Katie Kitamura: Intimitäten Hanser Verlag

Die Autorin Katie Kitamura ist für mich eine echte Entdeckung. Sie schreibt so unglaublich souverän und klug. Sie bringt brisante Themen in ihren Roman, ohne plakativ, laut und oder aufdringlich zu wirken, wie es in vielen Büchern derzeit der Fall ist. Ihre Stärke ist die Tiefe, der genaue Blick, die echte Auseinandersetzung mit Inhalten. Mir war schon bei der Leseprobe klar, dass das ein Schatz ist.

Titel und Cover mögen die Leserin vielleicht in eine andere Richtung denken lassen, aber es geht nicht vordergründig um eine Liebesbeziehung, sondern generell um die Beziehungen und Abhängigkeiten von Mensch zu Mensch. Es geht um Wahrhaftigkeit, im Kleinen wie im Großen. Und darum wie wir uns und andere mitunter selbst belügen, oft ganz unbewusst, doch manchmal mit großen Konsequenzen. Wie selbst vertraute Menschen manchmal nicht das sind, was sie scheinen. Wir wir verheimlichen oder verschweigen, zum eigenen Schutz oder dem eines anderen. Dabei geht Kitamura in die Tiefe, ihre Gedanken, bzw. die ihrer Heldin, beeindruckten mich. Großartig zum Beispiel, wie sie ihre Protagonistin während einer Ausstellungseröffnung vor einem Bild alter Meister stehen lässt und wie sie es nach eingehender Betrachtung interpretiert, als sie sieht, dass es von einer Frau gemalt ist, was damals selten war. Wie die Autorin anhand dieser kurzen Szene das Thema Feminismus weitaus besser und eindrucksvoller vermittelt, als es derzeit vielerorts laute Stimmen und Debatten vermögen, gefällt mir sehr. Überhaupt ist es ein stilles, aber umso nachdrücklicheres Buch.

Eine namenlose junge Frau verlässt New York, wo sie ihren Vater lange pflegte, während die Mutter zurück nach Singapur ging. Als sie für eine Stelle als Dolmetscherin am Internationalen Gerichtshof in Den Haag angenommen wird, ist das für sie ein großer Schritt, auch mit der Hoffnung besetzt, einen neuen Lebensort zu finden. Die Arbeit ist teils sehr schwer. Hier gibt Kitamura einen schönen Einblick in die Aufgabe einer Simultandolmetscherin, noch dazu am Gericht. Es geht um Sprache und deren Grenzen. Hier heißt es nicht nur die richtigen Worte zu finden, sondern auch den Tonfall des sprechenden Zeugen oder Angeklagten genau zu treffen, dabei aber jegliche eigene Interpretation zu unterlassen oder gar emotional zu werden. Was in Anbetracht der Verbrechen in manchen Prozessen extrem schwer ist.

„Am Gerichtshof ging es um nicht weniger als das Leid Tausender Menschen, und wenn es um Leid geht, ist Authentizität unerlässlich. Und doch war der Gerichtshof seinem Wesen nach ein Ort größter Theatralik.“

Gleichzeitig lernt sie Jana kennen, eine Kuratorin am Kunstmuseum, durch die sie wiederum Adriaan kennenlernt, mit dem sie eine Liebesbeziehung beginnt. Auf einer Vernissage lernt sie eine weitere Frau, eine Kunsthistorikerin kennen und deren Bruder, der eine alte Buchhandlung besitzt. Und wenn das banal und nach wenig Handlung klingt, so muss ich deutlich machen, dass Kitamura in diesen Begegnungen Einblicke gibt, die sehr deutlich die komplizierten Beziehungsgeflechte spiegeln und Verhalten und Geschehnisse in Bezug setzen zu uns Leserinnen selbst. Jeder kennt das, hat solche Freundschaften oder Beziehungen erlebt und/oder hinterfragt.

„Es ist erstaunlich einfach, Wahrgenommenes wieder zu vergessen, einen entsetzlichen Anblick, die Stimme, die das Unsagbare sagt – um in dieser Welt bestehen zu können, müssen wir vergessen und tun es auch, wir leben in einem Zustand des Ich weiß es, aber ich weiß es nicht.“

Als Adriaan, der noch verheiratet ist, wegen Scheidungsfragen zu seiner Frau nach Portugal fliegt, überlässt er Jana seine Wohnung, die jedoch stark die Handschrift seiner Frau trägt. Eine Woche will er bleiben, es werden viele Wochen und bald schon kommt kein Lebenszeichen mehr. Währenddessen muss die Heldin in einer Gerichtsverhandlung dolmetschen, in dem ein afrikanischer Präsident schwerer Gewalttaten gegen die Menschenrechte angeklagt wird. Als sie teils für die Verteidigung übersetzen muss, sogar persönlich im Vorfeld des Gerichtsaals, beginnt sie zu spüren, wie stark sie sich selbst zurücknehmen muss, um diese Arbeit souverän und perfekt, wie es notwendig ist, zu machen.

Letztlich gelingt es ihr und man bietet ihr sogar eine Verlängerung des Arbeitsvertrags an. Will sie hierbleiben? Nach der Enttäuschung mit Adriaan? Hier kommen nun die Begriffe Heimat und Sich-Zuhause-Fühlen ins Spiel. Die Frage an welchem Ort, wie und mit wem man leben will. Hier im Roman bleibt sie vorsichtig positiv unbeantwortet …

Katie Kitamura ist ein für mich großer Roman gelungen. Sie schaut genau hin, beobachtet und beschreibt äußerst subtil, wie Menschen sich verhalten, wenn es um Liebe, um Macht und um Gewalt geht. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Übersetzt hat es Kathrin Razum. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier.
Eine weitere begeisterte Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Mich hat der Roman auch erinnert an die bereits hier besprochenen Romane von Lucy Fricke und Nora Bossong:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2022/03/29/lucy-fricke-die-diplomatin-claassen-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/09/20/nora-bossong-schutzzone-suhrkamp-verlag/

Sonntags-Literatürchen

Jeden Sonntag ein Türchen zu aus verschiedenen Richtungen leuchtender Literatur. Heute wieder etwas anders als gewohnt.

Angelika Stallhofers Lyrikband ist eine Perle, ein kleines Kunstwerk in Sprache und Bild. Ich mag ja diese Kombinationen aus Gedichten und Bild oder Collage sehr. Hier zog mich das Cover magisch an, diese blaue Tiefe betont durch die pinken Durchbrüche, aber auch der wunderschöne Titel. Die Collage/Malarbeiten, die sich ins Innen des Buches erweitern sind von Andrea Zámbori. Die Schriftstellerin und Lyrikerin Angelika Stallhofer hat ein unglaubliches Geschick in der Kürze ihrer Gedichte unglaublich viel zum Ausdruck zu bringen. Ich bewundere das. Das kürzeste zählt gerade mal 2 Zeilen und keines ist länger als eine Seite. Doch sie sprechen Bände in all ihrer Zartheit, stellenweise auch direkt und ungeschönt. Hier werden große Fragen der Herkunft verhandelt oder die eines Vogelgesangs. Im Kleinen das Große und umgekehrt. Große Empfehlung!

Stille Kometen“ erschien im Verlag Edition ch.

#weiterschreiben Das Herz verlässt keinen Ort, an dem es hängt Ullstein Verlag

Inzwischen hat sich dieses bereits am 16.1.19 hier auf dem Blog vorgestellte Projekt ein großes Stück erweitert und feiert gerade 5-jähriges Jubiläum. Aus diesem Anlass gibt es noch einmal den Beitrag zum Buch und den Hinweis auf das Hörbuch, welches gerade erschienen ist: Dabei sind Autoren, die von Anfang an dabei waren, wie auch ganz viele neue. Siehe unten.

Hörbuch: Weiter Schreiben – (W)Ortwechseln

Ein wirklich tolles Projekt haben sich die Autorinnen Annika Reich und Lina Muzur ausgedacht und in die Tat umgesetzt. Es begann mit der Idee eine Möglichkeit zu finden für Autorinnen und Autoren aus Krisengebieten und/oder im Exil weiter zu schreiben und auch weiter gelesen zu werden. Daraus entstand im Netz eine Website und nun die gedruckte Anthologie.

Das Buch ist innen viel schöner geworden als das Cover verspricht. Ich bin ziemlich begeistert, dass im Buch nicht nur Texte, sondern auch Kunst, bunt sich ausbreitend, enthalten ist. Es ist auch das, was ich zuerst ansehe. Ich bin mit Bildern vertraut, ich nehme vieles wahr, was dahinter steht. Es sind Fotos, Mixed Media-Arbeiten, Malerei und Tusche, die ich selbst als Material so liebe. Ich gehe mit diesem Buch anders um, lese nicht von vorne nach hinten durch, sondern blättere, lese, blättere, schaue.

Deutschsprachige Autorinnen und Autoren trafen sich, real oder über den Bildschirm, um über ihr Schreiben zu sprechen, zu übersetzen oder einfach der Welt des/der anderen zu begegnen. Ob Annett Gröschner mit Lyrikerin Widad Nabi in die Geschichte ihrer Heimathäuser eintaucht, ob Saša Stanišić über ein Lachen von Salma Salem erleichtert ist oder ob der Journalist und Dichter Ramy Al-Asheq überrascht ist, als die Lyrikerin Monika Rinck, bei ihrem Treffen sofort beginnt sein Gedicht zu übersetzen, alle haben einen stimmigen Umgang miteinander gefunden, alle haben sie mich getroffen, nah am Herzen.

Ich werde nicht viel mehr über das Buch schreiben. Das entscheide ich gerade beim Blättern. Ich werde kurz aufzeigen, was es für mich so wertvoll macht, stärker, als ich vorher dachte. Es erzählt von Menschen, die das tun, was ich auch tue, Schreiben, trotz aller Widrigkeiten, innerer und äußerer. Ob im Innen Krieg herrscht oder im Außen – Schreiben bleibt.

Auszug aus dem Gedicht „Briefe an 14 Gazellen“ von Widad Nabi

„Nachts werde ich alt
heimlich vor der Zeit,
ohne dass mich jemand sieht.
Ich werde hundert Jahre alt.
Die Traurigkeit, die unter meiner Haut wächst,
wird zum Gedicht,
und ich bleibe, wie ich bin,
eine kleine Gazelle im Spiegel der Quelle.

Auszug aus „Das Herz eines Wolfes kochen“ von Rabab Haidar

„Wölfe werden immer nur mit Männern in Verbindung gebracht: Männer essen ihre Herzen und die Wölfe essen ihre. Wölfe werden Männer und verwandeln Männer in Wölfe.
Frauen hingegen werden mit Schlangen, Skorpionen, Eulen, Mäusen, Katzen oder Kaninchen assoziert. Mit Wölfen nicht.
Wie soll ich nur von mir erzählen?“

Auszug aus dem Gedicht „Den Dichtern folgt die Traurigkeit“ von Ramy Al-Asheq 

„Den Dichtern
folgt nur die Traurigkeit

Sie erwacht wie ein Funke an Fingerspitzen
und schläft ein
wischt man eine Träne
fort
mit den Fingerspitzen

Geboren wird sie
unbefleckt
bevor die Sprache sie überfällt
und benennt

Sie tritt ein mit dem Wind
und fährt aus mit der Seele“

Ich lege dieses Buch allen sehr ans Herz. Es ist eine Schatztruhe, eine Wunderlampe, ein Leuchten!

Das Buch erschien im Ullstein Verlag. Alle Beteiligten hier aufzuführen würde den Rahmen sprengen, sie sind aber im Buch und auf der Verlagsseite zu finden, wo es auch eine Leseprobe gibt. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Der Beitrag erschien zum ersten Mal am 16.1.19.

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer S. Fischer Verlag

20220519_1351013691273379066372525

Ich bin großer Fan von  Reinhard Kaiser-Mühleckers Büchern. (Und nach dem letzten etwas schwächeren auch wieder sehr beeindruckt) Sie sind so wunderbar un-zeitgeistig und nicht-mainstream, die Sprache eher altmodisch, dabei aber keineswegs altbacken. Gerade für Stadtmenschen, Home-Office-Arbeitende und Intellektuelle bieten sie einen ungeschönten Einblick in bäuerliche, dörfliche Strukturen und die harte Arbeit in der Landwirtschaft. Einen wichtigen Blick über den Tellerrand hinaus.

Mich hat Kaiser-Mühlecker wieder in eine Zeit versetzt, in der ich selbst auf dem Land lebte und einige der traditionellen dörflichen Strukturen, die beispielsweise auch auf dem Bauernhof von Jakob, der Hauptfigur, herrschen, miterlebt habe. Tatsächlich scheint der Roman fast direkt an seinen Roman „Dunkle Seele, tiefer Wald“ (Link dazu unten) anzuschließen. Wir begegnen dem gleichen Personal. Jakob führt den Bauernhof der Eltern schon seit er 15 ist, der Vater ein Träumer und Tunichtgut, der Bruder inzwischen verheiratet in Wien lebend und die Schwester Luisa, die ihr Leben auch nicht so recht auf die Reihe bekommt, zumindest aus Jakobs Sicht. Der Roman „Wilderer“ beginnt gleich auf der ersten Seite mit einer Russisch Roulette-Szene …

Inzwischen in den Zwanzigern ist Jakob immer noch ein Einzelgänger, der wenig Kontakt im Dorf hat und wenn dann nur aus beruflichen Gründen. Bisher mit einigen Projekten gescheitert, scheint sich die Freilandhühnerhaltung nun endlich auszuzahlen. Gleich eingangs kommt es zu einer Unbehagen verursachenden Szene, in der Jakob seinen eigenen Hund vergiftet, weil dieser wildert und nicht mehr auf seine Befehle hört (was auch den Buchtitel erklärt).

„Tat er jemals nichts? […] Doch da im Radio redeten sie ja nicht davon, sondern von irgendwas mit Kreativität und so Zeug, das er – Leute wie er, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten, für die die Gesellschaft seit jeher nur Spott und seit einer Weile auch noch Kritik übrig hatte, weil sie angeblich die Natur zerstörten oder das Klima oder was – sich nicht leisten konnte.“

Als er durch eine Nebentätigkeit in der Dorfschule die Künstlerin Katja kennenlernt, die ein Aufenthaltsstipendium im Ort hat, ist sie ehrlich interessiert an ihm und seiner Arbeit in der Landwirtschaft. Als er ihr schließlich den Hof zeigt, beschließen beide, dass sie ein Praktikum von vierzehn Tagen bei ihm machen kann. Die Arbeit scheint ihr wider Jakobs Erwarten gut zu gefallen und auch gut zu gelingen. Sie verlängern die Zeit und Katja bringt sofort eigene Vorschläge und Ideen zur Verbesserung mit ein. Sie gibt ihre künstlerische Tätigkeit ganz auf und zieht auf den Hof. Aus beiden wird schließlich ein Paar. Die treibende Kraft geht in fast allem von Katja aus. So auch die Idee, die Landwirtschaft vollkommen auf biologischen Anbau und Tierhaltung umzustellen. Jakob bleibt in allem, zumindest in meinem Gefühl als Leserin, sehr distanziert, mitunter kühl. Gefühle, Emotionen scheinen im äußerst fremd zu sein, Gespräche führen außerhalb des Kontexts der Arbeit kaum möglich. Selbst wenn gute Dinge passieren – ein gutes Ernteergebnis, ein schöner Abend mit Katja oder sogar die Geburt des Sohnes – scheint er es einfach als gegeben hinzunehmen.

Der Hof entwickelt sich sehr gut, Katja bleibt nach der Geburt des Kindes weiter gut eingebunden, kann sich später sogar über ein Kunst-Aufenthalts-Stipendium freuen. Der Leser vermutet richtig, wenn er darin erkennt, dass Katja durchaus weiter als Künstlerin arbeiten will, sozusagen einen Plan B im Hinterkopf hat.  So, als würde sie sich Jakobs nie sicher sein. Was letztlich auch stimmt …

Katja bereitet ein großes Fest vor, weil der Hof aufgrund seiner Innovationen geehrt werden soll, viele Gäste sind da, das regionale Fernsehen berichtet. Alles könnte gut sein. Doch als der neue Hund, der lange in der Familie von Jakobs Bruder gelebt hat, wie der Vorgänger zu wildern beginnt, scheint in Jakob etwas ausgelöst zu werden, etwas Böses, Ungehaltenes, vielleicht lange Angestautes, durch Kleinigkeiten (die wir Leser durchaus wahrnehmen) Geschürtes, das sich nun Bahn bricht … Klingt in meinen Worten pathetischer als es ist, dazu schreibt und konstruiert Kaiser-Mühlecker viel zu gut.

„Vor langer Zeit, am Ende der Kindheit, mit zwölf oder dreizehn, war etwas über ihn gekommen, das ihn nie mehr verlassen hatte seither, das Gefühl, aus dem Dasein verbannt worden zu sein, aber nicht ins Jenseits oder ins Nichts, sondern wie in ein Abseits, in dem er aber nicht wirklich weiterleben durfte. Am Fenster des Daseins: Dort saß er und wartete. So hatte er sich da auf einmal gefühlt, ausgestoßen … Ein Schatten hatte sich damals über ihn gelegt, von dem er nach bald zehn Jahren längst nicht mehr annahm, er werde je wieder weichen.“

Generell liegt über dem Roman eine verschwimmende Düsternis, so als wäre die Hauptfigur nicht fähig, das Licht zu sehen. Melancholisch bis todessehnsüchtig (bedenkt man die erste Szene), aber auch auf eine Weise gleichgültig ob aller möglichen bewegenden Geschehnisse. Ein irgendwie geheimnisvoller, aber eben auch un(be)greifbarer Held. Für diesen neuen Roman: Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag und stand im Monat Mai auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Reinhard Kaiser-Mühlecker hier auf dem Blog:

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald S.Fischer Verlag

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Zeichnungen S. Fischer Verlag

Jon Fosse: Ich ist ein anderer Rowohlt Verlag

20220119_0051298670325838147554938

„Je est un autre.“ Arthur Rimbaud

Der zweite Band „Ich ist ein anderer“ (nach obigem Zitat von Rimbaud) von Jon Fosses Heptalogie schließt nahtlos an Der andere Name an, genau wie die Coverbilder (siehe oben). Als großer Fosse-Fan habe ich schon darauf gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht. Fosses unverwechselbare Sprache klingt für mich immer wie Poesie und führt mich in eine ganz andere Welt.

Das Buch beginnt mit genau den gleichen Zeilen, wie der erste Band und endet auch wie dieser: mit einem Gebet. Überhaupt spielt die Religiosität, der Glaube an Gott, wieder eine große, vielleicht sogar eine noch größere Rolle als in Band I. Es gibt fast keine Satzzeichen. Die Geschichte liest sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom und wird geprägt von den in einander übergehenden fließenden Zeitsprüngen. 
Wir begegnen wieder Asle, dem Maler, der in einem alten Bauernhaus auf dem Land mit Blick auf einen Fjord lebt. An diesem Wintertag schläft er besonders lang, denn er hat einen anstrengenden Tag in der Stadt Bergen verbracht (Fosse nennt sie Bjorgvin nach dem alten Namen). Auch sein kleiner Hund Brage schläft lang und beide wollen nicht in die winterkalte Küche, um Kaffee zu kochen. 

Bis der Nachbar in der Tür steht, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es ist die Adventszeit und er will wie üblich ein Gemälde als Geschenk für seine Schwester aussuchen. Asle steht auf und er entschließt sich noch am selben Tag erneut nach Bjorgvin zu fahren, um seine fertigen Bilder in die Galerie Beyer zu bringen für die jährlich vor Weihnachten stattfindende Ausstellung. Während der langen Fahrt auf der schneeglatten Straße beginnt Asle sich zu erinnern. Er denkt an den Jungen, der er einmal war, der mit seiner Mutter nicht zurechtkam. An die Teenagerzeit, als er sich von seinem naturgetreuen Zeichnen trennt und Bilder malt, die keiner versteht, die eben nicht „schön“ sind. Es sind innere Bilder, die sich ihm aufdrängen und gemalt werden müssen, denn sonst wird der Kopf immer voller und wirrer. Oft spielt Erlebtes eine Rolle, wie etwa der tragische frühe Tod der kleinen Schwester.

“ …und jetzt, denkt er, will er keine Bilder nach Fotos malen, von Haus und Hof, ja jetzt will er die Bilder wegmalen, die in seinem Kopf sind, aber er will sie nicht so malen, wie er sie sieht in seinem Kopf drin, denn etwas wie ein Leiden, wie ein Schmerz knüpft sich an jedes einzelne Bild, denkt er, aber auch eine Art Frieden, ja auch das, …“

Er wechselt auf das Gymnasium im nächstgrößeren Ort, um später die Kunsthochschule besuchen zu können. Vorher stellt er seine Bilder im örtlichen Jugendklub aus und hat großes Glück, dass ihn sein späterer Galerist dort auf der Durchreise entdeckt und ihm einige Bilder abkauft. Asle ist sehr froh darüber, so früh von zu Hause ausziehen zu können. Doch der Unterricht ist nichts für ihn. Ängste verfolgen ihn. Durch einen befreundeten Maler (Asle, sein Alter Ego) erfährt er von der Möglichkeit als besonders Begabter sofort auf der Kunstschule aufgenommen zu werden. Tatsächlich gelingt es ihm. Als er sich in Bjorgvin ein Zimmer ansehen will, trifft er in einem Café auf Ales, die ihn in ihren Blick bannt, ihn schließlich selbstbewusst anspricht und beide stellen fest, dass sie wohl gemeinsam zur Kunsthochschule gehen werden …

Ales kennen wir bereits aus dem ersten Band. Sie ist Asles Frau, die gestorben ist und um die er immer noch trauert, wenngleich er noch immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr hat. Oft scheint sie neben ihm im Sessel zu sitzen, wenn er an seinem angestammten Platz über den Fjord schaut oder den Rosenkranz nimmt, um zu beten. Die Nähe zu Gott und das Beten hat sie ihm nahe gebracht. Er, der lange Zeit dem Alkohol verfallen war, hat durch sie und den Glauben geschafft davon los zu kommen.

“ … und ein Bild muss geschehen, es muss von selber kommen, wie ein Geschehnis, wie ein Geschenk, ja ein gutes Bild ist ein Geschenk, oder eine Art Gebet, es ist sowohl Geschenk als auch ein Dankgebet, denke ich und ich hätte nie willentlich ein gutes Bild zustande bringen können, denn Kunst geschieht, Kunst ereignet sich, so ist es einfach, …“

Was neu ist, sind die Gedanken, die immer wieder aufkommen: Asle mag nicht mehr malen. Es scheint, als hätte er alles aus sich herausgemalt, was zu malen war. Noch sind diese Gedanken selten, nehmen jedoch immer mehr Raum ein. Vielleicht hat er das Alter erreicht, um damit aufzuhören? Doch was kommt dann?

Und immer wieder die besondere Sprache, dieser typische Fosse-Sound. Die ewigen Wiederholungen, litaneihaft, besonders in den wenigen Gesprächen die der Held führt. Wiederholen und bestätigen gegen die Wortkargheit. Gespräche fallen ihm schwer. Dafür erleben wir die reichen inneren Selbstgespräche, die Gedankenwelt, die Art an Dinge, etwa an das Malen, heran zu gehen, die vielleicht auch von der abgeschiedenen Lebensart herrühren, die der Held jedoch um keinen Preis aufgeben würde. Und ich kann ihn gut verstehen …
Fosses Buch zeugt wieder von einer tiefen Spiritualität und von der Hingabe an die Kunst, die vielleicht nur auf diese Weise entstehen kann: der Maler (oder die Künstlerin, Autorin) als Medium. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde wieder vom großen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Norwegischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Buch ist auch unabhängig vom ersten Teil gut lesbar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es in de FAZ.

Weitere Bücher von Jon Fosse, die ich hier auf dem Blog besprochen habe:

Andrea Scrima: Kreisläufe Literaturverlag Droschl

20210726_1534011779260863718827723.jpg

„Wenn wir nur die Vergangenheit hinter uns bringen könnten und mit ihr die Fehler der Menschen, die uns erschaffen und dann beinah gebrochen haben, könnten wir glücklich sein.“

Es ist der zweite Roman der 1960 in New York geborenen und in Berlin lebenden Künstlerin Andrea Scrima. Nach Wie viele Tage , das mir sehr gefiel, lese ich nun „Kreisläufe“ und finde eine Art Ergänzung zum vorigen Roman vor. Ebenso wie zuvor ist es vor allem auch die Sprache, der Ausdruck innerer Vorgänge und Reflexionen, die Komplexität und die Vielschichtigkeit, die mir das Buch zu etwas Besonderem machen. Ging es zuvor vorrangig um die Lebenswege und Verortungen in der Vergangenheit und Gegenwart, wird nun einerseits die Beziehung zur Mutter und zum Vater thematisiert, aber auch die zum Lebensgefährten.

„Berlin war eine ganz eigene Variante von Nirgendwo; ich hatte meinen Platz unter den Außenseitern und Ausreißern der Stadt gefunden […] Ich redete mir ein, geblieben zu sein, um abseits des Kunstmarkts arbeiten zu können, in Wirklichkeit versteckte ich mich vor etwas, aber das war mir damals nicht bewusst.“

Die Künstlerin Felice lebt in Berlin und hat ihre erste Einzelausstellung in New York, ihrer Heimatstadt. Sie verbindet den Anlass ihrer Reise mit dem Besuch bei der Mutter. Der Vater ist bereits tot, die drei Geschwister an unterschiedlichen Lebensorten angekommen. Sobald sie das Haus betritt, umfängt sie die düstere Atmosphäre der Kindheit. Sie beschreibt gleich eingangs ganz wunderbar, was mit ihr passiert: Sie öffnet den Küchenschrank und findet Büchsen von Nahrungsmitteln vor, eine fällt ihr direkt entgegen. Und nun öffnet sich sinnbildlich eine nach der anderen, jede enthält Erinnerungen, die meisten davon sind keine schönen. Nach und nach und in vielen Zeitsprüngen gelangen wir tiefer in die Familie der Heldin. Anhand von einzelnen Ereignissen, zeigt sich das Bild immer deutlicher, das Bild einer dysfunktionalen Familie. Zwischen der unberechenbaren, manipulierenden Mutter und der Tochter herrscht ein gespanntes Verhältnis, das beide wie eine unsichtbare Mauer voneinander trennt. Jeder Versuch der Aussprache seitens der Tochter ist zum Scheitern verurteilt. Über eine Art Smalltalk geht es nie hinaus, die Mutter blockt, wo die Tochter sich Erklärungen und Anerkennung wünscht. Tatsächlich blitzt die Anerkennung dann einmal kurz hervor, als die Mutter, die Schwester und eine Nachbarin die Ausstellung Felices in der Galerie besuchen, obwohl es womöglich eher darum geht, diese mit dem Berühmtsein der Künstler-Tochter zu beeindrucken.

Zwischendurch erinnert sich Felice an die Zeit, als sie von zuhause auszog, an die Beziehung mit einem Mitstudenten, an die konzentrierte Atelierarbeit während des Studiums, diese magische Zeit, die immer auch mit Geldmangel verbunden war, aber auch ihr Schwangerschaftsabbruch wird thematisiert. Auch später beim Studium in Berlin öffnen sich manche Türen und Felice hat mehrere Ausstellungen an verschiedenen Orten Deutschlands.

„Meine Familie hatte mich aus der Bahn geworfen. Uns alle hatten unsere Familien aus der Bahn geworfen – Bobby, Rick, Sunny und mich – und die Kunst war unser Versuch wieder eine Ordnung herzustellen.“

Im zweiten Teil rückt der Vater in den Vordergrund, dessen Tagebuchkalender Felice nach dem Tod des Vaters findet und mit zurück nach Berlin nimmt. Sie entdeckt, dass der Vater an Depressionen litt und Psychopharmaka nahm, dass er fortweg arbeitete, um die 6-köpfige Familie zu ernähren. Ich spüre hier eine besondere Zuneigung der Tochter zum Vater; das Verhältnis scheint ein viel innigeres gewesen zu sein, als zur Mutter. Jeder Tagebucheintrag weckt Erinnerungen und ruft Bilder hervor; doch manches bleibt für immer im Dunklen. Scrima schreibt sich hier an den Tagebucheinträgen entlang, die meist nur aus kurzen Stichworten bestehen und auch keine spektakulären Ereignisse aufzeigen. Oft geht es um die Arbeit, manchmal ums Wetter oder neue Anschaffungen. Diese Art des Schreiben ist anders, als der erste Teil, der für mich persönlich ausdrucksstärker wirkte, weil sich die Sprache mehr ausdehnen darf. Auch Träume und ihre möglichen Deutungsvarianten spielen durchweg eine Rolle.

In beiden Teilen liegt auch immer wieder der Fokus auf der Partnerschaft mit Michael. Michael ist in der DDR aufgewachsen und wegen zu viel Widerstand und Eigenwillen gegen das System in einen Jugendwerkhof und in Haft gebracht worden. Die Geschehnisse haben in extrem traumatisiert, so dass er nach dem Fall der Mauer zunächst begeistert die neu gewonnene Freiheit nutzt, bald jedoch von der Vergangenheit wieder eingeholt wird und aus mangelndem Vertrauen immer mehr auf Rückzug geht. Auch Felice gegenüber. Gespräche sind kaum möglich. Scrima beschreibt hier sehr klar und eindringlich, wie stark die Veränderungen durch den Fall der Mauer, die Menschen, die in viel zu kurzer Zeit in einer vollständig anderen Staatsform leben sollten, verunsicherte und teils komplett aus der Bahn warf.

„Ich würde ihm (Anmerkung: dem Vater) erzählen, wie mit der Wiedervereinigung eine einzige entzweigerissene Psyche, deren eine Hälfte ihre schlimmsten Ängste auf die andere projizierte, in eine deutsch-deutsche Romanze verfiel, in einen plötzlichen Rausch, der die verheerenden Schäden verleugnete, die das Verschmelzen der beiden grundsätzlich verschiedenen Staaten an den Menschen der früheren DDR anrichtete, deren Land sich mit einer schwindelerregenden Plötzlichkeit in Luft aufgelöst hatte, mit allem, wofür es einst gestanden hatte.“

Die beiden bekommen einen Sohn und trotzdem bestreitet Felice fast allein den Lebensunterhalt mit Übersetzungen. Die Kunst bleibt dabei auf der Strecke. Erst mit der Trennung beginnt ein neues Kapitel, mit dem auch Sohn Max im Text in den Mittelpunkt rückt.

Der Roman ist sprachlich so gekonnt und formell so gut gelungen, dass ich einfach nur beeindruckt bin, wie die Autorin Erinnerungen so aufbereitet, dass sie literarisch leuchten. Dennoch hat mich die Geschichte, obwohl sie mich tief berührt, zeitweise ziemlich mitgenommen, da ich so einige Übereinstimmungen zu meinem eigenen Leben fand. Wenn Literatur so tief auf mich wirkt, ist das für mich doch immer ein großer Gewinn. Besonders intensiv und wunderschön zu lesen, fand ich die Sequenzen, in denen fast nichts passiert, die nur einen Augenblick einfangen, eine Betrachtung, eine Empfindung und diese dann durch Nachdenken und Nachspüren ausdehnen und ins Literarische überführen. Ein Leuchten!

„Kreisläufe“ erschien im Literaturverlag Droschl. Aus dem Amerikanischen übersetzt hat es Andrea Scrima selbst zusammen mit Christian von der Goltz. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Julia May Jonas: Vladimir Hörbuch Random House Audio

20220328_1546144753508399110113864

9 Stunden, 8 Minuten, 8 CDs. Ungekürzte Lesung. Wenn ich mich schwer aufs Lesen konzentrieren kann, klappt meistens das Hörbuchhören. Dabei ziehe ich Lesungen Hörspielen vor. Ausschlaggebend mich auf dieses Hörbuch einzulassen war tatsächlich, dass dieser Roman von der grandiosen Schauspielerin Martina Gedeck interpretiert wird. Von der Autorin Julia May Jonas hatte ich noch nie gehört. Die US-amerikanische Autorin, die Dramatikerin ist und in New York lebt, schrieb mit „Vladimir“ ihren ersten Roman.

Es geht um eine namenlose Literaturprofessorin Ende 50, deren Ehemann John, ebenfalls Professor, an seiner Universität in Verruf gerät bezüglich seiner sexuellen Beziehungen mit seinen Studentinnen. Er wird während der Untersuchung der Geschehnisse von der Uni suspendiert. Sie selbst versucht sich zu verorten, sie weiß nicht genau, wie sie sich dazu verhalten soll. Da die beiden schon immer eine offene Beziehung führten, will sie John nicht verurteilen. Denn auch sie hatte mehrere Affären im Laufe ihrer Beziehung. Gleichzeitig kommen von außen Stimmen, die ihr raten, sich zu trennen, die ihr passives Verhalten dazu nicht akzeptieren wollen, wie etwa einige ihrer Studentinnen und auch ihre Tochter. Gerade hier und immer wieder geht es um das Thema Älter werden und darum, dass traurigerweise ältere Frauen oft gar nicht mehr gesehen werden und häufig von der gesellschaftlichen Bühne verschwinden.

Im Fokus steht zeitweise auch die Tochter des Paars, Sidney. Sie ist Anwältin und ihre Freundin hat sich gerade von ihr getrennt hat. Sidney wohnt eine Zeit lang wieder zu Hause, meidet aber ihren Vater und wundert sich ihrer Mutter gegenüber, dass sie sich nicht von John trennen will. Auch am Campus spitzt sich die Lage einige Wochen vor der gerichtlichen Anhörung Johns zu. Kollegen führen ein Gespräch mit der Protagonistin, in dem sie ihr nahelegen, sie möge ihre Tätigkeit niederlegen. Sie sprechen für Studentinnen, die sich durch sie getriggert fühlen.

„Mit Trumps Präsidentschaft war die Illusion einer Welt, die man ihnen vom Fahrersitz des Mini-Vans aus gepredigt hatte, die Illusion alles würde sich stetig verbessern, und der lange Bogen der Geschichte sich in Richtung Gerechtigkeit krümmen auf den Kopf gestellt oder so ähnlich. Ich schüttelte meine hochtrabenden Gedanken ab, ich verstand die jungen Leute nicht und hatte keine Ahnung von ihrer Lebenswirklichkeit. Dass ich sie mochte, rechnete ich mir selbst hoch an. Auf Dinnerpartys verteidigte ich sie: „Die Kids sind in Ordnung“. Ich mochte ihren Aktionismus, ihre strenge Moral, ihr Gebrüll.“

Außerdem geht es um die Begegnung mit Vladimir, dem attraktiven 40jährigen Junior-Professor ihres Fachbereichs. Beide haben Romane geschrieben und über diese Gemeinsamkeit kommen sie sich näher. Während die Heldin durch die kurzen Begegnungen, durch sein Buch und nicht zuletzt durch ihre Fantasien und Tagträume angeregt wird, endlich wieder zu schreiben, hat Vladimir mit seiner Arbeit, mit seiner labilen Frau und der kleinen Tochter zu tun. Nach langer Zeit findet sich ein Termin für ein längeres Gespräch – die Heldin hat mehr im Sinn – ausgerechnet genau an dem Tag, an dem auch die Anhörung zu den Vorwürfen gegen John stattfindet. Ab hier läuft manches aus dem Ruder und wirkt geradezu grotesk. Im Ferienhaus, in das sie Vlad einlädt, entwickeln sich die Geschehnisse nämlich ganz anders als geplant und führen zu einem Ende, dass dann doch etwas unglaubwürdig, zumindest aber übertrieben anmutet.

Mir war die Sprache des Romans zeitweise zu pathetisch, manchmal bis ans Kitschige grenzend, gerade auch, wenn es um Sex geht. Hier passt die Freizügigkeit der Erzählweise nicht immer stimmig zum sprachlichen Gerüst. Glücklicherweise konnte Martina Gedeck das Manko durch ihre Stimme und glaubwürdige Interpretation dann wieder ausgleichen, zumal es auch um eine Frau ihres Alters geht, was sie womöglich auch bewegt hat, dem Roman ihre Stimme zu verleihen.

Außerdem kommen mir dann manche Aussagen, wie die folgenden, schon merkwürdig vor, wenn sich das Buch um Feminismus und Gleichberechtigung dreht. Es geht sehr viel um Äußerlichkeiten: wie man als Frau auf einen Mann wirkt, was man alles tun muss, um einem Mann zu gefallen, wie man einen Mann anhimmelt. Das hört sich für mich, gerade wenn es ins Klischeehafte rutscht, schon eher wenig nach weiblichem Selbstbewusstsein oder Unabhängigkeit an …

„Ich schenkte Vladimir doppelt so viel (Wein) ein wie mir, was er, weil er ein Mann war nicht bemerkte.“

oder

„Der Kellner trat an unseren Tisch und erkundigte sich nach unseren Dessertwünschen. Vlad wollte einen Cappuccino. Aber auf die Gefahr hin zu dominant zu erscheinen bestellte ich die Rechnung.“

Gut gefallen hat mir der Bezug zur und die Gespräche über Literatur, im Text teilweise mit konkreten Autoren und Buchtiteln verknüpft und die Handlung, die auch die Verhältnisse und Gepflogenheiten an einer modernen amerikanischen Universität spiegeln, der Campus als Schauplatz. Und die Veränderungen, die sich im Laufe der Jahre etablieren. Wir erleben, wie die frühere Feministinnen-Generation der 60/70er Jahre der neuen jungen, vollkommen anders denkenden gegenübersteht. In diesem Zusammenhang denkt die Heldin auch über die Kunst, den Kunstbegriff nach:

„Die Wahrheit lag außerhalb der moralischen Grenzen. Die Kunst wollte zu ihren eigenen Bedingungen angenommen oder abgelehnt werden. Die Kunst war nicht der Künstler. Waren das einfach nur Plattitüden, die ich unhinterfragt übernommen hatte? In letzter Zeit beschlichen mich immer öfter Zweifel. Sollten wir nur die Welt abbilden, in der wir leben wollten? Sollten wir gewissen Geschichten den Stempel „schädlich“ aufdrücken und das Publikum vor ihnen schützen? Trauten wir den Lesern nicht mehr zu, eine Geschichte zu lesen, ohne ihre Botschaft zu verinnerlichen?

Dass ich über 9 Stunden am Ball blieb bei diesem Hörbuch, spricht für seine Qualität.
Das Hörbuch erschien bei Random House Audio, das Buch beim Blessing Verlag. Übersetzt wurde der Roman von Eva Bonné. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hier die Autorin in einer kurzen Buchvorstellung:

Indiebookday 26. März – Meine Entdeckungen aus unabhängigen Verlagen

Alle Jahre wieder: Heute ist Indiebookday!

Ich habe ein Faible für die unabhängigen Verlage, weil sie große Arbeit leisten und häufig zu ungeahnten Entdeckungen und feiner Lesefreude führen! Am besten ist es, solche Schätze auch in unabhängigen Buchläden zu kaufen … dazu gibt es den Indiebookday!
Hier sind meine diesjährigen Empfehlungen: Dabei sind: Romane, Gedichtbände, Künstlerbücher, eine Graphic Novel, ein Krimi. Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz.

Durch klicken auf die Bilder findet sich der Link zu meiner jeweiligen Besprechung. Viel Spaß beim Stöbern!

Weitere Indiebuch-Tipps aus den letzten Jahren gibt es hier:

Cynthia Häfliger: Fremde Blicke Graphic Novel Kunstanstifter Verlag

20220130_1533313162441356142245600

Aus dem Kunstanstifter Verlag habe ich schon so einige schöne Bücher gelesen und bewundert. „Fremde Blicke“ von der 1994 geborenen Schweizerin Cynthia Häfliger führt uns in die Welt einer psychischen Erkrankung. Die Autorin und Illustratorin zeichnet beeindruckend und stimmig eine Welt, die von Realitätsverlust geprägt ist. Ich finde es gut und wichtig, dass sich die Literatur und die Kunst, auch gerade in dieser Form, mit Erkrankungen wie in diesem Fall einer Psychose beschäftigt. Das Thema Psychische Krankheit wird noch viel zu oft unterdrückt und die Betroffenen stigmatisiert. Da der Text sehr knapp gehalten ist, muss man genau schauen und lesen, um die Geschichte verfolgen zu können. Für Menschen, die sich mit der Thematik bereits befasst haben, ist es leichter. Für andere dennoch ein guter Einstieg.

In dieser Graphic Novel gibt es wenig Text, dafür umso tiefer wirkende Bilder. Sie sind immer dann besonders stark, wenn die Not der Hauptfigur am größten ist. Zuerst fällt mir auf, dass nirgends schwarz oder grau verwendet wird, wie es beispielsweise bei Illustrationen von Depressionen oft benutzt wird. Obwohl auch hier dunkle Phasen herrschen, werden sie sehr eigen und sehr stimmig interpretiert.  Sobald es im Verlauf der Geschichte schwieriger wird, werden auch die Farben „härter“, die Stiftspuren deutlich sichtbar. Vorherrschend sind die Farben Blau, Grün, Rot, Gelb in ihren Nuancen, durch Verwässerung oft farblich abgeschwächt bzw. verfeinert. Aus rein persönlichem Künstlerinteresse hätte mich noch interessiert, mit welchem Material die Bilder gemacht wurden, habe aber keine Angaben dazu gefunden. Ich vermute das vor allem Buntstift, Aquarell- und/oder Ölkreide verwendet wurde.

Die Geschichte wird, denke ich, aus Sicht der Schwester des Protagonisten Lars erzählt. Es beginnt mit einer ganz normalen Familie, Vater, Mutter, Tochter und Sohn. Die Kinder sind altersmäßig nicht so weit entfernt und verstehen sich gut. Lars ist wenig auffällig, bis er zum Studium von zuhause aus- und in eine andere Stadt zieht. Beim ersten Besuch zuhause, fällt den Eltern auf, dass Lars sich seltsam verhält und er sich beobachtet oder verfolgt fühlt. Nach kurzer Zeit zieht er deshalb auch wieder zu Hause ein. Doch auch hier geht es weiter, Lars will die Kaffeebohnen nicht für seinen Kaffee, sie könnten vergiftet sein, der Nachbar, der gegenüber Rasen mäht ist plötzlich böse. Wenn die Eltern versuchen zu verstehen und zu intervenieren, rastet Lars immer öfter aus. Die Schwester recherchiert die Symptome und zusammen mit den Eltern wird klar, dass Lars besser zum Arzt gehen müsste, um die Situation zu klären und um professionelle Hilfe zu bekommen. Als Lars das mitbekommt, verschwindet er.

Hier wird auch gut aufgezeigt, was das ganze mit der Familie macht. Alle sind unsicher, besorgt, können sich schlecht auf den Alltag konzentrieren, die Mutter sucht die Schuld bei sich. Lars taucht nach Tagen wieder auf, sieht aber für sich keinen Handlungsbedarf, da für ihn alles Realität ist, was er in seiner Psychose erlebt. Diese Diagnose erhält er schließlich in der Klinik, in die die Eltern ihn notgedrungen bringen. Über den Klinikaufenthalt und die Behandlung erfährt man nichts. Hier stehen auch wieder die Angehörigen im Fokus. Es braucht Wochen, bis Lars wieder den Kontakt nach draußen sucht und zuhause anruft. Beim ersten Besuch versucht er den Eltern und der Schwester zu vermitteln, was in ihm vorging. Doch das bleibt schwierig. Denn das ganze Ausmaß ist vermutlich nur zu verstehen, wenn man selbst in der Situation ist. Dennoch kommt die Familie wieder in einen stabileren Rhythmus, als Lars Wochen später nach Hause entlassen wird. Es bleibt schwierig, aber nicht unmöglich, dieses neue Zusammenleben …

Cynthia Häfliger ergänzt ihr Buch am Ende mit Adressen, bei denen man Hilfe holen kann, wenn man selbst oder als Angehöriger von dieser Krankheit betroffen ist. Das finde ich eine richtig gute Idee. 

Das Buch erschien gerade im Kunstanstifter Verlag. Mehr darüber hier . Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Weitere Bücher aus dem tollen Verlag, die ich hier bereits besprochen habe:

Dobrot/Knausenberger, Chaumeny/Ehninger: Wenn ich Flügel hätte Kunstanstifter Verlag

Karen Minden / Marie Luise Kaschnitz: Eisbären Kunstanstifter Verlag

Lucia Jay von Seldeneck/Florian Weiß: Ich werde über diese Merkwürdigkeit noch etwas drucken lassen Kunstanstifter Verlag