Nell Zink: Das Hohe Lied Rowohlt Verlag

Nach „Virginia“ ist es der zweite Roman, den ich von der in Bad Belzig nahe Berlin lebenden Amerikanerin Nell Zink lese und es bestätigt sich, dass diese Autorin eine ungewöhnlich gute Erzählerin ist. Ich frage mich, warum sie so selten im Feuilleton oder auf Blogs besprochen wird. Ihre Erzählweise ist so mitreißend, kraftvoll und witzig, dass es eine Freude ist. So schafft sie es mit Themen, in denen ich mich gar nicht auskenne oder für die ich mich normalerweise nicht so brennend interessiere, dass ich trotzdem bereits nach den ersten Zeilen nicht mehr von ihrer Story los komme.

In „Das Hohe Lied“ spannt sie einen Bogen vom New York der 80er Jahre über Washington DC bis übers Jahr 2016 hinaus, als Donald Trump die Wahl zum Präsidenten gewinnt. Wir lernen Joe, Daniel und Pam kennen. In einzelnen Kapiteln werden diese Hauptprotagonisten mit ihrer Herkunft vorgestellt, bis sie in der Geschichte schließlich in New York zusammen treffen. Alle drei wollen Musik machen. Alle drei können es aber gar nicht so toll. Trotzdem planen sie mit einem von Daniel getragenen Musiclabel Joes unverblümt spontane Musik zu veröffentlichen. Daniel und Pam werden ein Paar. Pam ist früh von zuhause, sprich Washington DC abgehauen und hat als Programmiererin einen guten Job gefunden. Daniel arbeitet für Zeitarbeitsfirmen. Als Pam sehr jung schwanger wird, ist es für beide trotzdem keine Frage das Kind zu bekommen. Sie engagieren Joe als Babysitter für Flora und produzieren nebenbei Musik. Unverhofft wird ein Song von Joe tatsächlich erfolgreich, er unterschreibt einen Plattenvertrag und geniesst künftig sein hedonistisches Leben. Die raffinierte drogenabhängige Freundin, die der unbedarfte Joe aufgabelt, lässt Pam und Daniel sich um ihn sorgen …

Dennoch läuft alles ganz gut, bis am 11.9.2001 in New York zwei Flugzeuge in das World Trade Center donnern. Ab diesem Zeitpunkt verändert sich das Leben. Daniel und Pam packen die kleine Flora ins Auto und fahren zu den Großeltern. Dort kommt es schließlich zum Entschluss, Flora dort im sicheren Wohnviertel zur Schule gehen zu lassen. Die beiden Alt-Punks kehren ins in die Jahre gekommene Loft nach New York zurück.

„Die Stadt hatte ihren Billigtouch verloren. […] Die Reichen waren noch reicher, und Armut war inzwischen nicht mehr praktikabel. In ganz Manhattan stand die Mittelschicht mittleren Alters inmitten der Trümmer ihrer privaten Altersvorsorge und wartete darauf, ihre Positionen im mittleren Management zu verlieren.“

Wir begleiten sowohl die persönliche Entwicklung und Ausbildung von Flora, als auch die der politischen Entwicklung der Vereinigten Staaten. Der Bankencrash, der erste schwarze Präsident, und dann der Wahlkampf, der auf die Wahl Trumps zusteuert, in dem sich Flora nach Ende ihres Studienabschlusses in Biochemie für die Grünen engagiert. Flora steht stellvertretend für die junge Generation, die mit den Sozialen Medien aufwächst und sich in diesen sicher bewegt.

„Sie war damit groß geworden, der potenziell sofortigen weltweiten Verbreitung eines jeden von ihr geäußerten Wortes eine Kosten-Nutzen-Analyse vorauszuschicken.“

Sie steht für die Generation, die sich aufgrund des Klimawandels um ihre Zukunft sorgt, die die Welt retten und sich politisch engagieren will, die sich aber auch mit einer gewissen Desillusionierung auseinandersetzen muss.

„Der Krieg gegen öffentliche Güter und privates Auskommen hatte einen Namen: Wirtschaftswachstum, Kapitalismus, der zum Kapital – den natürlichen Ressourcen, wie etwa Flüssen voller kostenlosem Fisch – im selben Verhältnis stand wie der Islamismus zum Islam. Es war ein Fetisch, der „Güter“ produzierte, die nicht „gut“ waren.“

Mit dem Ergebnis, dass Flora mehr als einmal hinterfragt, wohin die Reise gehen soll und erst recht wozu. Auch in ihren ersten Beziehungen zeigt sich dieses Schwanken, dieses nicht genau wissen wohin. Der Professor, der an der Uni ihre Arbeit betreut, der wesentlich ältere eloquente Politik-Berater, der junge unbedarfte Praktikant, der an Joe erinnert? Manchmal erfordern dann die Ereignisse doch Entscheidungen, so auch bei Flora.

Nell Zink hat einen überzeugenden, wie unterhaltsamen Roman geschrieben, der durchaus kritisch brandaktuelle Themen unter die Lupe nimmt. Zink brachte mir dabei zum Beispiel die Funktionsweise des Wahlkampfs in den USA, die mich bisher gar nicht interessiert hat oder aber auch, wie die Musikszene und der Musikbusiness wirklich funktioniert, nah. Sie ist eine kluge Erzählerin, die nie langweilt, ganz gleich um was es geht. Sie schreibt in einer ebenso flotten, wie gründlichen Sprache mit sehr gelungenem Humor. Die hohe Qualität hält sie geschickt bis zum perfekt konstruierten Schluss durch.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Übersetzt wurde es von Tobias Schnettler. Eine Leseprobe gibt es hier.

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich Verlag Die Brotsuppe

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Aus dem kleinen feinen Verlag mit dem ungewöhnlichen Namen „Die Brotsuppe“ habe ich bereits vor einiger Zeit ein sehr besonderes Buchkunstwerk vorgestellt: „Willkommen im Tal der Tränen“ von Noëmi Lerch. Nun habe ich wieder eine Entdeckung gemacht. Da ich selbst male und mich sehr für Künstlerbiographien interessiere, passt dieses Buch über Louis Soutter, einen Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers.

Louis Soutter, 1871 in Morges in der Schweiz geboren, eigentlich unter den besten Voraussetzungen in einer wohlhabenen, angesehenen Familie, bricht aus den für ihn vorgesehenen Laufbahnen aus. Nach abgebrochenem Architekturstudium folgt ein Musikstudium an einem berühmten Konservatorium in Brüssel. Doch auch hier bricht er ab, um an eine Schule für Zeichnung und Malerei zu wechseln. Danach folgt die Heirat mit einer amerikanischen Violinistin. Beide gehen 1897 in die USA. Soutter erhält die Leitung eines Kunstinstituts. Die Ehe zerbricht. Er kehrt zurück in die Schweiz.

Hier beginnen nun die Probleme. Soutter spielt als erster Geiger in großen Orchestern, doch immer öfter hat er Aussetzer, hört mitten im Konzert einfach auf zu spielen, versinkt in Tagträumereien. Er lebt über seine Verhältnisse, kauft sich teure Kleidung, die Schulden häufen sich. Der Bruder, ein Apotheker, muss immer öfter für sein Auskommen aufkommen. Seine Stellen verliert er, spielt nur noch in Hotels oder in Kinos, lebt in einer engen Mansarde. Sein Freiheitsdrang lässt ihn immer wieder tageweise verschwinden. Dann wandert er vagabundierend im Anzug durch Schweizer Landschaften und übernachtet schon mal im Heuschober. Die Familie entscheidet sich für einen Vormund. 1923 lässt man ihn mit 52(!) Jahren dauerhaft in ein Altersheim in Ballaigues im Schweizer Jura einweisen. Für ihn ist das schwer erträglich. Er beginnt zu malen. Exzessiv.

Das Malen löst die Musik ab. Soutter zeichnet täglich mehrere Bilder, wie in einem Rausch. Was ihn antreibt, sind die eigenen inneren Gespenster, aber auch die unglaublich starke Verbindung zur Natur. Was mit ihm geschieht, wenn er sich dem Bilderstrom hingibt, würde man heute vermutlich „Flow“ nennen. Ich bin sicher, er ist dabei mit etwas Höherem verbunden.

„Wie das Licht, die Rundung der Hügel und Täler es wollten, ließ Louis sich von der Landschaft einsaugen, er wollte nicht neben der Natur sein oder über ihr, sondern in ihr, in Bewegung ganz in ihrem Innern.“

In den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod entkommt er dem Heim nicht. Trotz kurzer Hoffnungsschimmer bleibt er dort allein zurück, strengen christlichen Regeln ausgeliefert, lebt immer asketischer. Sein Cousin, der Architekt „Le Corbusier“ besucht ihn einmal, ist begeistert von seinen Bildern, gibt ihm kurz öffentliche Aufmerksamkeit, wendet sich später aber ab. Jean Giono, der südfranzösische Schriftsteller und Cousin einer Pflegerin besucht ihn, kauft schließlich sogar einige Bilder ab. Auch der Schweizer Nationaldichter Ramuz verspricht ihm eine Zusammenarbeit. Und eine reiche entfernte Cousine lässt ihn in ihrem noblen Landhaus ab und an „Urlaub vom Heim“ machen. Doch niemand hilft ihm von dort dauerhaft wegzukommen. Seine eigenen Einsprüche wirken nicht. Ab 1937 malt er nicht mehr mit Feder oder Bleistift sondern mit den Fingern. Schwarz wird immer die vorherrschende Farbe bleiben. Am 20. Februar 1942 stirbt er allein in seinem Bett im Altersheim von Ballaigues.

Layaz schildert das alles in einem der Zeit angemessenen Ton. Er pickt Lebensjahre heraus und erzählt die wichtigsten Ereignisse, lässt auch Kleinigkeiten, die mir höchst wichtig erscheinen mit einfließen. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Es ist schwer abzuwägen, was hier tatsächlich biographisch ist und was fiktiv, doch der Autor zeigt immer offen, wenn er Vermutungen anstellt, wenn er sich der tatsächlichen Details nicht sicher ist. Ihm gelingt ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Einfach erschließt sich weder eine solch unruhige Lebensgeschichte, noch solch komplexe Werke.

„Man hatte ihn manchmal gefragt, was er für Wünsche, Pläne hätte, doch seiner Miene nach wurde rasch klar, dass es ihm zuwider war, von sich zu sprechen. Manche hatten bemerkt, dass er sehr gebildet war, dass er sehr gut verstand, was man sagte, dass er sehr empfindsam war, eine Senisbilität, die er wie ein Makel mit sich herumschleppte, ein Gewicht, das er vergeblich irgendwo abzulegen versuchte.“

Soutter war meiner Meinung nach ein großes Talent, ein einzigartiger Künstler, ein Eigenbrötler im besten Sinne, freiheitsliebend und unkonventionell, sich nicht den Zwängen seiner Zeit unterwerfen wollend, und hatte das Pech, wie so viele Genies, vollkommen verkannt zu werden. Er war sicher kein einfacher Mensch, aber möglicherweise einer, der seiner Zeit voraus war. Nach der Lektüre begleitet er mich noch fast täglich in meinen Gedanken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Verlag Die Brotsuppe. Übersetzt aus dem Französischen hat es Yla M. von Dach. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Katharina Mevissen: Ich kann dich hören Wagenbach Verlag

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Auch der Debütroman „Ich kann dich hören“ von der 1991 geborenen Katharina Mesissen steht auf der diesjährigen für den Bloggerpreis von Das Debüt . Erst beim zweiten Leseversuch habe ich mich in die Geschichte einlesen können. Aber dann gefiel mir doch diese Sprache, die sich immer dann ins Poetische verändert, wenn der Held Osman sich mit seiner Musik beschäftigt, er studiert Cello, oder wenn er seinen inneren Gedanken nachgeht. Die tatsächliche alltägliche Sprache seiner Kommunikation unterscheidet sich deutlich. Es ist die Sprache eines 24-jährigen, der in einer WG in Hamburg lebt, der Fußball spielt und mit seinen Freunden einen trinken geht. Immer dann fühle ich mich aus der an sich guten Geschichte geworfen.

Osman, spielt Cello und wird von seinem Cello gespielt. Er kann nicht ohne die Musik, obwohl er es manchmal gerne möchte. Immer mit dem Vater Suat im Rücken, der erfolgreicher Violinist ist, aber ihn und seinen Bruder als Kinder bei Konzertreisen der Tante Elide überlassen hatte. Die Mutter hatte die Familie schon früh verlassen. Über die Gründe wird nicht gesprochen. Außer der Musik herrscht vor allem Schweigen in dieser Familie.

“ … weg von meinem Vater und seiner Musik, von Musik überhaupt. Aber sie kam mir nach. Ist mir so lange gefolgt, bis ich stehen geblieben bin und mich umgedreht hab. Wir mussten uns in die Augen sehen: Wer kann länger.
Ich gab nach. Wir kamen wieder zusammen.“

Als Suat sich die Hand bricht und nicht mehr spielen kann, die Tante überstürzt beschließt wieder in die Türkei zurück zu gehen, will auch das Cellospiel Osman nicht mehr gelingen. Er macht Fehler, ist abwesend, bleibt Proben und Konzerten fern.

„Gegen die Schwerkraft beginne ich, vom Blatt zu spielen. Der Klang ist holzig und stumpf, und tiefer unten wird er sumpfig.
Ich will diese Musik zersägen, die ich nicht zu greifen bekomme, will sie zerstoßen, die zarten, leisen Passagen im dritten Satz. […] Ich schneide Töne ins Zimmer, grobe Brocken, laut, fest, leblos. Es schmerzt und schürft in den Ohren und an den Fingerkuppen.“

Inwieweit daran auch Luise, Osmans Mitbewohnerin, die er sehr anziehend findet, anteil hat und weshalb die Tonaufnahme mit der Stimme einer jungen Frau eines von ihm gefundenen Diktiergeräts ihn so fasziniert, erfahren wir Leser immer nur bruchstückhaft.

Mevissens Geschichte ist ein Text mit vielen Auslassungen, mit unterschiedlichen Sprachstilen und wechselnder Tonart. Auf nur 150 Seiten bringt die Autorin sehr viel unter, es hätten auch gut und gern mehr Seiten sein dürfen bei dieser Stofffülle. Manchmal fühlt sich das beim Lesen an, als würde die Autorin ausprobieren, was alles geht. Wirklich schön finde ich vor allem die Beschreibungen von Musik, von Klängen, von Stimmungen und Befindlichkeiten. Auch das Thema, das überall im Roman auftaucht, das Hören, finde ich in dieser Geschichte sehr ungewöhnlich aufbereitet. Alles in Allem rundet sich am Schluss das Bild stimmig ab, konsequent mit offenen Fragen.

Der Roman erschien im Wagenbach Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.

Christoph Hein: Verwirrnis Suhrkamp Verlag

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Mit schöner Regelmäßigkeit schreibt Christoph Hein fast jährlich einen Roman. Diesmal heißt er „Verwirrnis“ und ist (nach dem etwas schwächeren „Trutz“) wieder einmal richtig gut gelungen. Es ist für mich eine sehr emotionale Lektüre gewesen. Immer wieder kam ich beim Lesen in Rage: Was für ein fürchterlicher Vater! Was für grässliches Verhalten unter dem Deckmäntelchen der katholischen Religion! Welch schlimm konservatives Denken, welche Verbohrtheit in den 50er Jahren!

Wir befinden uns im Eichsfeld der 50er Jahre. Es ist die katholischste Region vermutlich ganz Deutschlands, zumindest aber der ganzen Ost-Zone. Im kommunistischen Teil Deutschlands ein Ausnahmefall. Hier wachsen Friedeward und Wolfgang auf. Der Sohn eines strenggläubigen katholischen Lehrers und der Sohn eines Kantors begegnen sich mit 15 zum ersten Mal in der Schule und werden die dicksten Freunde. Sie sondern sich ab von anderen, lesen und diskutieren und stellen sich eine Zukunft als Künstler vor. Als sie gemeinsam Urlaub an der Ostsee machen, entwickelt sich aus der Freundschaft ein gegenseitiges körperliches Begehren, was die beiden nur noch enger zusammenschweißt. Natürlich darf keiner davon erfahren, schon gar nicht Friedewards Vater, der seinen Sohn auch im fortgeschrittenen Jugendlichen-Alter zur Strafe noch mit einer Art Peitsche züchtigt. Dies hat die Geschwister Friedewalds bereits aus dem Haus getrieben.

Es kommt, wie es kommen muss: Pius Ringeling, Friedewards Vater erwischt die beiden auf frischer Tat. Er schafft es, dass Wolfgang die Schule verlassen muss und verdrischt den 17-jährigen Sohn.

„Die frommen Lehren bedrückten Friedeward, bescherten ihm schlaflose Nächte. Die Verdammnis wurde zu einem allnächtlichen Schreckgespenst, er hatte Albträume, er sah die Hölle, die Teufel, das Fegefeuer vor sich und fuhr im Halbschlaf laut schreiend in seinem Bett hoch.“

Dennoch schaffen beide es, wieder zusammen zu kommen. Beide studieren in Leipzig, Wolfgang Musik und Friedeward Germanistik, führen dort ihre Beziehung, wenngleich immer noch heimlich, weiter. Die Freundschaft zur Theaterstudentin Jacqueline und deren Professorin Herlinde, die ebenfalls heimlich ein Paar sind, verschafft ihnen ungeahnte Möglichkeiten: Friedeward und Jacqueline geben sich als Paar aus und sind damit gefeit vorm Entdecktwerden. Eine Hochzeit wird geplant.

Wolfgang jedoch entfernt sich. Er beendet sein Studium in Westberlin, nimmt die westdeutsche Staatsangehörigkeit an und darf fortan nicht mehr in den Osten einreisen. Er bricht alle Beziehungen zu Freunden aus dem Osten ab, auch die zu Friedeward, für den die Trennung ein schwerer Schlag ist.

Beide machen Karriere, sind Könner ihres Metiers, Musik und Literatur, und es scheint sich der Künstlertraum der Jugendlichen zu erfüllen, nur eben nicht gemeinsam.

Ein wenig seltsam mutet es an, dass Friedeward so gelassen zuhört, als im Radio vom Bau der Berliner Mauer berichtet wird. Einzig wegen Wolfgang vergisst er einige Tränen, die Idee eines eingemauerten Berlins scheint ihn kalt zu lassen, vielleicht weil sie so unvorstellbar ist oder in der Überzeugung, dieser Staat sei der Richtige. An der Universität in Leipzig herrscht ein freies, vom Regime wenig beeinträchtigtes Klima. Bis dem Leitenden Professor, genannt Goethe-höchstselbst, eine Ausreise zu einem Kongress in Wien verweigert wird. Bei nächster Gelegenheit bleibt er im Westen. Nun ändern sich die Verhältnisse. Wer nicht linientreu ist/wird, hat keine Chance auf einen höheren Posten. So auch Friedeward, doch er behält zumindest seine Dozentur, weil er zum Zeitpunkt der „Säuberungen“ bei der Beerdigung seines Vater im Eichsfeld ist. Offensichtlich wird auch er längst bespitzelt und steht trotz der „Schein“-Heirat mit Jacqueline, unter Beobachtung. Seine Sexualität lebt er weiterhin nur im Geheimen, obwohl Homosexualität kein Strafdelikt mehr ist.

Für Friedeward vergehen die Jahre bis zur politischen Wende in der DDR dennoch friedlich. Erst die Wiedervereinigung mit der damit verbundenen Abwicklung, mit Stellenabbau auch an der Universität Leipzig, stellt ihn vor eine schwerwiegende Entscheidung …

Heins Sprache ist wie immer unspektakulär, seine Stärke liegt im fließenden Erzählrhythmus, was er mit diesem Roman einmal mehr beweist.

Der Roman erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Weitere begeisterte Besprechungen findet man bei Zeichen & Zeiten, bei Ruth liest und Peter liest.

Ljudmila Ulitzkaja: Jakobsleiter Hanser Verlag

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In ihrem neuen Roman blickt die große russische Schriftstellerin Ljudmila Ulitzkaja auf ihre eigene Familiengeschichte zurück. Hauptperson darin ist Nora, eine unkonventionelle Frau, die als Bühnenbildnerin arbeitet, einen Sohn alleine aufzieht und mit einem verheirateten Regisseur liiert ist. In Kapiteln die von der Heute-Zeit bis weit in die Vergangenheit zurückreichen erzählt sie aus wechselnder Perspektive, beginnend mit dem Tod der Großmutter Maria und dem Auffinden alter Briefe.

„Das war wohl das Schicksal seiner Familie, seines Volkes – in einer großen Grube in Kiew, in Babi Jar lagen sein jüngster Bruder, vier Cousinen, insgesamt neunundzwanzig Blutsverwandte – ermordet. Und über ganz Europa verstreut noch viele Millionen Menschen, mit denen er nicht verwandt war. Der Teufel trug nur verschiedene Schnauzbärte.“

Einer der Stränge besteht aus Auszügen eines Tagebuchs und Briefen, die die Autorin tatsächlich im Nachlass ihrer Familie fand. Die verschiedenen Briefwechsel gestalten sich nach meinem Empfinden zeitweise ein wenig langatmig, lesen sich weniger flüssig als die durcherzählte Geschichte. Das mag daran liegen, dass bei den Briefen viele offene Fragen bleiben, aber auch an Jakows und Marias langen, sich ständig wiederholenden Liebesschwüren. Der Briefwechsel war einzig möglicher Kontakt über lange Phasen dieser Beziehung, weil das Paar immer wieder getrennt wurde: Zuerst war Jakow beim Militär, dann im Krieg und schließlich mehrmals in der Verbannung, ohne Schuld, was bei ihm immerhin kein Straflager bedeutete. Er konnte recht frei einer vorgegebenen Arbeit nachgehen, nur eben an anderen Orten. Letztlich zerbrach die Ehe daran. Dieser Strang zieht sich über einen Zeitraum von 1905 bis 1955 und wird wechselweise zu Noras Geschichte – 1974 bis 2011 – erzählt.

Die Hauptgeschichte ist spannender, sie reicht von Russland bis in die USA. Nora ist Bühnenbildnerin und arbeitet oft mit Tengis, einem georgischen Regisseur zusammen. Obgleich die beiden sehr lange getrennte Zeiten verbringen, bleiben sie stets ein Liebespaar. Ihre Arbeit speist sich auch aus den Eigenheiten der beiden und ihrem starken Freiheitsdenken. So sind ihre Stücke durchaus manchmal unbequem und werden mitunter abgesetzt. Nora ist die Enkelin der beiden briefeschreibenden Liebenden und hat einen Sohn, Jurik, der als junger Mann zu seinem in die USA ausgewanderten Vater zieht. Vitja ist ein Mathematikgenie und hat seinem Sohn einiges davon vererbt. Jurik allerdings zieht es eher zur Musik, wobei er scheinbar seinem Urgroßvater Jakow nachkommt. Während Vitja sich jedoch erfolgreich integriert, wird Sohn Jurik drogenabhängig. Doch Nora holt ihren Sohn zurück nach Russland …

„Sie, Nora, schwamm in einem Fluss, und hinter ihr schwammen fächerartig drei Generationen von Menschen, die auf den Fotografien festgehalten waren und deren Namen sie kannte. Dahinter in der Ferne eine endlose Reihe namenloser Vorfahren, Männer und Frauen, die einander aus Liebe, aus Leidenschaft, aus Berechnung, auf elterliches Geheiß gewählt, Nachkommen gezeugt und aufgezogen hatten.“

Ich mag Ulitzkajas Art zu schreiben sehr. Die Geschichte ihrer Familie ist überaus interessant, scheint es doch sehr ungewöhnliche und vielseitige Persönlichkeiten zu geben. Künstlerisch begabte, wie Maria, die sich als junge Frau erfolgreich dem Ausdruckstanz zuwendet und auf der Bühne steht, Jakow, der die Musik liebt, sie aber für ein Studium der Wirtschaft aufgibt und wissenschaftlich Begabte, wie Vitja, der Mathematiker und Jurik, bei dem sich die Musik mit der Wissenschaft verbindet. Oft frage ich mich, was davon Fiktion ist …

„Jakobsleiter“ erschien im Hanser Verlag. Die Übersetzung aus dem Russischen kommt von Ganna-Maria Braungardt. Auf dem Vorsatz- und Nachsatzblatt findet sich der Stammbaum der Familie. Das ist hilfreich zum Nachvollziehen der verwandtschaftlichen Verbindungen. Außerdem finden sich am Schluß Anmerkungen der Übersetzerin. Eine Leseprobe und ein Interview gibt es hier.

Julian Barnes: Der Lärm der Zeit Kiepenheuer & Witsch

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„Er wusste nur eins: Dies war die schlimmste Zeit.

Er stand schon seit drei Stunden am Aufzug. Er rauchte seine fünfte Zigarette und seine Gedanken zuckten hierhin und dorthin.“

Kunst in Zeiten der Diktatur:
Komponieren und agieren nach Vorgaben des Diktators oder Verweigerung und Untergang? Marionette der Macht sein aber innerlich versuchen frei zu bleiben? Die Achtung vor sich selbst verlieren, wenn man statt eigener neuer Musik Volksmusik komponieren muss?

Julian Barnes hat einen kurzen Roman über den russischen Komponisten Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch (1906 – 1975) geschrieben, der nach frühen großen Erfolgen, immer wieder unter Beobachtung des Regimes stand. Stalin persönlich, die Stimme der Macht, hatte 1936 seiner Oper „Lady MacBeth von Mzensk“ beigewohnt, allerdings nur bis zur Pause und hinterher „Chaos statt Musik“ genannt und dies in einem Beitrag in der Prawda seinem Volke kund getan. Seitdem stand Schostakowitsch unter Beobachtung, seitdem stand er oft nächtelang im Treppenhaus seiner Leningrader Wohnung mit seinem Köfferchen in banger Erwartung von Stalins Handlangern abgeholt zu werden.

Nach einer Weile komponiert er weiter, mehr nach den Vorgaben von oben, wird zwölf Jahre danach sogar zu einem musikalischen Kongreß in die Vereinigten Staaten beordert, muss dort aber Reden halten, die ihm vorgeschrieben wurden, keine freien Antworten möglich, da überall Spitzel lauern könnten.
Sogar große Auszeichnungen erhält er nun: Stalinpreis, Leninorden. Stalin stirbt und wird von Chruschtschow abgelöst. Das sogenannte „Tauwetter“ beginnt. Er schreibt seine verbotene Oper „Lady MacBeth von Mzensk“ um und reicht sie beim neuen Komitee ein, doch sie wird erneut abgelehnt. Seine Frau Nita stirbt und lässt in mit den beiden Kindern zurück. Bisher bewusst nie in die Partei eingetreten, wird ihm nun ein hoher Posten als Vorsitzender des Komponistenverbandes „angeboten“, eine große Auszeichnung, die allerdings nur mit der Parteizugehörigkeit einhergeht …

„Sein Körper war so nervös wie früher, vielleicht noch nervöser. Aber die Gedanken liefen ihm nicht mehr davon; heute schleppten sie sich vorsichtig von einer Angst zur anderen.“

Julian Barnes führt uns vor allem in die Gedankenwelt Schostakowitschs. Die inneren Vorgänge, das was im Kopf des Komponisten vor geht, das Abwägen und die Verunsicherungen, die stete Angst, die Einschränkungen, die Selbstzweifel – all das macht diesen Roman eher zum Seelenporträt als zur reinen Biografie. Der Autor setzt sie aus diversen Episoden und Szenerien aus dessen Leben zusammen und verbindet sie geschickt. Barnes ist ein versierter Erzähler und ihm gelingt es die Zerrissenheit des Komponisten sehr stimmig und mit einem zeitweise ironischen Unterton zu beschreiben, der vielleicht auch aus Not in Schostakowitschs Lebenslauf und seinen Werken eine große Rolle spielte.

„Wenn man der Ironie den Rücken zukehrte, erstarrte sie zu Sarkasmus. Und wozu war sie dann nütze? Sarkasmus war Ironie, die ihre Seele verloren hatte.“

Interessanterweise habe ich kurz vor dieser Lektüre Platonows Baugrube gelesen, in dem es um Stalins Anfangszeit geht und das in etwa zur gleichen Zeit spielt. Als nächstes auf der Leseliste steht außerdem auch ein gerade erschienener Roman über die Dichterin Marina Zwetajewa von Rikka Pelo „Unser tägliches Leben“, die ja Zeit- und Leidensgenossin Anna Achmatowas war, die wiederum auch kurz in Barnes´ Roman erwähnt wird. Und so schließt sich der Kreis …

„Der Lärm der Zeit“ von Julian Barnes erschien soeben im Kiepenheuer & Witsch Verlag in der Übersetzung von Gertraude Krueger. Eine Leseprobe gibt es hier.
Außerdem ist dieses Buch auch auf Platz 1 der SWR-Bestenliste im März.