Nino Haratischwili: Das mangelnde Licht Frankfurter Verlagsanstalt

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Nach dem wunderbaren Leseerlebnis mit Nino Haratischwilis Roman „Das achte Leben“ über eine Schokoladenfabrikdynastie in Georgien war ich sehr gespannt auf den neuen Roman. Fast ebenso dick, über 800 Seiten, die mir bei „Das achte Leben“ fast zu kurz vorkamen, bin ich diesmal etwas verhaltener. Das liegt sicher vor allem am Inhalt. Ich konnte diese Geschichte nicht als eine große Geschichte der Freundschaft lesen, sondern las vor allem über Gewalt. Ob das nur mir so ging?

Der Roman schildert das Leben und Erleben von vier Freundinnen, seit Beginn ihrer Freundschaft zu Schulzeiten in den 80er Jahren: Dina, Nene, Ira und Keto. Aus dem Blickwinkel von Keto wird auch der ganze Roman erzählt. Wir erfahren gleich zu Anfang, dass eine der Freundinnen nicht mehr lebt. Die anderen treffen sich nach über 20 Jahren, es ist inzwischen 2019, zum ersten Mal wieder, anlässlich einer großen Foto-Ausstellung, die nach dem Tod Dinas, der Fotografin, in Brüssel stattfindet. Anhand der Fotos, die Keto der Reihe nach in der Galerie betrachtet und sich erinnert, hören wir von den jeweiligen Situationen im Leben der Freundinnen. Unterbrochen vom aktuellen Geschehen in der Galerie, tauchen wir immer wieder in die Geschichte der Mädchen, die alle in Tiflis lebten ab, aber eben auch in die Geschichte Georgiens mit ihren Wandlungen während der Zeit von Gorbatschows Perestroika unter der Sowjetunion über die folgenden oft blutigen Kämpfe mit teils bürgerkriegsähnlichen Zuständen bis zur Unabhängigkeit.

Gleichzeitig erleben die Mädchen, deren Zusammenhalt trotz ihres unterschiedlichen Charakters, zunächst sehr stark ist, ihren Schulabschluss, ihre erste Liebe, ihre ersten Studien- und Berufserfahrungen. Ira beginnt ein Jurastudium, Keto studiert Restaurierung, Nene heiratet, aber nicht den, den sie liebt, Dina fotografiert und arbeitet bei einer Zeitung. Die jungen männlichen Protagonisten hingegen, Ketos Bruder, der mit Dina zusammen ist, Lewan, den Keto sehr mag, Nenes ungewollter Ehemann etc. sind alle mehr oder minder in der Unterwelt tätig, wo Bandenkriege herrschen, wo es um selbstgefällige Männlichkeit geht, um Schutzgelderpressung, wo Ehre und Ehrenmorde wichtig sind, wo es um Äußerlichkeiten und Reichtum mit entsprechenden Symbolen geht. Und mit alledem geht ein krudes Frauenbild einher: die Herabsetzung der Frau (vor allem, wenn sie eine eigene Meinung hat) himmelweit von Gleichberechtigung entfernt.

„In unserer Stadt waren die Mädchen pudrig und hauchzart, sie waren dafür gemacht, an der Ehre der Männer zu weben und ihnen warmes Brot zu backen. […] In unserer Stadt waren die Mädchen Goldfische, denen die Jungen Aquarien zu bauen hatten, um ihre liebsten Fische darin schwimmen zu lassen. In unserer Stadt waren die Mädchen flügellose Engel an dünnen Fäden, festgehalten von Müttern, Tanten, Großmüttern, die einst auch nicht hatten davonfliegen dürfen.“

Und genau das macht es mir schwer, den Roman zu lesen: Ketos Bruder, der Nene beschuldigt am Tod ihres Liebhabers Saba Schuld zu sein, weil sie nicht ihrem rohen, ungeliebten Ehemann treu ist, den sie nie wollte. Dabei ist natürlich ihr Ehemann Schuld, der seine „Ehre“ mit einem Mord verteidigen „muss“. Lewan, der dann eben jenen Liebhaber, seinen Bruder Saba, unbedingt rächen muss, der „Familienehre“ wegen, und der seinen Frust und seine unausgesprochenen Gefühle abreagiert, indem er Keto beinahe vergewaltigt. usw. usw.

Will ich das weiterlesen, denke ich nach etwa 400 Seiten? Bereits im Roman „Löwenzahnwirbelsturm in Orange“ der Georgierin Tamar Tandaschwili las ich von solcher Misogynie, die offenbar bis in die Heutezeit reichen. Aber eben auf 180 Seiten, nicht auf 800. Scheinbar hat sich in Georgien nicht viel verändert, was Frauenrechte/sicherheit angeht? Womöglich hat sich überall nichts Wesentliches geändert? Ich denke an die Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind. Ich denke an die Mädchen in Indien, die einer Massenvergewaltigung zum Opfer fallen oder einem Säureanschlag oder gleich schon als Fötus wegen ihres Geschlechts abgetrieben werden. Ich denke an die Nachrichtensprecherinnen in Afghanistan, die auf Anordnung der Religionspolizei nun ihr Gesicht wieder verhüllen müssen. Wo bleiben die Frauenrechte? Mein Leseerlebnis dieses Romans lief immer wieder in genau diese Richtung, obwohl es sicher nicht der Ganzheit des Romans gerecht wird. Und so las ich dennoch weiter …

In nächsten größeren Abschnitt geht es gleich weiter mit mafiösen Strukturen (Schutzgelderpressungen, Bandenkriege, rohe Gewalt, Korruption, Drogenhandel) und frauenfeindlichem Verhalten. Die vier Freundinnen sind wirklich nicht zu beneiden in dem, was sie in solchen gesellschaftlichen Strukturen in dieser Zeit durchleben. Und es geht immer weiter mit Krieg und Gewalt, im Kleinen wie im Großen.

„- Er wird für alles Büßen. Das kannst du ihm ausrichten. Und wenn ich mitbekommen sollte, dass du dich weiterhin mit ihm triffst, dann werde ich dich umbringen. Dina, hörst du? Ich lasse nicht zu, dass du meinen Namen mit Dreck besudelst. –
Er hielt ihr die Messerspitze an die Kehle.“

Dina flieht vor einer zerbrochenen Liebe als Kriegsfotografin nach Abchasien. Ira geht mit Stipendium in die USA. Nene bekommt ein Kind. Keto fühlt sich für alle verantwortlich und vergisst dabei oft, sich um ihr eigenes Leben zu kümmern. Sie lässt sich auch wieder auf diesen Lewan ein, bis alles wieder eskaliert. Ich bin beim Lesen mittlerweile wirklich richtig wütend. Niemals würde ich in solch einem Land leben wollen. Und ich wünsche mir sehr, dass die Freundinnen endlich diesen Kreislauf durchbrechen, endlich ausbrechen aus diesem von Männern bestimmten und beaufsichtigtem Leben. Doch durch all die Geschehnisse leidet auch die Freundschaft. Und durch Ira, inzwischen Anwältin, die für Nene, mehr als Freundschaft empfindet, die diese aber nicht erwidert, werden die Risse zwischen den Frauen immer größer. Und sie tun sich erneut auf, als sich die drei bei der Ausstellung nach so langer Zeit wieder in die Augen sehen …

Was als Schmöker erfreulich begann, wurde beim Lesen für mich zeitweise zu einer Tortur (siehe oben). Haratischwili kann Geschichten erzählen. Absolut! Doch für mich bleibt dieser Roman hinter „Für Brilka“ zurück. Mitunter war mir der Ton sehr pathetisch, auch die Liebesszenarien empfand ich als eher kitschig. Aber ich habe es zu Ende gelesen und war dann wieder etwas versöhnt, wie auch die Protagonistinnen. Fazit: Für Fans sicher ein Muß, für „Anfänger“ empfehle ich eher „Das achte Leben“. Was mich allerdings brennend interessieren würde, sind die Theaterstücke, die Haratischwili aus den Romanen gemacht hat. So weit ich weiß stehen sie aber nur in Hamburg auf dem Spielplan.

Der Roman erschien bei Frankfurter Verlagsanstalt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura: https://letteraturablog.wordpress.com/2022/05/20/nino-haratischwili-das-mangelnde-licht/

Arundhati Roy: Das Ministerium des äussersten Glücks S. Fischer Verlag

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Ein höchst komplexes Buch hat Arundhati Roy da geschrieben. Nach ihrem großen Romanerfolg mit „Der Gott der kleinen Dinge“ vor vielen vielen Jahren, an dessen Lektüre ich mich noch sehr gut und gern erinnere, hat die Autorin jetzt ihren neuen Roman vorgelegt. In der Zwischenzeit war Roy nicht untätig, sondern hat sich um die Politik ihres Landes bemüht, auch im Hinblick auf die Rolle der Frau.

„Ich würde gern eine dieser kultivierten Geschichten schreiben, in denen zwar nichts passiert, aber es trotzdem viel gibt, worüber man schreiben kann. So etwas ist in Kaschmir nicht möglich. Es ist nicht kultiviert, was hier passiert. Es gibt zuviel Blut für gute Literatur.

F1: Warum ist es nicht kultiviert?
F2: Wie groß ist die hinnehmbare Menge Blut für gute Literatur?“

Der neue Roman bietet, wie ich finde, einen Überblick über das Land und konfrontiert den Leser mit dessen Politik, die sich geschichtlich herleiten lässt und die nicht immer einfach zu verstehen ist. Was allerdings von vorn herein klar wird, ist, dass auch hier wie fast überall auf der Welt, die Kluft zwischen Arm und Reich immer größer wird. Ganz ähnliches erzählt auch Shumona Sinha über ihr Heimatland.
Was Roy nicht verlernt hat, ist die Poesie ihrer Sprache. Sie ist es auch, die mich durch das Buch trägt und mich dabei bleiben lässt, auch wenn es manchmal verwirrend wird.

„Gottes Halsschlagader platzte auf der neuen Grenze zwischen Indien und Pakistan, und eine Millionen Menschen starben an Hass. Nachbarn gingen aufeinander los, als hätten sie sich nicht gekannt, sich nie gegenseitig zu Hochzeiten eingeladen und nie die Lieder der anderen gesungen.“

Es geht um die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Muslims, die offenbar nicht mehr friedlich nebeneinander leben wollen und zusätzlich geht es um die vielen Bevölkerungsgruppen/schichten und politischen Parteien, die untereinander aus ähnlichen oder anderen Gründen zerstritten sind. Dazu rechne man dann noch die Kolonialvergangenheit … Roy öffnet diesen Raum für westliche Augen, gibt Einblicke. So, im Roman, lässt sich für mich die Geschichte eines Landes besser verstehen und bei Roy darf man auf fundiertes Wissen vertrauen.

„Die Bangladeshi, die wir befreit haben, verfolgen die Hindus. Die guten alten Kommunisten nennen Stalins Gulag einen „unumgänglichen Bestandteil der Revolution“. Die Amerikaner halten den Vietnamesen derzeit  Vorträge über Menschenrechte. Wir haben es mit einem Problem der Spezies Mensch zu tun. Niemand von uns ist ausgenommen.“

Haarsträubende Geschichten von Gewalt und Unrecht sind es, die Roy erzählt. Wenn ich so etwas lese, verstehe ich die Welt nicht mehr. Dieses Buch strotzt vor Korruption und Folter, Tod und Sterben, Mord und Massaker. Was ist ein Menschenleben wert? Mir fiel es auch schwer einem roten Faden darin zu folgen. Den Inhalt des Romans hier zu erläutern ist ebenso schwierig; ich habe das Gefühl, alles wiederholt sich ständig:

In zwei Erzählstränge teilt Roy ihre Geschichte auf. Zum einen geht um Aftab, der/die eine Hijra ist, also ein Wesen mit beiden Geschlechtsmerkmalen. Sie entscheidet sich für das Weibliche und nennt sich fortan Anjum und geht früh von zuhause fort. Im Verlauf gründet sie ein Gästehaus für Verlorene und Ausgestoßene mit Bestattungsunternehmen auf einem Friedhof in Delhi.

Zum zweiten geht es um vier Studenten, drei Männer und eine Frau, die sich anfreunden, deren Wege sich aber trennen und die sich in alle Winde zerstreuen. Mitunter kreuzen sich wieder die Bahnen und es kommt schließlich auch zu einem Zusammentreffen der beiden Stränge … Für mich sind jeweils die Frauen die Hauptpersonen.

Roy macht es dem Leser nicht leicht, der Geschichte zu folgen: so viele Namen, so viele Personen, gewaltige Zeitsprünge, wechselnde Perspektiven. Gegen Ende des Romans war ich mehr und mehr erschöpft und habe nur aufgrund von Roys sprachlichem Können zu Ende gelesen. Die hohe Qualität der Lektüre ist unbestreitbar, am Inhalt jedoch trägt man schwer …

„Das Ministerium des äußersten Glücks“ von Arundhati Roy in einer Übersetzung aus dem Englischen von Anette Grube erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.