Reinhard Kaiser-Mühlecker: Wilderer S. Fischer Verlag

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Ich bin großer Fan von  Reinhard Kaiser-Mühleckers Büchern. (Und nach dem letzten etwas schwächeren auch wieder sehr beeindruckt) Sie sind so wunderbar un-zeitgeistig und nicht-mainstream, die Sprache eher altmodisch, dabei aber keineswegs altbacken. Gerade für Stadtmenschen, Home-Office-Arbeitende und Intellektuelle bieten sie einen ungeschönten Einblick in bäuerliche, dörfliche Strukturen und die harte Arbeit in der Landwirtschaft. Einen wichtigen Blick über den Tellerrand hinaus.

Mich hat Kaiser-Mühlecker wieder in eine Zeit versetzt, in der ich selbst auf dem Land lebte und einige der traditionellen dörflichen Strukturen, die beispielsweise auch auf dem Bauernhof von Jakob, der Hauptfigur, herrschen, miterlebt habe. Tatsächlich scheint der Roman fast direkt an seinen Roman „Dunkle Seele, tiefer Wald“ (Link dazu unten) anzuschließen. Wir begegnen dem gleichen Personal. Jakob führt den Bauernhof der Eltern schon seit er 15 ist, der Vater ein Träumer und Tunichtgut, der Bruder inzwischen verheiratet in Wien lebend und die Schwester Luisa, die ihr Leben auch nicht so recht auf die Reihe bekommt, zumindest aus Jakobs Sicht. Der Roman „Wilderer“ beginnt gleich auf der ersten Seite mit einer Russisch Roulette-Szene …

Inzwischen in den Zwanzigern ist Jakob immer noch ein Einzelgänger, der wenig Kontakt im Dorf hat und wenn dann nur aus beruflichen Gründen. Bisher mit einigen Projekten gescheitert, scheint sich die Freilandhühnerhaltung nun endlich auszuzahlen. Gleich eingangs kommt es zu einer Unbehagen verursachenden Szene, in der Jakob seinen eigenen Hund vergiftet, weil dieser wildert und nicht mehr auf seine Befehle hört (was auch den Buchtitel erklärt).

„Tat er jemals nichts? […] Doch da im Radio redeten sie ja nicht davon, sondern von irgendwas mit Kreativität und so Zeug, das er – Leute wie er, die im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienten, für die die Gesellschaft seit jeher nur Spott und seit einer Weile auch noch Kritik übrig hatte, weil sie angeblich die Natur zerstörten oder das Klima oder was – sich nicht leisten konnte.“

Als er durch eine Nebentätigkeit in der Dorfschule die Künstlerin Katja kennenlernt, die ein Aufenthaltsstipendium im Ort hat, ist sie ehrlich interessiert an ihm und seiner Arbeit in der Landwirtschaft. Als er ihr schließlich den Hof zeigt, beschließen beide, dass sie ein Praktikum von vierzehn Tagen bei ihm machen kann. Die Arbeit scheint ihr wider Jakobs Erwarten gut zu gefallen und auch gut zu gelingen. Sie verlängern die Zeit und Katja bringt sofort eigene Vorschläge und Ideen zur Verbesserung mit ein. Sie gibt ihre künstlerische Tätigkeit ganz auf und zieht auf den Hof. Aus beiden wird schließlich ein Paar. Die treibende Kraft geht in fast allem von Katja aus. So auch die Idee, die Landwirtschaft vollkommen auf biologischen Anbau und Tierhaltung umzustellen. Jakob bleibt in allem, zumindest in meinem Gefühl als Leserin, sehr distanziert, mitunter kühl. Gefühle, Emotionen scheinen im äußerst fremd zu sein, Gespräche führen außerhalb des Kontexts der Arbeit kaum möglich. Selbst wenn gute Dinge passieren – ein gutes Ernteergebnis, ein schöner Abend mit Katja oder sogar die Geburt des Sohnes – scheint er es einfach als gegeben hinzunehmen.

Der Hof entwickelt sich sehr gut, Katja bleibt nach der Geburt des Kindes weiter gut eingebunden, kann sich später sogar über ein Kunst-Aufenthalts-Stipendium freuen. Der Leser vermutet richtig, wenn er darin erkennt, dass Katja durchaus weiter als Künstlerin arbeiten will, sozusagen einen Plan B im Hinterkopf hat.  So, als würde sie sich Jakobs nie sicher sein. Was letztlich auch stimmt …

Katja bereitet ein großes Fest vor, weil der Hof aufgrund seiner Innovationen geehrt werden soll, viele Gäste sind da, das regionale Fernsehen berichtet. Alles könnte gut sein. Doch als der neue Hund, der lange in der Familie von Jakobs Bruder gelebt hat, wie der Vorgänger zu wildern beginnt, scheint in Jakob etwas ausgelöst zu werden, etwas Böses, Ungehaltenes, vielleicht lange Angestautes, durch Kleinigkeiten (die wir Leser durchaus wahrnehmen) Geschürtes, das sich nun Bahn bricht … Klingt in meinen Worten pathetischer als es ist, dazu schreibt und konstruiert Kaiser-Mühlecker viel zu gut.

„Vor langer Zeit, am Ende der Kindheit, mit zwölf oder dreizehn, war etwas über ihn gekommen, das ihn nie mehr verlassen hatte seither, das Gefühl, aus dem Dasein verbannt worden zu sein, aber nicht ins Jenseits oder ins Nichts, sondern wie in ein Abseits, in dem er aber nicht wirklich weiterleben durfte. Am Fenster des Daseins: Dort saß er und wartete. So hatte er sich da auf einmal gefühlt, ausgestoßen … Ein Schatten hatte sich damals über ihn gelegt, von dem er nach bald zehn Jahren längst nicht mehr annahm, er werde je wieder weichen.“

Generell liegt über dem Roman eine verschwimmende Düsternis, so als wäre die Hauptfigur nicht fähig, das Licht zu sehen. Melancholisch bis todessehnsüchtig (bedenkt man die erste Szene), aber auch auf eine Weise gleichgültig ob aller möglichen bewegenden Geschehnisse. Ein irgendwie geheimnisvoller, aber eben auch un(be)greifbarer Held. Für diesen neuen Roman: Ein Leuchten!

Der Roman erschien im S. Fischer Verlag und stand im Monat Mai auf Platz 1 der SWR-Bestenliste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. 

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

Weitere Besprechungen zu Büchern von Reinhard Kaiser-Mühlecker hier auf dem Blog:

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Fremde Seele, dunkler Wald S.Fischer Verlag

Reinhard Kaiser-Mühlecker: Zeichnungen S. Fischer Verlag

Hüseyin Yurtdas: Der Verkrochene Elif Verlag

In „Der Verkrochene“ klagt ein Ich über sich selbst. Wehleidig, wütend, resigniert, gleichgültig, bitter, vermutlich auch ziemlich traumatisiert. Gleich eingangs erfahren wir, dass der „Verkrochene“ offenbar gar nicht erwünscht ist in der Familie, in die er hinein geboren wird, eine angesehene türkische Familie, wie sich im Verlauf herauslesen lässt. Die Mutter verweigert ihm die Brust, vom Großvater setzt es Prügel. Der Schwester des Ichs geht es da wesentlich besser; sie wird wie eine Prinzessin behandelt. Der männliche Protagonist erhält keinerlei Rückhalt, bekommt kein gutes Selbstwertgefühl mit und kein Handwerkszeug fürs weitere Leben.

„Was ist Liebe letztendlich? Das, was ich von meiner Familie nicht erfahren habe? Die gläserne Galerie. Ich versuche heute die Liebe ganz neu zu erschaffen. Leidend wie ein Hund.
Lachen Sie wenigstens ein bisschen? Seien Sie doch nicht ganz so ernst. Sie dürfen meine Anstrengungen mit einem Lachen belohnen.“

Er sitzt einsam in der Wohnung oder manchmal im Teehaus. Er sieht das Leben um ihn herum, nur er selbst scheint kein Leben zu führen. Langeweile, Frust, Selbsthass. Kurze prägnante Sätze zeigen die ganze Tragik in ein paar Worten. Grübeleien, philosophische Fragen, die im endlosen Nichts verdampfen …  Er, der sich selbst Idiot schimpft, war immerhin Student; doch er lebte mit einem Kommilitonen in einer Kellerwohnung und empfand nur Leere. Freunde gibt es fast keine. Einmal wird ein Nachbar, ein Malerpoet, genannt, dem er zuhört, wenn er von seiner Arbeit erzählt.

Es gibt Momente, in denen alles passt, in denen Möglichkeiten aufscheinen, Möglichkeiten, die nicht soo abwegig sind. Doch dann kommen wieder die Selbstzweifel. Ist der Protagonist wütend, äußert sich das bisweilen auch in einer recht derben Erzählart. Ein andermal erzählt er uns, dass er aus dem Adel stammt, dass er aber nicht die richtige (Haut?)Farbe besitze.

„Wie kann ein vernünftiger Mensch, der die Wahrheit liebt, in dieser Welt leben? Es ist unmöglich aufzusteigen. Wie windet man sich von unterhalb der Erde zum weiten Himmelszelt hinauf? Durch Wahnsinn? So ein Mensch wird keine Freunde haben. Und einen Vertrauten auf keinen Fall. Voll Zorn wird er sich erheben und sich schlafen legen. Er muss sich jeden Tag aufs Neue überreden, bereit zu sein. Um ein falsches Leben zu ertragen.“

Zwischendurch kommen kurze Kapitel, die sich lesen als wären es Träume oder Wachphantasien. Oder ist er doch verrückt? Durchgedreht? Ein Pessimist? Ein Menschenfeind? Niemals wird ganz klar, was unser Held für ein Mensch ist. Spielt er mit uns ein Spiel? Oft bezeichnet er sich selbst als Lügner, als Schauspieler, ja Gaukler. Macht er uns etwas vor? Hält er uns mitunter gar den Spiegel vor? Ist er der unzuverlässigste Erzähler der Welt? Vielleicht ist er aber auch einer, der mit ungewöhnlichen Mitteln den Zustand unserer Gesellschaft reflektiert und mit philosophischen Mitteln überdenkt. Und auch wenn der Erzähler immer wieder die Leserin direkt anspricht, ob sie nicht genervt sei, langsam genug hätte, ist sie das nicht. Im Gegenteil: Ich habe dieses 120 Seiten zählende Buch gern gelesen und den Autor mitunter sehr gut verstanden …

Hüseyin Yurtdas, 1978 in München geboren, lebt in Istanbul, wo er auch Sozialpsychologie studierte, was sicher auch den Roman geprägt hat. Barbara Yurtdas übersetzte das Buch. Es erschien im Elif Verlag, den ich generell für schöne Entdeckungen empfehle. Ich danke dem Verleger für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Jhumpa Lahiri: Wo ich mich finde Rowohlt Verlag

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„Gibt es einen Ort, an dem wir nicht auf der Durchreise sind?“

Bereits damals mit ihrem ersten Erzählband „Melancholie der Ankunft“ hat mir Jhumpa Lahiris Schreibstil gefallen. Es folgten weitere Erzählungen und die Romane „Der Namensvetter“, „Einmal im Leben“ und „Das Tiefland“. Im Jahr 2000 erhielt sie den Pulitzer-Preis. Die 1967 in London geborene Autorin mit bengalischen Wurzeln verliebte sich in die italienische Sprache, zog mit ihrer Familie nach Rom und schrieb schließlich diesen Roman in Italienisch. Bewundernswert schon deshalb. Aber vorrangig wegen des eigenwilligen Inhalts.

Waren ihre bisherigen Bücher oft geprägt von ihrer bengalischen Herkunft und der Zerrissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne, so geht es in „Wo ich mich finde“ um eine namenlose, in einer nicht namentlich genannten italienischen Großstadt allein lebende Frau, die sich vor einem Ortswechsel zunächst scheut. Lahiri erzählt in kurzen Kapiteln, die immer die Überschrift des Schauplatzes tragen, von den scheinbar unspektakulären alltäglichen Erlebnissen ihrer Hauptfigur. Ich möchte sie Heldin nennen, denn sie schafft es den Blick konzentriert auf die kleinen Begebenheiten zu werfen, ja, die Dinge überhaupt wahrzunehmen. Mitte 40 ist sie, ohne Familie, Single und genau dieses Alleinsein ist es auch, das den Blick der Wahrnehmung schärft. Allein bekommt man viel mehr mit, kann getrost die Anderen beobachten, Geschichten spinnen, Schwächen entlarven oder über die jeweilige Position sinnieren. Dass sie dabei nicht immer glücklich ist, sich mitunter einsam fühlt, sich danach sehnt, was andere haben, ist zutiefst menschlich und wird dann wieder relativiert durch die Tatsache, dass die anderen mit ihrem Leben auch nicht unbedingt zufriedener sind. Eine Überschrift heißt: Bei der Psychoanalytikerin.

„Bei jeder Sitzung sollte man etwas Positives erzählen. Aus meiner Kindheit kamen leider keine Anregungen dafür. Also sprach ich über den Balkon meiner Wohnung, wenn die Sonne darauf scheint, während ich frühstücke. Und ich erzählte ihr von dem Wohlgefühl, im Freien einen aufgewärmten Stift in die Hand zu nehmen und zwei Zeilen damit zu schreiben.“

Zudem hat sie etwas, was die anderen nicht haben. Etwas was womöglich nur aus einer Melancholie, aus dem Alleinsein entstehen kann. Sie kann schreiben und darin Zustände verwandeln, Umstände verändern. So lesen wir auch über die Eltern, die Schwierigkeiten und Brüche, die in deren Beziehung passierten und die Auswirkungen auf das spätere Leben der einzigen Tochter. Letztlich geht es um das Recht auf Selbstbestimmung. Auch der Buchtitel sagt genau, was zählt: die eigene Verortung.

„Es hat keinen Sinn, darauf zu beharren, denn es will ihr (Anm.: der Mutter) nicht in den Kopf, dass mir das Alleinsein auch eine gewisse Genugtuung verschafft. Trotz ihrer angeblichen Verbundenheit interessiert sie mein Standpunkt nicht, und darin liegt meine wahre Einsamkeit.“

Da ist die Liebe zum Theater in Erinnerung an den früh gestorbenen Vater. Aber auch der Zwang der selbst auferlegten Sparsamkeit, der längst nicht mehr sein müsste. Wir lesen, dass sie nie einen Ehemann hatte, aber mit diversen Ehemännern zusammen war.

„Bis eines Tages im April jemand bei mir klingelte. Ich dachte, er sei es. Doch es war eine andere Frau, die meinen Freund genauso gut kannte wie ich. Sie traf ihn an den Tagen, an denen wir uns nicht sahen. Mit dieser Frau habe ich fast fünf Jahre lang denselben Mann geteilt.“

Auf nur 160 Seiten gelingt Jhumpa Lahiri ein sprachliches Meisterwerk. Die Bilder, die aus dieser feinen sensiblen Sprache aufsteigen, lassen mich mit der Heldin durch italienische Städte und Landschaften gehen. Ich erlebe den „Ferragosto“, wenn die Stadt sich leert, weil alle Bewohner in die Sommerfrische fahren, ich schmecke den „caffè“ und das „panino“ im quirligen Leben in der italienischen Bar an der Piazza. Ich darf aber auch eine Schicht tiefer gehen. Ich spüre, was in ihr vorgeht, spüre die Seele in allem, das so überreiche Innenleben und die Traurigkeit, die Melancholie, von der auch die Stadt geprägt ist an manchen Orten. Ich bin restlos eingenommen von dieser Literatur, die mir einen verzauberten Sommer-Sonntag geschenkt hat. Ein Herzensbuch! Ein Leuchten!

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag und wurde von Margit Knapp aus dem Italienischen übersetzt.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Daša Drndić: Belladonna Hoffmann und Campe Verlag

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Diese sprachlich hervorragende und ungewöhnlich konstruierte Romanentdeckung verdanke ich einmal mehr Constanze von Zeichen & Zeiten. Die Autorin war mir bisher kein Begriff, obwohl bereits mit „Sonnenschein“ ein Roman in deutscher Sprache von ihr erschien. Die 1946 in Zagreb geborene Daša Drndić spannt den Bogen von der Gegenwart über das Kriegsgeschehen auf dem Balkan während und nach dem Zerfall Jugoslawiens bis weit zurück in die Zeit des Nationalsozialismus. Gleich vorab: Ein Leuchten!

„Sein Herz bleibt stehen. Andreas Ban spürt, wie sein Herz in Zeitlupe durch seinen Rücken hindurch auf den Boden fällt. Er dreht sich auf die Seite, schaut über den Rand der Behandlungsliege und betrachtet sein großes Schwimmerherz, wie es ins Leere pumpt, als schnappe es nach Luft, immer langsamer. Mit gewölbter Hand hebt er das Herz auf und legt es zurück an seinen Platz.“

Ihre Hauptfigur, Andreas Ban, ein Psychoanalytiker und Schriftsteller im Ruhestand, lebt in einer Kleinstadt in Kroatien (vermutlich Rijeka). Leider kann er diesen nicht genießen, denn Widrigkeiten wie ein geringes Auskommen und diverse Krankheiten hindern ihn daran. Und obwohl er das so gar nicht will, gerät er unwillkürlich immer wieder in Erinnerungen aus dunklen Zeiten. Ban gerät in den Prozeß des Alterns, der ihn melancholisch macht. Daraus speist sich die Handlung, aber Drndić fügt immer wieder Originalfakten wie alte Fotos, Zeitungsberichte, Zitate und sogar Listen Verstorbener mit ein und schafft es alles zu einem stimmigen Ganzen zusammen zu fügen. Durch diese Form der „Bearbeitung“ von Fakten wird die Lektüre sehr intensiv. Denn wenn auf den Bericht der Tötung von 1055 Juden im serbischen Šabac auf den folgenden Seiten eine Liste mit den 1055 Namen erscheint ist das mehr als eindringlich.

„Er taucht in eine andere Geschichte ein, in Hunderte persönlicher Geschichten, wegen denen manche wahnsinnig werden und andere Gedichte schreiben.“

Tief taucht Ban ein in die 70er Jahre, als Sarah Kirsch, Eva Strittmatter, Nicolas Born und der Österreicher Peter Henisch, der über seinen Fotografen-Vater im Nationalsozialismus schreibt, in Albanien auftauchen, wo Ban seinen Wehrdienst leistet. Er erzählt von Niklas Frank, der seinen Vater, den „Schlächter von Polen“ in einem Buch in der Luft zerfetzt. Dass es nationalistische und antisemitische Verbrechen auch in Kroatien gab, die aber nie, wie in Deutschland aufgearbeitet wurden, sondern verschwiegen und verdrängt, ist ein wichtiger Aspekt des Buches.

So schreibt sich Ban alles von der Seele. Unerträglich und absurd, welche Greuel da versteckt wurden, wie hohe Funktionäre der NHD und der Ustascha-Bewegung einfach nach dem Krieg weiter Karriere machten, oft in Südamerika, wie wenig die Nachkommen damit zu tun haben wollen und wie unverdrossen auch heute wieder die Heimatliebe und die Blut und Boden-Ideologie öffentlich zur Schau gestellt wird.

Andreas Ban, der in Paris geboren wurde, der als Kind mit der Familie nach Belgrad kam, dessen Mutter und Schwester früh an Krebs verstarben, ebenso wie später dessen Frau, zog mit seinem Sohn 1992 nach Kroatien. Er erhält nach einigen Jahren Arbeitslosigkeit und schlecht bezahlter Jobs, vielleicht auch deshalb, nur eine kleine, wenig bedeutsame Stelle an der Universität, die von einfältigen, angepassten Intellektuellen bevölkert wird. Auch für den Sohn ist es nicht einfach. Die Sprache ist eine andere. Der Nationalstolz ist groß.
Durch jede Zeile spürt man später Bans Wut über die Leugner und Scheuklappenträger wabern. Er beschimpft sie vor Antritt seines Ruhestands in einem Brief, der von Zitaten kluger Schriftsteller, Philosophen und Intellektueller nur so strotzt, die Ban überhaupt gerne zu Rate zieht, was dem Roman sehr zuträglich ist.

Auch Ban wird vom Krebs nicht verschont. Eine Operation hilft. Andere altersbedingte Verschleißerscheinungen treten auf. Doch jede Krankheit bringt auch Erinnerungen und Geschichten mit sich, wie etwa bei einer Augen-OP der Schwenk zu E. T. A. Hoffmanns Sandmann naheliegend ist.

„Über den Krankenhausflur kullert eine kleine, in Federn gehüllte Angst“

Eine Einladung zu einem Schriftstelleraufenthalt in Amsterdam trägt zu einem kurzen Zwischenhoch bei. Doch auch dorthin folgt die Vergangenheit, wenn Ban etwa erfährt, dass zwischen 1938 und 1945 2061 niederländische jüdische Kinder im Alter von sechs Monaten bis 18 Jahren ermordet wurden und die 2061 Namen der Kinder abgedruckt sind: „Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“

„Jetzt, wo er einen Zweikampf mit seinem Körper ausficht, einen Zweikampf, aus dem er, ach, er weiß es, sieht es, nicht als Sieger hervorgehen wird, wühlt er in fremden Leben herum, um Abstand zu seinem zu gewinnen.“

Andreas Ban ist wenig versöhnlich mit sich und der Welt. Er macht Tabula rasa. Gegen Ende des Romans kommt es dann zum Showdown mit Belladonna, einer Pflanze, die wir unter dem Namen Tollkirsche kennen …

Der Roman erschien im Hoffmann & Campe Verlag und wurde von Brigitte Döbert und Blanka Stipetić übersetzt. Eine Leseprobe gibt es hier.

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