Schreibtisch mit Aussicht – Schriftstellerinnen über ihr Schreiben Kein & Aber Verlag

Die Redakteurin und Herausgeberin Ilka Piepgras versammelt in einem Band 23 Stimmen von Schriftstellerinnen, die über ihre Arbeit, ihr Schreiben erzählen. Es sind höchst unterschiedliche Beiträge, die die ganze Vielfalt der Literatur abbilden. Gleich eingangs kommt sie auf einen Essay der Autorin Anne Tyler zu sprechen, in dem diese gefragt wird, ob sie denn nun eine Arbeitsstelle gefunden habe oder immer noch nur schreibe. Da ich selbst schreibe, kenne ich solche Situationen nur allzu gut. Meiner Ansicht nach ist es typisch und gleichzeitig eben erschreckend, dass die Tätigkeit nicht nur von Autorinnen sondern auch von Künstlerinnen im Allgemeinen so in Frage gestellt und als Arbeit nicht anerkannt wird. Umso besser, dass es dieses Buch gibt, das aufzeigt, wieviel Arbeit das Schreiben ist.

Anne Tyler kenne ich noch aus meiner Zeit in der Buchhandelsausbildung. Inzwischen ist sie hierzulande auch sehr bekannt geworden mit ihren Familienromanen. Auch an Eva Menasses Debütroman „Vienna“ erinnere ich mich noch besonders gut. Sie erzählt hier von ihrer genauen Vorgehensweise beim Schreiben. Elif Shafak ist mir als in London lebende türkische Autorin, die sich auch hier mit ihrem Beitrag sehr für ein „Weltbürgertum“ und für Vielfalt statt Dualismus einsetzt, sehr sympathisch. Durch ihren Roman „Der Geruch des Paradieses“ lernte ich ihr Schreiben kennen. Ihre Reden, Essays und Bücher haben immer auch ein politisch/gesellschaftskritisches Ansinnen:

„Als Schriftsteller sind wir von Wörtern fasziniert, aber vielleicht noch mehr von den Stellen dazwischen. Von der Stille. Wir interessieren uns für die Dinge, über die wir in einer bestimmten Zeit nicht offen reden können. Geheimnisse, Tabus – gesellschaftliche, kulturelle, sexuelle Tabus. Ich habe immer das Bedürfnis, nach diesen Leerstellen zu fragen, neue Diskussionen zu eröffnen, den Rand ins Zentrum zu rücken; dem Sprachlosen eine Stimme zu geben, das Unsichtbare sichtbar zu machen.“

Joan Didion wollte ich schon länger lesen. Ihr Text über ihre sehr intuitive bildhafte Herangehensweise ans Schreiben hat mich nun überzeugt, dass ihre Lektüre nun nicht mehr aufschiebbar ist. Siri Hustvedt geht es beim Schreiben immer auch um das spezifisch weibliche Schreiben. Auch ihre Essays beziehen sich oft auf die Sichtbarkeit und unterschiedliche Wahrnehmung von Frauen. Ihr letzter Roman „Damals“ bezieht das Thema ebenfalls mit ein.

Mariana Lekys Bücher kannte ich schon bevor sie ihren Bestseller „Was man von hier aus sehen kann“ schrieb. In ihrem Beitrag erzählt sie humorvoll von ihren Schreibschulenerfahrungen in Hildesheim.

Nicole Krauss Schreiben wird viel von äußeren Begebenheiten beeinflusst und verwandelt. Interessant und literarisch gelungen sind die Ausführungen Kathryn Chetkovichs (Partnerin von Jonathan Franzen) über den Neid, wenn beide Partner schreiben. Und ganz großartig Zadie Smith über das Schreiben in der Ich-Form und über das Verwandeln von autobiographischem Schreiben in Literatur:

„Diese Art Literatur habe ich immer am Liebsten geschrieben und gelesen: eine, die sich in viele verschiedene Körper, viele verschiedene Leben einschleicht. Literatur, die nach außen blickt, hin zu den anderen.“

Die Herausgeberin hat wirklich eine schöne Vielfalt bei ihrer Auswahl geschaffen. Was ich allerdings sehr schade finde, ist, dass keine einzige Lyrikerin dabei ist. Seltsam, dass dieses Genre so selten mit einbezogen wird, dabei wäre die Herangehensweise an das Schreiben von Gedichten gerade hochinteressant.

Ich schließe mit einem Zitat, dass aus einem schriftlichen Interview von Sheila Heti mit Elena Ferrante (die ich in ihren Antworten wesentlich stärker finde als Sheila Heti in ihren Fragen) stammt:

„Gute Bücher sind überwältigende Bündel von Lebensenergie. Sie brauchen keine Väter, Mütter, Paten und Patinnen. Sie sind ein glückliches Ereignis innerhalb der Tradition und Gemeinschaft, die sie hütet. Sie haben eine Kraft, die in der Lage ist, sich ganz unabhängig in Raum und Zeit auszudehnen.“

Schreibtisch mit Aussicht erschien im Kein & Aber Verlag. Im Anhang finden sich Kurzbiographien zu allen Autorinnen. Die Übersetzerinnen werden im Anschluss an jeden Text genannt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Romane der Autorinnen im Buch, die ich bereits besprochen habe:

Elif Shafak: Der Geruch des Paradieses:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/21/elif-shafak-der-geruch-des-paradieses-kein-aber-verlag/

Siri Hustvedt: Damals
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/04/06/siri-hustvedt-damals-rowohlt-verlag/

Terezia Mora: Die Liebe unter Aliens
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/10/11/terezia-mora-die-liebe-unter-aliens-luchterhand-verlag/

Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/11/24/mariana-leky-was-man-von-hier-aus-sehen-kann-dumont-verlag/

Leila Slimani: Dann schlaf auch du
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/09/08/leila-slimani-dann-schlaf-auch-du-luchterhand-verlag/

Meg Wollitzer: Das weibliche Prinzip
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/07/30/meg-wollitzer-das-weibliche-prinzip-dumont-verlag/

 

Yishai Sarid: Monster Kein & Aber Verlag

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„Was arbeitest du, Papa?“ fragte er. […] „Es gab mal ein Monster, das Menschen getötet hat“, antwortete ich. „Und du bekämpfst es?“, fragte Ido begeistert. „Es ist schon tot“, versuchte ich ihm zu erklären, „es ist ein Monster der Erinnerung.“

Der israelische Autor Yishai Sarid hat einen Roman geschrieben, bei dem man sich gut vorstellen kann, dass er in seinem Heimatland Aufsehen erregte. Den Titel „Monster“ finde ich trotz des obigen Schlüssel-Zitats nicht ganz so gut gewählt. Im Original lautet der Titel des dort bereits 2017 erschienenen Buches sicher treffender.

Die ganze Geschichte besteht aus einem langen Brief an den Direktor von Yad Vashem, Leiter der Internationalen Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem. Geschrieben wird er von einem jungen israelischen Familienvater aus Tel Aviv, der lange Zeit als Guide für Yad Vashem für die KZ-Gedenkstätten in Polen tätig war. Eigentlich wollte er sich mit diesem Nebenjob nur etwas dazuverdienen, denn Frau und Sohn müssen versorgt werden, doch verbringt er immer mehr Zeit in Polen. Seine Doktorarbeit mit dem Thema „Gemeinsamkeiten und Unterschiede in den Arbeitsmethoden deutscher Vernichtungslager im Zweiten Weltkrieg“ macht ihn zu einem gefragten Experten. Zunächst läuft alles gut, obwohl er durch die Arbeit immer länger von seine Familie in Israel getrennt ist, vor allem der kleine Sohn ihn vermisst. Doch seine Tätigkeit bleibt nicht ohne Folgen. Der Mann, der Schulklassen, Soldaten und Touristen durch die Lager führt, tagein tagaus kaum etwas anderes sieht und hört, als die grausame Vergangenheit, kommt an seine Grenzen.

„Sie waren in die Staatsflagge gehüllt, trugen Kippas und liefen zwischen den Baracken umher, voller Hass – nicht auf die Mörder, sondern auf die Opfer. Es war schwer zu fassen, diese Jungs schwiegen bei den abendlichen Gesprächen, und doch verstand ich sie völlig, ganz und gar, bis zum Ende.“

Er, der anfangs souverän und sachlich an die Arbeit ging, reagiert immer empfindlicher, er hat Aussetzer, hört Stimmen, sieht die ermordeten Lagerinsassen, versucht in seinen Touren Tiefe zu vermitteln. Denn er erfährt, dass die furchtbaren Taten, die Erinnerungsgeschichte, heutzutage sogar mit möglichst großen Effekten aufbereitet und vermarktet werden. Sei es das Computerspiel, vielmehr „die Simulation für rein pädagogische Zwecke“, an dem er mitwirken und sein detailliertes Wissen einbringen soll, sei es eine Gedenkveranstaltung zum 75-jährigen Jahrestag der Wannseekonferenz, die vom Militär mithilfe seiner Kenntnisse zu einer groß inszenierten „Show“ in einem der polnischen Lager vorbereitet wird.

„Das wird ein Computerspiel, sagte ich zu meinem Mann, der für die Lager zuständig war, und als ich beharrte, erklärte er „Wenn Sie unbedingt wollen, kann man es so nennen. Die Leute mögen grausame Spiele.“

Er hält durch, macht mit. Bis die aufgestauten Gefühle, die Trauer, die Wut, sich nicht mehr kontrollieren lassen und sich in einem Akt der Gewalt ihren Raum nehmen …

Der Held ist eine nicht immer sympathische Romanfigur, was es nicht leicht macht, ihm in seinen Gedankengängen gern zu folgen. Trotzdem muss man zugeben, dass er doch immer wieder kluge Fragen stellt. Fragen, die allerdings den Besuchern unangenehm werden, mit denen er vor allem auch die Schulklassen überfordert und mit denen er nicht zuletzt bei seinem Arbeitgeber aneckt. Er schafft es, zu provozieren. Traut sich in solch einem sensiblen Rahmen, die Frage nach der (Mit-)Schuld und der Opferrolle zu stellen. Vor Jugendlichen, vor Soldaten. Ich denke, dass hier die Lesart dieses Romans eine komplett andere ist, als die der Leser in Sarids Heimatland. Es ist ein schwer lastendes, dennoch irgendwie stilles, wenngleich beeindruckendes Buch.

Der Roman „Monster“ des 1965 geborenen israelischen Rechtsanwalt und Autor erschien im Kein & Aber Verlag. Übertragen aus dem Hebräischen wurde er von der verdienten Übersetzerin Ruth Achlama. Im Anhang findet sich ein kleines Glossar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.