Aus dem Archiv: Riikka Pelo: Unser tägliches Leben C. H. Beck Verlag

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Abbild der Dichterin als Mutter

Marina Zwetajewa und ihre Tochter Ariadna – eine komplexe Beziehung

Über „Unser tägliches Leben“ soll sie schreiben, die kleine Ariadna, das elfjährige Mädchen, das eigentlich nur ein ganz normales Kind sein möchte. So verlangt es ihre Mutter. Und ihre Mutter ist niemand geringeres als die russische Dichterin Marina Zwetajewa. Die behandelt die kleine Tochter wie eine Erwachsene und verlangt oft mehr, als sie selbst geben kann. Das gemeinsame geschriebene Werk soll als großes Prosawerk erscheinen und von ihrem Leben zeugen.

Der Roman der Finnin Riikka Pelo, für den sie den renommierten Finlandia-Preis erhielt, beschreibt Auszüge aus dem Leben der russischen Dichterin Marina Zwetajewas. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Beziehung der Dichterin zu ihrer Tochter Ariadna. Leserinnen und Leser, die keinerlei Vorkenntnisse über die Zwetajewa haben, wird die Lektüre schwerer fallen. Pelos Roman setzt biografische Kenntnisse voraus oder fordert zumindest eine nähere Beschäftigung mit der Biografie der Dichterin. Pelo skizziert die Zwetajewa als eine zerrissene, schwierige Frau, die einem nicht wirklich sympathisch ist.

Marina Iwanowna Zwetajewa, geboren 1892 in Moskau, hatte eine unruhige Kindheit: die Familie lebte ständig an anderen Orten. In Paris studierte sie Literatur und entdeckte für sich die Poesie. Sehr jung heiratete sie Serjoscha Efron, doch auch nach der Heirat ging das unstete Leben ohne Sesshaftigkeit weiter. Ariadna ist die zweite Tochter; die erste, Irina, starb in einem Kinderheim. Viel später folgt der Sohn Georgi, genannt „Mur“. Marina schwankte zwischen dem Wunsch unabhängig zu sein und endlich in Ruhe an ihrer Dichtung arbeiten zu können und an der Verpflichtung, ihre Kinder zu versorgen. Die Eltern hatten beide außereheliche Affären. Marina zog daraus oft ihre Inspiration. Wichtige Rollen spielten dabei Boris Pasternak, Ossip Mandelstam, Anna Achmatowa und Rainer Maria Rilke. Im kommunistischen Stalin-Regime geächtet, gänzlich verzweifelt und ohne Mittel nahm sie sich im Jahr 1941 das Leben.

Zwei Stränge ziehen sich wechselweise durch den Roman. Einer spielt im Jahr 1923 in Vsenory nahe Prags und der andere 1939 in Moskau und Bolschewo jeweils im Monat August. Die Kapitel des Jahres 1923 werden aus der Sicht Marinas erzählt, die aus dem Jahr 1939 von Ariadna und zwar aus der Ich-Perspektive. Der Roman endet mit kurzen Sequenzen aus dem Jahr 1941 aus Jelabuga und Workuta. Unterbrochen werden die Kapitel von losen Gedanken oder Erinnerungen aus dem Bewusstseinsstrom der Tochter Ariadna. Vielleicht sind es Träume, vielleicht sind es sogar Auszüge aus den gemeinsam geschriebenen Heften.

Die Kapitel des Jahres 1923 erzählen von der gemeinsamen Zeit Marinas und Ariadnas in einem Dorf nahe Prags. Serjoscha Efron, Marinas Ehemann, befindet sich in einer Heilklinik aufgrund seiner schwachen Gesundheit und die Tochter Ariadna soll auf Wunsch des Vaters in eine Art Internat geschickt werden. Die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter ist eine zwischen Symbiose, Hingabe und Egozentrik pendelnde; das Kind aufgeweckt und klug, aber eben auch noch Kind. Doch nichts ist spielerisch: Marina meint es ernst. Die Tochter soll ihr folgen …

„Es gibt Geschichten und es gibt Gedichte.
Ich habe den Unterschied gelernt. Geschichten kommen aus der Welt, die alle
haben, aber Gedichte kommen aus dem Herzen, darum sind sie wichtiger. Jeder hat seine
eigenen Gedichtwörter, man muss sie nur finden. Man muss sie hören.“

Im Kapitel des Jahres 1939 steht Ariadna, die inzwischen 27jährige Tochter im Mittelpunkt. Die Geschichte setzt ein mit dem Zeitpunkt, an dem Ariadna vom Arzt erfährt, dass sie schwanger ist. Den Vater des Kindes, Mulja, liebt sie innig, das Kind wird sie zusammenschweißen, dessen ist sie sich sicher. Sie hat, zurückgekehrt aus Paris, in Moskau endlich eine Stelle bei einer Zeitung bekommen. Die Kunstakademie, an der sie Malerei studieren wollte, hat sie aufgrund ihres Lebenslaufs nicht aufgenommen. Jeder, der aus dem Ausland zurückkehrt, wird verdächtigt, ein Spion zu sein. Doch sie glüht ganz im Gegensatz zu ihrer Mutter für den Kommunismus, für den „neuen“ Menschen, für Stalins Regime.

„Ich hatte gesagt, Sie müssen, Marina, einmal Vater Sonne von Angesicht zu Angesicht sehen, dann verstehen Sie all das, alles. Sie haben dich tatsächlich in ihren Fängen, sagte sie damals, nicht verurteilend wie sonst, sondern traurig, und ich wusste, dass es sinnlos war, den Versuch zu machen, sie in diesen Dingen aufzuklären.“

Mulja jedoch hat bereits Frau und Kind und erfüllt nur einen Auftrag von höherer Stelle. Dass der Mann, den sie so sehr liebt, ihre eigene Familie bespitzelt, erkennt sie nicht. In diesem Kapitel finden sich seitenweise schwärmerische Liebesbekundungen Ariadnas für ihren Geliebten, die man durchaus hätte kürzer halten können. Diese Liebesgeschichte durchdringt dann auch den kompletten zweiten Strang im Jahr 1939, in der Marina deutlich mehr im Hintergrund steht.

In den letzten Kapiteln aus dem Jahr 1941 ändert sich zunächst der Ton, es erfolgt eine Zäsur: Ariadna wird bei einer Familienfeier „abgeholt“. Man wirft ihr Landesverrat vor. Die Szenen, die im Gefängnis und unter der Folter spielen und die schließlich zu einem (falschen) Geständnis Ariadnas führen, werden dem Leser von der Autorin stakkatohaft in kurzen einzelnen Sätzen hingeworfen. Kaum lesbar sind diese grausigen Szenen, in deren Folge Ariadna schließlich auch ihr ungeborenes Kind verliert. Von all dem weiß Marina nichts, auch nicht über ihren Mann, der kurz nach Ariadna verhaftet wurde. Sie versucht dem Sohn Mur eine gute Zukunft zu bieten, doch die Armut scheint aussichtslos und schließlich fasst sie den tödlichen Entschluss.

Sinnvoll wären für das Buch ein Verzeichnis der Protagonisten – die russischen Doppel- und Kosenamen sind nicht immer leicht auseinanderzuhalten – und eine Rubrik mit Anmerkungen zum Verständnis der geschichtlichen und privaten Zusammenhänge gewesen. So muss der Leser sich vieles zusammensammeln, wenn er wirklich tief in die Geschichte eintauchen will. Pelos Roman ist nicht per se ein politischer Roman, blendet aber die politischen Geschehnisse, wie etwa die Folgen der russischen Revolution, den zweiten Weltkrieg und die Stalin-Zeit, nicht aus, sondern verankert ihre Protagonisten, insbesondere Ariadna darin und hält sich an die Fakten.

Die Geschichte der Beziehung Marina Zwetajewas zu ihrer Tochter Ariadna ist in der Tat eine spannende aufgrund ihrer so gegensätzlichen Weltanschauung. Die Autorin verliert sich allerdings leider manchmal in allzu ausschweifenden Beschreibungen. So auch in jenen Zwischenkapiteln, die manchmal wie lyrische Prosa erscheinen, manchmal wie ein verwirrender Bewusstseinsstrom ohne Zusammenhänge, so dass sie den Lesefluss der eigentlichen Geschichte unterbrechen und verlangsamen. Einige Kürzungen hätten dem Roman sicher gut getan. Dennoch kann ich ihn empfehlen: Er ist einer der Interessantesten und Bemerkenswertesten unter so vielen, die es über Schriftsteller oder Dichter zu lesen gibt. Er macht Lust, sich (einmal wieder, einmal mehr) mit dem Werk der Marina Zwetajewa und deren Lebensgeschichte näher zu befassen: Einer Frau, die intensiv lebte, die ohne ihre Dichtung nicht sein konnte, letztlich aber doch zwischen politischem Standpunkt, Familienfürsorge, Überlebenskampf und dem Anspruch an ihr Dasein als Künstlerin aufgerieben wurde und daran zerbrach.

Die Besprechung erschien zuerst auf fixpoetry.

Hamburg
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Andrej Platonow: Die glückliche Moskwa Suhrkamp Verlag

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Was für eine Sprache! Welch ein eigensinniger Stil!
Bereits „Die Baugrube“ hat mich von der ersten Seite an begeistert und nun ist es mit dem Roman „Die glückliche Moskwa“ ebenso. Platonow hat eine faszinierende Art vermeintlich schlicht und dennoch anspruchsvoll zu schreiben. Der vorliegende Roman zählt nur 140 Seiten. Es ist der letzte Roman Platonows. Im Anhang kann man einiges über die Entstehung erfahren und sogar vier verschiedene Anfänge lesen, die aufgrund der Notizbücher des Autors von 1932 bis 1936 überliefert sind. Herausgeberin der Moskauer Ausgabe Natalja Kornienko schreibt dazu:

„Die vorliegende Ausgabe wurde auf Grundlage des Manuskripts erstellt, das sich in Platonows persönlichem Archiv befand. Der Text wurde mit Bleistift auf graues Papier geschrieben – teils auf beidseitig beschriebene Blätter, die aus Schulheften und Kontobüchern herausgerissen waren, teils auf die Rückseite von Manuskripten seiner frühen Gedichte.“

Einprägsame Figuren wandeln durch die Geschichte, die in Moskau Mitte der 30er Jahre spielt. Allen voran die stolze Moskwa Tschestnova, die freiheitsliebende junge Frau, die sich nicht binden will, die an den „neuen Menschen“ und an die Kraft des Kommunismus glaubt. Sie wächst als Heimkind auf und trifft später auf Boshko, einen Geometer und Stadtplaner, der sie schließlich in der Schule der Luftfahrt zur Ausbildung unterbringt.

„Was lieben Sie denn am meisten?“, fragte er.
„Ich liebe den Wind in der Luft und noch so dies und das“, sagte die erschöpfte Moskwa.
„Also die Schule für Luftfahrt, etwas anderes kommt für Sie nicht in Frage“, stellte Moskwas Begleiter fest. „Ich werde mich bemühen.“

Doch da fliegt sie, nachdem sie als Fallschirmspringerin zu leichtsinnig unterwegs war, raus. Sie wird danach Angestellte in einer Behörde, arbeitet später auf der riesigen Baustelle der neuen Metro in Moskau. Da ist der Ingenieur Sartorius, der sich unsterblich in Moskwa verliebt und als die Liebe nicht auf Dauer erwidert wird, sich wieder an die Arbeit der Konstruktion neuer Waagen und der Entdeckung der menschlichen Seele macht. Da ist der Arzt und Pathologe Sambikin, der die Seele des Menschen beim Sezieren Verstorbener sucht und dabei glaubt, ein Fluidum der Lebenskraft entdeckt zu haben. Da gibt es den „Außermilitärischen“ Komjagin, der in „oblomow`scher“ Weise lebt und für den Sozialismus nicht tauglich ist. Alle, alle sind sie von Moskwa betört.

„Lange Stunden ging und fuhr sie durch die Stadt, niemand berührte sie, niemand fragte sie etwas. Das allgemeine Leben raste als derart kleinlicher Müll an Moskwa vorbei, das sie den Eindruck hatte, die Menschen seien durch nichts vereint, und Befremden stehe zwischen ihnen im Raum.“

Als Moskwa bei einem Unfall auf der Baustelle ihr rechtes Bein verletzt, landet sie durch Zufall auf dem Operationstisch von Sambikin, der ihr das Bein amputieren muss. Erneut entflammt er in Liebe und fährt mit ihr zur Genesungskur. Doch auch diesmal reicht es nicht. Moskwa verlässt ihn und heiratet ausgerechnet den kränkelnden Komjagin. Ihre Beweggründe erfährt man nicht. Es liegt eine gewisse Beliebigkeit in ihren Entscheidungen.

Der Rest des Romans erzählt von Sartorius, der aus Gram seine Identität vom studierten Ingenieur zum einfachen Arbeiter mit neuem Namen wechselt und dann eine lieblose Ehe mit starrer Routine eingeht. Eindeutig zeigt sich hier die Unfertigkeit der Geschichte und auch die Brüche zwischen den drei einzelnen Teilen. Lag am Anfang der Schwerpunkt auf der Lichtgestalt Moskwa, nach der Hauptstadt Moskau benannt, entwickelt sich die Handlung mehr und mehr zu den liebes- und lebensleidenden Männern hin, was mich etwas enttäuscht hat. Alle Männerfiguren sind im Vergleich zur Heldin eher schwach und melancholisch bis weinerlich dargestellt. Dennoch spannend zu sehen, auch anhand der beigegebenen Entstehungsgeschichte, welche inhaltliche Entwicklung der 1899 in Woronesh geborene Schriftsteller Platonow in seinem Schreiben machte. Sprachlich ohne Abstriche empfehlenswert!

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Das Cover ist, wie schon bei „Die Baugrube“ schön gestaltet mit einem stofflichen Einband und haptischer Titelprägung unter Verwendung des Gemäldes „Die Bauarbeiter“ von Alexandr Alexandrovich Dejneka. Die Übersetzung liegt der ersten deutschen Übersetzung von Renate Landa und Lola Debüser zugrunde, wurde aber überarbeitet von Jekatharina Lebedewa. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Christoph Hein: Trutz Suhrkamp Verlag

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Gerade ein Jahr ist seit „Glückskind mit Vater“ vergangen und schon liegt ein neuer Roman von Christoph Hein vor. Was er in Interviews darüber erzählte, klang bereits verlockend. Die Mnemotechnik, von der ich noch nie zuvor etwas gehört hatte, spielt eine besondere Rolle in „Trutz“. Es handelt sich um eine Form von Gedächtnistraining bzw. um ein System sich einfacher Dinge merken zu können, sich genauer erinnern zu können. Das menschliche Gedächtnis soll dabei voll ausgeschöpft werden. Man kann dies mit bestimmten Methoden erlernen. Außerdem ist es ein Roman, der tief in die russisch/sowjetische Geschichte eintaucht, die anhand zweier Hauptprotagonisten geschildert wird.

Zum einen: Rainer Trutz zieht als junger Mann vom Land nach Berlin. Zunächst versucht er vergeblich Arbeit zu finden. Doch durch einen Zufall lernt er die Russin Lilja kennen, die ihm Arbeit bei einer Zeitung verschafft. Er schreibt zwei Romane, die nicht überragend erfolgreich sind, vor allem einer wird ihm jedoch zum Verhängnis: Die Nazis ergreifen die Macht und Trutz ist kein hinlänglich deutschtümelnder Autor. Nach einem Überfall versucht er 1933 mit seiner Freundin Gudrun ins Ausland zu emigrieren, doch als einziges Land bleibt die Sowjetunion, da Lilja hier bei der Einreise helfen kann. Dort findet Trutz jedoch nur Arbeit als Bauarbeiter und das Stalin-Regime wird immer strikter. Jahre später wird er aufgrund eines alten, angeblich stalinfeindlichen Zeitungsartikels aus Berliner Zeiten zu 5 Jahren Zwangsarbeit in einem Lager verurteilt. Gudrun und sein Sohn Maykl bleiben zunächst in Moskau, erfahren jedoch nie mehr etwas von Rainer und werden später aufgrund des Kriegsbeginns durch Hitler, als Deutschstämmige in die Verbannung in ein Arbeitslager geschickt.

„Ein zivilisiertes Volk wie die Deutschen könne sich einmal irren und einen Fehler machen, aber die Deutschen seien durch ihre wechselvolle Geschichte, durch ihre hohe Bildung, durch ihre weltweit bewunderte Kultur gottlob davor gefeit, einen Fehler zu wiederholen. In ein paar Monaten werde auch Berlin den braunen Spuk wie eine schwere Infektion überstanden haben und wieder lebenswert und liebenswert sein.“

Zum zweiten geht es um den Moskauer Neurolinguistik-Professor Waldemar Gejm, der über Mnemotechnik forschte und der in der Zeit der großen „Säuberungen“ Stalins zunächst von der Universität entfernt und später mit seiner Frau und den Kindern Geta und Rem ebenfalls in die Verbannung geschickt wird. So treffen sich beide Familien wieder, die sich in Moskau durch Lilja kennengelernt hatten und die gleichaltrigen befreundeten Jungen, die bereits in Moskau vom Vater im Gedächtnistraining geschult wurden, erhalten weiter Unterricht.

„Gejm erläuterte die Gedächtnistheorie der Antike, wonach sich der Mensch all jenes gut einprägen kann, was sich durch die Sinne mitteilt. Das Gedächtnis setzten sie einem inneren Schreiben gleich. So wie der Schüler, der das Alphabet lerne, alles aufschreibe, was man ihm diktiere, und alles lesen könne, was geschrieben ist, würde derjenige, der die Mnemonik erlerne, alles Erlebte und Erfahrene und Gehörte in seinem Gedächtnis festschreiben und es jederzeit wieder lesen, also erinnern können.“

Maykl legt man später nach dem Krieg und nach dem Tod seiner Eltern nahe, wieder nach Deutschland zurückzukehren und so beginnt er ein Studium in der DDR, in der er letztlich ein beinahe ähnliches Schicksal erlebt, wie sein Vater. Ihm gelangt sein geschultes Gedächtnis nicht zum Vorteil. Rem hingegen, dessen Vater später vollkommen rehabilitiert wurde, macht in Moskau Karriere beim Militär.
Rem und Maykl sehen sich erst nach der politischen Wende 1989 wieder …

Christoph Heins Roman ist eine beachtlich genau recherchierte Geschichte, die jedoch nicht das Potenzial eines großen Romans hat. Nicht, dass ich nicht mit Erwartungsfreude gelesen hätte. Aber irgendetwas fehlt; es fällt schwer, das genau zu benennen: Es könnte vielleicht einfach mangelnde Sympathie des Autors für seine Romanfiguren und deren schicksalhafte Lebensläufe sein. Oft wird einfach, beinah wie in einer Aufzählung, alles hintereinander weg erzählt. Der Text wirkt wenig gestaltet und ergibt nach meinem Empfinden keine runde stimmige Geschichte. Große Zeitsprünge werden gemacht, gerade im letzten Teil fehlt eine ausführlichere Darstellung der Ereignisse bis zum Treffen. Andererseits werden Erklärungen häufig wiederholt, obgleich der Leser sie längst kennt. Zudem hätte man mit der Idee der Mnemotechnik eine spannendere Story entwickeln können.
Was Hein sehr eindrücklich und überzeugend aufzeigt, sind die politischen Verhältnisse in Zeiten des Stalinregimes, die totale Überhöhung Stalins, die Sprunghaftigkeit der Oberen, die Unsicherheit, nie zu wissen, wer am nächsten Tag verhaftet, denunziert oder verbannt wird und die Zustände in den Lagern und unter der Zwangsarbeit.

Alles in allem habe ich Heins neuen Roman gern gelesen, aber gänzlich überzeugt hat er mich nicht. An „Glückskind mit Vater“ kommt er nicht heran und einen Jahrhundertroman, wie er im Klappentext bezeichnet wird, würde ich ihn nicht nennen, erinnert er doch oft eher an ein durchaus lesenswertes biografisches Sachbuch.

Christoph Heins „Trutz“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Peter liest.