Alexander Münninghoff: Der Stammhalter C. H. Beck Verlag

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Roman einer Familie ist der Untertitel des Buches des Niederländers Alexander Münninghoff. Und wie so viele Familiengeschichten, die zu Romanen werden, ist auch diese zwar extrem interessant, vielschichtig und turbulent, aber auch schlichtweg verwirrend. Man verliert sehr leicht den Überblick, vor allem, wenn man nicht an einem Stück liest. So viele Figuren an so vielen Orten Europas mit unfassbar vielen Ereignissen. Gleichzeitig erlaubt der Autor hier einen Blick auf europäische Geschichte, die sich vom Baltikum über Polen, Belgien und die Niederlande zieht. Handlungszeitraum von vor dem zweiten Weltkrieg fast bis heute, mit kurzen Ausflügen in die Vorgeschichte einzelner Personen.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht ein übermächtiges Familienoberhaupt, Joan, der Großvater des Erzählers Alexander. Dieser, ursprünglich Niederländer, baut im Baltisch-Deutschen ein großes Unternehmen auf, dass sich vielfältig über Teile Europas verteilt.  Schon bevor sich der zweite Weltkrieg ankündigt, beginnt der „Alte Herr“, wie er im Buch genannt wird, die Fühler wieder in Richtung Niederlande auszustrecken, obwohl er Zuhause Hab und Gut zurücklassen muss, ist es die richtige Entscheidung, denn das Land wird bald Spielball der zwei Großmächte Deutschland und Russland.

Der älteste Sohn Frans, schwarzes Schaf der Familie, der in diversen katholischen Internaten der Niederlande widerwillig die Schulbank drückte, tanzt aus der Reihe und meldet sich als Baltischdeutscher zur Waffen-SS, um für Deutschland zu kämpfen. Doch zuvor heiratet er noch die schöne Wera, die von ihm schwanger wird und Sohn Alexander, genannt Bully zur Welt bringt.

Der alte Herr, der sich inzwischen in den Niederlanden ein neues Imperium aufgebaut hat (mit allerlei undurchsichtigen Methoden, teils auf illegalem Wegen, von denen es überhaupt in diesem Roman wimmelt), holt Wera und den Enkel, den „Stammhalter“ zu sich ins Haus in Voorburg. Doch als Frans aus dem Krieg zurückkehrt, gibt es die Liebe zu seiner Frau nicht mehr. Frans verschwindet wieder. Als er schließlich doch in den Niederlanden vor Gericht steht, wegen seiner SS-Vergangenheit, weiß auch hier der Alte Herr ihn, vermutlich durch Bestechung, heraus zu pauken. Im „eine Hand wäscht die andere“-Verfahren arbeitet er mit Geheimdiensten, katholischen Kirchenvertretern zusammen und hat immer wieder den nötigen Handlanger parat. Sympathisch ist diese Hauptfigur nicht.

„So hatte ich schon früh Geheimnisse. Ich sprach nicht über meinen Vater und das, was er im Krieg getan hatte, nicht über meine Mutter, die in Deutschland mit meinem unehelichen Schwesterchen in ärmlichen Verhältnissen wohnte, nicht über meinen erzkatholischen Großvater und seine zwielichtigen Aktivitäten, von denen ich im Laufe der Zeit etwas deutlichere Vorstellungen bekam, nicht über meine Entführung, …“

Der 7-jährige Bully/Alexander muss schließlich bei seinem Vater und dessen neuer Frau in Den Haag leben. Es gibt Vormundschaftsstreitigkeiten. Da die Mutter mit ihm nach Deutschland flieht, lässt der „Alte Herr“ ihn abenteuerlicherweise zurück entführen. Als der Patriarch an Krebs stirbt, beginnt die Schlacht ums Erbe. Dass Alexanders Vater kein Geschäftsmann wie der Vater ist, zeigt sich recht schnell. Doch hat er für ähnliche Tricks Geschick. Das letzte Kapitel ist schließlich den Geschehnissen um Alexanders Eltern gewidmet und da gibt es durchaus noch Überraschungen …

Sprachlich macht der Autor keine Experimente. Braucht er auch nicht, denn hier zählt die Story. Das Buch liest sich in der Tat als ausgefallene biografische Geschichte leicht und kurzweilig. Unglaublich wie viele außergewöhnliche Ereignisse es in einer einzigen Familie gibt. Dagegen wirkt das eigene Leben gleich blass. Ein Anhang oder Stammbaum zu den vielen Figuren wäre allerdings hilfreich gewesen.

„Der Stammhalter“ erschien bei C. H. Beck. Es wurde aus dem Niederländischen übersetzt von Andreas Ecke. Mehr über den Autor und eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Weitere Besprechungen finden sich bei LiteraturReich und bei MonerlS-bunte-Welt .

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Margriet de Moor: Von Vögeln und Menschen Hanser Verlag

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Margriet de Moor ist eine der bedeutendsten niederländischen Autorinnen und hat auch mit diesem Roman einmal mehr überzeugt. Jedesmal staune ich über ihren ganz eigenen Erzählton und gebe mich diesem gerne hin. De Moor weiß aus jedem Thema besondere Literatur zu machen.

Diesmal ist es eine Art Kriminalroman, unglaublich spannend, geradlinig und geheimnisvoll zugleich und gut in einem Rutsch zu lesen. Ich lerne außerdem einen neuen Beruf kennen, der mich fasziniert: Vogelvertreiber auf einem Flughafen, offizielle Bezeichnung: Vogelschlag-Beauftragter für Flughäfen. Rinus, der mit der Hauptfigur Marie Lina, die als Krankenschwester arbeitet, verheiratet ist, übt diesen Beruf auf dem Flughafen Amsterdam/Schiphol aus und nimmt manchmal auch den Sohn Olivier mit zum Dienst. Er versteht seinen Beruf eher als Vogelretter, während es eigentlich darum geht, zu verhindern, dass Vögel in den Triebwerken landen und die Maschine beschädigen und ein Unglück geschieht.

„Eine weitläufige Fläche. Ein Traumbuch für Vögel. Auf dem Polderflughafen mit seinen sechs Start- und Landebahnen in einer von Wassergräben und Äckern gesäumten Prärie ist die Anwesenheit des Menschen eine zu vernachlässigende Größe. Der Mensch sitzt in einem brüllenden Getöse, das aufsteigt oder sich senkt, je nachdem. Kein Vogel schert sich darum.“

Marie Lina und Rinus und der Sohn sind eine ganz normale Familie. Beide gehen arbeiten, beide haben ein wunderbares Selbstverständnis davon, wie sich ihr Zusammenleben gestalten soll. Eines Tages geschieht etwas, dass die Familie erschüttert, letztlich jedoch nur noch mehr zusammenschweißt. Eine ältere Frau stürzt bei einer körperlichen Auseinandersetzung mit Marie Lina am Amsterdamer Bahnhof in eine Baugrube. Die Frau überlebt nicht. Marie Lina wird am nächsten Morgen von der Polizei abgeholt, gesteht und kommt in Haft. Dass sich somit das Schicksal ihrer Mutter wiederholt, ist ihr ganz offensichtlich klar und gewollt.

„Ihre Mutter war jemand der las und vorlas. Und ihre unstillbare Neigung, das Leben mit Geschichten zu korrigieren und zu vertiefen, auf ihre Tochter übertrug.“

In Rückblenden erfährt man dann Zug um Zug, was es mit dem Geschehnissen um Marie Linas Mutter auf sich hat. Louise arbeitete als Haushaltshilfe in einer Seniorenwohnanlage und regelmäßig auch bei dem 90-jährigen Bruno. Dieser verehrt die sanftmütige Frau. Eines abends wird Bruno in seinem Zimmer getötet und beraubt. Man klagt sofort Louise an. Die Beweislage spricht gegen sie. Doch sie wehrt sich nicht, obwohl sie die Tat nicht begangen hat. Erstaunlich schnell, wie ein Justizirrtum zustande kommen kann. Sie sitzt die Strafe ab. Ihr Mann, ein Fernfahrer trennt sich von ihr. Die kleine Tochter, die miterlebt hat, wie die Mutter von der Polizei abgeholt wird, kommt zu Verwandten in Pflege. Ein Trauma wird dennoch bleiben. Jahre später wird Louise wegen guter Führung früher entlassen und sogar rehabilitiert. Doch die wahre Täterin kommt nicht hinter Gittern. Nach dem Tod der Mutter spürt Marie Lina diese auf und in ihr reift ein Plan …

De Moor schildert die Vorgänge innerhalb der Familie während der Ereignisse sehr feinfühlig echt und doch bleiben sie immer auch rätselhaft. Nichts wird in Gänze aufgelöst. Es ist das Gespür des Lesers/der Leserin gefragt, um die Geheimnisse zu durchdringen. Der Roman hält über die ganzen 260 Seiten seine Spannung. De Moor führt ihre Protagonisten ausführlich ein, so dass sie stark hervortreten, allerdings mehr über das innere Geschehen. In zwei Kapiteln, die von Festnahme bis Justizvollzugsanstalt erzählen, steigert sich die Intensität, da in der Ich-Form erzählt wird.

Was, wie mir scheint, in dieser Geschichte dabei immer vorhanden ist, ist eine besondere Art stetiger Liebe und eine Selbstverständlichkeit des Zusammenhalts – vielleicht so, wie es sich jeder wünscht. Was es genau mit den Zusammenhängen zwischen Vögeln und Menschen auf sich hat, habe ich nicht gänzlich herausgefunden und fand doch die Episoden auf dem Flughafen sehr eindrücklich. De Moor´sches Leuchten!

„Von Vögeln und Menschen“ erschien im Hanser Verlag. Übersetzt wurde es von Helga van Beuningen. Den vorigen Roman von Margriet de Moor „Schlaflose Nacht“ habe ich als Hörbuch gehört und auch hier besprochen.

J. J. Voskuil: Abgang/Der Tod des Maarten Koning Das Büro 6/7 Verbrecher Verlag

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„Du kriegst vierundzwanzig Stunden, um ihn auszutrinken. Dann hast du dich von uns gelöst. Und dann fängst du ein neues Leben an, mit der ersten Seite eines Romans, der „Das Büro“ heißen wird.“

Wie recht doch Maartens Kollege hat mit dieser Annahme. In der Tat begann Voskuil im Vorruhestand mit seinem Mammutwerk. Obiger Satz steht am Ende des 6. Bandes mit dem Titel „Abgang“. Jetzt geht es dem Ende entgegen. Schade, sehr schade! Wer glaubt, 5ooo Seiten Büroalltag sollten doch reichen, der liegt bei Voskuil ganz falsch. Der Niederländer hat über sein Büro-Leben in Amsterdam so großartig geschrieben, dass man auch nach Band 7 noch denkt, es könnte endlos so weitergehen.

Es sind schon recht traurige Bände, die beiden letzten. Krankenhaus-, Pflege- und Altenheimbesuche in der Freizeit und große Veränderungen im Büro. Der Tod von Beerta, von Nicoliens Mutter und dann trifft es sogar den Freund Frans Veen, der seiner Krebskrankheit erliegt. Im Büro übernimmt Maarten für einige Monate übergangsweise den Direktorposten, da Jaap Balk in den Ruhestand geht. In einer wirren Aktion wird schließlich ein junger eloquenter Mann Balks Nachfolge antreten und Computer werden im Büro eingeführt. Maarten muß wieder hart um seine Standpunkte bezüglich des Verständnisses seines Fachs und seiner Abteilung kämpfen und sich mit intriganten Aktionen der anderen Abteilungen auseinandersetzen.

Und dann kommt auch Maartens Abschied, schneller als sich der Leser das wünscht. Zwar möchte er keine Verabschiedung und keine Geschenke, doch die Abteilung lässt ihn so ganz ohne nicht gehen:

 

Im Abschlußband „Der Tod des Maarten Koning“ wird es sehr still und der Leser kommt Maarten noch einmal richtig nah. Weitab vom Büroalltag widmet er sich dem Rentnerleben. Er repariert, kauft ein, geht spazieren, macht Ausflüge mit dem Rad, mal alleine, mal mit Nicolien, die sich erst an Maartens Zuhause-Sein gewöhnen muss.

„Ich möchte davon nicht melancholisch werden.“
„Ach, das Älterwerden, ich kann das nicht ertragen.“
Er ergriff ihre Hand.
„Wenn man bedenkt, wie viele Erwartungen wir damals noch an das Leben hatten“, sagte sie. „Und was ist davon übrig geblieben? Ich könnte heulen.“

In diesem Band blickt man erst richtig in Maartens Seele. Die kleinen Glücksmomente sind es, die für ihn das Leben ausmachen. Und für die hat er nun endlich Zeit.

„Wenn dies nun einmal der Sinn des Lebens wäre: die Beobachtung  kleiner Variationen in immer demselben kleinen Teil der Welt, in dem man zufällig lebte. […]
Das ist genug, dachte er. Mehr brauchte er nicht.

Ab und an geht er noch mal ins Büro und tippt an Beertas altem Schreibtisch einen Brief oder einen letzten Vortrag. Schnell ändert sich dort alles und man fühlt mit Maarten mit. Dieses Gefühl an einem Arbeitsplatz, an dem man so viel Lebenszeit verbracht hat, plötzlich ein Fremder, gar unerwünscht zu sein. Besonders von Ad, mit dem er jahrelang im selben Büro saß, wird Maarten extrem enttäuscht …

„Er wurde nicht nur nicht vermisst, seine Besuche und die Erinnerung an früher irritierten. Es war deprimierend, auch wenn er es tief in seinem Inneren schon länger und nicht erst seit heute gewusst hatte.“

So ist der Buchtitel denn auch in erster Linie symbolisch zu verstehen, denn sein eigenes Begräbnis erlebt Maarten am Ende des Buches zumindest erst mal nur im Traum.

Gut, dass Maarten alias Voskuil Tagebuch schrieb, denn aus nichts anderem entstand dieser außerordentliche fabelhafte Romanzyklus, den Gerd Busse trefflich übersetzt hat und den der Verbrecher Verlag sehr engagiert in Deutschland verlegt hat. Herzlichen Dank an Gerd Busse für die Fotos.

Es fällt mir unheimlich schwer vom „Büro“ Abschied zu nehmen. Als Leserin verwurzelte ich mich zwischen den vielen Seiten und ich werde Maarten vermissen.
Ein 7-bändiges Leuchten!

 

Hier gehts zu meinen Besprechungen der anderen Bände in chronologischer Reihenfolge:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/12/05/j-j-voskuil-direktor-beerta-das-buero-1-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/01/10/j-j-voskuil-schmutzige-haendeplankton-das-buero-23-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/02/02/j-j-voskuil-das-a-p-beerta-institut-das-buero-4-verbrecher-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/07/18/j-j-voskuil-und-auch-wehmuetigkeit-das-buero-5-verbrecher-verlag/

J. J. Voskuil: Und auch Wehmütigkeit – Das Büro 5 Verbrecher Verlag

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„Maarten grinste. „Der Mensch ist doch eigentlich ein Wunderwerk“, sagte er mit verhaltener Genugtuung.“

Es ist soweit! Nicht nur Aufsätze erscheinen von Maarten Koning, sondern endlich endlich auch eine eigene wissenschaftliche Publikation: Ein Buch über die Wände des Bauernhauses!
Ansonsten betreibt Maarten Studien über das Brot: Roggen oder Weizen und wenn ja wo und ab wann … Karten und Kulturgrenzen werden immer weniger wichtig, die Forschung verändert sich. Natürlich bleibt wie üblich wenig Zeit dafür, denn organisatorische und administrative Aufgaben nehmen ihn als Abteilungsleiter weiter stark in Anspruch.

„Ihr aller Misstrauen gegenüber seiner Gerechtigkeit machte ihn zutiefst niedergeschlagen. Sie hatten keinen Grund dafür. Es war so, weil er der Chef war. Obwohl er nicht der Chef sein wollte.“

Im 5. Band, der die Jahre 1979 bis 1982 umfasst, findet sich viel Privatsphäre: (Streit-)Gespräche mit Ehefrau Nicolien, politische Demonstrationen, Besuche bei der dementen Schwiegermutter im Heim, nostalgische Ausflüge nach Den Haag, seiner Heimatstadt, Urlaub in Südfrankreich, Treffen mit Frans. Die Besuche bei Beerta im Heim werden weniger, vermutlich auch, weil Beerta Maarten eines Tages Avancen macht …
Zum ersten Mal in seinem Büroleben bleibt Maarten länger krank zu Hause. Einige Wochen – sogar Arztbesuche stehen an. Was er genau hat, ist nicht klar …

„Der Mann sah ihm mithilfe einer Zange in die Nase und anschließend in seine Luftröhre, wobei Maarten hohe, singende Schreie nachmachen musste, die ihm vorgesungen wurden. Es gab der Beziehung trotz seiner anfänglichen Antipathie etwas Anrührendes.“

Alles in allem ist dieser Band, wie schon der Titel sagt, tatsächlich etwas wehmütig erzählt, zeigt sich doch sehr viel Vergänglichkeit, nicht zuletzt durch das Älterwerden Maartens. Er hat das 50. Lebensjahr überschritten und blickt oft bedauernd zurück. Es scheint ihm, als wäre seine Pensionierung nicht mehr weit, so berühren ihn mögliche drohende Sparmaßnahmen persönlich wenig. Dennoch muss er als Abteilungsleiter und Vertreter in allen möglichen Kommissionen für das Büro und vor allem für seine Abteilung Rede und Antwort stehen. Seine Schlaflosigkeit wird dadurch nicht besser …

„Aber das wäre doch sicher phantastisch, wenn ihr aufgelöst werdet? Darüber musst du doch wohl froh sein?“
„Ja, natürlich wäre ich froh darüber“, er stieg aus dem Bett, „aber ich fühle mich auch verantwortlich.“
„Wenn du vor Freude nicht hättest schlafen können, hätte ich es verstanden!“, sagte sie empört. „Aber ein Forschungsprogramm zu erstellen, weil man aufgelöst wird! Wie kannst du nur?“

In der Tat steht im Raum, dass das A. P. Beerta Institut aufgelöst werden könnte, was innerhalb des Personals immer wieder zu Aufregung führt. Die Stimmung im Büro wird dadurch nicht besser, die Abteilungen und einzelne Personen versuchen sich ins rechte Licht zu rücken, Konkurrenzdenken entsteht. Sogar eigentlich kleine Entscheidungen, ob beispielsweise „fairtrade“-Kaffee, statt des üblichen ausgeschenkt werden sollte, arten in immense Diskussionen aus und zeigen die Nervösität der Büro-Kollegen auf.

Was jedoch gleich bleibt zu meiner großen Freude, sind die die Gesten, die Kleinigkeiten, die Boshaftigkeiten und Liebenswürdigkeiten, wenn z.B. Maarten gemein lacht oder Direktor Balk aus Ungeduld mit dem Fuß wippt, wenn de Vries zum gefühlten 1000. Mal „Danke, Mijnheer“ sagt oder Katje Kater zum letzten Mal „ich meine ja nur“ sagt, wenn Lien scheu eine Frage stellt oder Hans sanft mit dem Kopf wackelt und wenn Maarten seinen Schreibtischstuhl zum xten Mal genau eine Vierteldrehung herumrückt … „und so weiter und so fort“ (O-Ton Katje Kater)

„Die ungewöhnliche Zeit, zu der er hier entlangging, holte ihn aus seiner Geistesabwesenheit und machte ihn aufmerksam. Sie gab ihm das Gefühl, heimlich eine andere Welt betreten zu haben, eine glücklichere Welt, nahe der seinen, von ihr jedoch durch eine unsichtbare Wand getrennt, sodass er bei einem entgegenkommenden Fußgänger unwillkürlich den Kopf abwandte, um bloß so wenig wie möglich aufzufallen.“

Endlich ist nun auch Band 6 erschienen … ich lese ganz langsam, im Bewusstsein, dass es der vorletzte Band ist … Besprechung folgt …

Eine Leseprobe zu diesem Band gibt es hier auf der Seite des Verbrecher Verlags. Übersetzt hat wie immer Gerd Busse.
Meine Besprechungen zu Band 1, Band 2/3 und Band 4 kann man hier nachlesen.

J. J. Voskuil: Das A. P. Beerta-Institut Das Büro 4 Verbrecher Verlag

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In Band 4 von „Das Büro“,  der die Jahre 1975 bis 1979 umfasst, hat Maarten Koning, Voskuils Alter Ego, es schwerer und schwerer mit seinen Untergebenen: Der Eine, Ad, ist fortlaufend krank, sobald die Arbeit überhand nimmt.

„Und jetzt möchtest du sicher, dass wir uns auch überarbeiten.“
„Das würde ich natürlich schon schön finden, wenn es von zu harter Arbeit käme“, sagte Maarten boshaft. „Aber die Wirklichkeit lehrt, dass man sich schon mit einer sehr bescheidenen Auffassung der eigenen Arbeit überarbeiten kann. Dann habe ich also nicht so viel davon.“

Der Andere ist ein akribisch arbeitender Perfektionist, der Verantwortung scheut, sehr lange für jede Kleinigkeit braucht und jede kleinste Entscheidung Maartens hinterfragt (siehe unten: ein typischer Bart-Asjes-Satz).

„Wenn du dann nur weißt, dass ich entschieden dagegen bin, sagte Bart.“

Die Eine tut sich schwer, weil sie die Arbeit nicht interessiert, die Andere will endlich forschen und nicht nur archivieren und dokumentieren. Und die, die am besten und eifrigsten ist, verlässt das Institut.
Zwei neue Mitarbeiter werden dafür eingestellt, Gerd Wiggelaar und Lien Kiepe, die Voskuil wieder mit einmaligen Charakterzügen ausstattet: Während Lien leicht rot wird, biegt sich Gerd vor Lachen:

„Gerd schüttelte sich vor Lachen. Lien lachte verlegen, als schäme sie sich für diesen kleinen Scherz.“

Eine eigene Zeitschrift, das „Bulletin“ wird gegründet, da man sich unversöhnlich mit den Redakteuren von „Ons Tijdschrift“ überworfen hat. Maarten hält immer wieder Teamsitzungen ab, um möglichst allen seiner Untergebenen ein Mitspracherecht einzuräumen und als Bart, oft der einzige Quertreiber, für längere Zeit aus Krankheitsgründen ausfällt, klappt es auch mit den Abstimmungen.
Maarten fährt zum Kongress für den europäischen Atlas der Volkskultur, der diesmal in Nordirland stattfindet und trifft auf alte Bekannte.

Auch Maartens Frau Nicolien, deren Muttter wegen zunehmender Demenz ins Pflegeheim muss,  wird immer unzufriedener, denn Maarten arbeitet fortan viel zu viel, auch zu Hause, auch abends und am Wochenende. Er übernimmt immer mehr Vorsitze, leitet Ausschüsse und wird zum Vertreter von Direktor Balk. Nicolien kann es nicht nachvollziehen, warum Maarten nicht einfach Aufgaben ablehnt. Sie ist strikt dagegen, dass Maarten „Karriere“ macht:

„Aber nicht so“, sagte sie weinend. „Denn damals gab es Beerta noch. Und jetzt bist du ein hohes Tier geworden.“

Es sterben beide Katzen, Jonas zuerst, später auch Marietje. Es kommen drei neue. Die Tierliebe der Konings kennt keine Grenzen, doch Vegetarier werden sie nicht. Nachdem nun trotz langer Verweigerung doch ein Fernsehgerät angeschafft wurde, bleiben sie jedenfalls Radfahrer, bleibt immer noch der Hass auf Autos/Autofahrer: „lauter tote Tiere am Straßenrand“.

Maarten besucht Direktor Beerta regelmäßig im Pflegeheim. Mittlerweile kann er nach seinem Schlaganfall wieder etwas sprechen, sogar mit einer Hand tippen, aber so wie zuvor wird es nie mehr. Immerhin willigt er ein, dass das Institut rechtzeitig zu seinem 80. Geburtstag seinen Namen tragen wird.

Maarten leidet weiterhin unter seinen Migräneattacken und an Schlaflosigkeit. Und in steter Regelmäßigkeit an der Sinnlosigkeit des Daseins.

„Als er zur Seite blickte, himmelwärts, und hoch hinter dem Turm der Westerkerk vor dem blassen Dunkel des Himmels große, flauschige, schwarze Wolken bewegungslos über dem Tosen und den Lichtern der Stadt hängen sah, stiegen ihm unvermittelt Tränen der Sehnsucht in die Augen, ohne dass er hätte sagen können, wonach er sich sehnte.“

Als glühende „Büro“-Enthusiastin muss ich nun warten auf Band 6, der im Mai erst in der deutschen Übersetzung, wie immer von Gerd Busse, herauskommt.
Band 4 aus J. J. Voskuils „Büro“-Zyklus erschien, wie alle anderen, im Verbrecher Verlag.
Eine Leseprobe gibt es hier.
Eine ausführliche Dokumentation mit Interview findet man hier.
Band 1 und Band 2/3 habe ich bereits hier besprochen. Die Besprechung von Band 5 folgt in Kürze.

Ein gutes Leben: Zoni Weisz erzählt seine Biografie Hörbuch Verbrecher Verlag

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„Man muss darüber reden“

Der 1937 in Den Haag geborene Zoni Weisz entstammt einer Sinti-Familie aus den Niederlanden. Der größte Teil seiner Familie wurde während des Holocaust ermordet. Er überlebte aufgrund glücklicher Umstände.

Zoni Weisz erzählt für dieses Hörbuch von seinem „guten Leben“, von seiner Familie und von der großen Sinti-Gemeinschaft in den Niederlanden. In Sinti-Familien wird nichts schriftlich dargelegt, aber weitererzählt von Generation zu Generation – Geschichten erzählen abends am Lagerfeuer als Kunst und zur Bewahrung der eigenen Kultur – und so tut er das hier auch für uns.

„Und es fängt immer klein an. Mit Mitlaufen 1933 und diese Mitläufer werden dann Mittäter.“

Die Familie ist lange Zeit mit einem von Pferden gezogenen Wohnwagen unterwegs – eine wunderbare Kindheit, sagt Weisz. Doch dann beginnt 1942 auch die Verfolgung durch die Nazis in den Niederlanden. Sein Vater, ein Musiker und Instrumentenbauer, mietete schließlich einen Laden an, um nicht aufzufallen. Doch kurze Zeit später wurden alle Sinti und Roma in ein Lager gebracht und später deportiert. Der 7-jährige Zoni überlebte nur deshalb, weil er an jenem Tag bei seiner Tante war und kurz danach durch die Hilfe eines niederländischen Polizisten vor der Deportation nach Ausschwitz gerettet wurde.

„Ich kann ihnen nicht sagen, was man fühlt hier als Kind, wenn man hört, dass Vater, Mutter, Schwester, die ganze Familie verhaftet worden ist.“

Eine Zeit des Versteckens folgt. Dann nach der Befreiung das Aufatmen. Zoni lebt zunächst bei den Großeltern und beginnt mit 13 schon zu arbeiten. Durch Zufall landet er in einem Blumengeschäft und entdeckt sein Talent für Floristik. Er absolviert eine Ausbildung in Gartenbau und Blumenbindekunst und schließt sie erfolgreich ab. Als er die Einberufung zum Militär erhält, meldet er sich freiwillig 1957 nach Surinam (damals holländische Kolonie). Danach gelingt es ihm beim besten Floristen der Niederlande Arbeit zu finden. 1963 übernimmt er das Blumengeschäft seines Chefs. Der wissbegierige junge Mann bildet sich weiter und beginnt schließlich mit Kunstmuseen zusammen Ausstellungen zu kreieren. 24 Jahre lang geht er dieser Tätigkeit nach und gestaltet sogar 2002 Blumengebinde für das niederländische Königshaus.

„Und dann kommt wieder das Stigma: Das einzige was Zigeuner tun ist Stehlen und Leben auf Kosten der Gesellschaft“

Bereits seit dem Mittelalter gibt es Verfolgungen der Sinti und Roma. Weisz erzählt von seiner Kultur, von den ganz eigenen Gesetzen und Lebensweisen, von deren Bewahrung, aber auch über seinen Wunsch nach Offenheit und Weiterentwicklung. Niemals klagt Weisz an, er plädiert für gegenseitigen Respekt.

Interessant, dass auch Zoni Weisz hier von seinen Träumen spricht, von Albträumen über Todesmärsche, die er selbst gar nicht erlebt hat. Hier gibt es eine direkte Verknüpfung zur These von Barbara Hahn in ihrem Buch „Endlose Nacht“ , in dem sie auf kollektive Träume dieser Zeit hinweist.

Zoni Weisz engagiert sich, er geht in Schulen und erzählt, hält Vorträge, klärt auf. 2011 hielt er eine Rede zum „Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus“ vor dem Deutschen Bundestag, wie er sagt, auch um zu zeigen, dass es Überlebende gibt und damit die Geschehnisse nicht in Vergessenheit geraten … in unserer Zeit wichtiger denn je.

Die Musik auf der CD ist Sinti-Musik von Tara Mirando & His Gipsy Orchestra. Mehr über dieses Hörbuch findet sich hier: http://www.verbrecherverlag.de/book/detail/828

J. J. Voskuil: Schmutzige Hände/Plankton Das Büro 2/3 Verbrecher Verlag

„Es sind die virtuos getimten Wiederholungen, die Running Gags, könnte man fast sagen, die „Das Büro“ trotz all des Leidens und des Grübelns zu einem unwiderstehlichen komischen Buch machen“

So schreibt Pieter Steinz im Nachwort des zweiten Bandes von „Schmutzige Hände“.
Das und die Charaktere, die weniger über Beschreibungen, als über ihre Handlungen Kontur bekommen, ist Teil des Geheimnisses, dass diese Romane so speziell und wunderbar macht.

Nach Teil 1 des süchtig machenden Romanwerks knüpfte ich ohne Pause sofort an den zweiten Teil an und weiter an Band 3. Es ist unglaublich, aber selten habe ich mich so auf meine Lesezeit gefreut und sie so dringlich gefunden wie bei Voskuil.

Scheint in Band 2, also in den Jahren 1965 bis 1972 noch alles so weiterzulaufen wie in Teil 1, ändert sich für mich der Ton im Büro seit dem dritten Band von 1972 bis 1975 enorm. Was im Büro in Band 2 noch weitgehend spielerisch und  nicht ernst zu nehmen scheint, die vielen Reisen zu Kongressen, Sitzungen oder Umfragen verlaufen meist noch einigermaßen erträglich, das Zuhause erholsam, wandelt sich in „Plankton“ unabänderlich in Richtung Leistungsgesellschaft. Immer mehr Arbeit gibt es, das Büro wächst seit dem Umzug in die Kaisersgraacht und Maarten ist als Abteilungsleiter und somit für mehrere Angestellte Ansprechpartner, mitunter überfordert. Jegliches muss belegt und begründet werden, die Arbeit wird kostenorientierter und bürokratischer, es gibt bereichübergreifende Umstrukturierungsmaßnahmen. Bei Maarten wechseln sich Traurigkeit und Wut ab. Er ist immer mehr auf der Suche nach dem sicheren Ort, doch selbst in seinen Träumen und im Urlaub verfolgt in das Büro.

„Als er endlich eingeschlafen war, träumte er, dass er ein Buch über das Büro geschrieben hatte, ein Mittelding zwischen einem Roman und einem wissenschaftlichen Werk. Aus letzterem Grund hatte es de Heer, der Vorsitzende der Kommission Volkssprache, gelesen. Er gab es ihm zurück und sagte, dass es ihn sehr enttäuscht habe: alles Lügen.“

Der Krankenstand im „Büro“ steigt und auch Maarten ist nicht gefeit davor. Ihn plagen Magen- oder migräneartige Kopfschmerzen, doch als verantwortungs (- und schuld) bewusster Angestellter lässt er sich von der eigentlich ungeliebten Arbeit mehr und mehr vereinnahmen. Auch zuhause nach Feierabend geht der Kampf oft weiter, Nicolien, die mit ihrer zunehmend dementen Mutter zu tun hat, spart Maarten gegenüber nicht mit Vorwürfen  und auch das soziale Leben bleibt größtenteils auf der Strecke. Maarten selbst scheint mehr zu reflektieren als bisher, dennoch kann er nicht aus seiner Haut.

„Findest du das nicht komisch?“
„Nein, komisch nicht. Ein Freund von uns hat schon zweimal in einer Einrichtung gesessen. Übrigens auch jemand vom Büro.“
„O ja?“, sagte sie überrascht.
Er stand auf und streckte die Beine. „Man muss das Büro einfach als eine Einrichtung betrachten. Wenn man das macht, wird der Rest von selbst wieder normal.“

Mehr und mehr Kollegen gehen in Ruhestand, Frau Moederman beispielsweise und statt ihrer ist es nun Wiegersma, der Kartenzeichner, der beim Reden leicht mit dem Kopf wackelt. Manche Neuen kommen dazu – Voskuil schafft es einzigartige Charaktere zu zeichnen – und müssen eingearbeitet werden, mehr Frauen nun, seit Beerta nicht mehr die Einstellungsgespräche führt. Maarten streitet als Redakteur der Zeitschrift „Ons Tijdschrift“, kämpft mutig auf einem Kongress um Erneuerungen im Vorstand für den „Europäischen Atlas“ und bemüht sich um stimmiges Verhalten seinen Untergebenen gegenüber. Doch zufrieden mit sich ist er nie, oft geraten seine Gefühle außer Kontrolle.

Am Ende des dritten Teils erleidet Beerta einen Schlaganfall und  Maartens Vater stirbt. Ich habe selten so berührende echte Szenen am Sterbebett in einem Roman gelesen, wie die, die Voskuil hier schildert. Hier zeigt sich die Stärke dieses Autors auf ganz besonderse Weise …

„Zum ersten Mal wurde ihm richtig bewusst, dass sein Vater tot war, und dem gesellte sich das Bewusstsein hinzu, dass es auch mit Beerta vorbei war, sein leiblicher und sein geistiger Vater. Er war allein.“

Jeder der meinen Blog verfolgt, weiß, dass ich seit dem ersten Band der „Büro“-Sucht verfallen bin. Und wenn man bedenkt, dass jeder Band zwischen 800 und 1000 Seiten hat, und ich jetzt schon versuche „sparsam“ zu lesen, damit es nicht so bald vorbei ist, wird klar, dass „Das Büro“ für mich hellstes Leuchten ist.

Der Romanzyklus „Das Büro“ des Niederländers  J. J. Voskuil ist im Verbrecher Verlag in feiner Ausstattung in der großartigen Übersetzung von Gerd Busse erschienen. Er besteht aus 7 Bänden, wovon 5 bereits auf Deutsch erschienen. Band 1 habe ich bereits hier besprochen. Eine Leseprobe gibt es hier.

Margriet de Moor: Schlaflose Nacht Hörbuch Hamburg

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Magriet de Moor ist eine der großen Schriftstellerinnen der Niederlande. Ihre Novelle „Schlaflose Nacht“ erschien bereits 1989 in den Niederlanden und 1994 in deutscher Fassung. Nun ist eine neu übersetzte und leicht überarbeitete Fassung wieder aufgelegt worden. Da ich die Bücher dieser Autorin immer sehr mochte, das Buch, nicht jedoch das Hörbuch in der Bibliothek ausgeliehen war, habe ich mich einmal wieder aufs Zuhören eingelassen. Gut geeignet ist diese Novelle, vor allem weil es aufgrund der Kürze der Geschichte eine Komplettlesung ist. Zwei CD´s, zwei Stunden eintauchen in die Geschichte, sehr schön gesprochen von der Schauspielerin Ulrike C. Tscharre.

Es geht um ein Thema, dass Margriet de Moor immer schon umtreibt: Die unerklärlichen Fragen in Liebesbeziehungen, die unsichtbaren Fäden, die Liebespaare verbinden. Die Autorin beherrscht dieses Thema so gut, dass man sich den Fragen, die sie in ihren Geschichten stellt, sofort hingibt. Dabei zeigt sich de Moors musikalisches Talent, sie studierte Klavier und Gesang, auch im Geschriebenen. Ihre Texte sind perfekt durchkomponiert, ihre Sprache klingt und schwingt virtuos und vielstimmig.

Eine Frau steht nachts in ihrer Küche und beginnt Kuchen zu backen. Sie tut das regelmäßig. Ihre Schlaflosigkeit begleitet sie schon lange, das Rühren und Teig bearbeiten beruhigt sie und gibt ihr neue Kraft. Während oben im Schlafzimmer ihres Hauses schlafend ein Mann im Bett liegt, den sie am Morgen erst kennengelernt hat, lässt sie uns Leser an ihren Erinnerungen teilhaben, die nun mehr über 13 Jahre zurückliegen: Ton, ihre große Liebe beging mit 25 Jahren Selbstmord, etwas über ein Jahr war sie mit ihm verheiratet, glücklich, und doch griff er zur Pistole und schoss. Beim Schlittschuhlaufen als Studenten lernten sie sich kennen und retteten sich gegenseitig beim Einbruch ins zu dünne Eis. Es war Liebe auf den ersten Blick. Von da an sind sie unzertrennlich.

Keinen Abschiedsbrief hinterlässt Ton, nichts war geschehen, was auf diese Tat hätte hinweisen können. Und so muss sie mit diesem „wahnsinnigmachenden“ Geheimnis, mit der Unklarheit allein weiterleben. Sie verlässt das Haus und die Kleinstadt nicht, arbeitet als Lehrerin, bindet sich jedoch nicht neu. Sie lernt aufgrund von Kontaktanzeigen andere Männer kennen, doch hält sie immer Distanz, es bleibt bei Ein-tags/nachts-liebeleien.

„Ich kenne das. Meist bin auch ich sehr müde. Es lässt sich kaum in Worte fassen, wie anstrengend es ist, einen Tag mit einem Unbekannten zu verbringen. Oft genug hatte ich Mühe, die Augen offen zu halten, bis das gleichmäßige Geräusch einsetzte, das sichere Zeichen, dass auch ich mich auf die Seite drehen konnte.“

Doch diesmal scheint die Begegnung etwas anders zu sein. Eine Vertrautheit ist da, beinahe so etwas wie Nähe entsteht im Verlauf des Tages. Und während sie auch diesmal nicht schlafen kann, stattdessen Kuchen bäckt, lauschen wir den Stimmen in ihrem Kopf, lauschen den Vermutungen und Ideen, wer ihr Mann wirklich war, was sie eigentlich wirklich über ihn wusste. Und im Verlaufe der Nacht, findet sich zwar wie immer keine Klarheit, jedoch eine gewisse Zustimmung, ein Einverstandensein, ein Loslassen, vielleicht mit Aussicht auf etwas Neues …

Das Hörbuch „Schlaflose Nacht“ von Margriet de Moor erschien bei Hörbuch Hamburg. Die Neuübersetzung der Novelle stammt von Helga von Beuningen. Eine Hörprobe findet sich hier.