Natascha Wodin: Irgendwo in diesem Dunkel Rowohlt Verlag

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Mit ihrem neuen Roman knüpft Natascha Wodin nahtlos an ihren vorigen Roman, den Buchpreisgewinner 2017 „Sie kam aus Mariupol“ an, in dem sie die Geschichte ihrer Mutter erzählte. Zumindest das, was sie recherchieren konnte. Die Mutter, die sich das Leben nahm, als die Tochter 11 Jahre alt war, blieb immer rätselhaft. Nicht minder der Vater, der wesentlich älter, noch im Zeitalter der Zaren geboren wurde und der schweigsam und für die Tochter unzugänglich blieb. Beide Elternteile kamen als russische Zwangsarbeiter nach Deutschland. Nach dem Krieg und nach der Zeit im Aufnahmelager, wurde ihnen eine Wohnung in einer fränkischen Kleinstadt zugewiesen. „Die Häuser“, in denen sie nun wohnten, lagen außerhalb der Stadt am Fluß und waren von vielen osteuropäischen Familien bewohnt. Schon vor dem Tod der Mutter hatte es die Tochter schwer, dazuzugehören, wurde von Mitschülern gehänselt und als die „Russin“ verfolgt. Nach dem Tod der Mutter schaffte der Vater seine beiden Töchter in eine katholische Klosterschule mit Internat. Auch hier war Natascha wieder Außenseiterin, da sie nicht katholisch war.

“ … Schuld, Schuld ohne Anfang und Ende. Das hatte ich nicht gewusst, dass ich schon kraft Geburt schuldig war und dass man beten , immerzu beten musste, denn sobald eine Lücke beim Beten entstand, konnte durch diese Lücke sofort der Satan in uns fahren. Ich war in ein Schuldgefängnis geraten.“

Die einzig gute Zeit scheint für Natascha die Zeit gewesen zu sein, als sie Nathalie war, als sie auf Kinderlandverschickung ein halbes Jahr auf einem belgischen Bauernhof leben durfte und dort vollkommen angenommen wurde.

Der Vater, 1900 in einem russischen Städtchen an der Wolga geboren, ist ein Schweiger. Seine Erzählungen gehen nie über die Kindheit hinaus. Im Alter von 12 starben seine Eltern. Wie er sich mit den 2 jüngeren Brüdern durchschlug, wusste keiner. Später, als der Vater bereits in einem Altenheim lebt, entdeckt Wodin eine unbekannte Moskauer Adresse bei ihm. Wegen ihrer Arbeit als Dolmetscherin hält sie sich oft dort auf und findet dadurch einen Bruder ihres Vaters. Sie erfährt, dass der Vater schon einmal verheiratet war und Kinder hatte. Wie er dann zu der neuen, so wenig passenden Frau, ihrer Mutter, gekommen war, bleibt unaufgeklärt. Genaueres erfährt sie nie, die Verbindung zu der neu gefunden Verwandtschaft bricht wieder ab.

„Was verband ihn, den Mann aus dem einfachen Volk, mit dem zwanzig Jahre jüngeren, auffallend schönen, fragilen Mädchen aus einer Familie verfolgter ukrainischer Aristokraten und italienischer Kaufleute?“

Eigentlich ist der größere Teil des Buches von Nataschas Leben bestimmt. Der Vater wird ihr immer verhasster. Als sie mit 16 Jahren aus dem Kloster zurückkommt, ist sie ihm vollkommen ausgeliefert. Der Vater schlägt sie, benutzt sie als Haushälterin und als sie heimlich ausgeht, sperrt er sie tagelang ein. Sie wird zu Streunerin, verbringt ihre Tage auf der Straße, die Nächte im Schuppen oder auf dem Dachboden. Der Traum einer Rettung, die sie sich durch einen jungen Mann, durch eine Heirat erhofft, wird jedoch nicht wahr. Erst als sie durch Zufall plötzlich einen Job findet, scheint das Glück nicht mehr fern …

Sprachlich ist dieser Roman etwas gelungener, die Geschichte besser konstruiert, als beim vorigen. Dennoch ist es kein Buch, das mich stark beeindruckt hat. Etwas fehlt.

Der Roman erschien im Rowohlt Verlag. Die 1945 geborene Autorin lebte einige Jahre mit dem Schriftsteller Wolfgang Hilbig zusammen.
Eine umfangreiche Besprechung gibt es auf dem Blog LiteraturReich
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Mela Hartwig: Inferno Literaturverlag Droschl

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Bereits in ihrem einleitenden Kapitel „Straßen“ zeigt sich Mela Hartwigs genauer Blick, ihr Scharfsinn für komplexe Zusammenhänge, ihr Erkennen, was hinter der Fassade ist. Die 1893 in Wien geborene, 1967 im Exil gestorbene Autorin, Schauspielerin und Malerin hat ein Buch geschrieben über die Menschen im Nationalsozialismus des Jahres 1938 bis zum Kriegsende. Es ist ein wichtiges Zeitdokument, das auch sprachlich bemerkenswert ist. Verfasst wurde der Roman zwischen 1946 und 1948 im Londoner Exil. Der Grazer Droschl Verlag bringt nun nach 70 Jahren diesen Text zur Veröffentlichung.

Das, was Mela Hartwig da direkt nach Kriegsende an Gedanken zum Nationalsozialismus als Massenphänomen ausbreitet ist bewundernswert. Vielleicht ist es der Blick der künftigen Malerin, der tiefer tauchen lässt, der weiter vordringt in das Gesehene. Ihre bemerkenswerte Wahrnehmung, ihr wache Reflektiertheit macht ihren Text so stark. Nur ganz selten wirkt er etwas pathetisch, was vielleicht aber auch der Mission ihrer Heldin geschuldet ist oder deren Schuldbewusstsein. Sie schildert den Gewissenskonflikt, die innere Zerrissenheit der 18-jährigen Kunststudentin so überdeutlich, so dramatisch, dass sie den Leser*innen sehr nah kommt. Die Autorin weiß so meisterhaft die inneren Vorgänge zu schildern, dass sie manchmal vergisst, das Außen bildhafter aufzuzeigen.

Wien, 1938: Ursula will Kunst studieren. Von einem der Professoren hat sie bereits so gut wie eine Zusage. Doch wird dieser vom Institut verwiesen wegen seiner „entarteten“ Kunst. Ursula erhält den Studienplatz dennoch, weil sie sich zunächst von der Gesinnung des neuen Professors anstecken lässt. Bald merkt sie, wie jeder jeden im Institut bespitzelt. Nur einem Mitstudenten schenkt sie Vertrauen und beide werden ein Liebespaar. Dass ihr Geliebter als Gegner des Systems im Untergrund arbeitet, merkt sie erst spät. Zunächst will sie nichts davon wahrhaben, bis sie selbst die Schändung einer Synagoge erlebt, in der Nazischergen eine Schwangere in die Flammen werfen.

„Erst in diesem Augenblick hielt sie Gericht über sich selbst. und die Unselige, die sich noch Tage zuvor zu den kreuzweise verschränkten Haken bekannt hatte, stand als Angeklagte vor der Unseligen, der die Gräuel, die sich am vergangenen Abend vor dem brennenden Tempel abgespielt hatten, die Augen geöffnet hatten, die sie erbarmungslos und verzweifelt zugleich auf jene andere heftete, von der sie sich losgesagt hatte und die ihr doch anhing, wie ihr Schatten ihr anhing und sich nicht abschütteln ließ.“

Dies ist die Wende in Ursulas Denken und Leben, denn nun beginnt sie selbst gegen die Nazis zu arbeiten. Die Gefahr, in der das Paar stetig schwebt, macht ihre Liebe letztlich nur noch stärker. Dass sie sich nur im Geheimen treffen können, belastet Ursula sehr. Zuhause hat sie es schwer, da ihr Bruder fanatischer Nazi ist. Als klar wird, dass Krieg kommt, meldet sich dieser sofort begeistert freiwillig. Kurz nach Kriegsbeginn kommt schon die Meldung seines Todes. Ursulas Geliebter hingegen verstümmelt sich selbst, um einer Einberufung zu entgehen. Als Arbeiter in einer Munitionsfabrik löst er als Sabotageakt eine Explosion aus, wird jedoch von den Nazis gefasst und verschwindet. Ursula verkraftet dieses Verschwinden nicht, bricht zusammen. Ein Jahr lang braucht sie, um wieder zu Kräften zu kommen, schwierig bei Kälte und Hunger der Kriegsjahre. Dann arbeitet sie weiter, tagsüber zur Tarnung in einem Büro, nachts im Untergrund, wie es sich der Geliebte im letzten Brief gewünscht hat. Die ungemalten Bilder all der erlebten Schrecknisse in ihrem Kopf bringen schließlich gegen Kriegsende, nachdem sie jahrelang keinen Pinsel mehr in der Hand hatte, ein Gemälde mit großer Ausdruckskraft zum Vorschein: Inferno nennt sie es.

„Denn der Künstler war Einzelgänger, davon war sie überzeugt, und er hatte nicht nur das Recht, schien ihr, er hatte die Pflicht es zu sein, weil es ihm auferlegt war, ein Vorläufer zu sein, ein Herold des Kommenden, der die Fahne der Wandlung entrollt und vorauseilt in noch unerschlossene Bezirke des Herzens und der Gedanken, ein Einsamer, der allein als Erster irgend eine Welt von Morgen betritt.“

Ein Leuchten!

„Inferno“ erschien im Literaturverlag Droschl, in dem auch glücklicherweise weitere Bücher der interessanten Autorin wieder aufgelegt wurden. Ein Nachwort von Vojin Saša Vukadinovic bietet Aufschlussreiches zu Hintergründen zum Werk und dessen Entstehen –
„Der Roman seziert den kollektiven Rausch, der die planmäßige Vernichtungspolitik getragen hatte; die einträchtige Erregung, die den reibungslosen Ablauf des Massenmordes noch befeuerte.“
– 
und weist außerdem auf die vielen vergessenen Autorinnen dieser Zeit hin. Ich wünsche dieser Autorin viele Leser*innen. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Film-Kunst-Film: Werk ohne Autor von Florian Henckel von Donnersmarck 2018

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Schon mehrmals habe ich nun über einen Social Media Kanal Kinokarten gewonnen. Facebook scheint mir Glück zu bringen (Dank an Suhrkamp für die Ausdauer beim Zusenden). Zuletzt war es der Film „Werk ohne Autor“, der mit immerhin über drei Stunden Laufzeit aufwartet. Doch kein Problem: ich hätte noch eine Stunde länger sitzen und zusehen können. Nun bearbeitet der Film von Florian Henckel von Donnersmarck, bekannt durch den Film „Das Leben der Anderen“, auch vorrangig zwei Themen, die ich aus persönlichen Gründen mehr als interessant finde. Zum einen ist der Film an die Biografie des Ausnahmekünstlers Gerhard Richter angelehnt und berichtet im letzten Drittel ausführlich über den Entwicklungsprozess zum eigenen künstlerischen Ausdruck, zum anderen steht das Euthanasieprogramm der Nationalsozialisten im Mittelpunkt und die (teilweise erfolglose) Verfolgung der Täter im Nachkriegsdeutschland.

Kurt Barnert heißt der Künstler im Film und er durchlebt drei politische Systeme: als Kind den Nationalsozialismus, als junger Mann die Anfänge der DDR und durch „Flucht“ in den Westen kurz vor dem Mauerbau die Bundesrepublik. Als Künstler fängt Barnert im Westen wieder ganz neu an, nachdem er im Osten bereits ein hoch angesehener Maler war, der mit sozialistischen Wandgemälden den Arbeiter- und Bauernstaat porträtierte. Die Initiation (siehe Szene oben) an der Kunsthochschule in Düsseldorf erhält er im Film von einem Kunstprofessor, der unschwer als Joseph Beuys (sehenswert der Film „Beuys“)  erkennbar ist. Beeindruckend wie der Regisseur die oft verzweifelte Suche des Malers nach dem künstlerischen Ureigenen darstellt. Mit seinen fotorealistischen Gemälden, die er minimal verändert durch Verwischungen wird er sich auf den Weg begeben und erste Erfolge erzielen. Als Vorlage dienen zum Teil Familienfotos, unter anderem von der psychisch labilen Tante, die ausgerechnet von Barnerts Schwiegervater, der im nationalsozialistischen Deutschland bekannter Professor der Gynäkologe war und Zwangssterilisierungen durchführte, später als „unwertes Leben“ in den Tod geschickt wurde. Dieser Teil der Geschichte stimmt genau mit Gerhard Richters Biografie überein.

Ich kann diesen Film nur empfehlen. Er ist mit hochkarätigen Schauspielern besetzt, allen voran Tom Schilling (Mein Kampf, oh boy) und Paula Beer (Poll, Frantz, Transit) Das Filmbuch, erschienen bei Suhrkamp, enthält ein aufschlussreiches Interview mit dem Regisseur und ein interessantes Gespräch zwischen Alexander Kluge und Thomas Demand. Desweiteren empfehle ich den Film „Gerhard Richter Painting“ von Corinna Belz (die auch den wundervollen Film über Peter Handke drehte). Hier werden auf achtsame Weise die Malprozesse, die Entstehung von großformatigen Gemälden Richters dokumentiert. Die Biografie von „Jürgen Schreiber: Ein Maler aus Deutschland: Gerhard Richter: Das Drama einer Familie“, welche unter anderem Donnersmarck als Vorlage diente ist ebenso lesenswert.

Werke von Richter, der in Dresden zur Welt kam, kann man im Gerhard-Richter-Archiv in Dresden sehen. Ich war kürzlich in der Ausstellung „Abstraktion“ (siehe Fotos) im Museum Barberini in Potsdam, die allerdings bereits beendet ist.

Ursula Krechel: Geisterbahn Jung und Jung Verlag

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In ihrem neuen Roman spielt der Geburtsort der Autorin eine zentrale Rolle. Ursula Krechel wurde 1947 in Trier an der Mosel geboren. Von hier aus schreibt sie sich in verschiedene Lebensgeschichten ein. Ihre Protagonisten sind teils frei erfunden, teils lebten sie tatsächlich. Zu Beginn des Buches führt die Autorin ihre Hauptfiguren ein, um später immer wieder im Wechsel auf sie zurückzukommen. Da ist die Schaustellerfamilie, die Sinti, die von ihrem Standort Trier aus mit dem Karussell flussab- und aufwärts zieht. Da sind die jungen Kommunisten Willi und Aurelia, Da ist der Arzt und die Hotelierstochter und der Psychologe mit seiner unscheinbaren Ehefrau und da ist immer wieder der Polizist, im Roman fortan vom Sohn und Erzähler mit MEINVATER betitelt, immer in Großschrift. Da ist gleich zu spüren, welche Vater-Kind-Geschichte darunter schwelt.

Wir erfahren jeweils von der Zeit vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Hier bleibt Krechel auch wieder ihrem Lebens-Thema treu. Ein Großteil des Romans wird von der Zeit kurz nach dem Krieg bestimmt, wie schon im Roman „Landgericht“. Es ist schwierig diesen Roman in seiner ungeheuren Fülle für eine Rezension zusammenzufassen. Zwar ist er in fünf Kapitel unterteilt, doch hält sich innerhalb eines jeden kaum eine Struktur, eine mäandernde Sprache lässt sich auf jeden Wink hin auf Experimente ein, bezieht sich auf Welt- und Literaturgeschichte. Wir lesen von Marx, dessen Geburtshaus in Trier steht oder von Nikolaus Lenau, dem österreichisch-ungarischen Dichter, dessen ziemlich abfälliges Lied „Drei Zigeuner fand ich einmal“ im Grundschulunterricht gesungen wird und das Sinti-Mädchen Anna zum Weinen bringt:

„Der Lehrer sagte nichts, der Text stand auf der Tafel. Ännchen hatte, wie Iris, kein Taschentuch. Dann hatte Ännchen genug geweint, nun schniefte sie nur noch und gab sich einen Ruck: Mir sinn net solche Zigeuner wie die.

Inhaltlich gibt es durchaus eine chronische Abfolge, zeitweise mit Rückblenden. Jede Figur lebt, jede Person wird ernst genommen, jeder Protagonist durchlebt in Zeiten des Krieges entstandenes körperliches und seelisches Leid, das das ganze spätere Leben durchdringt. Nachkriegswachstum durch Verdrängung.

Anfangs begegnen wir der Schaustellerfamilie Dorn und lernen die Mitglieder kennen, eine große Familie, in dem jeder gebraucht wird. Als der Nationalsozialismus mit seinen Repressalien bis nach Trier gelangt, erfahren die Dorns unglaubliches Leid. Tochter Kathi wird zwangssterilisiert, Mutter Lucie wird im Lager Lublin ein Kind gebären (Ignaz), welches überlebt, während 4 andere sterben. Vater Alfons überlebt mit schweren körperlichen Behinderungen. Lucie wird später am Erlebten und am Verlust der Kinder wahnsinnig.

Die Geschwister Aurelia und Willi Torgau, die es tatsächlich gab, versuchen im Widerstand für den Kommunismus zu arbeiten. Doch beide werden in Haft und ins Lager gebracht. Aurelia verbringt 8 Jahre in Ausschwitz, überlebt das Lager. An Tuberkulose erkrankt, medikamentenabhängig stirbt sie später auch aufgrund ihrer Traumata.

„Nach Monaten kam eine Postkarte mit einer Adresse aus der sowjetischen Zone. Sie lebte, Aurelia war mit heiler Haut aus Auschwitz zurückgekommen. Was bedeutet die Haut, pergamentdünn, wenn das, was sie umspannte, Trostlosigkeit war?“

Grit, die Hotelierstochter, verliert ihren Mann im Krieg, weiß sich in der Besatzungszeit als starke Frau durchzusetzen, und bekommt später eine uneheliche Tochter, Iris.

Die Neumeisters, er arbeitet nach dem Krieg als Kinderpsychologe, sie bleibt unausgefüllt Hausfrau. bekommen ein Wunschkind, Cecilia.

In der Nachkriegszeit begegnen sich schließlich die Kinder der Hauptfiguren in der Schule, Ännchen, Ignaz, Cecilia, Iris, Kurt, Gerwin und der Sohn des Polizisten, der gut durch die NS-Zeit kam und auch im neuen System wieder bestens Fuß fassen kann. Sohn Bernhard wird später alles aufschreiben, er ist derjenige, der recherchiert und der Erzähler der vorliegenden Geschichte. Sie wachsen zusammen auf und scheinen später sehr viel bessere Möglichkeiten zu haben. Doch die Kriegstraumata sind so leicht nicht abzulegen. Sie müssen aufgearbeitet werden.

„Und wenn ich über Iris, Cecilia, Gerwin, Kurt und mich nachdachte: Man hatte etwas anderes von uns erwartet. Wir erfüllten nicht die Erwartungen, die man in uns gesetzt hatte.“

Krechel schafft wieder vorzüglich, die Stimmung der Nachkriegszeit einzufangen, den Aufbruch, die Verdrängung, den Kleinstadtmief, das Gerede, die Gerüchteküche, die Entrüstung, wenn eine Frau allein ein uneheliches Kind aufzieht, der weiterhin schwelende Hass auf die Sintifamilie, die trotz aller Widrigkeiten später eine Gastwirtschaft eröffnet, also sesshaft wird, das Familienleben unter der Knute des Katholizismus, der Verhütungsmittel oder Schwangerschaftsabbruch verbietet und die Frau brav ins Haus verbannt. Ihre schwungvolle Sprache, das mitunter Lyrikhafte, Kunstvolle unterstützt durch Varianten und Wiederholungen bestärkt die jeweiligen Stimmungen.

Gegen Schluss, je mehr die Gegenwart eintritt, wird es zeitweise etwas langatmig, abwegig, teils kitschig. Es ist der schwächste Teil des Romans und zählt zum Glück nur an die 40 Seiten von 640. Das ist verzeihlich und ändert nichts am Ergebnis: Krechel ist erneut ein mächtiger, absolut dichter, sprachlich wie inhaltlich beeindruckender, wichtiger Roman gelungen. Große Empfehlung!

Das Buch erschien im Verlag Jung und Jung, wie bisher alle Romane und auch die feine Lyrik. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Weiteres hier auf dem Blog zum Thema Sinti und Roma:
Zoni Weisz erzählt seine Biografie
Der Sonnenwächter von Charles Haldeman

Ralf Rothmann: Der Gott jenes Sommers Suhrkamp Verlag

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Sehr zuverlässig schreibt Ralf Rothmann jedes Jahr einen Roman. Auffällig ist, dass sie immer etwas außerhalb des Frühjahrs- oder Herbstprogramms erscheinen. Man munkelt, weil Rothmann keine Lust auf einen der zwei Messe-Preise hat. Ich kanns verstehen, denn er hat keinen der Preise nötig. Und wer einmal einen Roman von ihm gelesen hat, bleibt vermutlich treuer Leser. Im Spiegel fand ich am 4.5. ein Interview, in dem mir Rothmann auch wieder sehr sympathisch ist. Der Auszug unten spricht mir aus dem Herzen und ich würde ihn sowohl auf Roman, als auch auf Lyrik beziehen.

„Der Gott jenes Sommers“ könnte eine Art Ergänzung des letzten Romans sein, denn die Hauptfigur „Karl“ aus „Im Frühling sterben“ taucht wieder kurz auf. Leider hat dieser neue Roman nicht die Dringlichkeit des vorigen. Die Geschichte wirkt nicht vollständig, nicht rund. Sie liest sich flüssig, doch hat sie keinen klaren Fixpunkt, um den sich alles bewegt. Und doch ist es eben ein „Rothmann“, den man als Fan gerne liest.

Dass Rothmann eine Parallelgeschichte zur eigentlichen erzählt, wirkt auf mich seltsam und bereichert den Roman auch nicht. Es geht um den 30-jährigen Krieg, der aufgrund eines Jubiläums offenbar gerade „in“ ist. Womöglich soll sie Spannung auf das nächste Kapitel erzeugen. Ich bin eher in Versuchung gewesen diese Episoden zu überblättern und war traurig, dass so viel weniger von der eigentlichen Story blieb, die durchaus etwas mehr Raum gebraucht hätte. Allerdings ist es wohl auch dieser Geschichte zu verdanken, dass die Story Gott im Titel führt. Auch die eigentliche Geschichte handelt zu winzigen Teilen in einem Kloster, dass in ein Lazarett verwandelt wurde. Auch die letzte Szene, kurz nach Kriegsende, spielt im Kloster. Eine Nonne antwortet auf Hauptprotagonistin Luisas Wunsch, auch Nonne zu werden: „…iss erst mal einen Teller Suppe!“

Das Ende klingt zwar versöhnlich, aber es ist vorher auch allerhand geschehen, was unzählige Risse in Luisas 12-jähriges Leben verursachte: „Ich hab alles erlebt“, antwortete Luisa“. Der geliebte Vater, der sich scheinbar urplötzlich das Leben nahm, die ältere Schwester die verschwand, der angehimmelte Karl, aus dem Krieg zurück und doch sich gleich wieder von ihr entfernend. Die vielen Geheimnisse, wie das Lager in der Nähe des Gutshofs, in dem ihre Familie Unterschlupf fand, von dem sie immer ferngehalten wurde, streng bewacht. Oder die Perückenmacherin, die immer echtes Menschenhaar parat hat. Und vor allem die schlimme Erfahrung sexueller Gewalt, durch eine Person aus der eigenen Familie, und nicht wie immer prophezeit wurde, von den Russen, die womöglich schon bald anrücken und den Gutshof beschlagnahmen würden. Die sonst so starke Luisa bricht daraufhin fiebrig und krank zusammen und erlebt das Ende des Kriegs nur im Fieberwahn.

Luisa ist eine Leseratte, verschlingt die Bücher aus der Klosterbibliothek. So ganz anders ist die ältere Schwester Billie, die trotz Krieg und Armut vor allem auf ihr Äußeres bedacht ist, um die Männer zu betören. Die Mutter, die das unterstützt. Der trinkende Vater, der in Kiel zurück blieb und das Offizierskasino leitet und nur ein seltener Gast auf dem Gut ist. Und der Melker Karl, in den Luisa sich verguckt, ohne genau zu wissen, was da geschieht. Mit ihm verbringt sie Zeit im Stall mit den Tieren, doch wird er dann kurz vor Kriegsende noch eingezogen und an die Front geschickt. Die bodenständige linientreue Stiefschwester, die mit einem SS-Offizier verheiratet ist, hat der Familie die Bleibe auf dem Gutshof ermöglicht. Ihm wird auch das Anwesen zugesprochen, nachdem es ja keine Erben, „zumindest nicht im Reich“, mehr gibt.

Rothmann lässt manches im Dunklen, macht nur Andeutungen und doch kann man sich als Leser*in natürlich vieles zusammen reimen. Anderes wiederum bleibt offen und immer ein Rätsel, so wie es in der Geschichte ja tatsächlich auch geschieht. Und wer weiß, vielleicht schreibt Rothmann ja schon an einer weiteren Ergänzung dieser Geschichte, die ganz offensichtlich auch, wie schon beim Vorgänger, aus autobiographischen Material entstand.

„Der Gott jenes Sommers“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine weitere Besprechung gibt es auf LiteraturReich. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Felix Jackson: Berlin, April 1933 Weidle Verlag

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Vor einiger Zeit gab es meinen Beitrag zu Boschwitz „Der Reisende“. Ein gewichtiges Buch mit einer unglaublichen Entstehungs- und Wiederentdeckungsgeschichte. Das nun besprochene Buch erinnerte mich stark an obiges. Es hat viele inhaltliche Parallelen und es entstand unter ähnlich herausfordernden Bedingungen. In beiden Büchern geht es um die Unfassbarkeit des aufkommenden Nationalsozialismus mit all seinen Schrecken. Der deutsche Autor Felix Joachimson, später Jackson, emigrierte über Österreich und Ungarn in die USA und sprach nie wieder Deutsch. Sein Roman erschien 1980 erstmals auf Englisch und erst kurz vor seinem Tod stimmte er einer deutschen Ausgabe zu. Er ist in Tagebuchform verfasst.

Hauptfigur ist der Rechtsanwalt Hans Bauer, der nach einigen Monaten Kur in der Schweiz im April 1933 nach Berlin und in die Gemeinschaftskanzlei zurückkehrt. Inzwischen hat sich einiges verändert. Er beobachtet den alltäglichen Wahnsinn mit zunehmender Befremdung. Alle nicht-arischen Anwälte müssen ihre Tätigkeit niederlegen. So ergeht es dem Kollegen und Sozius von Bauer, der sich schließlich sogar das Leben nimmt. Er selbst entdeckt mit Entsetzen, dass er eine jüdische Großmutter hat. Der Geliebte einer Freundin, ein hoher Offizier der SS, hilft zunächst, diese Daten zu vertuschen. Doch wie man als Leser sofort erkennt und Bauer warnen möchte, nicht ohne Gegenleistungen. So muss als neuer Sozius, ein andienernder Nationalsozialist aufgenommen werden. So soll Bauer große Geldsummen leisten und schließlich ein befreundetes Künstlerpaar verraten. Keiner vertraut mehr dem anderen, jeder kann zum Verräter werden …

„Der Geruch brennenden Fleisches war noch immer in meiner Nase. Ich wollte mich übergeben, konnte jedoch den Mund nicht öffnen. Ich holte mein Taschentuch heraus und wischte mir das Gesicht ab. Als ich es in die Tasche zurücksteckte, war es naß. Ich hatte nicht bemerkt, daß ich weinte.“

Jackson hat einen Nerv für die Atmosphäre dieser Zeit. Gerade auch über die extrem heftige, immer mehr kippende Gefühlswelt des Hauptprotagonisten weiß er ergreifend zu erzählen. In teilweise atemlosen Abfolgen von sehr dichten Szenen, gerade auch in den Dialogen, zeigt der Autor seine Kunst.

Dass es bereits 1933 so schlimm war und es schon das KZ Oranienburg nahe Berlin gab, in dem im Roman eine junge Frau auf barbarische Weise gefoltert wird, damit sie den Namen eines befreundeten Kommunisten verrät, ist unfassbar. So wurde auch von außen sofort erkennbar, wer nicht hinter der Partei und dem Führer stand, wenn eben einer das „Heil- Hitler“ als Gruß verweigerte. So verrieten schon gedrillte Kinder unter dem Zeichen des Führers ihre eigenen Eltern. Jeder durchforstete angstvoll seine Herkunft. Niemand war mehr sicher.

Das Buch aus dem Weidle Verlag ist wieder von Friedrich Forssman bemerkenswert schön gestaltet und hat ein informatives Nachwort von Verleger Stefan Weidle, der den Roman auch übersetzt hat. Mehr über das Buch und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Éric Vuillard: Die Tagesordnung Matthes & Seitz Verlag

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Érich Vuillard hat mit seinem schmalen, aber gewichtigen Band den Prix Goncourt 2017 erhalten. Nun ist er auf Deutsch erschienen in der Übersetzung von Nicola Denis. In ein paar Stunden habe ich diesen – ja, kann man es Roman nennen? – verschlungen und habe mir gleich im Anschluß in der Bibliothek „Ballade vom Abendland“ geholt.

Vuillard hat eine traumwandlerisch sichere Art zu schreiben. Ein Jonglieren mit der Sprache, ohne dass etwas schief geht. Es liegt große Präzision in dem was er tut. Kein Wort ist falsch platziert, jedes setzt auf Wirkung. Benutzt werden die ungewöhnlichsten Metaphern und Humor hat er auch. Was muss die Übersetzerin Nicola Denis da geleistet haben (ich wüsste zu gern, welches französische Wort an Stelle von „Butzemännern“ stand)! Ich bin begeistert wie leicht die Lektüre war, obwohl das Thema keinerlei Leichtigkeit enthält. Ich bin überrascht über die unverstellte Darstellung der Ereignisse und über die Offenlegung kleiner Details mit großer Wirkung. So bleiben Szenen und Inhalte eindrücklich in Erinnerung. Vuillards Bücher sind besser und womöglich wirkungsvoller als jedes Geschichtsbuch.

„Verführt von einer kleinlichen und gefährlichen Nationalidee ohne Zukunft streckt die gewaltige, von einer früheren Niederlage frustrierte Menge ihren Arm in die Luft.“

„Die Tagesordnung“ beginnt mit einem Treffen von 24 stinkreichen Industriellen am 20.2.1933, einberufen von Göring, zu einem Gespräch mit Adolf Hitler. Was Hitler will, ist, dass die noblen Herren Geld für die Nazipartei spenden, auf dass der Boden für die Partei und ihren Führer gesichert wäre. Die Herren Krupp, von Siemens, von Opel etc. zögern nicht lange und spenden. Vuillard spannt den Bogen seiner Erzählung weiter über die Verhandlungen Hitlers mit Schuschnigg, den Anschluß Österreichs 1938 und kommt am Ende wieder zu den Industriellen, die alle Tausende von Zwangsarbeitern aus den Lagern holten, Kriegsgewinnler wurden und sich darüber nie rechtfertigen mussten, sondern im Wohlstand bis in die heutige Generation leben. Namen, wie wir sie alle kennen: BASF, Bayer, Opel, Siemens, Allianz, Telefunken etc.

„Dieses Treffen vom 20.Februar 1933, in dem man einen einmaligen Moment der Arbeitgebergeschichte sehen könnte, ein ungehörtes Zugeständnis an die Nazis, ist für die Krupps, die Opels und die Siemens nicht mehr als eine alltägliche Episode des Geschäftslebens, ein banales Fundraising.“

Die Tagesordnung erschien bei Matthes & Seitz. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Aber es reicht nicht, es reicht nie, um zu erklären, weshalb eines Tages Millionen von Männern gemeinsam singend aufbrechend, einander gegenüber Stellung beziehen und plötzlich zu schießen beginnen.“

So heißt es im 1. Kapitel des Bands „Ballade vom Abendland“ und dieses Zitat spricht Bände und steht stellvertretend für den gesamten Inhalt. Es um den 1. Weltkrieg und wie es dazu kommen konnte. Ebenfalls sehr empfehlenswert, ebenfalls erschienen im Matthes & Seitz Verlag.

Ulrich Alexander Boschwitz: Der Reisende Klett-Cotta Verlag

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„Man ist ja hilflos wie ein kleines Kind. Wer hätte das denken können? Mitten in Europa – im zwanzigsten Jahrhundert!“

Ohne große Einführung beginnt in diesem wiederentdeckten Roman aus dem Jahr 1938 sofort das Grauen. Als Leser lässt sich dann durchgängig bis zum Ende kein Atem mehr schöpfen. An einem Stück und vollkommen absorbiert habe ich die Geschichte von Otto Silbermann gelesen. Boschwitz schrieb sie gleich nach den Novemberprogromen in Deutschland. Veröffentlicht wurde sie jedoch zunächst erst in England, in den USA und sogar in Frankreich.

Der Verleger Peter Graf hat es nun möglich gemacht, dass das Buch in Deutschland zu lesen ist, also in der Originalsprache. Graf lektorierte, so wie es auch der Wunsch des jungen Autors war, der in tragischer Weise umkam, kurz nachdem er aus Deutschland geflohen war.

Von heute auf morgen ist Silbermann ein Mann auf der Flucht. Seine Wohnung wird gestürmt und verwüstet. Seine arische Frau flieht zu ihrem Bruder aufs Land. Sein Geschäftspartner betrügt ihn und nutzt seine heikle Situation aus. Am Namen erkennt man sofort die jüdische Herkunft. Doch am Aussehen nicht. Das schützt Silbermann zunächst und er distanziert sich zeitweise sogar von seinen jüdischen Bekannten. Zu Anfang noch voller Hoffnung, macht sich Silbermann per Zug auf den Weg Richtung Belgien. Er will zu seinem Sohn nach Paris, der erfolglos versuchte ein Einreisevisum für seine Eltern zu bekommen. Doch trotz des Geldes, dem ausgezahlten Geschäftsanteil, schafft Silbermann nicht die Flucht ins Ausland. So fährt er getrieben mit der Bahn durch das Land, übernachtet in Zügen und die Begegnungen dabei sind ganz unterschiedlicher Art.

„Ein Mensch, dachte Silbermann froh. Das war unbedingt ein Mensch, trotz seines Parteiabzeichens. Es ist vielleicht gar nicht so schlimm. Leute, mit denen man Schach spielen kann, die verlieren, ohne beleidigt zu sein oder frech zu werden, sind schwerlich Räuber und Totschläger.“

Meisterhaft erzählt Boschwitz von der Hin- und Hergerissenheit Silbermanns. Er, der für Deutschland im ersten Weltkrieg gekämpft hat, kann nicht glauben, dass er plötzlich kein Deutscher mehr sein soll. Doch seine Umgebung, die Menschen spiegeln ihm genau das.

Als seine Aktentasche mit dem Geld gestohlen wird, ist es aus mit Silbermanns Selbstbeherrschung. Er stürmt ins Polizeirevier und will eine Anzeige aufgeben und deckt damit gleichzeitig seine Identität auf. Er fordert sein Recht, dass es für seinesgleichen längst nicht mehr gibt. So nimmt ihn auch keiner der Beamten ernst. Er wird sogar wieder weggeschickt. Als die allerletzte Chance zur Flucht außer Landes kommt, ist es jedoch zu spät …

Genaueres über dieses Buch zu erzählen, ist nicht notwendig. Man muss es selbst lesen, dann spürt man es. Und das ist das Wichtigste bei diesem Buch. Das Mitfühlen, das sich hinein versetzen in diese Lage … das Fühlen, was der Gejagte, Unerwünschte, Verachtete fühlt. Ich empfehle die Lektüre nachdrücklich!

Der Roman erschien im Klett Cotta Verlag. Peter Graf als Herausgeber und Lektor hat ein aufschlussreiches Nachwort dazu geschrieben. Eine Leseprobe gibt es hier.

Ich danke dem Kaffeehaussitzer für seine Besprechung und damit die Anregung zur Lektüre. Danke auch an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Arno Geiger: Unter der Drachenwand Hanser Verlag

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Ich habe Arno Geigers neuen Roman nur aufgrund der guten Kritiken zur Hand genommen, denn sein letztes Buch „Selbstporträt mit Flusspferd“ fand ich schwach. Doch „Unter der Drachenwand“ ist wieder ein buchpreiswürdiges Werk, wie ich finde, sein bestes. Ich bin tief beeindruckt. Es ist ein Buch, welches ich nach Lesebeginn nicht mehr aus der Hand legen mochte und bei dem ich, das ist selten, es schwierig fand darüber zu schreiben, weil man es eigentlich unbedingt selbst lesen und vor allem spüren muss.

Es fällt mir schwer zu formulieren, was genau Geiger macht, um die Leser zu gewinnen. Geiger lässt uns seine Protagonisten sehr nahe kommen. Damit erzielt er große Wirkung. Und es ist wahrscheinlich so, dass alle Komponenten, von Sprache über Inhalt bis Konstruktion, so gelungen ineinander greifen, dass ein nahezu perfekter Roman entsteht. Und obwohl schon soviel geschrieben wurde über das Thema 2. Weltkrieg und Nationalsozialismus, musste auch dieses Buch geschrieben werden.

Geiger erzählt von Veit, einem jungen Mann, der nach 5-jähriger Dienstzeit als Soldat in Russland, verletzt im Lazarett landet. Man genehmigt daraufhin einen Fronturlaub und Veit reist nach Wien zu den Eltern. Doch traumatisiert und ernüchtert wie er ist, erträgt er die väterlichen Hymnen auf den Krieg und den F. nicht und erholt sich im ländlichen Ort Mondsee, wo ein Onkel wohnt. Doch seine posttraumatische Belastungsstörung lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Er nimmt Medikamente dagegen. Eine Lösung ist das nicht, denn sie machen abhängig. Erst als er sich mit Margot, die mit ihrer kleinen Tochter in der Pension im Zimmer nebenan wohnt, anfreundet, gelingt ihm wieder so etwas wie Freude und Gelassenheit.

„Die Zukunft? An eine große Zukunft konnte ich nicht mehr glauben, ich hatte gelernt, der großen Zukunft zu misstrauen. Und deshalb kam mir die kleine Zukunft gerade recht.“

Zwischen die eigentliche Erzählung mischt Geiger immer wieder Briefe. Sie kommen von Margots Mutter aus Darmstadt, von einem jungen Mann, der in ein Mädchen verliebt ist, dass in einem Kinderlandverschickungsheim in Schwarzindien am Mondsee lebt und einer österreichischen jüdischen Familie auf der Flucht. Versteht man am Anfang nicht ganz, wie alles zusammenhängt, so zeigen sich am Schluss doch die Verbindungen.

Margot, deren Ehemann ebenfalls im Krieg ist, und Veit werden ein Paar. Ganz langsam und unerwartet entsteht für die beiden jungen Leute, so etwas wie eine Insel der Geborgenheit und des Glücks inmitten der kriegerischen Welt. Dennoch wird der Friede auch immer wieder von außen durchbrochen, etwa wenn der eigensinnige Gärtner gegenüber verhaftet wird, wenn das Mädchen Nanni verschwindet oder der nächste Untersuchungstermin Veits ansteht.

„Wie schlecht eine Zeit ist, erkennt man daran, dass sie auch kleine Fehler nicht verzeiht.“

Ich empfinde die Briefe als enorm wichtig, schildern sie doch, und das auf sehr persönliche Art, wie sich mal für mal das Lob des Krieges, der völkische Stolz wandelt und alles im Chaos zu versinken droht, wie Bomben fallen, wie Nahrung fehlt, wie von einem auf den anderen Tag auch in den „eroberten“ Gebieten wie etwa Ungarn, die Juden der Willkür der restlichen Bevölkerung ausgesetzt werden.

„Ein heimatloser Flüchtling, ein heimat- und staatenloser Mensch, unter falschem Namen, mit falschen Papieren, mit falschem Blut, in der falschen Zeit, im falschen Leben, in der falschen Welt.“

Geiger erzählt in einem Interview, dass dieser Roman lange brauchte um zu Tage treten zu dürfen. Die Idee dazu entstand wohl bereits vor 10 Jahren. Die Briefe, die im Roman eine wichtige Rolle spielen, fand er offenbar auf einem Flohmarkt, sie dienten als Inspiration. Nur am Schluss hätte ich nicht wie in einem Filmabspann lesen mögen, wie es mit den Protagonisten weiterging. Da hätte ich mir lieber das offene Ende gewünscht … Ansonsten ist hier alles ein großes Leuchten!

Arno Geigers Roman erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit dem Autor gibt es hier.
Weitere Besprechungen gibt es bei Literaturreich und Leckere Kekse.

Hans Pleschinski: Wiesenstein C. H. Beck Verlag

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Der neue Roman von Hans Pleschinski begleitet wieder einen deutschen Schriftsteller durch eine Phase seines Lebens. Er ist ganz nach meinem Geschmack. Bereits mit „Königsallee“ hat der Autor mich für sich eingenommen, als er eine Episode aus Thomas Manns Leben erzählte, eine nach dem 2. Weltkrieg in Düsseldorf spielende unerwartete Begegnung mit einem ehemaligen Freund (und Geliebten?). Auch der Roman „Ludwigshöhe“ gefiel mir, in dem drei Geschwister ein Haus erben, allerdings nur mit der Auflage, es in ein Heim für Lebensmüde umzuwandeln.

Und nun „Wiesenstein“. Der Turm des Hauptmann´schen Anwesens in Schlesien ist auf dem Cover abgebildet. Gemälde aus der Empfangshalle, die 1922 entstanden von Johannes Avenarius sind im Buch abgedruckt.
Kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs ist der über 80-jährige mit Frau, Sekretärin und Masseur auf der Reise aus dem zerbombten Dresden gen Osten ins Riesengebirge, ohne zu wissen, ob dort bereits die russischen Truppen angekommen ist.

Und, hier fügt sich einmal mehr eins ins andere, auch Pleschinski erzählt, so wie erst kürzlich Uwe Timm in „Ikarien“, von der anfänglichen Eingenommenheit Hauptmanns für die Idee des gesunden Deutschen, die vom Rassenhygieniker Alfred Ploetz dann auch weitergetragen wurde – Hauptmann wendet sich immerhin davon wieder ab. Auch Barbara Zoeke widmet den Hauptmann-Brüdern in diesem Zusammenhang eine kurze Episode in ihrem starken Roman „Die Stunde der Spezialisten“.

Überhaupt ist das wieder so ein feines Buch, das einem einen Schriftsteller von einer anderen Seite zeigt, Interesse weckt, sich abseits von „Bahnwärter Thiel“ und „Die Weber“ an einem Werk lesend zu versuchen: „Atlantis“, 1912 entstanden, in dem es um einen beinahe hellseherischen Schiffsuntergang geht (kurz danach sank die Titanic auf ähnlicher Strecke).  Man kann den Roman sogar kostenlos online – Projekt Gutenberg – lesen. Ebenso den 1924 entstandenen Roman „Die Insel der großen Mutter“, in dem Hauptmann die Idee eines mystisch-matriarchalen Frauenstaats auf einer einsamen Insel ausarbeitet. Für mich ein sehr überraschendes und mehr als interessantes Unterfangen. Die Gedichte Hauptmanns hingegen, die an manchen Stellen in den Text eingefügt sind, können mich nicht überzeugen.

Kaum vorzustellen ist es, dass Hauptmann mit Frau Margarete auf „Wiesenstein“ selbst in Kriegszeiten so fürstlich leben konnten. Es mangelte fast bis zuletzt an nichts. Es gab noch immer den Gärtner, die Köchin, den Diener in Livree. Erst da wird mir klar, wie berühmt und wie gut bezahlt (und von gewisser Seite aus geschützt?) Hauptmann wirklich war, seine vielen Stücke liefen gut, als Schriftsteller war er weit über die Grenzen hin bekannt und eben auch Nobelpreisträger für Literatur. Dabei hat er sich nie zum aber auch nicht wirklich gegen den Nationalsozialismus bekannt. Er war in vielen Dingen ein Mann, der sich nicht festlegen wollte.

„Was ein Volk der Dichter und Denker und der überwältigenden Mehrheit vielleicht schlichter, aber nicht bösartiger Gemüter hätte sein können, zeigte sich nun als Rotte aus der Vorzeit, wütend, verblendet, hasserfüllt.“

Aus verschiedenen Perspektiven erzählt Pleschinski seine Geschichte. Der junge Masseur, der zum ersten Mal den schönen Künsten begegnet und durch den der Leser Textauszüge aus Hauptmanns Werken kennen lernt. Der Jurist Behl, der sich um die Sicherung von Hauptmanns Schriften kümmert. Der Gärtner, der mit seinen Pflanzen „dichtet“. Die wenigen Besucher, die zum Tee, echtem!, kommen und um jeden Preis vermeiden wollen, über das Unheil zu reden – „Nichts vom Krieg“. Die Frau des Hauses, Margarete, die Dichtergattin, die seinerzeit selbst Künstlerin war und die trotz der schlechten Augen, alles sieht und voll hinter dem Ehegatten steht. Die Sekretärin, die mit Hauptmann zusammen Korrekturen der älteren Werke vornimmt. Gerade diese verschiedenen Blickwinkel ermöglichen es dem Autor dem Leser alles wissenswerte über Gerhart Hauptmann mitzuteilen, ohne trocken zu referieren.

„Aber werden sich spätere Generationen, die neu leben, immer mit dem Unreich befassen wollen? Vielleicht, und sie sollten es tun, um für ihr eigenes Wohlergehen und zu ihrer eigenen Sicherheit daraus zu lernen. Die Schicksale müssen bekannt werden und bekannt bleiben.“

Die Nachkriegszeit mit ihren Plünderungen und Vertriebenen weiß Pleschinski trefflich aufzuzeigen. Und bevor auch Gerhart Hauptmann seinen Wohnsitz in Agnetendorf, nun das polnische Jagniątków, verlassen muss, stirbt er am 6. Juni 1946 umgeben von nahen Menschen.

Neugierig bin ich geworden. Und wenn das ein Roman erreicht, ist es ein großes Glück. Vielleicht besichtige ich dann doch beim nächsten Hiddensee-Besuch das Hauptmann-Haus, dass mich bisher vor allem wegen der besonders schönen Lage interessierte und in dem der Schriftsteller hauptsächlich auch an „Die Insel der großen Mutter“ schrieb.
Ich empfehle dieses Buch uneingeschränkt. Ein Leuchten!

„Wiesenstein“ erschien im C. H. Beck Verlag. Mehr über Buch und Autor gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.