Eva Menasse: Dunkelblum Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Es geht sich aus! Es geht sich ganz wunderbar aus!
Viele Tassen Kaffee und einige Mehlspeisen lang hatte ich riesige Freude an dieser opulenten Lektüre. Eva Menasses neuester Roman „Dunkelblum“ scheint mir auch ihr bester bisher zu sein. Ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Roman Vienna, den sie damals 2005, ich war noch als Buchhändlerin tätig, im Café Einstein in Berlin bei einem köstlichen österreichischen Menü vorstellte. Seitdem sind einige weitere Romane erschienen, nicht alle davon habe ich gelesen, aber hier hat mich die Leseprobe schon absolut überzeugt. Auf über 500 Seiten breitet sie hier ein irres Panorama einer österreichischen Marktgemeinde aus, Dunkelblum genannt, aber angelehnt an die Geschichte des real existierenden Rechnitz im Burgenland. Über das „Massaker von Rechnitz“ kann man auf Wikipedia lesen, ich empfehle aber erst den Roman, denn von Menasse nachkonstruiert und auserzählt, ist es schon noch einmal etwas anderes.

1989: Es beginnt mit der Anreise des Dunkelblumer Lowetz, der sehr bald als junger Kerl dem Heimatort an der Grenze zu Ungarn den Rücken gekehrt hat und in der Hauptstadt lebt. Er kommt, um sich um den Nachlass seiner gerade gestorbenen Mutter zu kümmern, eine Verbindung zu ihr hatte er nicht mehr. Doch der Einzug ins Elternhaus und die Gespräche mit den alteingesessenen Dunkelblumern lassen ihn rasch wieder in den Ort eintauchen. Er lernt Flocke kennen, die Tochter des einzigen Bioweinbauern vor Ort, die auch nur zu Besuch ist und den Ehrgeiz hat eine Art Heimatmuseum aufzubauen; allerdings anders, als sich das die Einheimischen vorstellen. Der Reisebürobesitzer Rehberg, der an einer Dunkelblumer Chronik arbeitet und eben Lowetz` Mutter recherchierten mit ihr zusammen für dieses Projekt.

Etwa zur gleichen Zeit taucht auch ein vermeintlich Fremder namens Gellért auf, der sich augenscheinlich ebenfalls für die Dunkelblumer Geschichte interessiert, vor allem für die Zeit kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Er verwickelt die Bewohner freundlich in Gespräche und stellt Fragen. Viele können, oder vielleicht eher wollen, sich nicht mehr erinnern.

„Man tat, wie man geheißen wurde, und schwieg, so war das damals. Und später war es auch so.“

Gleichzeitig widmet sich eine Gruppe Wiener Geschichtsstudenten der Verschönerung des Jüdischen Friedhofs, der sehr lange sich selbst überlassen blieb. Die Studentin Martha begleitet die Aktion mit ihrer Kamera. Sie spielt später noch eine große Rolle gegen Ende des Romans.

Wir lernen nach und nach verschiedene Mitglieder der Ortschaft kennen. Menasse schafft es hier wunderbar die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten und auch in Bezug zu der persönlichen Familiengeschichte zu setzen. So wimmelt es bald von Namen und Persönlichkeiten, die man später nicht unbedingt immer zuordnen kann, aber das spielt so gar keine Rolle, weil die Lektüre einen einfach weitertreibt und vollkommen fasziniert über die Geschehnisse staunen lässt. Da gibt es beispielsweise die resolute Resi Reschen, die das Hotel Tüffer führt, in welchem sie ihre Lehre begann und welches sie nach der Flucht der jüdischen Eigentümersfamilie Tüffer eigenständig weiterführte.  Da gibt es die schöne Leonore, die aus einem Nachbarsort eingeheiratet hat und ehrgeizig mit ihrem Mann, dem Toni Malnitz, aus dem eigenen Weingut einen Biobetrieb mit anspruchsvoller Hotellerie gemacht hat. Sie ist auch die Mutter von Flocke, aber Malnitz ist nicht der Vater. Da gibt es den bald pensionierten Hausarzt Sterkowitz, der damals frisch aus dem Studium plötzlich die Arztstelle übernehmen musste, weil der ansässige jüdische Arzt Bernstein den Ort verlassen musste. Da ist Antal Grün, ein KZ-Überlebender, der wieder nach Dunkelblum zurückkehrt und einen Laden eröffnet. Da gibt es den phlegmatischen Bürgermeister Koreny, der sich mit dem Wasserwirtschaftsamt herumschlägt, den öko-angehauchten Faludi-Bauer und den Obstbauer, den geflickten Schurl und viele andere mehr. Es ist ein großes Vergnügen zu lesen, wie die Autorin hier mit der Sprache und den speziellen österreichischen Begrifflichkeiten spielt.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.
Und daher geht es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit, in der man sich anstrengen musste, um den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern endlich wieder herauszuarbeiten – das war historisch noch nie dasselbe, bitteschön!“

Dunkelblum gelangt mehr und mehr aus dem Ruder, als zuerst bei Grabungen ein altes Skelett gefunden wird, dann ein Flüchtling aus der DDR auftaucht, der über die ungarische grüne Grenze kam, Flocke verschwindet und der inzwischen wieder ansehnliche jüdische Friedhof mit Schmierereien geschändet wird. Plötzlich nach so langer Ruhe kommt Bewegung in den Ort, kommen Journalisten, gelangen Menschen durch den Eisernen Vorhang. Wie es geschieht, dass dann doch nach über 50 Jahren Schweigen über die grauenhaften Taten der Nazis kurz vorm Ende des zweiten Weltkriegs einer den Mund aufmacht, der wirklich große Schuld trägt und das auch noch vor der Kamera der jungen Martha, ist auch der Mithilfe von Gellért zu verdanken, der, man ahnte es schon, ebenfalls aus Dunkelblum stammt und fliehen musste:

Im Schloss der Gräfin feierten Nazigrößen noch kurz bevor die Russen eintrafen ein riesiges Gelage. Und in dieser Nacht wurden unzählige jüdische Zwangsarbeiter, die den Südostwall zum Schutz des Landes graben mussten, mithilfe Dunkelblumer SS-Schergen und der Hitlerjugend gewaltsam hingerichtet und dort verscharrt. Im realen Reckwitz hat man die Toten trotz vieler Grabungen niemals gefunden. In den umgebenden Gemeinden, in denen ähnliches geschah, aber schon. Eva Menasse hat unglaublich viel recherchiert für diesen Roman und ihn sehr breit angelegt. Ihr ist es unglaublich gut gelungen zum Schluss hin alle vielleicht zeitweise verwirrenden Fäden zu einem stimmigen Ende zusammenzubringen und richtig gute Literatur zu machen. Unbedingte Empfehlung!

Das Buch erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Aus dem Archiv: Katja Lange-Müller: Drehtür Kiepenheuer & Witsch Verlag

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In Astas Kopf

Katja Lange-Müller stellt ihrem neuem Roman ein Zitat von Nietzsche voran, das das Anliegen des Buches ziemlich genau auf den Punkt bringt:

Es scheint mir, dass ein Mensch, bei dem allerbesten Willen, unsäglich viel Unheil anstiften kann, wenn er unbescheiden genug ist, denen nützen zu wollen, deren Geist und Wille ihm verborgen ist

Asta, Mitte sechzig, ist soeben am Münchener Flughafen gelandet. Von weit her kommt sie. Als Krankenschwester war sie über zwanzig Jahre im Ausland tätig. Sie hat keine Euros, aber eine Stange Zigaretten aus dem Dutyfree-Shop in der Tasche. Aus Rauchlust und weil ihr Gepäck noch fehlt, steht sie nun vor der Drehtür, die Zigarette in der Hand neben dem Ascher und denkt nach. Und beobachtet. Astas Kollegen im Krankenhaus in Managua hatten ihr den Flug geschenkt. Ein Abschiedsgeschenk, denn eigentlich wollten sie die Kollegin loswerden, in Rente schicken. So einige Fehler waren ihr zuletzt unterlaufen: Es war nicht mehr zu verantworten. Vielleicht ist es ein Burnout, oder sind es gar erste Anzeichen einer Demenz? Eine Auszeit zumindest sollte es sein, ein Aus-Flug, wie die Kollegen ironisch meinten – nach München, wo sie doch in Berlin gelebt hatte – und ohne Rückflug.

Sollte ich mich jetzt tatsächlich mit Dingen beschäftigen, die ich früher nicht interessant genug fand, nur weil ich plötzlich Zeit habe? Wie viel Zeit bleibt mir überhaupt noch?

Asta, die Krankenschwester, die als Not-Helferin für internationale Hilfsorganisationen in verschiedensten Ländern der Erde ihren Dienst tat, zuletzt in Nicaragua, scheint ausgebrannt. Sie könnte froh sein, ihren Beruf endlich an den Nagel zu hängen, in den Ruhestand zu gehen, vielleicht im heimischen Berlin. Doch sie fühlt sich nirgends mehr zu Hause.

Katja Lange-Müller schickt den Leser in Astas Kopf und geleitet ihn durch ihre Gedankengänge. Das ist faszinierend und fühlt sich an wie im Kino zu sitzen: Lauter Shortcuts – ein Blitzgewitter – das Wort, das Asta auch gleich im ersten Satz des Buches denkt und zerlegt und deutet. Asta seziert die Worte, die ihr gerade durch den Kopf gehen, sie hinterfragt den Sinn der ursprünglichen Bedeutung, bemerkt plötzlich alle Zweideutigkeiten. So denkt sie sich durch Begriffe wie etwa „Gesundheitswesen“, „Notwendigkeit“ oder „aufhören“, was auch „aufhorchen“ bedeuten könnte. Unterdessen hört sie ihre innere Stimme zu sich sprechen. Sie selbst hat seit der Landung nichts mehr laut gesagt. Die äußere Stimme hat sich nach innen gestülpt und führt nun ein Eigenleben.

Und weiter hält Asta ihre Lider geschlossen und rollt ihre Augäpfel bis zur Schmerzgrenze in ihren Schädel hinein und sieht, wie auf einer Kinoleinwand, schneeähnlich, kristalline Buchstaben umherwirbeln und einander anziehen und sich verfestigen zu unterschiedlich langen und lesbaren Ketten, die dann beinahe gleichzeitig niederrieseln auf ihre heiße trockenen Zunge und sich dort auflösen.

Die eigentliche Handlung des Romans, vom Umfang her nur ein paar Stunden, findet allein in Astas Kopf statt. In verschiedenen Episoden erinnert sie sich an Begebenheiten und Menschen aus ihrem Leben, und nur so erfährt der Leser etwas über sie. Die Erinnerungen werden immer von etwas im Außen angestoßen und wieder freigesetzt. Lange Zurückliegendes, bereits scheinbar Vergessenes bricht wieder aus dem Gedächtnis hervor.

So sieht sie von ihrem Platz an der Drehtür den Angestellten eines Asia-Imbiss und erinnert sich an den Koch mit Zahnschmerzen aus der nordkoreanischen Botschaft, den sie vor langer Zeit als junge Krankenschwester mit Tabletten und Schnaps zur Schmerzlinderung versorgte. Dann bemerkt sie einen Mann, der einem ehemaligen Liebhaber ähnelt, und schon denkt sie zurück an jenen missglückten Urlaub, der zur abrupten Trennung führte. Oder sie beobachtet eine junge Frau mit bunt gefärbtem Haar und erinnert sich an die Kollegin, die einen Roman schrieb und erzählte, wie es dazu kam, dass es nur bei dem einen blieb und wie sie dann ungeplant zur „Helferin“ wurde: Eingeladen zu einer Lesung nach Indien, wird sie dort von einer resoluten Schriftstellerkollegin genötigt, für Frauen aus den Slums Nähmaschinen zu organisieren. Diese Episode, die teilweise in Kalkuttas Armenvierteln unter schwer misshandelten Frauen spielt, ist ein ganz eigener kleiner Kosmos innerhalb des Romans und erzeugt die allerstärksten Bilder.

In allen Episoden findet sich das Thema „Helfen“: Die Frage, wie zweischneidig sich Hilfe auswirken kann, zieht sich wie ein roter Faden durch das Buch. Lange-Müller beleuchtet die Arbeit der Helfer, hinterfragt ihre Tätigkeiten und Motive aufs Genaueste. Sie nimmt das sogenannte Helfersyndrom unter die Lupe, zeigt die Abhängigkeiten, die (Un-) Eigennützigkeiten beider Seiten und erschafft damit den Raum für eigene Überlegungen.

Doch riskant, erregend riskant, ist die Helferei trotzdem. Du stehst mit einem Bein im Misserfolg, denn oftmals sind deine Bemühungen am Ende vergebens, was dir aber nicht immer vergeben wird, nicht einmal von dir selbst.

Auch mit den Identitäten scheint Katja Lange-Müller im Verlauf ihrer Geschichte zu spielen. Zum Ende des Romans verwischen Astas Gedächtnisspuren, so dass nicht mehr klar ist, ob die jeweils erinnerten Personen das alles erlebt haben oder ob es doch Asta selbst war, ob alles nur angelesen und von irgendwo zugetragen ist. Astas Verwirrtheit, auch Verlorenheit an diesem trostlosen Transitort, in diesem Vaterland mit der Muttersprache, die ihr so zusehends wenig geläufig ist, spitzt sich schließlich zu. Aus der immer zur Verfügung stehenden Helferin wird eine Hilfsbedürftige, die zuletzt ganz alleine bleibt …

Katja Lange-Müllers Roman besteht aus erinnerten Sequenzen ihrer Heldin Asta. Die scheinbar so lose Aneinanderreihung ist in Wirklichkeit eine gut konstruierte Reihenfolge mit aufeinander aufbauenden Episoden, die ihren Höhepunkt stimmig am Schluss finden. Der Titel des Romans ist ein Beispiel dieser Symbolhaftigkeit: Die Drehtür, die sozusagen von einem ‚Land‘ ins andere führen kann, oder aber immer nur im Kreis, in der man aber mitunter auch stecken bleibt. Lange-Müllers Sprache ist wie immer gekonnt, von trockenem Humor durchzogen, manchmal schnoddrig, sehr direkt, mit leisen Zwischentönen. Sie trägt damit sehr passend zur Stimmigkeit dieses Romans bei: Inhalt, Konzept, Sprache und sogar der Titel sind hier mächtig im Einklang – ein überzeugend guter Roman!

Die Rezension erschien zuerst auf fixpoetry.com.
Fixpoetry hat den Betrieb aus Gründen mangelnder Finanzierung leider eingestellt.

Longlist Deutscher Buchpreis 2016
18.09.2016
Hamburg
Von
Marina Büttner

Thomas Hettche: Herzfaden Kiepenheuer & Witsch Verlag

„Eine Insel mit zwei Bergen …“ und „Tief unter der Erde, da ist es schön …“
Seit ich Thomas Hettches „Herzfaden“ las, habe ich dauernd Ohrwürmer. Ich glaube, an Weihnachten kamen sie immer im Fernsehen, die neuen Geschichten der Augsburger Puppenkiste. Als Kind freute ich mich auf jede neue Folge. Sei es Jim Knopf oder das Urmel, Kalle Wirsch oder die Blechbüchsenarmee, später auch Schlupp oder die Dschungeldetektive. Thomas Hettche hat nun einen Roman über die Augsburger Familie Oehmichen, die Gründer der Puppenkiste geschrieben. Äußerlich schön anzusehen in Leinen gebunden und mit Illustrationen, dazu farbigem Druck. In Rot und Blau sind die zwei Erzählstränge unterteilt (wobei ich das Rot beim Lesen anstrengend für die Augen empfand).

Hettche beginnt mit dem „roten“ Erzählstrang, in dem ein 12-jähriges Mädchen nach dem Besuch eines Theaterstücks mit dem Vater, verschwindet. Es entdeckt eine Geheimtür, die durchs Dunkle auf einen geheimnisvollen Dachboden führt. Ähnlich wie bei Alice im Wunderland, öffnet sich hier eine ganz neue Welt. Die Welt der Marionetten und der Phantasie. Das Mädchen wird selbst klein wie eine Marionette und begegnet Hatü, der Puppenspielerin und vielen der bekannten Gestalten der Puppenkiste. Hatü erzählt ihre Geschichte:

So landen wir im zweiten „blauen“ Strang und treffen Hannelore, genannt Hatü, im Kreis ihrer Familie. Zu Beginn wird die Ferienidylle der Oehmichens auf dem Land jäh unterbrochen, weil der Vater einen Einberufungsbefehl bekommt. Der Krieg hat begonnen. Hatü und ihre Schwester Ulla sind 9 und 10 Jahre alt und werden den Rest ihrer Kindheit im Krieg verbringen. Die Mädchen verstehen noch nicht alles, was passiert. Doch dass die alte Frau Friedmann und eine Schulkameradin verschwinden, weil sie Jüdinnen sind, verwundert sie schon. Der Vater, ein Schauspieler am Augsburger Theater, kehrt zurück und übernimmt, als unverzichtbar eingestuft, die Reichskammer-Theaterleitung. Weihnachten 1941 bekommen die Schwestern vom Vater Marionetten geschenkt. Hatü ist fasziniert davon. Mit dem Vater zusammen spielt sie noch während des Krieges vor der Familie und Bekannten ein improvisiertes privates Marionettenstück. Mir scheint, aus allem, was ich herauslese, dass die Familie eher zu den privilegierteren Bürgern gehörte. Erst als die Allierten deutsche Städte angreifen, wird der Vater noch einmal eingezogen. Doch die Familie übersteht alles und beginnt mit dem Neuaufbau einer echten Marionettenbühne – das Stadttheater hat die Bombadierungen nicht überstanden.

„Und wie der Vater eines Tages wieder in Uniform vor ihnen stand und dann nicht mehr da war. Und dass sie selbst seitdem das Gefühl hat, erwachsen zu sein, ohne zu wissen, was das bedeutet. Nur, dass es sich anfühlt wie ein bitterer Geschmack im Mund, weiß sie. Dass sie keine Schuld hat und sich doch schuldig fühlt. Dass sie nichts Falsches getan hat und doch alles falsch ist.“

Nun wird abwechselnd mit der Geschichte des Mädchens auf dem Dachboden die Geschichte des steten Wachstums und des Erfolgs der Augsburger Puppenkiste erzählt. Die Geschichte spannt sich von ca. 1939 bis in die 60er Jahre. Hatü steht dabei in beiden Erzählsträngen im Mittelpunkt. Die Geschichte der Familie zeigt auf, welch große Veränderungen, oft angekurbelt mithilfe der Amerikaner, in den Nachkriegsjahren ihren Lauf nehmen. Der Vater und Hatü brennen vor Leidenschaft für ihr Projekt und entwickeln nach und nach neue Stücke. Beide sind die tragenden Säulen, doch auch das Personal wächst. So werden außer Märchen dann auch „Der kleine Prinz“ und später Michael Endes „Jim Knopf“ erfolgreich aufgeführt. Schließlich kommen die Verfilmungen mit dem Aufkommen der Fernsehapparate. Der Roman erzählt damit auch viel über das Wirtschaftswachstum der Nachkriegsjahre in Deutschland, ohne dabei allzu politisch zu werden. Nur einige der jungen Mitarbeiter der Bühne, beschäftigen sich kritisch mit den Männern, die schon im Nationalsozialismus und nun auch wieder in der neuen Republik das Sagen haben. Überall zeigt sich die allgemeine Verdrängung, sowohl im Privaten, als auch im öffentlichen Raum. Die märchenhaften Stücke der Marionettenbühne bieten dabei für viele Menschen, nicht nur für Kinder, eine gute Möglichkeit, dem Alltag und der Last der Vergangenheit zu entfliehen. Mit Stücken wie „Faust“, „Der kleine Prinz“ und „Jim Knopf“ wird das Programm aber auch gesellschaftlich relevanter und kritischer. (Wer beispielsweise heute über Jim Knopf herzieht, sollte sich den Text mal im Kontext der Zeit anschauen.)

Hettche hat einen guten biographischen Roman geschrieben, wobei mir der „rote“ Strang, der im Heute spielt, eher als spärlich und nur als Halterung der tatsächlichen Geschichte erscheint. An „Pfaueninsel“ kommt der Herzfaden meiner Meinung nach nicht heran.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag und war 2020 auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Don DeLillo: Die Stille Kiepenheuer & Witsch Verlag

Eine Flugzeugnotlandung in New York, ein Baseballspielübertragung, die nicht übertragen wird, der Bildschirm schwarz, die Notbeleuchtung in einem Krankenhaus. Fünf Menschen, zwei ältere Paare, ein junger Mann in einer Wohnung, die einen Stromausfall mutmaßen, aber über Schlimmeres spekulieren (ein Sonnensturm? der dritte Weltkrieg?). Das sind die Eckdaten des neuen Buches von Don DeLillo, dem großen amerikanischen Schriftsteller. Seine Romane sind fast immer kurz und knackig. Dieser hier ist gerade 100 Seiten lang und ich bin nicht sicher, was ich davon halten soll. Knackig finde ich ihn diesmal nicht. Klar, es geht um uns: die Gesellschaft des Überflusses, der Technologien, der weltweiten Vernetzung, der Globalisierung. Ob „Die Stille“ eine Kritik daran sein soll oder nur eine Momentaufnahme des Zusammenbruchs des Systems?

„Das Halbdunkel. Es steckt irgendwo im kollektiven Bewusstsein, sagte Martin. Die Pause, das Gefühl, das schon einmal erlebt zu haben. Irgendeine Naturkatastrophe oder Invasion. Ein warnender Instinkt, den wir von unseren Großeltern oder Urgroßeltern geerbt haben oder von noch weiter zurück. Menschen im Griff einer ernsten Bedrohung.“

Die Gespräche der Personen, die sich in der Wohnung in Manhattan eingefunden haben, um gemeinsam ein Baseballspiel zu sehen, sind so stupide wie Smalltalk oft ist und gleichzeitig spiegeln sie vermutlich die Hilflosigkeit angesichts der Situation. Der eine, Physikdozent, der alles was geschieht, von Einstein her denkt, bringt gleichzeitig Wissenschaft und Naturgesetze ins Spiel. Einer der hinterfragt, die anderen, die verständnislos eher hinnehmen, als versuchen zu verstehen?

„Von dem einen schwarzen Bildschirm in dieser Wohnung bis zur Lage ringsum. Was passiert da? Wer tut dem Ganzen das an? Sind unsere Gehirne digital überarbeitet worden? Sind wir ein Experiment, das zufällig gerade auseinanderbricht, ein Plan, den Kräfte außerhalb unserer Kalkulationen in Gang gesetzt haben?“

So begeistert ich sonst von DeLillos Romanen bin, so ratlos bin ich hier mit diesem. Was ihm gut gelingt, sind die unterschwelligen Schwingungen zwischen Einzelnen darzustellen. Dennoch hätte ich mir mehr Input gewünscht. Fazit: Schnell gelesen, die Kernessenz erfasst, aber wenig überzeugt von Sprache, Szenario und Personal. Im Feuilleton gibt es allenthalben jubelnde Stimmen, was ich nicht nachvollziehen kann. Immerhin in der Süddeutschen habe ich eine enttäuschte Stimme gelesen, was mich etwas beruhigt. Ich empfehle, lieber ältere Titel von DeLillo, zum Beispiel „Null K“, das mir sehr gut gefiel. Die Besprechung gibt es hier.

„Die Stille“ (auch den Titel finde ich wenig stimmig) erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt hat den Text wie immer Frank Heibert. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Leider ohne Leuchtkraft: Hilmar Klute: Oberkampf Galiani Verlag/Thilo Krause: Elbwärts Hanser Verlag

Schade, schade. 2 x kein Leuchten Auf beide Romane hatte ich mich gefreut, beide haben mich enttäuscht. Beide vereint eine nicht sonderlich sympathische männliche, wenig interessant geschilderte Hauptfigur. Statt gar keiner Besprechung möchte ich nun zumindest kurz vom Leseergebnis berichten:

Nach den begeisterten Stimmen zu Hilmar Klutes Roman „Was dann nachher so schön fliegt“, wollte ich nun immerhin den zweiten Roman „Oberkampf“ des Redakteurs der Süddeutschen Zeitung lesen. Das Thema klang gut. Einer, Mitte 40, der von Berlin weg zieht, Job und Beziehung hinter sich lässt, um die Biographie eines großen, wenngleich wenig gelesenen Schriftstellers zu schreiben, der in Paris lebt. Im Roman heißt der Autor Richard Stein und es könnte eine Mischung aus Martin Walser, Peter Handke, Peter Kurzeck und Jürgen Becker sein. Gleich nach seiner Ankunft geschehen die Terroranschläge in Paris, beginnend mit dem Attentat auf Charlie Hebdo. Eigentlich ein guter Ausgangspunkt, dachte ich. Doch wie Klute seinen Protagonisten auf diese Ausnahmesituation und wie die Franzosen damit umgehen blicken lässt, mutet merkwürdig an. Mir scheint es überheblich, teils spöttisch und ignorant.

„Waren sie das, was die Presse „eiskalte Mörder nannte? […] War es nicht ein Heldenstück, sich den Weg freizuschießen, die Tür zum kleinen Redaktionsbüro aufzustoßen und dann direkt in die überraschten, noch von der Wirkung eines Bonmots, einer satirischen Idee erfrischten, lachenden Gesichter zu feuern? […] Er war nicht fassungslos, er war höchstens überwältigt von der Brutalität, dem entschlossenen Vorwärtsschreiten der Krieger mit ihren althergebrachten Waffen.“

Gleich am ersten Abend lernt er außerdem eine (wie könnte es anders sein?!) wesentlich jüngere Frau kennen und beide beginnen eine Affäre. Mit dem Autor Richard Stein trifft er sich regelmäßig, mit der Geliebten ebenso. Alles plätschert so dahin. Nichts davon ist wirklich mitreißend erzählt, ich langweile mich. Ab der Mitte habe ich den Rest quer gelesen. Die Vater-Sohn-Geschichte des Autors hätte interessant werden können, war es aber nicht, auch der Einschub, der von der vorherigen Beziehung der Hauptfigur handelt, wirkt nicht stimmig und eher überflüssig. Auch das leckere Essen und der viele Wein reißen es nicht raus. Tatsächlich ist dann der Schluss für mich die beste Idee des ganzen Buches. Auch sprachlich bietet der Roman nichts Aufregendes. Er erschien im Galiani Verlag.

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Auch auf das Romandebüt des Lyrikers Thilo Krause war ich sehr gespannt. Krauses Protagonist kehrt in „Elbwärts“ mit eigener Familie in die ehemalige Heimat zurück. Nahe Dresden, in einem Dorf im Elbsandsteingebirge kauft er ein Haus mit Garten. Die oft nur nebenbei erwähnte, offenbar nur als Versorgerin dienende Frau arbeitet als Physiotherapeutin, während er sich so dahin treiben lässt und sich um die Tochter kümmert, die er permanent nur „die Kleine“ nennt. Auch die Stadt, in der „die Kleine“ in den Kindergarten geht, nennt er ausufernd die „Stadt-die-keine-ist“, was 1x sicher interessant klingt, aber bei dauerndem Gebrauch nur noch nervt.

„Die Kleine weiß nichts von meinen Ängsten. Sie weiß nicht, dass man sich Sorgen machen kann in der Welt. Das Pflaster, das sie bis heute Morgen noch über der Augenbraue trug, ist abgefallen. Hand in Hand sind wir losgezogen. Christina hatte die Sachen der Kleinen in Stapel gelegt. Ich packte alles ein. Es ist nicht viel Platz im Rucksack, weil oben die Kleine sitzt.“

In seinen Tagträumen, die er auf den Felsen seiner Kindheitslandschaft sitzend verbringt, lässt er diese Revue passieren. Vor allem geht es dabei um den Unfall, bei dem sein damaliger Jugendfreund Vito ein Bein verlor. Weil das beim Klettern an einer Stelle passierte, die der Protagonist vorschlug, gibt er sich bis heute die Schuld für das Geschehene. So wird immer wieder davon erzählt, auch von den geretteten Kaulquappen (!). Ein wenig DDR-Zeit wird aufgewirbelt, ein wenig aktuelle Gesellschaftskritik findet sich, denn die rechtsradikalen und heimattümelnden treffen sich direkt in der Nähe der Kletterfelsen im Sommerlager. Doch mitreißend ist die Geschichte nicht. Die Hauptfigur wollte zwar unbedingt zurück in die Heimat, findet sich aber nun doch nicht mehr zurecht, kümmert sich, wenn überhaupt, nur um seine Männerfreundschaften, vernachlässigt die Tochter, was dann zur Beziehungskrise führt. Ab der Mitte habe ich nur noch quergelesen. Reichlich schade ist es auch, dass sich Krauses lyrische Sprache hier im Roman so wenig spiegelt. Fazit: Lieber Krauses Lyrik lesen. „Elbwärts“ erschien im Hanser Verlag.

Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

Julian Barnes: Die einzige Geschichte Kiepenheuer & Witsch

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Der 72-jährige Engländer Julian Barnes schreibt mit zuverlässiger Regelmäßigkeit gute Romane. Nach „Der Lärm der Zeit“, in dem er den sowjetischen Komponisten Schostakowitsch porträtiert, kommt er wieder zu seinem großen Thema „Erinnerung“ zurück.

Diesmal geht es wieder um die Liebe und die Erinnerung daran und die Reflektion. Gleichzeitig wirkt die Story wie eine Art Ergänzung zum Roman „Vom Ende einer Geschichte“. Der Roman beginnt mit diesen Zeilen und zeigt bereits alles vom Inhalt auf:

„Die meisten von uns haben nur eine einzige Geschichte zu erzählen. Damit meine ich nicht, dass uns im Leben nur einmal etwas geschieht: Es gibt unzählige Ereignisse, aus denen wir unzählige Geschichten machen. Aber nur ein Ereignis ist von Bedeutung, nur eins ist letzten Endes erzählenswert. Hier ist meins:“

Julian Barnes legt diese Geschichte sehr geschickt an. Er teilt den Roman in drei Teile und bleibt dabei nicht strikt chronologisch. Der erste wird direkt aus der Ich-Perspektive erzählt. Es ist die Anfangszeit der Liebe, die Verliebtheit, die Verrücktheit, all das Schöne. Im zweiten Teil wendet sich das Blatt; die Untiefen, das Unschöne, Leidvolle taucht auf: die intensive Du-Perspektive, die die Leser/innen direkt anspricht.

„Doch du glaubst immer noch an die Liebe und an das, was die Liebe bewirken kann, dass sie ein Leben, ja das ganze Leben zweier Menschen verwandeln kann. Du glaubst an die Unverletzlichkeit der Liebe, an ihre Beharrlichkeit, ihre Fähigkeit, jeden Widersacher aus dem Feld zu schlagen. Genau genommen ist das bisher deine einzige Theorie über das Leben.“

Dann im dritten Teil das „Er …“. So erleben die Leser/innen, was mit der Liebe oder zumindest der Liebesbeziehung passiert. Die Distanz wird immer größer. Der Ich-Erzähler und Hauptprotagonist entfernt sich, wird zum Betrachter und stellt sogar seine Erinnerungen in Frage.

Aber inzwischen war das Ungestüm der ersten Person in ihm zur Ruhe gekommen. Es war, als betrachte – und lebe – er sein Leben in der dritten Person. Was ihm erlaubte, es richtiger zu beurteilen, glaubte er.“

Paul ist der Held. Der 19-jährige verliebt sich in eine wesentlich ältere Frau, die in einer Ehe steckt, die alles andere als glücklich ist. Die beiden erleben eine leichte, frohe Zeit miteinander. Paul ist stolz darauf, mit dieser Beziehung gegen alle gesellschaftlichen Regeln dieser Zeit zu leben und seine konservativen Eltern vor den Kopf zu stoßen.
Paul wird schließlich sogar regelmäßiger Hausgast in Susans Familie und erlebt dort zum ersten Mal die gewalttätige Seite von Susans Ehemann.

Die beiden entschließen sich, trotz der äußeren Widerstände, (in den 60er Jahren ist das in einer englischen Vorstadt ein Tabu) zusammenzuziehen und leben in London. Susan ist sehr mutig, sich von ihrem Mann zu lösen. Es folgen einige gute Jahre, in denen sich die beiden wirklich frei fühlen. Während Paul dann seinen Platz zwischen seinen Studienfreunden und seiner Arbeit findet, leidet Susan bald mehr, als sie zugeben möchte. Sie befindet sich trotz des Ausbruchs aus der Ehe in einer erneuten Abhängigkeit. Ohne Arbeit und trotz Pauls zuverlässiger Liebe verliert sie sich und wird zur Alkoholikerin.

Spätestens hier merkt Paul, dass es eben doch nicht so leicht ist mit der Liebe. Es ist keineswegs so, dass alles gut ist, wenn man nur genug liebt. Susan bringt im Gegensatz zu ihm ein Vorleben mit, dass nicht einfach war und dass sie stark geprägt und auch beschädigt hat. Paul versucht Susan immer wieder vor der Sucht zu retten –  jahrelang – scheitert jedoch und trennt sich entkräftet von seiner großen Liebe. Jahrzehnte später blickt Paul zurück und fragt sich, ob er damals mutig oder feige war. Er erkennt, dass er sich seither nie mehr voll auf eine Beziehung einlassen konnte …

Julian Barnes hat eine meisterhafte Analyse einer gegen die damaligen Konventionen verstoßende Liebe geschrieben und regt an über die eigene „einzige Geschichte“ nachdenken.

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Übersetzt wurde er von Gertraude Krueger. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein schönes Gespräch über den Roman gab es im Schweizer Literaturclub:

https://www.srf.ch/play/tv/redirect/detail/798b076a-2bbe-481e-a0f4-318cf84b0738

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Stewart O`Nan: Stadt der Geheimnisse Rowohlt

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Der neue Roman des US-Amerikaners Stewart O`Nan spielt in Jerusalem. Es ist die Zeit kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, 1947, die Staatsgründung Israels nicht mehr fern. In der Stadt geht es drunter und drüber. Zionistische Untergrundgruppierungen wie Irgun und Hagana ziehen die Fäden. Oberflächlich ist Jerusalem die heilige Stadt der drei Religionen, Touristen kommen und gehen, Kibbuz werden ringsum gegründet. Überlebende des Holocaust und des Krieges, Geflohene, versuchen Fuß zu fassen und alle Schrecknisse hinter sich zu lassen. So auch Jossi, dessen gesamte Familie, lettische Juden, die Vernichtungaktionen der Deutschen nicht überlebt hat. Er arbeitet als Taxifahrer, zumindest offiziell. Doch in Wirklichkeit hat er sich einer Zelle angeschlossen, die gegen die britische Mandatsregierung agiert und dabei auch Anschläge und Morde nicht scheut. Er, der das Lager nur überlebt hat, weil er Mechaniker ist, lernt nun auch Sprengkörper zu bauen. Zu verlieren hat er ohnehin nichts, seine Lagererfahrung hat ihn zu einem gebrochenen Menschen gemacht und so macht er mit, vielleicht auch, um sich nicht ganz so einsam zu fühlen. Die Gruppe scheint zunächst Halt zu geben.

Seine Mitstreiterin in Sachen Untergrund, die in die Jahre gekommene Schauspielerin Eva, die zeitweise als Prostituierte (und Spionin) arbeitet, wird seine Geliebte. Im Taxi chauffiert er sie ins King David Hotel zu ihren „Terminen“. Beide wissen, dass es eher eine „Ersatzbeziehung“ ist, das die verstorbenen Ehepartner beider, nicht zu ersetzen sind. In seinen Träumen taucht wiederholt seine Frau Katja auf, die im heimischen Krähenwald mit dem Rest der Familie erschossen in einem Massengrab endete.

Nach verschiedenen gelungenen Einsätzen wird Jossi stolz auf sein Tun, doch näher eingeweiht, wie etwa Eva, wird er in die Planungen nicht. Und Eva verschweigt viel. Nicht immer läuft alles nach Plan. Jossi hadert oft mit der brutalen Gewalt, wird mehrmals auf eine Bewährungsprobe gestellt, sogar einmal kurz verhaftet. Warum er wieder freikommt, weiß er nicht. Die Männer seiner Zelle sind undurchschaubar in ihrer Geheimhaltung. Als eines Tages ein großer Coup gelandet werden soll, wird Jossi absichtlich nicht eingeweiht: In dieses Fall übernimmt Eva einen wichtigen, jedoch gefährlichen Part …

O`Nans Sprache ist leicht und flüssig. Er ist ein gekonnter Erzähler, das Buch unterhaltsam. Doch es ist ganz sicher nicht einer seiner besten Romane. Die beiden vorhergehenden „Die Chance“ und „Westlich des Sunset“ kann ich sehr empfehlen. Als Schauplatz des Romans macht sich Jerusalem allerdings sehr gut, die Handlung ist nah an tatsächliche Ereignisse angelehnt. Kurz war ich an Amos Oz erinnert, doch sind Oz`Romane bedeutender. „Stadt der Geheimnisse“ erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt hat Thomas Gunkel. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Jan Brokken: Sibirische Sommer mit Dostojewski Kiepenheuer & Witsch

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Der Niederländer Jan Brokken hat einen Roman über eine – wie heißt es so schön? – wahre Begebenheit geschrieben. Es geht um die Freundschaft Fjodor Dostojewskis mit Alexander von Wrangel. Als große Dostojewski-Bewunderin konnte ich diesen Roman nicht links liegenlassen.

Wahrscheinlich weiß jede/r Dostojewski-Leser/in das biografische Detail von seiner Verurteilung zum Tod im Jahr 1849. Kurz bevor der Befehl ausgeführt wurde, kam die Nachricht der Begnadigung. Sie sollte das große Wohlwollen des Zars demonstrieren. An dieser Stelle in Sankt Petersburg begegnet der baltische Alexander von Wrangel als Student dem Schriftsteller zum ersten Mal. Nach vielen Jahren, als Alexander seine Karriere als Jurist in Semipalatinsk beginnt, lernt er den dort stationierten „Zwangs-Soldaten“ Fjodor Dostojewski kennen. Dostojewski hatte die langjährige Zwangsarbeit im sibirischen Lager überstanden und begann wieder zu schreiben. Hier entsteht das zum Teil biografische Werk „Aufzeichnungen aus dem Totenhaus“. Zwischen den beiden Einzelgängern entwickelt sich eine enge Freundschaft. Wrangel setzt sich für ihn ein. Aus den gegenseitigen Besuchen mit Gesprächen und dem Gefühl dem anderen nah zu sein, entsteht bei Alexander die Idee einer gemeinsamen Sommerfrische: Sie beziehen eine Datscha außerhalb der Stadt, den Kosakengarten.

Der Autor Jan Brokken hatte das große Glück aus dem privaten Briefwechsel zwischen Dostojewski und Wrangel, die ihm zur Recherche überlassen wurden, zu schöpfen. Damit hat er eine stimmige Geschichte konstruiert. Es ist spannend zu lesen, welch große Vielfalt der Völker dort an einem Ort gemeinsam miteinander lebten. Muslimische und Russisch-orthodoxe, Tartaren und Kosaken. Einerseits gibt es die gut situierten reichen Minen- oder Gutsbesitzer, deren Frauen Champagner trinkend nach neuester Pariser Mode gekleidet sind, andererseits die für jegliche Arbeit eingesetzten Leibeigenen. Eine riesige Kluft zwischen reich und arm.

Brokken schildert Dostojewski als einen, der nach den Jahren im Lager, alles dankbar wahr- und aufnimmt, um es später womöglich in seine Geschichten und Romane einfließen zu lassen. Im Anhang kann man von solchen Begebenheiten lesen. Gleichzeitig erzählt er von seinem Hang zu den menschlichen Abgründen, von der Frage: Sind Gewalt und Verbrechen Ausdruck einer Krankheit? Am Schwerwiegendsten  leidet er unter seiner noch immer nicht aufgehobenen Strafe als Zwangssoldat, da diese mit einem Publizierungsverbot einher geht.

„Alles, das wir zusammen erlebt haben, hat er in irgendeiner Weise einen Platz in seinen Romanen gegeben. Ich staune immer wieder, wie er aus belanglosen fait divers ein Epos über menschliches Unvermögen machen konnte.“

Die Passagen, die von Wrangels und Dostojewskis Liebesmüh berichten, nehmen einen Großteil des Romans ein. Hier zieht sich der Roman für mein Gefühl zu sehr in die Länge. Einzig der Hintergrund, dass auch diese Geschichten als Vorlagen für Dostojewskis Romane dienen, machen sie erträglich. Brokken ist ein recht intensives Porträt einer Männerfreundschaft gelungen, das aufzeigt, wie stark die eigenen Erlebnisse Dostojewskis Texte prägten.

„Keiner von Dostojewskis Romanen ist persönlicher als Der Idiot […]. Der Idiot ist seine Apologie. Wenn ich über die Hauptfigur, Fürst Myschkin, lese, der wie ein Messias sein will, aber keine Erlösung bringt, höre ich Fjodor Michailowitsch reden.“

Der Roman erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Helga von Beuningen hat ihn aus dem Niederländischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Maxim Biller: Sechs Koffer Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Mal sehen, ob Maxim Billers hohe Ansprüche, was gute Literatur angeht, auch auf seinen eigenen Roman zutreffen, dachte ich mir, als ich „Sechs Koffer“ zu lesen begann. Leider, gleich vorweg, kann ich nichts finden, was diesen Roman als besonders anspruchsvoll auszeichnet. Weder inhaltlich noch sprachlich hat er mich in Gänze überzeugt. Zwischendurch hat er mich sogar gelangweilt und nach der Lektüre ist die Geschichte schnell vergessen. Das macht Arno Geiger besser, das kann Ralf Rothmann besser, Uwe Timm und auch Christoph Hein, die alle ähnliche Themen in ihren Romanen bearbeiten.

Die Geschichte, die sich rund um den in der Sowjetunion wegen seiner Schmugglergeschäfte hingerichteten Großvater des Erzählers (aka Autor) dreht, ist zeitweise leicht konfus. Es geht darum, wer in der Familie den Großvater verraten hat, ihn an die Obrigkeit ausgeliefert hat, wer für seinen Tod verantwortlich ist und es geht darum, wer mit wie vielen Dollarscheinen durch den eisernen Vorhang gen Westen flüchten wollte. Der Enkel versucht die ewig unter Verschluss gehaltenen Wahrheiten zu erforschen und aufzudecken. Vater und Mutter, drei Onkel und eine Tante könnten dabei die Finger im Spiel gehabt haben. Jeder Leser kann letztlich anhand der „Aussagen“ selbst entscheiden, wer der Schuldige ist. Ganz klar ist es aus der Geschichte nicht herauszulesen.

Der Roman spielt teils in der Tschechoslowakei, später in Hamburg und Zürich und wechselt dauernd die Zeiten, einmal 1965, dann 1978.  Keine der Figuren kommt mir nahe. Keine berührt mich oder bleibt im Gedächtnis haften. Auch ist nicht immer klar, aus wessen Perspektive eigentlich erzählt wird. Interessant immerhin, dass Biller versucht den 15-Jährigen eine zeitlang anhand einer Brechtlektüre (Flüchtlingsgespräche) durch seine Suche auf den Spuren der Familie zu führen.

Ich finde den Roman trotz seiner Thematik weder tragisch noch eindringlich, ab und an klingt ein wenig trockener Witz hindurch. Nichts jedoch, was einen hohen Anspruch an Literatur erfüllen könnte. Schade, ich hatte mir mehr erhofft.

Im Literarischen Quartett und auch im Feuilleton so wie bei vielen Buchbloggern ist er durchweg besser angekommen. Etwa bei „Die Buchbloggerin“.

Der Roman steht auf der Longlist, ist also nominiert für den Deutschen Buchpreis. Er erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Angelika Klüssendorf: Jahre später Kiepenheuer & Witsch

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Angelika Klüssendorfs Roman „Jahre später“ ist nach „Das Mädchen“ und „April“  die Fortsetzung der Geschichte von April. Es ist ein Roman über eine alles in den Schatten stellende Ehe. Ob er von Liebe handelt, ist nicht wirklich gewiss. Klüssendorfs Romane erzählen von einer DDR-Kindheit, Adoleszenz und dem späteren Leben im Westen, sie sind überwiegend autobiographisch.

Nach „Das Mädchen“, in dem sie über das Kind schreibt, das mit dem kleineren Bruder der alkoholsüchtigen und gewalttätigen Mutter und dem oft abwesenden Vater vollkommen ausgeliefert ist und schließlich im Heim landet, folgte der Band „April“. Darin kommt das Mädchen, dass sich von nun an April nennt, mit 18 Jahren aus dem Heim und erhält einen Arbeitsplatz zugewiesen. Nach einem Suizid-Versuch und anschließendem Psychiatrie-Aufenthalt bekommt die labile junge Frau eine neue Tätigkeit. Hier lernt sie auch Leute aus Kunst und Literatur kennen und beginnt selbst zu schreiben. Sie hat eine Beziehung, wird Mutter, ist mit beidem überfordert. Schließlich wird der Ausreiseantrag genehmigt und sie geht nach Westberlin.

Im neuen dritten Band ist aus der jungen April eine echte Autorin geworden. Auf einer Lesung lernt sie einen Mann kennen, der ihr eigentlich gar nicht so sympathisch ist, der sie aber durch seine Hartnäckigkeit im Werben um sie beeindruckt. Schließlich lässt sie sich darauf ein. Die Anfangszeit dieser Beziehung ist leicht und von fast kindlichem Frohsinn und Nonsens geprägt. Beide scheinen noch viel zu wenig erwachsen, um sich ernsthaft in einer Beziehung wieder zu finden.

Sie sind wie Kinder, denken sich komische Geschichten aus, rufen mit verstellten Stimmen fremde Leute an, versuchen in der Markthalle einen Hummer aus dem Bassin zu klauen;“

Ludwig ist Chirurg und startet nach der Hochzeit sofort eine steile Karriere. Als das Paar Ludwigs Arbeit wegen von Berlin nach Hamburg zieht, ist April einer totalen Einsamkeit ausgeliefert. Statt zu schreiben schaut sie sich Horror-Filme an, deren Hauptfiguren sie in ihrer Fantasie immer wieder besuchen, sie sitzt mit ihnen am Tisch und kommuniziert.

Seine rare Freizeit verbringt Ludwig mit Computerspielen. Er lügt sich die Dinge, so wie er sie gebrauchen kann:

Wenn er mit Bekannten oder Kollegen spricht, lässt er seine Vergangenheit in einem gehobenen Milieu stattfinden. April empfindet keine Scham über ihre Herkunft, gleichwohl auch sie versucht, ihr zu entrinnen.“

Als April schwanger wird, scheint sich zunächst alles zum Guten zu wenden, scheint sich der Wunsch nach einer ganz normalen Familie zu erfüllen. Doch auch das ist nicht von Dauer. April fühlt sich klein und nichtig, gerade auch an Abenden, an denen Ludwig seine Kollegen einlädt. Sie gehört nicht dazu. Zunächst kann sie sich aus schrecklichen Tief-Phasen mit Medikamenten herausholen, doch die Wirkung wird schwächer. Sie hat schlimme Alpträume, trinkt, zieht um die Häuser. Der Karriere Ludwigs wegen steht der Umzug zurück nach Berlin an. Ein Freund verschafft April einen Job in einer Werbeagentur.

Ludwig verkündet eines Tages die Trennung, kommt dann doch wieder zurück, nur um mitzuteilen, dass er die Scheidung will und um zu erklären, wie die Aufteilung des persönlichen Eigentums funktioniert. Was darauf folgt, ist ein erbitterter Rosenkrieg, den April kaum verkraftet. Es häufen sich Anschuldigungen Ludwigs, die schließlich nur noch mit Anwalt und vor Gericht gelöst werden können.

Wenige Wochen später liest April in dem Brief seines Anwaltes, dass sie einen Teil seiner beruflichen Existenz vernichtet habe.
Sie denkt nicht mehr, dass es sich um einen Irrtum handelt. Ludwig meint es ernst. Wenn sie zum Briefkasten geht, schlottern ihr die Knie.“

Liest man die Geschichte von April, fragt man sich augenblicklich, ob es nicht doch im künftigen Leben darauf ankommt, was einem als Kind widerfährt. Es scheint hier, als würde sich die Prägung unmittelbar auf die nächsten Lebensphasen fast schicksalhaft ausdehnen. Angst, fehlendes Selbstvertrauen, Verlorenheit. All das spürt April auch als erwachsene Frau und Mutter, obwohl sie versucht, alles „richtig“ zu machen. Für ihren Sohn Julius aus einer früheren Beziehung, sorgt April, hat aber Angst, dass es nicht genug ist. Und auch mit dem zweiten Kind, Sam, bleibt es schwierig. Sie beginnt mit einer Therapie, schafft zwei Hunde an. Einmal noch, trifft sie sich mit ihren beiden Brüdern, doch hier ist kaum mehr Verbundenheit. Und doch fühlt es sich in manchen Momenten wieder wie richtiges Leben an.

April sitzt stundenlang vor dem Schreibtisch, ohne einen Satz zu schreiben, aber sie hält es aus. Sie erinnert sich, dass sie im Kinderheim, wenn sie nicht einschlafen konnte, Geschichten erzählt hat, um die anderen wach zu halten.“

Im Roman raten alle, die mit April befreundet sind, sie solle doch über ihr Leben schreiben. Dies verwirft sie vehement. Doch dann tut sie es doch und diesem Entschluss haben die Leser diese drei Romane zu verdanken, die auch sprachlich in ihrer Reduziertheit überzeugen. Und so endet „Jahre später“ mit dem prägnanten Satz, der den ersten Roman einleitete: „Scheiße fliegt durch die Luft“

Ergänzung, womöglich von Interesse:
Was ich bei Lektüre aller drei Romane noch nicht wusste, erfuhr ich kürzlich aus einem Beitrag zum Buch: Aprils Ehemann Ludwig ist wohl angelehnt an den tatsächlichen ehemaligen Ehemann Klüssendorfs, Frank Schirrmacher, der als Journalist und Autor durchaus sehr bekannt war.

Alle drei Bände erschienen im Verlag Kiepenheuer & Witsch. Eine Leseprobe findet man hier. Auf dem Blog BooksterHRO gibt es Besprechungen aller drei Bände.

Diese Rezension erschien zuerst bei fixpoetry.