Radka Denemarková: Ein Beitrag zur Geschichte der Freude Hoffmann & Campe Verlag

Zwei wunderbare Autorinnen aus Tschechien habe ich im Literaturhaus Berlin bei einer Lesung mit Gespräch mit der Übersetzerin Martina Lisa erleben dürfen, deren Werke unterschiedlicher nicht sein könnten. Beide sprechen deutsch und übersetzen auch selbst. Radka Denemarková, Jahrgang 1968, eine sehr kämpferische Stimme, wenn es um Gerechtigkeit und Frauenrechte geht und Tereza Semotamová, Jahrgang 1983, mit ihrem witzigen Debütroman. Meine Besprechung zu „Im Schrank“ folgt.

Radka Denemarkovás Roman „Ein Beitrag zur Geschichte der Freude“ ist der zweite, der auf Deutsch erschien, sie ist in Tschechien eine der bekanntesten zeitgenössischen Autorinnen. Es ist ein aufwühlendes Buch im positiven Sinn, was natürlich auch ungewöhnlich und bemerkenswert heißt. Was mir gleich zu Anfang auffiel, ist der sehr eigene Stil. Nichts ist hier konkret, als würde über der ganzen Geschichte ein Schleier liegen. Verrätselt, sprachlich gewandt und von Andeutungen geprägt erzählt die Autorin hier eine Geschichte über Gewalt an Frauen. Es geht um Vergewaltigungen, das erfährt man gleich im Prolog: Ein Szenario, das auf eine Massenvergewaltigung in Indien hinausläuft. Es ist ein Lesen zwischen den Zeilen. Die Tat selbst wird nicht geschildert. Ebenso wie die weiteren Taten, die sich durch das ganze Buch ziehen.

„Die Schwalben fliegen und zwitschern. Sie erzählen sich Witze über Männer und Frauen. Sex ist Freude. Die Witze wiederholen sich über die Jahrhunderte, die Schwalben sammeln Beiträge für die Geschichte der Freude. Dabei sind sie auf ein Schlachtfeld gestoßen, das keine Friedenszeiten kennt. Ein stilles Abkommen, ein Gebiet, das nicht frei ist und es nie sein wird, das von jedermann erobert werden darf, wo bis heute alles erlaubt ist.“

Drei ältere Frauen, Erika, Diana und Birgit, die man immer wieder auch als Schwalben durch die Geschichte flattern sieht, wie der Roman überhaupt von der Mystik und der Biologie der Vogelwelt durchdrungen ist, versuchen Gerechtigkeit herzustellen, notfalls durch drastische Maßnahmen, dabei sind sie radikale Feministinnen einer Generation, die Vorreiter war. Ihr Kampf beginnt bereits nach dem zweiten Weltkrieg. Birgit setzt sich dafür ein, dass Vergewaltigungen zu Kriegsverbrechen erklärt werden, was nicht gelingt.

„Sie spricht nicht aus, woran sie denkt, wie verbissen eine Schwalbe namens Ingrid nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs dafür kämpfte, dass Vergewaltigung als Kriegsverbrechen ersten Grades anerkannt werde, und wie heftig sie dafür ausgelacht wurde.“

Sie versuchen von Vergewaltigung und sexuellem Mißbrauch betroffenen Frauen und Mädchen zu helfen, sie zu unterstützen und zu schützen, zu verteidigen, selten erfolgreich, wenngleich sie aufgrund der andauernden Masse der Verbrechen, niemals ein Ende finden werden. Wie nebenbei erzählt Denemarková ungeschönt von der gesellschaftlichen Stellung der Frau, in der sich noch immer keine Gleichberechtigung findet. Auch Ingrids und Birgits Lebensgeschichte wird nach und nach aufgedröselt. Einer genauen Chronologie folgt sie dabei nicht.

„Birgit spricht nie über weibliche Körper oder über Vergewaltigung. Vor allem mit Frauenzeitschriften nicht. Die sind die ergebensten Diener der Sklavenhalter und besonders geschickt darin, ihre Opfer zu erniedrigen.“

Der Roman beginnt mit einem Selbstmord in Prag. Ein angesehener, wohlhabender älterer Mann hat sich aufgehängt. Der von der trauernden Witwe betörte „Ermittler“ glaubt an Mord. Vor allem deshalb, weil er dann noch oft ins Haus der Witwe kommen kann. Tatsächlich finden sich im Lebenslauf des Toten Hinweise auf Gewalt gegen Frauen und Zeichen, dass es sich möglicherweise doch nicht um Selbstmord handelte. Die Spuren führen zu einer gewissen Birgit Stadtherrová und zu einer Diana Adler.

„Der Ermittler bittet einen Kollegen, Dozentin Stadtherrová zu verhören. Er habe panische Angst vor alten, hysterischen Intellektuellen. Greise, intellektuelle Frauen fürchte er am allermeisten. Ein Treffen mit Frau Stadtherrová käme ihm wie reiner Masochismus vor. pssst.“

Als der namenlose Ermittler das Haus einer Filmfirma, die offensichtlich der Stadtherrová oder der Adler gehört, durchsucht, stößt er auf ein riesiges Archiv. Was er zunächst nicht erkennt: Es ist eine Sammlung von Gewaltverbrechen an Frauen, die bis in die Zeit des Nationalsozialismus zurückreicht. Drei Frauen haben sich der Rache verschrieben. Nach und nach erfährt die Leserin, wie ein Rädchen ins andere greift, wie durchdacht und kunstvoll verwoben das System der „Schwalben“ ist …

Denemarková ist eine Meisterin der Verschlüsselung bei gleichzeitiger Direktheit. Ihre Figuren zeichnet sie ausgefeilt und einprägsam. Im Gespräch im Literaturhaus erklärte die Autorin, dass sie beim Schreiben ihren Ermittler schließlich besonders ins Herz geschlossen hatte. Auch inhaltlich reicht ihr Roman weit über das hinaus, was zur Zeit so als feministische Literatur gehandelt wird. Denemarková ist eine echte Kämpferin mit Worten. Sie gebraucht Metaphern, die ganz ungewöhnlich und sprachlich wunderbar ausgefeilt sind. Es ist eine ganz eigene Handschrift zu erlesen, die ich für mehr als geglückt halte. Ein Wunder, das jemand in der Beliebigkeit der heutigen Sprachlandschaften in einem Roman sich so auszudrücken vermag. Das kenne ich sonst eher aus der Lyrik. Ein Hoch auch auf die Übersetzerin Eva Profousová, deren Übersetzung sicher zum Gelingen beigetragen hat. Ich wünsche dieser Autorin viel mehr Aufmerksamkeit und noch mehr Leserinnen. Ein kraftvolles Leuchten!

Radka Denemarkovás Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Daša Drndić: Belladonna Hoffmann und Campe Verlag

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Diese sprachlich hervorragende und ungewöhnlich konstruierte Romanentdeckung verdanke ich einmal mehr Constanze von Zeichen & Zeiten. Die Autorin war mir bisher kein Begriff, obwohl bereits mit „Sonnenschein“ ein Roman in deutscher Sprache von ihr erschien. Die 1946 in Zagreb geborene Daša Drndić spannt den Bogen von der Gegenwart über das Kriegsgeschehen auf dem Balkan während und nach dem Zerfall Jugoslawiens bis weit zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Gleich vorab: Ein Leuchten!

„Sein Herz bleibt stehen. Andreas Ban spürt, wie sein Herz in Zeitlupe durch seinen Rücken hindurch auf den Boden fällt. Er dreht sich auf die Seite, schaut über den Rand der Behandlungsliege und betrachtet sein großes Schwimmerherz, wie es ins Leere pumpt, als schnappe es nach Luft, immer langsamer. Mit gewölbter Hand hebt er das Herz auf und legt es zurück an seinen Platz.“

Ihre Hauptfigur, Andreas Ban, ein Psychoanalytiker und Schriftsteller im Ruhestand, lebt in einer Kleinstadt in Kroatien (vermutlich Rijeka). Leider kann er diesen nicht genießen, denn Widrigkeiten wie ein geringes Auskommen und diverse Krankheiten hindern ihn daran. Und obwohl er das so gar nicht will, gerät er unwillkürlich immer wieder in Erinnerungen aus dunklen Zeiten. Ban gerät in den Prozeß des Alterns, der ihn melancholisch macht. Daraus speist sich die Handlung, aber Drndić fügt immer wieder Originalfakten wie alte Fotos, Zeitungsberichte, Zitate und sogar Listen Verstorbener mit ein und schafft es alles zu einem stimmigen Ganzen zusammen zu fügen. Durch diese Form der „Bearbeitung“ von Fakten wird die Lektüre sehr intensiv. Denn wenn auf den Bericht der Tötung von 1055 Juden im serbischen Šabac auf den folgenden Seiten eine Liste mit den 1055 Namen erscheint ist das mehr als eindringlich.

„Er taucht in eine andere Geschichte ein, in Hunderte persönlicher Geschichten, wegen denen manche wahnsinnig werden und andere Gedichte schreiben.“

Tief taucht Ban ein in die 70er Jahre, als Sarah Kirsch, Eva Strittmatter, Nicolas Born und der Österreicher Peter Henisch, der über seinen Fotografen-Vater im Nationalsozialismus schreibt, in Albanien auftauchen, wo Ban seinen Wehrdienst leistet. Er erzählt von Niklas Frank, der seinen Vater, den „Schlächter von Polen“ in einem Buch in der Luft zerfetzt. Dass es nationalistische und antisemitische Verbrechen auch in Kroatien gab, die aber nie, wie in Deutschland aufgearbeitet wurden, sondern verschwiegen und verdrängt, ist ein wichtiger Aspekt des Buches.

So schreibt sich Ban alles von der Seele. Unerträglich und absurd, welche Greuel da versteckt wurden, wie hohe Funktionäre der NHD und der Ustascha-Bewegung einfach nach dem Krieg weiter Karriere machten, oft in Südamerika, wie wenig die Nachkommen damit zu tun haben wollen und wie unverdrossen auch heute wieder die Heimatliebe und die Blut und Boden-Ideologie öffentlich zur Schau gestellt wird.

Andreas Ban, der in Paris geboren wurde, der als Kind mit der Familie nach Belgrad kam, dessen Mutter und Schwester früh an Krebs verstarben, ebenso wie später dessen Frau, zog mit seinem Sohn 1992 nach Kroatien. Er erhält nach einigen Jahren Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlter Jobs, vielleicht auch deshalb, nur eine kleine, wenig bedeutsame Stelle an der Universität, die von einfältigen, angepassten Intellektuellen bevölkert wird. Auch für den Sohn ist es nicht einfach. Die Sprache ist eine andere. Der Nationalstolz ist groß.
Durch jede Zeile spürt man später Bans Wut über die Leugner und Scheuklappenträger wabern. Er beschimpft sie vor Antritt seines Ruhestands in einem Brief, der von Zitaten kluger Schriftsteller, Philosophen und Intellektueller nur so strotzt, die Ban überhaupt gerne zu Rate zieht, was dem Roman sehr zuträglich ist.

Auch Ban wird vom Krebs nicht verschont. Eine Operation hilft. Andere altersbedingte Verschleißerscheinungen treten auf. Doch jede Krankheit bringt auch Erinnerungen und Geschichten mit sich, wie etwa bei einer Augen-OP der Schwenk zu E. T. A. Hoffmanns Sandmann naheliegend ist.

„Über den Krankenhausflur kullert eine kleine, in Federn gehüllte Angst“

Eine Einladung zu einem Schriftstelleraufenthalt in Amsterdam trägt zu einem kurzen Zwischenhoch bei. Doch auch dorthin folgt die Vergangenheit, wenn Ban etwa erfährt, dass zwischen 1938 und 1945 2061 niederländische jüdische Kinder im Alter von sechs Monaten bis 18 Jahren ermordet wurden und die 2061 Namen der Kinder abgedruckt sind: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

„Jetzt, wo er einen Zweikampf mit seinem Körper ausficht, einen Zweikampf, aus dem er, ach, er weiß es, sieht es, nicht als Sieger hervorgehen wird, wühlt er in fremden Leben herum, um Abstand zu seinem zu gewinnen.“

Andreas Ban ist wenig versöhnlich mit sich und der Welt. Er macht Tabula rasa. Gegen Ende des Romans kommt es dann zum Showdown mit Belladonna, einer Pflanze, die wir unter dem Namen Tollkirsche kennen …

Der Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag und wurde von Brigitte Döbert und Blanka Stipetić übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

Passend zum Thema empfehle ich:
„Die kleinen roten Stühle“ von Edna O´Brien
Als ob sie träumend gingen“ von Anna Baar

Edna O’Brien: Die kleinen roten Stühle Steidl Verlag

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Der Steidl Verlag, weltbekannt für seine Buchkunst, verlegt auch ein kleines belletristisches Sortiment. Hier habe ich eine Perle entdeckt, die mich stark beeindruckt hat. Ist es doch ein Roman, bei dem ich so wenig erklären kann, warum ich ihn für außergewöhnlich gute Literatur halte. Womöglich ist es ganz einfach das spürbar große Können einer versierten Schriftstellerin.

Edna O`Brien kannte ich bisher nicht. Nun erfahre ich, dass die 87jährige Irin bereits eine große Menge Literatur geschrieben hat und mit vielen Preisen ausgezeichnet wurde. Auf dem Cover liest man ein Zitat von Philip Roth: „Die große Edna O`Brien hat ihr Meisterwerk geschrieben“. Dem stimme ich zu. Ein Leuchten!

Es beginnt alles mit einer Kleinstadtidylle im irischen Norden. Ein Fremder, Dr. Vladimir Dragan mit weißem Rauschebart, kommt und wickelt in kürzester Zeit mit seinem Charisma vor allem die Frauen um den Finger. Er lässt sich nieder und betätigt sich als naturkundlicher Heiler mit viel Einfühlungsvermögen und meist mit großem Erfolg. Einer der Frauen hilft er sogar (auf gänzlich unorthodoxe Weise) bei ihrem unerfüllten Kinderwunsch. Er ist freundlich, packt schon mal im Garten mit an oder liest auf einem der Abende des Literaturkreises. Aus seiner Vergangenheit weiß man nichts. Bis er eines Tages auf einem Ausflug verhaftet wird und herauskommt, dass es sich um einen berüchtigten Kriegsverbrecher handelt.

Der Leser erfährt bereits früher, um wen es sich handelt. In einer Art Traumsequenz lässt die Autorin Vlads besten Freund von den gemeinsamen „Heldentaten“ erzählen. Es geht um Radovan Karadzic, den Kriegsverbrecher aus den Jugoslawien-Kriegen. O`Brien hat hier genau recherchiert und war selbst beim Prozeß vor dem Den Haager Tribunal zugegen. In der Tat konnte sich Karadzic 13 Jahre vor seinen Verfolgern verstecken. Faszinierend schildert die Autorin in ihrem Roman diesen Mensch, der mal Wolf (Vuc war sein Spitzname) mal Lamm war, mal brutaler Massenmörder, mal empfindsamer Mensch, der anderen half und Gedichte schrieb. Wobei wir wieder bei der Frage wären: Gibt es den von Geburt an bösen Menschen? Was bringt Menschen zu solch grausamen Taten?

„Ja, elftausendfünfhunderteinundvierzig rote Stühle zur Erinnerung an die Gefallenen. Angeblich sind den Touristen erst in dem Moment die Tränen gekommen, als sie auf die sechshundertdreiundvierzig roten Stühlchen für die toten Kinder stießen.“

Wird im ersten Teil noch aus verschiedenen Perspektiven erzählt, wendet sich O`Brien im zweiten Teil Fidelma zu, die zur Hauptfigur wird. Sie ist es, die von Vlad schwanger war, aber auf gewalttätige Weise ihr Kind und beinah auch ihr Leben verlor. Der Leser begleitet sie auf dem Weg, sich wieder im Leben zurecht zu finden. Sie verlässt ihren Ehemann, verlässt Irland und findet Arbeit in London als Putzfrau, später in einem Tierheim. Sie lernt dadurch Einwanderer kennen, teilweise illegale, und findet sich in mancher Lebensgeschichte gespiegelt. Besonders die Frauenschicksale berühren sie: was es in bestimmten Ländern bedeutet als Mädchen geboren zu werden, wie es ist beschnitten zu werden, wie es ist im Krieg unter unsäglichen Grausamkeiten aufzuwachsen.

Die eigene Scham und die Schuld, sich mit diesem Teufel eingelassen zu haben, die sie immer wieder und immer noch empfindet treibt sie schließlich dazu, sich in Den Haag einen Teil des Prozesses im Gerichtssaal anzusehen …

„Wurdest du nach den Gräueltaten gefragt, hattest du immer eine Antwort parat. Entweder hatten sie nie stattgefunden oder sie waren vom Feind inszeniert, und nach den Leichen auf dem Marktplatz gefragt, erklärtest du, das seien Schaufensterpuppen, die der Feind dort platziert habe, um die restliche Welt zu täuschen.“

Fidelma findet am Ende ein neues Zuhause und hilft mit, den weniger Privilegierten eine Stimme zu geben und Schutz anzubieten. Fazit: Dieser Roman wird trotz aller ungeschönten Schrecknisse und Kriegsszenarien zur Hommage an Heimat, Herkunft, Zugehörigkeit und vor allem an menschlichen Zusammenhalt ganz unabhängig davon. Ich empfehle dieses Buch nachdrücklich!

„Die kleinen roten Stühle“ von Edna O`Brien erschien im Steidl Verlag. Übersetzt wurde es aus dem Englischen von Kathrin Razum und Nikolaus Stingl. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier.