Gerhard Falkner: Schorfheide Gedichte en plein air Berlin Verlag

DSCN3420

„Die angewandte Methode war das Abklopfen von Landschaft nach poetischen Informationen, nach Metaphern oder sprachlichen Formen, das sprachliche Abtasten der Natur nach dem „Ergreifenden“, bis das „postmoderne Wissen“ in diese Suche mit sich hineingerissen wird.“

So schreibt Gerhard Falkner im Nachwort seines neuesten Lyrikbands „Schorfheide“. Falkner, Jahrgang 1951, ist mehr als bekannt als Dichter, zuletzt auch als Romanautor, da zwei seiner Romane für den Deutschen Buchpreis nominiert waren. „Schorfheide Gedichte en plain air“ hat mich vor allem angesprochen, weil es die Gegend ist, die jeder Berliner, so auch ich, als Grünzone, Erholungsgebiet, Nationalpark kennt, die Falkner hier bedichtet. Als Jagdgebiet in der Geschichte ebenfalls beliebt bei preussischen Königen und später bei  DDR-Spitzenfunktionären.

„Die Metonymien zu Melzow tauchen aus dem Wasser
und schöpfen ihren übertragenen Sinn
aus der Instabilität der Natur und ihren Emergenzen
Nur so gelingt die naturräumliche Bebilderung
mit Worten“

Ich bin nicht so ganz sicher, was ich von den Gedichten halten soll. Das macht aber nichts. Lyrikbänden gewähre ich viel mehr Zeit und Raum als Romanen. Sie „dauern länger“. Ich mag Naturgedichte mitunter sehr gern. Gerne Giersch und sonstiges Kraut. Vielerorts werden sie ja heutzutage verpönt, von wegen, das Gedicht muss politischer und zeitkritischer werden. Ich aber finde Naturgedichte und auch Liebesgedichte, überhaupt alle Arten, dürfen gleichfalls sein, müssen sein, immer und zu jeder Zeit.

Im allen Kapiteln, außer im Kapitel „Manilas Gedichte“ (die angeblich aus einem Papierkorb, nahe eines bekannten Ökodorfs in Brandenburg gefischt wurden), heißen alle Gedichte „Schorfheide“. Es gibt sehr formelle Gedichte mit viel Reim, die mir zu pathetisch wirken, oft mit mythischen Bezügen, die mir vermutlich gar nicht alle aufgefallen sind.

„Mit somnambulen Schritten
schreiten wir durch diesen sapphisch-
baudelaire`schen Raum und erinnern uns
kaum an die elysischen Felder
durch die wir geritten
in unserem Traum“

Daneben stehen aber eben auch die freien Verse mit schönsten Wortkreationen, unruhige, teils wilde Verse mit spannenden Zeilensprüngen, so wie ich sie sehr mag.

„Die erste Zeile ist der Wald
der Himmel seine Überschrift
Die Bäume stehen gedrängt wie Lettern
mit Majuskeln aus bronzenen Blättern
und Vogelstimmen
hoch in den Weltwirtschaftsgipfeln
Nirgends ist Ruh
Die Zeichen und Stimmen
von Twilight und Twitter
tönen hinzu“

Ich merke beim Lesen, dass mir immer nur Teile eines Gedichts gefallen. Das kommt selten vor. Als wären zu große inhaltliche und vor allem sprachliche Differenzen. Zu deutliche Brüche.

„… an das Ende der Geschichte bei gechilltem Champagner
oder von Tischbein das Bildnis des großen Campagner`
was kümmert uns dann das alte Chorin
oder die Kühe von Brodowin“

Und ich wage es zu sagen: Einiges kommt mir kitschig vor. Aber kann das sein? Macht einer, der so viel und so lange schon schreibt, solche Schnitzer? (wie etwa Seite 103, siehe oben oder Seite 105, siehe unten)

Ich muss mein Leben
endlich wieder loben, meine Augen
da oben, haben sich erhoben
meine Ohren, hüben und drüben
höre ich, Horchen üben …“

en plein air – ein Begriff aus der Malerei , die Freilichtmalerei, wird in die Dichtung draußen in der Natur übertragen. Ob Falkner auf der Wiese oder unter Bäumen saß und mit dem Griffel die Farben erschrieb oder doch eher ins mobilphone tippte?

„Brauner Abend, heraufdämmernde Nacht
tief abgedunkeltes Orange am Waldsaum
in schneller Malweise vor die Flur gesetzt
wie bei Van Gogh“

Es sind jedenfalls sehr sinnliche Verse, aus denen deutliche, teils schiefe, brüchige Bilder entstehen, so als wäre man selbst unterwegs, außerhalb der großen Stadt, in einer natürlichen Landschaft, umgeben von Farben und Formen, Tieren und Pflanzen, Geräuschen und Gedanken, aber nie ganz ungestört, da sich dann mitunter die Mütter vom Prenzlauer Berg, FRIGO-Brausepulver oder gar Koks und so mancher Philosoph dazwischen schalten.

Der Gedichtband erschien im Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier .
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Werbeanzeigen

Robert Macfarlane / Jackie Morris: Die verlorenen Wörter Matthes & Seitz

DSCN3153 (800x600)

Aus einem Twitter-Projekt für Kinder ist eine Aktion geworden, die weite Kreise zieht: Das Profil des Briten Robert Macfarlane zeigt täglich neue Begriffe, alte Wörter, die womöglich verloren gehen könnten, ebenso wie die entsprechenden Tiere oder Pflanzen, würde man sie nicht weitertragen. Alles begann mit einem Oxford-Kinder- und Jugend-Wörterbuch, in dem anstelle von Eisvogel oder Farn, neue Wörter wie chatroom etc. auftauchten. Bei Macfarlane läuteten die Alarmglocken. Aus einem offenen Brief mit bekannten britischen Unterzeichnern entstand die Idee der Rettung der Wörter. Da der Account so viel Anklang fand, ist daraus ein Buch entstanden. Und was für eins! Es ist Buchkunst, Kunstbuch, Bilderbuch, Wörterbuch und Gedichtband in einem. Großformatig und einfach unwiderstehlich illustriert von Jackie Morris, ist es wirklich eine Perle und ein geradezu himmlisches „Verschenkbuch“.

Die Illustrationen sind für mich das Schönste am ganzen Buch. Jackie Morris hat ein überaus feines Gespür für Farben und für feine Inszenierungen der jeweiligen Worte und Tiere bzw. Pflanzen. Schritt für Schritt, Seite für Seite nähert sie sich dem Begriff an, bis erkennbar wird, um was es sich handelt. die großformatigen Porträts sind eindrucksvoll und faszinierend.

Efeu

Efeu bin ich, wahrer Luftpirat.
Fasse Stein und Borke,
Erklimme First und Krone.
Unkt ihr: Bodendecker, ruf ich: Himmelsdraht.

Macfarlanes Gedichte sind oft kindlich, teils verdreht und verrückt, manchmal naiv und unbefangen, einige erinnern an Abzählreime. Tatsächlich klingen sie oft wie Zaubersprüche oder eindringliche Beschwörungsformeln (siehe Untertitel). Ich bin sicher, Daniela Seel hat hier ihr ganzes Sprachgefühl eingesetzt, damit die Verse auch im Deutschen gelingen konnten. Und das tun sie – von A – Z, bis hin zum Akrostichon.

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag, wo auch Macfarlanes andere ins Deutsche übertragene Bücher zu finden sind, die man der Sparte „nature writing“ zuordnen kann. Die deutsche Übersetzung von Lost Words stammt von Daniela Seel, selbst Lyrikerin und Verlegerin des Lyrikverlags Kookbooks. Eine Leseprobe gibt es hier und mehr über den Autor hier  
Wer Lust hat Robert Macfarlanes Aktivitäten zu verfolgen, der schaue auf sein Twitterprofil

Auf der Seite des englischen Penguin Verlags erfährt man außerdem einiges über den Entstehungsprozess des Buches: https://www.penguin.co.uk/articles/2017/designing-the-lost-words/

 

Anita Hansemann: Widerschein Edition Bücherlese

DSCN3221

„Wir sind Jenische“, antwortet sie endlich und stellt eine Tasse vor Mia hin. „Das Wort Zigeuner ist abwertend, obwohl du das sicher nicht so meinst.“ Ihr Blick ruht auf Mia. „So etwas wie ein Volk der Zigeuner gibt es gar nicht.“, sagt sie. „Man nannte früher Heimatlose so, die ihren Lebensunterhalt mit Umherziehen verdienen mussten.“

Mit diesem Buch begebe ich mich in die Schweizer Bergwelt. Faszinierende, unberührte Natur, Berggeister, hochgelegene Almen, beinah urtümliche Täler. Hier vergeht die Zeit noch langsamer, hier sind die Menschen noch mehr Teil der Natur, aber womöglich auch abergläubischer und verstockter. Gut, dass es im Anhang des Buches ein Glossar gibt, denn viele Dialektwörter kenne ich nicht.

Mia und Viid verbindet eine Kinderfreundschaft. Viid, der Jenische, wird in der Schule von den anderen ausgeschlossen. Nur Mia hält zu ihm. Die strenge Mutter jedoch versucht die beiden immer wieder zu trennen. Als Mädchen wird sie in den Sommerferien zum Arbeiten auf die Almen geschickt, denn wer hart arbeitet hat keine Zeit für Unsinn. Von Viids Mutter Franziska, die sie mag, hat Mia etwas über die Jenischen erfahren, die wie Sinti und Roma oft als Reisende leben, eine eigene Sprache haben und auch, dass es überall Menschen gibt, die sie wie Aussätzige behandeln, wie Verbrecher.

Aus der Kinderfreundschaft wird über die Jahre mehr, doch richtig zusammen kommen die beiden nie. Als Viid im Winter während eines Lawinenabgangs verschüttet und in letzter Minute von Mia gerettet wird, scheint sie das zunächst erst recht zu verbinden. Aber dann taucht Viid nach einem Absturz am Berg unter. Man munkelt, die geheimnisvolle weiße Gämse, sei daran schuld. Doch was ich als Leserin schon lange ahne und weshalb Viid und Mia dann eben nicht zusammen kommen, wird erst gegen Ende des Romans aufgeklärt.

Viele Jahre später: Immer wieder kommen Szenen mit Viid im Berg auf der Jagd nach der geheimnisvollen weißen Gämse, Begegnungen mit dem „Äbifräuli“, einer Geistererscheinung. Immer wieder ist Viid müde und erschöpft und schläft mitten im Berg ein und träumt seltsame Dinge. Mia dagegen kümmert sich, ganz gegenwärtig und darunter leidend, um die sieche Mutter und den zurückgebliebenen Bruder und geht nicht weg, obwohl sie alles schon lange satt hat und lässt sich auch nicht auf Claas ein, obwohl sie weiß, dass es gut für sie wäre. Also irgendwie ein wenig viel bergauf und bergab.

Auch in den Zeiten springt die Autorin hin und her. Was mich dranbleiben ließ, war vor allem das Bergpanorama, die fremde Lebenswelt, die eindrücklichen Naturbeschreibungen, die Naturgewalten in den Schweizer Bergen. Die Handlung ist verortet im Walsertal St. Antönien im Prättigau, Kanton Graubünden. „Widerschein“ war für mich vor allem unter diesen Aspekten eine interessante Lektüre, doch weder sprachlich noch inhaltlich tut er sich besonders hervor. Dass der Schluss des Romans überraschend sehr stimmig und besonders gestaltet wurde, hat das Buch für mich dann doch noch zu einer besonderen Lektüre gemacht.

Der Roman der 1962 auf einem Bauernhof im Prättigau geborenen und in Zürich lebenden Anita Hansemann erschien im Schweizer Verlag edition bücherlese. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Merethe Lindstrøm: Aus den Winterarchiven Matthes & Seitz Verlag

DSCN3174

“  … über ihm die Decke, unten der Boden, darauf hat er vertraut, darauf muss er vertrauen, er ist gerade eingeschlafen, er schläft, oder vielleicht liegt er denkend da, und dann lässt ihn das alles im Stich, mit einem Mal ist ein offenes Loch unter ihm, die Erde und das Zimmer verschwinden in der Tiefe, alles, was er hatte.

So fühlt es sich an. Merethe Lindstrøm muss es kennen. Sie kennt Depression, Manie und Schizophrenie.  Und wenn nicht aus eigener Erfahrung doch aus nächster Nähe. Jemand der so schreibt, muss das Wesen der Krankheit durchdrungen haben. In ihrem Buch „Aus den Winterarchiven“ schreibt sie über ihr Leben mit ihrem depressiven Mann. Sie kennt psychische Krankheiten auch von ihrem Vater und ihrer Schwiegermutter. Es sind Zeitmomente die sie sammelt, Erinnerungen, die eigene Geschichte, aus der das aktuelle Dasein resultiert. Es ist die Geschichte einer Partnerschaft, einer Familie mit drei Kindern. Einer Familie, die zeitweise in Armut lebt, Möbel verkaufen muss, ja sogar manch Spielzeug der Kinder, um zu überleben.

Später wird es finanziell etwas besser. Die Familie ist aufs Land gezogen, 3 Hunde kommen dazu. Die Frau arbeitet als Schriftstellerin, der Mann ist Künstler, Maler, wenn er es denn schafft. Denn ihn ereilen immer wieder depressive Schübe. Dann ist er kaum erreichbar, dann braucht er Drogen und Medikamente zum Dämpfen, zum Durchhalten. Er leidet noch immer unter der Willkür der schizophrenen Mutter und dem alkoholsüchtigen wenig ansprechbaren Vater in der Kindheit. Für die Frau ist das schwer auszuhalten und dennoch bleibt sie, versucht zu stützen, muss sich zeitweise abgrenzen. Und gerade das ist wichtig für den Mann. Auch die Frau hatte eine unsichere Kindheit, die Mutter alleinerziehend und überfordert, die kleine Tochter viel zu früh zur Selbständigkeit gezwungen. Wir hören von langen heilsamen Spaziergängen in der Natur, von durchwachten Nächten und der Abgrenzung der eigenen Kinder. Wir erfahren über den Alltag, über den Kampf, den ja gerade Künstler mit sich und der Welt auszutragen haben, vor allem wenn davon der Lebensunterhalt abhängt. Kreativität ist eben nicht immer sofort abrufbar.

„Mit Rausch oder ohne, in der Nacht geschriebene Notizen sind am Morgen immer fremd. Die Nacht befördert etwas hoch, zeigt es, wie es ist, das Vergessene, ist denn die Sprache nachts nicht eine andere, die Nachtsprache, ist sie nicht wahrer, ich glaube schon.“

Merethe Lindstrøms Aufzeichnungen sind in feinster Sprache verfasst und verdichtet. Jedes Wort sitzt. Sie hat ein Talent, ein schwieriges Leben aus der Schönheit ihrer Sprache heraus in etwas besseres zu verwandeln. Nie geht sie so weit, ihre Biografie vollkommen aufzublättern, sich zu entblößen. Und das macht gerade Biografisches zu gelungener Literatur. Und so finden sich unendlich viele hochpoetische Sätze:

„Als stünde ein Minuszeichen davor. Vor deinen Tagen, vor diesen Orten, deinen Sätzen, als würdest du auslöschen, sie löschen.“

oder

„…man möchte am liebsten den Blick und nicht nur die Augen schließen, …“

Was hier zu erlesen ist: Gute Literatur hat immer mit faszinierender Sprachkunst zu tun, auch wenn das Thema ein schweres ist. Ein Buch, dass mich entfernt an die Notizbücher ihres Landsmanns Tomas Espedal erinnert.

Die Autorin und gleichzeitig Heldin dieses Buches wurde 1963 in Bergen in Norwegen geboren. Die deutsche Übersetzung kommt von Elke Ranzinger. Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem wunderbaren Blog Zeichen & Zeiten.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Linda Vilhjálmsdóttir: Freiheit Elif Verlag

DSCN3207

Auch in diesem Jahr kommt aus dem Elif Verlag, dessen kleines Programm immer beachtlicher wird, ein Lyrikband aus Island. Ganz eindeutig scheint die Zusammenarbeit  des engagierten Verlegers Dinçer Güçyeter mit Übersetzer und Islandexperte Wolfgang Schiffer reiche Früchte zu tragen.

„zwischen
himmel und erde
ist alles

wie es geschrieben steht“

Diesmal ist es Linda Vilhjálmsdóttir, die ihren Gedichtband „frelsi / freiheit“ nennt, der in Island bereits im Jahr 2015 erschien und großen Erfolg hatte. In einem einzigen strömenden Ton, teils anklagend, teils ermahnend, durchleuchtet sie unser heutiges Menschsein. Die 58-jährige Isländerin hakt nach und gibt sich nicht gleich zufrieden. Energisch, teils wiederholend und dringlich schiebt sie nach, ein gesellschaftskritisches Bild nach dem anderen. Wie sagt man so schön: Sie hält uns den Spiegel vor.

Im ersten Teil geht es um das Weltliche. Wir und unsere Bequemlichkeit, unser Wohlstand. Das ist nicht spezifisch isländisch, das gilt generell für die westliche Welt. Es geht um das, was wir haben, um unseren Besitz, sei es der Gasgrill oder das Fitnessgerät.

„das ziel ist es in einer woche
mindestens fünfhundert gramm
menschlichen fetts zu verbrennen.

dazu pumpen wir
auf der veranda und rackern uns ab auf dem crossstepper
und auf dem laufband in der garage

auf diese weise werden wir
in kürze alle bedingungen erfüllt haben
zur auferstehung des fleisches“

Der zweite Teil führt uns ins heilige Land. Doch auch hier ist nicht mehr alles heilig. Hier kämpfen die Religionen um ihre Vorherrschaft, auch hier geht es nicht mehr um den Glauben allein, nicht ums Religiöse. Hier herrscht Fanatismus und wieder geht es um Besitz. Wem gehört das Land? Welche Religion ist die Richtige?

„jahrhundert um jahrhundert durch marmor und metall
durch synagogen moscheen mauerwerk
hinein in die zerrissenen herzen der muslime und der juden
von denen keiner von beiden zögert den sohn des anderen zu opfern
im krieg um das alleinige recht den vorfahren zu ehren
um das alleinige recht in frieden zu leben im heiligen land.“

Der dritte Teil erzählt von der verschwindenden Natur, der Politik des Konsums, der gesellschaftlichen Forderungen, wie wir sein und uns verhalten sollen, das Streben nach immer mehr, immer schneller, immer weiter …

„gut beraten
in andacht
der festansprache zu lauschen

über unverbrauchte ressourcen
ungefangene makrelen ungebändigte energie
unberührte weiden und unbegrenzte möglichkeiten

in andacht zuzuhören
wenn in den kiefern der minister der knisternde markt
zusammenfließt mit dem lukrativen krachen des schmelzenden eises
in nördlichen gebieten und sich das ende der bewohnten welt
in einen strudel neuer weltsicht wandelt.“

„Freiheit“ ist eine zweisprachige Ausgabe, aus dem Isländischen übertragen von
 Jón Thor Gíslason und Wolfgang Schiffer. Freiheit in schlichtem Karton mit japanischer Bindung. Mehr über Buch und Autorin findet sich hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andreas Altmann: Weg zwischen wechselnden Feldern poetenladen

20180729_184659 (513x800)

Das Cover wirkt wie eine Landkarte: Grüne Flächen durch schwarze Linien und Punkte verbunden. Den Umschlag dieses Lyrikbandes hat Franziska Neubert gestaltet und er verweist stimmig auf den Inhalt. Auch hier geht es um Flächen, um Felder, begrenzt und mit Anhaltspunkten ausgestattet. Die Gedichte von Andreas Altmann sind grün. Diese Farbe legt sich um eine Sprache, die leise und sanft sich bewegt. Mitunter, wenn die Sanftheit in eine umfassendere Ganzheit gelangt, wechselt die Farbe. Unter jedem Gedicht liegt eine Schwingung, die die Verse trägt und den Leser langsamer werden lässt, mitunter auch tiefer atmen lässt.

“ … dem regen
läuft das licht zusammen und rinnt mir
über das gesicht.“

Altmanns Gedichte sind weitab von dem, was heute oft gefordert wird: größer, schneller, weiter. Auf einer tieferen Ebene gibt es diese Eigenschaften dann doch, aber voller Absichtslosigkeit. Bereits im stillen Lesen, wird deutlich, wie klangvoll und liedhaft diese kurzen Texte sind. Der Dichter sieht und setzt um, spürt und verbindet, versinkt in Augenblicken, heftet sensibel Wort an Wort, färbt gefundene Sprachspuren neu.

„der weg vergreist, geht an seinem horizont
schon über meine leiche, die weiße katze zögert,
steigt zwischen zügen über gleise, die wiese
schwimmt im regenlicht, „

Andreas Altmann ist einer der Lyriker die eher einen kleinen Bekanntheitsgrad haben, was schade ist. Er macht nicht mit außergewöhnlichen Formen (außer konstanter Kleinschreibung) oder exaltierter Performance auf sich aufmerksam und das nimmt mich gerade für ihn ein. Hier steht die Sprache und allein die Sprache, nichts was ablenkt, dem/der Leser/in gegenüber und fordert nichts, außer einem Versinken ins Sprachfeld.

“ pferde reiten durch das feld, sind nur der kopf,
in dessen mähne meine hände greifen, dann seh ich
den zitronenfalter auf einem schädelgroßen findling
sitzen, und dieser anblick sperrt mich wieder ein.“

In Felder sind auch die Kapitel diese Bandes aufgeteilt: Es gibt die Geisterfelder und die Schlafrandfelder, die Wetterfelder und die Marienfelder und zwischendrin, Muttererde und Nährboden. Eine geerdete lyrisches Einheit, die sich dennoch immer wieder in Höhen schwingt, um zurückzukehren und erneut Kraft in der Erde zu finden. Viele der Gedichte tragen Themen wie Kindheit, Familiengeschichte, Krieg und Flucht mit sich. Trotz des vielen Grün, ist es häufig eisig, winterweiß. Obwohl die Natur das Bühnenbild bestimmt, sind diese Gedichte weit mehr als Naturgedichte. Oft bietet der Wald den Lebensort von Tier und Geisterhaftem. Natura morta, sprachliche Stilleben in einer Zeit des Vergänglichkeit, der Endlichkeit. Oft melancholisch, sind es essenzielle Lebens- und Sterbensgedichte.

“ … der wind umhüllt die körper,
sie sind außer sich, und an den grenzen
sterben kinder in den nächten, schlafen
in den schreien ihrer mütter ein. …“

Andreas Altmann, 1963 in Hainichen geboren, hat schon einige Lyrikbände veröffentlicht, alle im poetenladen. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Kjartan Hatløy: Der weiße Weg Edition Rugerup

DSCN2820

Bereits als ich zum ersten Mal Kjartan Hatløys Gedichte las, wusste ich, das ist komplex und gleichzeitig in seiner Einfachheit tief berührend, das ist Lyrik, wie sie mir wichtig ist. Der 1954 geborene Dichter lebt in Norwegen, abseits der Städte an einem Fjord und hat alles in der Umgebung was er für seine Texte braucht: Natur, Tiere, Stille, Bücher und eine klare Quelle als Meditationsort.

„Freue mich über mein Weniges von der reichlichen Zeit der Sonne. Wärmt mich. Dass sie die Möglichkeit bekam, zu werden, wie herrlich ist das! Und sonst: Meinen Kiesweg entlang tanzen viele Einsamkeiten willig mit.“

Der Filmemacher Frank Wierke hat einen Film über den Dichter gedreht, der all dies mit einbezieht. Bei einem ersten Kennenlernen verstanden sich beide gut und es entstand ein schriftlicher Austausch in deutscher Sprache, aus dem dann die Idee des Films entstand. Hatløy schickte kleine „Stimmungen aus Salbu“, so auch der Untertitel des Buches und Wierke machte bei seinen Besuchen die Bilder zu den Stimmungen. In etwa einem Jahr entstand so ein außergewöhnlicher Film, der sehr nah geht. Er heißt Solreven – Sonnenfuchs. Einen Ausschnitt findet man hier.

Die Temperatur in den Handmuscheln meiner Kinderzeit nutze ich nun als freundliche Kraft, die ich überall nah bei mir habe.“

Inzwischen wurden die „Stimmungen“ in Norwegen mit großem Erfolg verlegt, wie alle seine bisherigen Bände, beim bekannten Oktober Verlag (lange vor den Büchern Knausgårds (Kjartan ist ein Onkel von Karl Ove)).

Kürzlich gab es die Deutschlandpremiere des Films zusammen mit einer Lesung aus dem neuen Lyrikband, initiiert vom Haus für Poesie im Kino Central. Kjartan Hatløy las auf Norwegisch und Übersetzer und Lyriker Klaus Anders die deutsche Variante.

„Das Geräusch des Flusses ist ein anderes Blut, hier bei dem großen Stein mittendrin, wo der einzelne Tag klingt wie eine indische Trommel. Das Geräusch ist so achtsam, dass ich es, ein einziges Mal, meine Hand küssen ließ.“

Die Gedichte zeugen von tiefer Verbundenheit mit der Natur und vom Einverstandensein mit allem Leben. Sie beziehen sich auf den riesigen Kosmos und dann wieder auf die Winzigkeit eines Erlenblatts. „Meine Gedichte entstehen hauptsächlich aus dem Denken“. Der Autor hat Philosophie studiert, hat Deutsch gelernt, damit er die deutschsprachigen Philosophen im Original lesen kann. Er weiß aber auch um die harte körperliche Arbeit als Werftarbeiter. Genügsam und allein lebt er in dem Haus am Fjord. Sein Zuhause ist der gesamte Kosmos. Er ist der Wissenschaft ebenso wie dem Unerklärlichen, dem Spirituellen zugewandt.

„Einige gelbe Äpfel kullern von der braunen Tischplatte und reisen zu Boden. Meine liebe Erde reist schneller. Sie pflügt die Farbe Schwarz und sät uns aus, uns Menschen. Sie stürmt weiter, nicht einsam, und in der hohen Geschwindigkeit, die im Verborgenen gründet.“

In diesem Band sind es Prosagedichte, kurze und längere Miniaturen. Kein Reim, keine Versform. Manchmal sind es kleine Geschichten. Sie lassen die Sprache in Alltagsmomenten verharren oder sich fortbewegen. Sie zeugen von der Verbundenheit aller Dinge. Hier zeigt sich die klare Beobachtungsgabe des Dichters, die Art der Wahrnehmung, die für einen Dichter so wichtig ist.

Der Band „Der weiße Weg“ erschien in der Edition Rugerup, ein Verlag der vor allem Lyrik und gerne auch aus dem Norden verlegt. Verlegerin Margitt Lehbert erhielt dieses Jahr den Förderpreis der Kurt-Wolff-Stiftung. Übersetzt aus dem Norwegischen hat Klaus Anders. Von Frank Wierke kommt das Nachwort, dass aufschlussreich über die Entstehung des Buches berichtet. Er hat in der Reihe „Dichter im Porträt“ verschiedene Lyriker filmisch kurz porträtiert, unter anderen auch Elke Erb. Von Kjartan Hatløy gibt es in deutscher Sprache bereits den Lyrikband „Die Lippen verlangen nach Ocker“ in der Edition offenes feld.

Ich danke dem Verlag/dem Übersetzer für das Rezensionsexemplar.

Céline Minard: Das große Spiel Matthes & Seitz Verlag

DSCN2764

„Die einzige Grenze ist der Tod.“

Anfangs erinnerte mich Minards Roman in manchen Szenen an „Gehen“ von Tomas Espedal. Es ist ein Buch, dass von einer Herausforderung erzählt, vom Leben in Extremen, exzessiv und intensiv, von der Fortbewegung und irgendwie auch von der Suche nach dem Sinn.

Unter den neuartigen Begriff des Nature Writing könnte man das Buch stellen, wobei es auch ein Humans Writing ist. Denn Minard taucht auf dem Umweg über die Natur, in das Aushalten des Alleinseins, in ihr eigenes Ich ein. Und das ziemlich bewundernswert. Dieses sich vollkommen der Einsamkeit aussetzen ist ziemlich mutig. Dabei überschreitet ihre Protagonistin Grenzen, wenn sie allein auf gefährlichen Klettersteigen an Steilwänden hängt oder über dreißig Stunden am Stück im selbst angelegten Garten arbeitet, weil sie das Zeitgefühl völlig verliert und erst an der eigenen Erschöpfung merkt, dass es Zeit ist für eine Ruhepause.

„Identität ist kein Zustand, sondern ein aktives Handeln. Und das Leben: ein Zustand oder aktives Handeln? Lebendig sein.“

Minard hatte eine ungewöhnliche Idee und erzählt eine außergewöhnliche Geschichte. Irgendwo in den französischen Bergen auf 2800 m Höhe stellt ihre Protagonistin auf gekauftem Land eine kleine Behausung auf, die nur das allernötigste bietet. Sie versucht sich dort selbst zu versorgen. Einziger Luxus ist das mitgebrachte Cello. Von dort aus plant sie ihre Streifzüge durch die Bergwelt. Sie begibt sich allein auf Wanderungen ja Klettertouren und scheut kein Risiko. So wie Minard das beschreibt, was sie erlebt, hört es sich oft nach anderen Bewusstseinszuständen, nach tiefen Verbundenheitsgefühlen an. Mit der Natur. Mit Gott oder wie auch immer man es nennen will, mit etwas Größerem. Immer wieder stellt sie sich und damit auch dem/r Leser/in existenzielle Fragen.

„Ich verstehe >betrachten was kommt, sich damit begnügen< als einen Akt der Weisheit. Die urteilsfreie Beschreibung ohne Neigung ist vielleicht die einzig notwendige Disziplin. Wofür? Um die Welt zu empfangen.“

Was dann passiert, als das Fremde in Form einer nicht klar benennbaren Person in ihre Idylle, in ihr Reich eindringt, ist schon ein wenig gruselig. Ist es echt oder Einbildung? Die Seele einer Verstorbenen? Ein Guru? Eine Abgesandte des Göttlichen? Oder ist das eigene Fremde, dass in uns allen wohnt gemeint? Die dunkle, die unbekannte Seite?

Mit der Zeit hat die Erzählerin vor allem mit den Wetterwidrigkeiten zu kämpfen. Alles wird klamm, die Behausung, die Kleider. Unmut kommt auf. „Jetzt kannst du loswettern“. Auch ein heftiges Gewitter – die Naturgewalten zwingen sie in die Knie, doch sie gibt nicht auf. Sät, erntet, sammelt Holzvorräte. Irgendwann befindet sie sich in einem Höhenrausch oder ist es ein alkoholischer, ein Drogentrip? Oder ist es die Essenz der Existenz, die sie erlebt, die Verbindung mit allem, das All-eins-sein, die Transzendenz? Dabei ist dies alles sogar nur die Vorbereitung auf das wirkliche „Große Spiel“.

Und dann der wunderbare Abschlußsatz, der mir irgendwie sehr gefällt, denn das Leben ist ein großes Spiel:

„Wie könnte einer die Welt empfangen, der sich nicht selbst zum Einsatz des Spiels macht?“

Ein Buch, dass aus Fragen besteht, sehr essentiellen, philosophischen, spirituellen. Die Antworten darf man bei sich während und nach der Lektüre mitsuchen … Ein Leuchten!

Céline Minards Roman erschien im Verlag Matthes & Seitz und wurde von Nathalie Mälzer aus dem Französischen übertragen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere spannende Besprechungen dazu gibt es bei Constanze von Zeichen & Zeiten und auf Poesierausch.

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ilse Helbich: Im Gehen Literaturverlag Droschl

Helbich-Im-Gehen

Es ist also nie zu spät: Ilse Helbich, geboren 1923 in Wien, hat im Alter von 80 Jahren ihren ersten Roman veröffentlicht und stetig weitergeschrieben. Es gibt zahlreiche Erzählungen von ihr und nun mit über 90 Jahren den ersten Gedichtband. Er enthält sehr dichte und konzentrierte Miniaturen, die für die Entdeckung der Langsamkeit plädieren, für die Anlehnung an die Natur und für die Schönheit der Sprache, die vielleicht sogar in aller Stille darauf achten lassen, wie es einmal sein kann, im Altern, das Leben.

Ein Gedicht passend zum Titel, erzählt vom Verlust einer, die ihr Leben lang gern gegangen ist. Und es zeugt aber auch vom Vertrauen, auf den, der da jetzt den Karren schiebt. Man kann entscheiden, ob es „Er“, der Göttliche oder ein Irdischer ist.

Schwieriges Gehen

Wenn ich jetzt in einem Schubkarren säße und
einer schöbe mich den dämmrigen Weg entlang.
Rollen und Rütteln
und Wiegen.
Blätter streicheln die Wange.
Ich möchte gern wissen, wer
mich schweigend dahin fährt,
aber ich wende den Kopf nicht.
Er ist ja da.
Mein schwieriges Gehen.“

In der Tat lese ich in Helbichs Gedichten die starke Verbindung mit etwas größeren, das All-Eins-Sein, eine spirituelle Dimension.

„Er sagte einmal, unter den Buchen
des Latisbergs habe er an mich gedacht.
Als ich gestern dort ging,
unter den Bäumen allein, da hingen
seine Gedanken als Spinnenfäden
zwischen den Ästen.“

In einem Interview (Die Presse, 2010) sagt Helbich:
„Ich glaube, dass sich im Alter verborgene Schlüssel und Lebensmotive zeigen. Die kann man nie benennen. Jeder Mensch ist sich selbst ein Rätsel. Ich bin jetzt meinen Emotionen mehr ausgeliefert, als ich das mit Ausnahme der Pubertät je empfunden habe. Das ist manchmal sehr angenehm, weil man das Gefühl hat, man kommt in sehr ursprüngliche Schichten. Man ist von so tief unten bewegt, wie das nie vorher im Leben war. Ein fast spirituelles Gefühl.“

Zwei Gedichte widmet Helbich Gottfried Benn und der Leser überlegt und rechnet: Ja, theoretisch könnte es sein, dass sie Briefe an ihn schrieb oder welche erhielt:

„Der Befehl ist: Schreib alles auf. Genauigkeit!
Es gibt nichts als das Wort. Das Wort nagelt das Ding fest.
Das Ding ist Kaffeehaustisch, Marmorplatte, Kühle, weiß,
ferne Gesichter, in Rauchschwaden gefangen;
das Ding heißt auch Rose, heißt: du.“

Vielleicht ist es aber auch einfach eine Hommage an Benns Dichtkunst.

Ein Kapitel heißt Kindergedichte. Es sind allerdings keine heiteren Reime, sondern Texte, die Rückschlüsse ziehen auf ein tiefsinniges ernsthaftes, auch naturverbundenes Kind. Die Bezüge zur Natur und die Freude daran sind auch in anderen Gedichten zu erlesen.

Ich freue mich, diesen Lyrikband entdeckt zu haben, denn er bestärkt und belebt mich auch in meinem eigenen Schreiben. Diese Gedichte sind wunderbare Begleiter auf weiteren Wegen.

Erschienen ist der Lyrikband im Droschl Verlag, wie auch alle anderen Werke von Ilse Helbich. Eine Leseprobe und mehr über die kluge Autorin gibt es hier.

Ich danke dem Verlag für das elektronische Rezensionsexemplar.

Amy Liptrot: Nachtlichter btb Verlag

DSCN2360

In Aspekte wurde kürzlich Amy Liptrots Roman so anziehend vorgestellt, dass ich um diese Lektüre nicht umhinkonnte. Im Beitrag erzählt Liptrot von ihrer Alkoholsucht und von der Überwindung dieser, die sie ohne die Natur nicht geschafft hätte. Die Autorin lebte die ganze Kindheit und Jugend auf den Orkneyinseln. Die Bilder dieser Naturfülle im Aspekte-Beitrag sind wunderschön und Liptrot gelingt es diese Schönheit in ihrem Buch klingen zu lassen.

„Das Rütteln an den Grundfesten meines Lebens durch die psychische Erkrankung meines Vaters, wurde verstärkt durch die extreme Religiosität meiner Mutter und durch die Landschaft, in die ich hineingeboren worden war, …“

Als Jugendliche werden ihr die Insel und der elterliche Hof langweilig. Sie sehnt sich nach London. Dort angekommen gerät sie immer tiefer ins Partyleben, lebt exzessiv und verfällt nach und nach dem Alkohol. Durch diese Sucht verliert sie mehrmals ihre Jobs und Wohnungen und letztlich ist sie auch Ausschlag für das Ende einer Beziehung. Mehrmalige eigene Versuche des Entzugs scheitern. An einem bestimmten Punkt entscheidet sich Amy für den 12-Schritte-Entzug, der hart ist, sie aber letztlich erkennen lässt, das es der einzig richtige Schritt war. Sie hält durch. Um Abstand zu gewinnen, fährt sie zurück auf die Orkneys, und bleibt. Sie bekommt einen Job als Vogelwartin und lernt aus der Natur ihre Stärke zu ziehen, sich einzulassen auf ihre Gefühle. Und sie bleibt trocken, auch wenn es immer wieder diese Momente gibt: Sie weiß nun, sie kann sie auch anders füllen, diese Leere.

„Ich lerne Freiheiten zu erkennen und zu schätzen: räumliche Ungebundenheit, frei zu sein von schädlichen Zwängen. Ich fülle die Leere mit neuem Wissen und mit Momenten der Schönheit.“

Sie beschäftigt sich mit der Geschichte der Inseln, spürt den mythischen Sagenwelten der Inselgruppe nach, gewinnt aus dem Gehen und Wandern bei jedem Wetter Kraft und Ruhe, schließt sich der Eisbär-Schwimmgruppe an, die sich zu jeder Jahreszeit gemeinsam ins Meer stürzt. Sie lernt Schnorcheln und liest sich in die faszinierenden Welten von Astronomie und Nautik ein.

„Ich spüre keiner geheimnisvollen oder gefährdeten Art nach: Ich erkunde mich selbst in einer Art semi-wissenschaftlichen Untersuchung, einer Tiefseestudie der Seele.“

Am Ende des Buches ist Amy seit zwei Jahren trocken und der Leser beeindruckt und auch schlauer: Ich weiß nun, wie selten ein Wachtelkönig ist und wie er aussieht …

Liptrot ist eine ganz wunderbare Erzählerin und es ist ein Roman, bei dem sich Autobiographisches aufs Feinste in Literatur verwandelt. Sie hat ein großes Talent Bilder zu erschaffen, die alles lebendig werden lassen. So, als wäre ich selbst am Strand im Wind mit dabei … Ein Leuchten! Fröhliche Tänzer – wie dort oben die Nordlichter genannt werden.

Amy Liptrots Roman erschien bei btb. Er wurde übersetzt von Bettina Münch. Vorne ist eine Karte eingearbeitet, auf der man Amys Wege auf den Orkneys verfolgen kann. Eine Leseprobe gibt es hier.