Film – Kunst – Film: Final Portait von Stanley Tucci DVD 2017

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Wochen, ja Monate habe ich auf die in der Bibliothek vorbestellte DVD „Final Portrait“ gewartet. Zunächst Tage, dann Wochen hat Alberto Giacometti am Porträt des Schriftstellers James Lord gearbeitet. Viel Geduld brauchte ich und auch der Modellsitzende.
Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler.

 

Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. Obsessiv und chaotisch, kettenrauchend und dem Wein und den Frauen nicht abgeneigt. Frauen, neben seiner Ehefrau Annette, die ihn inspirieren und Modell sitzen. James Lord, der 1964 von Giacometti porträtiert wurde, wusste nicht worauf er sich da einließ: Er musste seine Abreise zurück in die USA verschieben, erst täglich, dann wöchentlich, weil Giacometti nicht fertig wurde, nie zufrieden war, mitunter komplett übermalt hat. Als Zuschauer litt ich selbst Qualen, wenn Giacometti mal wieder von vorne begann. Doch der Künstler hatte bereits anfangs angekündigt, dass es passieren könnte, dass das Porträt nie vollendet wäre. Tatsächlich ist es das letzte Porträt Giacomettis. Der 1901 geborene Künstler starb 1966 in der Schweiz.
Lord erlebt den Künstler in diversen Gefühlszuständen. Im wüsten Atelier, in dem unzählige angefangene Skulpturen der Vollendung harren, erlebt man den Meister ganz aus der Nähe. Wie er wütet, wie er Zeichnungen verbrennt oder schlecht gelaunt ist, weil die Geliebte verschwunden ist, wie er im Ehestreit mit Geldscheinen um sich wirft.

 

James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war.

Der Film lebt vor allem von der großartigen Schauspielkunst Geoffrey Rushs, der für seine Rolle in „Shine“ einen Oscar erhielt. Unzufrieden mit seinen Fähigkeiten, zweifelnd an der Arbeit, verwirrt und exzentrisch spielt er die Figur des Giacometti trefflich. Auch Sylvie Testud als Ehefrau passt stimmig. James Lord wird von Armie Hammer gespielt. Vorrangig in Grautönen ist der Film gehalten, wie auch das Atelier und die Gemälde des Künstlers. Von den gegossenen Bronzefiguren, die jeder kennt, ist im Atelier nichts zu sehen. Der Regisseur setzt kleine Farbakzente, wie etwa der gelbe Mantel von Ehefrau Annette oder das rote Cabrio, dass Giacometti seiner Geliebten schenkte. Tucci hat außerdem ein gutes Gefühl dafür, wie Stimmungen einzufangen sind. Für Giacometti-Fans ein Muss!

Der Film entstand 2017 und ist als DVD erhältlich. Mehr auf der offiziellen Filmseite:  http://finalportrait.prokino.de/
James Lords Biografie von Giacometti ist auch als Buch erhältlich.

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Andrea Scrima: Wie viele Tage Literaturverlag Droschl

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Die 1960 in New York geborene Andrea Scrima ist Künstlerin und lebte zeitweise abwechselnd in Berlin und in New York. Jedes der kurzen Kapitel ihres Debütromans öffnet sie mit der Örtlichkeit, an der sie sich befindet: Ihre jeweiligen Wohnungen oder Ateliers in beiden Städten. Es sind sehr persönliche Notate, fast tagebuchähnlich. Und in der Tat meint man erst einmal nur von Äußerlichkeiten zu hören. Doch je eindringlicher man lauscht, desto mehr öffnen sich die Texte.

„Jeder in seiner eigenen Welt, seinem eigenen persönlichen Universum, all diese imaginären Räume und Landschaften, die in den Köpfen der Leute existieren, koexistieren, kollidieren.“

Oft sind es Kleinigkeiten, die dem Text die Stimmung geben. Scrima hat einen übergroßen Wahrnehmungssinn, ein Bewusstsein für Alltagsmuster. Sie ist eine Zweiflerin, eine Gedankenspinnerin im besten Sinne. Sie erzählt auch von nichts geringerem als der Zeit, dem Vergangenen, Gegenwärtigen und dem Zukünftigen. Immer wieder kommt gebetsmühlenartig der Satz: doch das kam später … Der Satz taucht immer wieder auf, kaum hat man ihn vergessen, ist er doch wieder da. Man wundert sich erst, was das soll, doch wird er schließlich zum roten Faden, der die Geschichte trägt.

„Wie viele Tage verbringe ich regungslos, warte, dass diese wirbelnden Gedankenfetzen sich langsam auf dem Boden des Glases absetzen, voller Angst, mich zu rühren, Angst den Tumult wieder aufzuwühlen, und jeder Gedanke enthält seine Widerlegung, jede Einsicht trägt die Spuren ihres Gegenteils.“

Scrima erhielt ein Arbeitsstipendium für Deutschland und landet in Berlin. Für mich ist sehr interessant, dass die Autorin zeitweise im selben Kiez in Kreuzberg lebte, wie ich heute. Und wenn es dann heißt,

„Und Frau Chran erzählte manchmal von den Leichenbergen auf dem Marheinekeplatz gegen Ende des Krieges, wo große Schirme die Tische des Restaurants vor der Sonne schützen und Kastanienbäume ihre weiten Schatten über den Spielplatz werfen, …“

dann weiß ich genau, wo sich alles abspielte, damals wie heute. Scrima erzählt aus dem Berlin der 80/90er Jahre. Fidicinstraße und Eisenbahnstraße in Kreuzberg sind die Stationen der Künstlerin.

Ein großer Teil der Kapitel spielt in New York, wo es drei Adressen gibt, aus denen erzählt wird, jeweils zur entsprechenden Lebensphase: Bedford Avenue, Kent Avenue und Ninth Street. Die Autorin bewegt sich impulsiv zwischen den Zeiten. Gedankensprünge erfordern genaues Lesen und Kombinieren. Scrima schlüpft ab und an in die Kindheit. Manche Ereignisse haben sich so eingebrannt, dass sie Jahrzehnte später noch zu erfühlen sind. Sie erzählt von der ersten eigenen Wohn- und Atelier-Adresse. Hier zeigt sich das Glück der Freiheit, aber ebenso die Ausmaße der Armut eines Künstlerdaseins. Ich erfahre, dass die Künstlerin in Beziehungen lebt, dass Trennungen stattfinden und der Tod des Vaters. Manche Begegnung zeigt sich schemenhaft und nur über neue Namen, die Beziehung wird meist nur kurz angerissen.

Was währenddessen im Außen passiert, woran man erkennt, in welcher Zeit man sich befindet, wird ab und an durch Zeitungsausschnitte oder direktes Erleben, wie etwa die deutsch/deutsche Grenzöffnung in Berlin, angedeutet. Es erscheint mir aber letztlich weniger wichtig als die „innere Zeit“ der Protagonistin, die immer wieder an Grenzen kommt, an die Endlichkeit, ans Vergängliche stößt, welche sie auch in ihrer Kunst darzustellen weiß.

„… und frage mich, wie lange der letzte Moment  eines Lebens dauern kann, kann er sich bis ins Unendliche ausdehnen, frage ich mich, kann die Seele angehalten werden, schwebend gehalten in einer nie enden wollenden Phase des Übergangs.“

Das stete Hinterfragen und das gleichzeitige Staunen macht den Ton in diesem Buch. Scrimas Sprache ist eine oft sehr poetische, manches kurze, nur halbseitige Kapitel könnte ebenso ein Gedicht im Blocksatz sein. Hier verschwimmen die Grenzen und so wird aus Biografischem feinste Literatur. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im feinen österreichischen Literaturverlag Droschl. Übersetzt aus dem Amerikanischen wurde es von Barbara Jung. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Lars Saabye Christensen: Magnet btb Verlag

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„Was wäre, wenn man eine umgedrehte Erinnerung hätte und sich an das erinnern könnte, was noch geschehen sollte?“

Lars Saabye Christensens neuer Roman hat 950 Seiten. Keine davon ist verzichtbar. Ihn zu lesen bedeutet Eintauchen, die Zeit vergessen, obgleich der norwegische Autor vor allem über die Zeit schreibt. Anhand des Hauptprotagonisten, der Fotograf ist, lässt sich das besonders gut aufzeigen. Fotografieren ist Zeit stoppen, festhalten, der Moment der Vergangenheit, der hernach beim Betrachten in der Gegenwart geschieht, die Erinnerung daran, die womöglich ganz anders war. Überhaupt erfahre ich hier viel über Fotografie, eine Faszination, die auch den gesamten Roman mit trägt.

Jokum Jokumsen, 22 Jahre alt und Student der Literaturwissenschaft, misst über 2 Meter. Dass er mit dieser Größe geschlagen ist, macht ihm immer wieder zu schaffen. Erst als seine Zimmernachbarin im Studentenwohnheim, Synne, zwei Jahre älter, Kunstgeschichte studierend, ihm erzählt, dass er Giacomettis „Der Schreitende“ ähnelt, den sie sehr mag, ist er eine Weile damit versöhnt. Denn er ist verliebt in Synne.

Das ist der Anfang. Wir sind im Oslo der 70er Jahre. Christensen weiß diese Zeit atmosphärisch dicht darzustellen: Jokum, der sich mit Kafkas „Prozeß“ herumschlägt, Jazz statt Rock mag und unter seiner Größe leidet, auch körperlich, die Proportionen stimmen nicht. Nebenan die schöne Synne, die heimlich im Wohnheim den Hamster Hubert hält. Tatsächlich kommen die beiden im ersten Teil des Buches zusammen. Was mich wirklich irritiert, ist, dass dieses Paar imgrunde überhaupt nicht zueinander passt und trotzdem lange miteinander lebt. Jokum ist der Träumer, der Kreative, der begabte Fotograf, der Synne abgöttisch liebt, ja, der sich von ihr bevormunden lässt, bis mir als Leserin, die Wut hochsteigt auf diese Frau. Ist es womöglich wirklich so, dass einer in einer Beziehung immer mehr liebt? Von Synne gibt es jedenfalls kaum Zeichen der Liebe, eher starke Launenhaftigkeit gepaart mit Sarkasmus. Sympathisch ist sie mir als Leserin nicht. Blickt man auf ihr chaotisches Elternhaus zurück, kommt vielleicht etwas Verständnis auf. Jokum hingegen kommt aus einem intakten Elternhaus. Sein Vater kommt ursprünglich aus Dänemark und schwärmt für den Karikaturisten Storm P., der im Roman immer wieder auftauchen wird, ebenso wie der Magnet, der auch vom Vater kommt.

Zeitsprung/Ortswechsel: Nach einem kurzen Zwischenspiel in Dänemark, leben die beiden nun in San Francisco, sind verheiratet. Synne schreibt ihre Doktorarbeit, Jokum fotografiert Dinge. Synne hat ein ganz anders Tempo als Jokum. Sie treibt ihn an, verhilft ihm zur ersten Ausstellung und sagt ihm, was zu tun ist, legt ihm die Worte für Interviews vor und er macht alles mit. Sie ist letztlich eher seine Managerin als seine Frau und führt ihn zum Erfolg. Doch ist das noch er selbst?

Er hatte Dinge verschoben. Er hatte sie zurechtgelegt. Das Foto vom Zimmer des Matrosen war nicht echt. Das machte Jokum zu dem Künstler, der er nicht sein wollte. Er wollte nur einer sein, der zufällig an einem Punkt vorbeikam, wo etwas ist. Und aus dem, was ist, sollten die Bilder entstehen und durch sie bestehen.“

Die Jahre vergehen. Jokum wird berühmt, gibt Interviews, sogar für das heimische norwegische Fernsehen. Das MOMA kauft Fotos an und man lädt ihn ein zur Biennale in Venedig. Doch Jokum wird das alles mehr und mehr zuviel. Er hört auf mit dem Fotografieren. Nachdem ein Fotozyklus über Synnes Schwangerschaft ausgestellt wird, sie das Kind aber verlieren, entsteht eine immer tiefere Kluft zwischen beiden, es kommt zur Trennung. Einmal noch sehen sie sich, als Synne sehr krank wird …

„Es müsste eine Probezeit geben für alle, die sich verändern wollten. Man sollte eine Frist bekommen, den Entschluss wieder rückgängig machen zu dürfen, wenn es einem nicht gefiel, wie man geworden war.“

In den letzten Kapiteln geht es etwas verwirrend zu und doch durchdringt man letztlich die feinen Gewebe der verschlungenen Lebenswege des Paares. Und immer bleibt alles in Bewegung, wenn man es nicht fotografisch festhält. Denn Erinnerungen trügen und jeder hat seine eigenen…

„Ließ das Alter womöglich alles zur Komödie werden? Sollte das, was in der Jugend als Tragödie dastand, mit den Jahren einer Farce ähneln?“

Zwischendurch gibt es Kapitel, die aus gänzlich anderer Perspektive berichten, und zwar zunächst aus einem Heim? einer Anstalt? einer Klinik?, genau weiß man es noch nicht. Dort erzählt einer, der Jokum und Synne aus Studentenzeiten in Oslo kannte, und der offenbar dem Schreiben vollkommen verfallen ist. (Es ist gleichzeitig die Erzählerstimme). Er arbeitete endlose Jahre an seinem ersten Roman und ausgerechnet am Erstverkaufstag mit geplanter Release-Lesung bohren sich zwei Flugzeuge in New York in die Twin-Towers …

Christensen hat auch mit Magnet ein wunderbares Stück Literatur erschaffen, mit viel Witz und philosophischer Tiefe. So, wie ich es bereits vom lange zuvor erschienenen Roman „Der Halbbruder“ kenne. Der Autor ist ein König der Metaphern und ein Künstler der Konstruktion: Sprache und Inhalt als gelungene Komposition. Die Figuren sind lebendig beschrieben und besitzen alle eine gewisse Skurrilität. Man merkt an der Sprache auch, dass Christensen Lyriker ist. Warum der Roman Magnet heißt? Das ist Jokums Geheimnis … Magnetisches Leuchten!

Der Roman erschien im btb Verlag. Übersetzt hat ihn Christel Hildebrandt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Esther Kinsky: Hain Suhrkamp Verlag

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Esther Kinsky kenne ich bisher vor allem von ihren Übersetzungen aus dem Polnischen, Russischen und Englischen, obgleich sie schon einige Romane und auch Lyrik veröffentlicht hat. Zum Beispiel hat sie John Clares „Reise aus Essex“ übersetzt. Dass sie sich mit dem sogenannten „Nature Writing“ beschäftigt, merkt man auch im neuen Roman „Hain“. Kinskys „Geländeroman“ besteht in der Tat vor allem aus Beobachtungen und Beschreibungen im „Gelände“. Es sind Momente der Achtsamkeit und der Hingabe. Die Autorin zeichnet, trägt Farben auf, sie entdeckt die Bildhaftigkeit der Sprache und wandelt alles in Ausdruck.

„Wörter rollten in der Hand wie Murmeln, versehrte Glasmurmeln mit stumpfer, zerkratzter Oberfläche und winzigen Scharten, gescheuert an Sand, Erde, Beton, am Glas anderer Murmeln. Ein kleines Klicken, wenn sie aneinander stießen, ein Geräusch, in das der ganze Körper angespannt horchte, ob es zu einem Bild wurde.“

Jedenfalls ist es ein Trauer-Tagebuch. Die Protagonistin ist in einer Situation der Trauer um M. Das spürt man als Leser in den ganz kleinen erzählten, eigentlich fast aufgezählten Dingen. Die Protagonistin lebt in die Dinge hinein. Sie lässt sich treiben und ist gleichzeitig enorm aufnahmefähig für Atmosphärisches, erblickt in Alltäglichem Geheimes und erzählt uns davon. Die genauen Beschreibungen mögen manchem/r Leser*in zu viel werden. Mir nicht. Ich genieße diesen Blick, denn es ist ein Blick des wahrnehmenden Innehaltens. Des Durchatmens, der Langsamkeit, der Zeitlosigkeit. Anfangs in dem kleinen italienischen Ort Olevano, nahe Rom. Genau gegenüber der Unterkunft, auf der anderen Talseite liegt der kleine Friedhof, der zentraler Punkt ihres Blickes wird. Ein Ort, an dem sie mit ihrer Trauer richtig ist.

„Ich stand Stunden am Fenster wie in einer Glocke, die sich über mich gestülpt hatte und mich in die Kindheit versetzte, als ich mich nachmittags und abends oft unfähig fühlte, etwas anderes zu tun, als aus dem Fenster zu sehen.“

Kinsky erzählt weiter und wechselt die Richtung. Zwar bleiben wir in Italien, aber nun werden Kindheitserinnerungen aufgerollt, die Familienreisen, nach Chiavenna, nach Rom und zu den Grabstätten der Etrusker, in denen der Vater eine dominante Rolle spielt. Hier kommt Kinsky ab vom Beschreibenden, hier kommt erinnertes Erzählen. Hier sind wir dichter am Leben. Der Vater ist italophil, interessiert sich rege für die Kunst und die Sprache.

„Dieses langsame Buchstabieren an der Stadt Rom fiel in den Abschnitt des Heranwachsens, in dem ich – wie jedes Kind irgendwann – fast unvermittelt, von einem Zufall angestoßen, die Welt ohne mich erkannte.“

Von seinem Tod wird hier ebenfalls berichtet, von dem Verlust eines Vaters, der gegen Ende des Lebens so ganz anders war, als bei den Familienausflügen. Es ist ein seltsamer Nähe/Distanzwechsel zwischen Tochter und Vater, der nicht aufgelöst wird. Dennoch oder gerade darum führen die nächsten Reisen nach Ferrara und in die ehemaligen Salinen am Meer nach Comacchio, wo die eintönige Landschaft des Po-Deltas zahlreiche Vogelarten beheimatet und schließlich nach Ravenna, wo die Mosaiken an die kulturgeschichtlichen Ausführungen des Vaters erinnern.

„Manchmal ging er auch aus, aber nur kurz, zu seinen nachtlangen Abwesenheiten fehlte ihm in Rom wohl der Mut, oder er spürte die Kleinheit, die er sich an den Sehenswürdigkeiten zugezogen hatte.“

Kinsky ist auf den Spuren des Zerfalls und findet in Italien weitab der Touristenströme außerhalb der Saison im Herbst und Winter einen Raum, ihre ganz eigene Trauerlandschaft und ich mag diese Art an den Tod geliebter Menschen heranzugehen. Es ist vielleicht die beste Art mit den Toten zu kommunizieren, bis das Neue, das Alte ablöst.

„Todesnachrichten sind Scheren oder scharfe Messer, die den Film der Welt durchtrennen. Messer oder Schere – was schneidet glatter? Eine müßige Frage, die sich ohnehin erst Jahre nach dem Ereignis stellt, etwa bei nachträglichen Flickversuchen an dem durchtrennten Band.“

Ich habe diesen Roman in mein Herz geschlossen, vor Genuss sehr langsam gelesen. Es begann eigentlich schon mit dem Titel und der Covergestaltung. Und dann bin ich in Kinskys Sprache gefallen und habe mich aufgehoben gefühlt. Zudem haben mich diese Streifzüge durch italienische Landschaften an eigene unzählige Italienreisen erinnert. Sogar die Besuche auf Friedhöfen mit den vielen Plastikblumen, aber auch die der Etruskergräber sind mir geläufig. Ich freue mich sehr über einen Roman, der mit seinem Inhalt sicher nicht jeden Leser erreichen wird, manche ab- oder verschrecken lässt aufgrund der melancholischen Grundstimmung. Ich fühle mich in diesem Roman sehr wohl. Ein Wunder und ein Glück, dass der Roman für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert ist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein sehr ausführliches aktuelles Interview mit Esther Kinsky gibt es beim Deutschlandfunk .
Sie steht außerdem auf der SWR-Bestenliste im März auf Platz 1.
Eine weitere Besprechung findet sich auf Blog letteratura.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Nachtrag: 
Seltsam eigentlich, dass mich Kinskys Roman an den thematisch grundlegend anderen Roman „Wie hoch die Wasser steigen“ von Anja Kampmann erinnert, den ich kurz zuvor las. Doch bei genauerer Betrachtung haben beide Geschichten eine Hauptperson, die sich treiben lässt, verloren, irritiert und in Trauer. Und nicht zuletzt haben beide jeweils eine phantastische Sprache dafür gefunden.

Ursula Krechel: Stark und leise btb Verlag

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Ursula Krechel ist Lyrikerin und Romanautorin. Sie schreibt Gedichte, die ich sehr mag. Und sie schrieb den Roman „Landgericht“, der 2012 mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet wurde. Ihr neuestes Buch ist nun ein Sachbuch und ist es auch wieder nicht. Denn es sind literarische, sprachlich sehr schön gearbeitete Essays.

Krechel wählte Frauen, Künstlerinnen, über die es einiges zu sagen gibt und erzählt eindringlich Biografisches. In den Lebensbeschreibungen finden sich für mich ganz neue Anknüpfungspunkte. Dabei sind Frauen, die ich bisher nicht kannte oder aber Details über von mir geschätzte Künstlerinnen, die mich überraschten.

Die einzelnen Kapitel sind chronologisch geordnet, stellen die Protagonistinnen jeweils auch in den zeitlichen Zusammenhang und enthalten am Schluss Hinweise auf Werke und weiterführende Lektüre. Mit dabei sind unter anderem:

Caroline von Günderode, der Christa Wolf mit ihrer fiktiven Biografie „Kein Ort. Nirgends.“ ein starkes Denkmal gesetzt hat und die Ihrer Zeit weit voraus war.

Annette von Droste-Hülshoff, die einem mitunter durch Schullektüre (Die Judenbuche) verleidet wird, obgleich sie eine großartige Lyrikerin war:

“ Wär´ich ein Mann doch mindestens nur,
So würde der himmel mir raten;
Nun muss ich sitzen so fein und klar,
Gleich einem artigen Kinde,“

Ein etwas ausführlicheres Kapitel widmet sie den Frauen der zwanziger und dreißiger Jahren in Berlin und erläutert Zusammenhänge.
Da darf Vicky Baum (Menschen im Hotel) nicht fehlen und Ruth Landshoff-Yorck,

„im rücken bleicht mir das verlassene land
und blauer kummer trägt sich nicht so leicht
wie leichtes blau des himmels den ich ließ“

Irmgard Keun mit ihren wunderbaren Romanen wie etwa „Das kunstseidene Mädchen.
Hannah Höch, die mit ihren Collagen im DADA-Land mitmischte, Emmy Ball-Hennings, ebenfalls dem DADAismus verschrieben.

Dann Ingeborg Bachmann, die Dichterin, die die Gruppe 47 durchwirbelte und ewig zerrissen ihre wunderschönen Gedichte und kraftvollen Romane (Malina) schrieb.

„Es kommen härtere Tage.
Die auf Widerruf gestundete Zeit
wird sichtbar am Horizont.“

Was mich besonders freut:  die beiden zeitgenössischen Lyrikerinnen Friederike Mayröcker

„trinken
das Wehen der Luft/ noch/ sich sagen ich lebe noch
und jetzt und hier aber endlich
oder durch die blendende Bläue segelt die endliche
Schwalbe“

und Elke Erb.

„Das Aus hat (wie
der Laut sagt)
keinen Garten.“

Aber auch unbekanntere Namen wie: Elisabeth Langgässer, Irene Brin, Christa Reinig.

Pionierinnen heißt der Untertitel des Buches. Und mir scheint, das trifft es irgendwie sehr genau.

„Stark und leise“ von Ursula Krechel erschien im Hardcover beim Jung und Jung Verlag. Nun ist es auch als btb Taschenbuch erhältlich. Eine Leseprobe gibt es hier.

Naira Gelaschwili: Ich fahre nach Madrid Verbrecher Verlag

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„Vielleicht existiert in einem geheimen Raum des Weltalls eine Galerie oder Bibliothek, in der alle im Traum gemalten Bilder gesammelt werden könnten, und alle im Traum geschriebenen Gedichte und Erzählungen.“

Ich fahre nach Madrid, sagt der 47-jährige Sandro Litscheli aus Tbilissi. Seiner Geliebten erzählt er, er reise nach Kutaissi, wieder andere hören, dass er aufs Land fahre, da seine Mutter im Sterben liegt, andere meinen, er sei auf Dienstreise in Sochumi …

Dabei ist Sandro Litscheli nur überarbeitet, müde und resigniert und will seine Ruhe. So stiehlt er sich davon, 14 Tage weg aus Tbilissi, und besucht seinen alten Freund, der mittlerweile Chefarzt eines Krankenhauses ist. Tatsächlich freut sich dieser riesig und stellt ihm ein eigenes Zimmer direkt neben seinem Chefarztbüro zur Verfügung, wo er mit allem versorgt wird, doch nie belästigt in seinem Wunsch nach Einsamkeit. Des abends wird es zur Routine, dass der Chefarzt-Freund Sandro besucht, mit allerhand Leckereien. Dabei ist immer ein gutes Tröpfchen. Sie reden über alte Zeiten und genießen das Beisammensein.

„Die Klärung dieser Geschichte und die Erinnerung an diese Einzelheiten rührten ihr Herz, und der Pegel von Sarajischwili N2 näherte sich allmählich dem Flaschenboden.“

Nachts steht der Gast am Fenster mit Blick auf Mond und Sterne. Tagsüber geht er im großen Garten spazieren, malt und singt. Lieder in Spanisch, die er sich angeeignet hat, da er Spanien und die Stadt Madrid von fern aus so liebt.

„Stellen Sie sich mal vor, Sandro Litscheli wäre wirklich mit seinen herzergreifenden Liedern in einem fremden Land erschienen und hätte erklärt, wie sehr er dieses Land und diese Leute liebe, Grund- und selbstlos! Und er hätte dabei auch im Namen seines Landes gesprochen! Was für ein aufregendes Beispiel wäre das für alle Nationen und Länder!“

Pech hat Sandro allerdings, als sein Freund für zwei Tage dienstlich verreisen muss. Der Chefarzt beauftragt eine Krankenschwester, sich um ihn zu kümmern. Doch der kurz darauf eintreffende stellvertretende Arzt hat anderes im Sinn. Ab hier läuft alles aus dem Ruder. Was, wird aber nicht verraten …

Aus Georgien kommt diese einerseits witzige und doch auch traurige Geschichte und sie ist eine große Hommage an die Phantasie und die Freiheit des Denkens, auch und gerade in einem totalitären System. Denn in uns ist alles möglich, Reisen und Dichten und Singen und Malen. Selbst wenn es nicht nach außen dringen darf. Die Idee, dass es eine Wohltäterin, eine Verwalterin, der bloß in der Phantasie geschriebenen Werke und in Gedanken gemalten Bilder gibt, gefällt mir sehr. Dort geht nichts verloren. auch die nie gebaute Architektur, die nur im Traum komponierte Musik.

“ … , dass der Traum eine praktische Bedeutung hat und – wie heute sogar die
Kinder wissen – der ewige Herd aller möglichen Erfindungen und Innovationen ist, selbst im Bereich der exakten Wissenschaften, die eben durch das Träumen und
Phantasieren angeregt werden und nicht etwa durch pedantisch geregelte Köpfe!“

In Georgien ist Naira Gelschwili recht bekannt. Diese Geschichte schrieb sie 1982, sie wurde aber aufgrund der politischen Brisanz nicht gleich veröffentlicht. Über Freiheit und die Möglichkeiten anderer Länder zu schreiben, war nicht erwünscht. Im aufschlussreichen Nachwort von Verleger Jörg Sundermeier erfährt der Leser mehr über die Umstände und die Autorin selbst. Kleines Buch – großes Leuchten!

Die Novelle erschien im Verbrecher Verlag. Aus dem Georgischen übersetzt ist es von Lia Wittek und Mariam Baramidse. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Käthe Kollwitz: Ich sah die Welt mit liebevollen Blicken marixverlag

 

Vor 150 Jahren wurde Käthe Kollwitz geboren. Verschiedene Sonderausstellungen über sie und ihr Werk gab es hier in Berlin zu sehen. Ich war im Kollwitz-Museum in der Fasanenstraße. Hier sind viele ihrer Werke in sehr schönen Räumen platziert und gehängt.

 

Der marix Verlag hat zudem die Auszüge aus Tagebüchern und Erinnerungen, die der Sohn Hans bereits 1968 herausgegeben hatte, neu aufgelegt. Käthe Kollwitz begann erst im Alter von 41 Jahren Tagebuch zu schreiben, wohl um für sich die Geschehnisse zu sortieren und zu dokumentieren. Zwischen den einzelnen Einträgen gibt es lange Pausen. Hans Kollwitz erklärt mit einleitenden Worten, weshalb er keine chronologische sondern eine thematische Anordnung gewählt hat, was ich persönlich nicht so geschickt finde, weil so wichtige Zusammenhänge auseinander gerissen werden. Die Kapitel gliedern sich beginnend mit dem Thema Kindheit und Jugend in Bereiche wie Ehe, Mitmenschen, Mutterschaft, Über Kunst, Selbstkritisches etc. Zwischen den Kapiteln wurden Bilder von ihren Werken eingefügt, nach dem ersten Kapitel Familienfotos.

Der Leser erfährt über die enge Verbindung zur Schwester Lise, die Liebe zur Mutter, die Unterstützung des Vaters, der sie zur Künstlerin ausbilden lässt, die ersten Erfolge mit der Serie zu den „Webern“,  das Zusammenleben mit Ehemann Karl, der sie an ihrem Künstlerinnensein nicht hindert, den starken Einschnitt durch den Tod des jüngsten Sohnes Peter im Krieg (welcher die Idee eines Mahnmals gegen den Krieg entstehen lässt), die Verehrung Goethes, die Lektüre verschiedener Schriftsteller, die Ernennung zur Professorin in Berlin, die Juryarbeit für Ausstellungen (Kollwitz fand oft die Werke von Frauen nicht genügend, sollte aber generell die Frauen vertreten).

 

Was mir auffällt ist, dass die „private“ Käthe wesentlich liebevoller und wohlwollender wirkt, als die Künstlerin, die oft Härte und Strenge ausstrahlt. Vielleicht musste sie das auch, um sich gegen die überwiegend männliche Künstlerschaft durchzusetzen. Ebenso interessant ist, dass sie oft harsche Urteile über die Jungen, die nächste Künstlergeneration und deren Ideen äußerte.

Auch das Zeitgeschehen kommentierte sie in ihren Tagebüchern:

„Am Sonnabend, 1. Juli 1933
… In ganz Deutschland existiert nur noch die NSDAP. Es gibt keine Zeitung, die eine andere Meinung vertritt.
Gleichschaltung.
Unterdes lebt man und arbeitet. Ich bin an der plastischen Gruppe Mutter mit zwei Kindern. Ende September muß ich das Akademie-Atelier geräumt haben. Die Arbeit geht von der Hand.“

Kurze Zeit später ändert sich alles. Käthes Arbeiten werden als „Entartete Kunst“ gebrandmarkt. Sie darf nicht mehr ausstellen. Im April 1945 stirbt Käthe Kollwitz nahe Dresden, kurz vor der Kapitulation Deutschlands.

Dem Band ist eine Biographische Übersicht angehängt und auch eine Bibliographie. Er erschien im marix Verlag.

Markus Orths: Max Hanser Verlag

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„Ein Maler ist verloren, wenn er sich findet.“
                                                             Max Ernst

„Max“ heißt der neue Roman von Markus Orths und es geht um Max Ernst, den Graphiker, Maler und Bildhauer, den DADA-Max und den Surrealisten, der sich LopLop nannte, der Oberste der Vögel, einen der vielseitigsten Künstler seiner Zeit. Ich besitze einen umfangreichen Kunstband über eine Max Ernst-Retrospektive, den ich bei der Lektüre immer ergänzend zur Hand hatte. Man bekommt nämlich Lust nach den Bildbeschreibungen die Gemälde anzusehen.

Markus Orths hat mit „Max“ keine reine Biografie geschrieben. Vielmehr geht es um die Frauen in Ernsts Leben, die ihn spiegeln. Jeder der sechs Gefährtinnen widmet er ein eigenes Kapitel. Es tauchen auch Gala und Peggy Guggenheim auf, doch die wichtigen vier waren Lou Straus, Marie-Berthe Aurenche, Leonora Carrington und Dorothea Tanning. Sehr löblich, dass Orths die Frauen gleichberechtigt neben Max Ernst stellt: Er findet mit der verschiedenen Ausgestaltung seines Erzähltons für jede Frau eine eigene Stimme. Unverwechselbar beschreibt er die Charaktere und widmet den Frauen den eigenständigen Platz, den sie verdienen. Sie stehen hier nicht im Hintergrund, sondern zeigen sich mit ihrer eigenen künstlerischen weiblichen Kraft.

Lou ist die erste Frau Ernsts und aus dieser Ehe entstammt auch der Sohn Jimmy. Sie leben in Köln. Lou ist sehr selbständig, was ihr nach der Trennung von Max zugute kommt. Sie ist Kunsthistorikerin und arbeitet als Journalistin. Sie ist jüdischer Abstammung. Sehr lange kann sie sich vor den Deutschen verstecken. Doch sie stirbt letztlich in Auschwitz. Der erwachsene Sohn Jimmy lebte längst in den USA und konnte doch nicht die Einreise durchsetzen.

Paul Éluard und seine Frau Gala lernt Max im Kreis der Intellektuellen und Dadaisten in Paris kennen. Mit Gala wird Max eine Liebesaffäre haben. Paul wird sein bester Freund. Als er die wesentlich jüngere Marie-Berthe Aurenche kennen lernt, ist klar, sie werden ein Paar. 1927 heiraten sie. Doch Marie-Berthes Überspanntheit hält Max nicht lange aus.

Dann tritt die englische Malerin Leonora Carrington in sein Leben und die beiden finden sich in ihrer Kunst wieder und leben in einer für beide künstlerisch ergiebigen Zeit lange in Südfrankreich, bis die Nationalsozialisten an die Macht kommen und schließlich alle Deutschen in Frankreich inhaftiert werden sollen.

Max wird von Leonora getrennt. Diese verbringt lange Zeit in einer psychiatrischen Klinik in Spanien und wird später über ihre „Verrücktheit“ schreiben. Max gelingt nach einigen Lageraufenthalten mithilfe des berühmten Fluchthelfers Varian Fry und mit dem Geld von Peggy Guggenheim schließlich die Flucht in die USA. Mit Peggy hat er daraufhin eine kurze Liebesffäre. Leonora und er finden in der neuen Welt nicht mehr zusammen.

Leonora.
Dorothea.
Das klang wie ein gekipptes Echo.“

Doch dann lernt er die Malerin Dorothea Tanning kennen, mit der er auch bis ans Lebensende zusammenbleiben wird. Die beiden leben in der Wildnis Arizonas, bevor sie wieder nach Europa zurückkehren und sich in Frankreich niederlassen. Ein wenig zu kurz kommt die Zeit mit Dorothea im Buch. Vielleicht ist das aber auch der Zeit geschuldet, die vermutlich die ruhigste und am wenigsten aufregende, dafür die verbindlichste aller Beziehungen war.

„Wenn mein Bild nur fünf Menschen innehalten lässt, ja wenn es nur einen einzigen Menschen innehalten lässt, ist es nicht umsonst gewesen. Veränderung ist kein Flächenbrand, sondern das Aufflammen eines Streichholzes. Und Streichhölzer können wir entzünden. Die Künstler. Mühsam. Aber wirkungsvoller, als du denkst, Max.“

Orths ist es bestens gelungen anhand von Ernsts Lebensdaten eine literarische Biografie, ja eine Hommage an den facettenreichen Künstler zu schreiben, die auch sprachlich überzeugt. Eine Empfehlung an alle, die Max Ernsts Kunst mögen und einen lebendigen Roman einer sachlichen Biografie vorziehen. Von meiner Seite: Ein Leuchten!

Der Roman „Max“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein aufschlussreiches Interview mit Marcus Orths gibt es auf dem Blauen Sofa.

Ergänzend sehenswert ist auch der Film von Peter Schamoni „Max Ernst – mein Vagabundieren, meine Unruhe“: Trailer

Die Fotos sind dem Kunstband „Max Ernst Retrospektive“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen.

Nathalie Chaix: Liegender Akt in Blau Kunstanstifter Verlag

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Geahnt habe ich es ja schon, als wir im letzten Sommer im Büro von Kirchner Kommunikation einen kleinen Einblick in Christina Röckls Arbeit bekamen. Und hält man es in der Hand, ist es klar: „Liegender Akt in Blau“ ist in mehrfacher Hinsicht ein Kunstwerk.

„An René, am 20. Juli 1953

Jeanne kam auf uns zu, in ihrem überwältigenden
Ebenmaß, wir sind immer noch ganz hingerissen. Was
für eine Frau, die die Welt zum Erbeben betört,
was für ein Wohlklang im Gefüge der Dinge.“

… so schreibt der Maler Nicolas de Staël an seinen Freund, den Dichter René Char. Auf einer Italienreise mit Familie und Freunden ist auch Jeanne dabei. Sogleich entsteht eine starke Anziehung zwischen Nicolas und Jeanne.

Nicolas hat sich auf Empfehlung seines Freundes René mit seiner Familie aus Paris in die Sommerfrische eines kleinen Ortes in Südfrankreich zum Malen zurückgezogen. Die ebenfalls verheiratete Jeanne lebt mit ihrer Familie dort. Beide verlieben sich heftig in einander, sie treffen sich heimlich. Nicolas schickt seine Familie nach Paris zurück, die schwangere Françoise und die Kinder, behauptet er müsse arbeiten, dabei allein sein. Nun trifft er sich regelmäßig mit Jeanne. Sie sitzt ihm Modell. Es folgen Bilder: stehender Akt, liegender Akt …

Nicolas ist besessen von ihr. Sie zweifelt, denkt an ihre Familie und rückt von ihm ab. Er kauft ein Haus in ihrer Nähe. Sie treffen sich erneut. Die Freundschaft zu René droht wegen ihr zu zerbrechen. Er malt exzessiv ein Bild nach dem anderen, beginnt mehrere gleichzeitig. Mit seinen Bildern hat er Erfolg, sogar bis in die USA. Aus dem Gedächtnis malt er Jeanne wieder und wieder.

Sie kehrt zurück. Eine wilde körperliche Liaison, eine extreme Leidenschaft. Doch Nicolas will Jeanne gegen ihren Wunsch ganz vereinnahmen, sie soll alleine ihm gehören. Seine Familie, den neu geborenen Sohn, hat de Staël innerlich längst verlassen. Ein hin und her. Ein Gehen, ein bleiben. Ein Drama.

„Das Jahr 1954 geht zu Ende. Edle Einsamkeit.
Schmerzende Einsamkeit.
Der vor ihm ausgebreitete Horizont.
Die Leere.

Verrat des Lichts.“


Nicolas de Staël wurde 1914 in St. Petersburg geboren. Nach der Revolution, als er gerade acht Jahre war starben beide Eltern. Er lebte bei Freunden der Eltern in Brüssel und studierte dort später Malerei. Wie seine Mutter starb auch seine erste Frau an Krebs.
De Staël war zunächst ein Maler des Informel, bevor er abstrakt malte, brach dann allerdings wieder mit diesem Stil und wandte sich der figurativen Malerei zu. Seine vielen Reisen beeinflussten seine Malerei stark. In Kooperation mit dem Dichter René Char, der 1907 in Frankreich geboren wurde, arbeitete er an Illustrationen und Druckgraphik. Aufgrund einer existenziellen Schaffenskrise und schweren Depressionen wählt er 1955 den Freitod.

Dieses Buch ist kein Roman im herkömmlichen Sinne, auch keine Biographie. Es ist mal ein Gedankenbuch, mal ein Reisetagebuch, mal finden sich Briefe, mal nur skizzierte Bruchstücke, lyrische Verse, erotische Aufzeichnungen. Sprunghaft wird aus den verschiedenen Perspektiven der Protagonisten erzählt, oft hochpoetisch. Diese Form gefällt mir sehr gut. Ein wenig kräftezehrend (selbst als Leser) fand ich auf  Dauer das extreme Hin und Her dieser letztlich unglücklichen Liebesgeschichte, wenngleich gerade diese überragend illustriert ist. Für mich lebt die Geschichte vor allem durch die Farben. Die Farben, die sich dem Maler in der sonnen- und lichtdurchfluteten sommerlichen Provence zeigten, und den Farben die Christina Röckl, die Illustratorin des Buches diesen entgegensetzt. Schaut man sich Bilder von de Staël an, spürt man, wie sie in Röckls Arbeit mit eingeflossen sind und doch sind es ganz eigenwillige Neukreationen, die, separat betrachtet, eine ganz eigene Geschichte erzählen. So schafft sie es sogar einen Suizid tief und schön und tröstlich zu gestalten.

„Liegender Akt“ in Blau“ von der 1972 in Frankreich geborenen Nathalie Chaix ist im Kunstanstifter Verlag in feinster Ausstattung erschienen: auf hochwertigem Papier gedruckt, fadengeheftet, mit illustriertem Schutzumschlag, innen und außen. Die Übersetzung stammt von Lydia Dimitrow. Die Illustratorin Christina Röckl recherchierte für das Buch vor Ort in der Provence.
Von ihr gibt es ein weiteres tolles Buch in diesem Verlag: „Und dann platzt der Kopf“, das 2015 den deutschen Jugendliteraturpreis/Sachbuch erhielt. Es hinterfragt nichts geringeres als die menschliche Seele und ist mit faszinierenden Bildern illustriert.

Mehr Informationen über Buch und Verlag findet man hier.
Einen weiteren Beitrag findet man bei Zeichen & Zeiten.

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag

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Ein Mann besucht ein wenig widerwillig einen alten Freund, einen Künstler. Dieser erscheint ihm verwirrt, gar verrückt. Als Erklärung seines Zustands erhält er folgende Aufzeichnungen zu lesen:
Darin geht es um einen höchst sensiblen Menschen, dessen Dasein schon von Kindesbeinen an von Schwermut und Traurigkeit geprägt ist.. Eine Familie, die ganz und gar nicht versteht, was mit diesem Jungen bloß los ist, warum er nicht funktioniert. Die ganze Kindheit hindurch hatte man ihm seine Empfindsamkeit, seine Phantasie ausgetrieben und nach dem Collége waren dann auch die Reste jeglichen Eigensinns verloren. Fortan trudelt er verwirrt und planlos durchs Leben, bis er den Maler Lucien kennenlernt.

„Eines musst du dir bewusst machen: Eine Landschaft … eine Figur … ein beliebiger Gegenstand … all das existiert nicht an sich. Es existiert bloß in dir. Du stellst dir vor, daß es Bäume gibt, Ebenen, Flüsse, Meere. Weit gefehlt, mein Freund … Nichts von alldem gibt es, jedenfalls letztlich.“

Mirbeau legt den Maler Lucien nach dem Vorbild Vincent van Goghs an. Mirbeau war auch der einzige, der zeitlebens zwei Gemälde von van Gogh kaufte. Er selbst war Schriftsteller und eine schillernde, gleichzeitig kluge und kritische Gestalt der französischen „Belle Époque“. Eines seiner bekanntesten Bücher war „Tagebuch einer Kammerzofe“, eine Kritik an der Bourgeoisie, das von Jean Renoir und später von Luis Buñuel verfilmt wurde. Es lohnt sich Mirbeau neu zu entdecken.
Wenn van Gogh wirklich so klug und ganzheitlich dachte, wie Mirbeau ihn in dieser Geschichte schildert, war er in der Tat ein verkanntes Genie …

In „Diese verdammte Hand“ wird sich der Maler Lucien aus Selbstzweifel am Schluss seine „verdammte“ Hand absägen, die Hand die den Pinsel führt, die aber den neuzeitlichen Ideen und kreativen Ergüssen dieses eigensinnigen Künstlergehirns scheinbar nicht hinlänglich folgen will. So verblutet er in jener einzigen Nacht, die sein ergebener Freund, oben genannter Sensibler, durchschläft. Zuvor hatte er jede Nacht über ihn gewacht, aus Angst um ihn, der ihm immer verrückter und wahnhafter erschien und dessen Kunst auf ihn mehr als verstörend wirkte. Lucien hatte ihn zum Schreiben angeregt, doch was aus seiner Feder kommt, ist nicht genügend, viel zu vorhersehbar, wie ihm Lucien vorhält. Die Leidenschaft, die Lucien hat, fehlt ihm gänzlich. Er ist ein ängstlicher Mensch, in Liebesdingen vollkommen naiv, wie sich im Falle Fräulein Julias zeigt, und dennoch ein treuer Freund, der jegliche Eskapaden mitmacht, weil er sich sonst vollkommen verloren und einsam fühlt. Was aus ihm nach Luciens Tod wird, steht in den Sternen. Der Autor verrät es nicht …

„Ist Kunst wahrhaftig diese Qual, diese Hölle? Würde auch ich – der ich sie mir in meinen, erneut unsagbar wirren Träumen tatsächlich als eine solch große Linderung vorstellte, ein solches beispielloses und phantastisches und unendliches Paradies, in dem der Mensch nichts anderes erschafft als das Glück – in diesem fortwährenden Wehklagen leben, mit diesem vor Schmerz verzogenen Gesicht und diesem zuckenden Auge, welches der fahle Blitz des Wahnsinns getroffen hat?“

Das Buch erschien im Weidle Verlag in bekannt schöner Gestaltung, hinter der wie immer Friedrich Forssman steckt: Feinstes Papier, fadengeheftet. Papier und Schrift werden im Impressum genannt. Übersetzt wurde es von Eva Scharenberg. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort von Pierre Michel. Mehr über Verlag und Buch findet man hier.
Eine weitere Besprechung findet man bei Birgit von Sätze & Schätze.