Eva Menasse: Dunkelblum Kiepenheuer & Witsch Verlag

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Es geht sich aus! Es geht sich ganz wunderbar aus!
Viele Tassen Kaffee und einige Mehlspeisen lang hatte ich riesige Freude an dieser opulenten Lektüre. Eva Menasses neuester Roman „Dunkelblum“ scheint mir auch ihr bester bisher zu sein. Ich erinnere mich noch gut an ihren ersten Roman Vienna, den sie damals 2005, ich war noch als Buchhändlerin tätig, im Café Einstein in Berlin bei einem köstlichen österreichischen Menü vorstellte. Seitdem sind einige weitere Romane erschienen, nicht alle davon habe ich gelesen, aber hier hat mich die Leseprobe schon absolut überzeugt. Auf über 500 Seiten breitet sie hier ein irres Panorama einer österreichischen Marktgemeinde aus, Dunkelblum genannt, aber angelehnt an die Geschichte des real existierenden Rechnitz im Burgenland. Über das „Massaker von Rechnitz“ kann man auf Wikipedia lesen, ich empfehle aber erst den Roman, denn von Menasse nachkonstruiert und auserzählt, ist es schon noch einmal etwas anderes.

1989: Es beginnt mit der Anreise des Dunkelblumer Lowetz, der sehr bald als junger Kerl dem Heimatort an der Grenze zu Ungarn den Rücken gekehrt hat und in der Hauptstadt lebt. Er kommt, um sich um den Nachlass seiner gerade gestorbenen Mutter zu kümmern, eine Verbindung zu ihr hatte er nicht mehr. Doch der Einzug ins Elternhaus und die Gespräche mit den alteingesessenen Dunkelblumern lassen ihn rasch wieder in den Ort eintauchen. Er lernt Flocke kennen, die Tochter des einzigen Bioweinbauern vor Ort, die auch nur zu Besuch ist und den Ehrgeiz hat eine Art Heimatmuseum aufzubauen; allerdings anders, als sich das die Einheimischen vorstellen. Der Reisebürobesitzer Rehberg, der an einer Dunkelblumer Chronik arbeitet und eben Lowetz` Mutter recherchierten mit ihr zusammen für dieses Projekt.

Etwa zur gleichen Zeit taucht auch ein vermeintlich Fremder namens Gellért auf, der sich augenscheinlich ebenfalls für die Dunkelblumer Geschichte interessiert, vor allem für die Zeit kurz vor Ende des zweiten Weltkriegs. Er verwickelt die Bewohner freundlich in Gespräche und stellt Fragen. Viele können, oder vielleicht eher wollen, sich nicht mehr erinnern.

„Man tat, wie man geheißen wurde, und schwieg, so war das damals. Und später war es auch so.“

Gleichzeitig widmet sich eine Gruppe Wiener Geschichtsstudenten der Verschönerung des Jüdischen Friedhofs, der sehr lange sich selbst überlassen blieb. Die Studentin Martha begleitet die Aktion mit ihrer Kamera. Sie spielt später noch eine große Rolle gegen Ende des Romans.

Wir lernen nach und nach verschiedene Mitglieder der Ortschaft kennen. Menasse schafft es hier wunderbar die einzelnen Charaktere herauszuarbeiten und auch in Bezug zu der persönlichen Familiengeschichte zu setzen. So wimmelt es bald von Namen und Persönlichkeiten, die man später nicht unbedingt immer zuordnen kann, aber das spielt so gar keine Rolle, weil die Lektüre einen einfach weitertreibt und vollkommen fasziniert über die Geschehnisse staunen lässt. Da gibt es beispielsweise die resolute Resi Reschen, die das Hotel Tüffer führt, in welchem sie ihre Lehre begann und welches sie nach der Flucht der jüdischen Eigentümersfamilie Tüffer eigenständig weiterführte.  Da gibt es die schöne Leonore, die aus einem Nachbarsort eingeheiratet hat und ehrgeizig mit ihrem Mann, dem Toni Malnitz, aus dem eigenen Weingut einen Biobetrieb mit anspruchsvoller Hotellerie gemacht hat. Sie ist auch die Mutter von Flocke, aber Malnitz ist nicht der Vater. Da gibt es den bald pensionierten Hausarzt Sterkowitz, der damals frisch aus dem Studium plötzlich die Arztstelle übernehmen musste, weil der ansässige jüdische Arzt Bernstein den Ort verlassen musste. Da ist Antal Grün, ein KZ-Überlebender, der wieder nach Dunkelblum zurückkehrt und einen Laden eröffnet. Da gibt es den phlegmatischen Bürgermeister Koreny, der sich mit dem Wasserwirtschaftsamt herumschlägt, den öko-angehauchten Faludi-Bauer und den Obstbauer, den geflickten Schurl und viele andere mehr. Es ist ein großes Vergnügen zu lesen, wie die Autorin hier mit der Sprache und den speziellen österreichischen Begrifflichkeiten spielt.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.
Und daher geht es quasi direkt nach den alten Römern mit den Russen weiter, mit der erbärmlichen, demütigenden Nachkriegszeit, in der man sich anstrengen musste, um den Unterschied zwischen Deutschen und Österreichern endlich wieder herauszuarbeiten – das war historisch noch nie dasselbe, bitteschön!“

Dunkelblum gelangt mehr und mehr aus dem Ruder, als zuerst bei Grabungen ein altes Skelett gefunden wird, dann ein Flüchtling aus der DDR auftaucht, der über die ungarische grüne Grenze kam, Flocke verschwindet und der inzwischen wieder ansehnliche jüdische Friedhof mit Schmierereien geschändet wird. Plötzlich nach so langer Ruhe kommt Bewegung in den Ort, kommen Journalisten, gelangen Menschen durch den Eisernen Vorhang. Wie es geschieht, dass dann doch nach über 50 Jahren Schweigen über die grauenhaften Taten der Nazis kurz vorm Ende des zweiten Weltkriegs einer den Mund aufmacht, der wirklich große Schuld trägt und das auch noch vor der Kamera der jungen Martha, ist auch der Mithilfe von Gellért zu verdanken, der, man ahnte es schon, ebenfalls aus Dunkelblum stammt und fliehen musste:

Im Schloss der Gräfin feierten Nazigrößen noch kurz bevor die Russen eintrafen ein riesiges Gelage. Und in dieser Nacht wurden unzählige jüdische Zwangsarbeiter, die den Südostwall zum Schutz des Landes graben mussten, mithilfe Dunkelblumer SS-Schergen und der Hitlerjugend gewaltsam hingerichtet und dort verscharrt. Im realen Reckwitz hat man die Toten trotz vieler Grabungen niemals gefunden. In den umgebenden Gemeinden, in denen ähnliches geschah, aber schon. Eva Menasse hat unglaublich viel recherchiert für diesen Roman und ihn sehr breit angelegt. Ihr ist es unglaublich gut gelungen zum Schluss hin alle vielleicht zeitweise verwirrenden Fäden zu einem stimmigen Ende zusammenzubringen und richtig gute Literatur zu machen. Unbedingte Empfehlung!

Das Buch erschien im Kiepenheuer & Witsch Verlag.

Film–Kunst–Film: Schachnovelle Film von Philipp Stölzl 2021 nach Stefan Zweigs gleichnamiger Novelle

Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich ab und an auch Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Schachnovelle von Stefan Zweig las ich schon vor sehr langer Zeit. Es muss in der Ausbildung zur Buchhändlerin (also vor über 30 Jahren) gewesen sein. Sie hat mich sehr nachhaltig beeindruckt. Nun hatte ich Kinokarten bei einer Verlosung vom Diogenes Verlag gewonnen für die gerade angelaufene Neuverfilmung von Philipp Stölzl und habe deshalb die nur knapp 100 Seiten zählende Novelle vorher noch einmal gelesen. Meine Taschenbuchausgabe ist aus dem Fischer Verlag von 1988. Auch beim erneuten Lesen stellte sich wieder die Freude über dieses Buch, über Stefan Zweigs Können ein.

Umso gespannter war ich auf den Film. Mit Verfilmungen ist es ja oft so eine Sache, aber diese hat mir ausgesprochen gut gefallen, obgleich durchaus Veränderungen zur Buchvorlage vorgenommen wurden. Im Buch beginnt es mit einem Erzähler, der sich auf einer Schiffspassage von New York nach Buenos Aires befindet. Das könnte durchaus eine autobiografische Szene sein, denn Stefan Zweig musste Österreich in der NS-Zeit verlassen und nach Südamerika ins Exil gehen.

Im Film ist die Anfangsszene ganz anders gestaltet. Der Notar Dr. Josef Bartok lebt mit Frau Anna gut betucht in Wien und verdrängt den geplanten Einzug der Deutschen nach Österreich. Doch noch bevor er die Stadt verlassen kann, wird er von der Gestapo verhaftet. Er soll die Nummernkonten seiner Klienten verraten, weil die Nazis das Vermögen an sich bringen wollen. Er wird im Hotel Metropol, nun Sitz des Gestapo-Hauptquartiers, in einem kleinen Zimmer wie in Isolierhaft gehalten und zwischendurch zu Verhören geholt. Als er heimlich an ein Buch gelangt, was Ablenkung zu versprechen scheint, ist es ausgerechnet ein Schachbuch. Er lernt alle Partien auswendig, wird zum fanatischen Spieler im eigenen Kopf, sein Bewusstsein spaltet sich, um gegen sich selbst spielen zu können und er verliert sich letztlich vollkommen bis zum Zusammenbruch. Als er schließlich nach einem Jahr als psychisches Wrack auf freien Fuß gesetzt wird mit Anordnung das Land zu verlassen, begibt er sich mit neuen Papieren auf ein Schiff Richtung New York. 

Während im Buch die Zeit in der Haft recht kurz gehalten ist, wird sie im Film stark ausgebaut. Es gibt einige brutale Szenen, die man im Buch nicht findet. Doch die Art und Weise dieser Gefangenschaft, kommt durch die Kameraführung und die immerfort düsteren Lichtverhältnisse gut zur Geltung. Auch die Szenen auf dem Schiff, auf dem immer schlechtes Wetter und trübe Dunkelheit herrscht, unterscheiden sich leicht vom Buch. Hier wird Bartok, der sich nun van Leuwen nennt, zufällig Zeuge einer simultanen Schachpartie zwischen dem ebenfalls anwesenden Schachweltmeister Czentovic (über dessen Werdegang man im Buch sehr viel mehr erfährt) und einigen Passagieren, die natürlich fortwährend verlieren. Er mischt sich ein und erreicht so immerhin ein Remi. Alle sind begeistert und laden ihn auf eine Partie allein gegen den Weltmeister ein. Eine Partie, die ihn in die Gefahr bringt, wieder dem Wahnsinn anheim zu fallen, sich wieder eine „Schachvergiftung“ zu holen. Auch das Ende ist im Film anders als im Buch. Gut wird jedoch bei beiden das Motiv herausgearbeitet, das aufzeigt, dass beim Schachspiel wohl immer versucht wird, den Willen des Gegners zu brechen, was letztlich für einen Gewinn Bartoks über die Gestapo spricht.

„Selbstverständlich bin ich mir heute ganz im klaren, daß dieser mein Zustand schon eine durchaus pathologische Form geistiger Überreizung war, für die ich eben keinen anderen Namen finde als den bisher medizinisch unbekannten: eine Schachvergiftung. Schließlich begann diese monomanische Besessenheit nicht nur mein Gehirn, sondern auch meinen Körper zu attackieren.“

Für mich ist das Buch ein kleines Meisterwerk, was natürlich an der Form und der Sprache liegt, die Zweig hier großartig gelingt. Und doch hat auch der Film mich beeindruckt, was sicher überwiegend an der großartigen Leistung des Schauspielers Oliver Masucci liegt. Wie er die Wandlung vom gut situierten Wiener Notar über den psychisch gefolterten, aus Not immer bessessener werdenden Schachspieler bis zum erschöpften, ins Exil Flüchtenden darstellt ist sehr gekonnt. 

Die Schachnovelle ist das einzige Buch Zweigs, das die politische Gegenwart behandelt. Zweig schrieb sie zwischen 1938 und 1941 im brasilianischen Exil. Und auf diesen 100 Seiten spiegelt sich beispielhaft das ganze Ausmaß der Geschehnisse beim und nach dem Anschluss von Österreich ans Deutsche Reich unter Hitler. Etwas, das Zweig selbst miterlebte und was ihn schließlich bewog Wien zu verlassen. Ein Schicksal, welches stellvertretend für so viele steht.

Hier gehts zum Trailer auf der offiziellen Website: https://www.arthaus.de/kino/schachnovelle

Ebenfalls empfehlenswert der Film „Vor der Morgenröte“ von Maria Schrader über Stefan Zweigs Exil in Südamerika. Hier meine Besprechung dazu: https://literaturleuchtet.wordpress.com/2017/05/14/film-kunst-vor-der-morgenroete-dvd-film-von-maria-schrader/

Angela Lehner: 2001 Hanser Berlin Verlag

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Nach ihrem Debüt „Vater unser“ erschien nun Angela Lehners neuer Roman „2001“. Es ist ein sehr junger Roman, zumindest strotzt er nur so von Jugendsprache und die am häufigsten verwendeten Worte sind „Fick dich“, „Fuck“ und „Alter“. Nichts desto trotz passt eben genau diese Sprache zum Inhalt, zu den „vergessenen“ Jugendlichen in einem Ort namens Tal in Österreich. Tal heißt auch der fiktive Ort, in dem die Geschichte spielt, in den sommers wie winters die Touristenhorden einfallen, die damit jedoch auch den ein oder anderen Arbeitsplatz sichern, wenn schon der größte Arbeitgeber, die Milchfabrik, weil sie nicht mehr rentabel war, schließen musste.

„Unsere Stadt heißt Tal und das ist alles, was man wissen muss.“

Die Geschichte erstreckt sich etwa über die Dauer eines Schuljahrs, beginnend mit Jänner. Die Hauptfigur Julia geht in die letzte Klasse der Hauptschule im Ort. Ihre Klasse wird auch unter der Hand „der Restmüll“ genannt. Doch ihre Interessen gelten nicht den Schulfächern, sondern vor allem der Rap-Musik. Mit ihrer Clique, „die Crew“ genannt, zieht sie an Wochenenden durch die Kneipen, soweit dort erwünscht, oder eben an die diversen anderen Treffpunkte am Wasserfall oder im Keller eines der Crewmitglieder. Julia schwänzt oft die Schule, sitzt zuhause vor der Glotze und trinkt Fertigcappuccino und ist Käsebrot. Ihr Bruder ist ehrgeiziger, er will studieren und auch andere aus der Crew, wie etwa Bene haben Ideen, wie die Zukunft aussehen könnte. Sie versuchen Julia wiederholt beim Lernen zu helfen, doch Julia drückt sich immer wieder.

Auch als der Geschichtslehrer im Unterricht ein Experiment ausprobieren möchte, ist Julia mehr oder weniger die Einzige, deren Interesse nicht geweckt wird. Das „Experiment“ war auch das, was mich an diesem Roman anfangs am meisten gelockt hat. Ich dachte an so etwas wie in „Die Welle“. Tatsächlich aber geht es um wichtige Personen aus der Zeitgeschichte und deren Darstellung durch die Schüler. Nicht ganz so spektakulär und doch schafft es der Lehrer das Interesse vieler Schüler zu wecken und einige beweisen großen Einfallsreichtum, ja ausgezeichnete Schauspielkunst. Dass das Experiment letztendlich dem Lehrer als Profilierung dienen soll, stößt bitter auf.

Die Beziehungen der Klasse untereinander verändern sich in diesem Schuljahr, so wie das in diesem Alter wahrscheinlich immer ist. Erste Verliebtheit kommt ins Spiel, oder zumindest das Schwärmen für den oder die. Julia ist heimlich verliebt in Tarek (der mitunter auch Rassismus zu spüren bekommt). Doch ihre beste Freundin Melli ist die Auserwählte, nachdem sie Julias Bruder einen Korb gegeben hat. Einer aus der Clique driftet weit nach rechts ab, einer outet sich als schwul. Ein Konzert der Lieblings-HipHop-Gruppe steht im Ort an und Julia sieht und bekommt ihre Chance, sich als Rapperin in der Öffentlichkeit zu zeigen. Als Höhepunkt der Geschichte zeigt sich schließlich die gewalttätige Eskalation zwischen einer rechten Gruppe und Teilen der „Crew“, bei dem Melli und Julia sich nicht unterkriegen lassen und dennoch auf der Polizeiwache landen. Die Vorkommnisse schweißen sie allerdings wieder eng zusammen.

Und immer schwebt die Atmosphäre der Verlorenheit über der Geschichte. Denn es ist trotz kleiner Bewegungen im Freundeskreis kaum Veränderung in Sicht und es bleibt eben nur wenig Spielraum für neue Wege. Wer hier aufwächst, hat es schwer. Wer hier im Ort, in diesem Viertel bleibt, verfällt in Stagnation und gibt auf. So wie Julias Mutter, die im ganzen Roman unsichtbar bleibt und erst in der Schlussszene auftaucht, aber auch da nur als Schatten vor dem Fernseher, vor dem Schatten des Attentats am 11.9.2001 in New York auf die Zwillingstürme.

„Die Schule ist vorbei. Jedes Unglück ist passiert und meine Welt ist zum Stillstand gekommen. Hier ist sie also: meine Zukunft.“

Angela Lehner trifft mit ihrem Erzählton immer wieder ins Schwarze. Trotz der rauen ruppigen Sprache gibt es immer wieder Stellen, die zum Totlachen sind, auch wenn sie teils zugleich sehr traurig sind. Und auch die Hauptfigur ist trotz ihrer jugendlichen Rotzigkeit oder vielleicht gerade deshalb eben irgendwie auch sympathisch.

Das Buch erschien im Hanser Berlin Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Monika Helfer: Vati Der Hörverlag

Gerade ein Jahr nach dem Roman Die Bagage, den ich auch als Hörbuch hier besprochen habe, gibt es nun „Vati„, wieder von Monika Helfer selbst eingelesen. Nachdem sie in „Die Bagage“ die Familie ihrer Mutter vorstellte, spricht sie nun über ihren Vater. Immer mehr erinnern mich ihre kurzen Romane an die autobiographischen Bände von Annie Ernaux. Zwar hat jede ihren eigenen Stil zu erzählen, doch geben beide auch Einblick in eine Familienwelt, die auch immer die Gesellschaft dieser Zeit spiegelt. Bei Helfer ist es sogar der Wortschatz, der teilweise gar nicht mehr verwendet wird. Sie liest das Buch ungekürzt auf 4 CD`s ganz wunderbar mit ihrer ausdrucksvollen, rauhen, teils hinterfragenden Stimme. Denn sie hat natürlich recherchiert, aber die eigenen Erinnerungen und die der noch lebenden Familienmitglieder unterscheiden sich oft voneinander.

„Wir sagten Vati. Er wollte es so. Er meinte, es klinge modern. Er wollte vor uns und durch uns einen Mann erfinden, der in die neue Zeit hineinpasste. An dem eine andere Vergangenheit abzulesen wäre. Untertags und auch nachts denk ich an ihn, wie er da in seinem Lehnstuhl sitzt unter der Stehlampe, rundum die eigenen Kinder und fremde, zum Beispiel die vom Erdgeschoss. Ihr Ball rollt um seine Füße, unter den Stuhl, ihn schreckt es nicht. Er liest.“

So beginnt Monika Helfers Roman. Ihr Vater lernt schon vor dem ersten Schultag lesen und war schon als Kind den Büchern verfallen. In der Bibliothek des Vaters eines Schulkameraden liest er nicht nur, sondern beginnt die Bücher abzuschreiben. Er wird deshalb auch auch gefördert und darf aufs Gymnasium. Doch kurz vor der Matura wird er in den Krieg eingezogen. In einem Lazarett muss ihm der erfrorene Unterschenkel abgenommen werden, doch er lernt hier auch seine zukünftige Frau kennen, die als Krankenschwester da arbeitet. Wir kennen sie bereits aus „Die Bagage“. Bereits im Lazarett macht sie Josef einen Heiratsantrag.

Für den Vater, der auf der „Tschengla“, einem Ort in den österreichischen Bergen auf 1200 m Höhe, nur über eine Seilbahn zu erreichen, nach dem Krieg ein Kriegsopfererholungsheim leitet, ist es ein guter Schritt. Hier blüht er wieder auf. Einer der Stiftungsmitglieder spendet dem Heim eine große Bibliothek, die für den Vater ein Schatz ist. In der Abendschule macht er seine Matura nach. Der Familie geht es gut, die Kinder wachsen dort glücklich auf, bis das Heim zum Hotel ausgebaut werden soll. Aufgrund einer Buchprüfung glaubt der Vater Schuld auf sich geladen zu haben und begeht einen Selbstmordversuch mit Gift. Den Kindern wird das natürlich als „Versehen“ verkauft. Der Vater bleibt lang in der Klinik, die Mutter folgt bald darauf. Sie hat Krebs.

Die drei Schwestern Monika, Gretl und Renate leben nach dem frühen Tod der Mutter bei ihrer Tante Kathi in Bregenz, die selbst drei Kinder hat. Mit der Freiheit ist es nun aus. In beengten Verhältnissen wachsen die Mädchen heran. Der Vater lässt sich nicht mehr blicken, lebt eine Zeitlang nah am Absturz in Klausur in einem Kloster. Über ihn oder die Mutter wird nicht geredet. Viel später nach einer psychischen Krise, als der Vater wieder heiratet, nimmt er die Töchter wieder zu sich. Es geht wieder aufwärts. Er wird Finanzbeamter und übernimmt schließlich die Leitung der Gemeindebibliothek. Im Alter von 67 Jahren stirbt der Vater in der Bibliothek, beim Auspacken von Bücherkisten.

Nach „Die Bagage“ ist auch dieser Roman wieder sehr berührend. Ich selbst erinnere mich noch an Kinderzeiten, wo das Familienleben in der Küche stattfand, Hausaufgaben am Küchentisch gemacht wurden und das Wohnzimmer erst gegen Abend geheizt und betreten wurde. Das Hörbuch erschien beim Hörverlag, das Buch bei Hanser. Eine Hörprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

 

Maria Lazar: Leben verboten! Verlag Das vergessene Buch

„Ein Leben, das sich nicht verbieten läßt, weil es dafür, so wie für jedes Leben, denn doch noch einen anderen Wertmesser gibt als Geld, Valuta, Kaufpreis der Arbeitskraft und Brauchbarkeit im Produktionsprozeß.“

Bereits 1932 geschrieben ist der Roman „Leben verboten“ von Maria Lazar eine der schönen Wiederentdeckungen in der deutschsprachigen Literatur. Mich erinnerte das Buch sofort an „Der Reisende“ von Ulrich Alexander Boschwitz, an Mela Hartwigs „Inferno“ und sogar in der Art der Sprache an Irmgard Keun. Die österreichisch-jüdische Autorin Maria Lazar lebte, in Wien geboren, von 1895 bis 1948, wo sie in Schweden starb. „Leben verboten“ ist 1934 in einer englischen Ausgabe in ihrem Londoner Exil erschienen. Lazar war Dramaturgin und schrieb Stücke und Romane. Sie begegnete Literaten wie Canetti und Broch. Kokoschka hat sie porträtiert als „Dame mit Papagei“. Doch wie es so oft ist, wird sie als Frau so gut wie nie wahrgenommen oder erwähnt. Einfach vergessen.

Der Held in „Leben verboten“ ist ein Bankier, dessen Bankhaus jedoch in Konkurs zu gehen droht. Um das zu verhindern begibt sich einer der beiden Teilhaber, Ernst von Ufermann per Flugzeug von Berlin nach Frankfurt, um einen neuen Kredit zu erwirken. Kurz vor Abflug wird im die Brieftasche mit dem Flugschein gestohlen. Ufermann, der ohnehin ein wenig ängstlich wegen des schwierigen Treffens war, begibt sich erleichtert auf den Weg und lässt sich, was er sonst nie tut, durch die Stadt treiben. Nach Hause zu Frau und Villa mag er noch nicht und so geschieht es, dass er es zufällig aus der Zeitung erfährt: Er ist tot. Sein Flugzeug stürzte kurz nach dem Start ab, keine Überlebenden. Was nun? Ufermann ist klar, dass seiner Frau nun die riesige Lebensversicherung ausbezahlt wird und die Bank dadurch auch gerettet ist. Was tun? Ufermann, verwirrt und unentschieden wie er ist, taumelt durch die Stadt und gelangt schließlich in düstere Kreise: eine Prostituierte und ein Boxer schicken ihn, ausgestattet mit neuen Papieren und mit einem geheimnisvollen Päckchen, dass er ihm Zug über die Grenzen schmuggeln soll, auf die Reise nach Wien. Damit verdient er erstmal so viel Geld, dass er in dieser Stadt untertauchen kann.

Auf dieser Reise und dem anschließenden Aufenthalt tauchen wir Leser in Ufermanns reiche Gedankenwelt. So sehr er seinen künftigen Mitmenschen Rätsel bleibt, so viel erfahren wir über ihn und über die Zeit der Wirtschaftskrise, in der es massenweise Arbeitslose gibt, das Bürgertum teils verarmt und die Nationalsozialisten immer sichtbarer werden. Junge Menschen, die wenig Aussicht auf Arbeit haben oder als Studenten leben, werden geködert, sich für die große Sache einzusetzen. Ufermann gerät unwissentlich in diese Szene, weil er seinen Auftrag erfüllen und das Päckchen übergeben muss. Unterschlupf findet er dann im „Kabinett“ der Familie Rameseder durch einen der Burschenschafter, wo sich bald darauf die 15jährige Tochter in ihn verliebt. Ufermann spaziert fortan ziellos durch die Stadt und je mehr Zeit vergeht, desto weniger kann er sich ja seiner Frau und dem Teilhaber offenbaren. Dass es sich diese beiden nun öffentlich gemeinsam mit dem Geld aus der Versicherung gut gehen lassen, weiß unser Held nicht.

Er ist ja nun Versicherungsbetrüger, denkt er mehr als einmal. Es gibt ihn ja gar nicht mehr. Von Ufermann heißt er ja auch nicht mehr. Er ist überflüssig. Lazar drückt das im Text oft drastisch aus: Leben verboten!

„Wie sind sie in eine solche Zwangslage gekommen? Gestehen Sie! Mein ganzes Leben lang habe ich mich immer nur benützen lassen, von meiner Frau, der Firma, der Versicherungsgesellschaft, bis sie mir alle miteinander das Leben verboten haben. Verboten? Sie haben sich das Leben verbieten lassen? Wie hunderttausend, wie Millionen andere das Leben sich verbieten lassen? Mein Leben war verwirkt. Verwirkt? Es hatte keinen Wert mehr, nicht einmal einen Preis. Begreifen Sie doch, Herr Professor, mein Leben bedeutete ein Minus auf dem Konto der Existenz, eine ganz ungeheure Schuld in Dollar, in Valuta – „

Aber dieses Leben verboten gilt auch für die schuftenden Dienstboten, für die, die keine Arbeit finden, die nur noch vor sich hinvegetieren ohne Aussicht auf ein gutes Leben. Ufermann, der ja eigentlich aus der wohlhabenden Schicht kommt, lebt und fühlt nun immer mehr auch mit den Armen. Je mehr Verstrickungen sich dann ergeben, desto unwohler wird Ufermann. Seine jungen Helfershelfer beschuldigen ihn des Verrats und überwachen ihn, da er mehr als einmal mit dem jüdischen Philosophie-Professor Dr. Frey im intensiven Gespräch gesehen wird.  Auch die Polizei wirft ein Auge auf ihn. Deshalb beschließt er mithilfe eines arbeitslosen Handwerkers die Flucht zurück. Wie es ihm dann in Berlin ergeht, als er seine Identität offenbart und die Wahrheit erzählen will, ist nicht minder komisch und absurd, als die Zeit in Wien und das Ende eine gelungene Überraschung.

Maria Lazar verließ Wien rechtzeitig und ging zunächst nach Dänemark, (mit Brecht und Weigel), dann nach Schweden ins Exil. Dabei kam ihr ihre frühere Heirat mit  einem Sohn August Strindbergs, durch die sie die schwedische Staatsbürgerschaft erlangte, zugute. Dort arbeitete sie auch als Übersetzerin. Aufgrund einer schweren Krankheit nahm sie sich dort 1948 das Leben.

Ihre Bücher erscheinen nun im Verlag Das vergessene Buch, dessen Name für sich spricht. Ein aufschlussreiches Nachwort von Johann Sonnleitner folgt am Ende des Romans. Es ist gut, dass es solche Verlage und solche Entdecker gibt. Es ist gut, dass immer mehr der vergessenen Geschichten, gerade von Frauen wieder sichtbar gemacht werden.

Sandra Gugić: Zorn und Stille Hoffmann und Campe Verlag

„Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Vorstellungen zu überschreiben.
Ein Bild hat die Kraft, die eigenen Erinnerungen zu überscheiben.“

Die beiden Sätze könnten ein Leitmotiv des neuen Romans „Zorn und Stille“ von Sandra Gugić sein. Er weist auch auf die Lyrikerin Gugić hin. Erst 2019 erschien ihr Lyrikdebüt „Protokolle der Gegenwart“ im Verlagshaus Berlin. Für mich ist Sprache immer ein wichtiger, wenn nicht der wichtigste Aspekt für mein Lesen. Und hier treffe ich auf einen Roman, der es vor allem mit der Sprache schafft, sich abzuheben von den vielen Geschichten, die es bereits zum Thema gibt. Und hebt eben auch durch die Sprache das Besondere dieser Familiengeschichte hervor.

Billy Bana ist Fotografin, angesagt und erfolgreich, mit Ausstellungen in ganz Europa. Eigentlich heißt Billy Biljana Banadinović und hat die erste Zeit ihres Lebens bei den Großeltern im ländlichen Jugoslawien gelebt. Ihre Mutter Azra und ihr Vater Sima haben das Land lang vor den großen Kriegen verlassen und sind nach Wien emigriert. Die Tochter holten sie nach und in Wien kam dann auch Sohn Jonas Neven zur Welt. Die beiden Geschwister hielten fest zusammen. Erst als sich die 16-jährige Billy vom einengenden Elternhaus löst und in eine Kommune zieht, kommt es auch zum Abschied vom Bruder. Erst Jahre später werden sich die beiden wieder sehen, als Billy längst Karriere gemacht hat und mit der Galeristin Ira in Berlin zusammenlebt. Dass der labile Jonas sich rückbesinnt auf sein Herkunftsland, dass es so nicht mehr gibt und sich auf eine Reise durch das zerbrochene Land begibt, von der er nicht mehr zurückkehrt, macht das Familienzerwürfnis total.

„An diesem Punkt der Geschichte klafft die Lehrstelle. Von hier aus schien Jonas Nevens Abwesenheit stetig zu wachsen und zu wuchern. Von hier aus dachten wir uns wund, spielten alle möglichen Szenarien durch, versuchten zu rekonstruieren, was geschehen sein könnte und warum, ohne echte Anhaltspunkte zu haben.“

Die Autorin erzählt in Rückblenden, ausgehend vom Anruf der Mutter, die Billy mitteilt, dass der Vater gestorben ist. Beide begeben sich getrennt auf die Reise nach Beograd, wo der Vater beigesetzt werden wollte. Im ersten Teil erinnert sich Billy, während sie am Flughafen auf ihren Flug wartet, endlich an die bis zuletzt gemiedene Familienvergangenheit. Im zweiten Teil lesen wir aus dem Blickwinkel der Mutter und im dritten aus der Sicht des Vaters. Sowohl Azra als auch Sima kommen aus ländlichem traditionellem Elternhaus. Beide wollten raus, hatten ganz eigene Pläne von einem freien Leben. Beide gehen nach Beograd und begegnen sich zufällig. Azra wird schwanger, Sima verschwindet. Als sie dann doch wieder zusammen kommen, reisen sie nach Österreich mit dem Wunsch ein vollkommen anderes Leben als die Eltern zu leben. Doch was anfangs noch gelingt, dehnt sich in eine lange Zeit mit sich im neuen Land zurechtzufinden, Geld verdienen, Kinder versorgen und als Ausländer möglichst nicht aufzufallen. Alle Träume sind ausgeträumt, Wünsche unerfüllt geblieben. Der Ausbruch der Kinder aus dem ehernen „Familiengesetz“ verschlimmert die Entfremdung der beiden Eltern noch (die das ja eigentlich verstehen könnten, da sie ja einmal dasselbe wollten).

„Alles was wir machen, absolut alles, tun wir nur, um glücklicher zu werden. Selbst derjenige, der sich umbringt, tut das, weil er glaubt, im Tod glücklicher zu sein.“

Gugić` Blick ist ein genauer. Sie versucht einerseits die Innenwelt ihrer Protagonisten auszuleuchten, andererseits die Verbindung zu den äußeren Geschehnissen nicht zu verlieren. Alle Mitglieder der Familie sind eigentlich verschlossen, unstet und irgendwie verloren, jeder auf seine Weise. Dass Sohn Jonas Neven wirklich verloren geht und das auch noch im Land seiner Wurzeln, wirkt wie eine Verdeutlichung der Tragik. Für ihn ist diese Reise wichtig zum Verständnis seiner selbst, wie sich im Epilog zeigt. Und auch wenn der Jugoslawien-Krieg erst gegen Ende des Romans stärker in den Fokus rückt, wirkt er tief auf die Figuren ein. Am Beispiel Billys am Flughafen, als sie bei der Ankunft auf Serbisch angesprochen wird und die Sprache kaum mehr versteht, weil sie eben vor dem Krieg Serbokroatisch war und sie ohnehin nur noch deutsch spricht, zeigt sich wieder der Zwiespalt. Auch die zwei Ausweise, die sie besitzt machen sie zur Außenseiterin. Oder bei Vater Sima, der von seinen Arbeitskollegen ausgefragt wird, wie er denn zum Krieg seiner „Landsleute“ stehe und auf welcher Seite.

Die 1976 in Wien geborene, in Berlin lebende Autorin hat die Geschichte eines starken und dennoch fragilen Familiengeflechts geschrieben, die mir sehr gefällt und mit ihrer ausgefeilten Sprache durch ihre Bilder lebt; womöglich so wie aus dem genauen Blickwinkel einer Fotografin …

Der Roman erschien im Hoffmann und Campe Verlag. Mehr über Buch und Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

 

Birgit Birnbacher: Ich an meiner Seite Zsolnay Verlag

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Nun ist Birgit Birnbachers neuer Roman da. Die Autorin hat mir beim letztjährigen Bachmannpreislesen mit ihrem Text sehr gefallen. Der Jury auch, so dass sie den Hauptpreis auch gewann. In ihrem Roman erzählt sie nun von Arthur einem jungen Mann Anfang zwanzig, der gerade aus der Haft entlassen wurde. Drei Jahre hat er gesessen und was er dabei durchgemacht hat und weshalb es dazu überhaupt kam, erfahren wir in Rückblenden, die bis in Arthurs Kindheit hineinreichen.

„Es kommt mir so vor“, hat Arthur zu Betty gesagt, „als habe gegen euer allzu großes Einwirken eine Verteidigung meines Selbst begonnen. Schon bald habe ich das Gefühl gehabt, dass kein Glanzbild mich heil hier rausbringen wird, sondern einzig ich an meiner Seite.“

Das sagt Arthur fast am Ende des Buches zu seinem Therapeuten und zu seiner Sozialhelferin. Zuvor haben beide, vor allem aber „Börd“, der etwas abgehalfterte und mit unkonventionellen Methoden arbeitende Therapeut Dr. Vogl, Arthur eine ganze Zeit lang betreut. Dass Arthur sich so äußert, also vor allem auf sich selbst zählt, scheint mir ein gutes Ende.

Nach der Entlassung soll er für „Börd“ auf ein Band aufsprechen, was er für wichtig hält und tatsächlich funktioniert das mit den Tondokumenten recht gut und auch die praktische Therapie, die allerlei Überraschungen bereit hält, scheint Arthur irgendwie zu stärken. Dass es mit Bewerbungen nicht klappt, zieht ihn allerdings zwischendurch auch wieder runter. Mit dem Zimmergenossen im betreuten Wohnheim wiederum geht es besser als aus den Gefängniserfahrungen heraus befürchtet.

Es ist ein ungeschriebenes Gesetz in der JVA Gerlitz, dass der Neue immer den Zellendienst macht. Den Zellendienst gibt es nicht. Der Zellendienst ist eine Erfindung der Insassen. Es fängt immer mit dem Zellendienst an.“

Aus den aufgesprochenen Tondokumenten erfahren wir Leser, wie es bisher war in Arthurs Leben. Der Vater weg mit einer anderen, als er und der Bruder noch klein waren, die Mutter mit einem neuen Mann und dann der Umzug nach Spanien. Das dortige, zunächst fremdartige Leben: „Es ist nicht wie im Familienurlaub, dass alle zusammen losstürmen ans Meer.“
Die Mutter wird Leiterin eines Zentrums für Palliativpflege und die Wohnung der Familie befindet sich direkt im Haus dabei. Die Freundschaft mit Grazetta, der körperlich gezeichneten ehemaligen Schauspielerin, die im Heim lebt und die ihre Lebensweisheiten mit Arthur teilt, baut ihn etwas auf. Und später die Freundschaft mit den gleichaltrigen Princeton und Milla. Aber die Unklarheit der Beziehung zwischen den Dreien birgt eine Gefahr. Wer liebt wen? Und wer bleibt außen vor? Und das, was dann passierte, auf dem Boot. Milla ertrinkt. Ein Unfall? Wer trägt die Schuld? Das wird nie genau auserzählt. Aber auch die plötzliche Entdeckung, dass der Vater wieder eine Familie gegründet hat, wieder einen Sohn hat, der ihm ähnelt, erschüttert Arthur.

„Arthur  hat sich den Vater nie zurückgewünscht. Er hat sich ein Vorbild gewünscht. Einen Mann, der lebt und dem er, Arthur, das Kleinkind, Arthur das Kind, Arthur der Jugendliche, zuschauen hätte können beim Leben.“

Wir erfahren, wie stark all das zusammen Arthur aus der Bahn wirft. Alleine geht er zurück nach Deutschland und beginnt aus innerer Not heraus, aus Geldmangel und weil es so einfach ist, mit Internet-Betrügereien. Und eine Weile geht es auch gut …

Birgit Birnbacher hat einen Roman geschrieben, der mir gefiel und der sicher auch gelungen ist, der aber keine ähnliche Begeisterung wie beim Bachmannpreis bei mir ausgelöst hat. Woran das genau liegt, ist schwer zu sagen. Vielleicht an der Atmosphäre der Geschichte, vielleicht an mir, an meiner Stimmung. Vielleicht waren auch meine Erwartungen nach dem Bachmanntext zu hoch.

„Ich an meiner Seite“ erschien im Zsolnay Verlag. Eine Leseprobe und ein Interview mit der Autorin gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine begeisterte Besprechung gibt es bei letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Monika Helfer: Die Bagage Der Hörverlag

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Schon der Titel dieses Romans zog mich an. Die „Bagage“, ein abwertender Begriff für bestimmte Familien oder Gruppen, den man heute kaum noch hört. Monika Helfer hat ihren neuen Roman „Die Bagage“ selbst eingelesen. Sie hat ihren Text dabei in einem ganz besonderen Stil mit weicher, leicht rauer, teils raunender, verwaschener Stimme interpretiert. Damit schafft sie viel Nähe zu ihrer Heldin Maria.

„Man nannte sie »die Bagage«. Das stand damals noch lange Zeit für »das Aufgeladene«, weil der Vater und der Großvater von Josef Träger gewesen waren, das waren die, die niemandem gehörten, die kein festes Dach über dem Kopf hatten, die von einem Hof zum anderen zogen und um Arbeit fragten und im Sommer übermannshohe Heuballen in die Scheunen der Bauern trugen, das war der unterste aller Berufe, unter dem des Knechtes.“

Helfer erzählt von ihrer Großmutter Maria, die im Bregenzerwald in Vorarlberg, Österreich lebte. Mit ihrem Mann Josef bewohnt sie Haus und Hof außerhalb der Ortschaft Richtung Berg. Vier Kinder gibt es bereits, Hermann, Lorenz, Katharina und Walter, als der Vater einberufen wird und in den ersten Weltkrieg ziehen muss. Josef beauftragt seinen Freund im Dorf, den Bürgermeister, während seiner Abwesenheit auf Maria „aufzupassen“. Dass der Bürgermeister schon auch ein Auge auf die schöne Maria geworfen hat, wie so viele Männer im Dorf, weiß er scheinbar nicht. Doch Maria ist nur an dem Fremden namens Georg interessiert, den sie auf dem Viehmarkt trifft und der von weit her, aus Hannover, kommt und so ganz anders spricht. Sie findet ihn freundlich, etwas was der Josef nicht ist. Einige Male besucht er sie auf dem Hof. Dann reist er ab. Was der Bürgermeister sich daraufhin zusammenspinnt, wird noch weite Kreise ziehen. Denn Maria ist schwanger und obwohl Josef auf Fronturlaub zuhause war, wird das Kind, Monika Helfers Mutter Margarete, es nicht leicht haben zwischen den anderen Geschwistern. Josef wird sie kaum ansehen und nie mit ihr sprechen.

Zwischendurch schweift die Autorin immer wieder ab, in die eigene Kindheit, in die eigene Biographie, die auch vom Tod der Tochter Paula mit nur 21 Jahren geprägt ist. Helfer lebte, weil die Mutter mit 42 starb bei der Tante Kathe, die immer von ihrer schönen Mutter, der Maria sprach. Von ihr erfuhr sie auch die Geschichte mit dem Fremden und der Großmutter. Im Alter von 90 Jahren erzählte sie plötzlich, was sich zugetragen hatte, zumindest so, wie sie es erinnert.

„Willst du mich besuchen, weil du deine Nachforschungen betreiben willst?“, hat sie mich am Telefon gefragt. Und da sagte ich, „Ja, ich will Nachforschungen betreiben. Es ist ja erlaubt wissen zu wollen, woher man stammt.“

Die Bagage, das sind immer schon die, die etwas anders sind, fremder erscheinen: Maria, die eine besondere Schönheit ist, Josef, der seine vermutlich nicht immer ganz legalen „Geschäftchen“ macht, die vielen Kinder, die Armut und der abseits gelegene Hof ohne Strom- und Wasseranschluß. Und als die Eltern viel zu früh starben, waren die sieben Kinder, die versuchten sich selbst zu versorgen, im Dorfjargon noch viel mehr die Bagage …

Monika Helfer findet sie alle wieder in einem Bild von Pieter Bruegel im Kunsthistorischen Museum in Wien. Kinderspiele heißt es. Ihre Geschichte hätte ich mir noch viel länger anhören können …

Das ungekürzte Hörbuch zum Roman mit 4 CD’s erschien bei Der Hörverlag. Eine Hörprobe gibt es hier. Außerdem hat der Hanser Verlag hat auf seiner Seite ein kurzes Interview mit Monika Helfer zur Entstehung des Buches. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Gertraud Klemm: Hippocampus Kremayr & Scheriau Verlag

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Wirklich schön aufgemacht ist dieses Buch aus dem österreichischen Verlag Kremayr & Scheriau. Auf dem Umschlagcover  des neuen Romans von Gertraud Klemm leuchtet einem Gelb auf Meerblau ein Seepferdchen entgegen. Das Seepferdchen, griechisch Hippocampus, spielt auch in der Geschichte, die im gewohnten Klemm`schen Ton erzählt wird, eine nicht unwichtige Rolle. Der Buchschnitt ist desweiteren mit gelben Wellen bedruckt, der tatsächliche Bucheinband ist ebenfalls mit Seepferdchen verziert. Alles sehr kunstvoll aufeinander abgestimmt.

Es geht im Buch um Bücher, Kritiker und den Literaturbetrieb. Und um Feminismus. Genaugenommen um ein Buch, dass für den Deutschen Buchpreis nominiert ist. Genaugenommen um eine Autorin, die zu wenig Aufmerksamkeit für ihr Werk bekommen hat, eine die noch recht jung einen feministischen Bestsellerroman schrieb. Es geht um eine um die 60-jährige Frau, die Freundin dieser Autorin, die sich nach dem plötzlichen Tod, der etwa gleichaltrigen um deren Nachlass kümmern soll. Elvira jedoch tut sich damit schwer. Sie erinnert sich an die Jahre in der gemeinsamen Frauen-WG, an die wilden feministischen Aktionen, die es damals noch gab. Helene, die Autorin mit Buchpreisnominierung, versank nach dem ersten Erfolg in Vergessenheit. Sie heiratete, bekam Kinder und begann erst nach der Scheidung wieder mit dem Schreiben. Nun scheint endlich der Erfolg greifbar. Doch dann stirbt Helene allein in ihrem Haus auf dem Land. Für die Nominierung zum Buchpreis scheint das sogar ein Glücksfall: Gut fürs Marketing, makaber, aber es ist so.

„Mit „Rauhreif“ kam der große Erfolg nämlich zu früh. Helenes Erfolg war außerdem zu groß für eine dreiundzwanzigjährige Frau. Vor allem 1977. Heute ist das etwas anderes. Heute ist der Literaturbetrieb ein Kindergarten für Schwererziehbare: Jeder darf alles.“

Elvira, eine unabhängige eigensinnige Frau, ehemals 68erin, will das so nicht hinnehmen. Sie beschließt, mit diversen hanebüchenen Kunstaktionen im öffentlichen Raum Gerechtigkeit für Helene einzufordern und setzt dabei gezielt den Focus auf die Benachteiligung von Frauen in der Literatur. Sie will abrechnen mit Kulturausschüssen, Literaturkritikern und Liebhabern, die Helene das Leben schwer machten. Sie engagiert einen jungen Mann als Assistenten und reist mit ihm im alten VW-Bus durch Österreich. An bestimmten Schauplätzen aus Helenes Leben inszeniert sie ihre Kunstaktion (die sie immer mit dem Seepferdchen kennzeichnet) mithilfe von Adrian, der auch alles dokumentiert und hinterher recherchiert, wie die Aktion öffentlich wahrgenommen wurde. So zieht sie ihre feministische Aktionsspur quer durch Österreich und hält sich dabei nicht immer an die Gesetze. Dass Adrian es mit ihr nur wegen der Bezahlung aushält, scheint klar …

„Seine Mutter mal ausgenommen, sind alte Frauen eine Art Hintergrundgeräusch.“

Teils amüsant zu lesen, wenn Klemm mit ihrer typischen scharfsinnigen, spitzzüngigen Sprache brilliert, gerade auch, wenn sie den heutigen Zeitgeist unter die Lupe nimmt,

„… so ist das neoliberale Zeitalter. Wer kein Streber ist, fliegt gleich ganz raus. Es gibt keine Ränder mehr, an denen es sich ein wenig verweilen lässt, es gibt nur mehr gleich den Abgrund.“

teils aber auch ein wenig zu gewollt, vor allem am Schluss, wo meiner Meinung nach die Handlung irgendwie unglaubwürdig aus dem Ruder läuft.

Besonders nett auch von Gertraud Klemm, dass sie beim Erzählen über Literaturkritik auch einen Absatz über Literatur- und Buchblogger parat hält (siehe Textauszug Foto oben).

Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar. Eine Leseprobe gibt es hier.

Weitere Besprechungen hier auf dem Blog zu Büchern von Gertraud Klemm:
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2016/04/23/gertraud-klemm-muttergehaeuse-kremayr-scheriau-verlag/
https://literaturleuchtet.wordpress.com/2018/01/09/gertraud-klemm-erbsenzaehlen-literaturverlag-droschl/

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Norbert Gstrein: Die kommenden Jahre Hanser Verlag

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An Norbert Gstreins neuen Roman habe ich mich erst herantasten müssen. Es ist sehr lange her, dass ich ein Buch dieses Autors las. Doch dann eröffnete sich mir der Roman in schönster Fülle. Gstrein hat eine starke Geschichte konstruiert, die aus einem Kernthema heraus weite Kreise zieht und sehr differenzierte Betrachtungsweisen aufzeigt.

Die Hauptfigur ist Richard, ein Gletscherforscher, der sich dem ewigen Eis verschrieben hat und darüber an der Uni lehrt, vor allem über den Klimawandel. Ob dabei eine Rolle spielte, dass er in der Kindheit von seinen Eltern, wenn er frech war in einem Kühlraum eingesperrt wurde? Die Eltern hatten in Tirol ein Hotel. Inzwischen lebt er aber längst mit Frau und Kind in Hamburg. Im Roman finden sich Eis und Kälte zuhauf. Und sei es sinnbildlich, wenn etwa Natascha, die Ehefrau, ihn mal wieder Eismann nennt, wenn sie seiner angeblichen Gefühlskälte überdrüssig ist. Diese unterstellt sie ihm ebenfalls in der Sache mit der Flüchtlingsfamilie, die beide in ihrem Ferienhaus im Umland aufgenommen, besser gesagt, es an diese vermietet haben. Während Richard die Familie zur Ruhe kommen lassen will, kümmert sich Natascha jeden Augenblick um das Wohl der Familie, ruft an, fährt hin, ja beginnt sie im Grunde zu bevormunden. Schön, wie Gstrein diesen Zwiespalt herauskehrt und den Leser damit konfrontiert.

„Sicher hätte ich mir meinen Kommentar sparen können, um zu helfen, müsse ich nicht ein Diplom in Ethnologie oder Religionswissenschaftler haben, als sie mich fragte, ob ich mich nicht auch auf unsere Gäste vorbereiten wollte.“

Natascha und Richard entfremden sich aufgrund dieser Differenzen noch mehr als bisher. Natascha ist erfolgreiche Schriftstellerin und vermarktet die Idee mit der Flüchtlingshilfe sogar als Story in einer populären Zeitschrift. Sie lässt Mann und Kind alleine in die Ferien fahren. Sie geht voll in ihrer neuen Rolle als Helferin und Beschützerin auf. Vor allem auch dann, als vermehrt bedrohliche Nachrichten oder sind es Gerüchte? über das Haus am See aus der Nachbarschaft kommen. Die Familie aus Damaskus hingegen, scheint sich einzuleben, die Söhne gehen zur Schule, haben in kürzester Zeit deutsch gelernt. Als der Vater gar zum Christentum übertreten will, ist Natascha entsetzt, hatte sie sich doch gerade mit dem Islam beschäftigen wollen. In der Tat fragt man sich da als Leser/in, ob außer dem Wunsch zu helfen nicht doch auch ein gewisser Narzissmus im Spiel ist.

“ … ob sie der Familie nicht ein bisschen Ruhe gönnen wolle, wenn sie sich wieder einmal bereitmachte, zum Haus hinaus zu fahren, ob sie sicher sei, dass sie zu jeder Tages- und Nachtzeit willkommen war, …“

Richard dagegen verhält sich freundlich, doch zurückhaltend. Außerdem denkt er gerade selbst über einen Neuanfang in einem anderen Land nach. Kanada steht zur Debatte, weil ein Studienfreund ihm dort eine Stelle angeboten hat. Doch bevor es zu einer Entscheidung für ein neues Leben und damit verbunden womöglich zur Trennung von Frau und Kind kommt, hat Gstrein eine Idee, die nicht neu ist: Im letzten Teil des Buches schreibt er drei verschiedene Schlusskapitel, wovon er eines „Was wirklich geschah“ nennt. Die anderen beiden kann man getrost weglassen. Sie sind nicht stimmig und lesen sich wie Füllmaterial.

Norbert Gstreins Roman „Die kommenden Jahre“ erschien im Hanser Verlag.