Alain Claude Sulzer: Unhaltbare Zustände Galiani Verlag

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Alain Claude Sulzer ist ein Autor, dessen Romane ich beinahe so regelmäßig lese, wie er sie schreibt. Der 1953 geborene Schweizer hat diesmal eine Geschichte erzählt, bei der ich sehr schnell glaubte, sie wäre vorhersehbar und würde mit einer glücklichen Liebesgeschichte enden. Doch weit gefehlt! Und das ist ein Glück, denn ich mag keine Happy Ends in Romanen und es hätte diesem Roman auch nicht zum Vorteil gereicht.

Sulzer erzählt zwei parallel laufende Lebensgeschichten, die sich an einem Punkt berühren. Seine Geschichte spielt Ende der sechziger Jahre. Die Nachkriegszeit mit ihrem wirtschaftlichen Boom geht vorbei und die Revolten der Studenten beginnen. Selbst in der neutralen kleinen Schweiz zeigen sich die Veränderungen.

In einem Erzählstrang begegnen wir Robert Stettler. Er lebt in einer Stadt in der Schweiz und arbeitet seit langem als Schaufensterdekorateur in einem renommierten Kaufhaus, eines der ersten in der Stadt überhaupt. Stettler geht in dieser Tätigkeit vollkommen auf. Er lebt seit dem Tod seiner Mutter allein und lebt vor allem für seine Arbeit, mit der er sehr erfolgreich ist. Als Stettler sechzig ist, stellt sein Chef einen neuen jungen Dekorateur ein, der von nun an die wichtigsten Arbeiten macht. Alles soll neu und modern werden. Stettler ist abgeschrieben. Seine heile konservative kleine Welt zerbricht. Er wird vollkommen aus der Bahn geworfen. So sehr, dass er Rachegelüste gegen den jungen Kollegen hegt. Bis er schließlich etwas Außergewöhnliches tut …

Im anderen Erzählstrang geht es um die deutsche Pianistin Lotte Zerbst, die ähnlich wie Stettler ausschließlich für ihre Arbeit lebt und ansonsten recht einsam ist. Sie war als sehr junge Frau Meisterschülerin eines berühmten russischen Pianisten. Sie hat viel gelernt bei ihm, dafür aber auch einen hohen Preis dafür bezahlt. Tatsächlich macht sie Karriere als Pianistin, was zu dieser Zeit für eine Frau nicht selbstverständlich ist. Eines ihrer seltenen Konzerte führt sie schließlich auch in den Wohnort Stettlers.

Ein kurzer Briefwechsel verbindet ihre beiden Geschichten: Stettler schreibt Zerbst einen Brief, weil er von ihrer Musik so angetan ist, Zerbst antwortet, weil er so angenehm schreibt. Hier könnte man als Leserin glauben, man wüsste, wie das alles endet. Tut es aber zum Glück nicht, denn am Ende kommt es zu einem überraschenden Showdown, der eigentlich das Beste am ganzen Roman ist.

Sulzers Roman ist unterhaltsam, teilweise ein wenig unglaubwürdig konstruiert und sprachlich ohne Besonderheiten, aber das tut dem Lesegenuß keinen Abbruch. Ich empfehle ebenfalls „Postscriptum“, was ich bereits hier auf dem Blog besprochen habe und „Aus den Fugen“ und „Zur falschen Zeit“. „Unhaltbare Zustände“ erschien im Galiani Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung findet sich bei letteratura Blog.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive Rowohlt Verlag

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1241 Seiten: Max. Mischa. Owen. Theater. Apokalypse Now. Beckett. Vietnam-Krieg. Ionescos „Die Nashörner“. 09/11. Klavier. New York. Jazz. Stavanger. Freundschaft. Liebe. Kunst. Und eine schwer greifbare Melancholie.

Das sind die Stichworte, auf die ich Johan Harstads großen Roman reduzieren könnte, wenn ich es wollte. Ziemlich schnell sah ich Verwandtschaften zu zwei anderen gewichtigen Büchern. Ich finde nach wie vor, dass dieser Roman eine Art Mischung ist aus den von mir geliebten Romanen „4321“ des US-Amerikaners Paul Auster und „Magnet“ des Norwegers Lars Saabye Christensen. Ganz ähnliche Themen werden hier verhandelt. Und wie diese beiden, ist es ein gewaltiger Roman, pure Erzählkunst, wie sie nur über so viele Seiten geschehen kann. Nur auf diese Weise kann ich in eine Geschichte total versinken. Dabei sein. Mit leben. Spüren, was die Figuren fühlen. Selten sah eines meiner Bücher nach Beendigung der Lektüre so zerlesen aus. Es musste überall mit hin … und es war danach schwer, etwas gleichwertiges zum Lesen zu finden.

Tatsächlich spielt die Handlung dann auch zum Teil in Norwegen und in den USA und sie beginnt 1988 und endet 2011. Max lebt in Stavanger, seine Eltern sind kommunistische Aktivisten. Als 11-jähriger Junge spielt Max mit seinen Freunden allzu gerne Krieg. Der Film „Apokalypse Now“ wird später zum Highlight des beschaulichen Lebens in der Kleinstadt in Norwegen. Als seine Eltern mehr als überraschend beschließen, in die USA nach New York auszuwandern, bricht für den inzwischen 14-Jährigen eine Welt zusammen.

„… ich höre selbst, wie meine Sprache an Steinchen erinnert, die zwischen den Zähnen knirschen. Und so soll es auch sein. Die Kiesel sind das Resultat einer Sprache, die Jahrtausende überdauert hat, sie wurde aus dem Altnordischen herausgeschliffen, von Gletschern aus Felswänden geschürft, mit den Sedimenten aus dem Fjord gewaschen, vom Wind fortgeweht, …“

Der Vater wird Pilot bei American Airlines und glänzt durch Abwesenheit, was Max und seine Mutter näher zusammen bringt. Als er in der neuen Schule Mordecai kennenlernt, beginnt eine enge Freundschaft, die für die Entwicklung beider wichtig ist. Die beiden beginnen zunächst mit gemeinsamem Sport, wechseln schließlich zum Theaterworkshop der Schule und werden in diesem Metier richtig gut. In einem Sommer auf der New Yorker Insel Fire Island, lernt Max durch Mordecai Mischa kennen. Max ist 16, Mischa ist 23, kommt aus Montreal und ist bereits im Begriff als Künstlerin bekannt zu werden. Beide beginnen trotz mancher Widrigkeiten eine Liebesbeziehung. Max und Mordecai studieren an Schauspielschulen, Max wechselt ins Fach Regie und wird damit später recht erfolgreich. Mordecai hat es als Schauspieler schwerer und lebt oft am Limit. Ihre Freundschaft wird die Jahre überdauern, sie verlieren sich nicht aus den Augen.

Weiterhin kommt Owen ins Spiel. Er heißt eigentlich Ove und ist Max`von den Eltern tot geschwiegener Onkel. Ove verließ als junger Mann sein Heimatland, um in den USA Pianist zu werden. Doch der Erfolg ließ auf sich warten. Um die amerikanische Staatsbürgerschaft zu erhalten, meldete er sich freiwillig für den Vietnam-Krieg, der damals, wie jeder glaubte, bald zu Ende sein würde. Diese Zeit prägt Ove/Owen nach seiner Rückkehr stark. Nach einigen guten Jahren mit seiner großen Liebe, kommt es zur Trennung. Erschüttert beginnt er in New York ein weiteres Mal ganz neu. Er findet Arbeit in einer Klavierfabrik, beginnt langsam wieder mit dem Klavierspiel und landet schließlich durch unvorhersehbare Umstände in einer riesigen Wohnung im damals architektonisch ungewöhnlichen Wohnhaus, genannt Apthorp, in Manhattan.

Max fasziniert der fremde Onkel und als beide sich kennenlernen, verstehen sie sich wunderbar. Max und Mischa ziehen schließlich bei Owen ein. Es folgen glückliche, spannende, bewegte Jahre, die einen großen Teil der Geschichte ausmachen. Doch so wie das Gebäude immer maroder wird, bröckelt auch Mischas Liebe zu Max, wird Owens Körper durch eine Krankheit immer fragiler. In dieser Zeit lebt auch Mordecai, mangels Geld und Arbeit eine Weile mit im Apthorp. Mischa trennt sich von Max und geht zunächst nach Kalifornien, dann nach Montreal zurück. Ihre Bilder werden auf dem Kunstmarkt hoch gehandelt.

„Kunst von einer Künstlerin war schwieriger zu verkaufen. Sie musste, das wurde nie gesagt, aber immer gedacht, doppelt so gut, doppelt so kontrovers, aggressiv und sexy sein, um auf dem Markt dieselben Preise zu erzielen wie die Werke der männlichen Kollegen. Zusätzlich geplagt von der Furcht, man könnte es womöglich auch noch mit feministischer Kunst zu tun haben, …“

All das wird in Rückblenden erzählt. Max fährt mit dem Auto, um unabhängiger zu sein, von Auftrittsort zu Auftrittsort quer durch die USA. Sein neuestes Stück ist so erfolgreich, dass sich diese Tournee durch große Schauspielhäuser ergeben hat. Auf dieser Reise gerät auch Max an seine Grenzen, stellt sich die Frage, ob er mit dem Theater weiter machen will. Ein unerwartetes Wiedersehen mit Mischa bei einem sehr traurigen Anlass,

„… denn wenn es Temperaturen von Einsamkeit gibt, sind diese letzten Minuten die kältesten, weit unter dem Nullpunkt, ein Ort, zu dem Telefone oder Stimmen und Freunde und Familie nicht mehr durchdringen und in dem sich alle Moleküle zu einer unerschütterlichen Ruhe ordnen, …“

scheint dann aber neue Möglichkeiten zu eröffnen …

Und Wahnsinn: Was für ein Schluss! Welch große Erzählkunst! Harstad lässt seinen Helden Max in einem furiosen Showdown seinen ganz eigenen „Apokalypse Now“-Augenblick erleben. Welch ein Finale! Ein beglückendes Leseabenteuer, wie es selten zu finden ist, durfte ich hier erleben. Johan Harstad hat einen nahezu perfekten Roman konstruiert, dessen Sprache und Erzählweise mit dem Inhalt, den verhandelten Themen, um die Wette glänzen. Allem liegt eine tiefe Melancholie zugrunde, eine Dringlichkeit und Intensität, wie ich sie mag. Müsste man aus der großen Menge der diesjährigen Neuerscheinungen zum Buchmesse-Gastland Norwegen nur einen Roman wählen, dann bitte diesen. Ein nordlichtes Leuchten!

„Max, Mischa & die Tet-Offensive“ erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Ursel Allenstein brillant aus dem Norwegischen übersetzt. Hier gibt es ein schönes Interview mit der Übersetzerin und hier eines mit dem Autor Johan Harstad. Zudem ist das Buch auch noch äußerlich interessant gestaltet. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere ebenso begeisterte Besprechungen gibt es bei Klappentexterin, Masuko13 und Buzzaldrins.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.