Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer S. Fischer Verlag

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Ich bin großer Fan von  Reinhard Kaiser-Mühleckers Büchern. (Und nach dem letzten etwas schwächeren auch wieder sehr beeindruckt) Sie sind so wunderbar un-zeitgeistig und nicht-mainstream, die Sprache eher altmodisch, dabei aber keineswegs altbacken. Gerade für Stadtmenschen, Home-Office-Arbeitende und Intellektuelle bieten sie einen ungeschönten Einblick in bäuerliche, dörfliche Strukturen und die harte Arbeit in der Landwirtschaft. Einen wichtigen Blick über den Tellerrand hinaus.

Mich hat Kaiser-Mühlecker wieder in eine Zeit versetzt, in der ich selbst auf dem Land lebte und einige der traditionellen dörflichen Strukturen, die beispielsweise auch auf dem Bauernhof von Jakob, der Hauptfigur, herrschen, miterlebt habe. Tatsächlich scheint der Roman fast direkt an seinen Roman „Dunkle Seele, tiefer Wald“ (Link dazu unten) anzuschließen. Wir begegnen dem gleichen Personal. Jakob führt den Bauernhof der Eltern schon seit er 15 ist, der Vater ein Träumer und Tunichtgut, der Bruder inzwischen verheiratet in Wien lebend und die Schwester Luisa, die ihr Leben auch nicht so recht auf die Reihe bekommt, zumindest aus Jakobs Sicht. Der Roman „Wilderer“ beginnt gleich auf der ersten Seite mit einer Russisch Roulette-Szene …

Inzwischen in den Zwanzigern ist Jakob immer noch ein Einzelgänger, der wenig Kontakt im Dorf hat und wenn dann nur aus beruflichen Gründen. Bisher mit einigen Projekten gescheitert, scheint sich die Freilandhühnerhaltung nun endlich auszuzahlen. Gleich eingangs kommt es zu einer Unbehagen verursachenden Szene, in der Jakob seinen eigenen Hund vergiftet, weil dieser wildert und nicht mehr auf seine Befehle hört (was auch den Buchtitel erklärt).

„Tat er jemals nichts? […] Doch da im Radio redeten sie ja nicht davon, sondern von irgendwas mit Kreativität und so Zeug, das er – Leute wie er, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten, für die die Gesellschaft seit jeher nur Spott und seit einer Weile auch noch Kritik übrig hatte, weil sie angeblich die Natur zerstörten oder das Klima oder was – sich nicht leisten konnte.“

Als er durch eine Nebentätigkeit in der Dorfschule die Künstlerin Katja kennenlernt, die ein Aufenthaltsstipendium im Ort hat, ist sie ehrlich interessiert an ihm und seiner Arbeit in der Landwirtschaft. Als er ihr schließlich den Hof zeigt, beschließen beide, dass sie ein Praktikum von vierzehn Tagen bei ihm machen kann. Die Arbeit scheint ihr wider Jakobs Erwarten gut zu gefallen und auch gut zu gelingen. Sie verlängern die Zeit und Katja bringt sofort eigene Vorschläge und Ideen zur Verbesserung mit ein. Sie gibt ihre künstlerische Tätigkeit ganz auf und zieht auf den Hof. Aus beiden wird schließlich ein Paar. Die treibende Kraft geht in fast allem von Katja aus. So auch die Idee, die Landwirtschaft vollkommen auf biologischen Anbau und Tierhaltung umzustellen. Jakob bleibt in allem, zumindest in meinem Gefühl als Leserin, sehr distanziert, mitunter kühl. Gefühle, Emotionen scheinen im äußerst fremd zu sein, Gespräche führen außerhalb des Kontexts der Arbeit kaum möglich. Selbst wenn gute Dinge passieren – ein gutes Ernteergebnis, ein schöner Abend mit Katja oder sogar die Geburt des Sohnes – scheint er es einfach als gegeben hinzunehmen.

Der Hof entwickelt sich sehr gut, Katja bleibt nach der Geburt des Kindes weiter gut eingebunden, kann sich später sogar über ein Kunst-Aufenthalts-Stipendium freuen. Der Leser vermutet richtig, wenn er darin erkennt, dass Katja durchaus weiter als Künstlerin arbeiten will, sozusagen einen Plan B im Hinterkopf hat.  So, als würde sie sich Jakobs nie sicher sein. Was letztlich auch stimmt …

Katja bereitet ein großes Fest vor, weil der Hof aufgrund seiner Innovationen geehrt werden soll, viele Gäste sind da, das regionale Fernsehen berichtet. Alles könnte gut sein. Doch als der neue Hund, der lange in der Familie von Jakobs Bruder gelebt hat, wie der Vorgänger zu wildern beginnt, scheint in Jakob etwas ausgelöst zu werden, etwas Böses, Ungehaltenes, vielleicht lange Angestautes, durch Kleinigkeiten (die wir Leser durchaus wahrnehmen) Geschürtes, das sich nun Bahn bricht … Klingt in meinen Worten pathetischer als es ist, dazu schreibt und konstruiert Kaiser-Mühlecker viel zu gut.

„Vor langer Zeit, am Ende der Kindheit, mit zwölf oder dreizehn, war etwas über ihn gekommen, das ihn nie mehr verlassen hatte seither, das Gefühl, aus dem Dasein verbannt worden zu sein, aber nicht ins Jenseits oder ins Nichts, sondern wie in ein Abseits, in dem er aber nicht wirklich weiterleben durfte. Am Fenster des Daseins: Dort saß er und wartete. So hatte er sich da auf einmal gefühlt, ausgestoßen … Ein Schatten hatte sich damals über ihn gelegt, von dem er nach bald zehn Jahren längst nicht mehr annahm, er werde je wieder weichen.“

Generell liegt über dem Roman eine verschwimmende Düsternis, so als wäre die Hauptfigur nicht fähig, das Licht zu sehen. Melancholisch bis todessehnsüchtig (bedenkt man die erste Szene), aber auch auf eine Weise gleichgültig ob aller möglichen bewegenden Geschehnisse. Ein irgendwie geheimnisvoller, aber eben auch un(be)greifbarer Held. Für diesen neuen Roman: Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag und stand im Monat Mai auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Reinhard Kaiser-Mühlecker hier auf dem Blog:

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald S.Fischer Verlag

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Zeichnungen S. Fischer Verlag

Jon Fosse: Ich ist ein anderer Rowohlt Verlag

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„Je est un autre.“ Arthur Rimbaud

Der zweite Band „Ich ist ein anderer“ (nach obigem Zitat von Rimbaud) von Jon Fosses Heptalogie schließt nahtlos an Der andere Name an, genau wie die Coverbilder (siehe oben). Als großer Fosse-Fan habe ich schon darauf gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht. Fosses unverwechselbare Sprache klingt für mich immer wie Poesie und führt mich in eine ganz andere Welt.

Das Buch beginnt mit genau den gleichen Zeilen, wie der erste Band und endet auch wie dieser: mit einem Gebet. Überhaupt spielt die Religiosität, der Glaube an Gott, wieder eine große, vielleicht sogar eine noch größere Rolle als in Band I. Es gibt fast keine Satzzeichen. Die Geschichte liest sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom und wird geprägt von den in einander übergehenden fließenden Zeitsprüngen. 
Wir begegnen wieder Asle, dem Maler, der in einem alten Bauernhaus auf dem Land mit Blick auf einen Fjord lebt. An diesem Wintertag schläft er besonders lang, denn er hat einen anstrengenden Tag in der Stadt Bergen verbracht (Fosse nennt sie Bjorgvin nach dem alten Namen). Auch sein kleiner Hund Brage schläft lang und beide wollen nicht in die winterkalte Küche, um Kaffee zu kochen. 

Bis der Nachbar in der Tür steht, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es ist die Adventszeit und er will wie üblich ein Gemälde als Geschenk für seine Schwester aussuchen. Asle steht auf und er entschließt sich noch am selben Tag erneut nach Bjorgvin zu fahren, um seine fertigen Bilder in die Galerie Beyer zu bringen für die jährlich vor Weihnachten stattfindende Ausstellung. Während der langen Fahrt auf der schneeglatten Straße beginnt Asle sich zu erinnern. Er denkt an den Jungen, der er einmal war, der mit seiner Mutter nicht zurechtkam. An die Teenagerzeit, als er sich von seinem naturgetreuen Zeichnen trennt und Bilder malt, die keiner versteht, die eben nicht „schön“ sind. Es sind innere Bilder, die sich ihm aufdrängen und gemalt werden müssen, denn sonst wird der Kopf immer voller und wirrer. Oft spielt Erlebtes eine Rolle, wie etwa der tragische frühe Tod der kleinen Schwester.

“ …und jetzt, denkt er, will er keine Bilder nach Fotos malen, von Haus und Hof, ja jetzt will er die Bilder wegmalen, die in seinem Kopf sind, aber er will sie nicht so malen, wie er sie sieht in seinem Kopf drin, denn etwas wie ein Leiden, wie ein Schmerz knüpft sich an jedes einzelne Bild, denkt er, aber auch eine Art Frieden, ja auch das, …“

Er wechselt auf das Gymnasium im nächstgrößeren Ort, um später die Kunsthochschule besuchen zu können. Vorher stellt er seine Bilder im örtlichen Jugendklub aus und hat großes Glück, dass ihn sein späterer Galerist dort auf der Durchreise entdeckt und ihm einige Bilder abkauft. Asle ist sehr froh darüber, so früh von zu Hause ausziehen zu können. Doch der Unterricht ist nichts für ihn. Ängste verfolgen ihn. Durch einen befreundeten Maler (Asle, sein Alter Ego) erfährt er von der Möglichkeit als besonders Begabter sofort auf der Kunstschule aufgenommen zu werden. Tatsächlich gelingt es ihm. Als er sich in Bjorgvin ein Zimmer ansehen will, trifft er in einem Café auf Ales, die ihn in ihren Blick bannt, ihn schließlich selbstbewusst anspricht und beide stellen fest, dass sie wohl gemeinsam zur Kunsthochschule gehen werden …

Ales kennen wir bereits aus dem ersten Band. Sie ist Asles Frau, die gestorben ist und um die er immer noch trauert, wenngleich er noch immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr hat. Oft scheint sie neben ihm im Sessel zu sitzen, wenn er an seinem angestammten Platz über den Fjord schaut oder den Rosenkranz nimmt, um zu beten. Die Nähe zu Gott und das Beten hat sie ihm nahe gebracht. Er, der lange Zeit dem Alkohol verfallen war, hat durch sie und den Glauben geschafft davon los zu kommen.

“ … und ein Bild muss geschehen, es muss von selber kommen, wie ein Geschehnis, wie ein Geschenk, ja ein gutes Bild ist ein Geschenk, oder eine Art Gebet, es ist sowohl Geschenk als auch ein Dankgebet, denke ich und ich hätte nie willentlich ein gutes Bild zustande bringen können, denn Kunst geschieht, Kunst ereignet sich, so ist es einfach, …“

Was neu ist, sind die Gedanken, die immer wieder aufkommen: Asle mag nicht mehr malen. Es scheint, als hätte er alles aus sich herausgemalt, was zu malen war. Noch sind diese Gedanken selten, nehmen jedoch immer mehr Raum ein. Vielleicht hat er das Alter erreicht, um damit aufzuhören? Doch was kommt dann?

Und immer wieder die besondere Sprache, dieser typische Fosse-Sound. Die ewigen Wiederholungen, litaneihaft, besonders in den wenigen Gesprächen die der Held führt. Wiederholen und bestätigen gegen die Wortkargheit. Gespräche fallen ihm schwer. Dafür erleben wir die reichen inneren Selbstgespräche, die Gedankenwelt, die Art an Dinge, etwa an das Malen, heran zu gehen, die vielleicht auch von der abgeschiedenen Lebensart herrühren, die der Held jedoch um keinen Preis aufgeben würde. Und ich kann ihn gut verstehen …
Fosses Buch zeugt wieder von einer tiefen Spiritualität und von der Hingabe an die Kunst, die vielleicht nur auf diese Weise entstehen kann: der Maler (oder die Künstlerin, Autorin) als Medium. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde wieder vom großen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Norwegischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Buch ist auch unabhängig vom ersten Teil gut lesbar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es in de FAZ.

Weitere Bücher von Jon Fosse, die ich hier auf dem Blog besprochen habe:

Andrea Scrima: Kreisläufe Literaturverlag Droschl

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„Wenn wir nur die Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und dann beinah gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.“

Es ist der zweite Roman der 1960 in New York geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Andrea Scrima. Nach Wie viele Tage , das mir sehr gefiel, lese ich nun „Kreisläufe“ und finde eine Art Ergänzung zum vorigen Roman vor. Ebenso wie zuvor ist es vor allem auch die Sprache, der Ausdruck innerer Vorgänge und Reflexionen, die Komplexität und die Vielschichtigkeit, die mir das Buch zu etwas Besonderem machen. Ging es zuvor vorrangig um die Lebenswege und Verortungen in der Vergangenheit und Gegenwart, wird nun einerseits die Beziehung zur Mutter und zum Vater thematisiert, aber auch die zum Lebensgefährten.

„Berlin war eine ganz eigene Variante von Nirgendwo; ich hatte meinen Platz unter den Außenseitern und Ausreißern der Stadt gefunden […] Ich redete mir ein, geblieben zu sein, um abseits des Kunstmarkts arbeiten zu können, in Wirklichkeit versteckte ich mich vor etwas, aber das war mir damals nicht bewusst.“

Die Künstlerin Felice lebt in Berlin und hat ihre erste Einzelausstellung in New York, ihrer Heimatstadt. Sie verbindet den Anlass ihrer Reise mit dem Besuch bei der Mutter. Der Vater ist bereits tot, die drei Geschwister an unterschiedlichen Lebensorten angekommen. Sobald sie das Haus betritt, umfängt sie die düstere Atmosphäre der Kindheit. Sie beschreibt gleich eingangs ganz wunderbar, was mit ihr passiert: Sie öffnet den Küchenschrank und findet Büchsen von Nahrungsmitteln vor, eine fällt ihr direkt entgegen. Und nun öffnet sich sinnbildlich eine nach der anderen, jede enthält Erinnerungen, die meisten davon sind keine schönen. Nach und nach und in vielen Zeitsprüngen gelangen wir tiefer in die Familie der Heldin. Anhand von einzelnen Ereignissen, zeigt sich das Bild immer deutlicher, das Bild einer dysfunktionalen Familie. Zwischen der unberechenbaren, manipulierenden Mutter und der Tochter herrscht ein gespanntes Verhältnis, das beide wie eine unsichtbare Mauer voneinander trennt. Jeder Versuch der Aussprache seitens der Tochter ist zum Scheitern verurteilt. Über eine Art Smalltalk geht es nie hinaus, die Mutter blockt, wo die Tochter sich Erklärungen und Anerkennung wünscht. Tatsächlich blitzt die Anerkennung dann einmal kurz hervor, als die Mutter, die Schwester und eine Nachbarin die Ausstellung Felices in der Galerie besuchen, obwohl es womöglich eher darum geht, diese mit dem Berühmtsein der Künstler-Tochter zu beeindrucken.

Zwischendurch erinnert sich Felice an die Zeit, als sie von zuhause auszog, an die Beziehung mit einem Mitstudenten, an die konzentrierte Atelierarbeit während des Studiums, diese magische Zeit, die immer auch mit Geldmangel verbunden war, aber auch ihr Schwangerschaftsabbruch wird thematisiert. Auch später beim Studium in Berlin öffnen sich manche Türen und Felice hat mehrere Ausstellungen an verschiedenen Orten Deutschlands.

„Meine Familie hatte mich aus der Bahn geworfen. Uns alle hatten unsere Familien aus der Bahn geworfen – Bobby, Rick, Sunny und mich – und die Kunst war unser Versuch wieder eine Ordnung herzustellen.“

Im zweiten Teil rückt der Vater in den Vordergrund, dessen Tagebuchkalender Felice nach dem Tod des Vaters findet und mit zurück nach Berlin nimmt. Sie entdeckt, dass der Vater an Depressionen litt und Psychopharmaka nahm, dass er fortweg arbeitete, um die 6-köpfige Familie zu ernähren. Ich spüre hier eine besondere Zuneigung der Tochter zum Vater; das Verhältnis scheint ein viel innigeres gewesen zu sein, als zur Mutter. Jeder Tagebucheintrag weckt Erinnerungen und ruft Bilder hervor; doch manches bleibt für immer im Dunklen. Scrima schreibt sich hier an den Tagebucheinträgen entlang, die meist nur aus kurzen Stichworten bestehen und auch keine spektakulären Ereignisse aufzeigen. Oft geht es um die Arbeit, manchmal ums Wetter oder neue Anschaffungen. Diese Art des Schreiben ist anders, als der erste Teil, der für mich persönlich ausdrucksstärker wirkte, weil sich die Sprache mehr ausdehnen darf. Auch Träume und ihre möglichen Deutungsvarianten spielen durchweg eine Rolle.

In beiden Teilen liegt auch immer wieder der Fokus auf der Partnerschaft mit Michael. Michael ist in der DDR aufgewachsen und wegen zu viel Widerstand und Eigenwillen gegen das System in einen Jugendwerkhof und in Haft gebracht worden. Die Geschehnisse haben in extrem traumatisiert, so dass er nach dem Fall der Mauer zunächst begeistert die neu gewonnene Freiheit nutzt, bald jedoch von der Vergangenheit wieder eingeholt wird und aus mangelndem Vertrauen immer mehr auf Rückzug geht. Auch Felice gegenüber. Gespräche sind kaum möglich. Scrima beschreibt hier sehr klar und eindringlich, wie stark die Veränderungen durch den Fall der Mauer, die Menschen, die in viel zu kurzer Zeit in einer vollständig anderen Staatsform leben sollten, verunsicherte und teils komplett aus der Bahn warf.

„Ich würde ihm (Anmerkung: dem Vater) erzählen, wie mit der Wiedervereinigung eine einzige entzweigerissene Psyche, deren eine Hälfte ihre schlimmsten Ängste auf die andere projizierte, in eine deutsch-deutsche Romanze verfiel, in einen plötzlichen Rausch, der die verheerenden Schäden verleugnete, die das Verschmelzen der beiden grundsätzlich verschiedenen Staaten an den Menschen der früheren DDR anrichtete, deren Land sich mit einer schwindelerregenden Plötzlichkeit in Luft aufgelöst hatte, mit allem, wofür es einst gestanden hatte.“

Die beiden bekommen einen Sohn und trotzdem bestreitet Felice fast allein den Lebensunterhalt mit Übersetzungen. Die Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Erst mit der Trennung beginnt ein neues Kapitel, mit dem auch Sohn Max im Text in den Mittelpunkt rückt.

Der Roman ist sprachlich so gekonnt und formell so gut gelungen, dass ich einfach nur beeindruckt bin, wie die Autorin Erinnerungen so aufbereitet, dass sie literarisch leuchten. Dennoch hat mich die Geschichte, obwohl sie mich tief berührt, zeitweise ziemlich mitgenommen, da ich so einige Übereinstimmungen zu meinem eigenen Leben fand. Wenn Literatur so tief auf mich wirkt, ist das für mich doch immer ein großer Gewinn. Besonders intensiv und wunderschön zu lesen, fand ich die Sequenzen, in denen fast nichts passiert, die nur einen Augenblick einfangen, eine Betrachtung, eine Empfindung und diese dann durch Nachdenken und Nachspüren ausdehnen und ins Literarische überführen. Ein Leuchten!

„Kreisläufe“ erschien im Literaturverlag Droschl. Aus dem Amerikanischen übersetzt hat es Andrea Scrima selbst zusammen mit Christian von der Goltz. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Julia May Jonas: Vladimir Hörbuch Random House Audio

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9 Stunden, 8 Minuten, 8 CDs. Ungekürzte Lesung. Wenn ich mich schwer aufs Lesen konzentrieren kann, klappt meistens das Hörbuchhören. Dabei ziehe ich Lesungen Hörspielen vor. Ausschlaggebend mich auf dieses Hörbuch einzulassen war tatsächlich, dass dieser Roman von der grandiosen Schauspielerin Martina Gedeck interpretiert wird. Von der Autorin Julia May Jonas hatte ich noch nie gehört. Die US-amerikanische Autorin, die Dramatikerin ist und in New York lebt, schrieb mit „Vladimir“ ihren ersten Roman.

Es geht um eine namenlose Literaturprofessorin Ende 50, deren Ehemann John, ebenfalls Professor, an seiner Universität in Verruf gerät bezüglich seiner sexuellen Beziehungen mit seinen Studentinnen. Er wird während der Untersuchung der Geschehnisse von der Uni suspendiert. Sie selbst versucht sich zu verorten, sie weiß nicht genau, wie sie sich dazu verhalten soll. Da die beiden schon immer eine offene Beziehung führten, will sie John nicht verurteilen. Denn auch sie hatte mehrere Affären im Laufe ihrer Beziehung. Gleichzeitig kommen von außen Stimmen, die ihr raten, sich zu trennen, die ihr passives Verhalten dazu nicht akzeptieren wollen, wie etwa einige ihrer Studentinnen und auch ihre Tochter. Gerade hier und immer wieder geht es um das Thema Älter werden und darum, dass traurigerweise ältere Frauen oft gar nicht mehr gesehen werden und häufig von der gesellschaftlichen Bühne verschwinden.

Im Fokus steht zeitweise auch die Tochter des Paars, Sidney. Sie ist Anwältin und ihre Freundin hat sich gerade von ihr getrennt hat. Sidney wohnt eine Zeit lang wieder zu Hause, meidet aber ihren Vater und wundert sich ihrer Mutter gegenüber, dass sie sich nicht von John trennen will. Auch am Campus spitzt sich die Lage einige Wochen vor der gerichtlichen Anhörung Johns zu. Kollegen führen ein Gespräch mit der Protagonistin, in dem sie ihr nahelegen, sie möge ihre Tätigkeit niederlegen. Sie sprechen für Studentinnen, die sich durch sie getriggert fühlen.

„Mit Trumps Präsidentschaft war die Illusion einer Welt, die man ihnen vom Fahrersitz des Mini-Vans aus gepredigt hatte, die Illusion alles würde sich stetig verbessern, und der lange Bogen der Geschichte sich in Richtung Gerechtigkeit krümmen auf den Kopf gestellt oder so ähnlich. Ich schüttelte meine hochtrabenden Gedanken ab, ich verstand die jungen Leute nicht und hatte keine Ahnung von ihrer Lebenswirklichkeit. Dass ich sie mochte, rechnete ich mir selbst hoch an. Auf Dinnerpartys verteidigte ich sie: „Die Kids sind in Ordnung“. Ich mochte ihren Aktionismus, ihre strenge Moral, ihr Gebrüll.“

Außerdem geht es um die Begegnung mit Vladimir, dem attraktiven 40jährigen Junior-Professor ihres Fachbereichs. Beide haben Romane geschrieben und über diese Gemeinsamkeit kommen sie sich näher. Während die Heldin durch die kurzen Begegnungen, durch sein Buch und nicht zuletzt durch ihre Fantasien und Tagträume angeregt wird, endlich wieder zu schreiben, hat Vladimir mit seiner Arbeit, mit seiner labilen Frau und der kleinen Tochter zu tun. Nach langer Zeit findet sich ein Termin für ein längeres Gespräch – die Heldin hat mehr im Sinn – ausgerechnet genau an dem Tag, an dem auch die Anhörung zu den Vorwürfen gegen John stattfindet. Ab hier läuft manches aus dem Ruder und wirkt geradezu grotesk. Im Ferienhaus, in das sie Vlad einlädt, entwickeln sich die Geschehnisse nämlich ganz anders als geplant und führen zu einem Ende, dass dann doch etwas unglaubwürdig, zumindest aber übertrieben anmutet.

Mir war die Sprache des Romans zeitweise zu pathetisch, manchmal bis ans Kitschige grenzend, gerade auch, wenn es um Sex geht. Hier passt die Freizügigkeit der Erzählweise nicht immer stimmig zum sprachlichen Gerüst. Glücklicherweise konnte Martina Gedeck das Manko durch ihre Stimme und glaubwürdige Interpretation dann wieder ausgleichen, zumal es auch um eine Frau ihres Alters geht, was sie womöglich auch bewegt hat, dem Roman ihre Stimme zu verleihen.

Außerdem kommen mir dann manche Aussagen, wie die folgenden, schon merkwürdig vor, wenn sich das Buch um Feminismus und Gleichberechtigung dreht. Es geht sehr viel um Äußerlichkeiten: wie man als Frau auf einen Mann wirkt, was man alles tun muss, um einem Mann zu gefallen, wie man einen Mann anhimmelt. Das hört sich für mich, gerade wenn es ins Klischeehafte rutscht, schon eher wenig nach weiblichem Selbstbewusstsein oder Unabhängigkeit an …

„Ich schenkte Vladimir doppelt so viel (Wein) ein wie mir, was er, weil er ein Mann war nicht bemerkte.“

oder

„Der Kellner trat an unseren Tisch und erkundigte sich nach unseren Dessertwünschen. Vlad wollte einen Cappuccino. Aber auf die Gefahr hin zu dominant zu erscheinen bestellte ich die Rechnung.“

Gut gefallen hat mir der Bezug zur und die Gespräche über Literatur, im Text teilweise mit konkreten Autoren und Buchtiteln verknüpft und die Handlung, die auch die Verhältnisse und Gepflogenheiten an einer modernen amerikanischen Universität spiegeln, der Campus als Schauplatz. Und die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre etablieren. Wir erleben, wie die frühere Feministinnen-Generation der 60/70er Jahre der neuen jungen, vollkommen anders denkenden gegenübersteht. In diesem Zusammenhang denkt die Heldin auch über die Kunst, den Kunstbegriff nach:

„Die Wahrheit lag außerhalb der moralischen Grenzen. Die Kunst wollte zu ihren eigenen Bedingungen angenommen oder abgelehnt werden. Die Kunst war nicht der Künstler. Waren das einfach nur Plattitüden, die ich unhinterfragt übernommen hatte? In letzter Zeit beschlichen mich immer öfter Zweifel. Sollten wir nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? Sollten wir gewissen Geschichten den Stempel „schädlich“ aufdrücken und das Publikum vor ihnen schützen? Trauten wir den Lesern nicht mehr zu, eine Geschichte zu lesen, ohne ihre Botschaft zu verinnerlichen?

Dass ich über 9 Stunden am Ball blieb bei diesem Hörbuch, spricht für seine Qualität.
Das Hörbuch erschien bei Random House Audio, das Buch beim Blessing Verlag. Übersetzt wurde der Roman von Eva Bonné. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier die Autorin in einer kurzen Buchvorstellung:

Indiebookday 26. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen … dazu gibt es den Indiebookday!
Hier sind meine diesjährigen Empfehlungen: Dabei sind: Romane, Gedichtbände, Künstlerbücher, eine Graphic Novel, ein Krimi. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Weitere Indiebuch-Tipps aus den letzten Jahren gibt es hier:

Cynthia Häfliger: Fremde Blicke Graphic Novel Kunstanstifter Verlag

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Aus dem Kunstanstifter Verlag habe ich schon so einige schöne Bücher gelesen und bewundert. „Fremde Blicke“ von der 1994 geborenen Schweizerin Cynthia Häfliger führt uns in die Welt einer psychischen Erkrankung. Die Autorin und Illustratorin zeichnet beeindruckend und stimmig eine Welt, die von Realitätsverlust geprägt ist. Ich finde es gut und wichtig, dass sich die Literatur und die Kunst, auch gerade in dieser Form, mit Erkrankungen wie in diesem Fall einer Psychose beschäftigt. Das Thema Psychische Krankheit wird noch viel zu oft unterdrückt und die Betroffenen stigmatisiert. Da der Text sehr knapp gehalten ist, muss man genau schauen und lesen, um die Geschichte verfolgen zu können. Für Menschen, die sich mit der Thematik bereits befasst haben, ist es leichter. Für andere dennoch ein guter Einstieg.

In dieser Graphic Novel gibt es wenig Text, dafür umso tiefer wirkende Bilder. Sie sind immer dann besonders stark, wenn die Not der Hauptfigur am größten ist. Zuerst fällt mir auf, dass nirgends schwarz oder grau verwendet wird, wie es beispielsweise bei Illustrationen von Depressionen oft benutzt wird. Obwohl auch hier dunkle Phasen herrschen, werden sie sehr eigen und sehr stimmig interpretiert.  Sobald es im Verlauf der Geschichte schwieriger wird, werden auch die Farben „härter“, die Stiftspuren deutlich sichtbar. Vorherrschend sind die Farben Blau, Grün, Rot, Gelb in ihren Nuancen, durch Verwässerung oft farblich abgeschwächt bzw. verfeinert. Aus rein persönlichem Künstlerinteresse hätte mich noch interessiert, mit welchem Material die Bilder gemacht wurden, habe aber keine Angaben dazu gefunden. Ich vermute das vor allem Buntstift, Aquarell- und/oder Ölkreide verwendet wurde.

Die Geschichte wird, denke ich, aus Sicht der Schwester des Protagonisten Lars erzählt. Es beginnt mit einer ganz normalen Familie, Vater, Mutter, Tochter und Sohn. Die Kinder sind altersmäßig nicht so weit entfernt und verstehen sich gut. Lars ist wenig auffällig, bis er zum Studium von zuhause aus- und in eine andere Stadt zieht. Beim ersten Besuch zuhause, fällt den Eltern auf, dass Lars sich seltsam verhält und er sich beobachtet oder verfolgt fühlt. Nach kurzer Zeit zieht er deshalb auch wieder zu Hause ein. Doch auch hier geht es weiter, Lars will die Kaffeebohnen nicht für seinen Kaffee, sie könnten vergiftet sein, der Nachbar, der gegenüber Rasen mäht ist plötzlich böse. Wenn die Eltern versuchen zu verstehen und zu intervenieren, rastet Lars immer öfter aus. Die Schwester recherchiert die Symptome und zusammen mit den Eltern wird klar, dass Lars besser zum Arzt gehen müsste, um die Situation zu klären und um professionelle Hilfe zu bekommen. Als Lars das mitbekommt, verschwindet er.

Hier wird auch gut aufgezeigt, was das ganze mit der Familie macht. Alle sind unsicher, besorgt, können sich schlecht auf den Alltag konzentrieren, die Mutter sucht die Schuld bei sich. Lars taucht nach Tagen wieder auf, sieht aber für sich keinen Handlungsbedarf, da für ihn alles Realität ist, was er in seiner Psychose erlebt. Diese Diagnose erhält er schließlich in der Klinik, in die die Eltern ihn notgedrungen bringen. Über den Klinikaufenthalt und die Behandlung erfährt man nichts. Hier stehen auch wieder die Angehörigen im Fokus. Es braucht Wochen, bis Lars wieder den Kontakt nach draußen sucht und zuhause anruft. Beim ersten Besuch versucht er den Eltern und der Schwester zu vermitteln, was in ihm vorging. Doch das bleibt schwierig. Denn das ganze Ausmaß ist vermutlich nur zu verstehen, wenn man selbst in der Situation ist. Dennoch kommt die Familie wieder in einen stabileren Rhythmus, als Lars Wochen später nach Hause entlassen wird. Es bleibt schwierig, aber nicht unmöglich, dieses neue Zusammenleben …

Cynthia Häfliger ergänzt ihr Buch am Ende mit Adressen, bei denen man Hilfe holen kann, wenn man selbst oder als Angehöriger von dieser Krankheit betroffen ist. Das finde ich eine richtig gute Idee. 

Das Buch erschien gerade im Kunstanstifter Verlag. Mehr darüber hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Weitere Bücher aus dem tollen Verlag, die ich hier bereits besprochen habe:

Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

Lucia Jay von Seldeneck/Florian Weiß: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Kunstanstifter Verlag

Harald Kappel: Stereotomie Neue Gedichte Moloko Print

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Harald Kappels Lyrikband „Stereotomie“ ist für mich eine Überraschung. Ab und an ist man sich in der ein oder anderen Literaturzeitschrift mit dem eigenen Gedicht begegnet oder auf Facebook. Letztes Jahr erhielt er dann den alternativen Poesiepreis genannt Nahbell-Preis. Nun wurde ich angelockt von dem Cover-Bild, das mir in seiner Art als selbst Künstlernde sofort gefiel. Ich war gespannt, wie die Gedichte mit den Illustrationen, die von den beiden Künstlerinnen Marta Magdalena Ferenczy-Kappel und Margareta Loscher stammen,  korrespondieren. Und ich finde, sie tun das sehr gut. Ich weiß gar nicht, was mir besser gefällt, die Bilder oder die Gedichte. Allein die Ausstattung des Gedichtbands ist hochwertig. Schönes Papier, auf dem die Collagen, meist sind es Mischformen aus Collage und Malerei, gut zur Geltung kommen. Und auch die Gedichte sind in einer besonderen Schriftart gedruckt. 

Im Abspann erfahre ich, das Harald Kappel Arzt ist, was mir allerdings während des Lesens schon als Frage im Kopf stand. Denn im Wortrepertoire kommen sehr viele medizinische Begriffe vor, die mir teils bekannt, teils unbekannt sind, die aber unbedingt zu den Gedichten passen, die sich schlüssig einfügen. Tatsächlich mag ich die eigensinnigen Kombinationen, die mitunter wilden Paarungen der Verse sehr. Auffällig sind in den meist kurzen Gedichten die vielen Wiederholungen als technisches Mittel der Verdichtung. Oft in Abwandlung begegnen mir die Anfangsverse am Ende erneu(er)t. Oft trifft mich der Schluss der Gedichte sehr plötzlich; habe ich mich noch gar nicht erholt von der Wucht der vorausgegangen Worte. Vieles muss/will ich mehrmals lesen. Auch in verschiedenen Betonungen. 

Nicht alle Gedichte sind mit einem Bild bedacht, das wäre auch zu viel, aber die, die „bebildert“ sind, verstärken sich gegenseitig aufs Wunderbarste. Es werden Motive aufgenommen, manchmal nur einzelne Worte und diese werden mit Phantasie versponnen und stimmig ergänzt. Es bleibt dabei immer auch viel Raum für die eigenen Bilder, die unvermeidlich durch die Verse hervorgerufen werden. Manche Illustrationen erinnern an die Klecksbilder des Rorschach-Tests aus der Psychologie. Durch Faltung und Abklatsch der Farbe entstehen zwei Hälften, die nie gleich, aber ähnlich sind und hier auch unterschiedlich weiterverarbeitet werden. (Zusammenhang mit dem Titel des Gedichtsbands?) Manche der Bilder bleiben abstrakt, die meisten aber werden konkret. Die, die mir am besten gefallen, Gedicht und/oder Illustration habe ich oben eingefügt.

Gleichheit

ich lebe in einem Leib
oben das hastige Hirn
eine weiße Lunge
draußen
meine schönen Kinder
die Bäume und das Obst
dann grillen wir

ich krieche in einem Leib
unten das krustige Gesäß
ein schwarzer Bronchus
draußen
meine billigen Huren
das Öl und die Pest
dann sterben wir

ich glaube an die Mitte
an die teuren Minister
mit goldenen Nasen
draußen
ein roter Teppich und Chanel No.5
dort verteilen sie 
unser Geld
dann unser Glück
gerecht
unter sich“

Manchmal geht es derb zu, manchmal scheint das Licht hell. Immer finden sich Bezüge zum Alltäglichen, zum Geschehen in der Welt, der inneren und der äußeren. Selten habe ich so gut gelungene Gesellschaftskritik in der aktuellen Lyrik gefunden, die so unauffällig wie direkt ist. Auch die Liebe findet ihren jeweiligen, der Situation angemessenen Raum, kommt körperlich und sinnlich, und zum Glück, wie ich finde, ohne Kitsch und Romantik. Der Tod findet Eingang in die Texte, die Düsternis, Obdachlosigkeit, Alkohol, Social Media, Aktien und Fake News, überhaupt die ganze „schöne neue Welt“. Und das ist gut so. Denn im Gedicht kann sie verwandelt oder zumindest benannt werden, beim Schreiben und dann noch einmal beim Leser. Empfehlung!

„Stereotomie“ erschien im Verlag Moloko Print. Danke, Harald Kappel, für das Rezensionsexemplar!


Rachel Cusk: Der andere Ort Suhrkamp Verlag

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Rachel Cusk, immer wieder. Auch wenn dieser neue Roman formell in eine etwas andere Richtung zielt, bin ich auch diesmal wieder begeistert. Eher so still begeistert, ob der klugen Stimme, der fein durchdachten Sprache. Könnte Rachel Cusk nicht so gut schreiben, wäre es aufgrund des Inhalts für mich ein schwieriges Buch. Auf eine gewisse Art erinnert es mich an Erpenbecks „Kairos“. Denn auch hier treibt ein unangenehmer Typus Mann sein Unwesen. Auch hier versucht ein Mann eine Frau zu manipulieren.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre kleinen Bücher so viel einbringen.“

Das Zitat stammt von diesem Mann, einem berühmten Maler, der den Zenit seines Erfolgs allerdings bereits überschritten hat. Er wird von einer Frau, einer Schriftstellerin, M genannt, die mit ihrem Mann im ländlichen Marschland im Haus mit Garten lebt, eingeladen einige Zeit, vielleicht als Arbeitsaufenthalt, im dazugehörigen Gäste-Cottage zu verbringen. Die Frau schwärmt für den Maler, vielmehr für dessen Malerei, die sie vor vielen vielen Jahren in Paris kennengelernt hat. Wie eine Initiation erschien ihr damals diese Entdeckung. Nun scheint die Chance da zu sein, diesem Maler persönlich zu begegnen, der schließlich eines Frühjahrs die Einladung annimmt.

In dieser Zeit lebt auch M`s Tochter, Justine mit ihrem Mann Kurt im Haus. So entwickelt sich ein hoch interessantes Kammerspiel der zwischenmenschlichen Begegnungen und der unerwarteten Entwicklungen. Denn der Maler wird von einer jungen selbstbewussten Frau begleitet, die nicht mit angekündigt war. Diese freundet sich bald mit Justine an, was ihre Mutter mit Bedenken und Eifersucht beobachtet, aber auch versucht zu reflektieren.

„Ich glaube nicht, dass Eltern zwangsläufig viel über ihre Kinder wissen. Was man von ihnen zu sehen bekommt, ist das, was sie notgedrungen sein oder tun müssen, nicht das was sie eigentlich wollen, und dieser Umstand führt zu allen möglichen Fehleinschätzungen.“

Der Maler selbst, scheint Begegnungen mit ihr zu vermeiden, obwohl sie so große Erwartungen in den Austausch mit ihm gesetzt hatte. Ja, er scheint sie in den wenigen Gesprächen sogar zu verhöhnen, von oben herab zu behandeln, nicht ernst zu nehmen. Ihren Mann Tony will er porträtieren, sie selbst jedoch nicht. Seine Geschichte erzählt er ihr lang und breit, für ihre Geschichte scheint er wenig übrig zu haben (Hier nähert sich der Roman wieder der Outline-Trilogie an). Immer wieder kommen Sticheleien und der Versuch sie außer sich zu bringen. Was mitunter gelingt. Seine Begleiterin Brett wirkt dagegen übergriffig in die Familienstrukturen ein, denn hier steht die fragile Beziehung zur Tochter und der ganzen Gemeinschaft auf dem Spiel. Der ruhende Pol im Haus ist Tony, der seine Frau auf ganz eigene Art unterstützt.

Rachel Cusk hat eine große Begabung, Menschen bis ins Innerste zu durchleuchten, zu beobachten und dies dann auch in großartige Sprache zu verwandeln. Hier geht es vorrangig um Weiblichkeit, wie sie selbst empfunden wird und wie sie von außen wahrgenommen wird. Aber auch darum, was man von zuhause mitbekommt oder eben auch nicht. Welche Voraussetzungen bieten ein gutes, selbständiges Leben? Wie stark werden wir von der Herkunftsfamilie geprägt und wie gehen wir damit um? Wie gelingt ein Leben, dass einem wirklich entspricht?

„Allein die Sprache kann den Fluss der Zeit aufhalten, denn obwohl sie in der Zeit existiert und aus Zeit gemacht ist, ist sie ewig – oder kann es zumindest sein. Ein Bild ist auch ewig, aber ein Bild hat nichts mit Zeit zu tun – es hebelt sie gezwungenermaßen aus, denn wie sonst sollte man im wirklichen Leben jene zeitliche Bilanz, die den unendlichen Augenblick des Bildes hervorgebracht hat, ziehen und verstehen?“

Mich hat die dreiste Art dieses Mannes schon beim Lesen abgestoßen. Dass M dennoch immer wieder versucht sich auf ihn einzulassen, immer noch auf ein Porträt von ihm hofft, sogar Tony damit beinahe vertreibt, ließ mich schaudern. Doch als Außenstehende ist es natürlich leicht zu verurteilen. Dennoch verwundert es, dass der Maler den ganzen Sommer lang geduldet und sogar nach einem Schlaganfall von Tochter Justine versorgt wird. Immerhin scheint am Ende der Geschichte ein Brief des Malers, der verspätet eintrifft, nachdem dieser längst abgereist ist, der Protagonistin eine kleine Genugtuung zu verschaffen.

Warum die Geschichte, wie ein Brief oder ein Monolog geschrieben ist, der sich an einen gewissen Jeffers richtet, von dem man nicht erfährt, in welcher Beziehung er zur Erzählerin steht, bleibt rätselhaft.

„Der andere Ort“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eva Bonné hat den Roman aus dem Englischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere sehr empfehlenswerte auf dem Blog besprochene Romane der Autorin gibt es hier.

Eine weitere Besprechung von „Der andere Ort“ gibt es auf dem Blog Letteratura.

Kunst im Buch 4: Graphic Novels

Ich habe ein Faible für gut gemachte Graphic Novels. Vermutlich weil ich selbst male, mitunter auch zu eigenen Gedichten und weil ich die vielfältigen Möglichkeiten der Umsetzung von Literatur ins Bild faszinierend finde. Auf dem Blog habe ich bisher 11 Graphic Novels vorgestellt. Hier kommt ein Überblick:

Elisa Macellari: Kusama
Eingangs finden sich einige Seiten Text zur Einführung in die Lebens- und Künstlerinnenwelt von Kusama. Interessant scheint mir hierbei die Prägung durch östliche und westliche kulturelle Traditionen. Dann tauchen wir in die Bilder ein. Dass die rote Farbe am dominantesten ist, ergibt sich aus den künstlerischen Arbeiten. Am bekanntesten sind wohl die Polka-Dots. Eine Art Türkis, ein beinahe fliederfarbenes Violett und Schwarz ergänzen das Rot. Die Aufteilung der Bilder und Textanteile scheint mir gelungen über Kusamas Lebenszeit verteilt und ein stimmiges biographisches Abbild zu zeichnen. 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/29/elisa-macellari-kusama-graphic-novel-laurence-king-verlag/

Oxana Matiychuk: Rose Ausländers Leben im Wort
Die beiden Illustratoren Olena Staranchuk und Oleg Gryshchenko haben die Lebensgeschichte von Rose Ausländer ins Bild gesetzt. Die einzelnen Episoden werden dicht an dicht in Szene gesetzt. Das Farbspektrum bewegt sich angeführt von kräftigem Rot in Grün/Schwarz/Hellblau/Weiß. Einzelne Titel der jeweils zu dieser Zeit erschienenen Lyrikbände tauchen auf, ebenso wie kurze Zitate aus Gedichten. Die Texte zu Roses Leben sind anfangs sehr einfach gehalten und wachsen mit der Zeit. Die Frage nach den Beweggründen und den Motiven von Rose Ausländers Schreiben wird gestellt. Auch ihre Heimatstadt und die Bukowina sind immer wieder Themen in Gedichten. Rose Ausländers Werk umfasst die beeindruckende Zahl von 2500 Gedichten. Sowohl Werk als auch diese kunstvoll gelungene Graphic Novel empfehle ich sehr.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/06/15/oksana-matiychuk-rose-auslanders-leben-im-wort-graphic-novel-danubebooks/

Ambra Durante: Black Box Blues
„Black Box Blues“ von Ambra Durante ist eine Art Graphic Novel. Die Zeichnungen sind comicartig, durchgehend in schwarz/weiß gehalten und oft sehr ausdrucksstark. Schon aus dem Titel heraus kann man ahnen, dass es hier um Depressionen geht. Doch nicht nur das. Der 19-jährigen jungen Frau, die ihre jugendliche Heldin sich selbst und ihr Leben zeichnen lässt, die diversen Abstürze und Dunkelheiten, aber auch das Licht zeigt, das ab und an durchscheint, geht es auch darum, wie schwierig es heute ist erwachsen zu werden. Licht bringt da das Zeichnen. So kann der schwarze Block, der scheinbar immer da ist, zumindest ab und an verkleinert werden.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/10/06/ambra-durante-black-box-blues-wallstein-verlag/

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Thomas Bernhard/Lukas Kummer: Der Keller
Als ich kürzlich entdeckte, dass es die Autobiographischen Schriften von Thomas Bernhard auch als Graphic Novel gibt, war ich sehr gespannt. Nun habe ich „Der Keller“ in der Hand und freue mich über die gelungenen Zeichnungen von Lukas Kummer. In aller Deutlichkeit und im typischen Bernhard-Stil mit seinen langen Satzschlangen und Wiederholungen gelingt es ihm die Atmosphäre dieser Lokalität, der Ausbildungsstelle Bernhards, darzustellen. Auch die Bilder von Lukas Kummer greifen die vielen Bernhard`schen Wiederholungen auf. Mitunter gibt es auf einer Seite vielfach das gleiche Motiv oder es taucht Seiten später wieder auf. Alles ist sehr einfach dargestellt, schwarz-weiß ohne Schnörkel und das passt schon gut zum Bernhard`schen Sprachkosmos.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/26/thomas-bernhard-lukas-kummer-der-keller-graphic-novel-residenz-verlag/

Hans Fallada/Jakob Hinrichs: Der Trinker
Hinrichs hat Roman und Autobiografisches vermischt, vermutlich lässt sich dies auch kaum trennen. Der Text ist überwiegend wörtlich aus dem Roman übernommen, die Textauswahl geschickt zu den Bildern kombiniert. Auch hat Hinrichs das Buch so gestaltet, dass Inhalt und Illustrationen einen deutlich erkennbaren Bezug zur heutigen Zeit haben. Seine Bilder erinnern an Holzschnitte des Expressionismus. Die Farben sind kraftvoll und auf einige wenige reduziert. Mich fasziniert die immense Wirkkraft der Bilder, die eindrücklich den Text verstärken und die Essenz aus dem Roman gekonnt herausfiltern. Ein Kunstwerk, das anregt, sich mehr mit Falladas Werken auseinanderzusetzen.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2015/11/05/hans-fallada-der-trinker-graphic-novel-von-jakob-hinrichs-metrolit-verlag-2/
(Die Ausgabe ist nach der Schließung des Metrolit Verlags nun beim Aufbau Verlag lieferbar)

Knut Hamsun/Martin Ernstsen: Hunger
Knut Hamsuns „Hunger“ ist ein Klassiker, eines der bekanntesten Romane Norwegens. Der norwegische Illustrator Martin Ernstsen hat aus dem Roman eine ausdrucksstarke Graphic Novel gemacht, die ich, ebenso wie den Roman selbst, sehr empfehle. Als Grundfarbe hat Ernstsen schwarz gewählt, was auch sehr stimmig zum düsteren Inhalt passt. Die inneren Zustände des getriebenen Protagonisten werden im Bild sehr deutlich und beleben die eigene Phantasie. Auch das, was den Roman ausmacht, was damals 1890 bei Erscheinen neu war, der stete Bewusstseinsfluß, die durchdringende Psychologie, zeigt sich in den Illustrationen durch daumenkinoähnliche Sequenzen.
Meine Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/10/28/knut-hamsun-martin-ernstsen-hunger-avant-verlag/

George Orwell/Fido Nesti: 1984
Wenig optimistisch ist der Roman zu lesen und auch diese Graphic Novel von Fido Nesti. Seine Bilder zum für diese Ausgabe angepassten Text sind eindrücklich, düster und teils drastisch. Die Farbpalette geht von Rot bis Schwarz in ihren jeweiligen Abstufungen. Der Band ist DIN A4 groß und der Buchblock in einen stabilen Karton eingebunden. Teilweise klassisch comicartig mit Sprechblasen zu den Dialogen, teilweise mit beschrifteten Einzelbildern. Manche Bilder sind ganzseitig groß und wirken entsprechend gruselig. Zwischendurch gibt es einzelne Kapitel ausschließlich mit Text. Im letzten dritten Teil geht es in den Bildern sehr schlimm zu, wie ich finde, die Gefängnis- und Folterszenen haben es in sich und sind schwierig für Zartbeseitete. Nesti zeichnet das zwar brillant und sehr vielschichtig in unterschiedlichsten Dimensionen, aber eben auch drastisch.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/11/30/george-orwell-fido-nesti-1984-graphic-novel-ullstein-verlag/

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Barbara Yelin/Thomas von Steinaecker: Der Sommer ihres Lebens
Barbara Yelin, die einfühlsame Zeichnerin dieses Buches, ist als Comic-Autorin keine Unbekannte. Sie hat sie sich längst unter die besten Illustrator*innen gezeichnet und wurde mit Preisen gekürt. In „Der Sommer ihres Lebens“ arbeitet sie erstmals mit dem Schriftsteller Thomas von Steinaecker zusammen. In 15 Episoden kann gelesen und betrachtet werden, was denn ein Leben ausmacht. In diesem ganz speziellen Fall ist es das Leben von Gerda Wendt, geboren in den 50er Jahren, die aus ihrem Platz im Altenheim heraus in die Vergangenheit zurückdenkt. An die großen und kleinen wichtigen Momente und manchmal auch an das „Was wäre gewesen, wenn …?“ Und wie gelungen ist es Yelin eben diese Rückblicke, die ja im Erinnern auch als Bilder aufscheinen, als gemalte Geschichte aufs Papier zu bringen! Die Zeichnerin übersetzt das Entsinnte aus dem Kopf von Gerda über den Weg der Farbe und Form in unsere Köpfe hinein.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/05/07/barbara-yelin-thomas-von-steinaecker-der-sommer-ihres-lebens-reprodukt/

Catherine Meurisse: Die Leichtigkeit
Fast genau sieben Jahre sind vergangen, seit in Paris auf das Büro der Satirezeitschrift „Charlie Hebdo“ ein grausamer Anschlag verübt wurde. Catherine Meurisse, die an jenem Morgen auch an der Teamsitzung hatte teilnehmen wollen, war zu spät dran. Deshalb hat sie überlebt. Die meisten ihrer langjährigen Kollegen und Freunde in der Redaktion wurden getötet. Wie erschütternd das für Meurisse war und wie sie wieder annähernd in einen „Normalzustand“ zurück fand, schildert sie nun in ihren Zeichnungen. Ihre Zeichnungen sind eindeutig und dennoch vielschichtig, die Figuren großartig charakterisiert, jeder Gefühlszustand ist sichtbar. So entstand die berührende Graphic Novel „Die Leichtigkeit“, ein Buch, das aufzeigt, wie wichtig die künstlerische Freiheit ist, heute mehr denn je. Es ist ein Buch, das mir sehr nahe geht.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/16/catherine-meurisse-die-leichtigkeit-graphic-novel-carlsen-verlag/

Martin Panchaud: Die Farbe der Dinge
Äußerlich scheint Martin Panchauds Graphic Novel zunächst unspektakulär, zeigt jedoch sofort, auf was die Leserin sich hier einstellen muss. Panchaud erzählt seine Geschichte sozusagen aus der Vogelperspektive. Die farbigen Punkte auf dem Umschlag stehen und bewegen sich stellvertretend für die Protagonisten der ungewöhnlichen Geschichte. Es ist unglaublich, wie extrem gut das funktioniert. Nach einer kleinen Gewöhnungsphase beginnt man diese Art der Darstellung zu lieben. Die Leserin selbst hat hier die Möglichkeit sich mit der eigenen Phantasie den/die Helden „auszumalen“. Diese reduzierte Art wechselt sich ab mit konkreten Bildern, so dass es genügend Abwechslung und genug Raum für die Vorstellungskraft gibt. Sowohl die Idee der außergewöhnlichen bildlichen Umsetzung dieser Story, als auch die Story selbst zeugen von enormem Einfallsreichtum und zeichnerischem Können.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/31/martin-panchaud-die-farbe-der-dinge-graphic-novel-edition-moderne/

Andrea Wulf/Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme.
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/12/12/andrea-wulf-lilian-melcher-die-abenteuer-des-alexander-von-humboldt-graphic-novel-c-bertelsmann-verlag/

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Viel Vergnügen beim Entdecken!

Titelfoto: Wikimedia Commons