Julia Voss: Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ S. Fischer Verlag / Ylva Hillström/Karin Eklund: Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint Henschel/Seemann Verlag

Selten lese ich Sachbücher oder Biographien. Doch hat mich die Künstlerin Hilma af Klint (1862-1944) so stark angesprochen, dass ich mich in ihre Biographie vertiefen wollte. Nachdem ich auf Arte eine kurze Dokumentation gesehen hatte und erfuhr, dass es einen Film über sie im Kino geben wird, war ich hochinteressiert. Eine Frau, die womöglich noch vor all den bekannten Männernamen die abstrakte Kunst „erfunden“ hatte? Ich griff zum Buch von Julia Voss und bin sehr begeistert. Nicht nur vom Leben und Arbeiten der Künstlerin, sondern vor allem von der Autorin, die enorm viel recherchiert hat und der ein detailgenaues, hochspannendes, intelligentes und dennoch kurzweiliges Porträt dieser ungewöhnlichen Frau und ihrer Zeit gelungen ist. Man merkt in jeder Zeile, wie fasziniert sie von Hilma ist. „Die Menschheit in Erstaunen versetzen“ umfasst 600 Seiten und beschäftigt sich ausführlich mit der Lebens- und Schaffensgeschichte und den oft verschlungenen Wegen, die zu af Klints riesigen Werk geführt haben. Dass die Künstlerin sich ausführlich mit Religion, Philosophie, Spiritismus und mit Spiritualität beschäftigt hat, finde ich gerade faszinierend. Einiges deutet darauf hin, dass viele ihrer Bilder, die ja teilweise riesig sind, aus der Verbindung als Medium entstanden. Beinahe folgerichtig erscheint es mir, dass sie damit ihrer Zeit voraus war und beschloss, dass die Bilder erst zwanzig Jahre nach ihrem Tod an die Öffentlichkeit gehen sollten.

Hilma af Klint wird 1862 in Solna bei Stockholm geboren. Der Vater ist Offizier bei der Marine und er fördert Hilma, die sich fürs Zeichnen und Malen interessiert. Sie studiert an der Königlichen Kunstakademie in Stockholm, die gerade erst auch Frauen fürs Kunststudium zulässt. Noch während des Studiums beginnt sie sich für Spiritismus zu interessieren und nimmt an Séancen teil. Mit einigen anderen Frauen gründet sie einen theosophischen Kreis, zu dieser Zeit unter Künstlern nicht außergewöhnlich. Sie bezieht ein eigenes Atelier, nimmt an verschiedenen Gemeinschaftsausstellungen teil und verdient sich ihr Geld mit Zeichnungen für ein Veterinärinstitut. Ab 1891 beginnt ein neues Kapitel: Sie wird zum Medium und erhält Anweisungen von höheren Wesen. In erstaunlichem Tempo malt Hilma ihre Bilderserien in zum Teil riesigen Formaten. Ich stehe diesen Bildern voller Bewunderung gegenüber und sehe in jedem einzelnen die spirituelle Kraft.

Mit ihrer Freundin Anna unternimmt sie Reisen. Sie begegnet Rudolf Steiner, erhofft sich Zuspruch, doch erhält nur Ablehnung. Auch später wird Steiner Hilmas Gemälde ablehnen, die sie sich in seinem „Tempel“ in der Schweiz vorstellen könnte. Währenddessen malt Kandinsky in Deutschland die angeblich „ersten“ abstrakten Bilder. Hilma malt, Hilma reist, Hilma zieht um. Zu ihrem Werk gehören unzählige Notizbücher mit Skizzen und Gedanken. Hilma möchte verstehen, wie die Welt, wie das Universum funktioniert, wie alles mit allem zusammenhängt. Mehrmalige längere Malpausen und verschiedene Wechsel der Techniken kennzeichnen ihren künstlerischen Weg. Als Hilma 80 Jahre alt ist, hat sie mehr als tausend Bilder gemalt, die kaum jemand gesehen hat. Sie übergibt ihren Nachlass einem Neffen und stirbt 1944. Tatsächlich werden ihre Gemälde erst viel später gezeigt und als das was sie sind erkannt: die ersten abstrakt gemalten Bilder. Ein Leuchten für diese Bilder und diese Biographie!

Ich möchte nicht nur Julia Voss` Buch vorstellen, sondern auch – und das ist Premiere! – ein Kinderbilderbuch, dass sich Hilma af Klint kindgerecht widmet. In „Die unsichtbare Welt von Hilma af Klint“ erzählt Ylva Hillström über af Klints Leben als Malerin und Karin Eklund illustriert das ganz zauberhaft. Schwerpunkt des Bilderbuchs ist die besondere Gabe von Hilma, also nicht nur die Malerei, sondern das unermüdliche Beschäftigen mit Wissenschaft in Kombination mit dem Übersinnlichen. Dieses wird so aufgezeigt, dass es (für ganz kleine Kinder eher nicht) absolut natürlich und verständlich ist. Der Stil der Illustratorin passt perfekt zu Hilma af Klint. Ich kann mir vorstellen, dass dieses Bilderbuch die Kinderfantasie anregt und vielleicht selbst Lust aufs Malen erzeugt. Im Band sind auch Abbildungen einiger Originalgemälde als große Farbtafeln teilweise aufklappbar. Aus dem Schwedischen übersetzt wurde das Buch von Angelika Kutsch.

Viele der Bilder habe ich dem Kunstband „Hilma af Klint“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen und auch den Film „Jenseits des Sichtbaren“ von Halina Dyrschka kann ich nur empfehlen.

Die Biographie von Julia Voss erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Das Bilderbuch erschien beim Verlag Henschel/Seemann in der Reihe Bilderbande. Ich danke den Verlagen für die Rezensionsexemplare.