3 x Lyrik – Kurzüberblick erlesener Gedichtbände: Eva Maria Leuenberger: Kyung / Anthologie Rote Spindel, schwarze Kreide / Séptimas von Klaus Anders

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Für manche bereits gelesenen Lyrikbände fehlen mir Worte und/oder Zeit, um einen längeren Blogbeitrag zu schreiben, obwohl ich sie sehr mag und empfehle. Deshalb hier ein kurzer Einblick in loser Folge:

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„ein ich /      außerhalb ihrer eigenen äußerung
schwebend, mit beiden füßen fest auf der erde
eine handvoll augen, ohne gesicht, eine handvoll stimmen,
ohne körper

eine leerstelle, wo der name war

erinnerung, fragmentiert zu sprache“

Eva Maria Leuenbergers zweiter Lyrikband nach „dekarnation“ ist ganz anders. Sie hat sich diesmal an einer konkreten Person, an einem konkreten künstlerischen Werk orientiert und macht etwas ganz Besonderes daraus. Wie schon der Titel verrät, geht es um die koreanisch/US-amerikanische Künstlerin Theresa Hak Kyung Cha (1951-1982), die im Alter von 31 vergewaltigt und ermordet wurde. Leuenberger hat sich intensiv mit deren Werk, vor allem mit „Dictée“ (was erst posthum veröffentlicht wurde) und mit deren Biographie auseinandergesetzt. Entstanden ist ein Band, der dieser Künstlerin ein Denkmal setzt. Die Wertschätzung für Kyungs Kunst zieht sich durch das ganze Buch, ohne Leuenbergers eigene Stimme zu überdecken. So werden auch Worte und Bilder Kyungs mit eingebunden und in ihrer Tiefe sensibel durchleuchtet. Der Band erschien im Droschl Verlag.

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MärchenTitelMaerchen.jpg Rote Spindel

Ich habe die Märchen vergessen. Sie vergessen mich nicht.
Wir lernen uns näher kennen nach Mitternacht in den Bil-

derbüchern hinter den Bergen. Da deuten uns die Sterne.
Das Zündholzmädchen kocht mir Tee im gesprungenen Glas.
Ich fülle die Schachtel mit Gedanken-Splittern.“

Rose Ausländer

„Rote Spindel, schwarze Kreide“ versammelt Gedichte klassischer und zeitgenössischer Lyriker*innen zu einer wunderbaren Sammlung von Texten über Märchen in einem Band. Herausgegeben von Birgit Kreipe und Ron Winkler, die beide selbst Gedichte schreiben, zeigt sich eine traumhafte Fülle, die die Leser in eine Zauberwelt entführt. Im Vorwort erläutert Birgit Kreipe die Herkunft der Märchen, ihre Beziehung zu Träumen und auch zur Psychologie und erzählt, wie bei der Auswahl der Texte vorgegangen wurde. So überwiegen zeitgenössische Dichter*innen, wobei das älteste Gedicht von 1880 stammt und die neuesten aus dem 21. Jahrhundert. Die meisten Gedichte beziehen sich dabei auf die Grimm`schen Märchen. So gefiel mir beispielsweise besonders gut das Gedicht „Märchen“ von Selma Meerbaum-Eisinger:

„So weit meine Augen sind –
verloren in einem Wald,
spielen sie blind und tot mit dem Wind,
und ich – bin müd und kalt.“,

aber auch Rolf Dieter Brinkmanns „Schneewittchen“

„…wer weiß in der luft die leuchtet weiß her und tanzt geliebte im wind der weiß geliebte vornüber hinunter auf dächern die sterne …“ 

und Werner Söllners „Märchen zur Unzeit“:

Alles und nichts in Käfig und Reuse.
Die Welt ist entzaubert, Hans ist im Glück.
Wer nicht mehr am Gold klebt, sagt leise:
Einmal Bremen, hin und zurück.“

Weiterhin finden sich Gedichte von Birgit Kreipe selbst, von Nora Gomringer und Nora Bossong, von Gertrud Kolmar und Erika Burkart, von Kerstin Hensel und Elke Erb, von Paul Celan und Günter Eich und viele viele mehr. Der Band erschien im Verlag Edition Azur.

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„Lang ging ich in düsteren
Gedanken, die Wälder schlossen sich
hinter mir, keiner folgte, ich blieb
lang allein mit den Bäumen.
Sie schützten mich, sie sprachen mir zu
bis die Düsternis schwand, bis ich sang,
mit neuen Liedern heimkam.“

Klaus Anders` neuer Lyrikband „Séptimas“ versammelt lauter siebenzeilige Gedichte, die meditativ sind wie Haikus, aber durch ihre etwas längere Form mehr verraten. Sie sind wunderbar zum täglichen Lesen geeignet, vielleicht morgens oder abends wie ein Gebet. Für den Geist ist es genau richtig, sieben Zeilen, die leicht zu lesen sind, aber mitunter wie ein Koan zum Weiterdenken herausfordern. Es finden sich Bezüge zur Weltliteratur, zum Menschsein, zur Natur und im letzten Kapitel sind die Verse 7 japanischen Dichtern gewidmet. Der Band erschien in der Edition Rugerup.

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Klaus Anders: Sappho träumt Edition Rugerup

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Der Dichter Klaus Anders bewegt sich mit seinem neuen Lyrikband durch Zeit und Raum. Von einer durchwachten Nacht über eine ganz besondere und eigene Auslegung von Tarotkarten bis zum Maler Max Beckmann spannt sich der Bogen. Es gibt Miniaturen, die Alltägliches beleuchten, oft auch mit einem ironischen Anklang. Ganz im Gegensatz dazu finden sich im Übermaß Wunden, Schmerz und Tragik. Auch Gesellschaftskritisches kreuzt mitunter die Zeilen. Und es gibt zwei längere Zyklen, die sicher einiger Recherche bedurften.

Vieles bleibt rätselhaft, uneindeutig, manche Hintergründe lassen sich im Gedächtnis zusammensuchen (oder ergooglen oder später im Anhang lesen). Klaus Anders bearbeitet oft historische Motive. So wird dieser Lyrikband mitunter spannender als ein Geschichtsbuch.
Thomas Manns letzte Liebe kommt vor, Stalins Sterben, der Niedergang eines syrischen Stadtstaats und die im Titel genannte griechische Dichterin Sappho. Da tauchen dann so spannende historische Figuren auf, wie Guglielma, deren Anhänger glaubten: Sie „sei der Heilige Geist, entzündet in einer Frau. So wie Gott als Sohn in einem Mann.“ (Eine schöne Vorstellung …)

„Wenig aber bis nichts lernt ein Mensch, wenn es
dem eigenen Vorteil nicht dient. Dabei zeigt ihm
der arglose Blick in ein Augenpaar, was
er zum Leben braucht und zum Sterben.“

Im Zyklus „Beckmanns Speicher“ wird die Zeit des Malers Max Beckmann auf der Flucht vor den Nazis verdichtet. Die gesamte Kriegszeit verbrachte Beckmann versteckt in Amsterdam, da ihm das Visum für die USA verweigert wurde. Anders benutzt dabei die Bilder der Triptychen, die Beckmann in dieser Zeit häufig malte. Diese Bilder werden zwischen mythischen Begebenheiten arrangiert.

„Nicht zu fragen ist die Botschaft,
Licht versandet in der Nacht,
Schatten sinken in die Wände,
wer noch hofft, hat nichts bedacht.“

Der Zyklus Tarot bezieht sich auf die 22 Trumpfkarten, die große Arkana. Ein Teil der Gedichte sind inspiriert von historischen Persönlichkeiten. Hier Ausschnitte aus erster „0-Der Narr“ und letzter Karte „XXI-Die Welt“:

„Lass gehen, heut bin ich der Narr, und morgen,
Du. Es schwankt das Schiff,
Es sinkt nicht. Mach die Augen zu.“
————–

„Sprach zu mir im Wald die Taube:
Immer seh ich dich allein,
Gehst und sinnst und sprichst dir leise.

Geh schon immer diese Wege;
Immer bin ich hier allein,
Doch hier bin ich niemals einsam.

Alles spricht mich liebend an.
Gehen will ich, schauen, lauschen
Und verwehen irgendwann.“

Auch vor Tod und Teufel schreckt der Dichter nicht zurück. Sie hält er mit seinen Versen in Schach. Die Themen Religion und Spiritualität werden in ihrer großen Vielfalt beleuchtet und dazu gehört auch die Natur, die den ewigen Kreislauf, die Endlichkeit aufzeigt. Hier finden sich auch kurze Texte, die Haikus ähneln.

Dabei bleibt der Dichter immer einer klassischen Form treu. Und darin sind seine Gedichte auch am besten aufgehoben. Sie benötigen keine Experimente. Die Wirkung liegt allein in der Sprache und dem in ihr gebetteten Inhalt.

„Sappho träumt“ erschien in der Edition Rugerup. Eine Leseprobe und mehr über den Autor Klaus Anders, der auch Lyrik aus dem Norwegischen übersetzt, unter anderem Olav H. Hauge und Kjartan Hatløy, gibt es hier.

Kjartan Hatløy: Der weiße Weg Edition Rugerup

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Bereits als ich zum ersten Mal Kjartan Hatløys Gedichte las, wusste ich, das ist komplex und gleichzeitig in seiner Einfachheit tief berührend, das ist Lyrik, wie sie mir wichtig ist. Der 1954 geborene Dichter lebt in Norwegen, abseits der Städte an einem Fjord und hat alles in der Umgebung was er für seine Texte braucht: Natur, Tiere, Stille, Bücher und eine klare Quelle als Meditationsort.

„Freue mich über mein Weniges von der reichlichen Zeit der Sonne. Wärmt mich. Dass sie die Möglichkeit bekam, zu werden, wie herrlich ist das! Und sonst: Meinen Kiesweg entlang tanzen viele Einsamkeiten willig mit.“

Der Filmemacher Frank Wierke hat einen Film über den Dichter gedreht, der all dies mit einbezieht. Bei einem ersten Kennenlernen verstanden sich beide gut und es entstand ein schriftlicher Austausch in deutscher Sprache, aus dem dann die Idee des Films entstand. Hatløy schickte kleine „Stimmungen aus Salbu“, so auch der Untertitel des Buches und Wierke machte bei seinen Besuchen die Bilder zu den Stimmungen. In etwa einem Jahr entstand so ein außergewöhnlicher Film, der sehr nah geht. Er heißt Solreven – Sonnenfuchs. Einen Ausschnitt findet man hier.

Die Temperatur in den Handmuscheln meiner Kinderzeit nutze ich nun als freundliche Kraft, die ich überall nah bei mir habe.“

Inzwischen wurden die „Stimmungen“ in Norwegen mit großem Erfolg verlegt, wie alle seine bisherigen Bände, beim bekannten Oktober Verlag (lange vor den Büchern Knausgårds (Kjartan ist ein Onkel von Karl Ove)).

Kürzlich gab es die Deutschlandpremiere des Films zusammen mit einer Lesung aus dem neuen Lyrikband, initiiert vom Haus für Poesie im Kino Central. Kjartan Hatløy las auf Norwegisch und Übersetzer und Lyriker Klaus Anders die deutsche Variante.

„Das Geräusch des Flusses ist ein anderes Blut, hier bei dem großen Stein mittendrin, wo der einzelne Tag klingt wie eine indische Trommel. Das Geräusch ist so achtsam, dass ich es, ein einziges Mal, meine Hand küssen ließ.“

Die Gedichte zeugen von tiefer Verbundenheit mit der Natur und vom Einverstandensein mit allem Leben. Sie beziehen sich auf den riesigen Kosmos und dann wieder auf die Winzigkeit eines Erlenblatts. „Meine Gedichte entstehen hauptsächlich aus dem Denken“. Der Autor hat Philosophie studiert, hat Deutsch gelernt, damit er die deutschsprachigen Philosophen im Original lesen kann. Er weiß aber auch um die harte körperliche Arbeit als Werftarbeiter. Genügsam und allein lebt er in dem Haus am Fjord. Sein Zuhause ist der gesamte Kosmos. Er ist der Wissenschaft ebenso wie dem Unerklärlichen, dem Spirituellen zugewandt.

„Einige gelbe Äpfel kullern von der braunen Tischplatte und reisen zu Boden. Meine liebe Erde reist schneller. Sie pflügt die Farbe Schwarz und sät uns aus, uns Menschen. Sie stürmt weiter, nicht einsam, und in der hohen Geschwindigkeit, die im Verborgenen gründet.“

In diesem Band sind es Prosagedichte, kurze und längere Miniaturen. Kein Reim, keine Versform. Manchmal sind es kleine Geschichten. Sie lassen die Sprache in Alltagsmomenten verharren oder sich fortbewegen. Sie zeugen von der Verbundenheit aller Dinge. Hier zeigt sich die klare Beobachtungsgabe des Dichters, die Art der Wahrnehmung, die für einen Dichter so wichtig ist.

Der Band „Der weiße Weg“ erschien in der Edition Rugerup, ein Verlag der vor allem Lyrik und gerne auch aus dem Norden verlegt. Verlegerin Margitt Lehbert erhielt dieses Jahr den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung. Übersetzt aus dem Norwegischen hat Klaus Anders. Von Frank Wierke kommt das Nachwort, dass aufschlussreich über die Entstehung des Buches berichtet. Er hat in der Reihe „Dichter im Porträt“ verschiedene Lyriker filmisch kurz porträtiert, unter anderen auch Elke Erb. Von Kjartan Hatløy gibt es in deutscher Sprache bereits den Lyrikband „Die Lippen verlangen nach Ocker“ in der Edition offenes feld.

Ich danke dem Verlag/dem Übersetzer für das Rezensionsexemplar.