses in Paris beinhaltet oder an Xavier de Maistres „Die Reise um mein Zimmer. Die Wohnung spielt in der Tat eine wichtige Rolle, ist Schutzraum, Abgrenzungsort, ist wie ein Mitglied der Familie, ja vielleicht der eigentliche Hauptprotagonist. Erst spät wird sie auch zu einem Begegnungsort der intellektuellen Freunde der Familie.

Boltanski gliedert diese autobiografische Geschichte nicht chronologisch, sondern in Kapitel, die jeweils nach einem Zimmer des Hauses benannt sind. Dass diese Gliederung im Fall von Boltanskis Familie stimmig ist, zeigt sich im Laufe des Lesens. Jedes Zimmer wird betreten, der Autor hat eingeladen: Er schildert, was darin geschah. Anhand der einzelnen Familienmitglieder bildet er das Familienleben und die Stellung eines jeden darin ab. Er erzählt von den wichtigen Gegenständen und der unterschiedlichen Erinnerung daran. Beginnend mit dem Auto, dem Fiat 500, der letztlich eine Erweiterung der Wohnung war.

„Der Fiat befriedigt unseren Wunsch, fliehen und sich einschließen zu können, zur Welt zu kommen und in den Zustand eines Fötus zurückzukehren.“

Im nächsten Kapitel geht es um Küche und Esszimmer. Hier taucht Boltanski weit zurück in der Zeit und erzählt etwa von der Urgroßmutter aus Odessa, die wenig Hab und Gut auf die Reise nach Frankreich mitnehmen konnte, aber eben einen Samowar: „Das Totem der Boltanskis.“ Hier spricht er von den seltsamen Essgewohnheiten, die auf die Sparsamkeit der Großmutter zurückzuführen sind. In diesem Zusammenhang schildert er auch die denkwürdigen Urlaubsreisen mit einem Volvo 144, in dem unzählige Familienmitglieder Platz fanden. Doch ging es eigentlich nur um eine möglichst lange zurückgelegte Strecke, keineswegs um den erreichten Ort oder um eine etwaige Erholung.

„Meine Familie lebte nicht zurückgezogen, sondern zusammengeschweißt.“

Es geht hier weniger um Einzelpersonen. Diese Familie ist lebensfähig nur im Ganzen. Zumindest ist dies die unumstößliche Ansicht der Großmutter Boltanskis, die mehr noch als der Großvater im Mittelpunkt des Buches und auch in dem der Familie steht. Sie ist es, die trotz (oder wegen) ihrer körperlichen Gebrechen die Starke ist, die alles mit eiserner Hand trägt und zusammenhält, die den anderen oft die Luft zum Atmen nimmt. Die Großmutter ist es auch, die entscheidet, dass im Haus „das Versteck“ eingerichtet wird, in dem sich der Großvater letztlich 20 Monate während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aufhält und überlebt.

Das Kapitel „Salon“ erzählt von der Kindheit der Großmutter, die von den Eltern zur Adoption zu einer reichen Bekannten geschickt wird, dass sie es einmal besser habe. In dieser Zeit ist sie unglücklich, aber materiell versorgt, beerbt schließlich sogar die Adoptivmutter.

„Über dem Taufbecken hatte man sie an eine alleinstehende Dame verkauft, die ein zurückgezogenes Leben führte und ihr mit spitzen kaum angedeuteten Küssen Moralpredigten hielt.“

Im Anschluss daran, zeigt das Kapitel „Treppe“, das weitere Schicksal der Großmutter auf. Sie beginnt ein Medizinstudium und schreibt unter Pseudonym Romane und Essays. Alles ändert sich, als sie sich als junge Frau mit Polio infiziert und seitdem unter diversen Lähmungen leidet und nur unter größter Anstrengung zu gehen vermag. Auf der Straße sieht man sie nur im Fiat, wo nichts von ihrer Gebrechlichkeit zu sehen ist. Diese Krankheit und ihr Stolz treibt sie dazu, die restliche Familie permanent um sich herum zu scharen, sie zu isolieren.

„Es ist logisch, dass sie nach einer solchen Kindheit nicht ruhte, das zu erschaffen, was sie selbst nicht gehabt hatte: eine Familie, die wie ein kompakter Block war. Sie bewegte sich nur umgeben von den Ihren. „Meine Kinder sind meine Stöcke, erklärte sie.“

Im Kapitel „Arbeitszimmer“ wird die Geschichte des Großvaters Etienne erzählt, der Arzt war und jüdischer Abstammung. Als junger Mann war er mit dem Dadaisten Théodore Fraenkel befreundet und verkehrte im club des sophistes. Aus Überzeugung trat er mit dreißig zum Christentum über, was ihn später nicht vor der Verfolgung durch die Nazis rettete. Der Großvater war gleich nach dem Studium als Arzt zwei Jahre im 1.Weltkrieg an der Front tätig und stark traumatisiert zurückgekehrt. Als in Paris die Verfolgung durch das Vichy-Regime begann, musste er seine Tätigkeit in einer Klinik beenden. Seine Frau hatte schließlich die rettende die Idee, sich offiziell von ihm scheiden zu lassen und ihn in Wirklichkeit im „Zwischenraum“ genannten Versteck direkt neben ihrem Zimmer unterzubringen. Von der Zeit im Versteck erfahren wir wenig, nur, dass es dem Großvater danach schwerfiel wieder ins Leben zurückzufinden.

„Er vermisste sein Versteck, das Leid, das ihn geläutert hatte. Er hat es nie wieder verlassen. Überall, wo er war, baute er sein Gefängnis um sich herum. Er errichtete hohe Mauern zwischen denen er sich aufhielt.“

Dennoch waren die Boltanskis später politisch und gesellschaftlich aktiv, die Großmutter nach dem Krieg bei diversen Hilfsorganisationen, die Eltern des Autors vor allem was die Algerienpolitik Frankreichs betraf,

Der Autor reiste auf den Spuren seiner Familie nach Odessa, wohin bisher keiner der Verwandten zurückgekehrt war. Er wollte wissen, wie sehr die Erinnerungen der von ihm befragten Verwandten mit der Realität übereinstimmen. Doch trotz aller Bemühungen gelang es ihm nicht, etwas in Erfahrung zu bringen.

Boltanski wuchs im Haus der Großeltern auf. Er erzählt die Geschichte seiner Familie offen mit liebevollem Blick und mit ehrlichem Respekt, verschweigt auch die dunklen Seiten nicht, vermutet sogar eine Traumatisierung der gesamten Familie, die sich bis auf seine Generation übertragen hat.

„Diese Furcht hat mir meine Familie schon sehr früh vermittelt, fast bei der Geburt.“

Aufgrund der vielen Zeitsprünge und der unglaublich vielen Namen von Familienangehörigen, die Großmutter hatte aufgrund der Adoption allein drei verschiedene, ist es mitunter etwas schwierig der Geschichte zu folgen. Ein Namensregister im Anhang wäre hilfreich gewesen.

Der 1962 in Paris geborene Christophe Boltanski ist Journalist und Kriegsreporter gewesen. Sein erster Roman ist ideenreich und eigen konstruiert, spannend und humorvoll erzählt. Er ist ein bewegendes Porträt einer ungewöhnlichen Familie von Freigeistern und Künstlern. Ihm gelingt es aus diesem biografischem Material wirklich Literatur zu machen. Seine Sprache ist bilderreich und, mir fällt kein treffenderes Wort ein, schlichtweg elegant.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Dieser Beitrag erschien erstmals auf fixpoetry

Yishai Sarid: Monster Kein & Aber Verlag

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„Was arbeitest du, Papa?“ fragte er. […] „Es gab mal ein Monster, das Menschen getötet hat“, antwortete ich. „Und du bekämpfst es?“, fragte Ido begeistert. „Es ist schon tot“, versuchte ich ihm zu erklären, „es ist ein Monster der Erinnerung.“

Der israelische Autor Yishai Sarid hat einen Roman geschrieben, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er in seinem Heimatland Aufsehen erregte. Den Titel „Monster“ finde ich trotz des obigen Schlüssel-Zitats nicht ganz so gut gewählt. Im Original lautet der Titel des dort bereits 2017 erschienenen Buches sicher treffender.

Die ganze Geschichte besteht aus einem langen Brief an den Direktor von Yad Vashem, Leiter der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Geschrieben wird er von einem jungen israelischen Familienvater aus Tel Aviv, der lange Zeit als Guide für Yad Vashem für die KZ-Gedenkstätten in Polen tätig war. Eigentlich wollte er sich mit diesem Nebenjob nur etwas dazuverdienen, denn Frau und Sohn müssen versorgt werden, doch verbringt er immer mehr Zeit in Polen. Seine Doktorarbeit mit dem Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ macht ihn zu einem gefragten Experten. Zunächst läuft alles gut, obwohl er durch die Arbeit immer länger von seine Familie in Israel getrennt ist, vor allem der kleine Sohn ihn vermisst. Doch seine Tätigkeit bleibt nicht ohne Folgen. Der Mann, der Schulklassen, Soldaten und Touristen durch die Lager führt, tagein tagaus kaum etwas anderes sieht und hört, als die grausame Vergangenheit, kommt an seine Grenzen.

„Sie waren in die Staatsflagge gehüllt, trugen Kippas und liefen zwischen den Baracken umher, voller Hass – nicht auf die Mörder, sondern auf die Opfer. Es war schwer zu fassen, diese Jungs schwiegen bei den abendlichen Gesprächen, und doch verstand ich sie völlig, ganz und gar, bis zum Ende.“

Er, der anfangs souverän und sachlich an die Arbeit ging, reagiert immer empfindlicher, er hat Aussetzer, hört Stimmen, sieht die ermordeten Lagerinsassen, versucht in seinen Touren Tiefe zu vermitteln. Denn er erfährt, dass die furchtbaren Taten, die Erinnerungsgeschichte, heutzutage sogar mit möglichst großen Effekten aufbereitet und vermarktet werden. Sei es das Computerspiel, vielmehr „die Simulation für rein pädagogische Zwecke“, an dem er mitwirken und sein detailliertes Wissen einbringen soll, sei es eine Gedenkveranstaltung zum 75-jährigen Jahrestag der Wannseekonferenz, die vom Militär mithilfe seiner Kenntnisse zu einer groß inszenierten „Show“ in einem der polnischen Lager vorbereitet wird.

„Das wird ein Computerspiel, sagte ich zu meinem Mann, der für die Lager zuständig war, und als ich beharrte, erklärte er „Wenn Sie unbedingt wollen, kann man es so nennen. Die Leute mögen grausame Spiele.“

Er hält durch, macht mit. Bis die aufgestauten Gefühle, die Trauer, die Wut, sich nicht mehr kontrollieren lassen und sich in einem Akt der Gewalt ihren Raum nehmen …

Der Held ist eine nicht immer sympathische Romanfigur, was es nicht leicht macht, ihm in seinen Gedankengängen gern zu folgen. Trotzdem muss man zugeben, dass er doch immer wieder kluge Fragen stellt. Fragen, die allerdings den Besuchern unangenehm werden, mit denen er vor allem auch die Schulklassen überfordert und mit denen er nicht zuletzt bei seinem Arbeitgeber aneckt. Er schafft es, zu provozieren. Traut sich in solch einem sensiblen Rahmen, die Frage nach der (Mit-)Schuld und der Opferrolle zu stellen. Vor Jugendlichen, vor Soldaten. Ich denke, dass hier die Lesart dieses Romans eine komplett andere ist, als die der Leser in Sarids Heimatland. Es ist ein schwer lastendes, dennoch irgendwie stilles, wenngleich beeindruckendes Buch.

Der Roman „Monster“ des 1965 geborenen israelischen Rechtsanwalt und Autor erschien im Kein & Aber Verlag. Übertragen aus dem Hebräischen wurde er von der verdienten Übersetzerin Ruth Achlama. Im Anhang findet sich ein kleines Glossar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Steffen Mensching: Schermanns Augen Wallstein Verlag

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Vom Silberlöffel zum grob geschnitzten Holzlöffel: Schon das Buchcover weist auf den Abstieg hin, den der Protagonist Rafael Schermann erleben musste. Die Geschichte Schermanns erzählt Steffen Mensching in Rückblenden. Entstanden ist ein faszinierendes Monumentalwerk von 820 Seiten.

Der 1958 in Berlin (Ost) geborene Autor hat an diesem Roman zwölf Jahre lang geschrieben. Er muss Unmengen recherchiert haben, ob der Genauigkeit mit der er über Rafael Schermann, einen Graphologen und Hellseher erzählt, den es wirklich gab. Der Roman spielt 1941 in Russland in einem Lager des Gulag. Über ein ganzes Jahr lässt er seine beiden Hauptprotagonisten den polnischen Juden Schermann und den jungen Deutschen Otto Haferkorn zusammen unter widrigsten Umständen verbringen.

„Vor dem Tod kriegt man immer schlecht Luft. Die Russen besaßen für die ungemütlichsten Augenblicke trostreiche Sprichwörter“

Dieses Zitat gibt gleich auf den ersten Seiten den Ton vor, der im Roman in den Lagerszenen herrscht. Mensching lässt seine Figuren ohne explizit gekennzeichnete Dialoge sprechen, was anfangs viel Konzentration beim Leser erfordert. Auf einem beiliegenden Lesezeichen sind die wichtigsten Protagonisten des Romans aufgeführt, ein Überblick, der anfangs durchaus hilfreich ist beim Zuordnen der russischen Namen. Auch sonst trifft eine riesige Menge Personal aufeinander. Es sind die, die wichtige Rollen spielen/spielten, die, auf die die beiden Helden im Laufe ihrer Geschichte trafen.

Wenn Schermann beginnt aus seinem reichhaltigen Leben zu erzählen, fallen unzählige auch der Leserin bekannte Namen. Schermann, der in Wien lebte begegnete unzähligen Persönlichkeiten aus Kunst, Kultur und Politik der Zwischenkriegszeit, wie etwa Karl Kraus, Adolf Loos, Oskar Kokoschka, Rainer Maria Rilke, Yvan und Claire Goll, Georg Trakl etc.  Viele waren „Kunden“, denn Schermann überzeugte sie alle, selbst die kritischsten, nüchternsten mit seiner hellseherischen Begabung.

Erst ab der zweiten Hälfte wird klar, dass Schermanns Hellseherei nicht nur auf eigener Intuition und Können – er besitzt ein fotografisches Gedächtnis basiert – sondern dass durchaus Methode dahinter steckt. So erzählt er Otto von seinen bisherigen Assistenten, deren Aufgabe es war, vorab über Kunden zu recherchieren und Privates, gar Intimes herauszufinden. Im Lager dolmetscht Otto bei den kein Ende findenden Befragungen, da Schermann angeblich kein Russisch versteht. Otto ist einerseits froh, so lange von der harten Arbeit im Wald beim Holzschlagen befreit zu sein, andererseits ist ihm nicht wohl bei seiner Übersetzer- und Spitzeltätigkeit. Manchmal hält er den alten Polen für einen Spinner, einen ausgebufften Betrüger, manchmal für ein Genie.

„Wo waren Sie? Im Badehaus. Ich erhielt dort etwas, das sich frische Unterwäsche nennt. Für ein Land, das sich auf seine Säuberungen so viel einbildet, sind diese Lumpen keine Empfehlung.“

Im Lager wechselt die Leitung. Als Schermann „abgeholt“ wird, beginnt für Otto ein neues Lagerleben, denn Schermann und er werden in die gefürchtete Baracke der „Urki“, einer Gruppe von gewalttätigen Dieben, Räubern und Mördern, verlegt. Und auch hier zeigt der findige Graphologe wieder Geschick: Beide bleiben verschont von Gewalt und leben für Lagerverhältnisse einigermaßen gut. Doch auch diese vermeintliche Sicherheit bleibt nicht bestehen. Vom Angriff Hitlers auf die Sowjetunion, vom Bruch des Nichtangriffpakts erfahren die Lagerinsassen erst sehr spät. Otto und Schermann werden aufgrund dessen jedoch getrennt …

Auch aus Ottos Erinnerungen und Erlebnissen ergibt sich eine hochinteressante Geschichte. Er, der Deutsche, der als Setzer bei einer deutschen kommunistischen Zeitung in Moskau arbeitete, hatte eine kurze Liebelei mit der glühenden Kommunistin und Journalistin Maria Osten (die es auch tatsächlich gab). Aus den Gesprächen mit ihr ergibt sich ein umfangreiches Bild der damaligen historischen Lage in der sowjetischen Hauptstadt.

„Wir können von Glück reden, sagte Maria, dass wir hier sind, in der Sowjetunion leben wir in Frieden und Sicherheit. Aber was wird mit unseren Freunden im Westen?“

Oft genug googlete ich Personen, Ereignisse und Zusammenhänge, doch ist dieses Buch ob der Vielfalt gerade sehr reichhaltig. Gegen Ende hin erzählt Schermann Otto von seiner Begegnung im Jahr 1915 mit dem Schriftsteller und Herausgeber der Zeitschrift „Fackel“, Karl Kraus, der sich unglücklich in Sidonie Nádherná von Borutín verliebte und mit ihr regen Briefwechsel hatte. Schermann sollte auf Betreiben von Adolf Loos, dem bekannten Architekten, ihre Briefe graphologisch beurteilen. Dies schien für ihn der Durchbruch zu sein.

„Ich lebte in Wien. Dort brauchte ich, um den Ritterschlag gesellschaftlicher Anerkennung zu erhalten, den Kraus. Er machte Leute berühmt, indem er sie feierte oder, was häufiger vorkam, vernichtete.“

Der opulente Roman stellt Verbindungen her zu anderen Romanen deutscher und russischer Geschichte, die ich bereits kenne und liest sich spannender als ein Geschichtsbuch. Solche Romane finde ich bereichernd. Und wenn sie dann auch noch sprachlich so anspruchsvoll sind wie dieser und fesselnd bis zur letzten Seite, bin ich glücklich. Eine der wichtigsten Herbstneuerscheinungen! Ein Leuchten!

Steffen Menschings Roman erschien im Wallstein Verlag. Eine Leseprobe findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Felix Jackson: Berlin, April 1933 Weidle Verlag

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Vor einiger Zeit gab es meinen Beitrag zu Boschwitz „Der Reisende“. Ein gewichtiges Buch mit einer unglaublichen Entstehungs- und Wiederentdeckungsgeschichte. Das nun besprochene Buch erinnerte mich stark an obiges. Es hat viele inhaltliche Parallelen und es entstand unter ähnlich herausfordernden Bedingungen. In beiden Büchern geht es um die Unfassbarkeit des aufkommenden Nationalsozialismus mit all seinen Schrecken. Der deutsche Autor Felix Joachimson, später Jackson, emigrierte über Österreich und Ungarn in die USA und sprach nie wieder Deutsch. Sein Roman erschien 1980 erstmals auf Englisch und erst kurz vor seinem Tod stimmte er einer deutschen Ausgabe zu. Er ist in Tagebuchform verfasst.

Hauptfigur ist der Rechtsanwalt Hans Bauer, der nach einigen Monaten Kur in der Schweiz im April 1933 nach Berlin und in die Gemeinschaftskanzlei zurückkehrt. Inzwischen hat sich einiges verändert. Er beobachtet den alltäglichen Wahnsinn mit zunehmender Befremdung. Alle nicht-arischen Anwälte müssen ihre Tätigkeit niederlegen. So ergeht es dem Kollegen und Sozius von Bauer, der sich schließlich sogar das Leben nimmt. Er selbst entdeckt mit Entsetzen, dass er eine jüdische Großmutter hat. Der Geliebte einer Freundin, ein hoher Offizier der SS, hilft zunächst, diese Daten zu vertuschen. Doch wie man als Leser sofort erkennt und Bauer warnen möchte, nicht ohne Gegenleistungen. So muss als neuer Sozius, ein andienernder Nationalsozialist aufgenommen werden. So soll Bauer große Geldsummen leisten und schließlich ein befreundetes Künstlerpaar verraten. Keiner vertraut mehr dem anderen, jeder kann zum Verräter werden …

„Der Geruch brennenden Fleisches war noch immer in meiner Nase. Ich wollte mich übergeben, konnte jedoch den Mund nicht öffnen. Ich holte mein Taschentuch heraus und wischte mir das Gesicht ab. Als ich es in die Tasche zurücksteckte, war es naß. Ich hatte nicht bemerkt, daß ich weinte.“

Jackson hat einen Nerv für die Atmosphäre dieser Zeit. Gerade auch über die extrem heftige, immer mehr kippende Gefühlswelt des Hauptprotagonisten weiß er ergreifend zu erzählen. In teilweise atemlosen Abfolgen von sehr dichten Szenen, gerade auch in den Dialogen, zeigt der Autor seine Kunst.

Dass es bereits 1933 so schlimm war und es schon das KZ Oranienburg nahe Berlin gab, in dem im Roman eine junge Frau auf barbarische Weise gefoltert wird, damit sie den Namen eines befreundeten Kommunisten verrät, ist unfassbar. So wurde auch von außen sofort erkennbar, wer nicht hinter der Partei und dem Führer stand, wenn eben einer das „Heil- Hitler“ als Gruß verweigerte. So verrieten schon gedrillte Kinder unter dem Zeichen des Führers ihre eigenen Eltern. Jeder durchforstete angstvoll seine Herkunft. Niemand war mehr sicher.

Das Buch aus dem Weidle Verlag ist wieder von Friedrich Forssman bemerkenswert schön gestaltet und hat ein informatives Nachwort von Verleger Stefan Weidle, der den Roman auch übersetzt hat. Mehr über das Buch und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.