Stefan Hertmans: Der Aufgang Hörbuch Diogenes Verlag

„Alles war am Verfallen, als sich Ende der Sechzigerjahre im Zuge der Studentenrevolte die Boheme hier niederließ. Das Haus, vor dem ich nun stand, lag am nordöstlichen Rand des Viertels, in einer Straße namens Drongenhof, nicht weit von dort, wo die Leie träge und dunkel an den feuchten Häusern entlangfloss.“

Auf der SWR-Bestenliste diesen Sommers stand der Roman „Der Aufgang“ von Stefan Hertmans auf Platz 6. Der Autor wurde 1951 in Gent, Belgien geboren, wo auch seine Geschichte in großen Teilen spielt. Da mir die Hörprobe gefiel, ließ ich mir das Buch vorlesen, ungekürzt von Michael A. Grimm.

Hertmans kauft als junger Mann für wenig Geld ein heruntergekommenes Haus in Gent, ganz unüberlegt, intuitiv, lässt es herrichten und bewohnt es sehr lange. Erst als er es bereits viel später wieder verkauft hat, erfährt er, dass in seinem Haus der SS-Mann Willlem Verhulst mit seiner Familie wohnte. Obwohl der Notar bei der Besichtigung etwas andeutete, wird Hertmans erst dann klar, welche Geschichte dieses Haus mit sich trägt …

„Nun gut, dachte ich, dann werde ich eben nicht die Geschichte eines SS-Mannes erzählen; solche Geschichten gibt es ohnehin zuhauf. Ich werde die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählen. Allerdings dauerte es Jahre, bis ich das Material für die nun folgende Geschichte zusammen hatte. Einige Augenzeugen leben noch, sie sind hochbetagt und haben mir ihre Erinnerungen, soweit das möglich war, in vielen Einzelheiten geschildert. Erst später, nachdem ich alles mühsam durchgearbeitet hatte, wurde mir klar, dass der sonst so gewissenhafte Historiker Adriaan Verhulst niemals Einsicht in die Gerichtsakten genommen hatte, in denen die ganze Wahrheit stand. Er hätte es problemlos tun können, doch dann wäre das Porträt seines Vaters wohl kaum so milde ausgefallen.“

Wir Zuhörer/Leser erleben nun, wie der Makler dem jungen Hertmans das Haus zeigt: sie gehen von Raum zu Raum. Währenddessen gleitet der Autor in die Vergangenheit und lässt das Haus zur Zeit von Verhulst und Familie aufleben. Durch diese Konstruktion macht er tatsächlich das Haus, Drongenhof genannt, zum Hauptprotagonisten (so passt diese Besprechung auch gut zu meinem Blogbeitrag „Das Haus im Roman“).

Willem Verhulst, der als Kind eine extrem enge prägende Beziehung zu seiner Mutter hatte, litt unter einer Augenkrankheit, die ihn zunächst blind machte, dann konnte aber immerhin ein Auge wieder geheilt werden. So trug er mitunter Augenklappe oder eine über dem blinden Auge milchverglaste Brille. Zum Studium von zuhause weg, zog er, der Feuer und Flamme ist für die nationale Bewegung Flanderns, in ein Zimmer im Haus einer Bäckerei, wo er sich in die Bäckersfrau verliebte. Mit ihr zog er schließlich weg in die Niederlande und sie heirateten, sie verstarb früh. Am gleichen Ort lernte er die Bauerstochter Harmina, Mientje, kennen, die überlegte aufgrund ihres Wissensdursts zu studieren, eventuell sogar Pastorin zu werden. Zuerst wies sie ihn ab, doch ein paar Jahre später heirateten sie und bekamen drei Kinder: Adriaan, Aletta und Suzy. Mientjes Leben wurde nun von Grund auf anders. Sie versorgte Kinder und Haushalt, hing weiter an ihrem Glauben und konnte als friedvoller Mensch Willems Uniformen und seine Tätigkeit, von der sie sicher nur einen Bruchteil wusste, nie ausstehen. Verhulst hingegen tat weiter, was er wollte, hatte später als Vertrauensmann der Deutschen nach der Besetzung Belgiens eine ständige Geliebte namens Griet.

Vom Handlungsreisenden zum Leiter einer Fabrik und weiter zum Leiter eines Radiosenders bis zum SS-Mann, der hunderte Menschen in seiner Umgebung bespitzeln und dann verhaften und verhören ließ. Vom liebenden Familienvater mit drei Kindern zum Denunzianten und Kollaborator. Hertmans schafft es allerdings immer sachlich, fast wie in einem Sachbuch zu erzählen, er kombiniert Fakten mit Tagebuchauszügen und niedergeschriebenen Gesprächen mit den Nachkommen. Hertmans muss unglaublich viel recherchiert haben, was auch im Roman immer wieder durchscheint, denn er erzählt von seinen Wegen ins Archiv, zu Verwandten Verhulsts oder zu anderen wichtigen Orten seiner Biographie. Er zitiert viel aus Mientjes Tagebuch, später aus Gefängnisbriefen von Willem und er zieht Adriaans Biografie zurate. Dieser Sohn, Adriaan Verhulst, Historiker, der in Hertmans Studentenzeit seine Examensprüfung abnahm und ihn beim ersten Mal durchfallen ließ.

Willem Verhulst floh mit der Geliebten und anderen Kollaborateuren gegen Ende des Kriegs nach Deutschland, hoffte dort sicherer leben zu können. Mientje und die Kinder ließ er mit einem Bündel Geld zurück, dass nicht lange reichte. Sie musste Zimmer vermieten an Studenten, um durchzukommen. Ihre Religiösität schützte und stabilisierte sie in diesen harten Zeiten.

Doch er wird 1947 gesucht und gefangen genommen, erhält zunächst die Todesstrafe, die dann auf lebenslängliche Haft verändert wird und 1953 wird er unerwartet entlassen. Er lebt sein Leben weiter, findet sogar wieder Arbeit. Seine Familie sieht er regelmäßig, doch ist er die meiste Zeit wieder bei seiner Geliebten, die er später sogar heimlich heiratet. Unfassbar, dass er sogar eine kleine Rente für seine SS-Tätigkeit aus Deutschland erhält. Willem ist ein gutes Beispiel dafür, wie in der Nachkriegszeit Menschen, die so viele grausame Verbrechen zu verantworten hatten, schließlich dafür so wenig büßen mussten. Sehr traurig.

Ich fand diese Geschichte, der ich immerhin über 11 Stunden und 53 Minuten lauschte, hochinteressant, denn es zeigt mir eine Seite der Zeit des Nationalsozialismus, die ich so noch nicht kannte. Ein Blick von außerhalb Deutschlands auf die wahnsinnigen Geschehnisse eines Systems, dass sogar länderübergreifend funktionierte. Und ich höre auch von einer starken Frau, die sich trotz allem nie von der ideologischen Tätigkeit ihres Mannes vereinnahmen ließ und auch die Kinder davor schützte.

Der Roman erschien im Diogenes Verlag. Übersetzt wurde er von Ira Wilhelm. Eine Lese/Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für den Hörbuch-Download.

Ergänzend eine Website mit sehr viel Bildmaterial (Bilder enthält auch das Buch):

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Gerda Blees: Wir sind das Licht Zsolnay Verlag

Von Licht und Liebe leben? Geht das?

Schon die Leseprobe hat mir gefallen. Wie geht das weiter? Die Niederländerin Gerda Blees erzählt in ihrem Debütroman „Wir sind das Licht“ eine Geschichte, die vor allem auch formal gelungen ist und zwar so, dass der Inhalt tatsächlich durch die Erzählweise noch gewinnt.

Es geht um eine Erwachsenen-WG in einer niederländischen Stadt, die aus vier Personen besteht und unter dem Motto „Klang und Liebe“ unter der Führung von Melodie van Hellingen eine gut gemeinte, aber mitunter fragwürdige Lebensart praktiziert. Aus der Liebe zur Musik gibt Melodie, die als junge Frau an der Musikakademie Cello studierte, aber leider nicht den Erfolg hatte, den sie und ihre Eltern sich wünschten, zunächst Cello-Unterricht und später auch Seminare, in denen zusammen gesungen und musiziert wird. Melodie steht mit ihren Eltern, vor allem mit dem Vater nicht auf gutem Fuß und will ihre eigene ganzheitlich-spirituelle Wunschfamilie gründen und lädt Teilnehmer der Seminare zur Gründung einer Gemeinschaft ein. So ziehen Muriel und Petrus ein, und schließlich noch Elisabeth, Melodies ältere Schwester. Dass Melodie als Leiterin sehr bestimmt das Heft in die Hand nimmt und dabei ziemlich übergriffig über das Tun und Wirken der anderen bestimmt, oft so suggestiv, dass die anderen es nicht merken, nimmt letztlich fatale Ausmaße an.

Als Nacht von Welt bringt uns nichts so schnell aus dem Konzept, aber wir finden es schon auffällig, dass Menschen in einem Land wie diesem freiwillig Hunger leiden, obwohl die Nahrung buchstäblich in Reichweite ist. Als wollten sie gegen den herrschenden Überfluss protestieren.“

Dieser Textauszug zeigt gleich doppelt, wovon diese Geschichte lebt. Zum einen von dem natürlich unmöglichen Versuch, von Lichtenergie als ausschließlicher Nahrung zu leben, was womöglich indischen Meistern oder asketischen Fakiren gelingen mag. Zum zweiten, und das ist der eigentliche Clou des Romans, ist jedes Kapitel aus der Sicht eines Gegenstands oder eines Dings erzählt. So berichtet eben im ersten Kapitel die Nacht, wie sich der Tod von Elisabeth zuträgt. Elisabeth, die, wie wir damit von Anfang an wissen, an Unterernährung gestorben ist. Der Arzt, der ihren Tod feststellt, sieht das und meldet es der Polizei. Diese versucht aufzuklären, wie es dazu kommen konnte und welchen Teil die Mitbewohner dazu beitrugen. So erfahren wir vom Tatort, wie es im Haus aussieht, von den Nachbarn, das „die“ immer schon etwas komisch waren, so erfahren wir von den Eltern etwas über Melodies und Elisabeths Familie. Wir hören Elisabeths toten Körper sprechen und das World Wide Web. Wollsocken und Kugelschreiber (Witzigstes Kapitel!) kommen zu Wort, aber eben auch die Erzählung selbst (die sich über die Autorin beschwert), die Zweifel und schließlich auch die Kognitive Dissonanz. So erfahren wir nach und nach, bruchstückhaft, was da los ist mit dieser WG und wie es, möglicherweise, zu diesem Geschehnis kommen konnte.

„Und ganz langsam setzen wir auch bei Muriel und Petrus die Rädchen des Selbstbetrugs in Gang. Keiner der beiden hatte in den letzten Tagen das Gefühl, bei den anderen zu sein. Sie fühlten sich allein und isoliert. Aber jetzt wird ihnen klar, dass dieses Gefühl nicht zu einem Bewohner der Wohngruppe Klang und Liebe passt, und die Erinnerungen an ihre Erfahrungen in der Zelle werden schleunigst angepasst.“

Die Bewohner, die kurzfristig in Untersuchungshaft kommen und verhört werden, da unterlassene Hilfeleistung im Raum steht, kommen während dieser Bedenkzeit, einer Zeit, die sie einmal nicht alle gemeinsam verbringen, zu Entschlüssen, wie es nun im Leben weiter gehen soll. Melodie bleibt Melodie, bleibt weiter die Manipulierende, sie kann nicht aus ihrer Haut. Doch das Licht selbst erzählt uns am Schluss, ob es jemandem gelingt, sich aus deren ungutem Einfluss befreien zu können …

Der Roman erschien im Zsolnay Verlag. Übersetzt hat es Lisa Mensing. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog Letteratura.

J.J. Voskuil: Die Mutter von Nicolien Wagenbach Verlag

Es ist wie ein Nachhausekommen. Ich lese die ersten Zeilen und bin sofort wieder von J.J. Voskuils (1926 – 2008) Sprachstil umfangen. Und wenn sich Nicolien und Maarten dann den ersten Genever einschenken, weiß ich, dass ich traurig bin, da ich schon alle Bände von Voskuils grandiosen Mammutwerk „Das Büro“ gelesen habe und dass es nichts neues von ihm geben wird.  „Das Büro“, dieses 7-bändige Werk mit jeweils an die 1000 Seiten, erschienen im Verbrecher Verlag, habe ich eins nach dem anderen verschlungen. Erklären kann ich mir den Sog nicht, aber ich weiß, ich hätte auch noch 20 weitere Bände dieser so humorvollen und trotzdem tiefgängigen Geschichte mit all ihren skurrilen Figuren gelesen.

Nun bringt der Wagenbach Verlag einen „Satellitenband“ heraus, wie Übersetzer Gerd Busse es nennt. Es geht um die Mutter von Nicolien, Maartens Ehefrau, die an Demenz erkrankt. Am Rande hat man das bereits im „Büro“ lesen können, aber nun steht die Mutter, die sowohl von Tochter als auch von Schwiegersohn noch gesiezt wird, im Vordergrund. Voskuil gliedert sein Buch tagebuchartig in Kapitel, die im Jahr 1957 beginnen. Manchmal überspringen die Kapitel ganze Jahre, manchmal folgen die Tage direkt aufeinander. Bis ins Jahr 1985, als Nicoliens Mutter stirbt.

Voskuil schafft es, dass in all der Traurigkeit, die der langsame und stete Gedächtnisverlust und auch der körperliche Verfall des Alterns hervorruft, immer wieder der typische Humor aufblitzt, den ich schon aus dem „Büro“ kenne. Lange habe ich bei einem Roman nicht mehr laut aufgelacht, hier aber schon. Zudem ist Voskuil ein Meister des Dialoge-Schreibens. Dass ich das 250-Seiten-Buch möglichst langsam lesen wollte, war dem geschuldet, dass ich wusste, es wird danach schwierig ein neues zu beginnen.

„“Aber sie haben doch überhaupt keine guten Zähne?“ Es klang verärgert. „Sie hatten vor dem Krieg schon ein künstliches Gebiss.“
„Habe ich ein Gebiss?“
„Das wissen sie doch wohl? Sie nehmen es doch jeden Abend aus dem Mund, bevor sie schlafen gehen?“
Ihre Mutter lachte. „Ja, jetzt, wo du es sagst. Willst du mir wohl glauben, dass ich das völlig vergessen hatte.““

Maarten und Nicolien Kooning leben in Amsterdam. Sie haben keine Kinder, aber Katzen, sind politisch und naturschutzaktiv. Nicolien geht nicht arbeiten und Maarten beginnt seine Stelle im Büro im Beerta-Institut auch nur unwillig, weil eben Geld verdient werden muss. Der 1. Juli 1957 ist sein Geburtstag und gleichzeitig sein 1. Arbeitstag. Über die Jahre wächst er mit seiner Arbeit so stark zusammen, dass er darüber mit Nicolien oft in Streit gerät. Auch in diesem Buch kann man davon lesen.

„“Eine Besprechung?“ Ihre Stimme hob sich vor Empörung. „Während Mutter da ist?“
„Aber ich habe momentan furchtbar viel zu tun.“ Er fühlte sich schuldig.
„Es scheint fast, als ob du verrückt geworden wärst! Eine Besprechung! Für das Büro! In deiner Freizeit! Statt dich gemütlich dazuzusetzen! Ich höre ja wohl nicht recht! Eine Besprechung! Wenn man dir das vor zwanzig Jahren erzählt hätte, hättest du dich kaputt gelacht. Hörst du mich? Kaputtgelacht hättest du dich!“

Nicoliens Mutter lebt in Den Haag. Die beiden besuchen sie oft an Wochenenden oder sie kommt mit dem Zug nach Amsterdam. Immer gibt es den gewohnten Kaffee, die Törtchen, für die Mutter den Eierlikör, für sie selbst den Genever. Bald wird aber sichtbar, dass der Mutter das Erinnern immer schwerer fällt, dass sie Sachen verlegt oder den Wochentag verwechselt. Maarten fordert sie oft heraus, fragt sie nach Dingen, die sie eigentlich wissen müsste, nach der Kindheit, nach Gewohnheiten, versucht Begrüßungsrituale mit ihr aufrecht zu erhalten. Sie spielen Domino oder hören Schubertplatten.

„Nachmittags hörten sie Musik von Schubert an. Bei den Impromptus, die Nicoliens Vater immer gepfiffen hatte, hob ihre Mutter den Kopf ein wenig und bewegte die Hand sanft zum Takt. Das rührte ihn.“

Oft ergeben sich auch witzige Situationen durch die Vergesslichkeit. Bald jedoch traut sie sich nicht mehr alleine mit dem Zug zu fahren und Freundinnen laden sie aus, weil sie immer und immer wieder die Antworten wiederholen müssen, weil sie zu anstrengend wird. Nicolien und Maarten bleiben sehr geduldig.

Als sie mehrmals von Zuhause verschwindet, müssen die beiden sich entscheiden, sie in ein Pflegeheim zu bringen. Auch dort besuchen sie sie regelmäßig, doch sind die Besuche dort schon beim bloßen Lesen deprimierend. Die Mutter versinkt in Gedanken, erkennt sie manchmal nicht mehr, ängstigt sich bei ungewohnten Abläufen. Den letzten Geburtstag am 9. März „feiern“ sie noch zusammen im Pflegeheim, am 11. April 1985 erhalten sie den Anruf von ihrem Tod.

Wen das Thema Demenz interessiert oder wer einen Einstieg in das Voskuil-Universum sucht, dem sei dieses Buch empfohlen. Und den Fans vom Büro sowieso. Ein Leuchten!

Das Buch erschien im Wagenbach Verlag. Perfekt im Maarten-Style übersetzt hat es wie immer Gerd Busse. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Meine Rezensionen zu „Das Büro“ Band 1-7, erschienen im Verbrecher Verlag finden sich hier.

 

Hagar Peeters: Malva Wallstein Verlag

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Ein schwarzer Schutzumschlag mit einer rosafarbenen Blume, einer Malve. Ich erkenne sie, weil ich sie selbst in meiner Sommerblumensammlung aussähe. Die Heldin und Ich-Erzählerin des Romans wurde nach dieser zarten Blume benannt. Doch darunter, und das wird mir später erst klar, kann man ein weißes großes Semikolon erkennen. Nicht von ungefähr, denn Malva Marina Trinidad del Carmen Reyes, die unbeachtete, verlassene Tochter des großen Dichters Pablo Neruda sieht sich selbst als solch ein Satzzeichen.

„… wie mein Vater behauptete, das Semikolon charakteristisch ist für die Gestalt, die ich auf Erden war, mit meinem kleinen Körper, wie ein Komma, ein krummer Strich, ein gewundener Wurm, und mit meinem immer mehr anschwellenden Schädel, wie ein grotesker Punkt, der sich selbst entstieg und dem Himmel entgegenwuchs; jenem einen großen, mich nun doch beherbergenden Jenseitshimmel.“

Malva wird nur 8 Jahre alt. Sie stirbt an Gehirnwassersucht, auch kurz Wasserkopf genannt. Am Anfang des Romans beobachtet sie von ganz weit oben die riesige Beerdigung ihres berühmten Vaters, der sie und ihre Mutter verlassen hat und sich lieber als Kommunist um die Gerechtigkeit in der Welt gekümmert hat, statt ihr ein Vater zu sein.

„So ein Detail, sagte ich, darum geht es und nicht um die perfekten Proportionen oder den Goldenen Schnitt oder die große Geste oder die rassereine Vollkommenheit oder die ewige Wahrheit oder den Nobelpreis für Literatur. Aber wer bin ich, um das zu sagen? Ich bin schließlich schon längst tot.“

Malva „lebt“ nun im Himmel. Sie hat sich gute Gesellschaft gesucht: Da ist Oskar Matzerath, genau, der aus der Blechtrommel, da gibt es den Sohn Arthur Millers, die Tocher von James Joyce. Malva verehrt die polnische Lyrikerin Wislawa Szymborska (hier scheint mir ein Fehler vorzuliegen, denn Szymborska starb erst im Jahr 2012, aber vielleicht wird das im Jenseits nicht so genau genommen) der sie oft Fragen stellt und kann den Geschichten Roald Dahls einiges abgewinnen. Selbst Sokrates wird in Gespräche verwickelt.

Von dieser hohen Warte aus berichtet sie von Szenen im Leben ihres Vaters, der sich diversen Geliebten zuwandte und sich immer mehr in die Politik und den kommunistischen Klassenkampf stürzte. Zwischen Bewunderung und Hass schwankt Malva, was ihren Vater betrifft. Die Mutter liebt sie, obgleich auch sie sie verließ und in eine holländische Pflegefamilie gab, um Geld zu verdienen, da vom Vater nichts zu erwarten war. Selbst als die Mutter nach Malvas Tod, ihren Exmann bittet sie aufgrund des Krieges und der Besatzung der Niederlande durch die Nazis zurück nach Chile zu holen, verweigert er dies und sie wird kurz vor Kriegsende noch für einige Wochen ins Durchgangslager Westerbork eingeliefert.
Zeitweise wendet die Hauptfigur Malva sich in persönlicher Rede direkt an die Autorin, deren Familiengeschichte gewisse Schnittmengen mit der Malvas Familie aufweist.

Was für eine irre Idee der Autorin! Die toten, ehemals verlassenen Kinder berühmter Eltern suchen sich auf der Erde ihre Biographen aus und flüstern ihnen die Sätze ihres Lebens ein. In Hagar Peeters hat Malva die ideale Biographin gefunden, denn die Autorin beherrscht die Sprache, biegt sie, verziert sie, lässt sie tanzen und tosen. Und lässt Pablo Neruda beinahe blass aussehen. Hier ist deutlich zu spüren, dass Peeters eine preisgekrönte Lyrikerin ist. Auch die Übersetzerin hat hier einiges geleistet.

Die im Leben ausgeschlossenen Kinder bilden im Jenseits eine eingeschworene Gemeinschaft, Arthur Millers von ihm verschwiegener Sohn Daniel mit Down-Syndrom, Lucia, die verrückte Tochter James Joyce, der nicht wachsende Blechtrommler Oscar und Malva mit dem Wasserkopf. Viele weitere Kinder wollen aufgenommen werden, etwa Rousseaus Kinder, die er alle ins Kinderheim steckte, während er seelenruhig ein Buch über Erziehung schrieb. Und Albert Einsteins, als schizophren diagnostizierter Sohn Eduard, dessen Vater ebenfalls die Frau wechselte und nichts hinterließ.

„Ach Hagar, das waren einfach nur ein paar bekannte Fälle, aber die Zahl der vernachlässigten Kinder von intelligenten, kreativen und kunstsinnigen Vätern ist endlos. Aus Anlass des Falles von Paul Gauguin, der seine Familie verließ, um auf Tahiti edle wilde Frauen zu malen, hat der Philosoph Bernard Williams sogar einen Terminus dafür geprägt: moral luck. Moralisches Glück wird berühmten und erfolgreichen Männern zuteil, die ihre Kinder im Stich lassen. Sie kommen damit davon, wenn sie ihre gewonnene Freiheit nutzen, um der Menschheit unsterbliche Kunstwerke zu schenken.“

Hagar Peeters Roman ist in vielen Aspekten bezwingend. Scharfsinnig klagt sie Ausgrenzung an und findet eine Stimme für Frauen und Mütter und für „behinderte“ Kinder. Wie sie in ihrem Roman eine Lösung für deren Leid im Jenseits findet, gefällt mir außerordentlich gut und lässt mich getröstet und versöhnlich zurück. Ein Leuchten!

Der Roman „Malva“ der 1972 geborenen Niederländerin Hagar Peeters erschien im Wallstein Verlag. Übersetzt hat es Arne Braun. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Alexander Münninghoff: Der Stammhalter C. H. Beck Verlag

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Roman einer Familie ist der Untertitel des Buches des Niederländers Alexander Münninghoff. Und wie so viele Familiengeschichten, die zu Romanen werden, ist auch diese zwar extrem interessant, vielschichtig und turbulent, aber auch schlichtweg verwirrend. Man verliert sehr leicht den Überblick, vor allem, wenn man nicht an einem Stück liest. So viele Figuren an so vielen Orten Europas mit unfassbar vielen Ereignissen. Gleichzeitig erlaubt der Autor hier einen Blick auf europäische Geschichte, die sich vom Baltikum über Polen, Belgien und die Niederlande zieht. Handlungszeitraum von vor dem zweiten Weltkrieg fast bis heute, mit kurzen Ausflügen in die Vorgeschichte einzelner Personen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein übermächtiges Familienoberhaupt, Joan, der Großvater des Erzählers Alexander. Dieser, ursprünglich Niederländer, baut im Baltisch-Deutschen ein großes Unternehmen auf, dass sich vielfältig über Teile Europas verteilt.  Schon bevor sich der zweite Weltkrieg ankündigt, beginnt der „Alte Herr“, wie er im Buch genannt wird, die Fühler wieder in Richtung Niederlande auszustrecken, obwohl er Zuhause Hab und Gut zurücklassen muss, ist es die richtige Entscheidung, denn das Land wird bald Spielball der zwei Großmächte Deutschland und Russland.

Der älteste Sohn Frans, schwarzes Schaf der Familie, der in diversen katholischen Internaten der Niederlande widerwillig die Schulbank drückte, tanzt aus der Reihe und meldet sich als Baltischdeutscher zur Waffen-SS, um für Deutschland zu kämpfen. Doch zuvor heiratet er noch die schöne Wera, die von ihm schwanger wird und Sohn Alexander, genannt Bully zur Welt bringt.

Der alte Herr, der sich inzwischen in den Niederlanden ein neues Imperium aufgebaut hat (mit allerlei undurchsichtigen Methoden, teils auf illegalem Wegen, von denen es überhaupt in diesem Roman wimmelt), holt Wera und den Enkel, den „Stammhalter“ zu sich ins Haus in Voorburg. Doch als Frans aus dem Krieg zurückkehrt, gibt es die Liebe zu seiner Frau nicht mehr. Frans verschwindet wieder. Als er schließlich doch in den Niederlanden vor Gericht steht, wegen seiner SS-Vergangenheit, weiß auch hier der Alte Herr ihn, vermutlich durch Bestechung, heraus zu pauken. Im „eine Hand wäscht die andere“-Verfahren arbeitet er mit Geheimdiensten, katholischen Kirchenvertretern zusammen und hat immer wieder den nötigen Handlanger parat. Sympathisch ist diese Hauptfigur nicht.

„So hatte ich schon früh Geheimnisse. Ich sprach nicht über meinen Vater und das, was er im Krieg getan hatte, nicht über meine Mutter, die in Deutschland mit meinem unehelichen Schwesterchen in ärmlichen Verhältnissen wohnte, nicht über meinen erzkatholischen Großvater und seine zwielichtigen Aktivitäten, von denen ich im Laufe der Zeit etwas deutlichere Vorstellungen bekam, nicht über meine Entführung, …“

Der 7-jährige Bully/Alexander muss schließlich bei seinem Vater und dessen neuer Frau in Den Haag leben. Es gibt Vormundschaftsstreitigkeiten. Da die Mutter mit ihm nach Deutschland flieht, lässt der „Alte Herr“ ihn abenteuerlicherweise zurück entführen. Als der Patriarch an Krebs stirbt, beginnt die Schlacht ums Erbe. Dass Alexanders Vater kein Geschäftsmann wie der Vater ist, zeigt sich recht schnell. Doch hat er für ähnliche Tricks Geschick. Das letzte Kapitel ist schließlich den Geschehnissen um Alexanders Eltern gewidmet und da gibt es durchaus noch Überraschungen …

Sprachlich macht der Autor keine Experimente. Braucht er auch nicht, denn hier zählt die Story. Das Buch liest sich in der Tat als ausgefallene biografische Geschichte leicht und kurzweilig. Unglaublich wie viele außergewöhnliche Ereignisse es in einer einzigen Familie gibt. Dagegen wirkt das eigene Leben gleich blass. Ein Anhang oder Stammbaum zu den vielen Figuren wäre allerdings hilfreich gewesen.

„Der Stammhalter“ erschien bei C. H. Beck. Es wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Andreas Ecke. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Weitere Besprechungen finden sich bei LiteraturReich und bei MonerlS-bunte-Welt .

Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen Hanser Verlag

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Margriet de Moor ist eine der bedeutendsten niederländischen Autorinnen und hat auch mit diesem Roman einmal mehr überzeugt. Jedesmal staune ich über ihren ganz eigenen Erzählton und gebe mich diesem gerne hin. De Moor weiß aus jedem Thema besondere Literatur zu machen.

Diesmal ist es eine Art Kriminalroman, unglaublich spannend, geradlinig und geheimnisvoll zugleich und gut in einem Rutsch zu lesen. Ich lerne außerdem einen neuen Beruf kennen, der mich fasziniert: Vogelvertreiber auf einem Flughafen, offizielle Bezeichnung: Vogelschlag-Beauftragter für Flughäfen. Rinus, der mit der Hauptfigur Marie Lina, die als Krankenschwester arbeitet, verheiratet ist, übt diesen Beruf auf dem Flughafen Amsterdam/Schiphol aus und nimmt manchmal auch den Sohn Olivier mit zum Dienst. Er versteht seinen Beruf eher als Vogelretter, während es eigentlich darum geht, zu verhindern, dass Vögel in den Triebwerken landen und die Maschine beschädigen und ein Unglück geschieht.

„Eine weitläufige Fläche. Ein Traumbuch für Vögel. Auf dem Polderflughafen mit seinen sechs Start- und Landebahnen in einer von Wassergräben und Äckern gesäumten Prärie ist die Anwesenheit des Menschen eine zu vernachlässigende Größe. Der Mensch sitzt in einem brüllenden Getöse, das aufsteigt oder sich senkt, je nachdem. Kein Vogel schert sich darum.“

Marie Lina und Rinus und der Sohn sind eine ganz normale Familie. Beide gehen arbeiten, beide haben ein wunderbares Selbstverständnis davon, wie sich ihr Zusammenleben gestalten soll. Eines Tages geschieht etwas, dass die Familie erschüttert, letztlich jedoch nur noch mehr zusammenschweißt. Eine ältere Frau stürzt bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit Marie Lina am Amsterdamer Bahnhof in eine Baugrube. Die Frau überlebt nicht. Marie Lina wird am nächsten Morgen von der Polizei abgeholt, gesteht und kommt in Haft. Dass sich somit das Schicksal ihrer Mutter wiederholt, ist ihr ganz offensichtlich klar und gewollt.

„Ihre Mutter war jemand der las und vorlas. Und ihre unstillbare Neigung, das Leben mit Geschichten zu korrigieren und zu vertiefen, auf ihre Tochter übertrug.“

In Rückblenden erfährt man dann Zug um Zug, was es mit dem Geschehnissen um Marie Linas Mutter auf sich hat. Louise arbeitete als Haushaltshilfe in einer Seniorenwohnanlage und regelmäßig auch bei dem 90-jährigen Bruno. Dieser verehrt die sanftmütige Frau. Eines abends wird Bruno in seinem Zimmer getötet und beraubt. Man klagt sofort Louise an. Die Beweislage spricht gegen sie. Doch sie wehrt sich nicht, obwohl sie die Tat nicht begangen hat. Erstaunlich schnell, wie ein Justizirrtum zustande kommen kann. Sie sitzt die Strafe ab. Ihr Mann, ein Fernfahrer trennt sich von ihr. Die kleine Tochter, die miterlebt hat, wie die Mutter von der Polizei abgeholt wird, kommt zu Verwandten in Pflege. Ein Trauma wird dennoch bleiben. Jahre später wird Louise wegen guter Führung früher entlassen und sogar rehabilitiert. Doch die wahre Täterin kommt nicht hinter Gittern. Nach dem Tod der Mutter spürt Marie Lina diese auf und in ihr reift ein Plan …

De Moor schildert die Vorgänge innerhalb der Familie während der Ereignisse sehr feinfühlig echt und doch bleiben sie immer auch rätselhaft. Nichts wird in Gänze aufgelöst. Es ist das Gespür des Lesers/der Leserin gefragt, um die Geheimnisse zu durchdringen. Der Roman hält über die ganzen 260 Seiten seine Spannung. De Moor führt ihre Protagonisten ausführlich ein, so dass sie stark hervortreten, allerdings mehr über das innere Geschehen. In zwei Kapiteln, die von Festnahme bis Justizvollzugsanstalt erzählen, steigert sich die Intensität, da in der Ich-Form erzählt wird.

Was, wie mir scheint, in dieser Geschichte dabei immer vorhanden ist, ist eine besondere Art stetiger Liebe und eine Selbstverständlichkeit des Zusammenhalts – vielleicht so, wie es sich jeder wünscht. Was es genau mit den Zusammenhängen zwischen Vögeln und Menschen auf sich hat, habe ich nicht gänzlich herausgefunden und fand doch die Episoden auf dem Flughafen sehr eindrücklich. De Moor´sches Leuchten!

„Von Vögeln und Menschen“ erschien im Hanser Verlag. Übersetzt wurde es von Helga van Beuningen. Den vorigen Roman von Margriet de Moor „Schlaflose Nacht“ habe ich als Hörbuch gehört und auch hier besprochen.

J. J. Voskuil: Abgang/Der Tod des Maarten Koning Das Büro 6/7 Verbrecher Verlag

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„Du kriegst vierundzwanzig Stunden, um ihn auszutrinken. Dann hast du dich von uns gelöst. Und dann fängst du ein neues Leben an, mit der ersten Seite eines Romans, der „Das Büro“ heißen wird.“

Wie recht doch Maartens Kollege hat mit dieser Annahme. In der Tat begann Voskuil im Vorruhestand mit seinem Mammutwerk. Obiger Satz steht am Ende des 6. Bandes mit dem Titel „Abgang“. Jetzt geht es dem Ende entgegen. Schade, sehr schade! Wer glaubt, 5ooo Seiten Büroalltag sollten doch reichen, der liegt bei Voskuil ganz falsch. Der Niederländer hat über sein Büro-Leben in Amsterdam so großartig geschrieben, dass man auch nach Band 7 noch denkt, es könnte endlos so weitergehen.

Es sind schon recht traurige Bände, die beiden letzten. Krankenhaus-, Pflege- und Altenheimbesuche in der Freizeit und große Veränderungen im Büro. Der Tod von Beerta, von Nicoliens Mutter und dann trifft es sogar den Freund Frans Veen, der seiner Krebskrankheit erliegt. Im Büro übernimmt Maarten für einige Monate übergangsweise den Direktorposten, da Jaap Balk in den Ruhestand geht. In einer wirren Aktion wird schließlich ein junger eloquenter Mann Balks Nachfolge antreten und Computer werden im Büro eingeführt. Maarten muß wieder hart um seine Standpunkte bezüglich des Verständnisses seines Fachs und seiner Abteilung kämpfen und sich mit intriganten Aktionen der anderen Abteilungen auseinandersetzen.

Und dann kommt auch Maartens Abschied, schneller als sich der Leser das wünscht. Zwar möchte er keine Verabschiedung und keine Geschenke, doch die Abteilung lässt ihn so ganz ohne nicht gehen:

 

Im Abschlußband „Der Tod des Maarten Koning“ wird es sehr still und der Leser kommt Maarten noch einmal richtig nah. Weitab vom Büroalltag widmet er sich dem Rentnerleben. Er repariert, kauft ein, geht spazieren, macht Ausflüge mit dem Rad, mal alleine, mal mit Nicolien, die sich erst an Maartens Zuhause-Sein gewöhnen muss.

„Ich möchte davon nicht melancholisch werden.“
„Ach, das Älterwerden, ich kann das nicht ertragen.“
Er ergriff ihre Hand.
„Wenn man bedenkt, wie viele Erwartungen wir damals noch an das Leben hatten“, sagte sie. „Und was ist davon übrig geblieben? Ich könnte heulen.“

In diesem Band blickt man erst richtig in Maartens Seele. Die kleinen Glücksmomente sind es, die für ihn das Leben ausmachen. Und für die hat er nun endlich Zeit.

„Wenn dies nun einmal der Sinn des Lebens wäre: die Beobachtung  kleiner Variationen in immer demselben kleinen Teil der Welt, in dem man zufällig lebte. […]
Das ist genug, dachte er. Mehr brauchte er nicht.

Ab und an geht er noch mal ins Büro und tippt an Beertas altem Schreibtisch einen Brief oder einen letzten Vortrag. Schnell ändert sich dort alles und man fühlt mit Maarten mit. Dieses Gefühl an einem Arbeitsplatz, an dem man so viel Lebenszeit verbracht hat, plötzlich ein Fremder, gar unerwünscht zu sein. Besonders von Ad, mit dem er jahrelang im selben Büro saß, wird Maarten extrem enttäuscht …

„Er wurde nicht nur nicht vermisst, seine Besuche und die Erinnerung an früher irritierten. Es war deprimierend, auch wenn er es tief in seinem Inneren schon länger und nicht erst seit heute gewusst hatte.“

So ist der Buchtitel denn auch in erster Linie symbolisch zu verstehen, denn sein eigenes Begräbnis erlebt Maarten am Ende des Buches zumindest erst mal nur im Traum.

Gut, dass Maarten alias Voskuil Tagebuch schrieb, denn aus nichts anderem entstand dieser außerordentliche fabelhafte Romanzyklus, den Gerd Busse trefflich übersetzt hat und den der Verbrecher Verlag sehr engagiert in Deutschland verlegt hat. Herzlichen Dank an Gerd Busse für die Fotos.

Es fällt mir unheimlich schwer vom „Büro“ Abschied zu nehmen. Als Leserin verwurzelte ich mich zwischen den vielen Seiten und ich werde Maarten vermissen.
Ein 7-bändiges Leuchten!

 

Hier gehts zu meinen Besprechungen der anderen Bände in chronologischer Reihenfolge:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/12/05/j-j-voskuil-direktor-beerta-das-buero-1-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/10/j-j-voskuil-schmutzige-haendeplankton-das-buero-23-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/02/02/j-j-voskuil-das-a-p-beerta-institut-das-buero-4-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/07/18/j-j-voskuil-und-auch-wehmuetigkeit-das-buero-5-verbrecher-verlag/

J. J. Voskuil: Und auch Wehmütigkeit – Das Büro 5 Verbrecher Verlag

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„Maarten grinste. „Der Mensch ist doch eigentlich ein Wunderwerk“, sagte er mit verhaltener Genugtuung.“

Es ist soweit! Nicht nur Aufsätze erscheinen von Maarten Koning, sondern endlich endlich auch eine eigene wissenschaftliche Publikation: Ein Buch über die Wände des Bauernhauses!
Ansonsten betreibt Maarten Studien über das Brot: Roggen oder Weizen und wenn ja wo und ab wann … Karten und Kulturgrenzen werden immer weniger wichtig, die Forschung verändert sich. Natürlich bleibt wie üblich wenig Zeit dafür, denn organisatorische und administrative Aufgaben nehmen ihn als Abteilungsleiter weiter stark in Anspruch.

„Ihr aller Misstrauen gegenüber seiner Gerechtigkeit machte ihn zutiefst niedergeschlagen. Sie hatten keinen Grund dafür. Es war so, weil er der Chef war. Obwohl er nicht der Chef sein wollte.“

Im 5. Band, der die Jahre 1979 bis 1982 umfasst, findet sich viel Privatsphäre: (Streit-)Gespräche mit Ehefrau Nicolien, politische Demonstrationen, Besuche bei der dementen Schwiegermutter im Heim, nostalgische Ausflüge nach Den Haag, seiner Heimatstadt, Urlaub in Südfrankreich, Treffen mit Frans. Die Besuche bei Beerta im Heim werden weniger, vermutlich auch, weil Beerta Maarten eines Tages Avancen macht …
Zum ersten Mal in seinem Büroleben bleibt Maarten länger krank zu Hause. Einige Wochen – sogar Arztbesuche stehen an. Was er genau hat, ist nicht klar …

„Der Mann sah ihm mithilfe einer Zange in die Nase und anschließend in seine Luftröhre, wobei Maarten hohe, singende Schreie nachmachen musste, die ihm vorgesungen wurden. Es gab der Beziehung trotz seiner anfänglichen Antipathie etwas Anrührendes.“

Alles in allem ist dieser Band, wie schon der Titel sagt, tatsächlich etwas wehmütig erzählt, zeigt sich doch sehr viel Vergänglichkeit, nicht zuletzt durch das Älterwerden Maartens. Er hat das 50. Lebensjahr überschritten und blickt oft bedauernd zurück. Es scheint ihm, als wäre seine Pensionierung nicht mehr weit, so berühren ihn mögliche drohende Sparmaßnahmen persönlich wenig. Dennoch muss er als Abteilungsleiter und Vertreter in allen möglichen Kommissionen für das Büro und vor allem für seine Abteilung Rede und Antwort stehen. Seine Schlaflosigkeit wird dadurch nicht besser …

„Aber das wäre doch sicher phantastisch, wenn ihr aufgelöst werdet? Darüber musst du doch wohl froh sein?“
„Ja, natürlich wäre ich froh darüber“, er stieg aus dem Bett, „aber ich fühle mich auch verantwortlich.“
„Wenn du vor Freude nicht hättest schlafen können, hätte ich es verstanden!“, sagte sie empört. „Aber ein Forschungsprogramm zu erstellen, weil man aufgelöst wird! Wie kannst du nur?“

In der Tat steht im Raum, dass das A. P. Beerta Institut aufgelöst werden könnte, was innerhalb des Personals immer wieder zu Aufregung führt. Die Stimmung im Büro wird dadurch nicht besser, die Abteilungen und einzelne Personen versuchen sich ins rechte Licht zu rücken, Konkurrenzdenken entsteht. Sogar eigentlich kleine Entscheidungen, ob beispielsweise „fairtrade“-Kaffee, statt des üblichen ausgeschenkt werden sollte, arten in immense Diskussionen aus und zeigen die Nervösität der Büro-Kollegen auf.

Was jedoch gleich bleibt zu meiner großen Freude, sind die die Gesten, die Kleinigkeiten, die Boshaftigkeiten und Liebenswürdigkeiten, wenn z.B. Maarten gemein lacht oder Direktor Balk aus Ungeduld mit dem Fuß wippt, wenn de Vries zum gefühlten 1000. Mal „Danke, Mijnheer“ sagt oder Katje Kater zum letzten Mal „ich meine ja nur“ sagt, wenn Lien scheu eine Frage stellt oder Hans sanft mit dem Kopf wackelt und wenn Maarten seinen Schreibtischstuhl zum xten Mal genau eine Vierteldrehung herumrückt … „und so weiter und so fort“ (O-Ton Katje Kater)

„Die ungewöhnliche Zeit, zu der er hier entlangging, holte ihn aus seiner Geistesabwesenheit und machte ihn aufmerksam. Sie gab ihm das Gefühl, heimlich eine andere Welt betreten zu haben, eine glücklichere Welt, nahe der seinen, von ihr jedoch durch eine unsichtbare Wand getrennt, sodass er bei einem entgegenkommenden Fußgänger unwillkürlich den Kopf abwandte, um bloß so wenig wie möglich aufzufallen.“

Endlich ist nun auch Band 6 erschienen … ich lese ganz langsam, im Bewusstsein, dass es der vorletzte Band ist … Besprechung folgt …

Eine Leseprobe zu diesem Band gibt es hier auf der Seite des Verbrecher Verlags. Übersetzt hat wie immer Gerd Busse.
Meine Besprechungen zu Band 1, Band 2/3 und Band 4 kann man hier nachlesen.

J. J. Voskuil: Das A. P. Beerta-Institut Das Büro 4 Verbrecher Verlag

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In Band 4 von „Das Büro“,  der die Jahre 1975 bis 1979 umfasst, hat Maarten Koning, Voskuils Alter Ego, es schwerer und schwerer mit seinen Untergebenen: Der Eine, Ad, ist fortlaufend krank, sobald die Arbeit überhand nimmt.

„Und jetzt möchtest du sicher, dass wir uns auch überarbeiten.“
„Das würde ich natürlich schon schön finden, wenn es von zu harter Arbeit käme“, sagte Maarten boshaft. „Aber die Wirklichkeit lehrt, dass man sich schon mit einer sehr bescheidenen Auffassung der eigenen Arbeit überarbeiten kann. Dann habe ich also nicht so viel davon.“

Der Andere ist ein akribisch arbeitender Perfektionist, der Verantwortung scheut, sehr lange für jede Kleinigkeit braucht und jede kleinste Entscheidung Maartens hinterfragt (siehe unten: ein typischer Bart-Asjes-Satz).

„Wenn du dann nur weißt, dass ich entschieden dagegen bin, sagte Bart.“

Die Eine tut sich schwer, weil sie die Arbeit nicht interessiert, die Andere will endlich forschen und nicht nur archivieren und dokumentieren. Und die, die am besten und eifrigsten ist, verlässt das Institut.
Zwei neue Mitarbeiter werden dafür eingestellt, Gerd Wiggelaar und Lien Kiepe, die Voskuil wieder mit einmaligen Charakterzügen ausstattet: Während Lien leicht rot wird, biegt sich Gerd vor Lachen:

„Gerd schüttelte sich vor Lachen. Lien lachte verlegen, als schäme sie sich für diesen kleinen Scherz.“

Eine eigene Zeitschrift, das „Bulletin“ wird gegründet, da man sich unversöhnlich mit den Redakteuren von „Ons Tijdschrift“ überworfen hat. Maarten hält immer wieder Teamsitzungen ab, um möglichst allen seiner Untergebenen ein Mitspracherecht einzuräumen und als Bart, oft der einzige Quertreiber, für längere Zeit aus Krankheitsgründen ausfällt, klappt es auch mit den Abstimmungen.
Maarten fährt zum Kongress für den europäischen Atlas der Volkskultur, der diesmal in Nordirland stattfindet und trifft auf alte Bekannte.

Auch Maartens Frau Nicolien, deren Muttter wegen zunehmender Demenz ins Pflegeheim muss,  wird immer unzufriedener, denn Maarten arbeitet fortan viel zu viel, auch zu Hause, auch abends und am Wochenende. Er übernimmt immer mehr Vorsitze, leitet Ausschüsse und wird zum Vertreter von Direktor Balk. Nicolien kann es nicht nachvollziehen, warum Maarten nicht einfach Aufgaben ablehnt. Sie ist strikt dagegen, dass Maarten „Karriere“ macht:

„Aber nicht so“, sagte sie weinend. „Denn damals gab es Beerta noch. Und jetzt bist du ein hohes Tier geworden.“

Es sterben beide Katzen, Jonas zuerst, später auch Marietje. Es kommen drei neue. Die Tierliebe der Konings kennt keine Grenzen, doch Vegetarier werden sie nicht. Nachdem nun trotz langer Verweigerung doch ein Fernsehgerät angeschafft wurde, bleiben sie jedenfalls Radfahrer, bleibt immer noch der Hass auf Autos/Autofahrer: „lauter tote Tiere am Straßenrand“.

Maarten besucht Direktor Beerta regelmäßig im Pflegeheim. Mittlerweile kann er nach seinem Schlaganfall wieder etwas sprechen, sogar mit einer Hand tippen, aber so wie zuvor wird es nie mehr. Immerhin willigt er ein, dass das Institut rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag seinen Namen tragen wird.

Maarten leidet weiterhin unter seinen Migräneattacken und an Schlaflosigkeit. Und in steter Regelmäßigkeit an der Sinnlosigkeit des Daseins.

„Als er zur Seite blickte, himmelwärts, und hoch hinter dem Turm der Westerkerk vor dem blassen Dunkel des Himmels große, flauschige, schwarze Wolken bewegungslos über dem Tosen und den Lichtern der Stadt hängen sah, stiegen ihm unvermittelt Tränen der Sehnsucht in die Augen, ohne dass er hätte sagen können, wonach er sich sehnte.“

Als glühende „Büro“-Enthusiastin muss ich nun warten auf Band 6, der im Mai erst in der deutschen Übersetzung, wie immer von Gerd Busse, herauskommt.
Band 4 aus J. J. Voskuils „Büro“-Zyklus erschien, wie alle anderen, im Verbrecher Verlag.
Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine ausführliche Dokumentation mit Interview findet man hier.
Band 1 und Band 2/3 habe ich bereits hier besprochen. Die Besprechung von Band 5 folgt in Kürze.

Ein gutes Leben: Zoni Weisz erzählt seine Biografie Hörbuch Verbrecher Verlag

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„Man muss darüber reden“

Der 1937 in Den Haag geborene Zoni Weisz entstammt einer Sinti-Familie aus den Niederlanden. Der größte Teil seiner Familie wurde während des Holocaust ermordet. Er überlebte aufgrund glücklicher Umstände.

Zoni Weisz erzählt für dieses Hörbuch von seinem „guten Leben“, von seiner Familie und von der großen Sinti-Gemeinschaft in den Niederlanden. In Sinti-Familien wird nichts schriftlich dargelegt, aber weitererzählt von Generation zu Generation – Geschichten erzählen abends am Lagerfeuer als Kunst und zur Bewahrung der eigenen Kultur – und so tut er das hier auch für uns.

„Und es fängt immer klein an. Mit Mitlaufen 1933 und diese Mitläufer werden dann Mittäter.“

Die Familie ist lange Zeit mit einem von Pferden gezogenen Wohnwagen unterwegs – eine wunderbare Kindheit, sagt Weisz. Doch dann beginnt 1942 auch die Verfolgung durch die Nazis in den Niederlanden. Sein Vater, ein Musiker und Instrumentenbauer, mietete schließlich einen Laden an, um nicht aufzufallen. Doch kurze Zeit später wurden alle Sinti und Roma in ein Lager gebracht und später deportiert. Der 7-jährige Zoni überlebte nur deshalb, weil er an jenem Tag bei seiner Tante war und kurz danach durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten vor der Deportation nach Ausschwitz gerettet wurde.

„Ich kann ihnen nicht sagen, was man fühlt hier als Kind, wenn man hört, dass Vater, Mutter, Schwester, die ganze Familie verhaftet worden ist.“

Eine Zeit des Versteckens folgt. Dann nach der Befreiung das Aufatmen. Zoni lebt zunächst bei den Großeltern und beginnt mit 13 schon zu arbeiten. Durch Zufall landet er in einem Blumengeschäft und entdeckt sein Talent für Floristik. Er absolviert eine Ausbildung in Gartenbau und Blumenbindekunst und schließt sie erfolgreich ab. Als er die Einberufung zum Militär erhält, meldet er sich freiwillig 1957 nach Surinam (damals holländische Kolonie). Danach gelingt es ihm beim besten Floristen der Niederlande Arbeit zu finden. 1963 übernimmt er das Blumengeschäft seines Chefs. Der wissbegierige junge Mann bildet sich weiter und beginnt schließlich mit Kunstmuseen zusammen Ausstellungen zu kreieren. 24 Jahre lang geht er dieser Tätigkeit nach und gestaltet sogar 2002 Blumengebinde für das niederländische Königshaus.

„Und dann kommt wieder das Stigma: Das einzige was Zigeuner tun ist Stehlen und Leben auf Kosten der Gesellschaft“

Bereits seit dem Mittelalter gibt es Verfolgungen der Sinti und Roma. Weisz erzählt von seiner Kultur, von den ganz eigenen Gesetzen und Lebensweisen, von deren Bewahrung, aber auch über seinen Wunsch nach Offenheit und Weiterentwicklung. Niemals klagt Weisz an, er plädiert für gegenseitigen Respekt.

Interessant, dass auch Zoni Weisz hier von seinen Träumen spricht, von Albträumen über Todesmärsche, die er selbst gar nicht erlebt hat. Hier gibt es eine direkte Verknüpfung zur These von Barbara Hahn in ihrem Buch „Endlose Nacht“ , in dem sie auf kollektive Träume dieser Zeit hinweist.

Zoni Weisz engagiert sich, er geht in Schulen und erzählt, hält Vorträge, klärt auf. 2011 hielt er eine Rede zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ vor dem Deutschen Bundestag, wie er sagt, auch um zu zeigen, dass es Überlebende gibt und damit die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten … in unserer Zeit wichtiger denn je.

Die Musik auf der CD ist Sinti-Musik von Tara Mirando & His Gipsy Orchestra. Mehr über dieses Hörbuch findet sich hier: http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/828