Juli Zeh: Über Menschen Luchterhand Verlag

„Dora mag keine absoluten Weisheiten und keine Autoritäten, die sich darauf stützen. In ihr wohnt etwas, das sich sträubt. Sie hat keine Lust auf den Kampf ums Rechthaben und will nicht Teil einer Meinungsmannschaft sein. Normalerweise ist ihr Sträuben kein Sich-Wehren. Man sieht es nicht. Sie lebt angepasst. Das Sträuben erzeugt eher eine Art Trotz, ein inneres Ankämpfen gegen die Verhältnisse.“

Juli Zehs Romanheldin Dora ist eine, die scheinbar perfekt in die Berliner Szene passt. Bestens bezahlter Job in einer hippen Werbeagentur, wo alle „Wir sind eine Familie“ spielen. Super Altbauwohnung in Kreuzberg zusammen mit dem passenden Partner, Robert, Journalist, der über brisante Themen, wie Umweltschutz, Klimawandel etc. berichtet. Gut integriert im Freundeskreis. Alles läuft super, bis Robert zum dogmatischen Klima-Aktivisten wird. Alles dreht sich nur noch um Greta und um Fridays for Future. Dora fühlt sich übersehen bis gegängelt. Als das C-Virus auftaucht stürzt sich Robert mit voller Kraft in die Bekämpfung des Virus, wird zum „Corona-Aktivisten“. Für die Zweiflerin Dora ist es der Albtraum schlechthin. Als er ihr verbieten will, lange Spaziergänge mit ihrer Hündin zu machen, platzt Dora der Kragen. Sie zieht von jetzt auf gleich aus. Nach Bracken im ländlichen Brandenburg, wo sie sich in offensichtlich weiser Voraussicht und mit Einsatz all ihrer Ersparnisse ein Häuschen mit großem Garten gekauft hat.

„Aber dann kam das Virus. Robert konvertierte vom Klimaaktivisten zum Epidemiologen, und die Welt stand Kopf. Man rief das Ende der guten alten Zeiten aus. Nie wieder würde das Leben sein, wie es gewesen war. Virologen wurden zu Medienstars, Zeitungen fragten Prominente, wofür sie beteten. Das große Mitmachen war übermächtig.“

Dass ihr Nachbar, von dessen Grundstück sie eine hohe Mauer trennt, sich gleich als „Dorf-Nazi“ vorstellt und in Laufe der Geschichte auch so gebärdet, ist mir zuwider. Dass Dora sich von ihm Möbel restaurieren lässt, mit ihm bald jeden Abend die letzte Zigarette über die trennende Mauer hinweg raucht, ist mir unbegreiflich. Aber da ist eben auch seine Tochter Franzi, die sich in Doras Hund verguckt, da ist auch eine raue, irgendwie ehrliche Zugewandtheit. Und tatsächlich: immer wenn Dora sich beinahe als befreundet mit ihm fühlt, kommt der nächste Schock – vorbestraft, wegen Messerstecherei, mit dem Vater bei den fremdenfeindlichen Übergriffen der Nazis einst in Rostock-Langenhagen etc. Wie Dora bin ich dauernd hin- und hergerissen. Wie Dora versuche ich mich irgendwo einzuordnen.

„Die Worte klingen richtig, und es hat sich herrlich angefühlt, sie herauszuschreien. „Und ob ich besser bin.“ Aber auf den zweiten Blick ist dieser Satz die Mutter aller Probleme. Am Ortsrand von Bracken und im globalen Maßstab. Ein Langzeitgift, das die ganze Menschheit von innen zerfrisst.“

Juli Zeh hat das sehr geschickt konstruiert. Immer wenn man sich seiner Meinung über die Protagonisten sicher ist, wird sie wieder hinterfragt. Denn in der Provinz ist das Leben eben komplett anders als in Berlin. Da fährt der Bus nur 3x am Tag, da braucht man ein Auto, um zur Arbeit oder zum Einkaufen zu fahren, da wird in kaum etwas investiert, da werden Menschen von „denen da oben“ vergessen.

Zehs Roman hat mich diesmal auch vom Thema her sehr interessiert. Im ersten von drei Teilen überzeugt mich die Autorin am meisten. Das Kapitel, das bereits von Bracken aus rückwirkend über das Berliner Leben und die Zuspitzung der Situation durch C. erzählt, ist brillant, auch sprachlich. Hier zeigen sich auch deutlich die Spaltungen, die das tägliche Leben durchziehen. Immer geht es um die Entscheidung für oder gegen etwas zu sein. Unentschieden und dazwischen gibt es offenbar nicht mehr. Auch das Dorfmilieu schildert sie großartig und mit feinem Humor. Ihre Figuren, wesentlich weniger diesmal als noch in „Unterleuten“, sind glasklar gezeichnet, wie etwa das schwule Paar Tom und Steffen, Heini, der „Serien-Griller“ oder Sadie, die alleinerziehende Mutter. Wenn es um Doras „Beziehung“ zu Gote, dem Nazi geht, wird es mir manchmal zu süßlich, ja fast romantisch. Zum Glück endet das Buch dann aber nicht wie im Märchen von der Verwandlung eines Nazis in einen Gutmenschen. Das wäre zu viel. Aber eben halt doch irgendwie traurig … Ein Buch, dass herausfordernd ist, im besten Sinne, den Blick weitet und Sichtweisen auf den Kopf stellt.

Eine aufschlussreiches, hochinteressantes Interview mit Juli Zeh, die auch ehrenamtliche Richterin in Brandenburg ist, gibt es beim SWR.

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

George Saunders: Fuchs 8 Luchterhand Verlag

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George Saunders gewann den Man Booker Price 2017 mit seinem Roman „Lincoln im Bardo“. Der Roman hat mir so gar nicht gefallen. Deswegen hätte ich sicher auch kein Buch mehr von Saunders angerührt. Doch dann schwärmte Thea Dorn im letzten Literarischen Quartett von Fuchs 8. In der Tat habe ich mich sehr über dieses schmale Büchlein amüsiert, was aber sicher auch der gelungenen Übersetzung von Frank Heibert mit zu verdanken ist. Denn er hat die amerikanische Fux-Sprache in eine deutsche Fux-Sprache übertragen, die wirklich hinreißend ist.

Fuchs 8 hat nämlich die Menschensprache gelernt. Er hat sie sich selbst beigebracht, indem er vorm Fenster von Menschenhäusern lauschte. Da er offenbar immer abends in der Dämmerung vor Kinderzimmern lauschte, hat er vor allem aus Kindergeschichten und Märchen gelernt. Er sieht dann auch, wie die Menschin Gutenachtküsschen verteilt und denkt sich, dass es also auch viel Liebe unter den Menschen gibt.

Alles ändert sich, als im Fuchsgebiet „Elkawes“ anfahren und immer mehr Bäume bis zum Kahlschlag verschwinden. Das Fuchsgebiet ist Bauland geworden. Die Menschen bauen eine „Mool“, ein „Zenter“, wie Fuchs 8 bald erlauscht. Die Füchse leiden von nun an Hunger und Durst, werden immer schwächer. Fuchs 8, der große Tagträumer, bietet sich an, das „Zenter“ zu erkunden auf der Suche nach einem neuen Lebensraum. So landen er und sein Kumpel Fux 7 im Einkaufszentrum. Zunächst scheint alles gut zu laufen, es gibt künstliche Bäche und geschützte Stellen, sogar an Nahrung scheint es nicht zu mangeln. Doch auf dem Rückweg läuft alles aus dem Ruder und Fuchs 8 beginnt an der Liebenswürdigkeit der Menschen bitter zu zweifeln …

„Warum hat der Schöpfer so ein krosen Feler gemacht, das die Kruppe, die so vil kann, so böse is?“

Ein schmales Bändchen, mehr ist es nicht, aber dennoch ein kostbares Büchlein. Eine sprachliche Extratour mit übersetzerischer Höchstleistung. Die zarten Illustrationen sind von Chelsea Cardinal. Leseprobe hier. Aber auch die amerikanische Originalausgabe lohnt sich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Christiane Neudecker: Der Gott der Stadt Luchterhand Verlag

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Es ist das erste Buch, dass ich von Christiane Neudecker lese. Bei der Premiere ihres neuen Romans „Der Gott der Stadt“ erfuhr ich nun mehr über sie und ihr Schreiben. Im Literaturhaus Berlin sprach sie mit Insa Wilke über die Entstehung des Romans und las einige Passagen. Die Standardfrage nach dem autobiographischen Hintergrund wurde auch hier gestellt und war auch schlüssig. Denn ihr Roman spielt in einer Regie-Klasse der in der DDR hoch angesehenen Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin in den Nachwendejahren. Die aus Nürnberg stammende 1974 geborene Neudecker hat ebenso in dieser Zeit dort studiert.

Im Roman heißt die Schule Piscator-Schule und die Regie-Klasse die unter dem charismatischen, von den Schülern angebeteten Regisseur und Professor Korbinian Brandner in die Regiearbeit eingeweiht wird, besteht aus lauter „Westdeutschen“, was im Roman auch eine Rolle spielt. Die Geschichte beginnt mit der Ich-Erzählerin Katharina, die von Nürnberg nach Berlin zieht und voller Träume in dieses Studium hineingeht.

Zunächst erfahren wir mehr von ihr und begleiten sie durch die erste Zeit ihres Studiums. Sie himmelt Brandner an, hat aber zunächst so ihre Probleme mit den vier anderen Studenten. Als Brandner ihnen die Aufgabe stellt aus einem Fragment des 1887 geborenen, mit nur 25 Jahren tödlich verunglückten Georg Heym, das sich mit der Faust-Thematik beschäftigt, ein Stück zu kreieren, beginnt ein rasanter, geradezu teuflischer Konkurrenzkampf.

“ … draußen donnerte es, eine dunkle Wolkendecke schob sich über den Innenhof der Bibliothek, der Gott der Stadt rang mit dem Fürsten der Finsternis, alles zog sich zu.“

Im Verlauf des Romans wechseln immer wieder die Erzählperspektiven, werden auch die privaten Hintergründe der anderen Studenten Schwarz, der eigentlich lieber Filmregisseur werden will, François, der sich am liebsten in Bücher verkriecht, Nele, die schon Schauspielerfahrung hat, aber auch ein kleines Kind, Tadeusz, der Brandner schon lange kennt und Brandners selbst und das was aktuell in ihnen vorgeht, näher beleuchtet.

Schließlich beginnen Proben und die ersten Prüfungen zur Inszenierung, die Brandner am Todestag Heyms auf der öffentlichen Bühne sehen will. Doch obwohl alle auf ihre Weise mit dem Fragment umgehen, und etwas auf die Beine stellen, ist Brandner absolut nicht zufrieden. Er hat sich der alten (DDR-)Schule verschrieben und ist nicht bereit Zugeständnisse an abweichende oder modernere Entwürfe zu machen: „Wir psychologisieren nicht.“ Dies zeigt er seinen Schülern deutlich, er demütigt sie und geht schließlich soweit, das Stück aus dem Spielplan zu streichen. Dass Brandner womöglich dunkle DDR-Geheimnisse verbirgt, ahnen seine Schüler nicht.

Seine Schüler, allen voran Nele und die ehrgeizige Katharina, entscheiden nun unkonventionellere Wege zu gehen und proben heimlich auf der Probebühne auf ihre Weise. Das schweißt sie zusammen. Als schließlich ein Probetermin von François Szene um Mitternacht angesetzt wird, da es sich um eine spiritistische Sitzung handeln soll, laufen die Ereignisse aus dem Ruder. Denn François hat sich in satanistische Kreise begeben, um möglichst nah am teuflischen Geschehen im Faust zu sein … Diese Nacht hat für alle Konsequenzen.

Christiane Neudecker hat einen unglaublich starken Roman geschrieben. Hier passt alles. Er ist spannend und stimmig konstruiert, die Figuren sind exakt ausgearbeitet und kommen einem nah, wenngleich einige sehr unsympathisch sind, die Sprache passt und das Setting im Schauspielbetrieb ist höchst aufschlussreich.

Mich hat die Lektüre von Heym-Gedichten durch den Roman begleitet. Ich liebe es, wenn Romane Türen zu weiteren Texten und Autoren öffnen. Unten das namengebende Gedicht von Georg Heym, mit anderen in der empfehlenswerten expressionistischen Anthologie „Menschheitsdämmerung“ veröffentlicht:

Der Gott der Stadt

Auf einem Häuserblocke sitzt er breit,
Die Winde lagern schwarz um seine Stirn.
Er schaut voll Wut, wo fern in Einsamkeit
Die letzten Häuser in das Land verirrn.

Vom Abend glänzt der rote Bauch dem Baal,
Die großen Städte knien um ihn her.
Der Kirchenglocken ungeheure Zahl
Wogt auf zu ihm aus schwarzer Träume Meer.

Wie Korybanten-Tanz dröhnt die Musik
Der Millionen durch die Straßen laut.
Der Schlote Rauch, die Wolken der Fabrik
Ziehn auf zu ihm, wie Duft von Weihrauch blau.

Das Wetter schwält in seinen Augenbrauen.
Der dunkle Abend wird in Nacht betäubt.
Die Stürme flattern, die wie Geier schauen
Von seinem Haupthaar, das im Zorne sträubt.

Er streckt ins Dunkel seine Fleischerfaust.
Er schüttelt sie. Ein Meer aus Feuer jagt
Durch eine Straße. Und der Glutqulam braust
Und frißt sie auf, bis spät der Morgen tagt.

Ich bin begeistert und beeindruckt und empfehle dieses Leseerlebnis uneingeschränkt. Ein diabolisches Leuchten!

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Aufschlussreich auch das Interview unten.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Jaroslav Rudiš: Winterbergs letzte Reise Luchterhand Verlag

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Jaroslav Rudiš Roman „Winterbergs Reise“ ist der erste, den der Autor auf deutsch geschrieben hat. Und damit ist er auch gleich für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert worden. Er gibt tiefen Einblick in die tschechische, ja mitteleuropäische  Geschichte. Eine Reise in die Vergangenheit. Die Erinnerungsgeschichte eines langen Lebens. Ein Roadmovie. Ein Abschied. All dies ist dieser Roman.

„Die Schlacht bei Königgrätz geht durch mein Herz“, sagte Winterberg und schaute aus dem beschlagenen Fenster des Zuges. Er fasste sich so fest an seine Brust, als ob er in seiner Hand nicht nur den grauen dicken Stoff seines alten Wollmantels zerquetschen wollte, sondern auch sein neunundneunzig Jahre altes Herz.“

Mit diesem ersten Satz könnte man im Prinzip schon das ganze Buch beschreiben. Denn Winterberg, der sich mit seinem Pfleger Kraus auf die letzte Reise gemacht hat, um noch einmal die verschiedenen Schauplätze seines Lebens zu sehen, leidet an der Schlacht bei Königgrätz, als wäre diese eine Krankheit. Nach drei Schlaganfällen hatte die Tochter Winterbergs den Sterbebegleiter Kraus engagiert, mit dem der siechende Vater die „Überfahrt“ antreten sollte. Doch mit einem Mal, Kraus erzählte gerade davon, dass er aus Vimperk, dem ehemaligen Winterberg stamme, wird der Alte hellwach. Von da an, geht es bergauf. Dem Alten gelingt es, Kraus zu dieser Reise zu überreden, was dieser später mehr als einmal bereut.

Rudiš`Roman ist erhellend, was die geschichtlichen Ereignisse angeht. Allerdings ist er auf Dauer auch ermüdend, denn was anfangs noch witzig scheint, wird zur schwer auszuhaltenden Dauerschleife: Dass Winterberg permanent, „ja, ja“ sagt, wenn er fortdauernd sein Leben erzählt, immer wieder die Redewendung eines Engländers nachplappert „the beautiful landscape of battlefields, cemeteries and ruins“,  Vaterzitate über unterschiedlichste Leichenfunde wiederholt (der Vater arbeitete in der „Feuerhalle“, im Krematorium), andauernd aus seinem alten Baedecker-Reiseführer von 1913 vorliest, macht mürbe. Immerhin erfährt der/die Leser/in dadurch, wie es wohl dem armen Begleiter zumute ist.

„Ja, ja, genau, so wie bei Königgrätz … Eisenbahnleichen sind keine schönen Leichen, sagte mein Vater immer, und er musste es wissen, er hat viele Leichen gesehen.“

„Als ich zum Tisch zurückkam, lag Winterberg mit seinem Kopf auf dem aufgeschlagenen Buch und schlief, wie so oft nach einem historischen Anfall.“

Auch der „historische Anfall“, der mich beim ersten Lesen wirklich zum Lachen brachte, wird so oft wiederholt, dass kaum etwas vom Witz übrig bleibt. Dass Kraus auch eine traumatische Geschichte hinter sich hat, er dann immer schwitzt und Herzrasen hat, wenn sie ihn einholt, bleibt eher eine Randgeschichte:

„Denn die ganze Zeit, die ich in Deutschland verbrachte, hatte ich Angst vor dieser Reise. Vor dieser Rückkehr. Denn die ganze Zeit haben sie uns in der Tschechoslowakei mit dem Tod gedroht. Und ich dachte, wer weiß, wenn ich zurück bin, vielleicht bin ich dann auch gleich tot.“

Der Autor erzählt in einfacher Sprache mit einzelnen unterhaltsamen Lichtblicken. Man muss sich ganz an die Story halten, die auf sehr viel weniger Seiten, hätte erzählt werden können. Sie besteht letztendlich aus den Baedecker-geprägten Ausschweifungen Winterbergs, der sich dauernd wiederholt, dem beinahe ausschließlich zuhörenden, Zigarette rauchenden, biertrinkenden Begleiter Kraus und den kurzen Begegnungen mit anderen Menschen und Geistern der Geschichte. Fast will ich es als literarischen Kniff sehen, dass Rudiš diese sprachliche Wiederholungsszenerie benutzt, quasi als Ritual.
Mich würde interessieren, ob der Roman anders geworden wäre, wäre er in der Muttersprache des Autors geschrieben worden. Infrage stelle ich auch, weshalb der Roman für den Leipziger Buchmessepreis nominiert wurde … vielleicht weil das Tschechien Ehrengast ist?

Der Roman erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere Rezensionen gibt es auf den Blogs Ruth liest und Frau Lehmann liest.

Hier gibt es ein erklärendes Interview mit dem Autor und auch die gelesenen Sequenzen sind hörenswert. Ich könnte mir vorstellen, dass der Roman hier sogar als Hörbuch besser funktioniert:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Kristine Bilkau: Eine Liebe, in Gedanken Luchterhand Verlag

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„Eine hatte Freiheit gesucht.
Ihre Tochter hatte sich nach Beständigkeit gesehnt.
Und deren Tochter sehnte sich wieder nach Freiheit.“

Nach „Die Glücklichen“ kommt nun als zweiter Roman Kristine Bilkaus „Eine Liebe in Gedanken“. Mir hat ihr Debüt sehr gut gefallen, aber mit dem neuen Roman übertrifft sie sich. An was mag es liegen, dass ich nur so diffus sagen kann, warum ich ihre Geschichten mag? Es ist nicht allein die Sprache, der Inhalt ist nicht spektakulär neu, und dennoch ist da etwas drunter oder zwischen den Zeilen, eine feine Sensibilität, was mir gut gefällt. Und ich denke, für dieses Ungesagte, nur Angedeutete hat Bilkau ein Händchen.

Bilkau beginnt ihr Buch mit einem Zitat aus dem schmalen Band „Fast ganz die Deine“ der Französin Marcelle Sauvageot. Das Buch bekommt später noch Raum, denn viele Zeilen hat die verstorbene Mutter der Hauptprotagonistin darin angestrichen. Zeilen, in denen sie sich wiederfand. Sofort kommt eine schöne Erinnerung an das Buch, dass ich seinerzeit auch gelesen habe. Ein Anreiz, nochmals einen Blick hineinzuwerfen.

Ein Paar mit erwachsener Tochter ist Ausgangspunkt der Geschichte. Als die Mutter der Protagonistin stirbt und sie die Wohnung ausräumt, tauchen Erinnerungsbruchstücke und Briefe auf. Von hier an wird parallel die Liebesgeschichte der Mutter erzählt, die zugleich Lebensgeschichte ist, denn die erste Liebe durchzieht ihr ganzes Dasein, obgleich sie zum großen Teil nur aus der Ferne gelebt werden wird.

In den 60er Jahren, als Antonia Edgar kennenlernt, war es noch ungewöhnlich, dass eine junge Frau allein lebt und arbeiten geht. Doch diese Freiheit mag Toni. Mit Edgar scheint sie dieses Gefühl teilen und leben zu können.Es ist eine Zeit, wo man noch Briefe schreibt, und Edgar tut das mit Leidenschaft, obwohl Toni und er sich regelmäßig sehen. Es ist eine Innigkeit und gleichzeitig eine schöne Verrücktheit zwischen beiden. Als Edgar einen besseren Job in Hongkong angeboten bekommt, nimmt er an. Toni soll nach seiner Eingewöhnungszeit nachkommen, dort wollen sie heiraten. Sie hat schon gekündigt, Job und Wohnung, bemüht sich um eine Stelle in Hongkong. Ein Übergangsleben. Von Monat zu Monat werden die Briefe von Edgar immer kürzer und rarer. Telefonieren ist kostspielig, dafür ist kein Geld da. Als Edgar überraschend für kurze Zeit zurückkehrt, treffen sich die beiden, doch nichts scheint wie zuvor. Danach ist es aus. Doch Antonia wird von dieser Liebe nicht wegkommen. Sie wird sie sich bewahren, auch wenn sie ihr Leben auf ihre freie Art weiterführt.

Noch einmal kommt es lange Zeit später zu einem Treffen mit Edgar, doch Antonia ist enttäuscht und irritiert davon. Die Tochter traut sich nach dem Tod der Mutter dann auch, diesen Mann zu treffen, der ihrer Mutter so viel bedeutete. Was genau sie davon erwartet, weiß sie nicht. Doch sie wird sich ihr eigenes Bild machen …

„Ich wollte ihn fragen, ob er je darüber nachgedacht hatte, dass diese Frau einmal alles für ihn auf eine Karte gesetzt hatte, für ihn allein, dass sie verloren hatte, in einer Zeit, in der Frauen dieser Mut nicht verziehen wurde;“

Auch Hannah, die Tochter der Ich-Erzählerin, wird erwachsen und beginnt sich abzunabeln und scheint in ihrem Freiheitsdrang ihrer Großmutter zu folgen. Und wenn diese zuletzt durch die von ihr kuratierte Ausstellung der Malerin Helene Schjerfbeck geht, bekommt man Lust diese Bilder ebenfalls zu betrachten. Eine Künstlerin, die sehr jung sehr selbständig war, alleine reiste und später zu ihrer Mutter im ländlichen Finnland zurückkehrte, um sie zu pflegen. Parallelen also zum Leben der eigenen Mutter.

Was sich als Inhalt zunächst kitschig anhört und auch mich anfangs skeptisch lesen lies, entpuppt sich im Laufe der Geschichte als höchst stimmiges feines sensibles Unterfangen.

„Eine Liebe, in Gedanken“ erschien bei Luchterhand. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Juli Zeh: Leere Herzen Luchterhand Verlag

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„Anderswo kämpfen die Menschen um ihr Leben, und du sitzt hier und leidest.“
„Du kapierst es nicht.“ Julietta nippt an ihrem Tee. „Nicht ich leide. Wir alle. Das ist das Problem. In einer Welt, in der sich die, denen es am besten geht, am beschissensten fühlen, ist etwas grundverkehrt.“

Kein Wunder, dass Juli Zeh mit diesem Buch auf der Bestsellerliste gelandet ist. Der Roman bedient genau die Wünsche, die die Mehrheit an ein Buch hat. Es ist leicht zu lesen, sprachlich nicht anspruchsvoll, so spannend, das man (angeblich) nicht aufhören kann und spricht über eine erfundene Zukunft, die wir scheinbar bald haben. Darüber kann man prima reden, mitreden und sich abarbeiten. Ich halte es dennoch nicht für ein gutes Buch. Habe ich an „Unterleuten“ noch Gefallen finden können, bei dem die Charaktere gekonnt ausgearbeitet waren, so geht mir diese Story, die inhaltlich leicht an das Vorgängerbuch anknüpfen könnte, doch gegen den Strich. Irgendwie bleibt hier alles flach und konturlos … bieder ist es, ja, das ist der richtige Ausdruck.

Die Hauptprotagonistin Britta lebt in einem Braunschweig der Zukunft, in der Sarah Wagenknecht Innenministerin ist, manche „Menschen das Bedingungslose Grundeinkommen nutzen, um auf Parkbänken zu sitzen“ und die Besorgte-Bürger-Bewegung überall ihre Finger mit im Spiel hat. Britta hat Mann und Kind und eine seltsame Art ihr Geld zu verdienen, das allerdings erfolgreich: Mithilfe eines Computersystems namens Lassie ermitteln Britta und Babak, ihr Geschäftspartner, Menschen die nicht mehr leben wollen, sich den Freitod wünschen. Diesen verhilft „Die Brücke“, falls unabbringbar, zu einem „stimmigen“ Suizid, der auch anderen noch etwas nützt:

„Ihr vermittelt mich an eine Organisation, die meinen Tod gebrauchen kann.“

Dass Britta und Babak dabei ein Stufenprogramm durchführen, um den Willen der Auserwählten zu prüfen und dabei die fürchterliche Foltermethode Waterboarding Teil dieser Prüfung ist, macht die Sache nicht besser. Als sie Konkurrenz von den „Empty Hearts“ bekommen, bricht die Braunschweig-Idylle zusammen …

Ich erinnere mich an ältere Bücher von Juli Zeh, die viel komplexer und eigener waren, Geschichten, die ungewöhnlich und viel raffinierter konstruiert waren, wie Schilf, Corpus Delicti oder Nullzeit. Wie im oben genannten Zitat zu erkennen, geht es Zeh um Gesellschaftskritik, wie fast immer, das ist das Thema, dass sie immer wieder aufgreift, bloß wird mir dabei langweilig. Vor allem wenn dann solche Sätze kommen, die die unsympathische Hauptfigur mit Sauberkeitszwang ausstößt, weil das Hammer-Beruhigungsmittel Tavor nicht mehr wirkt:

„Die Fledermäuse stürzen durch die Dunkelheit, und falls ihr Flug eine Botschaft besitzt, so lautet diese: Hab keine Angst.“

oder

„Sie hatte vergessen, dass es einen Zustand jenseits des Schmerzes gibt. Man nennt ihn Paradies.“

Offenbar neigt sich meine Juli-Zeh-Lesezeit dem Ende zu. Das ist auch nicht weiter schlimm, liegen doch bereits zwei, inhaltlich wie sprachlich, gewichtigere Bücher hier bei mir …

„Leere Herzen“ erschien im Luchterhand Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Leïla Slimani: Dann schlaf auch du Luchterhand Verlag

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Leïla Slimani hat für diesen Roman den Prix Goncourt 2016 erhalten. Nach der Leseprobe war ich gespannt, wie es weitergeht und ich hoffte natürlich auch aufgrund des Preises auf ein sprachlich besonderes Buch. Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt. Der Roman ähnelt einem Psychothriller und er will gesellschaftskritisch sein, denn er zeigt zudem manche Missstände in der französischen Gesellschaft auf, begibt sich in die Welt der „neuen Diener“.

Schon auf der ersten Seite erfährt der Leser, dass zwei Kinder tot sind. Es ist auch klar, wer die Mörderin ist. Es ist die angeheuerte beliebte Nanny eines Paares, das zwar zwei Kinder bekommen hat, das aber dennoch mit Karriereabsichten arbeiten geht und gar keine Zeit hat für die noch kleinen Kinder.

„Das Leben ist zu einer Abfolge von Aufgaben geworden, von Verpflichtungen, die man einhalten , und Verabredungen, die man wahrnehmen muss. Myriam und Paul sind überlastet. Das sagen sie sich gerne immer wieder, als wäre ihre Erschöpfung der Vorbote des Erfolgs.“

Also muss die Nanny her. Sie scheint perfekt, die Kinder sind bestens betreut, der Haushalt gut versorgt und Überstunden sind kein Problem. Immer mehr Raum nimmt sie im Leben der Familie ein, immer mehr Irritationen stellen sich ein. Und Louise, die Nanny, die schwer an ihrem Banlieue-Schicksal trägt, der ungeliebte Mann stirbt und hinterlässt Schulden, die ungewollte eigene Tochter flieht so schnell wie möglich vor der Mutter aus dem Haus, ist wie der Leser schnell erkennt, selbst überfordert und alles andere als psychisch stabil … Doch eine wirkliche Erklärung gibt es für die Tat nicht. Das, auf was man als Leser*in hofft, verweigert die Autorin.

Zugegeben, ich habe mich nach der Lektüre gewundert, weshalb dieses Buch den Prix Goncourt erhalten hat. Die Geschichte zwar spannend, aber nicht überragend, zwar unterhaltend, aber nicht nachhaltig, sprachlich auch kein Highlight. Da habe ich kürzlich ein stärkeres Buch einer Französin gelesen: In allen oben genannten Aspekten hat mich Karine Tuils Roman „Die Zeit der Ruhelosen“ mehr überzeugt. Obgleich beide Autorinnen selbst einen Migrationshintergrund haben, schafft es Tuil eindrucksvoller und komplexer diese französischen Problemthematiken darzustellen. Tuil gilt auch meine Empfehlung, Slimani eher dann, wenn man sonst eher Psycho-Krimis mag.

Leïla Slimanis Roman „Dann schlaf auch du“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Amelie Thoma. Eine Leseprobe gibt es hier.

Hisham Matar: Die Rückkehr Luchterhand Verlag

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„Auf der Suche nach meinem verlorenen Vater“ lautet der Untertitel dieses Buches, das eindeutig autobiografisch ist. Bereits in seinen beiden vorhergehenden Büchern erzählt Hisham Matar, mehr fiktional, von der Suche nach dem Vater und von dem was dieser Suche vorausging. Nun kommt der Autor, der aus einer gebildeten und wohlhabenden lybischen Familie stammt, zum ersten Mal seit der Kindheit wieder in sein Heimatland zurück und setzt sich vor Ort den Geschehnissen der Vergangenheit aus. Mit seiner Frau Diana, einer Amerikanerin, und seiner Mutter besucht Matar all die Verwandten, die in Lybien zurückgelassen wurden, die Verwandten, die teilweise ebenso wie Matars Vater Jaballa unter der Herrschaft Gaddafis als Regimegegner verhaftet wurden. Im Gegensatz zum Onkel, wurde der Vater, ein ehemaliger Diplomat und ärgster Widerstandskämpfer gegen Gaddafi nicht wieder freigelassen. Er verschwand spurlos. Hisham Matars Leben ist seither geprägt von der Suche nach dem Vater, doch jegliche Recherche läuft ins Nichts. Eine Ungewissheit, die für Hoffnung kaum Platz lässt und die schwer erträglich ist …

Als die Familie nach der Machtübernahme Gaddafis zunächst in New York, wo auch Hisham 1970 geboren wird, danach im Exil in Agypten lebt, fühlt sie sich einigermaßen sicher. Doch wird der Vater aus Kairo entführt und 1990 nach Lybien ausgeliefert. Er landet im berüchtigtesten Gefängnis in Tripolis. Einige wenige Briefe erhält die Familie von ihm. Seit dem Massaker in Abu Salim, in dem über 1000 Gefangene, überwiegend Reigimegegner ermordet wurden, kommt kein Lebenszeichen mehr.

„Gaddafi hatte seine größten Gegner gern nahe bei sich, um sie sich von Zeit zu Zeit ansehen zu können, die Lebenden wie die Toten. Gefriertruhen mit Leichen lange verstorbener Dissidenten wurden gefunden.“

Matar zeichnet in seinem Buch auch die wechselhafte Geschichte des Landes auf und dessen unruhige politische Entwicklung. Schwerpunkt ist jedoch die Vatersuche mit all der Hoffnung und all dem Zweifel. Er, der mittlerweile mit seiner Frau in England lebt, setzt von dort aus, später sogar mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen und des Parlaments, alle Hebel in Bewegung. Die Ungewissheit bleibt …

„Die Suche wurde zur Besessenheit, ich verlor jede Zurückhaltung und war bereit zu kontaktieren, wer immer, wie ich dachte, helfen konnte.“

Matar schreibt sehr gut, er findet eine Sprache in seiner Sprachlosigkeit, die wiederum mich sehr eindringlich anspricht. Er erzählt oft in beinahe poetischen Bildern über die eigentlich schrecklichen Ereignisse. Sicher lohnt es sich, auch die beiden vorherigen Romane des Autors zu lesen, die alle um das Thema kreisen. Matar ist einer der Autoren, dem das Schwierige gelingt: aus Biografischem Literatur zu machen.

Hisham Matars Buch „Die Rückkehr“ erschien im Luchterhand Verlag. Es wurde übersetzt von Werner Löcher-Lawrence. Eine Leseprobe findet sich hier
Weitere Besprechungen gibt es auf den Blogs Ruth liest und aus.gelesen

Kurzer Nachtrag: Etwas was nicht direkt mit dem Buch zu tun hat, was mir aber auffiel und trotz allen Mitgefühls unbegreiflich und abstoßend bleibt, ist, dass sich Menschen bei kriegerischen Handlungen gegenseitig fotografieren und filmen, ihre blutigen Taten stolz dokumentieren, so wie Matar das hier in einer Szene von seinem Neffen Issa berichtet.