Jon Fosse: Ich ist ein anderer Rowohlt Verlag

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„Je est un autre.“ Arthur Rimbaud

Der zweite Band „Ich ist ein anderer“ (nach obigem Zitat von Rimbaud) von Jon Fosses Heptalogie schließt nahtlos an Der andere Name an, genau wie die Coverbilder (siehe oben). Als großer Fosse-Fan habe ich schon darauf gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht. Fosses unverwechselbare Sprache klingt für mich immer wie Poesie und führt mich in eine ganz andere Welt.

Das Buch beginnt mit genau den gleichen Zeilen, wie der erste Band und endet auch wie dieser: mit einem Gebet. Überhaupt spielt die Religiosität, der Glaube an Gott, wieder eine große, vielleicht sogar eine noch größere Rolle als in Band I. Es gibt fast keine Satzzeichen. Die Geschichte liest sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom und wird geprägt von den in einander übergehenden fließenden Zeitsprüngen. 
Wir begegnen wieder Asle, dem Maler, der in einem alten Bauernhaus auf dem Land mit Blick auf einen Fjord lebt. An diesem Wintertag schläft er besonders lang, denn er hat einen anstrengenden Tag in der Stadt Bergen verbracht (Fosse nennt sie Bjorgvin nach dem alten Namen). Auch sein kleiner Hund Brage schläft lang und beide wollen nicht in die winterkalte Küche, um Kaffee zu kochen. 

Bis der Nachbar in der Tür steht, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es ist die Adventszeit und er will wie üblich ein Gemälde als Geschenk für seine Schwester aussuchen. Asle steht auf und er entschließt sich noch am selben Tag erneut nach Bjorgvin zu fahren, um seine fertigen Bilder in die Galerie Beyer zu bringen für die jährlich vor Weihnachten stattfindende Ausstellung. Während der langen Fahrt auf der schneeglatten Straße beginnt Asle sich zu erinnern. Er denkt an den Jungen, der er einmal war, der mit seiner Mutter nicht zurechtkam. An die Teenagerzeit, als er sich von seinem naturgetreuen Zeichnen trennt und Bilder malt, die keiner versteht, die eben nicht „schön“ sind. Es sind innere Bilder, die sich ihm aufdrängen und gemalt werden müssen, denn sonst wird der Kopf immer voller und wirrer. Oft spielt Erlebtes eine Rolle, wie etwa der tragische frühe Tod der kleinen Schwester.

“ …und jetzt, denkt er, will er keine Bilder nach Fotos malen, von Haus und Hof, ja jetzt will er die Bilder wegmalen, die in seinem Kopf sind, aber er will sie nicht so malen, wie er sie sieht in seinem Kopf drin, denn etwas wie ein Leiden, wie ein Schmerz knüpft sich an jedes einzelne Bild, denkt er, aber auch eine Art Frieden, ja auch das, …“

Er wechselt auf das Gymnasium im nächstgrößeren Ort, um später die Kunsthochschule besuchen zu können. Vorher stellt er seine Bilder im örtlichen Jugendklub aus und hat großes Glück, dass ihn sein späterer Galerist dort auf der Durchreise entdeckt und ihm einige Bilder abkauft. Asle ist sehr froh darüber, so früh von zu Hause ausziehen zu können. Doch der Unterricht ist nichts für ihn. Ängste verfolgen ihn. Durch einen befreundeten Maler (Asle, sein Alter Ego) erfährt er von der Möglichkeit als besonders Begabter sofort auf der Kunstschule aufgenommen zu werden. Tatsächlich gelingt es ihm. Als er sich in Bjorgvin ein Zimmer ansehen will, trifft er in einem Café auf Ales, die ihn in ihren Blick bannt, ihn schließlich selbstbewusst anspricht und beide stellen fest, dass sie wohl gemeinsam zur Kunsthochschule gehen werden …

Ales kennen wir bereits aus dem ersten Band. Sie ist Asles Frau, die gestorben ist und um die er immer noch trauert, wenngleich er noch immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr hat. Oft scheint sie neben ihm im Sessel zu sitzen, wenn er an seinem angestammten Platz über den Fjord schaut oder den Rosenkranz nimmt, um zu beten. Die Nähe zu Gott und das Beten hat sie ihm nahe gebracht. Er, der lange Zeit dem Alkohol verfallen war, hat durch sie und den Glauben geschafft davon los zu kommen.

“ … und ein Bild muss geschehen, es muss von selber kommen, wie ein Geschehnis, wie ein Geschenk, ja ein gutes Bild ist ein Geschenk, oder eine Art Gebet, es ist sowohl Geschenk als auch ein Dankgebet, denke ich und ich hätte nie willentlich ein gutes Bild zustande bringen können, denn Kunst geschieht, Kunst ereignet sich, so ist es einfach, …“

Was neu ist, sind die Gedanken, die immer wieder aufkommen: Asle mag nicht mehr malen. Es scheint, als hätte er alles aus sich herausgemalt, was zu malen war. Noch sind diese Gedanken selten, nehmen jedoch immer mehr Raum ein. Vielleicht hat er das Alter erreicht, um damit aufzuhören? Doch was kommt dann?

Und immer wieder die besondere Sprache, dieser typische Fosse-Sound. Die ewigen Wiederholungen, litaneihaft, besonders in den wenigen Gesprächen die der Held führt. Wiederholen und bestätigen gegen die Wortkargheit. Gespräche fallen ihm schwer. Dafür erleben wir die reichen inneren Selbstgespräche, die Gedankenwelt, die Art an Dinge, etwa an das Malen, heran zu gehen, die vielleicht auch von der abgeschiedenen Lebensart herrühren, die der Held jedoch um keinen Preis aufgeben würde. Und ich kann ihn gut verstehen …
Fosses Buch zeugt wieder von einer tiefen Spiritualität und von der Hingabe an die Kunst, die vielleicht nur auf diese Weise entstehen kann: der Maler (oder die Künstlerin, Autorin) als Medium. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde wieder vom großen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Norwegischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Buch ist auch unabhängig vom ersten Teil gut lesbar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es in de FAZ.

Weitere Bücher von Jon Fosse, die ich hier auf dem Blog besprochen habe:

Rachel Cusk: Der andere Ort Suhrkamp Verlag

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Rachel Cusk, immer wieder. Auch wenn dieser neue Roman formell in eine etwas andere Richtung zielt, bin ich auch diesmal wieder begeistert. Eher so still begeistert, ob der klugen Stimme, der fein durchdachten Sprache. Könnte Rachel Cusk nicht so gut schreiben, wäre es aufgrund des Inhalts für mich ein schwieriges Buch. Auf eine gewisse Art erinnert es mich an Erpenbecks „Kairos“. Denn auch hier treibt ein unangenehmer Typus Mann sein Unwesen. Auch hier versucht ein Mann eine Frau zu manipulieren.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre kleinen Bücher so viel einbringen.“

Das Zitat stammt von diesem Mann, einem berühmten Maler, der den Zenit seines Erfolgs allerdings bereits überschritten hat. Er wird von einer Frau, einer Schriftstellerin, M genannt, die mit ihrem Mann im ländlichen Marschland im Haus mit Garten lebt, eingeladen einige Zeit, vielleicht als Arbeitsaufenthalt, im dazugehörigen Gäste-Cottage zu verbringen. Die Frau schwärmt für den Maler, vielmehr für dessen Malerei, die sie vor vielen vielen Jahren in Paris kennengelernt hat. Wie eine Initiation erschien ihr damals diese Entdeckung. Nun scheint die Chance da zu sein, diesem Maler persönlich zu begegnen, der schließlich eines Frühjahrs die Einladung annimmt.

In dieser Zeit lebt auch M`s Tochter, Justine mit ihrem Mann Kurt im Haus. So entwickelt sich ein hoch interessantes Kammerspiel der zwischenmenschlichen Begegnungen und der unerwarteten Entwicklungen. Denn der Maler wird von einer jungen selbstbewussten Frau begleitet, die nicht mit angekündigt war. Diese freundet sich bald mit Justine an, was ihre Mutter mit Bedenken und Eifersucht beobachtet, aber auch versucht zu reflektieren.

„Ich glaube nicht, dass Eltern zwangsläufig viel über ihre Kinder wissen. Was man von ihnen zu sehen bekommt, ist das, was sie notgedrungen sein oder tun müssen, nicht das was sie eigentlich wollen, und dieser Umstand führt zu allen möglichen Fehleinschätzungen.“

Der Maler selbst, scheint Begegnungen mit ihr zu vermeiden, obwohl sie so große Erwartungen in den Austausch mit ihm gesetzt hatte. Ja, er scheint sie in den wenigen Gesprächen sogar zu verhöhnen, von oben herab zu behandeln, nicht ernst zu nehmen. Ihren Mann Tony will er porträtieren, sie selbst jedoch nicht. Seine Geschichte erzählt er ihr lang und breit, für ihre Geschichte scheint er wenig übrig zu haben (Hier nähert sich der Roman wieder der Outline-Trilogie an). Immer wieder kommen Sticheleien und der Versuch sie außer sich zu bringen. Was mitunter gelingt. Seine Begleiterin Brett wirkt dagegen übergriffig in die Familienstrukturen ein, denn hier steht die fragile Beziehung zur Tochter und der ganzen Gemeinschaft auf dem Spiel. Der ruhende Pol im Haus ist Tony, der seine Frau auf ganz eigene Art unterstützt.

Rachel Cusk hat eine große Begabung, Menschen bis ins Innerste zu durchleuchten, zu beobachten und dies dann auch in großartige Sprache zu verwandeln. Hier geht es vorrangig um Weiblichkeit, wie sie selbst empfunden wird und wie sie von außen wahrgenommen wird. Aber auch darum, was man von zuhause mitbekommt oder eben auch nicht. Welche Voraussetzungen bieten ein gutes, selbständiges Leben? Wie stark werden wir von der Herkunftsfamilie geprägt und wie gehen wir damit um? Wie gelingt ein Leben, dass einem wirklich entspricht?

„Allein die Sprache kann den Fluss der Zeit aufhalten, denn obwohl sie in der Zeit existiert und aus Zeit gemacht ist, ist sie ewig – oder kann es zumindest sein. Ein Bild ist auch ewig, aber ein Bild hat nichts mit Zeit zu tun – es hebelt sie gezwungenermaßen aus, denn wie sonst sollte man im wirklichen Leben jene zeitliche Bilanz, die den unendlichen Augenblick des Bildes hervorgebracht hat, ziehen und verstehen?“

Mich hat die dreiste Art dieses Mannes schon beim Lesen abgestoßen. Dass M dennoch immer wieder versucht sich auf ihn einzulassen, immer noch auf ein Porträt von ihm hofft, sogar Tony damit beinahe vertreibt, ließ mich schaudern. Doch als Außenstehende ist es natürlich leicht zu verurteilen. Dennoch verwundert es, dass der Maler den ganzen Sommer lang geduldet und sogar nach einem Schlaganfall von Tochter Justine versorgt wird. Immerhin scheint am Ende der Geschichte ein Brief des Malers, der verspätet eintrifft, nachdem dieser längst abgereist ist, der Protagonistin eine kleine Genugtuung zu verschaffen.

Warum die Geschichte, wie ein Brief oder ein Monolog geschrieben ist, der sich an einen gewissen Jeffers richtet, von dem man nicht erfährt, in welcher Beziehung er zur Erzählerin steht, bleibt rätselhaft.

„Der andere Ort“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eva Bonné hat den Roman aus dem Englischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere sehr empfehlenswerte auf dem Blog besprochene Romane der Autorin gibt es hier.

Eine weitere Besprechung von „Der andere Ort“ gibt es auf dem Blog Letteratura.

Lydia Sandgren: Gesammelte Werke mare Verlag

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Welch ein starkes Debüt! 
Stark in jeder Hinsicht, denn das Buch zählt etwa 850 Seiten und die 1987 geborene Schwedin Lydia Sandgren arbeitete 10 Jahre lang an „Gesammelte Werke“. Es hat sich richtig gelohnt. Der Roman ist ein echter Schmöker und dabei so gekonnt geschrieben, wie die ihrer nordischen Kollegen Johan Harstad und Lars Saabye Christensen. Auch in eine Reihe mit Franzen oder Auster möchte man ihn stellen. Sandgren ist meiner Ansicht nach ein großes Talent. Ihr gelingt damit das, was einem ihrer Hauptprotagonisten nicht gelingt …

Das Schöne an solch gewaltigen Romanen ist ja, dass man einfach eintaucht, über längere Zeit von den Geschehnissen fasziniert ist und auch in Lesepausen die Figuren präsent sind. Man lebt mit den Helden und gewinnt sie lieb. Ein gutes Zeichen ist es immer, wenn ich das Buch trotz seiner Schwere überall mit hin schleppe und ich dafür auf das schmale Zweitbuch für unterwegs verzichte. Ja, welches Buch kann man im Anschluss an so ein Wunderbuch lesen?!

Die Geschichte spielt in Göteborg, beginnt in der Jetzt-Zeit und und spannt dabei auch Bögen zurück bis in die 80er/90er Jahre. Wir treffen den Verleger Martin Berg in seiner Wohnung in Göteborg. Es ist kurz vor seinem 50. Geburtstag und er steckt in einer Lebenskrise. Er hat Kisten mit alten Papieren um sich herum drapiert. Dabei sind vor allem begonnene Manuskripte, denn Martin wollte schon längst einen Roman geschrieben haben. Schon seit er Student war. Stattdessen hat er einen Verlag gegründet, der recht anspruchsvolle Bücher herausgibt.

„Was hatte der Verleger Martin Berg der Welt zu geben? […] Wer liest denn heutzutage noch hochwertige Belletristik und Sachbücher? Die neuen literarischen Schwergewichte sind Influencer, die sich hundertfünfzigtausend Wörter aus den Fingern saugen, idealerweise zum Thema Liebe, oder wie die jungen Leute jene innere Leere nennen, die sie nachts um den Schlaf bringt.“

Martin denkt zurück, wie alles begann …

Schon in der Schule lernen sich Martin und Gustav kennen und werden unzertrennlich. Martin kommt aus einer Arbeiterfamilie, Gustav aus wohlhabendem Elternhaus. Gustav beginnt ein Kunststudium, Martin studiert Philosophie. Zusammen sind sie unterwegs auf Studentenpartys, Martin interessiert sich für Mädchen, Gustav ist mehr dem Alkohol zugeneigt. Martin lernt Cecilia kennen und beide werden ein Paar. Zusammen gehen sie durch dick und dünn und nach dem Studium für ein Auslandsjahr mit einem weiteren Freund nach Paris. Cecilia bleibt zurück und widmet sich ihrem Studium der Ideengeschichte. Während Gustav sich in Museen weiterbildet und sein Skizzenbuch füllt, versucht Martin seinen Roman zu schreiben. Sehr oft weichen die guten Vorsätze und beide finden sich auf der nächsten Party wieder. Im Sommer verbringen die beiden zusammen mit Cecilia einen Monat am Meer in Antibes. Dort wird Cecilia Model für Gustav und mit dem Antibes-Zyklus gibt es später eine erste Ausstellung von Gustav. Martin indes schafft im ganzen Jahr in Paris nur immer neue Ansätze für sein Romanprojekt.

„Doch unabhängig davon, ob Gustav zufrieden war oder nicht, tendierte er doch immer wieder zurück zum Zweifel. Unvermeidlich. Der Zweifel schien seine Grundausstellung zu sein. Ganz egal, was sie dagegen sagten. Es spielte auch keine Rolle, dass er sich selbst immer wieder das Gegenteil bewies. Früher oder später landete er wieder da. Er konnte akzeptieren, dass er talentiert war (etwas anderes wäre auch die reinste Wahnvorstellung gewesen), aber, fragte er, was spielte das schon für eine Rolle.“

Zurück in Göteborg verliert sich der Kontakt zu Gustav mal mehr mal weniger. Seinen zunehmenden Erfolg als Maler, trotz seiner Zweifel, verfolgen wir Leser am Rande mit. Martin und Cecilia leben zusammen und Cecilia wird schwanger. Die beiden heiraten und Tochter Rakel wird geboren. Rakel spielt auch die Hauptrolle im zweiten Strang des Romans. Abwechselnd wird aus ihrer Sicht als um die 20-jährige erzählt. Hier ist der Schwerpunkt der Verlust der Mutter, als sie 10 war, der jüngere Bruder Elis im Kleinkindalter. Wie es zum Verschwinden der Mutter kam, ist die eigentliche Frage des Romans. Urplötzlich von einem Tag auf den anderen verließ Cecilia ihre Familie. Nach Jahren des Wartens richtete sich die restliche Familie irgendwie damit ein. Gustav ist in dieser Zeit eine große Hilfe für die drei. Martin geht vollkommen in der Verlagsarbeit auf. Er geht keine Beziehung mehr ein.

Als Rakel, die Deutsch kann, eines Tages ein Manuskript eines deutschen Autors für Martins Verlag lesen soll, glaubt sie in der Geschichte ihre Mutter als Protagonistin zu erkennen. Nun beginnt eine spannende Reise durch die Vergangenheit, in der auch Gustav wieder eine tragende Rolle spielt, dessen Bilder bald in einer großen Retrospektive in seiner Heimatstadt zu sehen sein werden und die beiden Geschwister sich ein gutes Stück weiter entwickeln und vom Vater emanzipieren. Auch das Ende ist der Autorin perfekt gelungen. Nicht offen, nicht geschlossen, so wie ich es mag.

Lydia Sandgren hat eine Familiengeschichte geschrieben. Nichts Neues, meint man. Aber hat man die ersten Seiten gelesen, gibt es kein zurück mehr. Der oft überstrapazierte Begriff Sog tritt ein und es ist schon immer wieder ein kleines Wunder, wie aus einer „eigentlich alles schon dagewesen“-Geschichte ein unglaublich brillantes, auch über die vielen Seiten anhaltendes Lesevergnügen wird. Was sicher in meinem Fall auch damit zu tun hat, dass das Buch einen Maler porträtiert, einen Verleger, der einen Roman schreiben will enthält, es um Philosophie geht, es Querverweise in die Weltliteratur gibt und das Buch letztlich eine große Hommage an die Freundschaft ist.

Formal ist das Buch in drei große Teile und viele Kapitel unterteilt, umrahmt von einem Interview, welches Martin einer Literaturzeitschrift (?) gibt. Die Charaktere sind bestechend skizziert und gekonnt abgebildet, hier merkt man, dass die Autorin auch Psychologin ist. Ich halte dieses Debüt für eines der besten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ein Leuchten!

„Gesammelte Werke“ erschien im Mare Verlag. Übersetzt aus dem Schwedischen haben Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Kunst im Buch: Romane über Kunst und Künstler Teil 2

Als selbst Malende (siehe oben, Arbeitsplatz ) und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Romane über Kunst und Künstler. Eine Auswahl meiner bisherigen Highlights gab es bereits in Teil 1: hier. Nun erweitere ich den Beitrag, da ich wieder einige neue Bücher zum Thema gelesen und besprochen habe. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link.

Einzelne Künstler*innen/Roman:

Karin Grol: Himmel auf Zeit – Anita Ree 

Karen Grol ist mit „Himmel auf Zeit“ ein schönes Romanporträt der Malerin Anita Rée (1885-1933) gelungen, das mich auch sprachlich überzeugt hat. Karin Grol bettet Anita Rées Leben in die jeweils aktuellen zeitgeschichtlichen Ereignisse. Zudem hat sie einen Blick für das Innenleben der immer am Rande des Existenzminimums lebenden Künstlerin. Sie greift dafür ausgewählte Begegnungen auf, die sie ausführlicher betrachtet. Den Roman habe ich zusammen mit einem Ausstellungskatalog vorgestellt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/11/30/karen-grol-himmel-auf-zeit-ebersbach-simon-anita-ree-retrospektive-prestel-verlag/

Christina Hesselholdt: Vivian -Vivian Meyer

Das Leben der 1926 geborenen und 2009 gestorbenen Fotographin Vivian Maier war nicht einfach, sehr unruhig, oft prekär und womöglich gab ihr die Photographie einen Grund da zu sein. Dass der größte Teil ihrer Fotos erst nach ihrem Tod entdeckt, ja entwickelt wurden, ist das Schicksal, das viele Künstler teilen. Die 1962 geborene dänische Autorin Christine Hesselholdt hat ein ungewöhnliches Lebensporträt geschrieben, das weder Roman noch Biographie ist. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/02/christina-hesselholdt-vivian-hanser-berlin/

Ulrike Draesner: Schwitters – Kurt Schwitters

Die 1962 geborene Schriftstellerin Ulrike Draesner ist sehr vielseitig in ihrem Tun. Mit ihrem neuesten Roman „Schwitters“ über das Leben, des vor allem für sein Gedicht „Anna Blume“ bekannten Merz-Künstlers (1887 – 1948) bringt sie das Thema Sprache und das Schreiben in einer fremden Sprache auf den Tisch. Den Roman darf man sich nicht als Künstlerbiographie vorstellen. Es geht eher um den Mensch Kurt, seine Beziehungen und um die Flucht vor den Nazis ins Exil. In Hannover konnte er nicht bleiben. Seine Kunst wurde in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ gezeigt. Seinen Merzbau zurückzulassen war für ihn das schwerste und so begann er im Exil immer wieder mit kleineren Varianten davon. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/02/24/ulrike-draesner-schwitters-penguin-verlag/

Anne Stern: Meine Freundin Lotte – Lotte Laserstein

Anna Stern erzählt aus dem Leben der Malerin Lotte Laserstein (1898-1993). Sie war eine der ersten Frauen, die in den Zwanziger Jahren an der Kunstakademie in Berlin ihren Abschluss machte. Sie hatte mit ihren Bildern Erfolg und hatte sogar eine Einzelausstellung. Anna Stern erzählt vorrangig von der engen Freundschaft Lasersteins mit Traute Rose, die auch zum Lieblingsmodel wurde und viele Bilder prägte. Die Malerin erhielt 1933 Arbeitsverbot; da sie Jüdin war, floh sie 1937 nach Schweden ins Exil, wo sie Landschafts- und Porträtbilder malte. Erst nach dem Krieg sahen sich die Freundinnen wieder, hatten sich aber aufgrund der unterschiedlichen Lebensumstände entfremdet. Wo Traute versucht sie nach Deutschland zurück zu locken, hat Lotte nichts mehr für ihr Heimatland übrig: Die Mutter starb im Konzentrationslager, die Schwester wurde schwer traumatisiert. Traute lebte als Fotografin und war verheiratet. Laserstein starb 1993 allein in Schweden. Die Autorin schreibt in wechselnden Erzählsträngen jeweils vor und nach dem Krieg und mischt Fiktion mit biographischem Material. Von mir gibt es dazu bisher noch keine Besprechung. Mehr über das Buch beim Kindler/Rowohlt Verlag

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Kristine Reffstrupp: Ich, Unica – Unica Zürn

Kristine Reffstrups Roman über die in Berlin geborene Unica Zürn (1916-1970) ist ein ungewöhnliches Werk. Sie schreibt über Unica, die zusammen mit dem Künstler Hans Bellmer 1957 in einem Haus in Frankreich lebt. Die Geschichte umfasst etwa einen Sommer, in dem die beiden zusammen künstlerisch arbeiten, ist aber durchdrungen von Rückblicken. Wir erfahren Episoden aus Unicas und Hans` Leben und die Zeit ab dem Kennenlernen in Berlin. Hans Bellmer zählt zu den Surrealisten, ist bekannt durch seine Puppen-Arbeiten. Unica schreibt und zeichnet vor allem, bedient sich auch des Automatischen Schreibens und des Anagramm-Dichtens. Ihr Werk ist wesentlich weniger bekannt, als das von Hans. Wie es in dieser Zeit häufig war, verschwand sie  „als Frau von …“ hinter dem Künstler, obwohl sie ihn in seiner Arbeit sehr unterstützte. Das Besondere an diesem Buch ist, dass die Autorin mit Sprache experimentiert und es mit surrealen Traumsequenzen bereichert, die auch auf Zürns psychische Konstitution hinweisen, so dass Unica als Persönlichkeit und Fühlende im Mittelpunkt steht. Zu diesem Buch gibt es noch keine ausführliche Besprechung auf dem Blog. Mehr dazu auf der Seite des Aufbau Verlag. Das Buch wurde übersetzt von Elke Ranzinger und erschien zuerst im Nord Verlag.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht

Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940. In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/10/23/emily-carr-klee-wyck-die-die-lacht-verlag-das-kulturelle-gedaechtnis/

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich

Louis Soutter, (1871-1942) war ein Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Ihm gelingt damit ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/23/michel-layaz-louis-soutter-sehr-wahrscheinlich-verlag-die-brotsuppe/

Lukas Hartmann: Schattentanz – Louis Soutter

Auch Lukas Hartmann schrieb ein Porträt des Künstlers Louis Soutter. Er macht das allerdings auf ganz andere Weise, indem er mehrere Personen aus dem Umkreis Soutters abwechselnd zu Wort kommen lässt, darunter seine Schwester, seine Mutter, seine geschiedene Ehefrau und seinen berühmten Cousin, den Architekt Le Corbusier. Ich selbst habe noch keine Besprechung dazu geschrieben, aber eine Bloggerkollegin auf Zeichen & Zeiten.

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Kunst allgemein:

Jon Fosse: Der andere Name

Jon Fosses „Der andere Name“ auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, ist schwierig. Es gibt sicher wenige Autoren, bei denen das Werk so wenig plotorientiert ist. Die Geschichte lebt von der einfachen Sprache mit einer einzigartigen Rhythmik mit vielen refrainartigen Wiederholungen, die das Geschriebene trägt. Fosse selbst nennt es „Langsame Prosa“, was es ziemlich gut trifft. Es geht um einen Maler, der seit seine geliebte Frau gestorben ist, allein in seinem alten Bauernhaus lebt, recht erfolgreich ist mit seinen Bildern, die ein Galerist in Bergen für ihn verkauft. Der Maler hat schon als Junge so gut gezeichnet, dass er seine Bilder an Nachbarn verkaufen konnte. Am schönsten sind die Szenen, in denen der Held von seiner Herangehensweise an das Malen seiner Bilder, ausschließlich Öl auf Leinwand, erzählt: Dazu gehört meditatives Sitzen und Eintauchen in das Bild, oft im Dunkeln, weil er im Dunkeln das Leuchten, das Licht in den Bildern erkennt. Dann sind seine Bilder gelungen, wenn sie, zumindest für ihn dieses Licht im Dunklen haben. Und das bringt er durch den Verkauf der Bilder hinaus in die Welt … 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/03/jon-fosse-der-andere-name-rowohlt-verlag/

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Ein beglückendes Leseabenteuer, wie es selten zu finden ist, durfte ich hier erleben. Johan Harstad hat einen nahezu perfekten Roman konstruiert, dessen Sprache und Erzählweise mit dem Inhalt, den verhandelten Themen, um die Wette glänzen. Allem liegt eine tiefe Melancholie zugrunde, eine Dringlichkeit und Intensität, wie ich sie mag. Es geht um Max und seinen Freund Mordecai, die beide der Schaupielerei verfallen. Einer wird Theaterregisseur, einer Schauspieler. Und es geht um die Malerin Mischa, lange Zeit Max` Freundin und um seinen Onkel Owen, der die Musik liebt, Klavier spielt und gerne Pianist geworden wäre. Also beinahe das gesamte künstlerische Repertoire. Wir erleben die Entwicklung der Hauptfiguren, das Auf und Ab, die Schicksalsschläge, die Liebe und den Tod und das Künstlermilieu von New York auf über 1000 Seiten. 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/07/21/johan-harstad-max-mischa-die-tet-offensive-rowohlt-verlag/

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

Kristof Magnussons neuer Roman „Ein Mann der Kunst“ ist das, was man einen Pageturner nennen könnte. Kurzweilig und mit viel Sprachwitz ganz auf der Höhe der Zeit, kreiert er eine wunderbare Persiflage auf die heutige Kunstwelt und das Bildungsbürgertum. KD Pratz, ein typischer exaltierter Künstler ist alles andere als ein einfacher Mensch. Er hat sich seit Jahren auf eine Burg im Rheingau zurückgezogen und lebt und malt von der Außenwelt abgeschottet. Es gibt keinen Handyempfang, kein Internet, kein Social Media. Das Geheimnisvolle also, was den Künstler noch besonderer macht und seine Bilder noch teurer. Seit Jahren hat er kein Interview gegeben, ist nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen. Köstlich, wie es Magnusson gelingt gängige Klischees und unausgesprochene Wahrheiten in dieser Geschichte zu einer explosiven Mischung zusammenzubringen. Er schreibt rasante Dialoge und schafft deutliche Charaktere, die ich genau vor Augen habe. Die Masken werden von den Gesichtern gezogen, sowohl auf Künstler- als auch auf Kunstliebhaberseite. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/09/20/kristof-magnusson-ein-mann-der-kunst-kunstmann-verlag/

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Viel Vergnügen beim Kunst Erlesen!

Julia Voss: Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ S. Fischer Verlag / Ylva Hillström/Karin Eklund: Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint Henschel/Seemann Verlag

Selten lese ich Sachbücher oder Biographien. Doch hat mich die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern vor allem von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Dass die Künstlerin sich ausführlich mit Religion, Philosophie, Spiritismus und mit Spiritualität beschäftigt hat, finde ich gerade faszinierend. Einiges deutet darauf hin, dass viele ihrer Bilder, die ja teilweise riesig sind, aus der Verbindung als Medium entstanden. Beinahe folgerichtig erscheint es mir, dass sie damit ihrer Zeit voraus war und beschloss, dass die Bilder erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gehen sollten.

Hilma af Klint wird 1862 in Solna bei Stockholm geboren. Der Vater ist Offizier bei der Marine und er fördert Hilma, die sich fürs Zeichnen und Malen interessiert. Sie studiert an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm, die gerade erst auch Frauen fürs Kunststudium zulässt. Noch während des Studiums beginnt sie sich für Spiritismus zu interessieren und nimmt an Séancen teil. Mit einigen anderen Frauen gründet sie einen theosophischen Kreis, zu dieser Zeit unter Künstlern nicht außergewöhnlich. Sie bezieht ein eigenes Atelier, nimmt an verschiedenen Gemeinschaftsausstellungen teil und verdient sich ihr Geld mit Zeichnungen für ein Veterinärinstitut. Ab 1891 beginnt ein neues Kapitel: Sie wird zum Medium und erhält Anweisungen von höheren Wesen. In erstaunlichem Tempo malt Hilma ihre Bilderserien in zum Teil riesigen Formaten. Ich stehe diesen Bildern voller Bewunderung gegenüber und sehe in jedem einzelnen die spirituelle Kraft.

Mit ihrer Freundin Anna unternimmt sie Reisen. Sie begegnet Rudolf Steiner, erhofft sich Zuspruch, doch erhält nur Ablehnung. Auch später wird Steiner Hilmas Gemälde ablehnen, die sie sich in seinem „Tempel“ in der Schweiz vorstellen könnte. Währenddessen malt Kandinsky in Deutschland die angeblich „ersten“ abstrakten Bilder. Hilma malt, Hilma reist, Hilma zieht um. Zu ihrem Werk gehören unzählige Notizbücher mit Skizzen und Gedanken. Hilma möchte verstehen, wie die Welt, wie das Universum funktioniert, wie alles mit allem zusammenhängt. Mehrmalige längere Malpausen und verschiedene Wechsel der Techniken kennzeichnen ihren künstlerischen Weg. Als Hilma 80 Jahre alt ist, hat sie mehr als tausend Bilder gemalt, die kaum jemand gesehen hat. Sie übergibt ihren Nachlass einem Neffen und stirbt 1944. Tatsächlich werden ihre Gemälde erst viel später gezeigt und als das was sie sind erkannt: die ersten abstrakt gemalten Bilder. Ein Leuchten für diese Bilder und diese Biographie!

Ich möchte nicht nur Julia Voss` Buch vorstellen, sondern auch – und das ist Premiere! – ein Kinderbilderbuch, dass sich Hilma af Klint kindgerecht widmet. In „Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint“ erzählt Ylva Hillström über af Klints Leben als Malerin und Karin Eklund illustriert das ganz zauberhaft. Schwerpunkt des Bilderbuchs ist die besondere Gabe von Hilma, also nicht nur die Malerei, sondern das unermüdliche Beschäftigen mit Wissenschaft in Kombination mit dem Übersinnlichen. Dieses wird so aufgezeigt, dass es (für ganz kleine Kinder eher nicht) absolut natürlich und verständlich ist. Der Stil der Illustratorin passt perfekt zu Hilma af Klint. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Bilderbuch die Kinderfantasie anregt und vielleicht selbst Lust aufs Malen erzeugt. Im Band sind auch Abbildungen einiger Originalgemälde als große Farbtafeln teilweise aufklappbar. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde das Buch von Angelika Kutsch.

Viele der Bilder habe ich dem Kunstband „Hilma af Klint“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen und auch den Film „Jenseits des Sichtbaren“ von Halina Dyrschka kann ich nur empfehlen.

Die Biographie von Julia Voss erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Bilderbuch erschien beim Verlag Henschel/Seemann in der Reihe Bilderbande. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht Verlag Das kulturelle Gedächtnis

Nochmal mein Beitrag zu Gastland Kanada, da die Buchmesse ja diesmal stattfindet:
Gastland der letzt- und diesjährigen Buchmesse ist Kanada. Ich habe es nicht geschafft einen kompletten Beitrag als Übersicht über die ins Deutsche übersetzte kanadische Literatur vorzubereiten. Ein Buch hatte ich aber schon im letzten Frühjahr im Auge, schon wegen seiner schönen gestalterischen Aufmachung und es ist auch das einzige geblieben, das ich gelesen habe. Es ist ein Buch, das in Kanada in vielen Auflagen bis heute gut verkauft wird, ja, das sogar Schullektüre geworden ist. Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940.

In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht.

In den drei folgenden Geschichten erfahren wir von Emilys Vorhaben, die Totempfähle der Grabstätten verschiedener indianischer Dörfer zu zeichnen. Mit einem befreundeten Paar reist sie mit dem Boot von Insel zu Insel. Haiida Gwaii heißen die vor der Westküste British Kolumbiens gelegenen Inseln. Hier erzählt Emily von der einfachen naturzugewandten im Jetzt verankerten Lebensweise der Bevölkerung. Spannend zu erfahren, dass es in deren Sprache keine Schimpfwörter gibt.

„Ich setzte mich neben den sägenden Indianer und wir unterhielten uns ohne  Worte, zeigten auf die Sonne und aufs Meer, die Adler in der Luft und die Krähen am Strand. Wir nickten und lachten zusammen, ich saß da und er sägte. Der alte Mann sägte als lägen Äonen von Zeit vor ihm, und als wären all die Jahre, die bereits hinter ihm lagen, geruhsam gewesen, und alle kommenden Jahre wären es ebenso.“

Wir hören von Sophie, die Körbe flechtet und in Vancouver verkauft und die Emilys Freundin wird. Sophie, die einundzwanzig Babys bekommt, von denen nur wenige überleben. Sophie lebt im Reservat. Viele der Kinder werden in Internate gebracht, die von christlichen Institutionen geleitet werden. Dort versucht man sie zu „kultivieren“, doch werden sie ihrer Herkunft und ihrer Tradition komplett beraubt. Wir lesen von Louisa und deren Mutter, der Louisa unbedingt das traditionelle „indianische“ Pfeiferauchen abgewöhnen möchte, weil die Missionare das für Frauen unschicklich finden.

Emily lässt sich immer wieder in teils nicht mehr bewohnte Indianerdörfer bringen, auf der Suche nach Motiven für ihre Bilder. Dort findet sie auch immer wieder die D`Sonoqua, eine heilige Frau, die sie auf imposant geschnitzten Totems findet und von der sie wie magisch berührt wird. Vorrangige Motive werden für sie immer die Totems bleiben, die in den alten Dörfern zurückbleiben, wenn die Familien durch Missionare gedrängt, in modernere Ortschaften mit Läden und Häusern statt Hütten ziehen.

„Selbst diese wenigen Worte waren eine Neuerung – nach dem Vorbild der Weißen. In früheren Zeiten hätten Totemzeichen erklärt, wer dort lag. Die indianische Sprache kannte keine Schriftform. Anstelle der Kreuze wären hier die Habseligkeiten des Verstorbenen aufgetürmt worden: all seine geliebten Schätze, Kleidung, Pfannen, Armbänder – damit jeder sehen konnte, was das Leben ihm an eigenen Dingen geschenkt hatte.“

Dabei gerät sie mitunter in Seenot, auf unheimliche Inseln mit wilden Hunden und in heftigste Moskitostürme. Sie und damit auch die Leser erfahren, dass das Zeitgefühl der indigenen Völker ein ganz anderes ist. In der letzten Geschichte „Kanu“ etwa, fragt sie am Strand eine indianische Familie, ob sie sie im Kanu mit zurück zur Küste nehmen könnten. Sie sagen zu, sie müsse sich aber beeilen, da sie in Kürze ablegen wollen. Tatsächlich aber wird erst noch gekocht, Beeren und Strandgut gesammelt, die Abfahrt erfolgt viele Stunden später …

Emily Carr erzählt ihre Geschichten teils sehr poetisch und bildhaft, aber auch sehr direkt. Sie scheut sich nicht, die Methoden der Missionare in Frage zu stellen. Was dazu führte, dass man ihr Buch zwar zur Schullektüre machte, dabei aber den kritischen Blick auf die christliche Mission heraus kürzte. Die vorliegende vollständige Ausgabe erschien 2003 erst in Kanada. Im Vorwort von Kathryn Bridge erfahren wir mehr dazu. In jeglicher Hinsicht war Emily Carr für ihre Zeit eine bemerkenswert emanzipierte Frau, war sie doch immer sehr selbstbewusst alleine unterwegs, oft nur in Begleitung ihrer Hunde. So trifft sie aber oft auch, wie etwa im Ort Kitwancool, auf ebenso starke weibliche Präsenz bei den Frauen der First Nations.

„Klee Wyck“ erschien im „Verlag Das kulturelle Gedächtnis“. Es ist besonders schön gestaltet, wie alle Bücher aus diesem besonderen Verlag. Übersetzt aus dem kanadischen Englisch hat es Marion Hertle. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Etel Adnan: Zeit Edition Nautilus

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Ihr Name ist mir zwar schon begegnet, aber niemals hätte ich ihr Werk entdeckt, hätte sie nicht kürzlich den Hamburger Lichtwark-Preis 2021 (den ich auch nicht kannte) erhalten. Auf der Preis-Website steht über Etel Adnan:

„Der Lichtwark-Preis 2021 wird der aus dem Libanon stammenden und in Paris lebenden Künstlerin Etel Adnan (*1925) für ihr Lebenswerk verliehen. Ihre politisch aufgeladenen literarischen Werke beschreiben die weltlichen Zustände und ihre Zusammenhänge und sind eine starke Stimme des Feminismus und der Friedensbewegung. Ihre Malerei vermittelt ungefiltert die Freude der Künstlerin am Leben. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird alle vier Jahre von Senat und Bürgerschaft an Künstlerinnen und Künstler verliehen, deren Werke der bildenden Kunst sich durch besondere Innovationskraft auszeichnen. Namensgeber des Preises ist der Gründungsdirektor der Hamburger Kunsthalle, Alfred Lichtwark.“

Ich habe mich nun mit dem neuesten hierzulande erschienenen Band „Zeit“ beschäftigt und war von ihrer Sprache sogleich begeistert. Schon forschte ich nach ihrer Malerei und war auch davon sofort eingenommen. Als eine die selbst schreibt und malt, bin ich immer an Doppeltalenten interessiert. Aber Etel Adnan würde ich fast als Multitalent bezeichnen. Denn es stimmt, ihre Texte sind oft politisch, dabei aber gleichzeitig so hochpoetisch und reif und für mich auch spirituell. Aus ihnen strahlt eine Art Weltgewandtheit, eine sprachliche Fülle und Weisheit und gleichzeitig eine Frische und Aktualität, die ihresgleichen sucht.

„im Herbst gibt es eine Zeit, zu der die
Bäume ihre Natur ändern und
jenseits von Materie
erwachen; dann sieht man sie zu ihrem gewohnten
Selbst zurückkehren“

Von Alter und von Vergänglichkeit ist oft die Rede. Von der Natur des Menschen, von der Sterblichkeit, von der Unausweichlichkeit des Todes. Aber ebenso von den Freuden, vom Glück.

„Wir werden nicht wissen, ob das Leben umkehrbar ist,
doch eingeschrieben in den Schmerz
eine Freude, die sogar noch
mehr schmerzt,
wie der Fingerabdruck der Erinnerung
in der Verlassenheit des Herzens.“

Etel Adnan überschreibt mit Poesie all die Dinge und Geschehnisse, von denen man kaum erzählen mag. Dabei vergisst sie die Liebe nicht und die prägenden Begegnungen. Sie vertraut auf die Sprache und findet die treffendsten Worte. Viele der Gedichte scheinen sich zu erheben aus der Schwere der Erde und werden weit getragen vom Aufwind der Zeit.

„Sterne verlöschen
alle paar Sekunden; die Zeit,
die Information braucht, um
Welten zu durchqueren“

Aus dem Nachwort der Übersetzerin Klaudia Ruschkowski erfährt man, das „Zeit“ eine Sammlung aus Gedichten ist, die im poetischen Austausch mit dem Dichter Khaled Najar, dem sie 1976 kurz in Tunis begegnete. Der Band besteht aus 6 Kapiteln, die teils nach Ortsnamen, Tag oder Uhrzeit benannt sind – wir befinden uns mal in Paris, mal in London, mal in Kalifornien, mal in Greichenland – und dem letzten längsten Kapitel „Baalbek“, einem mythischen Ort im Libanon. Ruschkowski schreibt:

„Indem Etel Adnan sich in die unaufhörliche Bewegung des Stroms einschreibt, setzt sie nicht nur die Vorstellung von Grenzen außer Kraft, sondern auch die von einem Ende. Wo Zeit nicht linear ist, gibt es kein Ende. Aufgelöste Zeit ist Ewigkeit.“

Adnans Gedichte bestehen aus lyrischem Licht, in das mit jeder Zeile schon die Dunkelheit von Unmenschlichem, von Angst, Krieg, Tod und Leiden eindringen kann. Und gerade dieses Wechselspiel empfinde ich als große Kunst. Dieses „sowohl als auch“, dieses „dennoch“ und dieses absolute „Ja“, das sich aus den Zeilen herauslöst, bewundere ich.

„ich wäre gern ins Eckcafé gegangen,
um zu sehen, wie die Kälte vorbeidefiliert, während ich
im Warmen bin, oder auch, um jemanden zu lieben …
aber Bomben regnen auf Bagdad herab“

In Etel Adnans Gedichten dürfen die gegenwärtigen Menschen, die verlorenen Geliebten gleichwertig mit den Göttern und mit vergangenen Dichtern wie Omar Khayyam und lebenden wie Talal Haydar Hand in Hand gehen. Zeit existiert dann nicht mehr. Gegenwart und Vergangenheit lösen sich ineinander auf.

„Das Beste an der Vergangenheit ist / dass sie vorüber ist /
wenn du stirbst, / du erwachst / aus dem Traum / der dein Leben ist …“

Die große Offenheit, Weltgewandtheit und Weisheit der derzeit in Paris lebenden Dichterin, die auch eine Reisende, womöglich eine moderne Nomadin ist, zeigt sich in diesem Gedichtband in jedem Vers. Für mich ist sie die wertvollste Entdeckung bisher in diesem Jahr. Ich lege dieses Buch und auch die vielen anderen allen sehr ans Herz. Nicht nur Lyrikfreunden, Adnan schrieb auch Essays, kurze philosophische Texte und Romane. „Zeit“ erschien, wie die meisten Bücher in der Edition Nautilus. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Von ihrer Malerei (siehe auch Buchcover oben) gewinnt man auf Artnet einen Eindruck:
http://www.artnet.de/k%C3%BCnstler/etel-adnan/?type=gem%C3%A4lde

Karen Grol: Himmel auf Zeit Ebersbach & Simon / Anita Rée – Retrospektive Prestel Verlag

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Leider habe ich es 2018 nicht geschafft nach Hamburg zu fahren und mir die Retrospektive der wunderbaren Künstlerin Anita Rée (1885-1933) anzusehen. Ein kleiner Trost ist der Ausstellungskatalog und auch die informative Seite der Hamburger Kunsthalle. Außerdem erschien nun in diesem Jahr ein Roman über das Leben der Künstlerin. Karen Grol ist mit „Himmel auf Zeit“ ein schönes Porträt von Anita Rée gelungen, das mich auch sprachlich überzeugt hat.

Anita Rée wurde 1885 in Hamburg in eine wohlhabende Kaufmannsfamilie hineingeboren. Die Vorfahren ihrer Mutter stammten aus Venezuela. Sie nahm als junge Frau Malunterricht bei dem impressionistischen Maler Franz Nölken (in den sie sich unerwidert verliebt) und reiste schließlich 1912 für einige Monate zur Ausbildung ins lang ersehnte Paris. Hier lernt sie all die bekannten Künstler dieser Zeit kennen, unabhängige Frauen, bewundert all die Kunstwerke, kommt aber selbst kaum zum Malen, so überwältigend sind die Eindrücke dieser im Aufbruch befindlichen Metropole der Kunst.

Ab 1922 hielt sie sich 3 Jahre in Süditalien auf, eine Zeit, die sie sehr prägte. In Positano lebte sie in einer bescheidenen Behausung, bestellte einen kleinen Garten. Sie porträtierte Mitbewohner des Ortes, beschäftigte sich mit Landschaften und Ortschaften, Licht und Farbe, keineswegs naturgetreu, eher eigen verfremdet. Zudem lernte sie auf Reisen neue Malkollegen kennen und ließ sich inspirieren. Von einem Malschüler, Christian Selle, erhält sie jeden Sommer längeren Besuch. Die beiden erkundeten gemeinsam Italien. Eine inspirierende Liebesgeschichte mit dem jungen Mann beginnt, die allerdings nach ihrer ungewollten Rückkehr wegen Familienangelegenheiten, nicht von Dauer ist.

Fremde Kulturen interessierten sie. Es entstanden Bilder mit Fabeltieren, märchenhaften und exotischen Motiven, mit denen sie nicht nur Leinwände, sondern beispielsweise auch Möbel gestaltete. Außerdem tauchen immer wieder auch christliche und biblische Motive auf, die auf Rees Verehrung der alten Meister hinweisen.

Anita Rée scheint eine sensible, melancholische Frau gewesen zu sein. Immer wieder hinterfragt sie ihre Rolle als Mensch, als Frau, als Künstlerin. Vieles davon zeigt sich in ihren Selbstporträts, die zunächst ihr bevorzugtes Thema waren. Die Innenschau, die Frage nach dem Sein, nach der Herkunft? Wer bin ich? Wo will ich sein?

Karen Grol erzählt auch von dem andauernden Gefühl der Einsamkeit, von dem hohen Anspruch an die eigene Malerei und von den Zukunftsängsten, die zunächst durch den ersten Weltkrieg, später durch Weltwirtschaftskrise und das Erstarken des Nationalsozialismus aufkamen. Ihre jüdische Herkunft und das exotische Aussehen verstärkten das Fremdheitsgefühl. Auch Halt und ausdauerndes Glück in Beziehungen hat sie nie gefunden.

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Zurück in Hamburg war sie durchaus bekannt, wurde Gründungsmitglied der Hamburger Sezession und der GEDOK und erhielt viele öffentliche Aufträge, wie etwa das Wandbild „Die klugen und die törichten Jungfrauen“ in einer Schule. Es folgten private Auftragsarbeiten und Porträts und Ausstellungsbeteiligungen bis nach Brüssel. Dennoch litt sie immer unter Geldmangel, um sich ein ordentliches Atelier leisten zu können. Ein Tryptichon als Altarbild in einer Hamburger Kirche wurde nie angebracht, weil man Rée inzwischen als Jüdin ausgrenzte. Als sie sich in Hamburg nicht mehr sicher fühlte, aufgrund äußerer aber auch persönlicher Geschehnisse, zog sie 1932 nach Sylt. Dort änderte sich Stil und auch Material. War vorher alles in Öl, beginnt sie hier mit der Aquarellmalerei. Weniger starker Farbausdruck, keine Porträts mehr, fast ausschließlich Landschaften. Die Bilder sind Ausdruck ihrer empfundenen Einsamkeit. 1933 nahm sich Anita Rée auf Sylt das Leben.

An ihre Schwester schrieb sie kurz vor ihrem Tod:

„Ich kann mich in so einer Welt nicht mehr zurechtfinden und habe keinen einzigen anderen Wunsch, als sie, auf die ich nicht mehr gehöre, zu verlassen. Welchen Sinn hat es – ohne Familie und ohne die einst geliebte Kunst und ohne irgendwelche Menschen – in so einer unbeschreiblichen, dem Wahnsinn verfallenen Welt weiter einsam zu vegetieren … „

Karin Grol bettet Anita Rées Leben in die jeweils aktuellen zeitgeschichtlichen Ereignisse. Zudem hat sie einen Blick für das Innenleben der immer am Rande des Existenzminimums lebenden Künstlerin. Sie greift dafür ausgewählte Begegnungen auf, die sie ausführlicher betrachtet, macht aber mitunter auch abrupte Übergänge zwischen den Ereignissen. Für mich ein ausgesprochen gelungenes Künstlerinnenporträt!

Die Bilder stammen aus dem Ausstellungskatalog „Anita Rée Retrospektive“ Prestel Verlag, 2017

Der Roman „Himmel auf Zeit“ erschien in der ebersbach & simon.

Johanna Hansen: zugluft der stille edition offenes feld

Blau ist, wie mir scheint, die Farbe von Johanna Hansen. Das Coverbild ihres Lyrikbands „zugluft der stille“ betrachte ich immer wieder wie hypnotisiert. Das  Porträt einer Frau, umschmeichelt von blauestem Blau. Ein Blau, dass mich direkt hineinzieht in die Gedichte. Innen gibt es weitere Malereien der Autorin, die gleichzeitig auch bildende Künstlerin und Herausgeberin der Literaturzeitschrift „Wortschau“ ist, immer als Unterteilung der einzelnen Kapitel.

Noch vor dem Blau kommt in den Gedichten allerdings die Farbe weiß. Der weiße Schnee – das weiße Blatt. Winterlandschaften, äußere und innere. Grenzen kennen die Verse scheinbar keine. Weder zwischen Körper und Seele noch zwischen Wirklichkeit und Phantasie. Scheinbar … wären da nicht die Punkte. Die vielen Punkte, die andere Satzzeichen nicht benötigen. Das verlangsamt die Lektüre, das macht die Leserin achtsamer. Mir kam es mitunter vor, als würden die Verse zwischen den Punkten meine Atemzüge begleiten. Ein. Aus. Der Rhythmus vorgegeben. Und der Punkt als winzige Atempause. Ein Innehalten. Wer die Gedichte so liest, kommt ins Fließen.

„sobald mir die stimme wegbleibt im digitalen dauerregen.
konzentriere ich mich auf das geräusch meines atems.
ganz dicht neben dir. beim spaziergang im park höre ich
es deutlicher. und heute fiel dort von einem ulmenzweig
beiläufig und leise ein ach“

Und Wasser gibt es in der Tat auch in Hülle und Fülle. Ostseewasser ist dabei: Die Dichterin brachte Verse mit von einem Künstleraufenthalt in Lettland. Im Kapitel „schwimmschnee“ sind sie aneinandergereiht wie Perlen. Sie erzählen Geschichten …

Ein umfangreiches Kapitel widmet sich der Kindheit. Es ist mir das eindrucksvollste. Von Geburt an, womöglich schon vorgeburtlich. Es sind mit Zeilen von Kinderliedern oder Sprichwörtern durchzogene Texte, die kaum kindlich kuscheliges haben. Es ist die Kindheit eines Mädchens in Nachkriegszeiten, der Vater stumm, die Mutter fleißig und gläubig.

“ … mama sagt. gott teilt alles zu. auch die schuld. aber der
krieg passt in keine schuld. sie ist einfach zu groß und verschlingt
uns vollständig. eimerweise schütten wir vergib uns unsere schuld
aus den tagen. waschen den krieg ab. der bleibt trotzdem schmutzig.
kann nicht aufgeräumt und nicht weggeputzt werden. so viele
wörter werden ans kreuz geschlagen. vollkommene wörter. tauber
kram. unsichtbar. wie ich.“

Es sind starke teils albtraumhafte Sequenzen, die mitunter Bilder aus meiner eigenen Kindheit wecken. Zwischendurch immer wieder Momente der Lebendigkeit wie im Gedicht „kopfüber herzunter“. Wenn ich es richtig interpretiere geht es hier um die große Entdeckung des Schreiben- und/oder Lesenlernens. Die Schönheit des geschriebenen Worts, das Glück des Ent-zifferns. Und auch Tröstliches wie die Anna im „Porträt in Sepia“. Die Köchin, die Haushälterin?

„… sie den kopf ungeniert in den nacken legt. einfach
lacht. kind sagt. und winkt über die wicken
am zaun …“

Dann ein Sprung. Die Dichterin ist mit Paris verbunden, das Lyrische Ich ist dort unterwegs. Im Gedicht „madame“ folgen Stadtimpressionen. Sinnlich. Womöglich beeinflusst durch den Eindruck eines Bildes im Museum? Womöglich durch den Wandteppich Dame mit Einhorn? Eine poetische Bildbeschreibung mit vielfältigen Assoziationen und Wendungen folgt.

Und dann geht es zum Abschluss wieder in den Schnee. Es geht nach Davos. Das gefällt mir gut, denn ich bin Liebhaberin des „Zauberberg“ der von Thomas Mann hier angesiedelt wurde. Und es schließt sich auch ein Kreis – der des Ein- und Ausatmens. Denn hier fanden sich, die Lungenkranken in Sanatorien. Die Liegekur an der frischen Luft sollte heilen. Die Dichterin lässt das Lyrische Ich tief im Archiv der Sanatorien kramen. Hier finden sich „kulissen für inspiration. expiration“ und dem letzten Satz kann ich als ebenfalls Dichtende nur zustimmen:

“ … erst beim überschreiten des sprachraums zur stille öffnet sich das wort wie eine tür zum gedicht.“

Johanna Hansens Band weist auf ein künstlerisches Doppeltalent, was mich immer ganz besonders staunen lässt. Vor allem wenn, wie hier zu erkennen ist, sich das Eine mit dem Anderen verbindet und jede Trennung sich auflöst. Der Gedichtband erschien in der Edition offenes Feld. Danke für das Rezensionsexemplar!

 

 

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich Verlag Die Brotsuppe

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Aus dem kleinen feinen Verlag mit dem ungewöhnlichen Namen „Die Brotsuppe“ habe ich bereits vor einiger Zeit ein sehr besonderes Buchkunstwerk vorgestellt: „Willkommen im Tal der Tränen“ von Noëmi Lerch. Nun habe ich wieder eine Entdeckung gemacht. Da ich selbst male und mich sehr für Künstlerbiographien interessiere, passt dieses Buch über Louis Soutter, einen Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers.

Louis Soutter, 1871 in Morges in der Schweiz geboren, eigentlich unter den besten Voraussetzungen in einer wohlhabenen, angesehenen Familie, bricht aus den für ihn vorgesehenen Laufbahnen aus. Nach abgebrochenem Architekturstudium folgt ein Musikstudium an einem berühmten Konservatorium in Brüssel. Doch auch hier bricht er ab, um an eine Schule für Zeichnung und Malerei zu wechseln. Danach folgt die Heirat mit einer amerikanischen Violinistin. Beide gehen 1897 in die USA. Soutter erhält die Leitung eines Kunstinstituts. Die Ehe zerbricht. Er kehrt zurück in die Schweiz.

Hier beginnen nun die Probleme. Soutter spielt als erster Geiger in großen Orchestern, doch immer öfter hat er Aussetzer, hört mitten im Konzert einfach auf zu spielen, versinkt in Tagträumereien. Er lebt über seine Verhältnisse, kauft sich teure Kleidung, die Schulden häufen sich. Der Bruder, ein Apotheker, muss immer öfter für sein Auskommen aufkommen. Seine Stellen verliert er, spielt nur noch in Hotels oder in Kinos, lebt in einer engen Mansarde. Sein Freiheitsdrang lässt ihn immer wieder tageweise verschwinden. Dann wandert er vagabundierend im Anzug durch Schweizer Landschaften und übernachtet schon mal im Heuschober. Die Familie entscheidet sich für einen Vormund. 1923 lässt man ihn mit 52(!) Jahren dauerhaft in ein Altersheim in Ballaigues im Schweizer Jura einweisen. Für ihn ist das schwer erträglich. Er beginnt zu malen. Exzessiv.

Das Malen löst die Musik ab. Soutter zeichnet täglich mehrere Bilder, wie in einem Rausch. Was ihn antreibt, sind die eigenen inneren Gespenster, aber auch die unglaublich starke Verbindung zur Natur. Was mit ihm geschieht, wenn er sich dem Bilderstrom hingibt, würde man heute vermutlich „Flow“ nennen. Ich bin sicher, er ist dabei mit etwas Höherem verbunden.

„Wie das Licht, die Rundung der Hügel und Täler es wollten, ließ Louis sich von der Landschaft einsaugen, er wollte nicht neben der Natur sein oder über ihr, sondern in ihr, in Bewegung ganz in ihrem Innern.“

In den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod entkommt er dem Heim nicht. Trotz kurzer Hoffnungsschimmer bleibt er dort allein zurück, strengen christlichen Regeln ausgeliefert, lebt immer asketischer. Sein Cousin, der Architekt „Le Corbusier“ besucht ihn einmal, ist begeistert von seinen Bildern, gibt ihm kurz öffentliche Aufmerksamkeit, wendet sich später aber ab. Jean Giono, der südfranzösische Schriftsteller und Cousin einer Pflegerin besucht ihn, kauft schließlich sogar einige Bilder ab. Auch der Schweizer Nationaldichter Ramuz verspricht ihm eine Zusammenarbeit. Und eine reiche entfernte Cousine lässt ihn in ihrem noblen Landhaus ab und an „Urlaub vom Heim“ machen. Doch niemand hilft ihm von dort dauerhaft wegzukommen. Seine eigenen Einsprüche wirken nicht. Ab 1937 malt er nicht mehr mit Feder oder Bleistift sondern mit den Fingern. Schwarz wird immer die vorherrschende Farbe bleiben. Am 20. Februar 1942 stirbt er allein in seinem Bett im Altersheim von Ballaigues.

Layaz schildert das alles in einem der Zeit angemessenen Ton. Er pickt Lebensjahre heraus und erzählt die wichtigsten Ereignisse, lässt auch Kleinigkeiten, die mir höchst wichtig erscheinen mit einfließen. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Es ist schwer abzuwägen, was hier tatsächlich biographisch ist und was fiktiv, doch der Autor zeigt immer offen, wenn er Vermutungen anstellt, wenn er sich der tatsächlichen Details nicht sicher ist. Ihm gelingt ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Einfach erschließt sich weder eine solch unruhige Lebensgeschichte, noch solch komplexe Werke.

„Man hatte ihn manchmal gefragt, was er für Wünsche, Pläne hätte, doch seiner Miene nach wurde rasch klar, dass es ihm zuwider war, von sich zu sprechen. Manche hatten bemerkt, dass er sehr gebildet war, dass er sehr gut verstand, was man sagte, dass er sehr empfindsam war, eine Senisbilität, die er wie ein Makel mit sich herumschleppte, ein Gewicht, das er vergeblich irgendwo abzulegen versuchte.“

Soutter war meiner Meinung nach ein großes Talent, ein einzigartiger Künstler, ein Eigenbrötler im besten Sinne, freiheitsliebend und unkonventionell, sich nicht den Zwängen seiner Zeit unterwerfen wollend, und hatte das Pech, wie so viele Genies, vollkommen verkannt zu werden. Er war sicher kein einfacher Mensch, aber möglicherweise einer, der seiner Zeit voraus war. Nach der Lektüre begleitet er mich noch fast täglich in meinen Gedanken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Verlag Die Brotsuppe. Übersetzt aus dem Französischen hat es Yla M. von Dach. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.