Laura Freudenthaler: Geistergeschichte Literaturverlag Droschl

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Nach Erzählungen und dem fantastischen Debütroman „Die Königin schweigt“ ist nun Laura Freudenthalers neuer Roman da. Die Österreicherin schreibt in einer Sprache, durchdacht und oft zweideutig, dass es eine Freude ist. Es ist zu spüren, dass hier ein Text nicht einfach nur plotkonzentriert geschrieben wurde, sondern dass der Sprache Vorrang gewährt wird. Die Geschichte selbst kommt zunächst still daher, faltet sich Seite um Seite auf und zeigt sich. Anfangs erfahren wir wenig über die Hauptfigur Anne, nur dass sie Klavierlehrerin ist und sich auf ein Jahr Auszeit freut.

Anne ist Französin und lebt mit ihrem österreichischen Mann Thomas in Wien. Die beiden sind schon lange ein Paar. Vieles hat sich zur Routine entwickelt, ein Leben, sprichwörtlich aneinander vorbei oder nebeneinander her. Dass sich diese Erkenntnis und auch das Alter des Paares erst nach und nach erschlüsseln lässt, ist Freudenthalers Erzählweise zu verdanken. Sie steigt einfach in die Geschichte ein mit der Vorstellung die Leserin kenne das Paar.

„Was machst du denn? Er wusste, dass sie die Frage Wie geht’s? nicht mag, dieselbe verkürzte Formel wie im Französischen. Zutiefst unehrlich findet Anne es, eine solche Frage zu stellen, ohne sich der Antwort aussetzen zu wollen.“

Für Anne hat die Sprache eine besondere Bedeutung, da Deutsch für sie zunächst eine Fremdsprache ist. So hat sie sich die Sprache erarbeitet und entdeckt immer wieder Mehrdeutigkeiten. Anne ist Pianistin und ihre Sprache ist ebenso die Musik. Töne und Klänge spielen hier immer wieder eine Rolle. Und seit neuestem eben auch neue Geräusche in der Wohnung. Ein Flattern, ein Rascheln, ein Huschen. In Annes Vorstellung sind es die Geräusche des „Mädchens“. Anne vermutet schon lange, dass Thomas eine junge Geliebte hat.

„Ich wollte selber nachschauen, sagt das Mädchen, weil er mir nichts erzählt. Er schafft es, nichts zu sagen. Es muss einem doch das Herz übergehen. Thomas aber hat seine Kammern. Anne nannte sie Herzkammern. Auch wenn er ihr schon vor langer Zeit erklärt hat, es handle sich um einen medizinischen Begriff … „

Deshalb und auch sonst ändert sich Annes Leben in diesem freien Jahr. Weil ihr vom Kaffee zuhause schlecht wird, kann sie nurmehr im Kaffeehaus frühstücken und macht das zur Routine, ebenso wie ihre endlosen Spaziergänge durch die Stadt. Sie schafft es plötzlich nicht mehr Klavier zu spielen. Auch ihr geplantes Klavier-Lehrbuch schreibt sie nicht. Sie gibt sich vielmehr unkontrolliert inneren Impulsen hin.

„Jeden Tag setzt sie sich um vierzehn Uhr vor das Klavier. Jeden Tag verschiebt sich der Zeitpunkt, zu dem sie den Deckel öffnet, nach hinten. (…) Endlich heben die Hände den Deckel hoch. Anne betrachtet sie, hält die rechte und die linke nebeneinander über die Tasten. (…) Sie lässt die Hände sich auf die Tasten legen und richtet den Blick auf das Notenblatt. Die Hände bewegen sich nicht.“

Ihre einzigen Ansprechpartner sind ihre Mutter und eine Freundin. Mit ihr spricht sie auch über den Verdacht, dass Thomas eine Geliebte hat. Doch den Ratschlägen ihrer Freundin geht Anne nicht nach. Obwohl Thomas immer abwesender wird, entwickelt sie ihr ganz eigenes Konzept, damit umzugehen. Für die Leserin wirkt es mitunter, als würde Anne Stoff für einen Roman sammeln, wenn sie Notizen macht, wenn sie die Kassenbelege von Thomas sammelt und daraus Schlüsse zieht, wo Thomas mit dem „Mädchen“ essen war, wo sie gemeinsam übernachtet haben, wie sie vermeintlich sogar dessen Wohnung bei  einem ihrer Rundgänge findet und heimlich betritt.

Man weiß nie so ganz genau, was daran Annes Fantasie ist und was die Wirklichkeit – eine Geistergeschichte eben. Doch man folgt ihr gern, spürt mit ihr, wie es sich anfühlt, das Routine-Leben und der Ausbruch daraus. Und findet es bewundernswert, wie Anne ihre seltsame Art hat, die Dinge anzugehen. Was wird überdauern?

Sprachlich wundervoll und durchdringend passt sich der Text hinein in den tiefen Wortfluss der Autorin. Der Inhalt gleicht mitunter einem Träumen, einem Schweben außerhalb der Zeit. Ich bin be-geist-ert. Ein Leuchten!

Der Roman der Österreicherin Laura Freudenthaler erschien im Literaturverlag Droschl, einem meiner Herzensverlage. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Laura Freudenthaler: Die Königin schweigt Literaturverlag Droschl

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Welch ein schönes Buch! Immer und immer wieder entdecke ich in diesem unabhängigen österreichischen Verlag echte Leseperlen. Ein Hoch auf Droschl!
Wie schon vor einiger Zeit Friederike Gösweiner mit ihrem Debüt „Traurige Freiheit“ ist es nun der erste Roman der 1984 geborenen Österreicherin Laura Freudenthaler der mich mit seiner Konzentriertheit und seiner ruhigen so tiefgründigen Sprache erreicht. Man könnte sagen, es ist eine relativ unspektakuläre Geschichte, die hier erzählt wird, doch sie lebt auch von dem, was verschwiegen wird. Von Anfang an hat mich dieses Buch eingenommen. Freudenthalers Sprache schleicht sich langsam aber stetig in ihre Leser hinein, zunächst ist sie ein zartes Pflänzchen, doch im Verlauf der Geschichte wird sie kräftig und setzt Blüten an. Dazu braucht die Autorin keine modischen Tricks und Kniffe eines Creative-Writing-Seminars. Ihr Arrangement entspringt dem einfachen Leben, dem Alltäglichen und macht es zu großer Literatur.

„Erst als sie Schulmeisterin war wusste sie, dass es immer zwei Wirklichkeiten gab, eine vordergründige, über die laut gesprochen wurde, und eine Wirklichkeit hinter vorgehaltener Hand. Es gab die Ereignisse, die offiziell geschahen, und zugleich gingen immer auch Dinge vor sich, die unsichtbar waren.“

„Die Königin“, die schweigt, ist Fanny. Eine Frau, die immer aufrecht bleibt, vieles für sich behält und dennoch viele Geschichten kennt. Aus ihrer Biografie wird erzählt – sie erinnert sich an die tragischen und die schönen Ereignisse ihres Lebens:
Fanny lebt mit ihren Eltern und dem Bruder auf dem Bauernhof, darf als einziges Mädchen später auf die Wirtschaftsschule gehen. Der Bruder fällt im Krieg, was die Familie stark erschüttert. Als Fanny den Dorfschullehrer heiratet, zieht sie um ins Schulmeisterhaus. Sie versucht den Eltern weiterhin zu helfen, doch bald schon muss der Hof verkauft werden. Dann erwartet Fanny ein Kind. Toni wird geboren. Der Schulmeister, aktiv in einer kommunistischen Partei, verunglückt tödlich. Die Eltern sterben. Fanny zieht um. In der Großstadt fühlt sie sich nicht wohl und kommt in die kleinere Stadt, nahe des Heimatdorfs, dass sie aber nie wieder betreten will. So lebt sie mit ihrem Sohn, der erwachsen wird und seiner Wege geht und sich schließlich aus für sie unerfindlichen Gründen für den Freitod entscheidet. Auch die Enkeltochter bleibt ihr fern.

„Fanny schaute Hanna an. Noch so eine Vergangenheitsfahrerin. Wie die Enkeltochter, wie Toni auch. Alle wollen sie hingehen, wo irgendwann einmal etwas gewesen war, und begriffen nicht, dass eine Rückkehr unmöglich war.“

Alle Männer, die ihr in ihrem Leben näherzukommen versuchen, sterben ihr weg.
Dass sie nach über 40 Jahren doch noch einmal das Dorf besucht, kommt dem Ende des letzten Lebensabschnitts gleich. Nach einem arbeitsreichen Leben mit vielen Erschütterungen begegnet sie ganz im Stillen und selbstbestimmt jenem, der ihr als Gegenspieler immer präsent war …

Eine schöne Melancholie, eine wunderbare Stimmung schwingt durch diese Geschichte. Laura Freudenthaler ist eine brillante Erzählerin, die mit ihrer direkten Einfachheit, mit ihrer bildhaften Sprache verzaubert. Ein Leuchten!

Für mich sehr wohltuend: Es ist nicht der x-ste Berlinroman, nicht die soundsovielte Geschichte einer traumatischen Kindheit. Schauplatz ist zunächst ein Bauernhof, dann ein Dorf, später eine Kleinstadt in Österreich. Das Setting erinnerte mich an Reinhard Kaiser-Mühlecker oder Josef Winkler, ja anfangs auch an „Winters Garten“ von Valerie Fritsch.

Laura Freundenthalers Roman „Die Königin schweigt“ erschien im Literaturverlag Droschl. Mehr über Autorin, Buch und eine Leseprobe gibt es hier . Sie hat bereits einen Band mit Erzählungen veröffentlicht.