Julia Franck: Welten Auseinander S. Fischer Verlag

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„Die einzige verlässliche Beziehung, die ich in meiner Kindheit entwickelte, war die zu meinem Tagebuch.“

Julia Francks Romane „Die Mittagsfrau“ und „Rücken an Rücken“ mochte ich sehr. In ihrem neuen Roman schreibt sie nun offen autobiographisch. Soweit ich mich erinnere ging es auch bereits in „Rücken an Rücken“ um Familienmitglieder (ich vermute Mutter und deren Bruder). Und angesichts dieses und vieler weiterer Romane, die ich in letzter Zeit las, bin ich immer wieder fasziniert, ja beinahe neidisch, aus welchen hochinteressanten, kreativen und künstlerischen oder zumindest aus der Rolle fallenden Familien die Autor*innen stammen und welche Tagebücher oder alte Briefe sie auf Dachböden oder im Nachlass finden.

Julia Francks Roman-Großmutter war eine in DDR-Künstlerkreisen bekannte Bildhauerin. Sie war eine Frau voller Energie, trotz ihrer Holocaust-Erfahrung. Sie wollte sich nach dem Krieg in den neuen Staat DDR einbringen. Sie versammelte zeitlebens berühmte Gestalten um sich, wie Wolf Biermann oder Nina Hagen u.v.m. Für Kinder hatte sie wenig übrig, dennoch verbrachte Julia mit ihrer Zwillingsschwester viele Sommer in deren Rahnsdorfer Haus, nahe Berlin. Auch Julias Mutter, eine Schauspielerin, hat so ihre Probleme mit Kindern, was mich während des Lesens immer wieder zu der Frage bringt: Warum zeugen und bekommen Menschen Kinder, wenn sie sie eigentlich nicht wirklich wollen und womöglich sogar weggeben? Julias Mutter hat immerhin drei Kinder, als sie ihren Ausreiseantrag aus der DDR stellt. Einer nach dem anderen wird abgelehnt. Die Zwillinge lebten teilweise in Heimen oder bei Pflegefamilien. Bis es nach Jahren endlich klappt mit der Ausreise in den Westen. Doch die lange Zeit im Aufnahmelager Marienfelde in großer Enge bringt für die Familie zunächst nicht die erhoffte Freiheit. Was vorab geflohenen Freunden gelang, schafft Julias Mutter nicht. Sie ist als Schauspielerin nicht mehr gefragt und lebt mit ihren nun vier Kindern in einem alten Bauernhaus im Norden Deutschlands von Sozialhilfe.

Wie die Hauptprotagonistin Julia dies schildert, zeigt den großen Mangel auf, der vor allem die Kinder trifft, die oft auf sich selbst gestellt sind. Die Mutter schafft es nicht, ihren Kindern Sicherheit und Liebe zu geben und die Kindheit ist von Armut geprägt, oft herrschen Chaos und Vernachlässigung. Julia flüchtet sich zunächst ins Bratschespielen, dann ins Lesen und bald ins Tagebuchschreiben. Sie muss früh selbständig werden und zieht bereits mit 13 von zuhause aus, was sie als ihre Rettung ansieht. In Berlin lebt sie bei Bekannten und kommt bald selbst für ihren Lebensunterhalt auf. Alles neben Schule und Studium. Wenn die Autorin aus Julias Tagebuch erzählt, geschieht das in der dritten Person, während die Geschichte sonst in der Ich-Form erzählt wird. Vielleicht um einen Gewissen Abstand zu wahren.

„Das Bratscheüben lehrte mich, dass auch Erwachsene irrten. Man kann alles lernen, wenn man es nur wirklich will, ist ein leeres Versprechen. Ein Irrtum. Zwischen Üben, Mühe, Anstrengung, Geduld einerseits und Erfolg besteht schlicht keine Korrelation. Die Musik war ein erstes Beispiel.“

Bald in einer linksbunten WG in Berlin lebend, überlegt sie auch zum ersten Mal ihren Vater kennenzulernen, der von Julias Mutter verlassen wurde. Sie treffen sich unregelmäßig, bis die tödliche Erkrankung des Vaters dem ein Ende setzt. Das hinterlassene Tagebuch gibt Julia Aufschluss über die komplizierte kurze Beziehung ihrer Eltern.

Als sie Stephan in der Schule kennenlernt, der aus einer wohlhabenden Familie stammt, entwickelt sich ganz langsam eine ernsthafte Beziehung. Sehr langsam beginnt Julia einem Menschen zu vertrauen. Wenn Stephan von sich erzählt, sieht Julia wie sie beide eigentlich Welten Auseinander lebten und leben. Und dennoch ziehen sie einander an. Nicht immer verstehen sie einander, aber das steht ihrer Verbindung nicht im Weg. Die Geschichte mit Stephan umklammert den Roman mit seinen Rückblenden und Erinnerungen und schimmert immer wieder funkelnd durch die Dunkelheiten.  Sprachlich ist die Geschichte durch mitunter kurze Sätze, die Gedankenfetzen ähneln, geprägt. Sie folgt auch keiner Chronologie. Eher folgt sie einem Bewusstseinsstrom, was ich für autobiographisches Schreiben und speziell in diesem Fall sehr stimmig finde.

Julia Francks Roman „Welten Auseinander“ erschien im S. Fischer Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Lutz Seiler: Stern 111 Suhrkamp Verlag

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Mit seinem zweiten Roman hat der Lyriker und Prosaautor Lutz Seiler eine Art Fortsetzung seines grandiosen Romans „Kruso““ geschrieben, für den er 2014 den Deutschen Buchpreis erhielt. Er ist womöglich sogar noch besser als dieser. War „Kruso“ ein Roman, der kurz vor der Wende überwiegend auf der kleinen Ostseeinsel Hiddensee, also in der ehemaligen DDR spielte, so ist diesmal Berlin der Hauptschauplatz und zwar ganz kurz nach der Grenzöffnung.

Der Mitte 20-jährige Carl Bischoff erhält von seinen Eltern ein Telegramm mit der Bitte sofort nach Hause zu kommen und so reist Carl von Halle nach Gera und fällt dort aus allen Wolken, als seine Eltern ihn informieren, dass sie in den „Westen“ gehen wollen. Der Vater übergibt Wohnungsschlüssel und den „heiligen“ Wagen, einen gepflegten Shiguli an den Sohn und dieser fährt die Eltern an den Grenzpunkt, von wo sie ins Erstaufnahmelager Gießen kommen.

Von diesem Punkt aus teilt Seiler seinen Roman in zwei Erzählstränge. Zum einen folgen wir Carl im Shiguli nach Berlin, zum anderen den Eltern, die im Westen sehr zielstrebig einem ganz bestimmten inneren Plan folgen, das Carl dann immer wieder das „Elterngeheimnis“ nennt.

„Meine Eltern sind verschollen, gleich nach Öffnung der Grenze, das heißt, ich bin jetzt allein und suche eine Höhle, nur für mich und mein Schreiben, für die Suche nach dem Übergang, genauer gesagt, die Passage in eine poetisches Dasein.“

Carl gelangt in Berlin durch Zufall in einen sehr speziellen Kreis, „Das Rudel“ genannt, oder die „Arbeiterguerilla“, die unter ihrem Anführer, des „Hirten“, verlassene Häuser besetzt. Carl, der ehemals Maurer gelernt hat, aber eigentlich nur Dichter werden will, engagiert sich gleich beim Ausbau des Kellers, der Versammlungsraum mit Ausschank werden soll. So gelangt er in alternative Künstlerkreise mit allerlei illustren Gestalten, skurrilen Begebenheiten und trifft schließlich auf Effi, seine angehimmelte Jugendliebe, inzwischen Kunststudentin. Auch Edgar und Kruso (aus dem Vorgängerroman) tauchen in kurzen Szenen auf. Carls Unruhe legt sich durch das Zugehörigkeitsgefühl und er schafft es immer wieder sein Ziel, ein poetisches Leben zu führen, im Fokus zu behalten. Es gibt eine erste Veröffentlichung, Anerkennung von einem Dichterkollegen namens Thomas Kunst (der keinem Lyrikleser unbekannt sein sollte), ein Verlag erbittet ein Manuskript, doch die Beziehung zu Effi ist nicht dauerhaft lebbar. Einer liebt immer mehr, in diesem Fall Carl.

Seiler erzählt hier möglicherweise aus seiner eigenen Geschichte. Die Assel, das Kellerlokal gab es damals wirklich, die besetzten Häuser im Prenzlauerberg zwischen Prenzlauer Allee und Monbijoupark gab es wirklich, die sich daraus entwickelnden Künstlerkreise gab es wirklich. Seiler erzählt von einer sich auflösenden Welt, einer Übergangswelt, von der man noch nicht weiß, wo es hingehen wird. Er erzählt von dem Versuch einer Gruppe von Menschen, die sich nicht dem Konsumkapitalismus ausliefern wollen, wie er allmählich aus dem Westen vordringt. Die Sprache, die der Autor hierfür findet ist eine enorm poetische. Es ist ein Eintauchen in die Tiefe und ein Beschwören der Worte, ein Be-schreiben der zweifelnden Innenschau eines angehenden Dichters.

„Die Vorstellung, sich dorthin zu retten, aus allem heraus in ein Jenseits der Poesie. (Um dann, irgendwann, von dort her wieder einzutreten in diese öde, armselige Welt, jedoch unangreifbar, geschützt, als hätte man in Drachenblut gebadet.“

Im zweiten Strang schafft er es, die Erlebnisse von Carls Eltern als DDR-Bürger in Westdeutschland so nah und berührend zu schildern, dass auch dieser Teil der Geschichte höchst lebendig wird. Egal ob Carls Vater als Experte Kurse für seltene Computersprachen gibt oder seine Mutter als Haushälterin und Putzfrau arbeitet, immer wird das Geld sofort gespart, immer ist das Ziel im Fokus. Carls Mutter ist diejenige, die über Briefe Kontakt zu ihm hält. Diese Briefe sind auch immer Ausgangspunkt für das Weitererzählen des „Elternstrangs“, der auch oft mit Kindheitserinnerungen Carls unterfüttert ist.

Das letzte Kapitel, das den Namen des Romans und den eines DDR-Kofferradiotyps trägt, führt Eltern und Sohn wieder zusammen und auch das Elterngeheimnis wird aufgelöst. Für Carl ist es eine Zeit des Erkenntnisgewinns, für Wachstum und Neuausrichtung.

„Sie hatten ihm das alles verschwiegen und eine Art Ersatzleben geführt. Ein gutes, passables, kein unglückliches jedenfalls, nur das erzwungene Leben. […] Auch in ihm war es verankert gewesen, das zweitbeste Leben. Es entsprach einem Grundgefühl seiner Kindheit: jemand oder etwas zu vertreten, nicht voll und ganz gemeint zu sein – nicht an sich, oder wie sollte man es sagen?“

Wie schon in Kruso gibt es auch in Stern 111 immer wieder kurze traumhafte, surreale Sequenzen, die man vergeblich zu greifen versucht und das ist auch gut so. Denn zum Beispiel die schwebende Ziege Dodo möchte ich keineswegs missen. Diese Art zu schreiben zeigt vielleicht auch, wie es sich anfühlt den Weg ins Poetendasein aufzuzeigen, denn auch in Gedichten geht es mitunter nicht mit rechten Dingen zu, bleiben Geheimnisse.

Lutz Seiler hat seine große Dichtkunst mit feiner Prosa versponnen und einen sprachlich und inhaltlich höchst gelungenen Roman geschrieben, der sehr verdient auch den Preis der Leipziger Buchmesse 2020 erhalten hat. Sternenleuchten!

„Stern 111“ erschien im Suhrkamp Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Eine weitere Besprechung gibt es auf dem Blog letteratura.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.