Steinunn Sigurðardóttir: Nachtdämmern Dörlemann Verlag

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„Man vergaß, dass eis nicht aus eis besteht
sondern aus wasser“

Immer wieder ist es Lyrik aus Island, die mich besonders berührt. Diesmal ist es „Nachtdämmern“ von Steinunn Sigurðardóttir. Die Autorin ist im „Schatten“ des Gletschers Vatnajökull unter dem ein Vulkan liegt, aufgewachsen und fand ihn in seiner Konstante immer beruhigend. Bis er zu schmelzen begann …

Das erste Kapitel namens „Es kommt ans Licht“, welches mir auch am besten gefällt, taucht ein in die Biografie der Autorin, immer in Bezug gesetzt zum Berg: Beginnend mit der Geburt, über die Kindheit, die Jugend und das Erwachsensein. Da ist die liebevolle Großmutter gleichen Namens, der Großvater, das Aufwachsen in und mit der Natur. Das Hüten der Kühe auf den Weiden unterm Gletscher. Das Lesenlernen. Das erste Tanzengehen, später das Studium im Ausland und immer auch wieder die Besuche zuhause. Der Blick auf den sich mit den Jahren verändernden Gletschervulkan.

„Und die mooslavagipfel in immer neuen
formen: menschengesicht,
kleiner vogel und trollfrau. Immer wieder
neue, zu der zeit der kinder auf dem
hof, auch derer, die ihr ganzes leben dort
blieben.“

Es gibt ein Kapitel, dass nur mit den Stimmen von Menschen gefüllt ist, die den Vatnajöküll besuchten oder sahen. Die Einheimischen Stimmen sind zu hören, aber auch Touristen, Besucher und Reiseführer. Ganz unterschiedlich sind die Meinungen zum Gletscher. Von Respekt über Angst bis große Freude und Glück beim Anblick.

„Über die schönheit des gletschers zu reden
war nicht in mode.“

Die weiteren Kapitel stehen ganz im Zeichen des Gletschers, bzw. des durch ihn erkennbaren Klimawandels. Die steigenden Temperaturen, die Schneeschmelze, die sich nun nicht nur im Frühjahr zeigt. Der Gletscher, der sein strahlendes Weiß verliert, das je nach Tages- und Jahreszeit in verschiedenen Farben changiert. Der Gletscher, der bald nur noch Berg ist, dunkel und kleiner ist.

Sigurðardóttirs Gedichte werden zeitweise zu Klage- und Trauerliedern oder sogar zur Anklage. Zur Anklage der Menschheit, die schuld ist am Untergang der Erde. Sie thematisiert dabei dann auch das Sterben der Arten, die Erderwärmung, das Mikroplastik im Meer, in den Meerestieren. Sie zählt die Orte am Meer auf, die bald überschwemmt sein werden. Sie geht sogar soweit zu sagen, dass ihre Heimatinsel dann nicht mehr dieselbe ist, nicht mehr Is (Ice)-land ist, nennt es Land von Feuer und Nichts. Bis sie zum Schluss wieder das kleine Mädchen wird, dass das Glück hatte, den Gletscher unversehrt zu erleben.

„aber er ist noch da auf halbmast
über dem massiv des Lómagnúpur.

ich schließe die augen und sehe

früheren glanz, blauleuchtende gewölbe
hier und da ein wolkenknäuel
oder auch ganz wolkenlos“

Sie verdichtet in sehr detailreichen Bildern. Es ist eine Poesie, die durchdringend direkt ist, die manchmal erschreckt, aber eben auch wunderschön ist. Es ist der Versuch eines Weckrufs, bevor es zu spät ist. Im Gegensatz zu den Gedichten am Anfang, als alles noch heil schien, werden die späteren Gedichte inhaltlich immer pessimistischer, ja auch wütender, getragen von einer Liebe zur Natur und von der Angst diese auf Dauer zu verlieren. Meine persönlichen Gedanken dazu sind dabei, dass es die Natur, die Erde ohne uns recht schnell schafft, am Leben zu bleiben. Die Menschheit ist es, die nicht dauerhaft überleben wird …

„Und sternenlos werden die steinreichen
vernichter in ihren unterirdischen bunkern
sein.“

Die Gedichte der in Reykjavik geborenen Autorin, die für ihre Bücher oft schon ausgezeichnet wurde, sind gerade auch wegen des brandaktuellen Themas gut als Erkundung von zeitgenössischer Lyrik geeignet und ich empfehle sie gerne.

Der Band erschien im Dörlemann Verlag. Übersetzt hat es Kristof Magnusson, selbst Autor mit isländischen Wurzeln. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Der Dörlemann Verlag hat zum Erscheinen des Buches unter dem Hashtag #klimaistkeinefiction zum Selbstdichten rund um das Thema Klimawandel aufgerufen. Da ich das ja ohnehin mache, gibt es von mir diesen kleinen handschriftlichen Text aus der Reihe Notizen, Selbstgespräche:

Kerstin Becker: Das gesamte hungrige Dunkel ringsum Edition Azur

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„wir sind am Anfang durchlässig
und weich und lernen fortan
zu verhärten“

Der neue Lyrikband von Kerstin Becker strahlt ins Dunkel hinein, um auf den Titel des Buches zuzugreifen. Das Dunkel wird hier kompromisslos ausgeleuchtet, wie mit einer Taschenlampe punktgenau getroffen. Das Dunkel, das wir alle kennen, aber manche eben wesentlich mehr. Es beginnt mit der Zeugung, weiter mit der Geburt, wo die Dunkelheit verlassen werden muss und der Start ins Leben grell beleuchtet ist. Es beginnt mit dem Babyflaum und was am Ende bleibt, ist die kratzige Kunstwolle, die nach dem Tod aufgedröselt und wieder verwendet wird. Kerstin Beckers Gedichte spannen einen Bogen vom Anfang zum Ende eines Menschenlebens, eine Lebenszeit. Wie unterschiedlich diese verlaufen kann erfahren wir auch. Wir hören viel mehr vom Dunkel, das immer da zu sein scheint ganz in der Nähe, lauernd. Die Helligkeit nimmt ein viel geringes Maß ein. Kommt zu kurz, wie das eben in manchen Menschenleben so ist. Trotz aller Dunkelheit empfinde ich Kerstin Beckers Gedichte nicht bitter oder resignierend, sondern durchaus kraftvoll und weit, die Sprache manchmal rau und dann wieder zart.

Das Aufwachsen, die Kindheit scheinen auf, ein Leben in den Wäldern, den Wiesen, ein ländliches Leben. Immer mit der Natur, erdig, sinnlich, sehr körperlich, auch eklig und dreckig. Wildwuchs, Wachstum. Geräusche, Gerüche. Freundschaft und Blutsschwesterschaft. Hier ist es oft schön hell. Schnell zeigt sich dann aber doch wieder der Unterschied zwischen arm und reich, zwischen weiblich und männlich, zwischen wollen und sollen, zwischen Zwang und Freiwilligkeit. Missbrauch und Gewalt schweben im Raum eines Gedichts, dürfen es auch, dürfen benannt und ausgesprochen werden in diesem Rahmen.

„wir gleichen unseren Puls dem Puls der letzten Wälder an
wie später einmal unsere Mens die Sommersonne
spinnt weiße Waben unter unsre Lider“

Im großen Gegensatz zum Dunklen wird immer wieder die Natur besucht. In den Wald und über die Felder. Durchatmen, Wahrnehmen. Die Bäume, die Wiesen – sie sind Heil- und Ruhemittel. Da ist die Verbindung ganz stark, da wächst nach, was verloren war. Das ist der Raum, den es dem sterilen, künstlichen Klinik- und Pflegebereich entgegen zu setzen gilt. Denn das Dunkle ist auch die schwere Erkrankung, die zieht und zerrt und hilflos und ohnmächtig macht und nicht weichen will.

„wir hätten oft schon tot sein können Wald
wie geht es dir
in dir geh ich am Faden aus Instinkt und ahne Ahnen
und glaub fast an der Menschenhirne Amen“

Kerstin Becker zeigt in einigen Gedichten die prekäre Arbeitssituation auf, in der manche Menschen stecken: es geht um die Dienstleister. Menschen, die saubermachen, Essen ausliefern, an Kassen sitzen und dennoch finanziell kaum über die Runden kommen, und die, die mit ihrem „Bescheid“ mit großer Scham zur Tafel gehen müssen, um zu überleben.

„siehst du den Speckgürtel
und Ghettos um die Städte
Abriegelsystem humanus ich gehör
der Kaste Allerletzter an“

Die Lyrikerin schickt das Lyrische Ich zu Besuch zur Schwester, die zuhause schwer alleine zurecht kommt, die aber auch nicht in die Werkstatt für Menschen mit Behinderungen gehen kann, weil sie geschlossen wurde. Auch ein Familienausflug wird ganz stark verdichtet: ein Besuch des Flughafens, die ungestillte Sehnsucht auf der Zuschauerterasse, weil es für eine Ferienreise im Flieger eben nicht reicht (welches ich allzu gut kenne) oder es gar nicht möglich war, überall hinzufliegen in der DDR.

Am Schluss schließt sich der Kreis. Nach Zeugung, Geburt, Lebenszeit folgt das Sterben, der Tod. Das Stirb und Werde, das niemals aufhört, für jeden Einzelnen allerdings immer das Schönste und das Schlimmste bedeutet.

„muss ich denn Abschied nehmen Welt von deinen süßen
salzgen Wassern grünen Hügelketten
ich habe dich von oben wie ein
Raumfahrer gesehen
du bist so zart und voller Grab“

In den Gedichten gibt es keine Interpunktion, was aber nicht stört, denn die Verse gliedern sich durch ihren Rhythmus. Wie im vorigen Band Biestmilch sind die meisten in der Wir-Form geschrieben. Etwas, was mir besonders auffällt, weil es, wie ich finde in aktuellen Gedichten selten zu finden ist. Dabei hat diese Form den Vorteil, dass man sich mit der Dichterin verbunden fühlt und näher dran ist am Erleben. Und tatsächlich erinnern mich manche Gedichte in Ton und Wortwahl an die Gedichte von Christine Lavant. Und, liebe Kerstin, über das wunderbare kaum mehr gehörte Wort „lavede“ freue ich mich besonders. Ein Leuchten!

Schwarz/Weiß-Fotos ergänzen die Gedichte, grenzen die einzelnen Kapitel voneinander ab. Auch äußerlich ist der Gedichtband schön gestaltet. Er erschien im Verlag Edition Azur bei Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

„Eine der Lyrikempfehlungen der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung 2022“

Robert Macfarlane/Jackie Morris: Die verlorenen Zaubersprüche Matthes & Seitz Verlag

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Nach „Die verlorenen Wörter“ erschien nun von Robert Macfarlane und illustriert von Jackie Morris der neue Band „Die verlorenen Zaubersprüche“. Diesmal ist es kein großer Band wie der letzte, sondern ein kleines Bändchen, nicht minder schön in Halbleinen und zwar in der Reihe Naturkunden. Wieder wurden die Texte gekonnt aus dem Englischen übertragen von der Übersetzerin Daniela Seel. Den vorigen Band habe ich bereits im letzten Jahr hier vorgestellt.

Bereits der Einband ist ein Augenschmaus. Beim Aufklappen schwärmen verschiedene Falter übers Vorsatzblatt. Wie bei einem Tagebuch darf man eingangs seinen Namen eintragen und die Empfehlung im Vorspann weist darauf hin, dass die Zaubersprüche gerne laut gelesen und gesprochen werden dürfen. Es ist dann wirklich ein kindliches Vergnügen dieser Anleitung zu folgen.

Jackie Morris hat wieder wunderschöne Naturbilder gezaubert. Robert Macfarlanes Verse sind erfindungsreich und poetisch ins Deutsche übertragen von der Lyrikerin Daniela Seel. Im einführenden Text steht:

„Verlust bestimmt die Melodie unserer Epoche, sie ist kaum zu überhören und schwer auszuhalten. Lebewesen, Orte und Wörter verschwinden, Tag für Tag, Jahr um Jahr. Aber in dunklen Zeiten wurde immer gesungen – und Staunen braucht es heute mehr denn je.“

Wir begegnen dem Rotfuchs, der uns Fragen stellt, einer großen Vielzahl von Motten. Das Gänseblümchen wird uns in einem Akrostichon vorgestellt. Längerer Verse bedarf es für die Dohle, den Mauersegler, die Eiche. Der Buntspecht ist in ein Gespräch mit dem Dachs vertieft. Beide liefern sich Stichworte, die Rap-Texten ähneln. Es gibt Kapitel über Eichelhäher, Ginster, Stieglitz, Schneehase, Schleiereule, Kernholz, Brachvogel, Reiher, Kegelrobbe, Tölpel, Grasnelke, Buche und Schwalbe. Bei vielen der Gedichte ergeben die Buchstaben der Zeilenanfänge den Namen des Tiers, der Pflanze. Die Sprache ist teilweise sehr verspielt manchmal leicht versponnen, aber eben auch oft dynamisch und lebendig auf der Höhe der Zeit.

„Entlang Riedgras, über Marschen
– schh 
Und horchst auch du einmal
    mit Eulenohren?
Lässt das Wispern wilder Welt dich
Einbestellen?“

Am schönsten finde ich das letzte Kapitel. Hier geht es um die Weißbirke, die ich ohnehin liebe. Wenn sich ihre Rinde vom Baum löst, scheint es als würde sie direkt ein Blatt Papier zum schreiben verschenken. Und ihre Augen wirken oft sehr menschlich.  Dieses etwas längere Kapitel ist untertitelt mit ein Wiegenlied. Es spendet besonders viel Licht. Die Birke, Silberseherin, begleitet mit ihrem Gesang den Fuchs durch den dunklen, gefährlichen Wald und beschützt ihn sicher in seinem Schlaf im Fuchsbau „bis die Sonne wiederkehrt“.

Am Schluss erwartet uns noch ein ausführliches Glossar der vielen Tierarten unserer Regionen und die Anregung mit dem Buch hinauszugehen und all die Lebewesen zu finden und die Natur vielleicht etwas besser zu verstehen. Die Eule bewahrt den Schlüssel dazu.
Ein Buch, das sich als Weihnachtsgeschenk hervorragend eignet, und gerade auch für die kommenden Raunächte. Verzaubertes Leuchten!

Der notizbuchkleine Band ist in blauem Halbleinen gebunden, am oberen Buchblock gelbfarben, mit Lesebändchen, fadengeheftet, auf hochwertigem Papier gedruckt, welches die Illustrationen leuchten lässt. Mehr über dieses Buch und die Reihe Naturkunden gibt es hier. Er erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Levin Westermann: Farbe Komma Dunkel Matthes & Seitz Verlag

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„und was mich rettet sind die bücher
ist die sprache und ihr klang

Bereits mit seinen letzten beiden Lyrikbänden „3511 Zwetajewa“ und bezüglich der schatten“ hat mich Levin Westermann verzaubert. Ihm gelingt es, mich vollkommen aus der Außenwelt abzuziehen und dennoch in seiner Sprache wieder darin aufzutauchen. Aber anders. Und woanders. Es ist ein Raum, in dem ich die Welt anders sehe und mich selbst verändere. Solch eine Lektüre ist ein unglaubliches Glück und ich kann es jedes Mal wieder kaum fassen, dass es diesen Raum der Sprache gibt, der offenbar mit meinem schwingen kann. Selten passiert solches mit Gedichten und umso kostbarer sind sie mir dann.

In „Farbe Komma Dunkel“ glaube ich gleich eingangs den Text zu erkennen, den Westermann beim Bachmannpreis-Wettlesen im letzten Jahr vorgelesen hat. Doch es ist nicht ganz der gleiche, er ist leicht verändert, verschoben, manche Zeilen und um viele Verse ergänzt zum Langgedicht. Das Gedicht lebt von seinen Wiederholungen, lebt vom Rhythmus und wird immer besser, je länger man liest und je häufiger sich Zeilen wiederholen, immer dann, wenn man sie gerade über den neuen wieder vergessen hatte. Es ist eine Art Litanei, könnte Mantra, könnte Gebet sein; und es sollte laut gelesen werden. Dann entspinnt sich der Zauberfaden an dem sich alles entlang schlängelt. Alles ist klein geschrieben, ohne Absätze, 100 Seiten lang. Ich habe sie an einem Stück gelesen, weil es nicht aufhören sollte.

„alles wiederholt sich
alles wiederholt sich
tag für tag
fortwährend läuft dasselbe band
ein hörbild namens leben“

Westermann schreibt über ein Lyrisches Ich, welches sich in einer bestimmten tagein tagaus fortsetzenden Langeweile befindet. Ein Ich, welches seine Tage in einem Haus auf dem Land in der französischen Bresse verbringt. Am Laufen wird es gehindert von einer Verletzung oder OP der Hüfte. Durch eine gewisse körperliche Bewegungseinschränkung, dehnt sich das Geistige, der Verstand umso weiter aus. Es ist Zeit für: Hühner füttern, Schafe fragen, Kaffee kochen „und dann geht die sonne wieder unter und dann geht die sonne wieder auf“So vergeht die Zeit und wir dürfen teilhaben am Bewusstseinsstrom des Ichs. Es ist ein Ich, das grübelt, nachdenkt, liest, schreibt, Post erwartet. Oft verzweifelt, voller Sehnsucht und Melancholie. Mit kleinsten Freuden dazwischen (wie z.B. ein Igel). Es ist ein stetes Hinterfragen. Und es beschreibt für mich auch den Prozeß des Schreibens an sich.

Tiere tauchen immer wieder auf, einzeln oder im sogenannten Kollektiv (Rehe, Frösche, Schafe). Erinnerung an Reisen, an Orte tauchen auf. Paris, New York. Hitze und Kälte. Durch das tägliche Zeitunglesen bricht die Außenwelt in die Abgeschiedenheit des Landlebens. Die Bedrohung. Ein US-Präsident. Der Amazonas brennt und dann Kalifornien. Rehe werden nicht etwa getötet, sondern vom Jäger dem Wald entnommen. Nerze werden gekeult, nicht getötet. So ist Sprache. Geschönte, unehrliche Sprache zum Wohl der Menschen. Und das Ich leidet darunter. Doch die Natur kommt zurück, die Nerze kommen wieder an die Oberfläche, die toten Nerze. Das Ich leidet unter der Welt, leidet am Dasein, am Schmerz, an der Leere. Somit zeigt sich Westermanns Lyrik nicht nur ichbezogen, sondern auch gesellschaftskritisch.

„und ich schaue in die zeitung
und ich lese diesen satz
ich lese diesen einen lauten satz
unsere gehirne sind nicht dafür gemacht
über die sterblichkeit zu grübeln
und ich starre auf die wörter
und ich denke: so ein quatsch
ich denke: großer quatsch
denn ich sitze und ich grüble
ich sitze und ich grüble
tag für tag
das ende in gedanken
tag für tag“

Da sind dann die erhabenen Momente, wenn auf dem Friedhof Montparnasse Gott erscheint, in Form eines Habichts. Oder wenn die Lektüre von Ilse Aichinger, Sylvia Plath, Louise Glück, Cioran und Rilkes „Panther“, das ausspricht, was zählt und berührt.

„und ich denke an ein buch
von Cioran
wo dieser schreibt
der wahnsinn
ist vielleicht nichts anderes
als ein kummer
der keine entwicklung mehr erlebt“

Manch einer mag vielleicht die ständigen Wiederholungen oder das andauernde „und dann …“ kritisieren, dass auch schon beim Bachmannpreis Thema war. Für mich ist es allerdings genau die richtige Verbindungsform, denn nichts anderes ist das Geschehen in der Welt, als ein andauerndes Weiter und Weiter. Ein unglaublich „echtes“ Buch. Ein Leuchten!

Der Lyrikband erschien im Matthes & Seitz Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Nastassja Martin: An das Wilde glauben Matthes & Seitz

„Das Ereignis an diesem 25. August 2015 ist nicht: Irgendwo in den Bergen von Kamtschatka greift ein Bär eine französische Anthropologin an. Das Ereignis ist: Ein Bär und eine Frau begegnen sich und die Grenzen zwischen den Welten implodieren.“

In diesen zwei Sätzen lässt sich dieses großartige Buch zusammen fassen. Es hat mich nachhaltig beeindruckt und im Kern berührt. Zudem war es als Anschlusslektüre an Katja Kettus Roman „Die Unbezwingbare“wunderbar passend, um in eine weitere Welt einzutauchen, in der die Natur noch die Hauptrolle spielt und die Bewohner noch eine echte Verbindung zum (Über-)Natürlichen haben. Da es überwiegend auf der russischen Halbinsel Kamtschatka spielt, passt es auch zu einem kürzlich besprochenen Titel: Julia Philips „Das Verschwinden der Erde“

Die 1986 in Grenoble geborene Nastassja Martin ist Anthropologin. Es zieht sie aus den Französischen Alpen in die Ferne und die Weite. Unter anderem nach Alaska, wo sie sich mit der indigenen Kultur beschäftigt. Sie hat ein Buch über die Inuit geschrieben. Und nach einem langen Aufenthalt auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, wo sie teils mit nomadierenden Indigenen in Gemeinschaft, ja bald auch in Freundschaft lebte, schrieb sie „An das Wilde glauben“. Allein dieser Titel! Und dieses Coverbild! Mit dem Bär Auge in Auge. Als Leser glücklicherweise nur mit dem Cover-Bär.

Doch Nastassja begegnete einem lebendigen Bären, als sie sich beim Abstieg von einem der Vulkane befand, nach schwieriger Tour und alleine. Der Bär biss ihr ins Gesicht, sie konnte ihn mit einem Eispickel in die Flucht schlagen. Kollegen konnten Hilfe anfordern, sie kommt in die Lagerkrankenstation, dann in eine Klinik nach Petropawlowsk, wo sie operiert und stabilisiert wird, um schließlich nach Frankreich zur weiteren Behandlung überführt zu werden. Sie landet in Paris in der Salpetriere und hat monatelang zu kämpfen, um nach neuen Operationen und Behandlungen einigermaßen heil zu werden. Doch das ist nur der Körper. Die Psyche geht ganz andere Wege. (Hier erinnert mich ihr Bericht auch an das sehr empfehlenswerte Buch „Der Fetzen“ von Philippe Lançon, der ähnliche Krankenhausbehandlungen in Paris schildert, allerdings durch den Anschlag auf Charlie Hebdo von Terroristen verursacht). 

„Ich bin nicht gestorben, ich bin geboren worden, sage ich auch ihm, wie meiner Mutter, wie meinem Bruder, die mir alle jaja antworten und hoffen, dass ich bald wieder zu Verstand komme und diese Geschichten von vermischten Seelen und animischen Träumen vergesse.“

Nastassja beschließt, um den Biss des Bären und ihr Überleben besser verstehen zu können, erneut nach Kamtschatka zu fliegen. Verwandte und Freunde können das nicht nachvollziehen. Doch bereits kurz nach den Geschehnissen erklärte ihr ihr indigener Freund Iwan, dass sie nun vom Bären „berührt“ sei und sie somit selbst zur Bärin, zur miedka, geworden sei, halb Tier halb Mensch. Denn dass ein Mensch den Angriff eines Bären überlebt, gleicht einem Wunder. Dort angekommen begibt sie sich in die Natur um dort Stille zu finden und sich ihren Fragen zu widmen. Und sie wird dort herzlich aufgenommen.

„Menschen wie Darja wissen, dass sie nicht die Einzigen sind, die im Wald leben, fühlen, denken, hören, und dass um sie herum andere Kräfte am Werk sind. Es gibt hier ein Wollen außerhalb der Menschen, eine Intention jenseits des Menschlichen.“

Durch Gespräche, ein Sich einlassen und durch symbolhafte Träume ergibt sich für Nastassja ein gewisses Einverstandensein mit dem, was ihr widerfahren ist. In der Reflektion scheint es ihr sogar so, dass sie sich bewusst dieser Gefahr ausgesetzt hat, weil sie etwas hinzog. Eine unbegreifliche Kraft, die vom Bären ausging und die sie der ihren gleich empfand …

„Ich habe meinen Platz verloren, ich suche ein Dazwischen. Einen Ort, um mich wiederherzustellen. Dieser Rückzug soll der Seele helfen, sich zu erholen. Denn man wird sie ja doch bauen müssen, diese Brücken und Tore zwischen den Welten; und aufgeben wird nie zu meinem inneren Wortschatz gehören.“

Ihre Wahlfamilie lädt Nastassja ein zu bleiben. Sie gehöre jetzt zu ihnen, sagen sie: „Du bist das Geschenk, das die Bären uns gemacht haben, in dem sie dich am Leben gelassen haben.“ Doch spürt sie auch den Respekt und die Ehrfurcht, vielleicht sogar Furcht, die manche ihr gegenüber empfinden. Nastassja geht dennoch, sie geht um darüber zu schreiben und um weiterhin Anthropologin zu sein.

Was mich an diesem Buch so fasziniert, ist schwer zu beschreiben. Es gleicht einem Verstehen, einem Hineinfühlen, einem ähnlichen Verständnis von der archaischen Natur der Tiere und Menschen. Martin hat ihre Erlebnisse in eine Sprache übersetzt, die von großer Übereinstimmung von Natürlichkeit und Intellekt zeugt. Wildes Leuchten!

Das Buch erschien im Matthes & Seitz Verlag. Übersetzt hat es Claudia Kalscheuer. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Katja Kettu: Die Unbezwingbare Ecco Verlag

Katja Kettus Roman ist einer von mehreren Romanen, die ich in letzter Zeit las, die sich mit dem Thema der Ausgrenzung indigener Völker beschäftigen und sich speziell auch dem Missbrauch von und Gewalt gegen Mädchen und Frauen widmen. Da gab es im letzten Jahr zum Buchmesse Thema Kanada schon den Roman „Klee Wyck“ von Emily Carr, jetzt neu den Roman „Gestapelte Frauen“ von Patricia Melo, dessen Handlung im brasilianischen Amazonasgebiet spielt und Julia Phillips Roman „Das Verschwinden der Erde“, der auf der russischen Halbinsel Kamtschatka spielt.

„meine Mutter verwandelte sich in einen Wolf, und das ist die Wahrheit.“

Katja Kettus Roman führt in die USA und dort in das Reservat Font du Lac in Minnesota. Sie verbindet darin das Leben des indigenen Stammes der Ojibwe mit dem einer Gruppe ausgewanderter Finnen. Die 20 Kapitel, die jeweils mit indianischen Überschriften beginnen, spielen teils 1973 teils 2018. Sie sind jeweils Briefen nachempfunden, die direkt ein „Du“ ansprechen. Kattja Kettu hat im Vorfeld des Romans viel recherchiert und auch längere Zeit in finnisch/indianischen Gemeinschaften verbracht. Dabei wollte sie auch die Geschichte ihrer eigenen Vorfahren erforschen.

Es beginnt mit der Reise von Lempi, Tochter des Finnen Ettu und der Ochibwe Rose Feathers, in das Reservat, in dem sie ihre Kindheit verbrachte bis sie nach dem Verschwinden ihrer Mutter als 8-jährige ins Internat in die Stadt gebracht wurde. Mittlerweile sind 45 Jahre vergangen und man beschuldigt den kranken Ettu, ein Mädchen versteckt zu halten. Bei der Begegnung mit dem Vater, aber auch mit einem Mann, dem Indigenen Jim Graupelz, mit dem sie damals viel verband, kommen Erinnerungen hoch und Lempi erhält Briefe, die einst die Mutter vor ihrem Verschwinden an sie schrieb. Darin geht es immer wieder auch um die Suche der Mutter nach verschwundenen Mädchen und ihre Aktivität in der Indianerbewegung. Lempi begegnet ihrer stolzen indianischen Großmutter Patti, sie nimmt an einem Pow Wow teil, einem Fest mit rituellen Tänzen und sie trifft immer wieder auf den verheirateten Jim Graupelz, zu dem es sie sehr hinzieht. Ihm sind auch die Briefe gewidmet, aus denen wir die Geschichte erfahren.

Von Lempi selbst erfährt man immer nur Fragmente, die darauf hindeuten, dass sie als Kind im Internat durch Zwang und Gewalt dazu gebracht wurde ihre Sprache und Kultur aufzugeben. Und auch, dass sie sich in der Stadt und in der Welt der „Weißen“ immer unwohler fühlt. Sie entdeckt bei diesem Besuch ihre Wurzeln, Mutter und Großmutter waren Heilerinnen mit großer Naturverbundenheit, und dröselt nach und nach die Geheimnisse dieses seltsamen Ortes und ihrer eigenen Familie auf. Es geht um Gewalt und um Missbrauch. Am Ende beschließt Lempi alias Kleine Tatze wieder abzureisen; ob sie es dann wirklich tut oder ob sie es sich anders überlegt, bleibt unserer Phantasie überlassen, wie überhaupt sehr viel in diesem Roman zwischen den Zeilen zu finden ist.

„Es war Frühling, als in mir das Blut erblühte und Mutter mich zum Lauf des Baches führte, noch hinter die Stelle, wo der achtfüßige Wasserfall die Wasser der Widjiw-Berge auch bei der größten Hitze hinabstürzen lässt und wo die grünhaarigen alten Steine im Strom der Zeit meditieren. Ich weiß noch, dass es nach dem Spätwinter endlich warm geworden war, die Birken hatten grüne Mäuseöhrchen, aber aus den Schatten der Moosbülten starrten noch traurige Augen.“

Das ganz Besondere an diesem Roman ist die Atmosphäre, in dem er spielt und die durch die außergewöhnliche Sprache starke Bilder erzeugt. So verwendet Kettu Worte wie „baumnadelknisternder Zorn“, „die knotige Faust eines Gewitters“, „wurmige Welt“ oder „rundknollige Jahre“. Das funktioniert im Kontext der Geschichte ganz wunderbar. Der Roman lebt von mystischen Geschehnissen, von unausgesprochenen Wahrheiten und in aller Düsternis, die natürlich durch Lempis Nachforschungen zum Vorschein kommt, von einer unverstellten direkten Poesie, wie ich sie sonst oft nur aus Gedichten kenne. Ein Leuchten!

„Die Unbezwingbare“ erschien im neuen Ecco Verlag, der nur Bücher von Autorinnen verlegt. Die große Übersetzungsleistung kommt von Angela Plöger. Gewünscht hätte ich mir ein Glossar, dass die vielen indianischen Begriffe erklärt. Ein Vorwort und ein Interview mit der Autorin auf der Verlagsseite sind aufschlussreich.

Weitere begeisterte Besprechungen gibt es auf den Blogs Letteratura und BooksterHRO.

Ingrid Mylo: Überall, wo wir Schatten warfen Edition Azur

Es gibt Gedichte, die docken sofort bei mir an, die schwingen sofort, sind mit meinem System sofort im Einklang. Ingrid Mylos Gedichtband „Überall, wo wir Schatten warfen“ enthält solche Gedichte. Alle gefallen mir. Dabei sind es keine hoch verrätselten oder poetologisch aufwendig zu deutende Texte, sondern mit geübter und dabei dennoch spielerischer Hand geschriebene. Es sind Gedichte, die von der Natur erzählen, vor allem auch von der menschlichen und die ernst und still und fein Tiefen ausloten, die ich sehr mag.

"Schon damals,
Schatten und Schmerz.
Und die Schärfe,
die sich verliert mit
den Metern, mit den Minuten.
Dort, wo die Grenze des Dunklen
Aufruhr wird, Vegetation,
lässt sich vergessen, woher
die Traurigkeit rührt."

Mylo erzählt dabei von ihrem Schreiben und vom Erinnern an Menschen, an Erlebnisse. Sie schildert Momente des Innehaltens, kleine Sensationen. Sie zeichnet die Liebe. Sie reflektiert Situationen und betrachtet sie neu im Schreiben. Sie benutzt dabei Farben, grün, rot, blau und auch gelbe Tulpen. Mit Farbsignalen beleuchtet sie ihre Verse und setzt sie in die jeweilige Atmosphäre hinein. Und lässt uns Leser die eigene (innere) Stimmung dabei finden. Schatten sind immer dabei.

"Bleistiftspuren

Ein Flüstern, verstohlen, ein
graues Scharren, das Finten
nach sich zieht und gute
Gründe, wachsende Strophen
wie Kapriolen von Insekten:
die Irrtümer sind sanft, und
die Wahrheiten schlagen
sich nieder wie grüner Regen.
Im Schatten. Im
Schatten stöbern wir die
Freuden von früher auf."

Eine Art Melancholie durchzieht die Zeilen, wie ich sie selbst gut kenne. Hier geht es ums Älterwerden, ums Zurücklassen, um den geweiteten Blick auf das bisher gelebte, mehr als „die Hälfte des Lebens“. Die Verluste, die es bereits zu Beklagen gibt. Die Toten. Was wohl noch kommt? Was wohl immer bleibt? Spürbar ist jedoch auch eine weise Gelassenheit, die von Resignation weit entfernt ist.

"Oktobernacht

Was bleibt, wenn die Freunde
gegangen sind,
die Himmel leerstehen,
die Rätsel heruntergekürzt
auf zwei bloße Ziffern.
Eine Kinderschürze
voller zusammengeraffter Wörter,
ein aufgeschreckter Blick,
unter dem sich der Sand
schneller häuft, als
Gefühle Schatten werfen.
Nichts mehr zu sagen."

Mylo erinnert sich auch an Reisen, an Orte, der besonderen Bedeutung, London, die Provence. Hier ahnt man teilweise nur, welche Erlebnisse sich in Erinnerungen entfalten. Spürbar und sinnlich entdecke ich hier erneut Südfrankreich, wie ich es selbst vor vielen Jahren erlebte.

"Carpentras, Cavaillon, am Kanal entlang,
Kurven und Wald, Cotignac.
Elf dem Abhang abgetrotzte Terassen,
Oliven, Steinschichten, Wind,
die Verschiebung der Pflichten:
man hat, wenn sie auf dem eigenen Land wachsen,
auch für die Feigenbäume Sorge zu tragen, selbst
wenn man die Früchte nicht mag."

Die 1955 geborene vielseitige Ingrid Mylo hat nach vielen anderen Texten, Rezensionen, Regiearbeiten, Essays und Kolumnen nun einen Gedichtband verfasst. Welch ein Glück! Für mich ist dieses Buch ein Schatz geworden, in den ich immer wieder ein- und untertauche. Große Empfehlung! Helles Leuchten!

Das Buch erschien in der Edition Azur im Hause von Voland & Quist. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Julia Phillips: Das Verschwinden der Erde dtv Verlag

Ein ausführlicher Beitrag in der ZEIT Anfang des Jahres machte mich neugierig auf dieses Buch. Die Amerikanerin Julia Phillips hat mit ihrem Debütroman, an dem sie zehn Jahre lang arbeitete, wirklich ein für mich besonderes Buch geschrieben. Es ließ mich eintauchen in eine vollkommen fremdartige Welt, der Halbinsel Kamtschatka, die früher zur Sowjetunion gehörte, obwohl die Hauptstadt Moskau sehr weit weg liegt.

Der Roman spielt allerdings nach der politischen Wende und zeigt auf, wie groß die Entfernung in den Rest der Welt auch heute noch ist. Das liegt vor allem auch an der geographischen Lage. Die Hauptstadt ist nur mit dem Flugzeug erreichbar. Straßen gibt es wenige, vor allem im Norden. Ein Großteil der Insel besteht aus einem Naturpark. Dass es auch hier in dieser abgeschiedenen Gegend um Ausgrenzung gehen kann, war mir nicht bewusst. Aber in Kamtschatka leben viele Menschen, die von Ihren Rentierherden leben, nomadische Indigene. Die „Weißen“ leben überwiegend in der Stadt. Von den Bewohnern wird die Halbinsel in Nord und Süd, in Stadt und Land eingeteilt. Es gibt Tanz- und Kulturfeste, organisiert von Indigenen, um die Kultur zu bewahren.

Ihre Großeltern waren stolz darauf gewesen, dass man die Ureinwohner der Halbinsel vereinigt hatte, sowjetisiert, indem man ihre Ländereien verstaatlicht, die Erwachsenen in Arbeitskollektive gesteckt und den Kindern in staatlichen Internaten die marxistisch-leninistische Ideologie eingetrichtert hatte.“

In der Stadt Petropawlowsk-Kamtschatski verschwinden zwei russische Mädchen, neun- und elfjährig. Das erste Kapitel erzählt davon. In den weiteren Kapiteln, die ab dem Monat des Verschwindens ein Jahr umspannen, erzählt die Autorin zunächst scheinbar zusammenhanglos von einzelnen Menschen die in der Stadt oder im nördlich gelegenen Ort Esso leben. Später finden sich einzelne Fäden zu einem roten Faden zusammen.

Die einzelnen Personen sind letztlich alle Hauptfiguren, was ich sehr gelungen finde. Phillips schildert sie sehr anschaulich und genau. Gerne würde ich mehr über jede einzelne erfahren, doch im nächsten Kapitel tauchen neue Personen auf. Großes Ziel für die meisten Protagonisten scheint es, zu studieren und die Halbinsel zu verlassen, nach St. Petersburg oder Moskau oder gar nach Europa zu gehen. Doch die meisten schaffen es nicht, heiraten, gründen Familien, studieren vielleicht, aber bleiben doch in einem der wenigen möglichen Jobs in der Gegend hängen. Auffallend ist es, wie wenig emanzipiert die Frauen in diesem Teil der Welt wirken. Die Männer haben das sagen, verhalten sich teils sexistisch und fühlen sich wohl in ihrem Machogehabe. Trotzdem finden sich zwischendrin immer wieder Frauenfiguren, die aus der Rolle ausbrechen.

„In Sankt Petersburg sahen die Männer vielleicht anders aus. Künstlerischer. Doch einsame Typen aus dem Norden wie Jegor, der viel zu schnell trank, der Mädchen einen Gefallen tat und sich acht Stunden ins Auto setzte, um auf eine Party zu gehen, fand man nur hier auf Kamtschatka.“

Auch in Esso wurde ein Mädchen vermisst, eine Indigene. Die Polizei scheint mehr Zeit und Energie in die Suche nach den beiden weißen Mädchen zu investieren. Lilja, die vermisste aus Esso wird als leichtfertiges Mädchen dargestellt, die eben vielleicht nur abgehauen ist. Doch obwohl das unbemerkte Verlassen der Insel wohl nicht so einfach ist, werden alle drei Mädchen nicht gefunden, nicht tot, nicht lebend.

Erst im vorletzten Kapitel kommt die Mutter der zwei Mädchen zu Wort. Sie leidet nach fast einem Jahr Trauer und immer neuer Hoffnung an Angstattacken mit Atemnot. Ihre Arbeit als Journalistin behält sie bei. Als sie über ein Kulturfest der Indigenen im Norden berichten soll, erfährt sie auch von der verschwundenen Lilja und sie erhält von unerwarteter Seite Hilfe, die womöglich zu einem Täter und einer Aufklärung führen könnte …

Phillips ist ein sehr gut konstruierter Roman gelungen, der mich neugierig auf diese Gegend mit ihren Vulkanen, heißen Quellen, Bären und Lachsen mit einer atemberaubenden Natur gemacht hat. Wobei manche Metaphern für mich sprachlich nicht gelungen wirkten, was vielleicht aber auch an der Übersetzung liegen könnte. Dennoch bleibt: Ein Leuchten!

Julia Phillips hat ihren Roman mit einer Personenliste und mit einer Karte von Kamtschatka ausgestattet, was sehr hilfreich für mich war. Der Roman erschien im dtv Verlag. Die Übersetzer sind Pociao und Roberto de Hollanda. Eine Leseprobe gibt es hier.

Fotos: pixabay/wikimedia commons

Tarjei Vesaas: Die Vögel Guggolz Verlag

Nach „Das Eis-Schloß“ folgt nun in neuer Übersetzung aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkels „Die Vögel“ des norwegischen Autors Tarjei Vesaas. Vesaas (1897-1970) ist einer der bekanntesten norwegischen Schriftsteller. An Vesaas orientierten sich etwa auch Jon Fosse und Tomas Espedal. „Das Eis-Schloß“ war ein solch zartes poetisches Buch, dass ich mich sehr auf den neuen Band freute. Ebenso wie das Eis-Schloß ist er auch äußerlich eine Schönheit.

Die Geschichte hat eine Stimmung, die schwer (in Worte) zu fassen ist. Genau genommen habe ich sie eher gefühlt, als mit dem Verstand erfasst. Sie ist wie aus der Welt und wie aus der Zeit gefallen. Sehr wohltuend dieses Buch gerade jetzt zu lesen, einzutauchen in diesen Kosmos, der einem als Großstadtbewohner so fremd geworden ist und doch Sehnsuchtsort ist. Die Natur spielt eine tragende Rolle. Der eigentliche Held Mattis eine tragische. Der Roman verzaubert trotz oder gerade wegen seiner Schlichtheit, die oft märchenhaft anmutet. Er erzeugt deutliche Bilder und Szenarien, durch die man nah an seinen Figuren ist. Eine große Traurigkeit durchzieht den gesamten Text, spürt man doch selbst die Einsamkeit des Helden.

„Da hatte er wieder so ein Wort angebracht, das leuchtend und verlockend vor ihm stand. Irgendwo warteten noch mehr so schafkantige Wörter. Die waren nicht für ihn, aber manchmal benutzte er sie heimlich doch, sie fühlten sich gut an auf der Zunge und kribbelten im Kopf. Ein bisschen gefährlich waren sie alle.“

Mattis lebt mit seiner Schwester Hege, beide sind um die vierzig, in einem kleinen Haus am See irgendwo in Norwegen. Hege sorgt durch Stricken für beider Lebensunterhalt. Mattis hat nie gearbeitet, weil er nicht der Hellste ist, weil ihn seine Gedanken, die eben langsamer sind als bei den anderen, überfordern und er selbst für grobe Arbeit nicht geeignet ist. Im Dorf nennen alle ihn den „Dussel“. Mir ist aus meiner Kindheit noch das Wort Dorftrottel im Kopf. Seit dem Tod der Eltern sorgt Hege für beide. Doch glücklich ist sie mit diesem Leben nicht. Immer wieder schickt sie Mattis los, um Arbeit zu finden, doch Mattis, der Träumer, wird meist wieder weggeschickt.

„Drei große Veränderungen. Heute früh waren sie wieder weg, etwas anderes brauchte er sich gar nicht erst einzubilden – ihm blieb nichts als die Erinnerung daran, sie erklang unter ihm, während er ging. Irgendwie, als ob er unabsichtlich auf einen Ton treten würde, in der Wiese, und dann stieg der Ton auf, zauberte und war wirklich und wahr.“

Eines Abends entdeckt er, dass der Balzflug einer Schnepfe, direkt übers Haus führt. Mattis ist zutiefst berührt von dieser Schönheit, ja es erscheint ihm wie eine Art spirituelles Erlebnis. Das er jedoch nicht mit Hege teilen kann, den Hege mit ihrer rationellen Art, versteht ihn nicht. Mattis findet im Wald Spuren der Schnepfe in einer Erdkuhle, die er als Sprache deutet, die nur er lesen kann und beginnt ein „Zwiegespräch“. Als die Schnepfe eines Tages von einem Jäger getötet wird, ist Mattis zutiefst erschüttert.

„Mattis verstummte, getroffen, konnte nicht so rasch alles von einer anderen Seite sehen. Jørgen hatte wahrscheinlich recht, obwohl. Er flatterte innerlich hilflos, wie er da stockstill saß. Die Welt war voller Übermacht, die plötzlich hereinbrach und einen wehrlos machte.“

Für ihn, den Sensiblen und Empfindsamen wird zum großen Erlebnis oder zur außerordentlichen Erschütterung, was für uns vielleicht nur ein alltägliches Geschehen ist. So empfindet er Stolz und Freude über zwei junge Mädchen, die am See Urlaub machen, ohne Vorurteile mit ihm plaudern und sich von ihm zum Steg rudern lassen. Alle sollen das sehen, dass er, der „Dussel“ in Begleitung von zwei hübschen Mädchen ist.

Als rudernder Fährmann will er dann in Zukunft auch arbeiten. Hege ist froh, dass er eine Aufgabe gefunden hat. Doch niemand will über den See. Bis auf den Holzfäller Jørgen, der dann auch im Haus von Hege und Mattis Unterkunft findet. Für Mattis wird diese Fahrt, die ihn zunächst in seinem Tun bestätigt schließlich schicksalsentscheidend, denn Jørgen und Hege verlieben sich und da ist Mattis plötzlich nicht mehr das wichtigste in Heges Leben, nun ist er das dritte Rad am Wagen …

Dass die Geschichte tragisch enden wird, ahnt man schon am Anfang. Während des Lesen jedoch komme ich dem Helden sehr nah und kann, ja, sogar das, mich in ihn einfühlen. Seine Gedankenwelt, oft kindlich und überwältigend, ist womöglich eine weitaus größere, als die der vermeintlich „Normalen“. Die vielfältigen Schichten und Dimensionen dieses Romans entfalten sich teils erst nach der Lektüre; das wird mir beim Schreiben darüber sehr bewusst. Langsames Leuchten!

Die Geschichte hat Vesaas in der Schriftsprache Nynorsk verfasst und sie wurde sehr sicher und treffend von Hinrich Schmidt-Henkels übersetzt. Interessant ist auch das Nachwort von Judith Hermann. Der Roman erschien im Guggolz Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

 

 

 

 

Daniela Danz: Wildniß Wallstein Verlag

Dass ich die Lyrikerin Daniela Danz erst jetzt entdecke, wundert mich. Denn sie ist eine Autorin, deren Lyrik von Essentiellem und Existenziellem geprägt ist, die kein Blatt vor den Mund nimmt, wenn es um Missstände geht, die still und zugleich stark wirksam ist und in die Tiefe geht. Die Gedichte in „Wildniß“ haben mich fast durchweg begeistert. Berührt, gepackt und inspiriert für mein eigenes Dichten.

„KOMM WILDNIS IN UNSERE HÄUSER
zerbrich die Fenster komm
mit deinen Wurzeln und Würmern
überwuchere unsere Wünsche
Mülltrennungssysteme Prothesen
und Zahlungsverpflichtungen“

Daniela Danz erhielt für Teile des Manuskripts den Deutschen Preis für Nature Writing. Tatsächlich handeln die meisten ihrer Gedichte in diesem Band von der Natur. Doch ist die Natur bei ihr nicht getrennt vom Mensch und seiner Lebenswelt. Dringt im Gegenteil die Natur oft immer wieder in die menschgemachte Kulturlandschaft ein und umschlingt sie und verwächst erneut mit ihr. Gleich in den ersten drei Gedichten, zeigt sich dies ganz deutlich. Sie beziehen sich auf einen Buchenurwald in den Karpaten.

„und die Langsamkeit die nutzlos an einer
stillgelegten Bahnstrecke überdauert hat
ein Murmeln kommt von den Rändern
erst leise dann mit Unmut gemischt
die Ränder verwackeln die schönen
Konturen der Zäune gegen das Abendrot
die Salzsäulen derer die sich umgesehen
haben: bizarre Denkmale am Horizont“

Besonders gelungen empfinde ich das Kapitel „Kaskaden“. Hier zeigt Danz bereits aufgrund der gewählten Form die Kaskadenhaftigkeit der Verse. Die Zeilen springen hinab, verbinden sich mit weiteren Zeilen, springen weiter hinab. Die Themen der einzelnen Kaskaden sind aussagekräftig. Einmal geht es ums Glück, dann um die Geschichte, mehrmals um die Arbeit, aber auch um Geheimnisse. Dabei bleiben die Gedichte sehr konkret. Sie erzählen uns beispielsweise von den harten Arbeitsbedingungen in einem Braunkohletagebau oder im Stahlwalzwerk.

Highlight ist für mich in seiner Schlichtheit und Litaneihaftigkeit das Gedicht „Mythos“ aus dem Kapitel Arkanum. Ich zitiere es hier ganz:

Mythos

Die Erzählungen der Ameisen auf ihren
Pheromongleisen die Erzählungen der Bienen in ihren
Schwänzeltänzen
die Erzählung der abgeknickten Zweige eines Wildwechsels
die Erzählung der entwurzelten der morschen
der von Kerfe durchfurchten Buchenstämme
die Erzählung der Wolken und des Lichts
die Erzählung der wandernden Schatten im Sand
die Erzählung des Nieselregens im Wasser
die Erzählung der Falten meiner Hand
der Tonlage meiner Stimme
die Erzählung des Blicks mit dem du die Welt betrachtest
die Erzählung der Welt ohne dass du sie anschaust
weiter und weiter erzählt sich die Welt
noch lange nachdem du und ich
und keiner den wir kannten
mehr zuhört

Im Kapitel „Wildnis der Rede“ kommen wir dem Individuum näher, welches in der Auseinandersetzung mit Steuerbescheiden, Umweltkatastrophen, Flüchtlingsschicksalen, dem System, der Politik, dem Bangen und dem Kampf um die Demokratie lebt. Wirklich noch lebt? Eine Frage, die den ganzen Band durchzieht. Wie wollen wir leben? Wie kann eine lebenswerte Zukunft gelingen?

Crash dieses Katastrophenkurses dem Zusammenbruch des Sys-
tems 
der allumfassenden Zerstörung die den Staat sprengt den Staat
der verfällt und geblendet stehen die Hörenden die die Abgabenlas-
 ten tragen die Zinslasten die Steuerlasten die der Belastung nicht
standhalten unter den Lasten leiden die Leidtragenden stehen der
Täuschung ausgesetzt geblendet im Rauch der Nebelkerzen …“

Und Danz beleuchtet in vier Gedichten dann auch noch den ebenfalls naturgemachten? menschgemachten? Virus, der uns Anfang des Jahres heimsuchte. Ich halte wenig von Coronagedichten, Coronatagebüchern und so sind es auch in meinen Augen Gedichte, die für den Band nicht notwendig sind, die eher ablenken. Dennoch sind sie womöglich besser als vieles, was es sonst so zu Corona zu lesen gibt.

Ich empfehle diesen Band der 1976 in Eisenach geborenen Dichterin sehr. Sie hat mich in ihrer souverän-sicheren Sprache und mit dem Klang der Kaskaden in ihre Welt gelockt. Ein Leuchten!

„Wildniß“ erschien im Wallstein Verlag. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Im folgenden Video liest Daniela Danz das erste Gedichte aus ihrem Buch:

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.