Kirstin Breitenfellner: Maria malt Picus Verlag


„Jede Zeichnung ist ein Triumph über die Unruhe der Welt.“

Die Autorin Kirstin Breitenfellner hat der wunderbaren österreichischen Künstlerin Maria Lassnig einen Roman gewidmet. Gleich mit dem Cover taucht die Leserin ein in Lassnigs Malerei: „Selbstporträt als Tier“, 1963 entstanden. Ich hatte das Glück, dass es gerade hier in Berlin eine kleine Ausstellung von Maria Lassnig gab, was die Lektüre bestens ergänzt hat und meinen Eindruck der Besonderheit dieser Künstlerin bestätigt hat.

So erlebt Maria gleich als Kind, dass zwischen weiblich und männlich ein großer Unterschied besteht. Und sie wird es noch lange spüren, denn auch die Kunstwelt, in die sie sich mutig hinein begibt, bevorzugt männliche Künstler.

„Wenn man einen Sohn bekommt, dann trinkt man Wein, und wenn man ein Mädel bekommt, Wasser, sagt die Mutter. Und dann rennt man noch mehr davon, als wenn man einen Buben bekommt, sagt die Mutter, sie hat es schon so oft gesagt, aber jedes Mal, wenn sie es sagt, wird es noch wahrer.“

Nach einem kurzen Kapitel über Maria Lassnigs Kindheit, sie wird 1919 als uneheliches Kind in Kappel, Österreich, geboren und lebt lange bei der Großmutter, bis die Mutter sie nach Klagenfurt holt, finden wir Maria in Wien wieder, wo sie Kunst studiert. Der Künstler Arnulf Rainer ist ihr Freund. Sie fahren zusammen nach Paris, wo sie auf der Suche nach dem eigenen Stil Paul Celan, Jean Paul Sartre und André Breton kennenlernen. Doch eine Art Initiation erfährt Maria erst in einer kleinen Galerie, wo sie die Art Gemälde findet, die sie auch malen will. Sie will nach innen gehen.

Im Anschluss geht es in vielen Zeitsprüngen durch Maria Lassnigs Leben. Nicht trocken sachlich, sondern sprachlich sehr fein ausgearbeitet. Der kurze Satz „Maria malt“ kommt wie ein Mantra immer wieder daher und zeigt so auch die Wichtigkeit dieser Tätigkeit. Wenn sonnst alles im Argen liegt oder menschliches Chaos herrscht, wird gemalt. Jede Liebesbeziehung wird auserzählt und damit auch die besonderen Schwierigkeiten, die Maria mit den Männern hat. Bindungs- und Freiheitswunsch lassen sich oft schwer unter einen Hut bringen. Meist sind die Männer jünger. Auch im Älterwerden bleiben die Liebhaber immer jünger. Doch eine ernsthafte Beziehung geht Maria später nicht mehr ein.

„Wenn ein Mann heiratet, dann um seine Kunst zu finanzieren. Wenn eine Frau heiratet, dann um ihre Kunst aufzugeben.“

Da ist Arnulf Rainer, der eigentlich als ihr Schüler auftaucht, sich aber sehr gut vermarkten kann, was Maria nicht kann und auch nicht will. Sie bleibt ihrem Weg treu. Die Trennung folgt. Ähnliches passiert mit dem Lebenskünstler Buddy, später dem noch jüngeren Ossi. Viele der Männer sind von Kriegserlebnissen traumatisiert. Noch mit 35 Jahren wird sie von der Mutter mit Lebensmitteln und Geld versorgt, obwohl sie zwar Ausstellungen hat, aber doch die wenigsten etwas von ihr kaufen wollen. Das kleine Atelier in Wien muss ja bezahlt werden.

„Maria lernt etwas: Es ist nicht notwendig, seine eigene Kunst zu erklären, denn es will sowieso niemand wissen, worauf sie hinauswill. Was in ihr drinnen ist und aus ihr herauswill. Hauptsache, Maria weiß es selbst, in ihrem Herzen.“

Erst im Alter von 40 Jahren hat Maria Lassnig ihre erste Einzelausstellung. Beteiligungen gab es zwar schon lange, doch Maria bekommt immer wieder zu spüren, dass sie es als Frau eben schwerer hat. Das kann Maria kaum ertragen. Die Kritiken, die auf die Ausstellung folgen scheinen zwar gut, doch Maria spürt, dass sie es in Wien nicht wirklich schaffen kann. Zumindest nicht so, wie sie ihre Kunst erarbeitet und versteht. Sie geht nach Paris für einige Jahre, dann für sehr lange nach New York.

„Wenn Marias Kunst „durchaus maskulin“ anmutet, heißt das natürlich, dass sie nie an das Lob, das für Männer bereitgehalten wird, herankommen wird. Dazu braucht es keine prophetischen Gaben. Die Volkszeitung schlägt in dieselbe Kerbe und meint, dass bei Maria eine „für eine Frau auffällige Beteiligung des Intellekts“ zu erkennen sei.“

Mitten im Roman kommt unerwartet, aber sehr aufschlussreich, noch ein längeres Kapitel über Marias Kindheit. Als sie noch Riedi genannt wurde und die Mutter sie mit nach Klagenfurt zum „neuen“ Vater nimmt. Was Riedi zu erdulden hat mit einer derart kalten Mutter (von der Maria auch später kaum los kommt, eine Art Hassliebe?), lässt mir das Blut in den Adern gefrieren. Aus dem Text heraus lese ich, dass Maria als Kind schon hochsensibel war und es damit ohnehin schwer hatte. Eine gesunde sichere Bindung durfte sie wohl nie erleben und das setzt sich oft in ihren späteren Beziehungen fort. Zudem steht für Maria immer die Kunst im Vordergrund.

„Was Maria nicht versteht: Wie man zugleich ein guter Künstler sein kann, also schwer, und guter Gesellschaftsmensch, also leicht.“

Paris scheint nicht der richtige Ort zu sein um weiterzukommen. New York ist es. Hier kann sie weiter an ihren unzähligen Trauerbildern malen, nachdem die Mutter starb („Maria weint mit dem Pinsel.“). Hier findet sie auch den Zusammenhalt von Frauen, den sie bisher in Europa vermisst hat. Maria Lassnig wird bekannter, hat Ausstellungen, malt Bilder. Hier erkundet sie auch andere Techniken, wie das Zeichnen und bearbeiten von Trickfilmen. Doch das Malen bleibt immer die Herzenskunst. Ein Jahr verbringt sie in Berlin mit einem Stipendium. Im Jahr 1980 kommt die Berufung als Professorin an die Hochschule für angewandte Kunst in Wien. Maria kehrt nach Österreich zurück.

In der Hochschule kommt es auch zu Auseinandersetzungen mit den jüngeren Schülerinnen und auch die Konkurrenz zu Arnulf Rainer lebt wieder auf, da er an der Akademie der Künste ausgerechnet Malerei lehrt. Er, der vor allem „übermalt“. Letztlich erkennt Maria als sie längst in Pension ist und in ihrem mitten in der Natur gelegenen Ruhesitz in Kärnten, dass die Schüler ihr doch auch am Herzen lagen. Im letzten Kapitel, das in der Ich-Form geschrieben ist, durchlebt Maria eine Art Rückschau und obwohl sie mit 80 alt ist, fühlt sie es nicht so. Sie will immer weiter malen.

Kirstin Breitenfellner hat sicher viel recherchiert und sich eingefühlt. Ihr Blick liegt immer wieder auf der besonderen Sensibilität der Künstlerin. Die Betonung, aus einer erspürten Körperlichkeit heraus, aus dem innen heraus zu malen, die Bilder in Ruhe aufsteigen zu lassen und nicht nach der Mode zu malen, nicht für alles Geld der Welt. Die Betonung, dass es Frauen sehr viel schwerer im Kunstbetrieb haben, die auch Maria immer wieder einholt, ist auch heute/jetzt noch genauso stimmig. Mal klebt sich Maria einen Bart an, mal will sie keine Künstlerin sein, sondern Künstler. Sie verabscheut diese Festlegung auf „Frauenmalerei“, die natürlich immer von Männern kommt. Die Autorin hat zudem eine ganz wunderbare Sprache gefunden, die diesen Roman für mich zusätzlich zum Inhalt sofort leuchten lässt. Große Empfehlung für Kunstfreund/innen!

Der Roman erschien im Picus Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

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Aus dem Archiv: Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon Bilder eines Lebens Jüdischer Verlag im Suhrkamp Verlag

Astrid Schmetterling: Charlotte Salomon: Bilder eines Lebens

„C´est toute ma vie“ – „sich das Leben nehmen oder etwas ganz verrückt Besonderes unternehmen“

Charlotte Salomon entschied sich für das „ganz verrückt Besondere“. Sie schuf binnen eineinhalb Jahren ein riesiges Gesamtkunstwerk. Unter dem Titel „Leben? Oder Theater?“ (1940-1942) beginnt sie ihr Mammut-Projekt: Sie malte ihr Leben in über 1000 Blättern, die zudem mit Text versehen und mit Musik angedacht waren: Ein „Singespiel“, das eine wahre Meisterarbeit ist. Trotz ihres Entschlusses, sich nicht das Leben zu nehmen, war ihr Leben kurz. Sie wurde 1943 im Alter von 26 Jahren in Auschwitz-Birkenau ermordet.

Bereits 2001 erschien das vorliegende Buch von Astrid Schmetterling über die jüdische Künstlerin Charlotte Salomon erstmals. Nun hat sie es neu überarbeitet. Anlass war der 100. Geburtstag von Charlotte Salomon am 16.4. Im Buch sind außer Malereien auch einige wenige Fotos der Malerin abgebildet.

Charlotte Salomon wird 1917 als Tochter des Arztes Albert Salomon und Franziska Grunwald in Berlin geboren. Sie ist ein aufgewecktes, doch von starken Stimmungsschwankungen geprägtes Mädchen. Im Alter von acht Jahren begeht ihre schwermütige (aus heutiger Sicht depressive) Mutter Suizid. Charlotte gegenüber spricht man nicht von Selbstmord. Das wird sie erst viel später von ihrem Großvater erfahren. Charlotte wird nun von Kindermädchen und den strengen Großeltern betreut. Der Vater bemüht sich, ist aber ganz in seiner Arzttätigkeit absorbiert. Eines der Kindermädchen erweckt in Charlotte die Lust auf das Zeichnen und Malen. Fortan wird diese Neigung Charlotte ihr Leben lang begleiten.

„Weibliches Sprechen, Schreiben, Malen, als zulassen anderer Blickwinkel und Deutungen, als Sprechen vom Ort der Frau aus, jenem Ort, der zugleich innerhalb der sozialen Ordnung ist und außerhalb, zugleich eingegrenzt, in die Grenzen gewiesen, und ausgegrenzt.“

Astrid Schmetterling gelingt in ihrem Band über Charlottes Leben und Kunst vor allem auch eine  weibliche Betrachtungsweise. Zusätzlich legt sie den Focus auf das Dasein als Jüdin in Zeiten des Nationalsozialismus. So verlässt Charlotte die Schule ein Jahr vor dem Abitur, wegen der zunehmenden antisemitischen Anfeindungen. Dass Charlotte es einige Zeit darauf schafft in der Kunsthochschule in Berlin angenommen zu werden, in einer Zeit in der Juden fast keine Möglichkeiten und keine Rechte mehr haben, ist allein Charlottes Tatkraft und ihrem starken Willen zuzurechnen. Selbst als sie es beim ersten Mal nicht schafft, versucht sie es ein zweites Mal. Und es gelingt. Als ihr jedoch dort ein 1. Preis aberkannt wird, eben weil sie Jüdin ist, verlässt sie sofort die Akademie.

„Es ist diese gewaltsame Realität, von der Charlotte Salomons brüchige Sprache erzählt. Gegen die nazistische Einheits- und Ganzheitsrhetorik setzte die Künstlerin Fragmentierung und Vermischung, behauptete sie mit ihrem Werk ihre Differenz, ihr Anderssein. Als Jude, als jüdische Frau, als jüdische Frau im Exil.“

In vier Kapitel gliedert Astrid Schmetterling das Buch auf: Bildteil, Vorspiel, Hauptteil, Nachwort, vielleicht in Anlehnung an ein Theaterstück.

Im umfangreichen Bildteil eröffnet sich gleich die große Ausdruckskraft der Charlotte Salomon. In ihren Malereien zeigt sie ihre besondere Eigenart – heute würde man ihre Art vielleicht in die Sparte der Graphic Novels einordnen – sie malt auf Papier mit Gouachefarbe auf einzelnen Blättern fortlaufende Ereignisse wie in einer Bildgeschichte. Nicht immer sind sie mit Text versehen. Falls doch, hat Charlotte sie mit dem Pinsel ins Bild integriert oder Zwischenblätter eingelegt. 32 Blätter hat Astrid Schmetterling für das Buch ausgewählt, Bilder die die große Vielfalt von Charlottes Kunst widerspiegeln.

 

Im zweiten Kapitel weist Schmetterling darauf hin, dass Charlottes Werke oft nur als zeithistorische Dokumente wahrgenommen wurden, ähnlich des Tagebuchs der Anne Frank. Glücklicherweise, schreibt sie, hat sich das inzwischen verändert: Bekannt gemacht in den letzten Jahren durch mehrere Ausstellungen in den verschiedensten Ländern, auch auf der documenta 2012, wird Salomons Arbeit endlich als ernstzunehmende Kunst beachtet. Mittlerweile wird Salomons Stück sogar als Theaterstück, Oper und Ballett aufgeführt. Die Reduzierung auf ein rein biografisches Werk hält die Autorin für falsch. Charlotte hat Fakten mit Fiktion geschickt verwoben.

[…] ein komplexes Werk aus biografischen und fiktiven Elementen, das davon zeugt, wie sehr sich Charlotte Salomon der Täuschungen bewusst war, denen sich ein erinnerndes Ich beim Versuch, sich selbst zu schreiben und zu malen, unterliegt.“

Charlotte Salomons vielschichtige Bilder sind schwer einzuordnen. Der Vielfalt liegt vermutlich die Tatsache zugrunde, dass sie sie aus ihren zwei Lebenswelten zusammensetzte: Aus Heimat in Verbindung mit der Zeit im Exil in Südfrankreich. „Auflesen und Wiederverwenden“ nennt es Schmetterling im Buch.

„Eine Frau sitzt am Meer. Den Rücken uns zugewandt, malt sie. Sie malt das tiefblaue Wasser und den Sand, den endlosen Himmel und das Licht. Das Blatt auf ihrem Schoß erscheint jedoch durchsichtig. Als sei es kein Bild, sondern nur ein Rahmen, der ein Stück vom Augenblick umfängt. Ein Rahmen, in dem Abbild und Wirklichkeit ineinanderfließen. Leben oder Theater? Diese Frage ist der Frau auf den Rücken geschrieben.“

Dieses hier von der Autorin beschriebene Bild scheint ein Schlüssel zu sein, der die Tür zu allen anderen Bildern, ja zum Leben Charlottes öffnet. Es entstand in Südfrankreich, wo sie sich in ein kleines Hotel am Cap Ferrat zum Malen zurückgezogen hatte. 1939 war Charlotte aus Berlin geflohen und kam zunächst zu den Großeltern nach Villefranche. Dort nimmt sich Charlottes Großmutter 1940 das Leben. Kurz darauf bringt man sie und den Großvater ins Lager Gurs. Doch sie kommen wieder frei aufgrund des hohen Alters des Großvaters. Charlotte schafft es anschließend nur mithilfe der Malerei eine tiefe Krise zu überstehen. So beginnt sie wie eine Getriebene mit ihrem Lebensprojekt „Leben? oder Theater?“, an dem sie fast zwei Jahre lang malt, die Schlüsselszenen ihres Lebens in Farbe festhält.

Astrid Schmetterling berichtet weiter, dass Charlotte ihre Arbeiten wie ein Theaterstück inszeniert: Alle Figuren gibt es im eigenen Leben, sie werden jedoch umbenannt, erhalten teils skurrile neue Namen. So nennt sie ihre Stiefmutter, die Opernsängerin Paula Lindberg, die sie verehrt und liebt, in ihrem Stück Paulina Bimbam. Ihr Vater heißt Albert Kann. Der Gesangspädagoge ihrer Mutter und gleichzeitig angehimmelter Geliebter Charlottes, Alfred Wolfsohn, trägt den Namen Amadeus Daberlohn. Charlotte schwebt als allwissende Erzählerin über den Geschehnissen. Viel Ironie steckt hinter dieser Vorgehensweise.

Sie bindet auf vielen Seiten Anweisungen für die Begleitmusik mit ein. Diese reichen von klassischer Musik über Opern bis zum aktuellen Schlager. Bei der Textauswahl finden sich oft Sprichwörter zwischen Bibelpassagen und Zeilen aus klassischer Literatur – Goethe, Dante, Rilke etc. Charlotte ließ sich von einigen Künstlern aus verschiedensten Epochen inspirieren. Ihre Bilder enthalten beispielsweise Elemente der mittelalterlichen Buchmalerei, gleichwohl aber orientierte sie sich an der expressionistischen Malerei: Van Gogh, Gauguin, aber auch Chagall.

Nach Abschluss ihrer Arbeit für „Theater“ oder Leben?“ lebt Charlotte Salomon wieder in Villefranche. Trotz aller sie umgebender Widrigkeiten, die Nazis sind mittlerweile auch bis in den Süden Frankreichs vorgedrungen, heiratet sie. Mit ihrem Mann und dem ungeborenen Kind wird sie  1943 nach Auschwitz gebracht und ermordet. Sie hatte ihr Werk einem befreundeten französischen Arzt übergeben, der es bis nach dem Krieg aufbewahrte. Charlottes Eltern, die in Amsterdam in einem Versteck überlebten, übergaben es später einem Amsterdamer Museum.

Astrid Schmetterling ergänzt ihr Buch am Ende mit aufschlussreichen Anmerkungen und einer biografischen Zeittafel. Sie beleuchtet sehr differenziert Aspekte aus Charlotte Salomons Leben und Werk. Zusammen mit den Bildtafeln kann der/die Leser/in sich ein recht umfangreiches Bild von dessen Strahlkraft machen. Ein Wunder vielleicht, jedenfalls ein großes Glück, dass die Blätter erhalten blieben …

Diese Rezension erschien zuerst auf fixpoetry.com, einer wunderbaren Plattform für Literatur und vor allem auch Lyrik. Aufgrund fehlender finanzieller Unterstützung wurde das Portal geschlossen.

Erschien zuerst auf fixpoetry.com
14.05.2017 Hamburg Von Marina Büttner

Etel Adnan: Die Stille verschieben Edition Nautilus

„Aber alles dauert nur eine Weile, wahrscheinlich selbst die Ewigkeit.“

Erst im letzten Jahr entdeckte ich die vielseitige und besondere Schriftstellerin und Malerin Etel Adnan. Kurz darauf starb sie im Alter von 96 Jahren. Sie hatte ein reiches Leben, welches auch durch ihre vielen Schriften, Texte und Bilder dokumentiert ist. Erst kürzlich sah ich einige Bilder von ihr in einer Berliner Ausstellung (siehe oben). Nun ist ihr letztes Buch in deutscher Übersetzung erschienen. „Die Stille verschieben“ ist ein wirklich passender Titel, denn es ist im Bewusstsein der Möglichkeit des nahenden Todes geschrieben.

„In jedem Ende liegt eine Einsamkeit, aber wir haben uns schon einsamer gefühlt. Wir sind auf Gipfel gestiegen, um seltsamen Bauchschmerzen zu entkommen, aber wir stießen auf andere Schmerzen. Das Licht schwindet wie damals, als wir von der Schule heimkamen, oh die Verzweiflung, die Kinder kennen und sich nicht anmerken lassen! Ich hatte Angst vor dem Ende des Tages, jetzt fürchte ich den Tag selbst. Dazwischen liegen Jahre, aber die, die ich war, ist seither verschwunden.“

Es sind mehrzeilige kurze Texte, die aus Gedanken entstanden und sich teilweise aufeinander beziehen. Sie unterstehen keiner chronologischen Reihenfolge. Es könnten auch Tagebuchauszüge sein. Jedenfalls ist es zunächst leicht, sich auf sie einzulassen. Man springt gerne mit den Denkansätzen hin und her. Wir bewegen uns gedanklich zu den verschiedenen Orten, die große Bedeutung in Adnans Leben hatten. Der Geburtsort Beirut, Paris, die Bretagne, Kalifornien. Aber auch die mythischen Landschaften der Antike fehlen auf kaum einer Seite. Immer wieder taucht Delphi auf mit seinem Orakel, Prometheus, Ikarus und auch Schriftsteller wie Tolstoi und Dostojewski.

„Besser zugeben, dass wir im Lauf der Zeit immer weniger von allem wissen. Lassen wir die Dinge ihren eigenen Lauf nehmen., wann immer sie einen haben.“

Doch auch die aktuellen Themen wie Flüge in den Weltraum, die KI, die künstliche Intelligenz (die Gedichte schreiben kann), die Kriege, die Politik, das Zeitgeschehen finden Eingang in dieses Buch. Oft wird dabei auf die Ewigkeit angespielt, die Größe des Universums, die Un-Endlichkeit. Die Stille wirkt manchmal beängstigend auf die Autorin, manchmal wird sie zur großen Beruhigung. Ebenso wie der Sternenhimmel, die Natur, die Gezeiten – alles ganz unabhängig vom Menschen funktionstüchtig.

„Was kann man gegen melancholische Stimmungen tun? Ich mache mir Gedanken. Ich weiß es nicht. Sie haben mir so lange Gesellschaft geleistet, sie sind sogar mit mir gealtert. Sie brachten mich zu Flughäfen und Bahnhöfen. Ich hätte sie vermisst, wenn sie verschwunden wären, ja, wirklich; unsere Freunde sind nicht notwendigerweise menschlich. (Zu menschlich?)“

Etel Adnan kann, wie ich finde, wunderschön in Worte fassen, was eigentlich unsagbar ist. Vielleicht sogar unvorstellbar, wenn man nicht direkt der eigenen Vergänglichkeit gegenübersteht. Sie scheint durchlässig und akzeptierend noch im Wissen, dass das Dasein nur ein Lidschlag ist, gegenüber der Weltzeit. Dieses Buch ist somit, salopp ausgedrückt, ein Ratgeber im Angesicht der Sterblichkeit und gleichzeitig ein Hoch auf die Schönheit und die Reife des Alters. Und vor allem ist es ein Gedankenbuch einer klugen, ich möchte sogar sagen, weisen Frau, die es versteht, mit feinster Sprache, mit Wort und Bild zu gestalten. Ein Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Nautilus. Die Übersetzerin Klaudia Ruschkowski, die Etel Adnan gut kannte, hat ein aufschlussreiches Vorwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Bereits hier auf dem Blog besprochen:

Eckhart Nickel: Spitzweg Hörbuch speak low



„Wie etwas gemeint ist, darüber haben sich auch die klügsten Geister schon immer den Kopf zerbrochen. Jedes Mal, wenn ich einem Streit beiwohne, habe ich den Eindruck, das alles Übel dieser Welt daher rührt, dass Menschen verschiedener Meinung sind.“

Wie habe ich als Teenager die Bilder von Carl Spitzweg geliebt, allen voran „Der arme Poet“ (nicht ahnend dass ich selbst einmal ähnlich arm poetisch unterm Dach sitze – Haha!). Ich glaube mit ihnen hat meine Freude an Kunst begonnen. Da wurde ich natürlich sofort aufmerksam auf den Roman von Eckhart Nickel. Auf dessen Cover ist allerdings „Der Hagestolz“ abgebildet. Das ist ein geschickter Schachzug, denn tatsächlich geht es ganz am Schluss des Romans dann in einem fabelhaften Showdown um ein anderes Werk des Malers der Spätromantik.

Welch ein kluges, witziges, sprachfertiges, anspruchsvolles Buch! Coming of Age-Geschichten sind sonst so gar nicht mein Ding, aber hier ist es Nickel wirklich gelungen mich zu begeistern. Vielleicht auch, weil ich mir selbst so einen gebildeten kunstbegeisterten Freund in meiner Jugend gewünscht hätte, wie es Carl im Roman für den jugendlichen Helden ist. Die ausgewählten Zitate zeugen als Beispiele davon, warum mich dieser Roman so gut unterhalten hat und gleichzeitig mit seiner feinen Sprache fasziniert hat. Er wird hervorragend und absolut passend zum Inhalt und Stil interpretiert von Schauspieler Andreas Hutzel.

„Ich habe einmal gelesen, es sei die einzige Aufgabe unseres Daseins einen Mittelweg zwischen Schmerz und Langeweile zu finden. Also eine Balance herzustellen zwischen Entbehrung und Überdruss. Und dass es nur dadurch möglich sei sich einen inneren Reichtum aus Geist und Empfindungen anzulegen, der uns unabhängig mache von den Unbilden stumpfer Geselligkeit, wie sie die äußere Welt für uns bereit hält mit der geistlosen Leere der Zerstreuungssucht und der Verrohung ihrer Sinne bis zur Empfindungslosigkeit. Nur wie sieht dieser innere Reichtum aus? Wie und wo häufe ich ihn an?“

Gleich eingangs findet sich ein Beispiel, welches aufzeigt, weshalb viele Menschen schon in der Schule vom Kunstunterricht vollkommen entmutigt sind und so auch später immer sagen werden: „Ich kann nicht malen“ oder „Ich kann mit Kunst nichts anfangen“. Kunstlehrer*innen und die Notengebung sind eher oft das Problem. Auch der Umgang mit und der Blick auf Kunst wird hier geprägt. Ich hatte damals das große Glück eine wunderbare und fördernde Kunstlehrerin zu haben. Das hat mich weit getragen. Der Hauptprotagonist jedoch meint gleich eingangs, dass er mit Kunst eigentlich wenig am Hut hat, außer mit den in Zeitungen oft zu findenden Suchbildern, in denen man 10 Unterschiede zum Originalkunstwerk entdecken soll. Doch oben genannte Szene im Kunstunterricht öffnet unerwartet die Türen für neue Betrachtungsweisen und beschert dem Helden einen neuen Freund, einen wahren Kunstdurchdringer und durch ihn die Nähe zu seiner Angebeteten, einer kunstbegabten Mitschülerin. Er, der bisher darunter gelitten hat, dass er mit einer allzu normalen, langweiligen Familie geschlagen ist, zehrt nun von der Besonderheit und Eigenart seiner Freunde und wächst selbst.

„Ich hatte mir angewöhnt bei einem Spezialisten für Antiquarisches in der Altstadt zu suchen, der auch ab und zu wohlfeile Neuausgaben führte, bei denen zum Glück die Preisbindung aufgehoben war, aber der Stempel, mit dem sie quer über die Unterseite versehen waren, störte mich enorm wegen des hässlichen Wortes. Ich hatte immer das ungute Gefühl, der Umstand, dass sie als Mängelexemplar gekennzeichnet waren, färbe in Folgerichtigkeit nicht nur unweigerlich versteckt auf den Inhalt, sondern irgendwann auch auf den Leser selbst ab. Also mich.“

Dieser Carl (!) lebt wie ein junger Dandy, drückt sich gewählt aus und lädt unseren Helden in sein kleines geheimes Refugium, serviert exklusiven Tee und philosophiert und erzählt exzellent und kurzweilig über Kunst. Bald stößt auch noch Kirsten dazu, die von der Kunstlehrerin aufgrund eines Selbstporträts gedemütigt wurde. Die drei Außenseiter verstehen sich auf Anhieb und bald wächst in Carls blühender Fantasie ein Plan, wie man der Kunstlehrerin ihre Unsensibilität heimzahlen kann. Der Plan wird gleich am nächsten Tag in die Tat umgesetzt und Kirsten verschwindet. Zumindest soll es in der Schule so aussehen, tatsächlich soll sich Kirsten im Geheimzimmer von Carl verstecken.

Nun läuft nicht alles so wie geplant, aber letztendlich auch nichts verkehrt. Es gibt Überraschungen und seltsame, ja gefährliche Begegnungen und auf der Suche nach Kirsten, die dann plötzlich wirklich verschwunden ist, landen alle im Kunstmuseum. Hier kommt es (zumindest für mich, die ich jedes im Roman erwähnte Gemälde googelte) auch zu dem großen Aha-Erlebnis bezüglich eines Spitzweg-Gemäldes. Und zu einem doch sehr spannenden und einfallsreichen Countdown, der sicher die Freundschaft der drei Protagonisten aufs Schönste besiegelt.


Ich liebe diesen Roman sehr. Ich liebe seine wundervoll altmodisch geschnörkelte Sprache weitab vom Mainstream, auch inhaltlich. Kunst ist das Hauptthema, das jedoch in allen Facetten abgebildet wird und Neugier weckt. Vielseitig zeigt Nickel hier auf, in welcher Weise man mit Kunst umgehen kann, wie man über sie sprechen kann, dass sie ein großes feierliches Erlebnis wird, aber gleichzeitig nicht abgehoben wirkt. Ich bewundere diese Sprachfertigkeit. Dieser Roman hat Stil und vergisst nicht einmal den Humor, der manchen guten Romanen fehlt. Große Empfehlung! Warmes Leuchten!

„Es gibt diesen Notausgang gleich zu Beginn des 20. Jahrhunderts.“ – Schönster Satz, denn ich hätte zur Zeit manchmal auch gerne so einen rettenden Notausgang. Gemeint ist hier der im Kunstmuseum, dessen Räume nach Epochen aufgeteilt sind.

Ich danke dem Hörbuchverlag speak low für das Rezensionsexemplar. Eine Hörprobe gibt es hier. Die Daumen sind gedrückt für den Deutschen Buchpreis!

Ich habe die drei wichtigsten Gemälde aus dem Roman hier mit eingestellt. Für mich sind die Bilder eine schöne Ergänzung gewesen. Und hier gehts zum hochinteressanten Hintergrund der Geschichte:
https://www.tagesspiegel.de/gesellschaft/panorama/anwalt-gesteht-spitzweg-diebstahl-1486243.html

Fotos gemeinfrei Wikimedia commons

Jon Fosse: Ich ist ein anderer Rowohlt Verlag

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„Je est un autre.“ Arthur Rimbaud

Der zweite Band „Ich ist ein anderer“ (nach obigem Zitat von Rimbaud) von Jon Fosses Heptalogie schließt nahtlos an Der andere Name an, genau wie die Coverbilder (siehe oben). Als großer Fosse-Fan habe ich schon darauf gewartet und wurde natürlich nicht enttäuscht. Fosses unverwechselbare Sprache klingt für mich immer wie Poesie und führt mich in eine ganz andere Welt.

Das Buch beginnt mit genau den gleichen Zeilen, wie der erste Band und endet auch wie dieser: mit einem Gebet. Überhaupt spielt die Religiosität, der Glaube an Gott, wieder eine große, vielleicht sogar eine noch größere Rolle als in Band I. Es gibt fast keine Satzzeichen. Die Geschichte liest sich wie ein einziger großer Bewusstseinsstrom und wird geprägt von den in einander übergehenden fließenden Zeitsprüngen. 
Wir begegnen wieder Asle, dem Maler, der in einem alten Bauernhaus auf dem Land mit Blick auf einen Fjord lebt. An diesem Wintertag schläft er besonders lang, denn er hat einen anstrengenden Tag in der Stadt Bergen verbracht (Fosse nennt sie Bjorgvin nach dem alten Namen). Auch sein kleiner Hund Brage schläft lang und beide wollen nicht in die winterkalte Küche, um Kaffee zu kochen. 

Bis der Nachbar in der Tür steht, mit dem er ein freundschaftliches Verhältnis hat. Es ist die Adventszeit und er will wie üblich ein Gemälde als Geschenk für seine Schwester aussuchen. Asle steht auf und er entschließt sich noch am selben Tag erneut nach Bjorgvin zu fahren, um seine fertigen Bilder in die Galerie Beyer zu bringen für die jährlich vor Weihnachten stattfindende Ausstellung. Während der langen Fahrt auf der schneeglatten Straße beginnt Asle sich zu erinnern. Er denkt an den Jungen, der er einmal war, der mit seiner Mutter nicht zurechtkam. An die Teenagerzeit, als er sich von seinem naturgetreuen Zeichnen trennt und Bilder malt, die keiner versteht, die eben nicht „schön“ sind. Es sind innere Bilder, die sich ihm aufdrängen und gemalt werden müssen, denn sonst wird der Kopf immer voller und wirrer. Oft spielt Erlebtes eine Rolle, wie etwa der tragische frühe Tod der kleinen Schwester.

“ …und jetzt, denkt er, will er keine Bilder nach Fotos malen, von Haus und Hof, ja jetzt will er die Bilder wegmalen, die in seinem Kopf sind, aber er will sie nicht so malen, wie er sie sieht in seinem Kopf drin, denn etwas wie ein Leiden, wie ein Schmerz knüpft sich an jedes einzelne Bild, denkt er, aber auch eine Art Frieden, ja auch das, …“

Er wechselt auf das Gymnasium im nächstgrößeren Ort, um später die Kunsthochschule besuchen zu können. Vorher stellt er seine Bilder im örtlichen Jugendklub aus und hat großes Glück, dass ihn sein späterer Galerist dort auf der Durchreise entdeckt und ihm einige Bilder abkauft. Asle ist sehr froh darüber, so früh von zu Hause ausziehen zu können. Doch der Unterricht ist nichts für ihn. Ängste verfolgen ihn. Durch einen befreundeten Maler (Asle, sein Alter Ego) erfährt er von der Möglichkeit als besonders Begabter sofort auf der Kunstschule aufgenommen zu werden. Tatsächlich gelingt es ihm. Als er sich in Bjorgvin ein Zimmer ansehen will, trifft er in einem Café auf Ales, die ihn in ihren Blick bannt, ihn schließlich selbstbewusst anspricht und beide stellen fest, dass sie wohl gemeinsam zur Kunsthochschule gehen werden …

Ales kennen wir bereits aus dem ersten Band. Sie ist Asles Frau, die gestorben ist und um die er immer noch trauert, wenngleich er noch immer eine ganz besondere Verbindung zu ihr hat. Oft scheint sie neben ihm im Sessel zu sitzen, wenn er an seinem angestammten Platz über den Fjord schaut oder den Rosenkranz nimmt, um zu beten. Die Nähe zu Gott und das Beten hat sie ihm nahe gebracht. Er, der lange Zeit dem Alkohol verfallen war, hat durch sie und den Glauben geschafft davon los zu kommen.

“ … und ein Bild muss geschehen, es muss von selber kommen, wie ein Geschehnis, wie ein Geschenk, ja ein gutes Bild ist ein Geschenk, oder eine Art Gebet, es ist sowohl Geschenk als auch ein Dankgebet, denke ich und ich hätte nie willentlich ein gutes Bild zustande bringen können, denn Kunst geschieht, Kunst ereignet sich, so ist es einfach, …“

Was neu ist, sind die Gedanken, die immer wieder aufkommen: Asle mag nicht mehr malen. Es scheint, als hätte er alles aus sich herausgemalt, was zu malen war. Noch sind diese Gedanken selten, nehmen jedoch immer mehr Raum ein. Vielleicht hat er das Alter erreicht, um damit aufzuhören? Doch was kommt dann?

Und immer wieder die besondere Sprache, dieser typische Fosse-Sound. Die ewigen Wiederholungen, litaneihaft, besonders in den wenigen Gesprächen die der Held führt. Wiederholen und bestätigen gegen die Wortkargheit. Gespräche fallen ihm schwer. Dafür erleben wir die reichen inneren Selbstgespräche, die Gedankenwelt, die Art an Dinge, etwa an das Malen, heran zu gehen, die vielleicht auch von der abgeschiedenen Lebensart herrühren, die der Held jedoch um keinen Preis aufgeben würde. Und ich kann ihn gut verstehen …
Fosses Buch zeugt wieder von einer tiefen Spiritualität und von der Hingabe an die Kunst, die vielleicht nur auf diese Weise entstehen kann: der Maler (oder die Künstlerin, Autorin) als Medium. Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde wieder vom großen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel aus dem Norwegischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Buch ist auch unabhängig vom ersten Teil gut lesbar. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ein interessantes Interview mit dem Autor gibt es in de FAZ.

Weitere Bücher von Jon Fosse, die ich hier auf dem Blog besprochen habe:

Rachel Cusk: Der andere Ort Suhrkamp Verlag

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Rachel Cusk, immer wieder. Auch wenn dieser neue Roman formell in eine etwas andere Richtung zielt, bin ich auch diesmal wieder begeistert. Eher so still begeistert, ob der klugen Stimme, der fein durchdachten Sprache. Könnte Rachel Cusk nicht so gut schreiben, wäre es aufgrund des Inhalts für mich ein schwieriges Buch. Auf eine gewisse Art erinnert es mich an Erpenbecks „Kairos“. Denn auch hier treibt ein unangenehmer Typus Mann sein Unwesen. Auch hier versucht ein Mann eine Frau zu manipulieren.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass ihre kleinen Bücher so viel einbringen.“

Das Zitat stammt von diesem Mann, einem berühmten Maler, der den Zenit seines Erfolgs allerdings bereits überschritten hat. Er wird von einer Frau, einer Schriftstellerin, M genannt, die mit ihrem Mann im ländlichen Marschland im Haus mit Garten lebt, eingeladen einige Zeit, vielleicht als Arbeitsaufenthalt, im dazugehörigen Gäste-Cottage zu verbringen. Die Frau schwärmt für den Maler, vielmehr für dessen Malerei, die sie vor vielen vielen Jahren in Paris kennengelernt hat. Wie eine Initiation erschien ihr damals diese Entdeckung. Nun scheint die Chance da zu sein, diesem Maler persönlich zu begegnen, der schließlich eines Frühjahrs die Einladung annimmt.

In dieser Zeit lebt auch M`s Tochter, Justine mit ihrem Mann Kurt im Haus. So entwickelt sich ein hoch interessantes Kammerspiel der zwischenmenschlichen Begegnungen und der unerwarteten Entwicklungen. Denn der Maler wird von einer jungen selbstbewussten Frau begleitet, die nicht mit angekündigt war. Diese freundet sich bald mit Justine an, was ihre Mutter mit Bedenken und Eifersucht beobachtet, aber auch versucht zu reflektieren.

„Ich glaube nicht, dass Eltern zwangsläufig viel über ihre Kinder wissen. Was man von ihnen zu sehen bekommt, ist das, was sie notgedrungen sein oder tun müssen, nicht das was sie eigentlich wollen, und dieser Umstand führt zu allen möglichen Fehleinschätzungen.“

Der Maler selbst, scheint Begegnungen mit ihr zu vermeiden, obwohl sie so große Erwartungen in den Austausch mit ihm gesetzt hatte. Ja, er scheint sie in den wenigen Gesprächen sogar zu verhöhnen, von oben herab zu behandeln, nicht ernst zu nehmen. Ihren Mann Tony will er porträtieren, sie selbst jedoch nicht. Seine Geschichte erzählt er ihr lang und breit, für ihre Geschichte scheint er wenig übrig zu haben (Hier nähert sich der Roman wieder der Outline-Trilogie an). Immer wieder kommen Sticheleien und der Versuch sie außer sich zu bringen. Was mitunter gelingt. Seine Begleiterin Brett wirkt dagegen übergriffig in die Familienstrukturen ein, denn hier steht die fragile Beziehung zur Tochter und der ganzen Gemeinschaft auf dem Spiel. Der ruhende Pol im Haus ist Tony, der seine Frau auf ganz eigene Art unterstützt.

Rachel Cusk hat eine große Begabung, Menschen bis ins Innerste zu durchleuchten, zu beobachten und dies dann auch in großartige Sprache zu verwandeln. Hier geht es vorrangig um Weiblichkeit, wie sie selbst empfunden wird und wie sie von außen wahrgenommen wird. Aber auch darum, was man von zuhause mitbekommt oder eben auch nicht. Welche Voraussetzungen bieten ein gutes, selbständiges Leben? Wie stark werden wir von der Herkunftsfamilie geprägt und wie gehen wir damit um? Wie gelingt ein Leben, dass einem wirklich entspricht?

„Allein die Sprache kann den Fluss der Zeit aufhalten, denn obwohl sie in der Zeit existiert und aus Zeit gemacht ist, ist sie ewig – oder kann es zumindest sein. Ein Bild ist auch ewig, aber ein Bild hat nichts mit Zeit zu tun – es hebelt sie gezwungenermaßen aus, denn wie sonst sollte man im wirklichen Leben jene zeitliche Bilanz, die den unendlichen Augenblick des Bildes hervorgebracht hat, ziehen und verstehen?“

Mich hat die dreiste Art dieses Mannes schon beim Lesen abgestoßen. Dass M dennoch immer wieder versucht sich auf ihn einzulassen, immer noch auf ein Porträt von ihm hofft, sogar Tony damit beinahe vertreibt, ließ mich schaudern. Doch als Außenstehende ist es natürlich leicht zu verurteilen. Dennoch verwundert es, dass der Maler den ganzen Sommer lang geduldet und sogar nach einem Schlaganfall von Tochter Justine versorgt wird. Immerhin scheint am Ende der Geschichte ein Brief des Malers, der verspätet eintrifft, nachdem dieser längst abgereist ist, der Protagonistin eine kleine Genugtuung zu verschaffen.

Warum die Geschichte, wie ein Brief oder ein Monolog geschrieben ist, der sich an einen gewissen Jeffers richtet, von dem man nicht erfährt, in welcher Beziehung er zur Erzählerin steht, bleibt rätselhaft.

„Der andere Ort“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eva Bonné hat den Roman aus dem Englischen übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weitere sehr empfehlenswerte auf dem Blog besprochene Romane der Autorin gibt es hier.

Eine weitere Besprechung von „Der andere Ort“ gibt es auf dem Blog Letteratura.

Lydia Sandgren: Gesammelte Werke mare Verlag

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Welch ein starkes Debüt! 
Stark in jeder Hinsicht, denn das Buch zählt etwa 850 Seiten und die 1987 geborene Schwedin Lydia Sandgren arbeitete 10 Jahre lang an „Gesammelte Werke“. Es hat sich richtig gelohnt. Der Roman ist ein echter Schmöker und dabei so gekonnt geschrieben, wie die ihrer nordischen Kollegen Johan Harstad und Lars Saabye Christensen. Auch in eine Reihe mit Franzen oder Auster möchte man ihn stellen. Sandgren ist meiner Ansicht nach ein großes Talent. Ihr gelingt damit das, was einem ihrer Hauptprotagonisten nicht gelingt …

Das Schöne an solch gewaltigen Romanen ist ja, dass man einfach eintaucht, über längere Zeit von den Geschehnissen fasziniert ist und auch in Lesepausen die Figuren präsent sind. Man lebt mit den Helden und gewinnt sie lieb. Ein gutes Zeichen ist es immer, wenn ich das Buch trotz seiner Schwere überall mit hin schleppe und ich dafür auf das schmale Zweitbuch für unterwegs verzichte. Ja, welches Buch kann man im Anschluss an so ein Wunderbuch lesen?!

Die Geschichte spielt in Göteborg, beginnt in der Jetzt-Zeit und und spannt dabei auch Bögen zurück bis in die 80er/90er Jahre. Wir treffen den Verleger Martin Berg in seiner Wohnung in Göteborg. Es ist kurz vor seinem 50. Geburtstag und er steckt in einer Lebenskrise. Er hat Kisten mit alten Papieren um sich herum drapiert. Dabei sind vor allem begonnene Manuskripte, denn Martin wollte schon längst einen Roman geschrieben haben. Schon seit er Student war. Stattdessen hat er einen Verlag gegründet, der recht anspruchsvolle Bücher herausgibt.

„Was hatte der Verleger Martin Berg der Welt zu geben? […] Wer liest denn heutzutage noch hochwertige Belletristik und Sachbücher? Die neuen literarischen Schwergewichte sind Influencer, die sich hundertfünfzigtausend Wörter aus den Fingern saugen, idealerweise zum Thema Liebe, oder wie die jungen Leute jene innere Leere nennen, die sie nachts um den Schlaf bringt.“

Martin denkt zurück, wie alles begann …

Schon in der Schule lernen sich Martin und Gustav kennen und werden unzertrennlich. Martin kommt aus einer Arbeiterfamilie, Gustav aus wohlhabendem Elternhaus. Gustav beginnt ein Kunststudium, Martin studiert Philosophie. Zusammen sind sie unterwegs auf Studentenpartys, Martin interessiert sich für Mädchen, Gustav ist mehr dem Alkohol zugeneigt. Martin lernt Cecilia kennen und beide werden ein Paar. Zusammen gehen sie durch dick und dünn und nach dem Studium für ein Auslandsjahr mit einem weiteren Freund nach Paris. Cecilia bleibt zurück und widmet sich ihrem Studium der Ideengeschichte. Während Gustav sich in Museen weiterbildet und sein Skizzenbuch füllt, versucht Martin seinen Roman zu schreiben. Sehr oft weichen die guten Vorsätze und beide finden sich auf der nächsten Party wieder. Im Sommer verbringen die beiden zusammen mit Cecilia einen Monat am Meer in Antibes. Dort wird Cecilia Model für Gustav und mit dem Antibes-Zyklus gibt es später eine erste Ausstellung von Gustav. Martin indes schafft im ganzen Jahr in Paris nur immer neue Ansätze für sein Romanprojekt.

„Doch unabhängig davon, ob Gustav zufrieden war oder nicht, tendierte er doch immer wieder zurück zum Zweifel. Unvermeidlich. Der Zweifel schien seine Grundausstellung zu sein. Ganz egal, was sie dagegen sagten. Es spielte auch keine Rolle, dass er sich selbst immer wieder das Gegenteil bewies. Früher oder später landete er wieder da. Er konnte akzeptieren, dass er talentiert war (etwas anderes wäre auch die reinste Wahnvorstellung gewesen), aber, fragte er, was spielte das schon für eine Rolle.“

Zurück in Göteborg verliert sich der Kontakt zu Gustav mal mehr mal weniger. Seinen zunehmenden Erfolg als Maler, trotz seiner Zweifel, verfolgen wir Leser am Rande mit. Martin und Cecilia leben zusammen und Cecilia wird schwanger. Die beiden heiraten und Tochter Rakel wird geboren. Rakel spielt auch die Hauptrolle im zweiten Strang des Romans. Abwechselnd wird aus ihrer Sicht als um die 20-jährige erzählt. Hier ist der Schwerpunkt der Verlust der Mutter, als sie 10 war, der jüngere Bruder Elis im Kleinkindalter. Wie es zum Verschwinden der Mutter kam, ist die eigentliche Frage des Romans. Urplötzlich von einem Tag auf den anderen verließ Cecilia ihre Familie. Nach Jahren des Wartens richtete sich die restliche Familie irgendwie damit ein. Gustav ist in dieser Zeit eine große Hilfe für die drei. Martin geht vollkommen in der Verlagsarbeit auf. Er geht keine Beziehung mehr ein.

Als Rakel, die Deutsch kann, eines Tages ein Manuskript eines deutschen Autors für Martins Verlag lesen soll, glaubt sie in der Geschichte ihre Mutter als Protagonistin zu erkennen. Nun beginnt eine spannende Reise durch die Vergangenheit, in der auch Gustav wieder eine tragende Rolle spielt, dessen Bilder bald in einer großen Retrospektive in seiner Heimatstadt zu sehen sein werden und die beiden Geschwister sich ein gutes Stück weiter entwickeln und vom Vater emanzipieren. Auch das Ende ist der Autorin perfekt gelungen. Nicht offen, nicht geschlossen, so wie ich es mag.

Lydia Sandgren hat eine Familiengeschichte geschrieben. Nichts Neues, meint man. Aber hat man die ersten Seiten gelesen, gibt es kein zurück mehr. Der oft überstrapazierte Begriff Sog tritt ein und es ist schon immer wieder ein kleines Wunder, wie aus einer „eigentlich alles schon dagewesen“-Geschichte ein unglaublich brillantes, auch über die vielen Seiten anhaltendes Lesevergnügen wird. Was sicher in meinem Fall auch damit zu tun hat, dass das Buch einen Maler porträtiert, einen Verleger, der einen Roman schreiben will enthält, es um Philosophie geht, es Querverweise in die Weltliteratur gibt und das Buch letztlich eine große Hommage an die Freundschaft ist.

Formal ist das Buch in drei große Teile und viele Kapitel unterteilt, umrahmt von einem Interview, welches Martin einer Literaturzeitschrift (?) gibt. Die Charaktere sind bestechend skizziert und gekonnt abgebildet, hier merkt man, dass die Autorin auch Psychologin ist. Ich halte dieses Debüt für eines der besten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe. Ein Leuchten!

„Gesammelte Werke“ erschien im Mare Verlag. Übersetzt aus dem Schwedischen haben Stefan Pluschkat und Karl-Ludwig Wetzig. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Kunst im Buch: Romane über Kunst und Künstler Teil 2

Als selbst Malende (siehe oben, Arbeitsplatz ) und Kunstbegeisterte freue ich mich immer wieder auf Romane über Kunst und Künstler. Eine Auswahl meiner bisherigen Highlights gab es bereits in Teil 1: hier. Nun erweitere ich den Beitrag, da ich wieder einige neue Bücher zum Thema gelesen und besprochen habe. Zur jeweiligen ausführlichen Besprechung auf meinem Blog gehts direkt über den link.

Einzelne Künstler*innen/Roman:

Karin Grol: Himmel auf Zeit – Anita Ree 

Karen Grol ist mit „Himmel auf Zeit“ ein schönes Romanporträt der Malerin Anita Rée (1885-1933) gelungen, das mich auch sprachlich überzeugt hat. Karin Grol bettet Anita Rées Leben in die jeweils aktuellen zeitgeschichtlichen Ereignisse. Zudem hat sie einen Blick für das Innenleben der immer am Rande des Existenzminimums lebenden Künstlerin. Sie greift dafür ausgewählte Begegnungen auf, die sie ausführlicher betrachtet. Den Roman habe ich zusammen mit einem Ausstellungskatalog vorgestellt. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/11/30/karen-grol-himmel-auf-zeit-ebersbach-simon-anita-ree-retrospektive-prestel-verlag/

Christina Hesselholdt: Vivian -Vivian Meyer

Das Leben der 1926 geborenen und 2009 gestorbenen Fotographin Vivian Maier war nicht einfach, sehr unruhig, oft prekär und womöglich gab ihr die Photographie einen Grund da zu sein. Dass der größte Teil ihrer Fotos erst nach ihrem Tod entdeckt, ja entwickelt wurden, ist das Schicksal, das viele Künstler teilen. Die 1962 geborene dänische Autorin Christine Hesselholdt hat ein ungewöhnliches Lebensporträt geschrieben, das weder Roman noch Biographie ist. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/02/christina-hesselholdt-vivian-hanser-berlin/

Ulrike Draesner: Schwitters – Kurt Schwitters

Die 1962 geborene Schriftstellerin Ulrike Draesner ist sehr vielseitig in ihrem Tun. Mit ihrem neuesten Roman „Schwitters“ über das Leben, des vor allem für sein Gedicht „Anna Blume“ bekannten Merz-Künstlers (1887 – 1948) bringt sie das Thema Sprache und das Schreiben in einer fremden Sprache auf den Tisch. Den Roman darf man sich nicht als Künstlerbiographie vorstellen. Es geht eher um den Mensch Kurt, seine Beziehungen und um die Flucht vor den Nazis ins Exil. In Hannover konnte er nicht bleiben. Seine Kunst wurde in den Ausstellungen „Entartete Kunst“ gezeigt. Seinen Merzbau zurückzulassen war für ihn das schwerste und so begann er im Exil immer wieder mit kleineren Varianten davon. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/02/24/ulrike-draesner-schwitters-penguin-verlag/

Anne Stern: Meine Freundin Lotte – Lotte Laserstein

Anna Stern erzählt aus dem Leben der Malerin Lotte Laserstein (1898-1993). Sie war eine der ersten Frauen, die in den Zwanziger Jahren an der Kunstakademie in Berlin ihren Abschluss machte. Sie hatte mit ihren Bildern Erfolg und hatte sogar eine Einzelausstellung. Anna Stern erzählt vorrangig von der engen Freundschaft Lasersteins mit Traute Rose, die auch zum Lieblingsmodel wurde und viele Bilder prägte. Die Malerin erhielt 1933 Arbeitsverbot; da sie Jüdin war, floh sie 1937 nach Schweden ins Exil, wo sie Landschafts- und Porträtbilder malte. Erst nach dem Krieg sahen sich die Freundinnen wieder, hatten sich aber aufgrund der unterschiedlichen Lebensumstände entfremdet. Wo Traute versucht sie nach Deutschland zurück zu locken, hat Lotte nichts mehr für ihr Heimatland übrig: Die Mutter starb im Konzentrationslager, die Schwester wurde schwer traumatisiert. Traute lebte als Fotografin und war verheiratet. Laserstein starb 1993 allein in Schweden. Die Autorin schreibt in wechselnden Erzählsträngen jeweils vor und nach dem Krieg und mischt Fiktion mit biographischem Material. Von mir gibt es dazu bisher noch keine Besprechung. Mehr über das Buch beim Kindler/Rowohlt Verlag

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Kristine Reffstrupp: Ich, Unica – Unica Zürn

Kristine Reffstrups Roman über die in Berlin geborene Unica Zürn (1916-1970) ist ein ungewöhnliches Werk. Sie schreibt über Unica, die zusammen mit dem Künstler Hans Bellmer 1957 in einem Haus in Frankreich lebt. Die Geschichte umfasst etwa einen Sommer, in dem die beiden zusammen künstlerisch arbeiten, ist aber durchdrungen von Rückblicken. Wir erfahren Episoden aus Unicas und Hans` Leben und die Zeit ab dem Kennenlernen in Berlin. Hans Bellmer zählt zu den Surrealisten, ist bekannt durch seine Puppen-Arbeiten. Unica schreibt und zeichnet vor allem, bedient sich auch des Automatischen Schreibens und des Anagramm-Dichtens. Ihr Werk ist wesentlich weniger bekannt, als das von Hans. Wie es in dieser Zeit häufig war, verschwand sie  „als Frau von …“ hinter dem Künstler, obwohl sie ihn in seiner Arbeit sehr unterstützte. Das Besondere an diesem Buch ist, dass die Autorin mit Sprache experimentiert und es mit surrealen Traumsequenzen bereichert, die auch auf Zürns psychische Konstitution hinweisen, so dass Unica als Persönlichkeit und Fühlende im Mittelpunkt steht. Zu diesem Buch gibt es noch keine ausführliche Besprechung auf dem Blog. Mehr dazu auf der Seite des Aufbau Verlag. Das Buch wurde übersetzt von Elke Ranzinger und erschien zuerst im Nord Verlag.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht

Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940. In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2021/10/23/emily-carr-klee-wyck-die-die-lacht-verlag-das-kulturelle-gedaechtnis/

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich

Louis Soutter, (1871-1942) war ein Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Ihm gelingt damit ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Zu meiner Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/08/23/michel-layaz-louis-soutter-sehr-wahrscheinlich-verlag-die-brotsuppe/

Lukas Hartmann: Schattentanz – Louis Soutter

Auch Lukas Hartmann schrieb ein Porträt des Künstlers Louis Soutter. Er macht das allerdings auf ganz andere Weise, indem er mehrere Personen aus dem Umkreis Soutters abwechselnd zu Wort kommen lässt, darunter seine Schwester, seine Mutter, seine geschiedene Ehefrau und seinen berühmten Cousin, den Architekt Le Corbusier. Ich selbst habe noch keine Besprechung dazu geschrieben, aber eine Bloggerkollegin auf Zeichen & Zeiten.

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Kunst allgemein:

Jon Fosse: Der andere Name

Jon Fosses „Der andere Name“ auf einen bestimmten Inhalt festzulegen, ist schwierig. Es gibt sicher wenige Autoren, bei denen das Werk so wenig plotorientiert ist. Die Geschichte lebt von der einfachen Sprache mit einer einzigartigen Rhythmik mit vielen refrainartigen Wiederholungen, die das Geschriebene trägt. Fosse selbst nennt es „Langsame Prosa“, was es ziemlich gut trifft. Es geht um einen Maler, der seit seine geliebte Frau gestorben ist, allein in seinem alten Bauernhaus lebt, recht erfolgreich ist mit seinen Bildern, die ein Galerist in Bergen für ihn verkauft. Der Maler hat schon als Junge so gut gezeichnet, dass er seine Bilder an Nachbarn verkaufen konnte. Am schönsten sind die Szenen, in denen der Held von seiner Herangehensweise an das Malen seiner Bilder, ausschließlich Öl auf Leinwand, erzählt: Dazu gehört meditatives Sitzen und Eintauchen in das Bild, oft im Dunkeln, weil er im Dunkeln das Leuchten, das Licht in den Bildern erkennt. Dann sind seine Bilder gelungen, wenn sie, zumindest für ihn dieses Licht im Dunklen haben. Und das bringt er durch den Verkauf der Bilder hinaus in die Welt … 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/11/03/jon-fosse-der-andere-name-rowohlt-verlag/

Johan Harstad: Max, Mischa & die Tet-Offensive

Ein beglückendes Leseabenteuer, wie es selten zu finden ist, durfte ich hier erleben. Johan Harstad hat einen nahezu perfekten Roman konstruiert, dessen Sprache und Erzählweise mit dem Inhalt, den verhandelten Themen, um die Wette glänzen. Allem liegt eine tiefe Melancholie zugrunde, eine Dringlichkeit und Intensität, wie ich sie mag. Es geht um Max und seinen Freund Mordecai, die beide der Schaupielerei verfallen. Einer wird Theaterregisseur, einer Schauspieler. Und es geht um die Malerin Mischa, lange Zeit Max` Freundin und um seinen Onkel Owen, der die Musik liebt, Klavier spielt und gerne Pianist geworden wäre. Also beinahe das gesamte künstlerische Repertoire. Wir erleben die Entwicklung der Hauptfiguren, das Auf und Ab, die Schicksalsschläge, die Liebe und den Tod und das Künstlermilieu von New York auf über 1000 Seiten. 
Zu meiner Besprechung: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2019/07/21/johan-harstad-max-mischa-die-tet-offensive-rowohlt-verlag/

Kristof Magnusson: Ein Mann der Kunst

Kristof Magnussons neuer Roman „Ein Mann der Kunst“ ist das, was man einen Pageturner nennen könnte. Kurzweilig und mit viel Sprachwitz ganz auf der Höhe der Zeit, kreiert er eine wunderbare Persiflage auf die heutige Kunstwelt und das Bildungsbürgertum. KD Pratz, ein typischer exaltierter Künstler ist alles andere als ein einfacher Mensch. Er hat sich seit Jahren auf eine Burg im Rheingau zurückgezogen und lebt und malt von der Außenwelt abgeschottet. Es gibt keinen Handyempfang, kein Internet, kein Social Media. Das Geheimnisvolle also, was den Künstler noch besonderer macht und seine Bilder noch teurer. Seit Jahren hat er kein Interview gegeben, ist nicht mehr in der Öffentlichkeit erschienen. Köstlich, wie es Magnusson gelingt gängige Klischees und unausgesprochene Wahrheiten in dieser Geschichte zu einer explosiven Mischung zusammenzubringen. Er schreibt rasante Dialoge und schafft deutliche Charaktere, die ich genau vor Augen habe. Die Masken werden von den Gesichtern gezogen, sowohl auf Künstler- als auch auf Kunstliebhaberseite. Meine Besprechung:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2020/09/20/kristof-magnusson-ein-mann-der-kunst-kunstmann-verlag/

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Viel Vergnügen beim Kunst Erlesen!

Julia Voss: Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ S. Fischer Verlag / Ylva Hillström/Karin Eklund: Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint Henschel/Seemann Verlag

Selten lese ich Sachbücher oder Biographien. Doch hat mich die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern vor allem von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Dass die Künstlerin sich ausführlich mit Religion, Philosophie, Spiritismus und mit Spiritualität beschäftigt hat, finde ich gerade faszinierend. Einiges deutet darauf hin, dass viele ihrer Bilder, die ja teilweise riesig sind, aus der Verbindung als Medium entstanden. Beinahe folgerichtig erscheint es mir, dass sie damit ihrer Zeit voraus war und beschloss, dass die Bilder erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gehen sollten.

Hilma af Klint wird 1862 in Solna bei Stockholm geboren. Der Vater ist Offizier bei der Marine und er fördert Hilma, die sich fürs Zeichnen und Malen interessiert. Sie studiert an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm, die gerade erst auch Frauen fürs Kunststudium zulässt. Noch während des Studiums beginnt sie sich für Spiritismus zu interessieren und nimmt an Séancen teil. Mit einigen anderen Frauen gründet sie einen theosophischen Kreis, zu dieser Zeit unter Künstlern nicht außergewöhnlich. Sie bezieht ein eigenes Atelier, nimmt an verschiedenen Gemeinschaftsausstellungen teil und verdient sich ihr Geld mit Zeichnungen für ein Veterinärinstitut. Ab 1891 beginnt ein neues Kapitel: Sie wird zum Medium und erhält Anweisungen von höheren Wesen. In erstaunlichem Tempo malt Hilma ihre Bilderserien in zum Teil riesigen Formaten. Ich stehe diesen Bildern voller Bewunderung gegenüber und sehe in jedem einzelnen die spirituelle Kraft.

Mit ihrer Freundin Anna unternimmt sie Reisen. Sie begegnet Rudolf Steiner, erhofft sich Zuspruch, doch erhält nur Ablehnung. Auch später wird Steiner Hilmas Gemälde ablehnen, die sie sich in seinem „Tempel“ in der Schweiz vorstellen könnte. Währenddessen malt Kandinsky in Deutschland die angeblich „ersten“ abstrakten Bilder. Hilma malt, Hilma reist, Hilma zieht um. Zu ihrem Werk gehören unzählige Notizbücher mit Skizzen und Gedanken. Hilma möchte verstehen, wie die Welt, wie das Universum funktioniert, wie alles mit allem zusammenhängt. Mehrmalige längere Malpausen und verschiedene Wechsel der Techniken kennzeichnen ihren künstlerischen Weg. Als Hilma 80 Jahre alt ist, hat sie mehr als tausend Bilder gemalt, die kaum jemand gesehen hat. Sie übergibt ihren Nachlass einem Neffen und stirbt 1944. Tatsächlich werden ihre Gemälde erst viel später gezeigt und als das was sie sind erkannt: die ersten abstrakt gemalten Bilder. Ein Leuchten für diese Bilder und diese Biographie!

Ich möchte nicht nur Julia Voss` Buch vorstellen, sondern auch – und das ist Premiere! – ein Kinderbilderbuch, dass sich Hilma af Klint kindgerecht widmet. In „Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint“ erzählt Ylva Hillström über af Klints Leben als Malerin und Karin Eklund illustriert das ganz zauberhaft. Schwerpunkt des Bilderbuchs ist die besondere Gabe von Hilma, also nicht nur die Malerei, sondern das unermüdliche Beschäftigen mit Wissenschaft in Kombination mit dem Übersinnlichen. Dieses wird so aufgezeigt, dass es (für ganz kleine Kinder eher nicht) absolut natürlich und verständlich ist. Der Stil der Illustratorin passt perfekt zu Hilma af Klint. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Bilderbuch die Kinderfantasie anregt und vielleicht selbst Lust aufs Malen erzeugt. Im Band sind auch Abbildungen einiger Originalgemälde als große Farbtafeln teilweise aufklappbar. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde das Buch von Angelika Kutsch.

Viele der Bilder habe ich dem Kunstband „Hilma af Klint“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen und auch den Film „Jenseits des Sichtbaren“ von Halina Dyrschka kann ich nur empfehlen.

Die Biographie von Julia Voss erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Bilderbuch erschien beim Verlag Henschel/Seemann in der Reihe Bilderbande. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.

Emily Carr: Klee Wyck – Die, die lacht Verlag Das kulturelle Gedächtnis

Nochmal mein Beitrag zu Gastland Kanada, da die Buchmesse ja diesmal stattfindet:
Gastland der letzt- und diesjährigen Buchmesse ist Kanada. Ich habe es nicht geschafft einen kompletten Beitrag als Übersicht über die ins Deutsche übersetzte kanadische Literatur vorzubereiten. Ein Buch hatte ich aber schon im letzten Frühjahr im Auge, schon wegen seiner schönen gestalterischen Aufmachung und es ist auch das einzige geblieben, das ich gelesen habe. Es ist ein Buch, das in Kanada in vielen Auflagen bis heute gut verkauft wird, ja, das sogar Schullektüre geworden ist. Emily Carr (1871-1945), eigentlich Malerin, hat das Buch erst spät in ihren 70ern geschrieben, als sie aus gesundheitlichen Gründen mit dem Malen aufhören musste. Sie nahm dazu ihre Notizbücher, die sie seit jeher führte und formte daraus und aus ihren Erinnerungen autobiografische Erzählungen, so wie wir sie nun im Band Klee Wyck lesen können. Die erste Ausgabe erschien 1940.

In der ersten Geschichte erfahren wir, dass die 15jährige Emily zeitweise bei christlichen Missionarinnen in einem Indianerdorf lebt, um sich mit der Lebensart der Indigenen, der First Nations auseinanderzusetzen. Bereits hier hat sie den Zeichenblock dabei und einen genauen Blick. Ihren indianischen Namen Klee Wyk erhält sie gleich eingangs vom Stammeshäuptling. Sie ist Die, die lacht.

In den drei folgenden Geschichten erfahren wir von Emilys Vorhaben, die Totempfähle der Grabstätten verschiedener indianischer Dörfer zu zeichnen. Mit einem befreundeten Paar reist sie mit dem Boot von Insel zu Insel. Haiida Gwaii heißen die vor der Westküste British Kolumbiens gelegenen Inseln. Hier erzählt Emily von der einfachen naturzugewandten im Jetzt verankerten Lebensweise der Bevölkerung. Spannend zu erfahren, dass es in deren Sprache keine Schimpfwörter gibt.

„Ich setzte mich neben den sägenden Indianer und wir unterhielten uns ohne  Worte, zeigten auf die Sonne und aufs Meer, die Adler in der Luft und die Krähen am Strand. Wir nickten und lachten zusammen, ich saß da und er sägte. Der alte Mann sägte als lägen Äonen von Zeit vor ihm, und als wären all die Jahre, die bereits hinter ihm lagen, geruhsam gewesen, und alle kommenden Jahre wären es ebenso.“

Wir hören von Sophie, die Körbe flechtet und in Vancouver verkauft und die Emilys Freundin wird. Sophie, die einundzwanzig Babys bekommt, von denen nur wenige überleben. Sophie lebt im Reservat. Viele der Kinder werden in Internate gebracht, die von christlichen Institutionen geleitet werden. Dort versucht man sie zu „kultivieren“, doch werden sie ihrer Herkunft und ihrer Tradition komplett beraubt. Wir lesen von Louisa und deren Mutter, der Louisa unbedingt das traditionelle „indianische“ Pfeiferauchen abgewöhnen möchte, weil die Missionare das für Frauen unschicklich finden.

Emily lässt sich immer wieder in teils nicht mehr bewohnte Indianerdörfer bringen, auf der Suche nach Motiven für ihre Bilder. Dort findet sie auch immer wieder die D`Sonoqua, eine heilige Frau, die sie auf imposant geschnitzten Totems findet und von der sie wie magisch berührt wird. Vorrangige Motive werden für sie immer die Totems bleiben, die in den alten Dörfern zurückbleiben, wenn die Familien durch Missionare gedrängt, in modernere Ortschaften mit Läden und Häusern statt Hütten ziehen.

„Selbst diese wenigen Worte waren eine Neuerung – nach dem Vorbild der Weißen. In früheren Zeiten hätten Totemzeichen erklärt, wer dort lag. Die indianische Sprache kannte keine Schriftform. Anstelle der Kreuze wären hier die Habseligkeiten des Verstorbenen aufgetürmt worden: all seine geliebten Schätze, Kleidung, Pfannen, Armbänder – damit jeder sehen konnte, was das Leben ihm an eigenen Dingen geschenkt hatte.“

Dabei gerät sie mitunter in Seenot, auf unheimliche Inseln mit wilden Hunden und in heftigste Moskitostürme. Sie und damit auch die Leser erfahren, dass das Zeitgefühl der indigenen Völker ein ganz anderes ist. In der letzten Geschichte „Kanu“ etwa, fragt sie am Strand eine indianische Familie, ob sie sie im Kanu mit zurück zur Küste nehmen könnten. Sie sagen zu, sie müsse sich aber beeilen, da sie in Kürze ablegen wollen. Tatsächlich aber wird erst noch gekocht, Beeren und Strandgut gesammelt, die Abfahrt erfolgt viele Stunden später …

Emily Carr erzählt ihre Geschichten teils sehr poetisch und bildhaft, aber auch sehr direkt. Sie scheut sich nicht, die Methoden der Missionare in Frage zu stellen. Was dazu führte, dass man ihr Buch zwar zur Schullektüre machte, dabei aber den kritischen Blick auf die christliche Mission heraus kürzte. Die vorliegende vollständige Ausgabe erschien 2003 erst in Kanada. Im Vorwort von Kathryn Bridge erfahren wir mehr dazu. In jeglicher Hinsicht war Emily Carr für ihre Zeit eine bemerkenswert emanzipierte Frau, war sie doch immer sehr selbstbewusst alleine unterwegs, oft nur in Begleitung ihrer Hunde. So trifft sie aber oft auch, wie etwa im Ort Kitwancool, auf ebenso starke weibliche Präsenz bei den Frauen der First Nations.

„Klee Wyck“ erschien im „Verlag Das kulturelle Gedächtnis“. Es ist besonders schön gestaltet, wie alle Bücher aus diesem besonderen Verlag. Übersetzt aus dem kanadischen Englisch hat es Marion Hertle. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.