Nastassja Martin: An das Wilde glauben Matthes & Seitz

„Das Ereignis an diesem 25. August 2015 ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren.“

In diesen zwei Sätzen lässt sich dieses großartige Buch zusammen fassen. Es hat mich nachhaltig beeindruckt und im Kern berührt. Zudem war es als Anschlusslektüre an Katja Kettus Roman „Die Unbezwingbare“wunderbar passend, um in eine weitere Welt einzutauchen, in der die Natur noch die Hauptrolle spielt und die Bewohner noch eine echte Verbindung zum (Über-)Natürlichen haben. Da es überwiegend auf der russischen Halbinsel Kamtschatka spielt, passt es auch zu einem kürzlich besprochenen Titel: Julia Philips „Das Verschwinden der Erde“

Die 1986 in Grenoble geborene Nastassja Martin ist Anthropologin. Es zieht sie aus den Französischen Alpen in die Ferne und die Weite. Unter anderem nach Alaska, wo sie sich mit der indigenen Kultur beschäftigt. Sie hat ein Buch über die Inuit geschrieben. Und nach einem langen Aufenthalt auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, wo sie teils mit nomadierenden Indigenen in Gemeinschaft, ja bald auch in Freundschaft lebte, schrieb sie „An das Wilde glauben“. Allein dieser Titel! Und dieses Coverbild! Mit dem Bär Auge in Auge. Als Leser glücklicherweise nur mit dem Cover-Bär.

Doch Nastassja begegnete einem lebendigen Bären, als sie sich beim Abstieg von einem der Vulkane befand, nach schwieriger Tour und alleine. Der Bär biss ihr ins Gesicht, sie konnte ihn mit einem Eispickel in die Flucht schlagen. Kollegen konnten Hilfe anfordern, sie kommt in die Lagerkrankenstation, dann in eine Klinik nach Petropawlowsk, wo sie operiert und stabilisiert wird, um schließlich nach Frankreich zur weiteren Behandlung überführt zu werden. Sie landet in Paris in der Salpetriere und hat monatelang zu kämpfen, um nach neuen Operationen und Behandlungen einigermaßen heil zu werden. Doch das ist nur der Körper. Die Psyche geht ganz andere Wege. (Hier erinnert mich ihr Bericht auch an das sehr empfehlenswerte Buch „Der Fetzen“ von Philippe Lançon, der ähnliche Krankenhausbehandlungen in Paris schildert, allerdings durch den Anschlag auf Charlie Hebdo von Terroristen verursacht). 

„Ich bin nicht gestorben, ich bin geboren worden, sage ich auch ihm, wie meiner Mutter, wie meinem Bruder, die mir alle jaja antworten und hoffen, dass ich bald wieder zu Verstand komme und diese Geschichten von vermischten Seelen und animischen Träumen vergesse.“

Nastassja beschließt, um den Biss des Bären und ihr Überleben besser verstehen zu können, erneut nach Kamtschatka zu fliegen. Verwandte und Freunde können das nicht nachvollziehen. Doch bereits kurz nach den Geschehnissen erklärte ihr ihr indigener Freund Iwan, dass sie nun vom Bären „berührt“ sei und sie somit selbst zur Bärin, zur miedka, geworden sei, halb Tier halb Mensch. Denn dass ein Mensch den Angriff eines Bären überlebt, gleicht einem Wunder. Dort angekommen begibt sie sich in die Natur um dort Stille zu finden und sich ihren Fragen zu widmen. Und sie wird dort herzlich aufgenommen.

„Menschen wie Darja wissen, dass sie nicht die Einzigen sind, die im Wald leben, fühlen, denken, hören, und dass um sie herum andere Kräfte am Werk sind. Es gibt hier ein Wollen außerhalb der Menschen, eine Intention jenseits des Menschlichen.“

Durch Gespräche, ein Sich einlassen und durch symbolhafte Träume ergibt sich für Nastassja ein gewisses Einverstandensein mit dem, was ihr widerfahren ist. In der Reflektion scheint es ihr sogar so, dass sie sich bewusst dieser Gefahr ausgesetzt hat, weil sie etwas hinzog. Eine unbegreifliche Kraft, die vom Bären ausging und die sie der ihren gleich empfand …

„Ich habe meinen Platz verloren, ich suche ein Dazwischen. Einen Ort, um mich wiederherzustellen. Dieser Rückzug soll der Seele helfen, sich zu erholen. Denn man wird sie ja doch bauen müssen, diese Brücken und Tore zwischen den Welten; und aufgeben wird nie zu meinem inneren Wortschatz gehören.“

Ihre Wahlfamilie lädt Nastassja ein zu bleiben. Sie gehöre jetzt zu ihnen, sagen sie: „Du bist das Geschenk, das die Bären uns gemacht haben, in dem sie dich am Leben gelassen haben.“ Doch spürt sie auch den Respekt und die Ehrfurcht, vielleicht sogar Furcht, die manche ihr gegenüber empfinden. Nastassja geht dennoch, sie geht um darüber zu schreiben und um weiterhin Anthropologin zu sein.

Was mich an diesem Buch so fasziniert, ist schwer zu beschreiben. Es gleicht einem Verstehen, einem Hineinfühlen, einem ähnlichen Verständnis von der archaischen Natur der Tiere und Menschen. Martin hat ihre Erlebnisse in eine Sprache übersetzt, die von großer Übereinstimmung von Natürlichkeit und Intellekt zeugt. Wildes Leuchten!

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Übersetzt hat es Claudia Kalscheuer. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Katja Kettu: Die Unbezwingbare Ecco Verlag

Katja Kettus Roman ist einer von mehreren Romanen, die ich in letzter Zeit las, die sich mit dem Thema der Ausgrenzung indigener Völker beschäftigen und sich speziell auch dem Missbrauch von und Gewalt gegen Mädchen und Frauen widmen. Da gab es im letzten Jahr zum Buchmesse Thema Kanada schon den Roman „Klee Wyck“ von Emily Carr, jetzt neu den Roman „Gestapelte Frauen“ von Patricia Melo, dessen Handlung im brasilianischen Amazonasgebiet spielt und Julia Phillips Roman „Das Verschwinden der Erde“, der auf der russischen Halbinsel Kamtschatka spielt.

„meine Mutter verwandelte sich in einen Wolf, und das ist die Wahrheit.“

Katja Kettus Roman führt in die USA und dort in das Reservat Font du Lac in Minnesota. Sie verbindet darin das Leben des indigenen Stammes der Ojibwe mit dem einer Gruppe ausgewanderter Finnen. Die 20 Kapitel, die jeweils mit indianischen Überschriften beginnen, spielen teils 1973 teils 2018. Sie sind jeweils Briefen nachempfunden, die direkt ein „Du“ ansprechen. Kattja Kettu hat im Vorfeld des Romans viel recherchiert und auch längere Zeit in finnisch/indianischen Gemeinschaften verbracht. Dabei wollte sie auch die Geschichte ihrer eigenen Vorfahren erforschen.

Es beginnt mit der Reise von Lempi, Tochter des Finnen Ettu und der Ochibwe Rose Feathers, in das Reservat, in dem sie ihre Kindheit verbrachte bis sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter als 8-jährige ins Internat in die Stadt gebracht wurde. Mittlerweile sind 45 Jahre vergangen und man beschuldigt den kranken Ettu, ein Mädchen versteckt zu halten. Bei der Begegnung mit dem Vater, aber auch mit einem Mann, dem Indigenen Jim Graupelz, mit dem sie damals viel verband, kommen Erinnerungen hoch und Lempi erhält Briefe, die einst die Mutter vor ihrem Verschwinden an sie schrieb. Darin geht es immer wieder auch um die Suche der Mutter nach verschwundenen Mädchen und ihre Aktivität in der Indianerbewegung. Lempi begegnet ihrer stolzen indianischen Großmutter Patti, sie nimmt an einem Pow Wow teil, einem Fest mit rituellen Tänzen und sie trifft immer wieder auf den verheirateten Jim Graupelz, zu dem es sie sehr hinzieht. Ihm sind auch die Briefe gewidmet, aus denen wir die Geschichte erfahren.

Von Lempi selbst erfährt man immer nur Fragmente, die darauf hindeuten, dass sie als Kind im Internat durch Zwang und Gewalt dazu gebracht wurde ihre Sprache und Kultur aufzugeben. Und auch, dass sie sich in der Stadt und in der Welt der „Weißen“ immer unwohler fühlt. Sie entdeckt bei diesem Besuch ihre Wurzeln, Mutter und Großmutter waren Heilerinnen mit großer Naturverbundenheit, und dröselt nach und nach die Geheimnisse dieses seltsamen Ortes und ihrer eigenen Familie auf. Es geht um Gewalt und um Missbrauch. Am Ende beschließt Lempi alias Kleine Tatze wieder abzureisen; ob sie es dann wirklich tut oder ob sie es sich anders überlegt, bleibt unserer Phantasie überlassen, wie überhaupt sehr viel in diesem Roman zwischen den Zeilen zu finden ist.

„Es war Frühling, als in mir das Blut erblühte und Mutter mich zum Lauf des Baches führte, noch hinter die Stelle, wo der achtfüßige Wasserfall die Wasser der Widjiw-Berge auch bei der größten Hitze hinabstürzen lässt und wo die grünhaarigen alten Steine im Strom der Zeit meditieren. Ich weiß noch, dass es nach dem Spätwinter endlich warm geworden war, die Birken hatten grüne Mäuseöhrchen, aber aus den Schatten der Moosbülten starrten noch traurige Augen.“

Das ganz Besondere an diesem Roman ist die Atmosphäre, in dem er spielt und die durch die außergewöhnliche Sprache starke Bilder erzeugt. So verwendet Kettu Worte wie „baumnadelknisternder Zorn“, „die knotige Faust eines Gewitters“, „wurmige Welt“ oder „rundknollige Jahre“. Das funktioniert im Kontext der Geschichte ganz wunderbar. Der Roman lebt von mystischen Geschehnissen, von unausgesprochenen Wahrheiten und in aller Düsternis, die natürlich durch Lempis Nachforschungen zum Vorschein kommt, von einer unverstellten direkten Poesie, wie ich sie sonst oft nur aus Gedichten kenne. Ein Leuchten!

„Die Unbezwingbare“ erschien im neuen Ecco Verlag, der nur Bücher von Autorinnen verlegt. Die große Übersetzungsleistung kommt von Angela Plöger. Gewünscht hätte ich mir ein Glossar, dass die vielen indianischen Begriffe erklärt. Ein Vorwort und ein Interview mit der Autorin auf der Verlagsseite sind aufschlussreich.

Weitere begeisterte Besprechungen gibt es auf den Blogs Letteratura und BooksterHRO.

Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen Edition Azur

Es gibt Gedichte, die docken sofort bei mir an, die schwingen sofort, sind mit meinem System sofort im Einklang. Ingrid Mylos Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen“ enthält solche Gedichte. Alle gefallen mir. Dabei sind es keine hoch verrätselten oder poetologisch aufwendig zu deutende Texte, sondern mit geübter und dabei dennoch spielerischer Hand geschriebene. Es sind Gedichte, die von der Natur erzählen, vor allem auch von der menschlichen und die ernst und still und fein Tiefen ausloten, die ich sehr mag.

"Schon damals,
Schatten und Schmerz.
Und die Schärfe,
die sich verliert mit
den Metern, mit den Minuten.
Dort, wo die Grenze des Dunklen
Aufruhr wird, Vegetation,
lässt sich vergessen, woher
die Traurigkeit rührt."

Mylo erzählt dabei von ihrem Schreiben und vom Erinnern an Menschen, an Erlebnisse. Sie schildert Momente des Innehaltens, kleine Sensationen. Sie zeichnet die Liebe. Sie reflektiert Situationen und betrachtet sie neu im Schreiben. Sie benutzt dabei Farben, grün, rot, blau und auch gelbe Tulpen. Mit Farbsignalen beleuchtet sie ihre Verse und setzt sie in die jeweilige Atmosphäre hinein. Und lässt uns Leser die eigene (innere) Stimmung dabei finden. Schatten sind immer dabei.

"Bleistiftspuren

Ein Flüstern, verstohlen, ein
graues Scharren, das Finten
nach sich zieht und gute
Gründe, wachsende Strophen
wie Kapriolen von Insekten:
die Irrtümer sind sanft, und
die Wahrheiten schlagen
sich nieder wie grüner Regen.
Im Schatten. Im
Schatten stöbern wir die
Freuden von früher auf."

Eine Art Melancholie durchzieht die Zeilen, wie ich sie selbst gut kenne. Hier geht es ums Älterwerden, ums Zurücklassen, um den geweiteten Blick auf das bisher gelebte, mehr als „die Hälfte des Lebens“. Die Verluste, die es bereits zu Beklagen gibt. Die Toten. Was wohl noch kommt? Was wohl immer bleibt? Spürbar ist jedoch auch eine weise Gelassenheit, die von Resignation weit entfernt ist.

"Oktobernacht

Was bleibt, wenn die Freunde
gegangen sind,
die Himmel leerstehen,
die Rätsel heruntergekürzt
auf zwei bloße Ziffern.
Eine Kinderschürze
voller zusammengeraffter Wörter,
ein aufgeschreckter Blick,
unter dem sich der Sand
schneller häuft, als
Gefühle Schatten werfen.
Nichts mehr zu sagen."

Mylo erinnert sich auch an Reisen, an Orte, der besonderen Bedeutung, London, die Provence. Hier ahnt man teilweise nur, welche Erlebnisse sich in Erinnerungen entfalten. Spürbar und sinnlich entdecke ich hier erneut Südfrankreich, wie ich es selbst vor vielen Jahren erlebte.

"Carpentras, Cavaillon, am Kanal entlang,
Kurven und Wald, Cotignac.
Elf dem Abhang abgetrotzte Terassen,
Oliven, Steinschichten, Wind,
die Verschiebung der Pflichten:
man hat, wenn sie auf dem eigenen Land wachsen,
auch für die Feigenbäume Sorge zu tragen, selbst
wenn man die Früchte nicht mag."

Die 1955 geborene vielseitige Ingrid Mylo hat nach vielen anderen Texten, Rezensionen, Regiearbeiten, Essays und Kolumnen nun einen Gedichtband verfasst. Welch ein Glück! Für mich ist dieses Buch ein Schatz geworden, in den ich immer wieder ein- und untertauche. Große Empfehlung! Helles Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Azur im Hause von Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde dtv Verlag

Ein ausführlicher Beitrag in der ZEIT Anfang des Jahres machte mich neugierig auf dieses Buch. Die Amerikanerin Julia Phillips hat mit ihrem Debütroman, an dem sie zehn Jahre lang arbeitete, wirklich ein für mich besonderes Buch geschrieben. Es ließ mich eintauchen in eine vollkommen fremdartige Welt, der Halbinsel Kamtschatka, die früher zur Sowjetunion gehörte, obwohl die Hauptstadt Moskau sehr weit weg liegt.

Der Roman spielt allerdings nach der politischen Wende und zeigt auf, wie groß die Entfernung in den Rest der Welt auch heute noch ist. Das liegt vor allem auch an der geographischen Lage. Die Hauptstadt ist nur mit dem Flugzeug erreichbar. Straßen gibt es wenige, vor allem im Norden. Ein Großteil der Insel besteht aus einem Naturpark. Dass es auch hier in dieser abgeschiedenen Gegend um Ausgrenzung gehen kann, war mir nicht bewusst. Aber in Kamtschatka leben viele Menschen, die von Ihren Rentierherden leben, nomadische Indigene. Die „Weißen“ leben überwiegend in der Stadt. Von den Bewohnern wird die Halbinsel in Nord und Süd, in Stadt und Land eingeteilt. Es gibt Tanz- und Kulturfeste, organisiert von Indigenen, um die Kultur zu bewahren.

Ihre Großeltern waren stolz darauf gewesen, dass man die Ureinwohner der Halbinsel vereinigt hatte, sowjetisiert, indem man ihre Ländereien verstaatlicht, die Erwachsenen in Arbeitskollektive gesteckt und den Kindern in staatlichen Internaten die marxistisch-leninistische Ideologie eingetrichtert hatte.“

In der Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski verschwinden zwei russische Mädchen, neun- und elfjährig. Das erste Kapitel erzählt davon. In den weiteren Kapiteln, die ab dem Monat des Verschwindens ein Jahr umspannen, erzählt die Autorin zunächst scheinbar zusammenhanglos von einzelnen Menschen die in der Stadt oder im nördlich gelegenen Ort Esso leben. Später finden sich einzelne Fäden zu einem roten Faden zusammen.

Die einzelnen Personen sind letztlich alle Hauptfiguren, was ich sehr gelungen finde. Phillips schildert sie sehr anschaulich und genau. Gerne würde ich mehr über jede einzelne erfahren, doch im nächsten Kapitel tauchen neue Personen auf. Großes Ziel für die meisten Protagonisten scheint es, zu studieren und die Halbinsel zu verlassen, nach St. Petersburg oder Moskau oder gar nach Europa zu gehen. Doch die meisten schaffen es nicht, heiraten, gründen Familien, studieren vielleicht, aber bleiben doch in einem der wenigen möglichen Jobs in der Gegend hängen. Auffallend ist es, wie wenig emanzipiert die Frauen in diesem Teil der Welt wirken. Die Männer haben das sagen, verhalten sich teils sexistisch und fühlen sich wohl in ihrem Machogehabe. Trotzdem finden sich zwischendrin immer wieder Frauenfiguren, die aus der Rolle ausbrechen.

„In Sankt Petersburg sahen die Männer vielleicht anders aus. Künstlerischer. Doch einsame Typen aus dem Norden wie Jegor, der viel zu schnell trank, der Mädchen einen Gefallen tat und sich acht Stunden ins Auto setzte, um auf eine Party zu gehen, fand man nur hier auf Kamtschatka.“

Auch in Esso wurde ein Mädchen vermisst, eine Indigene. Die Polizei scheint mehr Zeit und Energie in die Suche nach den beiden weißen Mädchen zu investieren. Lilja, die vermisste aus Esso wird als leichtfertiges Mädchen dargestellt, die eben vielleicht nur abgehauen ist. Doch obwohl das unbemerkte Verlassen der Insel wohl nicht so einfach ist, werden alle drei Mädchen nicht gefunden, nicht tot, nicht lebend.

Erst im vorletzten Kapitel kommt die Mutter der zwei Mädchen zu Wort. Sie leidet nach fast einem Jahr Trauer und immer neuer Hoffnung an Angstattacken mit Atemnot. Ihre Arbeit als Journalistin behält sie bei. Als sie über ein Kulturfest der Indigenen im Norden berichten soll, erfährt sie auch von der verschwundenen Lilja und sie erhält von unerwarteter Seite Hilfe, die womöglich zu einem Täter und einer Aufklärung führen könnte …

Phillips ist ein sehr gut konstruierter Roman gelungen, der mich neugierig auf diese Gegend mit ihren Vulkanen, heißen Quellen, Bären und Lachsen mit einer atemberaubenden Natur gemacht hat. Wobei manche Metaphern für mich sprachlich nicht gelungen wirkten, was vielleicht aber auch an der Übersetzung liegen könnte. Dennoch bleibt: Ein Leuchten!

Julia Phillips hat ihren Roman mit einer Personenliste und mit einer Karte von Kamtschatka ausgestattet, was sehr hilfreich für mich war. Der Roman erschien im dtv Verlag. Die Übersetzer sind Pociao und Roberto de Hollanda. Eine Leseprobe gibt es hier.

Fotos: pixabay/wikimedia commons

Tarjei Vesaas: Die Vögel Guggolz Verlag

Nach „Das Eis-Schloß“ folgt nun in neuer Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkels „Die Vögel“ des norwegischen Autors Tarjei Vesaas. Vesaas (1897-1970) ist einer der bekanntesten norwegischen Schriftsteller. An Vesaas orientierten sich etwa auch Jon Fosse und Tomas Espedal. „Das Eis-Schloß“ war ein solch zartes poetisches Buch, dass ich mich sehr auf den neuen Band freute. Ebenso wie das Eis-Schloß ist er auch äußerlich eine Schönheit.

Die Geschichte hat eine Stimmung, die schwer (in Worte) zu fassen ist. Genau genommen habe ich sie eher gefühlt, als mit dem Verstand erfasst. Sie ist wie aus der Welt und wie aus der Zeit gefallen. Sehr wohltuend dieses Buch gerade jetzt zu lesen, einzutauchen in diesen Kosmos, der einem als Großstadtbewohner so fremd geworden ist und doch Sehnsuchtsort ist. Die Natur spielt eine tragende Rolle. Der eigentliche Held Mattis eine tragische. Der Roman verzaubert trotz oder gerade wegen seiner Schlichtheit, die oft märchenhaft anmutet. Er erzeugt deutliche Bilder und Szenarien, durch die man nah an seinen Figuren ist. Eine große Traurigkeit durchzieht den gesamten Text, spürt man doch selbst die Einsamkeit des Helden.

„Da hatte er wieder so ein Wort angebracht, das leuchtend und verlockend vor ihm stand. Irgendwo warteten noch mehr so schafkantige Wörter. Die waren nicht für ihn, aber manchmal benutzte er sie heimlich doch, sie fühlten sich gut an auf der Zunge und kribbelten im Kopf. Ein bisschen gefährlich waren sie alle.“

Mattis lebt mit seiner Schwester Hege, beide sind um die vierzig, in einem kleinen Haus am See irgendwo in Norwegen. Hege sorgt durch Stricken für beider Lebensunterhalt. Mattis hat nie gearbeitet, weil er nicht der Hellste ist, weil ihn seine Gedanken, die eben langsamer sind als bei den anderen, überfordern und er selbst für grobe Arbeit nicht geeignet ist. Im Dorf nennen alle ihn den „Dussel“. Mir ist aus meiner Kindheit noch das Wort Dorftrottel im Kopf. Seit dem Tod der Eltern sorgt Hege für beide. Doch glücklich ist sie mit diesem Leben nicht. Immer wieder schickt sie Mattis los, um Arbeit zu finden, doch Mattis, der Träumer, wird meist wieder weggeschickt.

„Drei große Veränderungen. Heute früh waren sie wieder weg, etwas anderes brauchte er sich gar nicht erst einzubilden – ihm blieb nichts als die Erinnerung daran, sie erklang unter ihm, während er ging. Irgendwie, als ob er unabsichtlich auf einen Ton treten würde, in der Wiese, und dann stieg der Ton auf, zauberte und war wirklich und wahr.“

Eines Abends entdeckt er, dass der Balzflug einer Schnepfe, direkt übers Haus führt. Mattis ist zutiefst berührt von dieser Schönheit, ja es erscheint ihm wie eine Art spirituelles Erlebnis. Das er jedoch nicht mit Hege teilen kann, den Hege mit ihrer rationellen Art, versteht ihn nicht. Mattis findet im Wald Spuren der Schnepfe in einer Erdkuhle, die er als Sprache deutet, die nur er lesen kann und beginnt ein „Zwiegespräch“. Als die Schnepfe eines Tages von einem Jäger getötet wird, ist Mattis zutiefst erschüttert.

„Mattis verstummte, getroffen, konnte nicht so rasch alles von einer anderen Seite sehen. Jørgen hatte wahrscheinlich recht, obwohl. Er flatterte innerlich hilflos, wie er da stockstill saß. Die Welt war voller Übermacht, die plötzlich hereinbrach und einen wehrlos machte.“

Für ihn, den Sensiblen und Empfindsamen wird zum großen Erlebnis oder zur außerordentlichen Erschütterung, was für uns vielleicht nur ein alltägliches Geschehen ist. So empfindet er Stolz und Freude über zwei junge Mädchen, die am See Urlaub machen, ohne Vorurteile mit ihm plaudern und sich von ihm zum Steg rudern lassen. Alle sollen das sehen, dass er, der „Dussel“ in Begleitung von zwei hübschen Mädchen ist.

Als rudernder Fährmann will er dann in Zukunft auch arbeiten. Hege ist froh, dass er eine Aufgabe gefunden hat. Doch niemand will über den See. Bis auf den Holzfäller Jørgen, der dann auch im Haus von Hege und Mattis Unterkunft findet. Für Mattis wird diese Fahrt, die ihn zunächst in seinem Tun bestätigt schließlich schicksalsentscheidend, denn Jørgen und Hege verlieben sich und da ist Mattis plötzlich nicht mehr das wichtigste in Heges Leben, nun ist er das dritte Rad am Wagen …

Dass die Geschichte tragisch enden wird, ahnt man schon am Anfang. Während des Lesen jedoch komme ich dem Helden sehr nah und kann, ja, sogar das, mich in ihn einfühlen. Seine Gedankenwelt, oft kindlich und überwältigend, ist womöglich eine weitaus größere, als die der vermeintlich „Normalen“. Die vielfältigen Schichten und Dimensionen dieses Romans entfalten sich teils erst nach der Lektüre; das wird mir beim Schreiben darüber sehr bewusst. Langsames Leuchten!

Die Geschichte hat Vesaas in der Schriftsprache Nynorsk verfasst und sie wurde sehr sicher und treffend von Hinrich Schmidt-Henkels übersetzt. Interessant ist auch das Nachwort von Judith Hermann. Der Roman erschien im Guggolz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

 

 

 

Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Michel Layaz: Louis Soutter, sehr wahrscheinlich Verlag Die Brotsuppe

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Aus dem kleinen feinen Verlag mit dem ungewöhnlichen Namen „Die Brotsuppe“ habe ich bereits vor einiger Zeit ein sehr besonderes Buchkunstwerk vorgestellt: „Willkommen im Tal der Tränen“ von Noëmi Lerch. Nun habe ich wieder eine Entdeckung gemacht. Da ich selbst male und mich sehr für Künstlerbiographien interessiere, passt dieses Buch über Louis Soutter, einen Musiker und Maler, den man zu den Art Brut Künstlern zählt, obgleich er Kunst studiert hatte. Der Schweizer Autor Michel Layaz erzählt mit fiktiven Anteilen aus dem Leben dieses vermutlich hochsensiblen, wie nicht für die Welt gemachten Künstlers.

Louis Soutter, 1871 in Morges in der Schweiz geboren, eigentlich unter den besten Voraussetzungen in einer wohlhabenen, angesehenen Familie, bricht aus den für ihn vorgesehenen Laufbahnen aus. Nach abgebrochenem Architekturstudium folgt ein Musikstudium an einem berühmten Konservatorium in Brüssel. Doch auch hier bricht er ab, um an eine Schule für Zeichnung und Malerei zu wechseln. Danach folgt die Heirat mit einer amerikanischen Violinistin. Beide gehen 1897 in die USA. Soutter erhält die Leitung eines Kunstinstituts. Die Ehe zerbricht. Er kehrt zurück in die Schweiz.

Hier beginnen nun die Probleme. Soutter spielt als erster Geiger in großen Orchestern, doch immer öfter hat er Aussetzer, hört mitten im Konzert einfach auf zu spielen, versinkt in Tagträumereien. Er lebt über seine Verhältnisse, kauft sich teure Kleidung, die Schulden häufen sich. Der Bruder, ein Apotheker, muss immer öfter für sein Auskommen aufkommen. Seine Stellen verliert er, spielt nur noch in Hotels oder in Kinos, lebt in einer engen Mansarde. Sein Freiheitsdrang lässt ihn immer wieder tageweise verschwinden. Dann wandert er vagabundierend im Anzug durch Schweizer Landschaften und übernachtet schon mal im Heuschober. Die Familie entscheidet sich für einen Vormund. 1923 lässt man ihn mit 52(!) Jahren dauerhaft in ein Altersheim in Ballaigues im Schweizer Jura einweisen. Für ihn ist das schwer erträglich. Er beginnt zu malen. Exzessiv.

Das Malen löst die Musik ab. Soutter zeichnet täglich mehrere Bilder, wie in einem Rausch. Was ihn antreibt, sind die eigenen inneren Gespenster, aber auch die unglaublich starke Verbindung zur Natur. Was mit ihm geschieht, wenn er sich dem Bilderstrom hingibt, würde man heute vermutlich „Flow“ nennen. Ich bin sicher, er ist dabei mit etwas Höherem verbunden.

„Wie das Licht, die Rundung der Hügel und Täler es wollten, ließ Louis sich von der Landschaft einsaugen, er wollte nicht neben der Natur sein oder über ihr, sondern in ihr, in Bewegung ganz in ihrem Innern.“

In den nächsten 19 Jahren bis zu seinem Tod entkommt er dem Heim nicht. Trotz kurzer Hoffnungsschimmer bleibt er dort allein zurück, strengen christlichen Regeln ausgeliefert, lebt immer asketischer. Sein Cousin, der Architekt „Le Corbusier“ besucht ihn einmal, ist begeistert von seinen Bildern, gibt ihm kurz öffentliche Aufmerksamkeit, wendet sich später aber ab. Jean Giono, der südfranzösische Schriftsteller und Cousin einer Pflegerin besucht ihn, kauft schließlich sogar einige Bilder ab. Auch der Schweizer Nationaldichter Ramuz verspricht ihm eine Zusammenarbeit. Und eine reiche entfernte Cousine lässt ihn in ihrem noblen Landhaus ab und an „Urlaub vom Heim“ machen. Doch niemand hilft ihm von dort dauerhaft wegzukommen. Seine eigenen Einsprüche wirken nicht. Ab 1937 malt er nicht mehr mit Feder oder Bleistift sondern mit den Fingern. Schwarz wird immer die vorherrschende Farbe bleiben. Am 20. Februar 1942 stirbt er allein in seinem Bett im Altersheim von Ballaigues.

Layaz schildert das alles in einem der Zeit angemessenen Ton. Er pickt Lebensjahre heraus und erzählt die wichtigsten Ereignisse, lässt auch Kleinigkeiten, die mir höchst wichtig erscheinen mit einfließen. Er haucht Soutter wirklich Leben ein, macht ihn (be)greifbar und zeichnet ihn zutiefst menschlich mit einem reichen Innenleben. Durch seine mitunter poetische Sprache zeigen sich mir sofort Bilder, kann ich mir Soutters Lebenswege bildhaft vorstellen. Es ist schwer abzuwägen, was hier tatsächlich biographisch ist und was fiktiv, doch der Autor zeigt immer offen, wenn er Vermutungen anstellt, wenn er sich der tatsächlichen Details nicht sicher ist. Ihm gelingt ein fesselndes Porträt eines Ausnahmekünstlers, dem man sich genau so hingeben muss, wie man das mit Soutters Bilderwelt tun sollte. Einfach erschließt sich weder eine solch unruhige Lebensgeschichte, noch solch komplexe Werke.

„Man hatte ihn manchmal gefragt, was er für Wünsche, Pläne hätte, doch seiner Miene nach wurde rasch klar, dass es ihm zuwider war, von sich zu sprechen. Manche hatten bemerkt, dass er sehr gebildet war, dass er sehr gut verstand, was man sagte, dass er sehr empfindsam war, eine Senisbilität, die er wie ein Makel mit sich herumschleppte, ein Gewicht, das er vergeblich irgendwo abzulegen versuchte.“

Soutter war meiner Meinung nach ein großes Talent, ein einzigartiger Künstler, ein Eigenbrötler im besten Sinne, freiheitsliebend und unkonventionell, sich nicht den Zwängen seiner Zeit unterwerfen wollend, und hatte das Pech, wie so viele Genies, vollkommen verkannt zu werden. Er war sicher kein einfacher Mensch, aber möglicherweise einer, der seiner Zeit voraus war. Nach der Lektüre begleitet er mich noch fast täglich in meinen Gedanken. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Verlag Die Brotsuppe. Übersetzt aus dem Französischen hat es Yla M. von Dach. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Levin Westermann: Bezüglich der Schatten Matthes & Seitz Verlag

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Kürzlich wurde der 1980 geborene Lyriker Levin Westermann mit dem Heidelberger Clemens-Brentano-Preis 2020 für seinen neuesten Lyrikband „Bezüglich der Schatten“ ausgezeichnet. Ich habe mich in seine Art zu schreiben gleich verliebt. Eigen, originell und tief genug, ohne zu überkandidelt oder verkopft zu sein. So las ich gleich auch noch den vorherigen Band „3511 Zwetajewa“, den ich im nächsten Beitrag vorstelle. Lange habe ich mich nicht mehr so intensiv mit einem Lyrikband beschäftigt und lange hat mich keine Lyrik mehr so für mein eigenes Schreiben inspiriert. Ein Leuchten!

Westermann teilt seinen Band „bezüglich der schatten“ in verschiedene Zyklen ein, die um unterschiedliche Themen kreisen, aber dennoch miteinander in Verbindung bleiben. Die Natur spielt hier die Hauptrolle, auch die menschliche.

Das erste komplexe Langgedicht führt in die Natur im Winter. Idyllisch ist es da allerdings nicht in diesen Wäldern und Hütten, denn es herrscht Krieg. Die Leserin erfährt nichts konkretes über Schauplatz und Zeit. Ich würde die Geschehnisse vielleicht in Russland, Sibirien, der Ukraine verorten. Einer erzählt, kurz und knapp, was geschieht, Schüsse, Granaten, das Auflauern, das Verstecken, das Fliehen. Wladimir, der sich Kaffee kocht und nach verdächtigen Geräuschen lauscht. Und ein Fuchs. Ein sprechender Fuchs, der Hilfe und Ratschläge anbietet, ein wohlwollender Fuchs, der alles sehr schnell durchschaut. Weil er dort lebt? Oder lebt er nur in der Phantasie des Kämpfers?

„Anfangs hieß es
Störfall, später
Invasion, und als die Städte
brannten, rannten
wir davon, flohen
wie die Schatten
vor dem Licht –
Bewegung bei den Bäumen,
es folgt uns nun
seit Tagen schon
ein Fuchs.“

Welch ein Rhythmus. Welch ein Reimschema. Reimen kann wirklich schlimm sein in der Lyrik, doch hier ist es immer stimmig, oft sind es unreine Reime, die ich sehr liebe. Anfangs bin ich etwas irritiert, weil der Fuchs zeitweise Englisch spricht. Westermann schiebt generell oft englische Zeilen mit ein, was mich wundert, weil ich den Sinn darin nicht sehe. Vielleicht geht es einfach um den Rhythmus, um die sprachliche Ausdehnung. Dieser erste Zyklus wirkt auf mich auch irgendwie balladenhaft, klarstellend, mahnend.

Einen anderen Zyklus legt er wie ein antikes Theaterstück an, in dem der Philosoph Roland Barthes und die Dichterin und Klassische Philologin Anne Carson mitmischen, die erst kürzlich die Rede zur Poesie 2020 beim leider nur virtuellen Berliner Poesiefestival hielt. Einige Zeilen entnimmt er als Zitate direkt aus deren Werken. In diesem Theaterstück, das an klassische Tragödien erinnern soll, hört man Euripides Alkestis durchklingen. Der Schauplatz scheint allerdings ein Krankenhaus, (eine Nervenheilanstalt?) zu sein. Die Mutter tot, die Tochter trauernd, den Vater anklagend.

„Scapula“ handelt von einer Frau, die den Fels bezwingen will, die klettert, weit oben, übernachtet im Zelt und die keiner sieht, schon gar nicht der Tourist im Hotel am Frühstücksbuffet. Eine, die der Natur wie einer verlorenengegangenen Gewalt begegnet. Eine, die sich womöglich wie Ikarus Flügel anbringen und fliegen will.

Der letzte Zyklus, „Zerrüttung“ heißt er, spricht mich direkt an. Was hier genau geschieht, ist nicht so klar zu erkennen. Hier geht es um die Stimmung. Die rundherum, und die der einen Person, die kaum handelt, nur da ist und dieses Dasein irgendwie quälend (langsam) empfindet. Die über die Spanne eines ganzen Jahres und länger den Wandel der Jahreszeiten erlebt, aber doch nicht wirklich im Leben steht.

„alles wiederholt sich,
alles wiederholt sich
(tag für tag), fortwährend
läuft dasselbe band, ein hörbild
namens leben“

Sicher lassen sich viele weitere Bezüge zur Philosophie oder zur Poetologie finden, die mir entgangen sind, doch die Verse funktionieren meiner Meinung nach auch ohne, denn sie leben vom Einfühlen. Levin Westermann las auch in diesem Jahr beim virtuellen Bachmannwettbewerb (allerdings mit einem Text, der nicht an diese Gedichte hier heranreicht). Dennoch fand sein lyrischer Text erstaunlich guten Anklang unter den Juroren, so dass er bis auf die Shortlist gelang.

Westermanns Bücher erscheinen im Matthes & Seitz Verlag. Im Anhang erläutert der Autor seine Quellen, was manche Frage, die beim Lesen entsteht, beantwortet. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für die Rezensionsexemplare.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Marion Poschmann: Nimbus Suhrkamp Verlag

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„Was ist Dunkelheit? Eine Beruhigung, daß etwas endet,
was lange zunahm, zuviel wurde, Wald wurde, Wildnis, was
weiter wucherte, bis es sich endlich lückenlos schloß,
schwarzer Waldwürfel, Wildnisklotz, eine Vitrine, vollkommen
ausgefüllt mit der Behauptung von tiefer Nacht.“

Als Marion Poschmann Ende Februar ihren neuen Gedichtband im Literarischen Colloqium Berlin vorstellte, war ich wieder einmal überrascht von der Vielseitigkeit dieser Autorin. Nach „Geliehene Landschaften“ und dem Roman „Die Kieferninseln“ begibt sie sich mit den neuen Gedichten in die Welt des Wettergeschehens, des Klimas und der Landschaften, immer im Zwiespalt zwischen Höheren Kräften und Wissenschaft. Der Autor Christoph Peters unterhielt sich mit der Lyrikerin über ihre Gedichte und brachte passend zu den „Seladon-Oden“ eigene Seladon-Keramik aus China und Korea mit.

„Seladon ist die Farbe, die Jade nachahmt,
die Farbe, die sich aus der Welt zurückzieht,
das Flüstern von einem nach innen gekehrten Meer – „

Wie es zu dem Kapitel kam, erzählte Poschmann anschaulich: Ein französischer Barockroman mit einem Schäfer namens Seladon und die farbige Glasur der Keramik in Seladon-Farben, ein changierendes Graugrün, nicht klar definierbar, manchmal ins Bläuliche gehend. Faszinierende Texte sind daraus entstanden.


Poschmann ist eine Forscherin und eine Reisende im Namen des Lyrischen Ichs. So erzählte sie von ihrer Reise mit der transsibirischen Eisenbahn zum Baikalsee (auf dem Blog Allons Enfants kann man darüber lesen) zusammen mit der französischen Autorin Celine Minard (ihren Roman „Das große Spiel“ kann ich sehr empfehlen) nach der die Kapitel „Transsib“ und „Sibirischer Tierstil“ entstanden. Im letztgenannten Kapitel geht es eisig zu. Poschmann hatte wohl von den „Top-Eis- und Schneefestivals der nördlichen Hemisphäre“ (= auch der Titel eines Gedichts) die Idee der Eisfiguren mitgebracht und überraschte mit einigen selbstgeformten Eisplastiken, die leider aufgrund der milden Temperaturen sehr schnell schmolzen (Klimawandel im Kleinen):
„ich taute Grönland auf mit meinem Blick, ich schmolz die Gletscher, während ich sie voll der Andacht überflog.“


Die Dichterin, die wenig jünger ist als ich, schreibt im Kapitel „
Wettermachen“ von häuslichen Szenen, die mich sehr an meine eigene Kindheit erinnern: „Seltsam, daß Dinge wie Haarspray mit mir zusammen auf die Welt kamen“ und bringt dabei gleich ganz subtil eine Umweltkritik unter, in dem sie weiterschreibt: 

                         „Meine Kindheit jene der Tetrapaks,
Plastiktüten und Kühltruhen. Letztens erst trieben
im Müllstrudel Tausende Überraschungseikapseln
mit Spielzeug gefüllt an den Strand von Langeoog.“

Bald danach ist vom Staubsaugen die Rede und womöglich hat noch nie jemand so gelungen eine Hausarbeit verdichtet:

„Ich führe das gierige Tier auf die Weide. Ein Schlauch
voller Anmut, gebogener Nacken, das Kabelschwänzchen
erst ängstlich zwischen die Räder geklemmt, dann
nur noch gefräßig, und lange äste es zwischen den
Teppichfransen.“

Der Buchtitel, Nimbus, aus dem Lateinischen für „dunkle Wolke“, bedeutet gleichzeitig aber auch Heiligenschein, weist auf die Symbolkraft hin, die Poschmann in jedem ihrer Bücher gerne umkreist. Diesmal geht es dann auch um Wolkenformationen – Cumolonimbus – und Wasser, fließend oder gefroren und um Farben, vielfach um die Farbe Weiß in all ihren Variationen, aber auch um Schwarz, das absolute Dunkel. Hierbei spielt sie auch dazu passend mit den verschiedenen Gedichtformen, so das es immer stimmig durchgearbeitete Verse sind.

Marion Poschmanns zeigt in diesem Band aufs Schönste, dass man Gedichte über die Natur sehr wohl mit Zeitkritischem verbinden kann und dabei nicht explizit politische Gedichte schreiben muss, um auf die relevanten Themen unserer Zeit hinzuweisen. Dass ihr das bravourös gelingt, weist auf ihr feines Gespür und ihr überragendes Können als Lyrikerin hin. Ein Leuchten!

„Nimbus“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Andrea Wulf / Lilian Melcher: Die Abenteuer des Alexander von Humboldt Graphic Novel C. Bertelsmann Verlag

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„Juni 1799: Alexander von Humboldt bricht zu einer abenteuerlichen Entdeckungsreise durch Südamerika auf, die das Verhältnis zwischen Mensch und Natur grundlegend verändern wird …“

Ein wundervolles Buch! Ein Bilderbuch für alle! Ein feines Buchkunstwerk!
In der Art einer Graphic Novel haben Andrea Wulf und die Illustratorin Lilian Melcher dieses ungewöhnliche Buch gestaltet. Es geht um die amerikanischen Reisen Alexander von Humboldts (1769 – 1859) und zwar nicht in einer wissenschaftlichen Form, sondern erzählerisch und von zauberhaften Illustrationen begleitet. Text und Bild finden hier stimmig zueinander, fließen ineinander und befruchten sich gegenseitig. Bilder, oft collagenhaft, teils skizzenhaft mit Bleistift oder Filzstift gezeichnet, teils mit Sprechblasen wie im Comic und teilweise im Erzählstil weisen auf die wichtigsten Ereignisse der Humboldt`schen Reise hin und sind oft wunderbar detailverliebt.

Andrea Wulf, die bereits Bücher zum Thema veröffentlicht hat, schrieb ihren Text nahe an den von Humboldt selbst veröffentlichten Schriften, selbst die Dialoge entsprechen überwiegend den in den Tagebüchern festgehaltenen. Humboldt stellt fest, wie in der Natur alles mit allem zusammenhängt. Unfassbar, wie weit- ja beinah hellsichtig, Humboldt vieles in seinen Studien der Natur voraussah, was uns heute einholt. So wusste er bereits damals, was geschieht, wenn man ganze Regenwälder abholzt.

“ … ich bin ziemlich stolz darauf, Kosmos – ein Buch über das gesamte Universum – geschrieben zu haben, ohne ein einziges Mal das Wort „Gott“ zu benutzen. Ich möchte ohnehin viel lieber etwas über die Naturverehrung der Indianer erfahren.“

Andrea Wulf geht in diesem Band chronologisch vor. An den Anfang stellt sie den alten Humboldt in Berlin, der in Rückblicken seine Geschichte erzählt und zwischendurch in bestimmten Szenen wieder als Erzählerfigur auftaucht. Die Seiten sind meist komplett mit Fotocollagen, Zeichnungen oder Kopien der handschriftlichen Aufzeichnungen Humboldts unterlegt, darüber dann die Sprechblasen einzelner Dialoge oder der Text der Erzählerstimme. Man kann sich gar nicht satt sehen, denn es sind oft auch sehr klein detaillierte Darstellungen dabei.

Eigentlich grenzt es an ein Wunder, dass Humboldt und seine treuen Gefährten, diese gefährlichen Reisen überlebt haben (wenn man etwa bedenkt, welche Ausrüstung einem heutigen Bergsteiger bei einem 4000er zur Verfügung steht). Die Sammlungen der Pflanzen und Tiere sind auf der langen Reise teilweise zerstört oder verloren gegangen, aufgrund der riesigen Menge jedoch, die vor allem auch auf seinen französischen Begleiter Aimé Bonpland (1773 – 1858) zurückgehen, blieb doch viel erhalten. Und Humboldt hielt alles genau fest, fertigte Zeichnungen, schrieb Tagebuch: Die Fahrten mit dem Schiff, die Bergbesteigungen, die Messungen, die Entdeckungen von Pflanzen und Tieren, die Beobachtungen der Himmelsphänomene und Archivbesuche. Es gibt eine riesige Zeichnung, die seine Art der Zusammenhänge der Naturphänomene an den unterschiedlichen Standorten vergleicht und klar aufzeigt. Zudem schrieb er auch kritische Texte, etwa zur Sklaverei auf Kuba und zur Zerstörung der Natur, etwa durch Plantagenbetrieb oder Abholzung.

Am Ende dauerte die Reise fünf Jahre von 1799 bis 1804 und führte etwas unstet durch das nördliche Südamerika, Mexico und Kuba mit einem Abstecher kurz vor der Heimreise in die USA mit Besuch des Präsidenten Jefferson.

Sehr witzig finde ich, dass die Illustratorin sich und die Autorin in die Story einzeichnet (siehe oben). Andrea Wulf und Lilian Melcher kann ich nur ein großes Kompliment aussprechen für solch eine wundervolle Idee und die hervorragende Umsetzung. Ein Buch, welches Lust auf mehr Graphic Novels und auf mehr über Alexander von Humboldt macht.
Zur Zeit gibt es noch bis April im Berliner Deutschen Historischen Museum eine Ausstellung über die Humboldt-Brüder, auf die ich nun noch mehr gespannt bin: https://www.dhm.de/ausstellungen/wilhelm-und-alexander-von-humboldt/ausstellung.html

Das Buch erschien im C. Bertelsmann Verlag und wurde übersetzt von Gabriele Werbeck. Eine Leseprobe gibt es hier. Dank an den Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog „Elementares Lesen“, den ich hiermit gleich empfehle, weil man immer eine Fülle an interessanten Sachbuchtiteln findet.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.