Aras Ören: Berliner Trilogie Verbrecher Verlag

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Aras Örens drei Poeme aus den 70er und 80er Jahren sind nun in einem Band zusammengefasst neu erschienen. Der 1939 in Istanbul geborene Autor, Journalist und Schauspieler lebt seit 1969 in Berlin und hat für diese Ausgabe ein kurzes Vorwort geschrieben. Seine Texte schrieb er auf Türkisch, sie wurden übersetzt von H. Achmed Schmiede, Johannes Schenk, Jürgen Theobaldy und Gisela Kraft.

Die „Berliner Trilogie“ unterteilt sich in die drei Kapitel „Was will Niyazi in der Naunynstraße?“, „Der kurze Traum aus Kagithane“ und „Die Fremde ist auch ein Haus“. Figuren aus dem ersten Kapitel tauchen auch in den folgenden wieder auf. Ören beginnt ausgehend von einem Mietshaus in der Naunynstraße in Berlin Kreuzberg die Geschichte seiner Bewohner zu erzählen. Überwiegend sind es türkische Gastarbeiter, die hier wohnen. Die Miete ist bezahlbar und der Arbeitstag lang. So lernen wir gleich eingangs Niyazi Gümüşkiliç kennen. Anhand seiner Lebensgeschichte erkunden wir die Geschichten der im Haus und in der Straße lebenden Menschen. Ören erzählt nicht chronologisch und auch nicht sachlich. Seine Texte sind Poesie und durch diese Form sehr dicht und von eigentümlicher Schönheit. Diese teils düsteren, teils aufleuchtenden Geschichten in Lyrikform zu lesen ist ein außergewöhnliches Leseerlebnis.

„Es schneit in Berlin.
Die Temperatur ist 3 Grad unter Null.
Die Naunynstraße ist zugefroren.
Ihre Häuser sind fertig zum Aufwachen.

Niyazi Gümüşkiliç aus der Naunynstraße
geht mit schnellen Schritten,
wie Mitte September,
zum Blaufischfang in der Bucht von Bebek
geht er spät, mit schnellen Schritten,
den Kopf tief zwischen den Schultern
zur Nachtschicht.“

Ich erfahre viel über die „Gastarbeiter“, ein Begriff, den ich aus Kinderzeiten noch im Ohr habe. Ich lerne hier viel über die Geschichte der Türkei. Ich erfahre von denen, die zunächst von Anatolien nach Istanbul gingen, auf der Suche nach einem besseren Leben und um die Familie zu ernähren. Über die Wege, die sie weiter nach Deutschland führten, die großen Hoffnungen und die oft auch enttäuschende Ankunft. Ören stellt mir Menschen persönlich vor, schafft Nähe zu ihnen und lässt mich dicht dran miterleben, wie jeder einzelne vom Schicksal gezeichnet ist. Ich lese aber auch über Freundschaften, die entstehen und über Arbeiter, die sich zusammenschließen, über eine Zeit, in der Gewerkschaften noch mehr bewirken konnten und ja, auch über Zusammenhalt.

„Fangen wir erst einmal zu sprechen an,
fangen wir erst einmal an zu erzählen
von unserem Leben, unserem Kampf,
schwer und roh spricht die Geschichte aus jedem Mund,
denn, nicht wahr, was haben wir alles erlebt,
während wir die Werkzeuge in den Händen hielten.
Und was wir erlebt haben, zeigt sich
darin, wie wir leben.“

Der erste Teil wirkt auf mich am stärksten, obgleich er am leichtesten zu lesen ist. Hier schwingt Sprache im Rhythmus der Straße. Hier ist das Kreuzberg der 70er Jahre, das bald Klein-Istanbul genannt wird. Kreuzberg 36, dass direkt an die Mauer zu Ostberlin grenzt. Ören lässt sie alle zu Wort kommen. Die Müllfahrer, die Fabrikarbeiter/innen, die Gewerkschaftler, die Arbeitslosen, die kommunistischen Aktivisten. Die Witwe Frau Kutzer kommt ebenso zu Wort, wie Kazim oder Süleyman oder die 15-jährige Emine.

„Das Haus, das sind drei Zimmer
aus vier Wänden.
Im Kissen, dass ich sticken mußte,
steckt meine Geduld, mein Traum, meine Hoffnung.
Wenn ich groß bin, kann ich nicht Ärztin werden,
nicht Beamtin, nur ein Kissen,
und auf dem Kissen eine Stickerei,
während ich in den Gebäuden der Fremde
Fußböden wische wie meine Mutter.“

Aras Örens drei Poeme sind ein wichtiges Stück Zeitgeschichte. Dass es sich um Gedichtzyklen handelt ist an der ausdrucksstarken Sprache zu spüren, sollte aber niemanden abschrecken, sie nicht zu lesen. Denn sie sind spannend und fließend zu lesen und ganz und gar unverrätselt. Große Empfehlung!

Das Buch steht auf der Liste der Lyrikempfehlungen 2020, die ich Lyrikfans unbedingt ans Herz legen kann.

Die Berliner Trilogie erschien im Verbrecher Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andrea Scrima: Wie viele Tage Literaturverlag Droschl

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Die 1960 in New York geborene Andrea Scrima ist Künstlerin und lebte zeitweise abwechselnd in Berlin und in New York. Jedes der kurzen Kapitel ihres Debütromans öffnet sie mit der Örtlichkeit, an der sie sich befindet: Ihre jeweiligen Wohnungen oder Ateliers in beiden Städten. Es sind sehr persönliche Notate, fast tagebuchähnlich. Und in der Tat meint man erst einmal nur von Äußerlichkeiten zu hören. Doch je eindringlicher man lauscht, desto mehr öffnen sich die Texte.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren.“

Oft sind es Kleinigkeiten, die dem Text die Stimmung geben. Scrima hat einen übergroßen Wahrnehmungssinn, ein Bewusstsein für Alltagsmuster. Sie ist eine Zweiflerin, eine Gedankenspinnerin im besten Sinne. Sie erzählt auch von nichts geringerem als der Zeit, dem Vergangenen, Gegenwärtigen und dem Zukünftigen. Immer wieder kommt gebetsmühlenartig der Satz: doch das kam später … Der Satz taucht immer wieder auf, kaum hat man ihn vergessen, ist er doch wieder da. Man wundert sich erst, was das soll, doch wird er schließlich zum roten Faden, der die Geschichte trägt.

„Wie viele Tage verbringe ich regungslos, warte, dass diese wirbelnden Gedankenfetzen sich langsam auf dem Boden des Glases absetzen, voller Angst, mich zu rühren, Angst den Tumult wieder aufzuwühlen, und jeder Gedanke enthält seine Widerlegung, jede Einsicht trägt die Spuren ihres Gegenteils.“

Scrima erhielt ein Arbeitsstipendium für Deutschland und landet in Berlin. Für mich ist sehr interessant, dass die Autorin zeitweise im selben Kiez in Kreuzberg lebte, wie ich heute. Und wenn es dann heißt,

„Und Frau Chran erzählte manchmal von den Leichenbergen auf dem Marheinekeplatz gegen Ende des Krieges, wo große Schirme die Tische des Restaurants vor der Sonne schützen und Kastanienbäume ihre weiten Schatten über den Spielplatz werfen, …“

dann weiß ich genau, wo sich alles abspielte, damals wie heute. Scrima erzählt aus dem Berlin der 80/90er Jahre. Fidicinstraße und Eisenbahnstraße in Kreuzberg sind die Stationen der Künstlerin.

Ein großer Teil der Kapitel spielt in New York, wo es drei Adressen gibt, aus denen erzählt wird, jeweils zur entsprechenden Lebensphase: Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street. Die Autorin bewegt sich impulsiv zwischen den Zeiten. Gedankensprünge erfordern genaues Lesen und Kombinieren. Scrima schlüpft ab und an in die Kindheit. Manche Ereignisse haben sich so eingebrannt, dass sie Jahrzehnte später noch zu erfühlen sind. Sie erzählt von der ersten eigenen Wohn- und Atelier-Adresse. Hier zeigt sich das Glück der Freiheit, aber ebenso die Ausmaße der Armut eines Künstlerdaseins. Ich erfahre, dass die Künstlerin in Beziehungen lebt, dass Trennungen stattfinden und der Tod des Vaters. Manche Begegnung zeigt sich schemenhaft und nur über neue Namen, die Beziehung wird meist nur kurz angerissen.

Was währenddessen im Außen passiert, woran man erkennt, in welcher Zeit man sich befindet, wird ab und an durch Zeitungsausschnitte oder direktes Erleben, wie etwa die deutsch/deutsche Grenzöffnung in Berlin, angedeutet. Es erscheint mir aber letztlich weniger wichtig als die „innere Zeit“ der Protagonistin, die immer wieder an Grenzen kommt, an die Endlichkeit, ans Vergängliche stößt, welche sie auch in ihrer Kunst darzustellen weiß.

„… und frage mich, wie lange der letzte Moment  eines Lebens dauern kann, kann er sich bis ins Unendliche ausdehnen, frage ich mich, kann die Seele angehalten werden, schwebend gehalten in einer nie enden wollenden Phase des Übergangs.“

Das stete Hinterfragen und das gleichzeitige Staunen macht den Ton in diesem Buch. Scrimas Sprache ist eine oft sehr poetische, manches kurze, nur halbseitige Kapitel könnte ebenso ein Gedicht im Blocksatz sein. Hier verschwimmen die Grenzen und so wird aus Biografischem feinste Literatur. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im feinen österreichischen Literaturverlag Droschl. Übersetzt aus dem Amerikanischen wurde es von Barbara Jung. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.