Regina Dürig: Federn lassen Literaturverlag Droschl

Vielleicht passt es ja zur Zeit, dass ich mir gerade offenbar vor allem sehr dunkle Lektüre aussuche. Jedenfalls reiht sich „Federn lassen“ von Regina Dürig in diese Abfolge ein. Schon in der Vorschau wirkte es auffällig aufgrund seines besonderen Formats und auch wegen des kräftigen Schwarz/Weiß Coverbilds. Auch das Genre, dass als Novelle bezeichnet wird, gibt es ja nicht so häufig. Ich war gespannt.

Regina Dürig beschreibt eine weibliche Kindheit, Jugend, ein Erwachsenwerden und schließlich sein, in einzelnen Kapiteln, die immer einem Alter zugeordnet sind. Beginnend mit der Vierjährigen, endend im Alter von 38.

„Du bist vier
und spielst am liebsten

mit dir alleine
das beunruhigt deine Eltern
weil Kinder
doch so gerne
mit anderen Kindern
spielen
sagen sie“

Tatsächlich ist der Text in Versform gedruckt und da passt das Format ja gut. Aber ein Gedichtzyklus, wie ich erst vermutete ist es dann doch nicht. Dazu fehlt mir etwas. Doch eine Novelle ist es auch nicht wirklich, oder etwa doch?

  • Das zentrale Element ist immer eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe, 1827). Ins Neudeutsche lässt sich diese Begebenheit ganz gut mit „Skandal“ oder einem „außergewöhnlichen Ereignis“ übersetzen. Eine normale Alltagssituation ist folglich nie Inhalt einer Novelle. (Quelle: wortwuchs.net)

Was im Text geschieht, sind „unerhörte Begebenheiten“ und zwar im Wortsinn. Skandale sind es leider nicht. Und leider sind es vermutlich viel zu sehr Alltagssituationen, als es wünschenswert wäre.

  • Die erzählte Begebenheit ist unerhört, neuartig, außergewöhnlich oder auch in der Geschichte ungewöhnlich, aber eben berichtenswert und in der Erfahrungswelt des Lesers „neu“. Diese Begebenheiten widersprechen dem für wahrscheinlich gehaltenen Gang der Dinge und erscheinen folglich als ungeheuerlich. (Quelle: wortwuchs.net)

Das Buch hat bei mir sofort funktioniert. Wenn man es als Frau liest, springen einem in den einzelnen Kapiteln, jede Menge Szenen entgegen, die man im Leben selbst schon höchst unangenehm erlebt hat. Ist man dazu noch als Kind ein stilleres, in sich gekehrtes, womöglich hochsensibles Mädchen gewesen, kann man sich beinahe vollständig mit dem Inhalt identifizieren. So ist also für mich, der Inhalt nicht neu, allerdings auf jeden Fall berichtenswert und eigentlich ungeheuerlich. Denn passieren sollten diese Dinge in unserer heutigen reflektierten, emanzipierten Gesellschaft nicht mehr.

„Du bist fünf
und wirst

in die Pantomimegruppe
geschickt damit du
endlich mal aus dir
rauskommst
was wäre für den Fall
dass du in dir drinbleiben
willst dazu sagt
niemand was“

Dürig zeigt die Übergriffe – psychische und physische, sexuelle und emotionale – genau, sei es in der Kindheit, in der der „Teller leer gegessen werden muss“ oder Ablehnung herrscht, weil der neugeborene Bruder so viel „richtiger“ ist und später sich so viel mehr erlauben kann als das Mädchen. Die Anlehnung an die Gedichtform, die plötzlichen Zeilensprünge, die Zeit zum Durchatmen lassen, passen hier durchaus gut.

„Während
dein Bruder größer
und wacher wird und
lacht siehst du in den
Augen deiner Eltern wie
ein Kind sein sollte
ungestüm unerschrocken
nicht angefüllt mit
Fragen bis obenhin
ob es allen besser
ginge ohne dich
zum Beispiel“

Sei es als Teenager, Heranwachsende. Sei es das Mobbing in der Schule, das Nichtgewähltwerden beim Schulsport, der Arzt, der die Schmerzen als Verweichlichung verharmlost und belächelt.

„er rät dann
an deine Mutter gewandt
dass sie dich anmelden
sollte zu einem Mannschaftssport
mit rauem Körperkontakt
damit du lernst ein bisschen
Schmerz auszuhalten und
deine Wahrnehmung sich abhärten
kann am Wesen der Welt“

Seien es die Übergriffe der Jungs nach der Party, die Eifersucht und Beschuldigung der besten Freundin. Und schließlich als Frau, die immer wieder sexuellen Angriffen verschiedenster Art ausgesetzt ist, mit Chefs die im Konkurrenzwettbewerb immer die Arbeit von Männern vorziehen und das direkt so herablassend mitteilen, mit Männern „die ihr die Welt erklären“ oder wenn sie bei bestimmten hastigen Bewegungen die Hände schützend vors Gesicht hält, weil da eben oft genug schon Schläge kamen.

„ein Ratschlag von ihm
an dich als Mensch
weichliches Wesen das
die Natur als zu
umwerben vorgesehen hat
und das evolutionär nicht
fähig ist sich zu behaupten
in diesem Kreislauf aus Wettbewerb“

Das, was zwischen den Zeilen steht, das ist die Angst, die Scham, die Überforderung, die empfundene Wehrlosigkeit, aber später auch die Empörung und die Wut. Dabei ist es weder Klage noch Anklage, eher eine sehr nüchterne Betrachtung und gerade deshalb sehr wirksam. Regina Dürig ist Jahrgang 1982, also wesentlich jünger als ich, und ich hatte eigentlich gehofft, dass sich in diesen vielen Jahren wesentlich mehr beim Thema Gleichberechtigung getan hat. Dieses Buch ist schon aus diesem Grund wichtig, aber auch weil die Form, innere und äußere, tatsächlich dem ganzen eine größere Gewichtigkeit gibt und die gewählte Sprache das ganze trägt. Ein Leuchten!

„Federn lassen“ erschien im Literaturverlag Droschl. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.