Levin Westermann: Bezüglich der Schatten Matthes & Seitz Verlag

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Kürzlich wurde der 1980 geborene Lyriker Levin Westermann mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis 2020 für seinen neuesten Lyrikband „Bezüglich der Schatten“ ausgezeichnet. Ich habe mich in seine Art zu schreiben gleich verliebt. Eigen, originell und tief genug, ohne zu überkandidelt oder verkopft zu sein. So las ich gleich auch noch den vorherigen Band „3511 Zwetajewa“, den ich im nächsten Beitrag vorstelle. Lange habe ich mich nicht mehr so intensiv mit einem Lyrikband beschäftigt und lange hat mich keine Lyrik mehr so für mein eigenes Schreiben inspiriert. Ein Leuchten!

Westermann teilt seinen Band „bezüglich der schatten“ in verschiedene Zyklen ein, die um unterschiedliche Themen kreisen, aber dennoch miteinander in Verbindung bleiben. Die Natur spielt hier die Hauptrolle, auch die menschliche.

Das erste komplexe Langgedicht führt in die Natur im Winter. Idyllisch ist es da allerdings nicht in diesen Wäldern und Hütten, denn es herrscht Krieg. Die Leserin erfährt nichts konkretes über Schauplatz und Zeit. Ich würde die Geschehnisse vielleicht in Russland, Sibirien, der Ukraine verorten. Einer erzählt, kurz und knapp, was geschieht, Schüsse, Granaten, das Auflauern, das Verstecken, das Fliehen. Wladimir, der sich Kaffee kocht und nach verdächtigen Geräuschen lauscht. Und ein Fuchs. Ein sprechender Fuchs, der Hilfe und Ratschläge anbietet, ein wohlwollender Fuchs, der alles sehr schnell durchschaut. Weil er dort lebt? Oder lebt er nur in der Phantasie des Kämpfers?

„Anfangs hieß es
Störfall, später
Invasion, und als die Städte
brannten, rannten
wir davon, flohen
wie die Schatten
vor dem Licht –
Bewegung bei den Bäumen,
es folgt uns nun
seit Tagen schon
ein Fuchs.“

Welch ein Rhythmus. Welch ein Reimschema. Reimen kann wirklich schlimm sein in der Lyrik, doch hier ist es immer stimmig, oft sind es unreine Reime, die ich sehr liebe. Anfangs bin ich etwas irritiert, weil der Fuchs zeitweise Englisch spricht. Westermann schiebt generell oft englische Zeilen mit ein, was mich wundert, weil ich den Sinn darin nicht sehe. Vielleicht geht es einfach um den Rhythmus, um die sprachliche Ausdehnung. Dieser erste Zyklus wirkt auf mich auch irgendwie balladenhaft, klarstellend, mahnend.

Einen anderen Zyklus legt er wie ein antikes Theaterstück an, in dem der Philosoph Roland Barthes und die Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson mitmischen, die erst kürzlich die Rede zur Poesie 2020 beim leider nur virtuellen Berliner Poesiefestival hielt. Einige Zeilen entnimmt er als Zitate direkt aus deren Werken. In diesem Theaterstück, das an klassische Tragödien erinnern soll, hört man Euripides Alkestis durchklingen. Der Schauplatz scheint allerdings ein Krankenhaus, (eine Nervenheilanstalt?) zu sein. Die Mutter tot, die Tochter trauernd, den Vater anklagend.

„Scapula“ handelt von einer Frau, die den Fels bezwingen will, die klettert, weit oben, übernachtet im Zelt und die keiner sieht, schon gar nicht der Tourist im Hotel am Frühstücksbuffet. Eine, die der Natur wie einer verlorenengegangenen Gewalt begegnet. Eine, die sich womöglich wie Ikarus Flügel anbringen und fliegen will.

Der letzte Zyklus, „Zerrüttung“ heißt er, spricht mich direkt an. Was hier genau geschieht, ist nicht so klar zu erkennen. Hier geht es um die Stimmung. Die rundherum, und die der einen Person, die kaum handelt, nur da ist und dieses Dasein irgendwie quälend (langsam) empfindet. Die über die Spanne eines ganzen Jahres und länger den Wandel der Jahreszeiten erlebt, aber doch nicht wirklich im Leben steht.

„alles wiederholt sich,
alles wiederholt sich
(tag für tag), fortwährend
läuft dasselbe band, ein hörbild
namens leben“

Sicher lassen sich viele weitere Bezüge zur Philosophie oder zur Poetologie finden, die mir entgangen sind, doch die Verse funktionieren meiner Meinung nach auch ohne, denn sie leben vom Einfühlen. Levin Westermann las auch in diesem Jahr beim virtuellen Bachmannwettbewerb (allerdings mit einem Text, der nicht an diese Gedichte hier heranreicht). Dennoch fand sein lyrischer Text erstaunlich guten Anklang unter den Juroren, so dass er bis auf die Shortlist gelang.

Westermanns Bücher erscheinen im Matthes & Seitz Verlag. Im Anhang erläutert der Autor seine Quellen, was manche Frage, die beim Lesen entsteht, beantwortet. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Monika Helfer: Die Bagage Der Hörverlag

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Schon der Titel dieses Romans zog mich an. Die „Bagage“, ein abwertender Begriff für bestimmte Familien oder Gruppen, den man heute kaum noch hört. Monika Helfer hat ihren neuen Roman „Die Bagage“ selbst eingelesen. Sie hat ihren Text dabei in einem ganz besonderen Stil mit weicher, leicht rauer, teils raunender, verwaschener Stimme interpretiert. Damit schafft sie viel Nähe zu ihrer Heldin Maria.

„Man nannte sie »die Bagage«. Das stand damals noch lange Zeit für »das Aufgeladene«, weil der Vater und der Großvater von Josef Träger gewesen waren, das waren die, die niemandem gehörten, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, die von einem Hof zum anderen zogen und um Arbeit fragten und im Sommer übermannshohe Heuballen in die Scheunen der Bauern trugen, das war der unterste aller Berufe, unter dem des Knechtes.“

Helfer erzählt von ihrer Großmutter Maria, die im Bregenzerwald in Vorarlberg, Österreich lebte. Mit ihrem Mann Josef bewohnt sie Haus und Hof außerhalb der Ortschaft Richtung Berg. Vier Kinder gibt es bereits, Hermann, Lorenz, Katharina und Walter, als der Vater einberufen wird und in den ersten Weltkrieg ziehen muss. Josef beauftragt seinen Freund im Dorf, den Bürgermeister, während seiner Abwesenheit auf Maria „aufzupassen“. Dass der Bürgermeister schon auch ein Auge auf die schöne Maria geworfen hat, wie so viele Männer im Dorf, weiß er scheinbar nicht. Doch Maria ist nur an dem Fremden namens Georg interessiert, den sie auf dem Viehmarkt trifft und der von weit her, aus Hannover, kommt und so ganz anders spricht. Sie findet ihn freundlich, etwas was der Josef nicht ist. Einige Male besucht er sie auf dem Hof. Dann reist er ab. Was der Bürgermeister sich daraufhin zusammenspinnt, wird noch weite Kreise ziehen. Denn Maria ist schwanger und obwohl Josef auf Fronturlaub zuhause war, wird das Kind, Monika Helfers Mutter Margarete, es nicht leicht haben zwischen den anderen Geschwistern. Josef wird sie kaum ansehen und nie mit ihr sprechen.

Zwischendurch schweift die Autorin immer wieder ab, in die eigene Kindheit, in die eigene Biographie, die auch vom Tod der Tochter Paula mit nur 21 Jahren geprägt ist. Helfer lebte, weil die Mutter mit 42 starb bei der Tante Kathe, die immer von ihrer schönen Mutter, der Maria sprach. Von ihr erfuhr sie auch die Geschichte mit dem Fremden und der Großmutter. Im Alter von 90 Jahren erzählte sie plötzlich, was sich zugetragen hatte, zumindest so, wie sie es erinnert.

„Willst du mich besuchen, weil du deine Nachforschungen betreiben willst?“, hat sie mich am Telefon gefragt. Und da sagte ich, „Ja, ich will Nachforschungen betreiben. Es ist ja erlaubt wissen zu wollen, woher man stammt.“

Die Bagage, das sind immer schon die, die etwas anders sind, fremder erscheinen: Maria, die eine besondere Schönheit ist, Josef, der seine vermutlich nicht immer ganz legalen „Geschäftchen“ macht, die vielen Kinder, die Armut und der abseits gelegene Hof ohne Strom- und Wasseranschluß. Und als die Eltern viel zu früh starben, waren die sieben Kinder, die versuchten sich selbst zu versorgen, im Dorfjargon noch viel mehr die Bagage …

Monika Helfer findet sie alle wieder in einem Bild von Pieter Bruegel im Kunsthistorischen Museum in Wien. Kinderspiele heißt es. Ihre Geschichte hätte ich mir noch viel länger anhören können …

Das ungekürzte Hörbuch zum Roman mit 4 CD’s erschien bei Der Hörverlag. Eine Hörprobe gibt es hier. Außerdem hat der Hanser Verlag hat auf seiner Seite ein kurzes Interview mit Monika Helfer zur Entstehung des Buches. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nora Bossong: Schutzzone Suhrkamp Verlag

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Gleich vorweg: Ich bedaure sehr, dass Nora Bossongs Roman „Schutzzone“ nicht auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis gewählt wurde. Ich kenne Bossong als Lyrikerin und von ihrem Roman „36,9“ über Antonio Gramsci. Und auch in diesem Roman geht sie wieder brillant mit Sprache um. Bossong hat zudem ein Thema gewählt, das höchst interessant und brisant ist. Dass darin auch eine Art Liebesgeschichte steckt, ist ohnehin nur ein Spiegel des gleichen Themas. Es geht um Mira, eine Mittdreißigerin, die für die Vereinten Nationen arbeitet und dabei ständig unterwegs ist, nie Ruhe oder einen sicheren Ort findet, keine Schutzzone, auch nicht in einem anderen Menschen.

“ …die UN riefen auf und baten und befürworteten und betonten und unterstützten und drängten und entschieden, mit der Angelegenheit befasst zu bleiben. Das tun sie eigentlich immer.“

Bossong hat offenbar intensiv recherchiert und verbindet ihr Wissen mit einer einmaligen Art, dieses in eine sehr klingende Sprache einzubetten. Dabei lässt sie viel Raum und überlässt dem Leser die Aufgabe Miras Persönlichkeit vorm inneren Auge wachsen zu lassen. Die einzelnen Kapitel sind nach den Orten in der Welt benannt, an denen Mira ihre Aufgaben als Vermittlerin zwischen zerstrittenen, kriegführenden Völkern wahr nimmt. Dass sie eine gute Zuhörerin ist und durch ihr Schweigen, alle zum Reden bringt, fördert ihre Karriere. Eine Karriere, die eigentlich nur in eine Sackgasse führen kann, wie Mira im Laufe der Zeit, von Ort zu Ort, immer bewusster wird.

„Es gab das Licht um drei Uhr morgens in den Sitzungssälen, blasser als jede Dämmerung. Das Licht der aussichtslosen Verhandlungen. Sie wurden in die Länge gezogen, weil wir so schlecht damit klarkamen, dass etwas ins Nichts lief. Weil wir lieber müde als ohnmächtig waren. Eine Situation nicht zu beherrschen, hielten nicht viele von uns aus, die meisten hielten es nicht für möglich.“

Mira pendelt über viele Jahre hinweg zwischen Berlin, New York, Genf, Ruanda, Burundi und führt Gespräche, schreibt Berichte an ihre Vorgesetzten. Immer steht sie zwischen den Fronten, sei es bei der Vermittlung zwischen der Türkei und Griechenland auf Zypern oder im fernen afrikanischen Staat Burundi, wo sie beispielsweise mit Rebellenführern zum Dinner mit Gespräch erwartet wird. Dass dabei endlos geredet wird, nach ewigen Bemühungen immer nur winzige Schritte aufeinander zu gelingen, lässt auch Mira manchmal verzweifeln. Denn es gibt sie eben nicht, die eine Wahrheit.

Bossong schafft es mit wenig Aktion, eher mit Ungesagtem eine diffuse Stimmung zu schaffen, wiederholt beschwörend manche Szenen. Ob es die ausgelassenen Parties sind, die in mit Stacheldraht gesicherten Häusern inmitten der Kriegsgebiete stattfinden oder die Gespräche mit misshandelten, vergewaltigten Frauen, die Besuche in den Flüchtlingslagern an der Grenze, die Autorin trifft den Nerv. Die Leser*in wird vom krassen Wechsel zwischen Normalität und schlimmsten Grausamkeiten hin- und hergetrieben, wobei es die Auslassungen sind, die der jeweiligen eigenen Fantasie ausgeliefert sind.

„Die Hilfskonvois fahren. Die Diktatoren diktieren. Die Sopranisten singen. Und irgendwo schneidet ein Mann, der sonst nicht weiter auffallen würde, Leichensäcke auf, um zu sehen, ob seine Tochter darin liegt.“

Mira findet ein wenig Sicherheit in den Begegnungen mit Sarah, einer jungen europäischen Ärztin. Später in Genf trifft sie auf Milan, den sie aus ihrer Kindheit kennt und der nun als Kollege von ihr, wieder Raum einnimmt. Sie beginnen eine Art Beziehung, die nicht von Dauer ist, da Milan eine Frau und ein Kind hat. Mira ist auch in ihren Partnerschaften auf verlorenem Posten, findet nicht die Nähe, die sie sucht, die ihr Halt im steten Unterwegssein geben könnte. Nachdem die von ihr vorbereiteten Zypern-Gespräche kolossal scheitern, überlegt Mira aufzugeben … Große Empfehlung!

Nora Bossongs Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Saša Stanišić: Herkunft Der Hörverlag

Dass ich Saša Stanišićs neues Buch „Herkunft“ als Hörbuch auswählte war klar. Denn seine Texte sind von ihm selbst gelesen einfach ein großer Genuss und eine Freude,.

„Dreißig Jahre später, im März 2008, musste ich zum Erlangen der deutschen Staatsbürgerschaft unter anderem einen handgeschriebenen Lebenslauf bei der Ausländerbehörde einreichen. Riesenstreß! Beim ersten Versuch brachte ich nichts
zu Papier, außer dass ich am 7. März 1978 geboren worden war. Es kam mir vor, als sei danach nichts mehr gekommen, als sei meine Biografie von der Drina weggespült worden.“

Er beginnt seine Erzählung mit der Großmutter, die in ihrem Heimatort auf der Straße nach sich selbst ruft, nach dem Mädchen, dass sie einmal war. Die Großmutter wird dement, vergisst viel, vergisst aber nicht, ihren Enkel beim Besuch oder am Telefon wie früher liebevoll „Esel“ zu nennen. Immer wieder kehrt die Geschichte an den Ort der Großmutter zurück, in das Dorf Oskoruša, in dem noch traditionelle mythische Überlieferungen erzählt werden, wie etwa die vom Drachen. Damit löste sich auch meine Frage, weshalb auf dem Cover ein eher chinesisch anmutender Drache abgebildet ist.

Die Familie lebt dann in Višegrad, einer Stadt an der Drina. Vater und Mutter haben eine gute Arbeit. Die Mutter hatte sogar studiert. Doch sie trägt einen Namen, der nach Muslima klingt und als es zu ersten Verfolgungen und Kriegshandlungen im zerfallenden Jugoslawien kommt, flieht sie mit dem Sohn nach Deutschland. Die Familie folgt später nach.

Wenn Stanišić über die Erfahrungen seiner Zeit als Flüchtlingskind erzählt, zunächst allein mit der Mutter in Heidelberg, dann mit der ganzen Familie in einer Flüchtlingssiedlung auf engstem Raum mit vielen anderen Nationen, wird sehr deutlich, was es heißt, fremd zu sein. Dass er das alles auf seine verschmitzte, heitere Art erzählt, verbirgt nicht die Traurigkeit, die auch darunter lag und auch die Scham. Scham, ein „Jugo“ zu sein, über die prekären Verhältnisse, in denen die Familie lebt, da die Eltern nicht in ihren ursprünglichen Berufen, sondern als Hilfskräfte ihr Geld verdienen müssen. Für ihn wird es einfacher, er lernt schneller Deutsch, er wird schneller integriert. Die Schulklasse, die vorrangig aus nichtdeutschen Kindern besteht, prägt diese Zeit positiv.

aus Kapitel: Die Häkchen im Namen

„Allerdings kommt man auch bei der 20. Wohnungsbesichtigung nicht auf die Shortlist, dann wird aus Saša schon mal Sascha mit sch. Es klappt dann zwar auch nicht, aber jetzt liegt es wenigstens am Beruf.“

Stanišić springt in der Zeit hin und her, es ist nicht seine Art chronologisch zu erzählen. Mir scheint es dadurch als eine sehr persönliche, zugewandte Art zu erzählen. Beinah wie ein Zwiegespräch …
Sehr besonders, dass er zwei im Text vorkommende Lieder des Vereins der Jugoslawien-Freunde vorsingt (das hat man im Buch nicht!), Lieder, die er aus der Kindheit kennt, und die heute wieder vermehrt Anklang finden bei all jenen, die sich in die Tito-Zeit zurück sehnen und die vermeintlich besseren Zeiten wieder herauf beschwören und den Nationalstolz feiern.

Wenn Stanišić von seiner Großmutter erzählt, die erst langsam, dann sehr schnell in die Demenz gleitet, ist es berührend zuzuhören …

„Welcher Tag ist heute, Oma?“, frage ich und meine Großmutter sagt, „Alle Tage.“

… oder witzig, wenn er von seinem ersten Verliebtsein in der Schulzeit erzählt, das sich, ob der zunächst geringen Sprachkenntnisse nicht ganz so einfach gestaltet. Und sogar der Bericht über ein Fussballspiel von Roter Stern Belgrad, dessen Fans er und sein Vater waren, fesselt mich in seiner Art, obwohl ich eigentlich Fussball nichts abgewinnen kann. Stanišić ist ein magischer Geschichtenerzähler!

Ob lesen oder hören, „Herkunft“ lohnt sich. Das Hörbuch erschien bei Der Hörverlag. Es liest der Autor selbst. Die Hörfassung ist leicht gekürzt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier: https://www.youtube.com/watch?v=rJegzFqo76A

Eine feine, sehr tiefgehende Besprechung des Buches findet man auf dem Blog LiteraturReich.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Grace Paley: Manchmal kommen und manchmal gehen Schöffling Verlag

Schon das erste Gedicht der amerikanischen Dichterin haut mich um:

„Eine Frau erfand das Feuer und nannte es
das Rad
War das so weil die Sonne rund ist
Ich sah die runde Sonne den Himmel färben
Und das Feuer rollt übers Feld
von Wald zu Wipfel
Es springt wie ein Fahrrad mit einem wilden Jungen darauf … „

Grace Paley, 1922 in New York geboren und 2007 verstorben, stammt von russisch-jüdischen Einwanderern ab. Ein Hintergrund, der auch ihr Werk mitbestimmt. Paley schrieb Gedichte und Stories. Von Philip Roth und dem New Yorker hoch gelobt wurde sie mit ihrem Werk schließlich bekannter. Außerdem engagierte sie sich politisch in der Friedensbewegung und für Rassen-, Geschlechter- und Klassenfragen. Ein schönes Panorama über Paley und ihr Gesamtwerk bei Schöffling gibt es hier.

Paleys Gedichte sind Perlen. Und es gibt ganze Perlenketten in diesem Buch. Gleich das zweite Gedicht möchte ich hier im Ganzen zitieren, weil es eine Zeitreise ist, eine Reise in eine bereits vergangene Zukunft, eine bildhafte Mahnung:

„Das Lied von den bekümmerten Kindern

Dieses Haus ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Papiere
Auf den Stühlen liegen Bücher herum
und guck Laub bedeckt den Boden
unter den umherziehenden Juden

Dein Gesicht ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Du hast das ganze Gesicht voller Falten
einen Hals wie neugierige Schildkröten
Wieso hast du dich so gehen lassen?
Wohin gehst du denn ohne uns?

Diese Welt ist ein Wrack sagten die Kinder
als sie nach Haus kamen mit ihren Kindern
Überall gibt es nichts als Bomben
Es gibt kein Wasser jedes Feld ist vergiftet
Wieso hast du uns alles so hinterlassen
Wohin sollen wir sagten die Kinder
was sagen wir unseren Kindern?“

Diese Lyrik lebt vom Rhythmus. Jedes Gedicht schwingt wie ein Lied, kein Abgesang, ein Neuanfang, immer wieder, kraftvoll, manchmal lauter, manchmal wispernd. Die Dichterin hinterlässt eine feine Idee von Energie, von Achtsamkeit. Ich habe ein klares Bild beim Lesen dieser wunderbaren Gedichte: Paley wacht auf, schreibt ein Gedicht, Paley geht durch ihren Alltag und schreibt ein Gedicht, Paley liebt und streitet und lacht und weint und schreibt ein Gedicht. Diese Verse stehen in ihrer Einfachheit überdeutlich und rufen danach gelesen zu werden. Gleichzeitig verbirgt manches Gedicht etwas. Man spürt es und wenn man es schafft, zu erfühlen, was es ist, ist es womöglich der Geheimniszustand, von dem die große Lyrikerin Inger Christensen und bereits lang zuvor Novalis schrieb.

Paley thematisiert so manches Mal ihre jüdische Herkunft und die damit verbundene Geschichte der Emigration ihrer Familie, sie scheut nicht vor Gesellschaftskritik, vor den Themen Alter

„Glauben Sie alte Leute sollten weggeschlossen werden
das eine rote feuchte Auge die Pupille die zurück- und zurückweicht
die Hände sind schuppig
glauben Sie all das sollte man verstecken“

oder Tod und Sterben zurück.

„Ich habe mit meiner schwester gesprochen sie
weiß wohl nicht dass sie seit jetzt zwei jahren
staub und asche ist ich spreche mit ihr
fast jeden tag“

Sie wirft Blicke auf Kriege, große wie alltägliche und weiß doch die große Tragik sprachlich in eine mögliche Zukunft zu verwandeln. Einige wunderschöne Gedichte widmet sie dem betagten Vater, ihre Liebe spürt man durch jede Zeile.

„Mein Vater mit 89

Sein verflachendes Denken
bekümmerte alle aber er
fragte uns Kinder
wisst ihr noch mein Hund Mars
der auf der Straße auf mich wartete
als ich daherkam einsam
und sang auf dem Heimweg
vom Gefängnis des Zaren“

Dieser Gedichtband von Grace Paley ist eine Offenbarung. Selten haben mich Gedichte, jedes einzelne, so tief getroffen, auf einer Ebene, die weitaus tiefer als Sprache liegt, die in jede Körperzelle reicht und fast auf direktem Weg ins Herz. Ich bin sehr dankbar über diese Wiederentdeckung. Strahlendes lyrisches Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Schöffling Verlag. Er wurde übersetzt von Mirco Bonné. Von ihm gibt es auch aufschlussreiche Anmerkungen im Anhang. Erwähnenswert, weil stimmig passend sind auch die Coverbilder des Malers Christian Brandl.
Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Chinelo Okparanta: Unter den Udala Bäumen Wunderhorn Verlag

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Der Wunderhorn Verlag hat eine eigene Reihe für zeitgenössische Literatur aus Afrika, herausgegeben von Indra Wussow. Nach „Ma“ von Aya Cissoko ist dies nun der zweite Roman, den ich lese. Und ich finde diese Reihe wirklich besonders gut ausgewählt. Sie gibt hierzulande noch weniger bekannten Stimmen einen Raum.

„Der Legende nach kommen Geisterkinder, die es leid sind, rastlos zwischen der Welt der Lebenden und der Toten hin- und herzuschweben, über Udala-Bäumen zur Ruhe. Dankbar, endlich irgendwo anzukommen, verhelfen sie jeder Frau, die sich, und sei es auch noch so kurz, unter einem Udala-Baum niederlässt, zu Fruchtbarkeit.“

Nigeria in den 70er Jahren. Es herrscht Bürgerkrieg. Unter den Udala Bäumen spielt eine Schlüsselszene des Romans von Chinelo Okparanta. Hier begegnet die Heldin ihrer zukünftigen Freundin Amina zum ersten Mal. Aus der Freundschaft der beiden jungen Mädchen entsteht eine körperliche Anziehungskraft, entsteht eine zarte erste Liebe. Was für die beiden 12-Jährigen selbstverständlich ist, treibt die Pflegefamilie zu strengen Maßnahmen, denn in der Region in Nigeria mit seinem strengen Katholizismus, ist das, was die beiden tun verboten, ja eine Todsünde, die man nur durch strenges Bibelstudium wieder wettmachen kann. Zudem sind beide auch noch aus unterschiedlichen, verfeindeten Ethnien, die eine Hausa, die andere Igbo. Man trennt die beiden Mädchen. Die Muslimin Amina bleibt bei der Familie, Ijeoma wird zurück zur Mutter geschickt, die sie während des Bürgerkriegs in eine sicherere Region gebracht hatte, nachdem bei einem Bombenangriff 1968 der Vater getötet und das Haus zerstört wurde.

„Ich hatte nicht die Geistesgegenwart zu lügen. Ich sah Mama in die Augen und nickte. „Ja, ich denke immer noch an sie“, sagte ich. Und „Ja, ich denke immer noch auf diese Weise an sie.“ Mama sprang auf, warf die Hände in die Luft und brüllte irgendwas von Gebeten und Vergebung. Sie zog mich am Kragen meines Kleides auf die Füße.“

Ijeoma beugt sich zunächst der strengen Mutter, die das was die beiden Mädchen taten, als ein „Gräuel“ bezeichnet, die laut Altem Testament von Gott nicht geduldet wird. Doch später im Internat kommen die beiden wieder zueinander, können sich aber nur heimlich begegnen. Bis Amina aus Angst vor Strafe beginnt sich Jungen zuzuwenden und schließlich nach Abschluss der Schule heiratet und aus Ijeomas Blickfeld verschwindet. Diese kehrt zur Mutter zurück und arbeitet in ihrem kleinen Gemischtwarenladen mit. Dort lernt sie die Lehrerin Ndidi kennen. Die beiden werden ein heimliches Paar. Alles geht hier nur heimlich. Wer als gleichgeschlechtlich Liebender erkannt wird, muss den Tod fürchten. Selbst vor Steinigung schrecken die gläubigen Katholiken nicht zurück. Ein als Kirche getarnter Treffpunkt für lesbische Frauen, wird enttarnt und viele Frauen fallen der willkürlichen Gewalt der „Sittenwächter“ zum Opfer.

„Orangeblaue Flammen. Sie stiegen von einem Haufen aus brennendem Holz auf. Ndidi begann zu weinen. Wir alle weinten jetzt, weil wir das Gesicht erkannt hatten oder vielleicht mehr das, was davon übrig war. Adanna lag mitten in dem Feuer und brannte.“

Eines Tages taucht im Laden der Jugendfreund von Ijeoma auf und umgarnt sie. Er ist auf der Suche nach einer Ehefrau und Ijeomas Mutter ist begeistert, ihre Tochter endlich unter die Haube zu bringen. So ganz verstehe ich als Leserin nicht, warum Ijeoma schließlich in die Ehe einwilligt, obwohl sie nicht ihn, sondern weiterhin Ndidi liebt. Vielleicht ist es auch nicht nachvollziehbar aus heutiger Zeit und europäischer Sichtweise, wie schwer es war diese Heimlichkeit und das Gefühl einer Schuld zu ertragen.

Es kommt, wie es kommen muss. Ijeoma fühlt sich in ihrer Ehe gefangen, wird depressiv, hat schreckliche Angst von Gott bestraft zu werden, wenn sie keine gute Ehefrau und Mutter ist, ihrem Mann nicht zu Diensten ist. Okparanta beschreibt dieses Dilemma, so im religiösen Glauben verhaftet zu sein mehr als eindringlich. Als Leserin spürt man den seelischen Schmerz und die Angst der Hauptfigur einschneidend und deutlich. Es braucht Zeit, sich davon zu lösen und das Wagnis der Trennung einzugehen …

Die 1981 geborene Nigerianerin Chinelo Okparanta, die seit ihrem 10. Lebensjahr in den USA lebt, hat einen, sprachlich wie inhaltlich, für mich sehr bereichernden Roman geschrieben. Solche Bücher öffnen den Zugang zu anderen Ländern, geben Einblicke in andere Lebenswelten und machen neugierig.

Der Roman wurde aus dem nigerianischen Englisch übersetzt von Sonja Finck und Maria Hummitzsch. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers Suhrkamp Verlag

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Sehr zuverlässig schreibt Ralf Rothmann jedes Jahr einen Roman. Auffällig ist, dass sie immer etwas außerhalb des Frühjahrs- oder Herbstprogramms erscheinen. Man munkelt, weil Rothmann keine Lust auf einen der zwei Messe-Preise hat. Ich kanns verstehen, denn er hat keinen der Preise nötig. Und wer einmal einen Roman von ihm gelesen hat, bleibt vermutlich treuer Leser. Im Spiegel fand ich am 4.5. ein Interview, in dem mir Rothmann auch wieder sehr sympathisch ist. Der Auszug unten spricht mir aus dem Herzen und ich würde ihn sowohl auf Roman, als auch auf Lyrik beziehen.

„Der Gott jenes Sommers“ könnte eine Art Ergänzung des letzten Romans sein, denn die Hauptfigur „Karl“ aus „Im Frühling sterben“ taucht wieder kurz auf. Leider hat dieser neue Roman nicht die Dringlichkeit des vorigen. Die Geschichte wirkt nicht vollständig, nicht rund. Sie liest sich flüssig, doch hat sie keinen klaren Fixpunkt, um den sich alles bewegt. Und doch ist es eben ein „Rothmann“, den man als Fan gerne liest.

Dass Rothmann eine Parallelgeschichte zur eigentlichen erzählt, wirkt auf mich seltsam und bereichert den Roman auch nicht. Es geht um den 30-jährigen Krieg, der aufgrund eines Jubiläums offenbar gerade „in“ ist. Womöglich soll sie Spannung auf das nächste Kapitel erzeugen. Ich bin eher in Versuchung gewesen diese Episoden zu überblättern und war traurig, dass so viel weniger von der eigentlichen Story blieb, die durchaus etwas mehr Raum gebraucht hätte. Allerdings ist es wohl auch dieser Geschichte zu verdanken, dass die Story Gott im Titel führt. Auch die eigentliche Geschichte handelt zu winzigen Teilen in einem Kloster, dass in ein Lazarett verwandelt wurde. Auch die letzte Szene, kurz nach Kriegsende, spielt im Kloster. Eine Nonne antwortet auf Hauptprotagonistin Luisas Wunsch, auch Nonne zu werden: „…iss erst mal einen Teller Suppe!“

Das Ende klingt zwar versöhnlich, aber es ist vorher auch allerhand geschehen, was unzählige Risse in Luisas 12-jähriges Leben verursachte: „Ich hab alles erlebt“, antwortete Luisa“. Der geliebte Vater, der sich scheinbar urplötzlich das Leben nahm, die ältere Schwester die verschwand, der angehimmelte Karl, aus dem Krieg zurück und doch sich gleich wieder von ihr entfernend. Die vielen Geheimnisse, wie das Lager in der Nähe des Gutshofs, in dem ihre Familie Unterschlupf fand, von dem sie immer ferngehalten wurde, streng bewacht. Oder die Perückenmacherin, die immer echtes Menschenhaar parat hat. Und vor allem die schlimme Erfahrung sexueller Gewalt, durch eine Person aus der eigenen Familie, und nicht wie immer prophezeit wurde, von den Russen, die womöglich schon bald anrücken und den Gutshof beschlagnahmen würden. Die sonst so starke Luisa bricht daraufhin fiebrig und krank zusammen und erlebt das Ende des Kriegs nur im Fieberwahn.

Luisa ist eine Leseratte, verschlingt die Bücher aus der Klosterbibliothek. So ganz anders ist die ältere Schwester Billie, die trotz Krieg und Armut vor allem auf ihr Äußeres bedacht ist, um die Männer zu betören. Die Mutter, die das unterstützt. Der trinkende Vater, der in Kiel zurück blieb und das Offizierskasino leitet und nur ein seltener Gast auf dem Gut ist. Und der Melker Karl, in den Luisa sich verguckt, ohne genau zu wissen, was da geschieht. Mit ihm verbringt sie Zeit im Stall mit den Tieren, doch wird er dann kurz vor Kriegsende noch eingezogen und an die Front geschickt. Die bodenständige linientreue Stiefschwester, die mit einem SS-Offizier verheiratet ist, hat der Familie die Bleibe auf dem Gutshof ermöglicht. Ihm wird auch das Anwesen zugesprochen, nachdem es ja keine Erben, „zumindest nicht im Reich“, mehr gibt.

Rothmann lässt manches im Dunklen, macht nur Andeutungen und doch kann man sich als Leser*in natürlich vieles zusammen reimen. Anderes wiederum bleibt offen und immer ein Rätsel, so wie es in der Geschichte ja tatsächlich auch geschieht. Und wer weiß, vielleicht schreibt Rothmann ja schon an einer weiteren Ergänzung dieser Geschichte, die ganz offensichtlich auch, wie schon beim Vorgänger, aus autobiographischen Material entstand.

„Der Gott jenes Sommers“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf LiteraturReich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Daša Drndić: Belladonna Hoffmann und Campe Verlag

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Diese sprachlich hervorragende und ungewöhnlich konstruierte Romanentdeckung verdanke ich einmal mehr Constanze von Zeichen & Zeiten. Die Autorin war mir bisher kein Begriff, obwohl bereits mit „Sonnenschein“ ein Roman in deutscher Sprache von ihr erschien. Die 1946 in Zagreb geborene Daša Drndić spannt den Bogen von der Gegenwart über das Kriegsgeschehen auf dem Balkan während und nach dem Zerfall Jugoslawiens bis weit zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Gleich vorab: Ein Leuchten!

„Sein Herz bleibt stehen. Andreas Ban spürt, wie sein Herz in Zeitlupe durch seinen Rücken hindurch auf den Boden fällt. Er dreht sich auf die Seite, schaut über den Rand der Behandlungsliege und betrachtet sein großes Schwimmerherz, wie es ins Leere pumpt, als schnappe es nach Luft, immer langsamer. Mit gewölbter Hand hebt er das Herz auf und legt es zurück an seinen Platz.“

Ihre Hauptfigur, Andreas Ban, ein Psychoanalytiker und Schriftsteller im Ruhestand, lebt in einer Kleinstadt in Kroatien (vermutlich Rijeka). Leider kann er diesen nicht genießen, denn Widrigkeiten wie ein geringes Auskommen und diverse Krankheiten hindern ihn daran. Und obwohl er das so gar nicht will, gerät er unwillkürlich immer wieder in Erinnerungen aus dunklen Zeiten. Ban gerät in den Prozeß des Alterns, der ihn melancholisch macht. Daraus speist sich die Handlung, aber Drndić fügt immer wieder Originalfakten wie alte Fotos, Zeitungsberichte, Zitate und sogar Listen Verstorbener mit ein und schafft es alles zu einem stimmigen Ganzen zusammen zu fügen. Durch diese Form der „Bearbeitung“ von Fakten wird die Lektüre sehr intensiv. Denn wenn auf den Bericht der Tötung von 1055 Juden im serbischen Šabac auf den folgenden Seiten eine Liste mit den 1055 Namen erscheint ist das mehr als eindringlich.

„Er taucht in eine andere Geschichte ein, in Hunderte persönlicher Geschichten, wegen denen manche wahnsinnig werden und andere Gedichte schreiben.“

Tief taucht Ban ein in die 70er Jahre, als Sarah Kirsch, Eva Strittmatter, Nicolas Born und der Österreicher Peter Henisch, der über seinen Fotografen-Vater im Nationalsozialismus schreibt, in Albanien auftauchen, wo Ban seinen Wehrdienst leistet. Er erzählt von Niklas Frank, der seinen Vater, den „Schlächter von Polen“ in einem Buch in der Luft zerfetzt. Dass es nationalistische und antisemitische Verbrechen auch in Kroatien gab, die aber nie, wie in Deutschland aufgearbeitet wurden, sondern verschwiegen und verdrängt, ist ein wichtiger Aspekt des Buches.

So schreibt sich Ban alles von der Seele. Unerträglich und absurd, welche Greuel da versteckt wurden, wie hohe Funktionäre der NHD und der Ustascha-Bewegung einfach nach dem Krieg weiter Karriere machten, oft in Südamerika, wie wenig die Nachkommen damit zu tun haben wollen und wie unverdrossen auch heute wieder die Heimatliebe und die Blut und Boden-Ideologie öffentlich zur Schau gestellt wird.

Andreas Ban, der in Paris geboren wurde, der als Kind mit der Familie nach Belgrad kam, dessen Mutter und Schwester früh an Krebs verstarben, ebenso wie später dessen Frau, zog mit seinem Sohn 1992 nach Kroatien. Er erhält nach einigen Jahren Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlter Jobs, vielleicht auch deshalb, nur eine kleine, wenig bedeutsame Stelle an der Universität, die von einfältigen, angepassten Intellektuellen bevölkert wird. Auch für den Sohn ist es nicht einfach. Die Sprache ist eine andere. Der Nationalstolz ist groß.
Durch jede Zeile spürt man später Bans Wut über die Leugner und Scheuklappenträger wabern. Er beschimpft sie vor Antritt seines Ruhestands in einem Brief, der von Zitaten kluger Schriftsteller, Philosophen und Intellektueller nur so strotzt, die Ban überhaupt gerne zu Rate zieht, was dem Roman sehr zuträglich ist.

Auch Ban wird vom Krebs nicht verschont. Eine Operation hilft. Andere altersbedingte Verschleißerscheinungen treten auf. Doch jede Krankheit bringt auch Erinnerungen und Geschichten mit sich, wie etwa bei einer Augen-OP der Schwenk zu E. T. A. Hoffmanns Sandmann naheliegend ist.

„Über den Krankenhausflur kullert eine kleine, in Federn gehüllte Angst“

Eine Einladung zu einem Schriftstelleraufenthalt in Amsterdam trägt zu einem kurzen Zwischenhoch bei. Doch auch dorthin folgt die Vergangenheit, wenn Ban etwa erfährt, dass zwischen 1938 und 1945 2061 niederländische jüdische Kinder im Alter von sechs Monaten bis 18 Jahren ermordet wurden und die 2061 Namen der Kinder abgedruckt sind: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

„Jetzt, wo er einen Zweikampf mit seinem Körper ausficht, einen Zweikampf, aus dem er, ach, er weiß es, sieht es, nicht als Sieger hervorgehen wird, wühlt er in fremden Leben herum, um Abstand zu seinem zu gewinnen.“

Andreas Ban ist wenig versöhnlich mit sich und der Welt. Er macht Tabula rasa. Gegen Ende des Romans kommt es dann zum Showdown mit Belladonna, einer Pflanze, die wir unter dem Namen Tollkirsche kennen …

Der Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag und wurde von Brigitte Döbert und Blanka Stipetić übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Passend zum Thema empfehle ich:
„Die kleinen roten Stühle“ von Edna O´Brien
Als ob sie träumend gingen“ von Anna Baar

Serhij Zhadan: Internat Suhrkamp Verlag

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Kürzlich haben Susanne Stöhr und Juri Durkot für die Übertragung des Romans „Internat“ von Serhij Zhadan vom Ukrainischen ins Deutsche den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse 2018 erhalten. Mich hat das angeregt mich diesem interessanten Autor lesend anzunähern. Der 1974 geborene Zhadan hat bereits einige Romane, auch Lyrikbände geschrieben, die sich immer mit seiner Herkunft, seinem zerrissenen Heimatland auseinander setzen und ist in seiner Heimatstadt recht umtriebig. Sein Band „Warum ich nicht im Netz bin“ bietet lyrische sehr aufrüttelnde Einblicke in eine ganz dunkle Welt des Kriegsgeschehens.

„Sie unterrichten nicht zufällig Geschichte?“ Dabei sieht er Pascha durchdringend an.
„Nein“, antwortet Pascha, „nicht Geschichte“.

Pascha, die Hauptfigur, ist Lehrer. Das ist auch die Auskunft, die er jedem gibt und gleichzeitig die Entschuldigung, dass er sich für nichts, was Politik betrifft, interessiert. Sein Lehrerdasein zusammen mit seiner behinderten Hand haben ihn davor bewahrt, für sein Land kämpfen zu müssen. Dabei weiß eigentlich keiner, wessen Land das eigentlich ist, so oft wechselten die, die etwas zu sagen hatten oder haben wollten. Ein Hin und Her auch der Sprachen – Russisch, Ukrainisch etc. Pascha weiß selbst nicht mehr, was er eigentlich lehren soll. Das große Desinteresse, die Desillusionierung zieht sich durch Paschas bisheriges Leben. Seine Freundin Marina hat ihn bereits deshalb verlassen. Mit seiner Schwester und seinem Vater, mit dem er zusammen wohnt, gibt es oft Streit. Als die Schwester ihn bittet, während seiner Ferien seinen Neffen abzuholen, der in die nächstgrößere Stadt in ein Internat abgeschoben wurde, beginnt für den anfangs noch naiven Pascha die größte Herausforderung und ein ungewollter Leidensweg. Denn rundherum tobt der Krieg, keiner weiß genau wo, warum und wie lang.

„Erst da spürt Pascha, dass er Angst hat. Ein Gefühl klebriger, kalter Angst. Als wäre jemand zu ihm gekommen, hätte seinen Tod aus einem Sack genommen, ihn ihm gezeigt und dann wieder zurückgelegt, in den Sack. Er hat ihn aber schon gesehen.“

Es ist ein unglaublich düsteres Buch. Keine Szene vergeht, ohne dass es neblig, feucht, kalt und schrecklich ist. Noch nie habe ich einen Roman gelesen, der ein Kriegsszenario so drastisch und dennoch wie beiläufig schildert. Die Geschichte handelt von der Gegenwart eines kriegsgebeutelten Landes, das keine Ruhe findet, dessen Bewohner unablässig mit Gefahr, Unsicherheit und Leiden konfrontiert sind. Zhadan schafft es eine Stimmung einzufangen, wie ich sie nicht kenne und hoffentlich nie erleben werde. Der Autor hat nichts anderes als die Sprache gegen diesen Krieg und er weiß sie einzusetzen. Dem Leser wird nichts erspart. Dabei fliesst gar nicht so viel Blut, werden kaum grausame Szenen geschildert. Es ist allein der Alltag der Menschen, der alle Schrecknisse beinhaltet. Mit wenig bis gar keinen Habseligkeiten, kaum mehr Nahrung, ziehen die Bewohner ziellos von einem Ort zum anderen, nirgends gibt es Sicherheit, kein Heim mehr. Keiner weiß, wie die Frontlinie sich verschiebt, wann die eine Seite wieder die Macht übernimmt, die Flagge austauscht.

Pascha als Sprachlehrer. Zhadan, der seine Protagonisten immer wieder in anderen Dialekten sprechen lässt, je nachdem welche militärische Einheit gerade Oberhand gewinnt.

„Er spricht Surshyk, einen Mischmasch aus Ukrainisch und Russisch, wechselt alle zwei Worte in die andere Sprache.“

Generell geht es in diesem Roman viel um Sprache. Sprache als Form der Zugehörigkeit, des Erkennens – Muttersprache. Ukrainisch, das immer wieder verboten war. Aber auch die Sprache, die aufgedrückte, die notgedrungen übernommene aus der Zeit als die Ukraine Teil der Sowjetunion war. Russisch, wohl teilweise auch polnisch. Alles basierend auf einer höchst komplexen und wechselvollen Geschichte dieser Nation (die ich selbst erst recherchieren musste). Bis heute kommt das Land nicht zur Ruhe. Das Buch ist brandaktuell. Es ist schrecklich und hart zu lesen, aber es macht bewusst für das Glück, das wir hier haben, nicht in einem Kriegsgebiet leben zu müssen.

Zhadan findet eine starke Metapher für das was Pascha erlebt und die er mehrfach verwendet, als würde einmal nicht reichen für dieses Gefühl. Seine innere Anspannung, die Angst, die Nerven bis zum Zerreißen gedehnt, als wäre es eine (Sprung-)Feder in seinem Herzen. Pascha schafft diese Reise mit seinem Neffen und sowohl er, als auch der 13-jährige Junge wachsen daran. Schön zeigt Zhadan diese Entwicklung, wenn er auf den letzten Seiten von Paschas Erzählperspektive in die des Jungen wechselt.

„Internat“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Melinda Nadj Abonji: Schildkrötensoldat Suhrkamp Verlag

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Zoltán Kertész, genannt Zoli ist ein Sonderling. Er lebt in armen Verhältnissen mit seinen Eltern in einem Dorf in Serbien. Zwischen hochsensibel und authistisch, würde ich sagen und vielleicht ein wenig verwirrt im Kopf von den Schlägen und „Unfällen“, die ihm zuteilwurden. Seine Leidenschaft ist das Lösen von Kreuzworträtseln, mit denen er auf seine Art in Sprache eintaucht. Eine Bäckerlehre soll er machen, doch der Meister hält ihn für unfähig und es rutscht ihm schon mal die Hand aus. „Zigeunerbastard! elender Lumpensammler! Hundesohn eines Analphabeten!“ Er schickt in als Hilfsarbeiter zum Mehlsackschleppen.
Als eines Tages der Jugoslawienkrieg ausbricht, schicken ihn die lieblosen Eltern zum Militär, froh ihn los zu werden.

„aber es ist doch Krieg, habe ich – ich habe es gesagt – ach was, du kommst in die Kaserne, die trainieren dich fit! und du wirst ein richtiger Mann, sagte meine Mutter mit flötender Stimme, ein richtiger Mann und ein Held, wie ihn die Lieder besingen, ja!“

Das so Einer“ aber beim Militär keineswegs gut aufgehoben ist, ahnt man und liest es dann auch.

„Nach den Schießübungen, nach den schlaflosen Nächten waren meine Zähne Stricknadeln, aber nicht die Stricknadeln meiner Großmutter, ich habe geklappert und nichts gestrickt, …“

Zoli findet einen Freund in der Kaserne, Jenð, der übergewichtig und deshalb auch Außenseiter ist. Als Jenð bei einem Gewaltmarsch, der sie auf den Einsatz an der Front vorbereiten soll, zusammenbricht und in Folge stirbt, kann auch Zoli nicht mehr weiter: Er tritt in Hungerstreik. Immer häufiger an epileptischen Anfällen leidend, wird er schließlich in ein Krankenhaus gebracht, dann als untauglich nach Hause geschickt.

Der Roman von Abonji ist am einfachsten über die Buchzitate aufzuzeigen. Sie stehen für die Art von Sprache, in der fast der ganze Text gehalten ist. Oft klingt hier Galgenhumor durch, wenn Zoli spricht, der auch eine sehr bildhafte beinahe kindliche Ausdrucksweise hat. Abwechselnd mit seiner Stimme, erzählt Hanna/Anna, die Cousine von Zoli, die ihm nah war, aber nun in Zürich lebt. Anna, die selbst psychisch nicht sehr stabil ist, begibt sich nach Zolis plötzlichem Tod auf seinen Spuren nach Serbien …

Auch „Tauben fliegen auf“, den Roman von Melinda Nadj Abonji, für den sie 2010 den Deutschen Buchpreis gewann, habe ich gern gelesen. Die Autorin wurde in Serbien geboren und lebt in Zürich. Das aktuelle Buch erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe und eine 10-Seiten-Lesung der Autorin gibt es hier.