Marina Zwetajewa: Unsre Zeit ist die Kürze Suhrkamp Verlag

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„Ich bin mit Lyrik geladen wie eine Handgranate: bis zum Explodieren.“

Marina Iwanowna Zwetajewa (Мари́на Ива́новна Цвета́ева) wurde am 18. Oktober 1892 in Moskau geboren. Sie ist neben Anna Achmatova die berühmteste russische Dichterin, die mich zunächst aufgrund der Namensgleichheit lockte. In einem literarischen Kalender fand ich auf einem Blatt einen schönen Text, mit dem ich mich sogleich identifizieren wollte. Es war der Auslöser, mich der Dichterin anzunähern, was nicht so leicht ist. Letztlich bin ich immer wieder und immer noch mit ihr beschäftigt.

Wie Selbstgespräche muten sie an, die Zeilen und Texte in Marina Zwetajewas bisher unveröffentlichten Schreibheften, die der Suhrkamp Verlag nun gesammelt herausgegeben hat. Es sind vier Hefte, die überwiegend im Exil in Frankreich geschrieben wurden. Gedankenspuren sind es, Traumnotizen, Lebensüberlegungen. Es sind die einzigen schriftlichen Darlegungen, die sie aus Frankreich mit in die Sowjetunion zurücknahm. Vieles ließ sie zurück, manches versteckt bei Freunden oder nur mündlich weitergegeben. Auf jeden Fall ist es ein Wunder, dass sie erhalten blieben. Die Hefte zeugen außer von großer Dichtkunst, Leidenschaft und innerem Reichtum, auch von bitterer Not und prekärer Armut und von der ewigen Suche.

„Die Begegnung mit einem Dichter (einem Buch) ist für mich eine Wohltat von ganz oben. Nicht anders lese ich.“

Es finden sich sehr zugetane Briefe?, notierte Gespräche? mit Boris Pasternak. Im regen (brieflichen) Austausch war Zwetajewa mit vielen, nicht zuletzt mit Rainer Maria Rilke und Ossip Mandelstam. Manch pathetischer leidenschaftlicher Liebesbrief ist dabei. Mit Konstantin Rodsewitsch, der auch auf einigen der Fotos im Buch zu sehen ist, verband sie eine Liebesgeschichte, die die Ehe mit Sergej Efron gefährdete. Zwetajewas Liebesgeschichten waren höchst intensiv, doch nie hinreichend und von Dauer.

„Bei der Frau ist Kreativität stets ein Normbruch. – Und beim Mann, offenkundig, der Normalfall?“

Eine kritische, hinterfragende Stimme, also auch, was das weibliche Schreiben angeht und die geringere Anerkennung von Schriftstellerinnen, zumal Zwetajewa für ihre Zeit eine absolut unabhängige Frau war.

Viele Sätze und Abschnitte in den Originalnotizheften sind nicht mehr komplett lesbar, so ist es zum Teil recht schwierig zu verstehen, was die Dichterin meint. Die Zeilen erscheinen bruchstückhaft und verrätselt. Ganze Passagen sind in Französisch geschrieben.  Oft erfolgt die Anrufung der antiken Götterwelt. Manches erscheint mir zutiefst spirituell und transzendent. Viele zeugen von einem höchst komplexen Denken, nicht nur im Kleinen, sondern auch in größeren Zusammenhängen. Man darf vor allem auch davon ausgehen, dass sich Zwetajewa unentwegt mit der politischen und gesellschaftlichen Situation in ihrem Heimatland auseinandersetzte, auch und gerade im Exil.

„… Hier (im Exil) bin ich – unbrauchbar, dort (in Russland) bin ich undenkbar.“

Aber auch der teils bissige Humor scheint durch manche Zeilen, wie etwa im Bericht über den Besuch eines Vortrag des Anthroposophen Rudolf Steiner im Jahr 1923:

(deutsch:) „Herr Doktor, sagen Sie mir ein einziges Wort – fürs ganze Leben!“
L(ange) Pause und, himmlisch lächelnd, mit Nachdruck:
(deutsch:) „Auf Wiedersehn!“

Eine wichtige Rolle spielen immer die beiden Kinder. Die Tochter Alja, die dem Vater nacheifert und sich vor allem für Politik, für die große Sache, für den neuen Menschen, wie in Stalin propagiert, interessiert, und Murr, der Sohn, der Zwetajewa am nächsten steht. Von ihren Dialogen und seinen Kindersprüchen gibt es im Buch unzählige Seiten. So erklärt sich auch, weshalb man ihn Murr, nach E.T.A. Hoffmanns Kater, nannte:

„Mama, machen Sie mich klein!“ – „Mama, machen Sie mich zu einem Kater! Zu einem lebendigen Kater, einem echten, mit Pfoten!“

Alja geht zurück nach Moskau, wo der Vater lebt, während Marina in Paris irgendwie versucht sich und den Sohn durchzubringen. Hier entstehen auch die vier Notizhefte, die vielleicht ein klein wenig als Nachlassarchiv gedacht waren, denn sie wusste nicht, was von ihren Werken in der Sowjetunion überdauern würde, für die sie schließlich 1939 auch wieder ein Einreisevisum beantragte. Marina Zwetajewa wählte schließlich 1941 in Jelabuga, wohin sie nach dem Einmarsch der Deutschen verbracht wurde, den Freitod.

„Ich schreibe stoßweise – es ist wie eine Belohnung. Gedichte sind Luxus. Mein ewiges Gefühl, dass ich darauf kein Anrecht habe.“

Weitere Lektüre zum Thema habe ich bereits hier auf dem Blog und auf fixpoetry vorgestellt. Ein Klick auf das Bild führt jeweils zum link der Besprechung. In Romanform widmen sie sich jeweils einer bestimmten Phase in Zwetajewas Leben und Arbeiten: Die Finnin Riikka Pelo nähert sich der Beziehung Marinas zu ihrer Tochter Adriana. Hier wird auch viel von und aus den Notizheften erzählt. Und der Franzose Simon-Pierre Hamelin schreibt intensiv über die Zeit in Paris, als Marina in Clamart, einem Vorort, lebte (wie später auch unter ganz anderen Voraussetzungen Peter Handke).

Zum Schluß: dieses Zitat ist eine sehr schöne, für mich sehr stimmige Idee, wie man Gedichte schreibt, welche Herangehensweise man wählt, was man als Lyriker/in ja oft gefragt wird. Zwetajewa kommt meiner eigenen Idee vom Lyrikschreiben damit ziemlich nah.

„An Gedichten braucht man nicht zu arbeiten, der Vers selbst muss an einem (in einem!) arbeiten.“

Ganz viele Infos und eine Kurzbiographie von Marina Zwetajewa gibts bei FemBio. Bei planet lyrik findet man einen sehr ausführlichen informativen Beitrag über Zwetajewas Schreiben.
„Unsre Zeit ist die Kürze“ erschien im Suhrkamp Verlag. Herausgeber und Übersetzer aus dem Russischen und Französischen ist Felix Philipp Ingold, der auch ein informatives Nachwort dazu verfasste. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

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Philippe Lançon: Der Fetzen Tropen Verlag

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Bereits auf den ersten Seiten des Buches von Philippe Lançon stehen Sätze, die mich betreffen, in einer Sprache wie ich sie liebe. Besser kann es eigentlich nicht beginnen. Vor allem dann, wenn es sich um ein Buch handelt, dass von einem persönlichen Trauma, einer Verletzung handelt, psychisch und physisch, die letztlich uns alle, ganz Europa, vielleicht die ganze Welt betraf. Der Autor arbeitete für Charlie Hebdo. Und er war am Tag des Anschlags auf das französische Satiremagazin in der Redaktion als der Terroranschlag verübt wurde. Er überlebte mit schweren Verletzungen, äußeren wie inneren. Dass er danach sofort beginnt darüber zu schreiben, ist sein Versuch, zu überleben. Mich persönlich hat dieser Anschlag von allen in dieser Zeit am meisten betroffen, denn es geht um freies Denken, um Schreiben, um die Ausübung der Kunst, um die Meinungsfreiheit.

„Wie die vorherigen Attentate, entfremden mich die Ereignisse in Barcelona und Cambrils einer Geschichte, in der, nachdem die Kerzen ausgelöscht und die kleinen Herzchen aufgeräumt sind, alle so tun, als wäre nichts gewesen – was auch sonst? –, und als wären die Mörder nicht eine verheerende Folge dessen, was wir sind und was wir leben.“

Lançon erzählt nicht durchgehend chronologisch, beginnt jedoch mit dem Abend vor dem Anschlag, dem 6.1.2015, an dem er mit einer Freundin im Theater war und ein Shakespeare-Stück sah. Das Buch von Shakespeare, dass er am Tag des Anschlags dabei hat, um evtl. später in der Redaktion der Zeitung Libération, für die er auch arbeitet, über das Stück zu schreiben, wird er nicht mehr lesen. Auch die Diskussion in der Redaktionsrunde über Houellebeqs neuen Roman „Unterwerfung“, der an diesem Tag erscheinen wird, bleibt eine vage Erinnerung.
Lançon beschreibt, wie er die Minuten des Überfalls erlebte, die schlimme Zeit, als er, irgendwie halb lebendig, halb in einem Zwischenreich, seine erschossenen Kollegen neben sich liegen sieht. Alpträume dieser Bilder verfolgen ihn tage- und nächtelang. Er kann fortan nur noch in ein Leben vor und nach dem Anschlag einteilen.

„Ich hob meinen Blick wieder und sah links über mir das Gesicht meines Bruders Arnaud. Zum ersten Mal spürte ich, dass mir etwas Schlimmes passiert war, dass der Kaffee und alles andere vielleicht  ein Traum sein mochten, das Attentat aber keiner war, …“

Er erzählt von der ersten Zeit nach der ersten Operation, als er wahrnahm, dass ein Teil seines Gesichts, sein Unterkiefer fehlte. Von den Polizisten vor dem Krankenzimmer, die ihn schützen sollten. Vom Bruder, der wichtigster Begleiter in der kommenden Zeit wird, von den alten Eltern, die da waren, den Freunden und Kollegen, der Ex-Frau und der geliebten Frau, deren Beziehung bald schwierig wird. Und er erzählt beinah von jedem einzelnen Arzt, den Schwestern und Pflegern, die ihm bald nahe stehen. Da er aufgrund der Verletzung nicht sprechen kann, kommuniziert er schreibend auf einer abwischbaren Tafel. Auf diese Weise wird alles langsamer, bewusster, wird weniger dauerhaft notiert, wird vieles fortgewischt.

„In der Tat war das Schreiben das Erzeugnis eines anderen ICH, ein Erzeugnis, das mich aus meinem jetzigen Zustand befreien sollte, auch wenn es genau diesen Zustand beschrieb.“

Zu seiner Chirurgin hat er bald ein sehr starkes Verhältnis, denn sie wird ihm in unzähligen weiteren Operationen zu einem neuen Gesicht verhelfen. Lançon erzählt genau, er ist dicht bei sich, enorm reflektiert und doch offen und emotional. Schwierig wäre das alles zu lesen, hätte es nicht ein unglaublich guter Erzähler geschrieben, der sprachlich gewandt und literarisch gebildet immer wieder auch von seinen Lektüren erzählt, die ihm in der Not große Helfer sind. Da sind Kafkas Briefe an Milena, da ist Proust und da ist Thomas Manns Zauberberg.

„In meinem Zimmer machte ich mich wieder auf die Suche nach meinem vergangenen Gedächtnis, nach den Bildern dessen, der ich gewesen war. Ich tat es im Licht eines Satzes von Proust, den ich parallel zu Kafkas Briefen und dem Zauberberg las, meinen drei Zerr- und Erkenntnisspiegeln.“

Wie im Sanatorium des Zauberbergs fühlt er sich dann mitunter, wenn sich der Aufenthalt über Monate hin zieht und er letztlich gar nicht mehr weg will, weil er sich so geborgen dort fühlt. Denn die Welt draußen ist nicht mehr die Seine. Vieles, was er als Journalist wichtig empfand, relativiert sich im Rückblick auf die Geschehnisse an jenem 7. Januar 2015. Die Wahrnehmung verändert sich.

„Ich sah, wie und nach welchen Kriterien ich hätte urteilen können, hatte aber schlichtweg kein Verlangen danach. Ich lebte nur noch als Körper, der nicht mehr ganz meiner war, in einem Leben, das nicht mehr ganz meines war und dessen Bewusstsein alles aufsog, ohne moralische Wertung und ohne Widerstand.“

Ich kann diesen Roman nur jedem ans Herz legen. Er zeigt auf, wie viel sich verändert, wenn man nah am Tod war und wenn der Tod von solch unfassbarer Seite kommt.

„Der Fetzen“ erschien im Tropen Verlag. Die grandiose Übersetzung ist von Nicola Denis. In Frankreich erschien das Buch bereits 2018 und erhielt sehr verdient mehrere Literaturpreise. Eine Leseprobe gibt es hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Ebenfalls empfehle ich eine Graphic Novel von Catherine Meurisse über die ich bereits einen Beitrag schrieb. Sie ist ebenfalls Mitarbeiterin bei Charlie Hebdo. Am Tag des Anschlags hatte sie sich verspätet und so überlebt. Wie sie trotzdem traumatisiert ist und nur ganz langsam in ihren Alltag zurückfindet, zeichnet sie sehr berührend in „Die Leichtigkeit“.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

Christophe Boltanski: Das Versteck Hanser Verlag

Ein Haus in Paris, ein Innenhof in der Rue de Grenelle, ein Fiat 500 im Hof, ein Haus, in dem sich die Wohnung der Familie Boltanski befindet, eine Wohnung unterteilt in viele Räume, eine Wohnung mit zwei Stockwerken, in einem Raum das Versteck.

„Diese Familie ist nichts als eine lange Folge von Pseudonymen, Spitznamen, gekauften oder erfundenen Decknamen. Von nicht mehr ganz eigenen Namen, da sich dahinter andere verbergen, die alle dieselbe Frage stellen: „Wer sind wir?“

Christophe Boltanskis Buch besteht aus Räumen, angefüllt mit Dingen, an denen Erinnerungen haften, begehbare Einheiten einer Familiengeschichte, ein Durchlaufen der Ereignisse, ein intimer Einblick in einen geschlossenen Kosmos. Das hier gelebte Konstrukt heißt Familie und es scheint zu funktionieren vor dem Hintergrund der permanenten Angst ihrer Mitglieder. Die Idee dieses Romans erinnert leicht an Georges Perecs „Das Leben – Gebrauchsanweisung, das eine ebensolche Einteilung in Wohnungen und ihre Bewohner eines Mietshauses in Paris beinhaltet oder an Xavier de Maistres „Die Reise um mein Zimmer. Die Wohnung spielt in der Tat eine wichtige Rolle, ist Schutzraum, Abgrenzungsort, ist wie ein Mitglied der Familie, ja vielleicht der eigentliche Hauptprotagonist. Erst spät wird sie auch zu einem Begegnungsort der intellektuellen Freunde der Familie.

Boltanski gliedert diese autobiografische Geschichte nicht chronologisch, sondern in Kapitel, die jeweils nach einem Zimmer des Hauses benannt sind. Dass diese Gliederung im Fall von Boltanskis Familie stimmig ist, zeigt sich im Laufe des Lesens. Jedes Zimmer wird betreten, der Autor hat eingeladen: Er schildert, was darin geschah. Anhand der einzelnen Familienmitglieder bildet er das Familienleben und die Stellung eines jeden darin ab. Er erzählt von den wichtigen Gegenständen und der unterschiedlichen Erinnerung daran. Beginnend mit dem Auto, dem Fiat 500, der letztlich eine Erweiterung der Wohnung war.

„Der Fiat befriedigt unseren Wunsch, fliehen und sich einschließen zu können, zur Welt zu kommen und in den Zustand eines Fötus zurückzukehren.“

Im nächsten Kapitel geht es um Küche und Esszimmer. Hier taucht Boltanski weit zurück in der Zeit und erzählt etwa von der Urgroßmutter aus Odessa, die wenig Hab und Gut auf die Reise nach Frankreich mitnehmen konnte, aber eben einen Samowar: „Das Totem der Boltanskis.“ Hier spricht er von den seltsamen Essgewohnheiten, die auf die Sparsamkeit der Großmutter zurückzuführen sind. In diesem Zusammenhang schildert er auch die denkwürdigen Urlaubsreisen mit einem Volvo 144, in dem unzählige Familienmitglieder Platz fanden. Doch ging es eigentlich nur um eine möglichst lange zurückgelegte Strecke, keineswegs um den erreichten Ort oder um eine etwaige Erholung.

„Meine Familie lebte nicht zurückgezogen, sondern zusammengeschweißt.“

Es geht hier weniger um Einzelpersonen. Diese Familie ist lebensfähig nur im Ganzen. Zumindest ist dies die unumstößliche Ansicht der Großmutter Boltanskis, die mehr noch als der Großvater im Mittelpunkt des Buches und auch in dem der Familie steht. Sie ist es, die trotz (oder wegen) ihrer körperlichen Gebrechen die Starke ist, die alles mit eiserner Hand trägt und zusammenhält, die den anderen oft die Luft zum Atmen nimmt. Die Großmutter ist es auch, die entscheidet, dass im Haus „das Versteck“ eingerichtet wird, in dem sich der Großvater letztlich 20 Monate während der Verfolgung durch die Nationalsozialisten aufhält und überlebt.

Das Kapitel „Salon“ erzählt von der Kindheit der Großmutter, die von den Eltern zur Adoption zu einer reichen Bekannten geschickt wird, dass sie es einmal besser habe. In dieser Zeit ist sie unglücklich, aber materiell versorgt, beerbt schließlich sogar die Adoptivmutter.

„Über dem Taufbecken hatte man sie an eine alleinstehende Dame verkauft, die ein zurückgezogenes Leben führte und ihr mit spitzen kaum angedeuteten Küssen Moralpredigten hielt.“

Im Anschluss daran, zeigt das Kapitel „Treppe“, das weitere Schicksal der Großmutter auf. Sie beginnt ein Medizinstudium und schreibt unter Pseudonym Romane und Essays. Alles ändert sich, als sie sich als junge Frau mit Polio infiziert und seitdem unter diversen Lähmungen leidet und nur unter größter Anstrengung zu gehen vermag. Auf der Straße sieht man sie nur im Fiat, wo nichts von ihrer Gebrechlichkeit zu sehen ist. Diese Krankheit und ihr Stolz treibt sie dazu, die restliche Familie permanent um sich herum zu scharen, sie zu isolieren.

„Es ist logisch, dass sie nach einer solchen Kindheit nicht ruhte, das zu erschaffen, was sie selbst nicht gehabt hatte: eine Familie, die wie ein kompakter Block war. Sie bewegte sich nur umgeben von den Ihren. „Meine Kinder sind meine Stöcke, erklärte sie.“

Im Kapitel „Arbeitszimmer“ wird die Geschichte des Großvaters Etienne erzählt, der Arzt war und jüdischer Abstammung. Als junger Mann war er mit dem Dadaisten Théodore Fraenkel befreundet und verkehrte im club des sophistes. Aus Überzeugung trat er mit dreißig zum Christentum über, was ihn später nicht vor der Verfolgung durch die Nazis rettete. Der Großvater war gleich nach dem Studium als Arzt zwei Jahre im 1.Weltkrieg an der Front tätig und stark traumatisiert zurückgekehrt. Als in Paris die Verfolgung durch das Vichy-Regime begann, musste er seine Tätigkeit in einer Klinik beenden. Seine Frau hatte schließlich die rettende die Idee, sich offiziell von ihm scheiden zu lassen und ihn in Wirklichkeit im „Zwischenraum“ genannten Versteck direkt neben ihrem Zimmer unterzubringen. Von der Zeit im Versteck erfahren wir wenig, nur, dass es dem Großvater danach schwerfiel wieder ins Leben zurückzufinden.

„Er vermisste sein Versteck, das Leid, das ihn geläutert hatte. Er hat es nie wieder verlassen. Überall, wo er war, baute er sein Gefängnis um sich herum. Er errichtete hohe Mauern zwischen denen er sich aufhielt.“

Dennoch waren die Boltanskis später politisch und gesellschaftlich aktiv, die Großmutter nach dem Krieg bei diversen Hilfsorganisationen, die Eltern des Autors vor allem was die Algerienpolitik Frankreichs betraf,

Der Autor reiste auf den Spuren seiner Familie nach Odessa, wohin bisher keiner der Verwandten zurückgekehrt war. Er wollte wissen, wie sehr die Erinnerungen der von ihm befragten Verwandten mit der Realität übereinstimmen. Doch trotz aller Bemühungen gelang es ihm nicht, etwas in Erfahrung zu bringen.

Boltanski wuchs im Haus der Großeltern auf. Er erzählt die Geschichte seiner Familie offen mit liebevollem Blick und mit ehrlichem Respekt, verschweigt auch die dunklen Seiten nicht, vermutet sogar eine Traumatisierung der gesamten Familie, die sich bis auf seine Generation übertragen hat.

„Diese Furcht hat mir meine Familie schon sehr früh vermittelt, fast bei der Geburt.“

Aufgrund der vielen Zeitsprünge und der unglaublich vielen Namen von Familienangehörigen, die Großmutter hatte aufgrund der Adoption allein drei verschiedene, ist es mitunter etwas schwierig der Geschichte zu folgen. Ein Namensregister im Anhang wäre hilfreich gewesen.

Der 1962 in Paris geborene Christophe Boltanski ist Journalist und Kriegsreporter gewesen. Sein erster Roman ist ideenreich und eigen konstruiert, spannend und humorvoll erzählt. Er ist ein bewegendes Porträt einer ungewöhnlichen Familie von Freigeistern und Künstlern. Ihm gelingt es aus diesem biografischem Material wirklich Literatur zu machen. Seine Sprache ist bilderreich und, mir fällt kein treffenderes Wort ein, schlichtweg elegant.

Das Buch erschien im Hanser Verlag. Dieser Beitrag erschien erstmals auf fixpoetry

Film – Kunst – Film: Final Portait von Stanley Tucci DVD 2017

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Wochen, ja Monate habe ich auf die in der Bibliothek vorbestellte DVD „Final Portrait“ gewartet. Zunächst Tage, dann Wochen hat Alberto Giacometti am Porträt des Schriftstellers James Lord gearbeitet. Viel Geduld brauchte ich und auch der Modellsitzende.
Der Film von Regisseur Stanley Tucci ist ein wunderbares Künstlerportät. Obgleich es sich im Film immer und ausschließlich um das Malen am berühmten Porträt von James Lord dreht, erhält man einen recht guten Eindruck von Giacomettis Lebensgeschichte. Der Schweizer Künstler, der vor allem wegen seiner langbeinigen, dünnen Tier- und Menschenskulpturen bekannt ist, war auch Maler.

 

Der Film erzählt von der Entstehungszeit des Gemäldes 1964 im Pariser Atelier und zeigt gleichzeitig, was Giacometti für ein Mensch und Künstler war. Obsessiv und chaotisch, kettenrauchend und dem Wein und den Frauen nicht abgeneigt. Frauen, neben seiner Ehefrau Annette, die ihn inspirieren und Modell sitzen. James Lord, der 1964 von Giacometti porträtiert wurde, wusste nicht worauf er sich da einließ: Er musste seine Abreise zurück in die USA verschieben, erst täglich, dann wöchentlich, weil Giacometti nicht fertig wurde, nie zufrieden war, mitunter komplett übermalt hat. Als Zuschauer litt ich selbst Qualen, wenn Giacometti mal wieder von vorne begann. Doch der Künstler hatte bereits anfangs angekündigt, dass es passieren könnte, dass das Porträt nie vollendet wäre. Tatsächlich ist es das letzte Porträt Giacomettis. Der 1901 geborene Künstler starb 1966 in der Schweiz.
Lord erlebt den Künstler in diversen Gefühlszuständen. Im wüsten Atelier, in dem unzählige angefangene Skulpturen der Vollendung harren, erlebt man den Meister ganz aus der Nähe. Wie er wütet, wie er Zeichnungen verbrennt oder schlecht gelaunt ist, weil die Geliebte verschwunden ist, wie er im Ehestreit mit Geldscheinen um sich wirft.

 

James Lord, ein amerikanischer Schriftsteller, 1922 geboren, der sich oft in Paris aufhielt und auch Gertrude Stein, Picasso und andere Kunstikonen traf, schrieb später seine Erlebnisse mit Giacometti auf und veröffentlichte sie als Buch, das sicher auch für das Drehbuch des Films hilfreich war.

Der Film lebt vor allem von der großartigen Schauspielkunst Geoffrey Rushs, der für seine Rolle in „Shine“ einen Oscar erhielt. Unzufrieden mit seinen Fähigkeiten, zweifelnd an der Arbeit, verwirrt und exzentrisch spielt er die Figur des Giacometti trefflich. Auch Sylvie Testud als Ehefrau passt stimmig. James Lord wird von Armie Hammer gespielt. Vorrangig in Grautönen ist der Film gehalten, wie auch das Atelier und die Gemälde des Künstlers. Von den gegossenen Bronzefiguren, die jeder kennt, ist im Atelier nichts zu sehen. Der Regisseur setzt kleine Farbakzente, wie etwa der gelbe Mantel von Ehefrau Annette oder das rote Cabrio, dass Giacometti seiner Geliebten schenkte. Tucci hat außerdem ein gutes Gefühl dafür, wie Stimmungen einzufangen sind. Für Giacometti-Fans ein Muss!

Der Film entstand 2017 und ist als DVD erhältlich. Mehr auf der offiziellen Filmseite:  http://finalportrait.prokino.de/
James Lords Biografie von Giacometti ist auch als Buch erhältlich.

Simon-Pierre Hamelin: 101, rue de Condorcet Clamart Osburg Verlag

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In „Mein Jahr in der Niemandsbucht“ wundert sich Peter Handke über Marina Zwetajewas Klagen, es gäbe keinen Wald hier. Mit hier ist die Pariser Vorstadt Clamart gemeint, in der Handke viel später auch einige Zeit gelebt hat. Marina Zwetajewa, die große russische Dichterin verbrachte dort in den 30er Jahren lange Zeit im Exil. Doch angekommen ist sie dort nie. Vermutlich waren die Wälder der russischen Heimat mit denen der französischen Vorstadt nicht vergleichbar.

„Hier bin ich ohne Leser, in Russland ohne Bücher.“

Der 1973 in Paris geborene Simon-Pierre Hamelin wirft einen Blick in Marina Zwetajewas Leben in der winzig kleinen Unterkunft, in der Rue Condorcet, in der es sich kaum leben, geschweige denn schreiben lässt. Nur Notizheft um Notizheft füllt sich tagebuchähnlich mit Sehnsucht. Und mit Sorge um die Familie: um die Kinder Alja und Mur und den Ehemann Sergej Efron.

„Wie kann man auf Ihre großen blauen Notizhefte eifersüchtig sein, auf Ihre stockende Feder, diesen winzigen Tisch, an dem Sie so ganz und gar selbstvergessen sitzen … „

Ein Brief trifft ein mit der Ankündigung des Gerichtsvollziehers. Der siebenjährige Mur muss Kohle vom Nachbarn erbetteln. Der Ehemann Sergej ist immer unterwegs um Arbeit zu finden und die Tochter Alja folgt diesem auf Schritt und tritt. Mur ist eifersüchtig auf Marinas Schreiben, man hänselt ihn in der Schule als „Russkoff“. Efron und Alja sehnen sich hingegen nach Russland, dem neuen Menschen, der Sowjetunion.
Jedes Familienmitglied erhält eine Stimme, gleich ein Kapitel, in diesem schmalen Bändchen. Und zuletzt auch der eingetroffene Gerichtsvollzieher, dessen Besuch dank der Phantasie Efrons und einer Flasche Wodka besser ausgeht, als befürchtet … und für Marinas blaue Notizhefte interessierte er sich sowieso nicht. Doch das weitere Schicksal der Familie steht unter weniger guten Sternen …

„Ich weiß alles, was war, und alles was kommt,
Ich kenne das Geheimnis, taub und stumm,
Das in der stammelnden, dunklen
Sprache der Menschen – Leben heißt.“

Auszug aus dem Gedicht „Die Nächte ohne den Geliebten – und die Nächte“

Simon-Pierre Hamelins knapper, zugleich sehr dichter Roman ist eine Hommage an Marina Zwetajewa. Der Autor lebte in seiner Kindheit an beinah der gleichen Adresse wie die russische Dichterin in der Rue Condorcet 80 Jahre zuvor.
Das Buch erschien im Osburg Verlag. Die Übersetzung stammt von Regina Keil-Sagawe. Das aufschlussreiche Nachwort schrieb Marie-Luise Bott. Eine Leseprobe gibt es hier.

Die bisher unveröffentlichten Notizhefte, zu denen auch die aus Paris gehören, wurden nun auch in einem Buch gesammelt und unter dem Titel „Unsre Zeit ist die Kürze“ vom Suhrkamp Verlag herausgegeben. Eine Besprechung dazu folgt.

Ein sehr ausführlicher Roman über die Beziehung zwischen Marina und ihrer Tochter Alja ist „Unser tägliches Leben“ von Riikka Pelo. Meine Besprechung dazu auf fixpoetry.

Markus Orths: Max Hanser Verlag

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„Ein Maler ist verloren, wenn er sich findet.“
                                                             Max Ernst

„Max“ heißt der neue Roman von Markus Orths und es geht um Max Ernst, den Graphiker, Maler und Bildhauer, den DADA-Max und den Surrealisten, der sich LopLop nannte, der Oberste der Vögel, einen der vielseitigsten Künstler seiner Zeit. Ich besitze einen umfangreichen Kunstband über eine Max Ernst-Retrospektive, den ich bei der Lektüre immer ergänzend zur Hand hatte. Man bekommt nämlich Lust nach den Bildbeschreibungen die Gemälde anzusehen.

Markus Orths hat mit „Max“ keine reine Biografie geschrieben. Vielmehr geht es um die Frauen in Ernsts Leben, die ihn spiegeln. Jeder der sechs Gefährtinnen widmet er ein eigenes Kapitel. Es tauchen auch Gala und Peggy Guggenheim auf, doch die wichtigen vier waren Lou Straus, Marie-Berthe Aurenche, Leonora Carrington und Dorothea Tanning. Sehr löblich, dass Orths die Frauen gleichberechtigt neben Max Ernst stellt: Er findet mit der verschiedenen Ausgestaltung seines Erzähltons für jede Frau eine eigene Stimme. Unverwechselbar beschreibt er die Charaktere und widmet den Frauen den eigenständigen Platz, den sie verdienen. Sie stehen hier nicht im Hintergrund, sondern zeigen sich mit ihrer eigenen künstlerischen weiblichen Kraft.

Lou ist die erste Frau Ernsts und aus dieser Ehe entstammt auch der Sohn Jimmy. Sie leben in Köln. Lou ist sehr selbständig, was ihr nach der Trennung von Max zugute kommt. Sie ist Kunsthistorikerin und arbeitet als Journalistin. Sie ist jüdischer Abstammung. Sehr lange kann sie sich vor den Deutschen verstecken. Doch sie stirbt letztlich in Auschwitz. Der erwachsene Sohn Jimmy lebte längst in den USA und konnte doch nicht die Einreise durchsetzen.

Paul Éluard und seine Frau Gala lernt Max im Kreis der Intellektuellen und Dadaisten in Paris kennen. Mit Gala wird Max eine Liebesaffäre haben. Paul wird sein bester Freund. Als er die wesentlich jüngere Marie-Berthe Aurenche kennen lernt, ist klar, sie werden ein Paar. 1927 heiraten sie. Doch Marie-Berthes Überspanntheit hält Max nicht lange aus.

Dann tritt die englische Malerin Leonora Carrington in sein Leben und die beiden finden sich in ihrer Kunst wieder und leben in einer für beide künstlerisch ergiebigen Zeit lange in Südfrankreich, bis die Nationalsozialisten an die Macht kommen und schließlich alle Deutschen in Frankreich inhaftiert werden sollen.

Max wird von Leonora getrennt. Diese verbringt lange Zeit in einer psychiatrischen Klinik in Spanien und wird später über ihre „Verrücktheit“ schreiben. Max gelingt nach einigen Lageraufenthalten mithilfe des berühmten Fluchthelfers Varian Fry und mit dem Geld von Peggy Guggenheim schließlich die Flucht in die USA. Mit Peggy hat er daraufhin eine kurze Liebesffäre. Leonora und er finden in der neuen Welt nicht mehr zusammen.

Leonora.
Dorothea.
Das klang wie ein gekipptes Echo.“

Doch dann lernt er die Malerin Dorothea Tanning kennen, mit der er auch bis ans Lebensende zusammenbleiben wird. Die beiden leben in der Wildnis Arizonas, bevor sie wieder nach Europa zurückkehren und sich in Frankreich niederlassen. Ein wenig zu kurz kommt die Zeit mit Dorothea im Buch. Vielleicht ist das aber auch der Zeit geschuldet, die vermutlich die ruhigste und am wenigsten aufregende, dafür die verbindlichste aller Beziehungen war.

„Wenn mein Bild nur fünf Menschen innehalten lässt, ja wenn es nur einen einzigen Menschen innehalten lässt, ist es nicht umsonst gewesen. Veränderung ist kein Flächenbrand, sondern das Aufflammen eines Streichholzes. Und Streichhölzer können wir entzünden. Die Künstler. Mühsam. Aber wirkungsvoller, als du denkst, Max.“

Orths ist es bestens gelungen anhand von Ernsts Lebensdaten eine literarische Biografie, ja eine Hommage an den facettenreichen Künstler zu schreiben, die auch sprachlich überzeugt. Eine Empfehlung an alle, die Max Ernsts Kunst mögen und einen lebendigen Roman einer sachlichen Biografie vorziehen. Von meiner Seite: Ein Leuchten!

Der Roman „Max“ erschien im Hanser Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier. Ein aufschlussreiches Interview mit Marcus Orths gibt es auf dem Blauen Sofa.

Ergänzend sehenswert ist auch der Film von Peter Schamoni „Max Ernst – mein Vagabundieren, meine Unruhe“: Trailer

Die Fotos sind dem Kunstband „Max Ernst Retrospektive“ aus dem Hatje Cantz Verlag entnommen.

Shumona Sinha: Staatenlos Edition Nautilus

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Es ist bereits der dritte Roman der aus Indien stammenden Autorin und auch hier umkreist sie weiter ihr Thema Emigration und Integration, kommt ihm noch näher. Shumona Sinha lebt seit 2001 in Paris, studierte Literaturwissenschaft an der Sorbonne. Mit  „Erschlagt die Armen“, ihrem ersten Roman wurde sie als Autorin bekannt. Darin ging es um eine Dolmetscherin in einer Asylbehörde, die zwischen alter und neuer Heimat steht. Im zweiten Roman Kalkutta kehrte Sinha zu den Wurzeln ihrer Familie zurück. Was in jedem Buch als Thema immer wieder auftaucht, ist die Rolle der Frau. In „Staatenlos“ ist es nun sogar zum Hauptthema geworden …
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Aya Cissoko: Ma Wunderhorn Verlag

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Aya Cissoko wurde 1978 in Paris geboren. Ihre Eltern kamen aus Mali nach Frankreich, um es besser zu haben als in der Heimat und von da aus ihre Familie mit versorgen zu können. Aya Cissoko erzählt anhand ihrer eigenen Geschichte:

Diese setzt ein bei der Beerdigung der Mutter und wird in Rückblenden erzählt. Nach und nach erfahren die Leser*innen von der Verheiratung der 15-jährigen Mutter im Dorf in Mali. Dort gelten die Mädchen als hochzeitsreif, sobald sie ihre Menstruation bekommen. Oft ist der Partner von den Eltern lange vorher bestimmt. Cissokos Mutter hat Glück, ihr Mann ist „nur“ 15 Jahre älter und holt sie zu sich nach Frankreich.

„Der Sarg wird am Eingang zu Block 101 abgestellt. Die Männer haben betend einen Ring darum gebildet. Wir Frauen warten in einigem Abstand, fünf Meter hinter der letzten Reihe der Männer. Wir sollten eigentlich bei ihnen stehen dürfen, schließlich ist dies ein nicht muslimisches Land.“

Für Aya ist die Kindheit zunächst wild und frei, als Spielplatz gilt die Straße, da die Wohnung aus einem 15 qm kleinen Zimmer für zwei Erwachsene und vier Kinder besteht. Die finanzielle Situation ist immer prekär. Alles verschlimmert sich, als der Vater und die Schwester bei einem Brandanschlag ums Leben kommen und kurze Zeit später ein Bruder aufgrund einer Hirnhautentzündung stirbt. Die Mutter kämpft sich alleine durch, geht arbeiten und nimmt trotzdem immer auch Bedürftige aus der Heimat auf. Es herrscht generell ein rauhes Klima, Schläge für die Kinder sind nicht selten. Trotz des ruppigen Tons und der strengen Behandlung ist ihre Sorge zu spüren.

„Koroke weist mich als einer der ersten auf diese schlechte Angewohnheit hin: >Warum fluchst du die ganze Zeit? Hör auf damit, du hast eine wüste Sprache.< >Ach echt! Scheiße, hab ich noch gar nicht gemerkt!<

Schwer verständlich sind für mich die ungeschriebenen Gesetze der afrikanischen Familienkultur. Die Frauen haben es schwer. Männer dürfen sich alles erlauben, haben mitunter mehrere Frauen. (>Welche andere Rolle kann eine Frau ausfüllen, als den Stammbaum des Mannes zu verlängern?“)  Und diese Gesetze scheinen auch in der neuen Wahlheimat Frankreich unter den Einwanderern zu gelten. Umso mutiger ist es, dass sich Aya Cissoko als Hauptfigur des Romans loslösen kann und neugierig neue Wege geht. Sie schafft das Abitur, sucht sich einen Studienplatz, bricht ab, sucht neu, findet Unterstützung. Bewegung ist ihr wichtig und so landet sie beim Boxen und wird richtig gut, gewinnt Wettkämpfe und findet auch hier wieder Menschen, die sie fördern. Ein Halswirbelbruch bedeutet schließlich das Aus der Karriere als Boxerin. Es folgt eine schwierige Neuorientierung und die Balance zu finden zwischen Herkunft und Neuland, zwischen Tradition und Moderne, bleibt Hauptaufgabe. Cissoko emanzipiert sich, grenzt sich ab, trifft eigene Entscheidungen, übernimmt Verantwortung und bleibt sich dabei ihrer Wurzeln bewusst.

„Mit fast dreißig kehre ich auf die Schulbank zurück. Lernen ist gut für jedes Alter und mein Kopf ist endlich ausgeruht.“

Cissokos Roman ist eine große Liebeserklärung an ihre Mutter und die Geschichte einer starken jungen Frau, die sich klug und hartnäckig für ein freies und selbstbestimmtes Leben in Frankreich entscheidet. Wer Einblick in andere Kulturen sucht und lesen will, wie Integration gelingen kann, lese dieses Buch.

Was mich am Buch ein wenig gestört hat, ist, dass Teile der Dialoge auch oft zusätzlich in Cissokos Muttersprache Bambara abgedruckt sind. Es stört ein wenig den Lesefluss. Das ist allerdings auch schon das Einzige, was ich an diesem Buch auszusetzen weiß.

Der Roman „Ma“ wurde von Beate Thill aus dem Französischen übersetzt und erschien im Wunderhorn Verlag. Mehr über Buch und die Autorin und eine Lesprobe gibt es hier. Ein beeindruckendes Porträt der 1978 in Frankreich geborenen Aya Cissoko gibt es bei „Aspekte“

Film-Kunst-Film: Bin im Wald. Kann sein, daß ich mich verspäte DVD Film von Corinna Belz 2016

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Unter der Rubrik „Film-Kunst-Film“ stelle ich nun auch ab und an Filme vor, die mich beeindruckt haben und die in irgendeiner Form mit Literatur/ Kunst zu tun haben.

Die Regisseurin Corinna Belz, bekannt durch ihren Film über den Maler Gerhard Richter, hat einen wunderbaren Film über Peter Handke gemacht. Ein Film, der mich sehr für den Schriftsteller einnimmt, ein stiller Film voller Sehnsucht und Passion.

Gedreht wurde vor allem in Peter Handkes Haus nahe Paris, seinem ganz eigen gestalteten Lebensort. Eine kleine Episode auch in dem Landhaus, welches Schauplatz der Verfilmung von Handkes Theaterstück „Die schönen Tage von Aranjuez“ war, in dem Sophie Semin, Handkes Frau die weibliche Rolle spielt und er selbst einen sehr kurzen Auftritt als Gärtner hat. Auch diesen Film vom Regisseur Wim Wenders empfehle ich sehr: http://www.dieschoenentagevonaranjuez-derfilm.de/ (gerade neu als DVD)

Es ist schon spannend zu sehen, welch eine Persönlichkeit aus dem jungen, aufmüpfigen und dennoch scheuen Mann, der auf der Tagung der Gruppe 47 im Jahr 1966 zum ersten Mal von sich reden machte oder dem „Verrückten“, der mit seinem Stück „Publikumsbeschimpfung“ in der Regie von Claus Peymann die Theaterbesucher mehr als irritierte, geworden ist.

Die kleinen Dinge sind es, die den Film so besonders machen. Zuzusehen, wie Handke Pilze schneidet und das Geräusch genießt, wie er draußen im Garten all seine Bleistifte spitzt (er schreibt nur mit der Hand), oder wie er auf seinem Nähsessel sitzt und versucht den Faden in das schmale Nadelöhr zu fädeln, um eines seiner Hemden zu besticken ist schon sehr besonders. Handke gibt diesen Dingen seine ganze Aufmerksamkeit, findet die Sinnlichkeit darin. Die gleiche große Aufmerksamkeit, die er auch für die Sprache seiner Geschichten verwendet. Jedes Wort wird gewogen, damit es auch stimmig ist. Handke nennt das Schreiben auch einen Prozeß der Erfindung.

Schön auch zu sehen, wie die Notizbücher entstehen mit Text und paralleler Zeichnung, sie sind selbst schon kleine Kunstwerke. Das „Notizbuch“ aus dem Insel Verlag zeigt Einblicke. Einige Zeichnungen konnte man bereits in „Von der Baumschattenwand nachts“ aus dem Jung & Jung Verlag sehen.

Noch bis Ende Juli kann man Original-Zeichnungen aus Handkes Notizheften in der Galerie Friese in Berlin sehen.

Einen Trailer zum Film gibt es auf der offiziellen Film-Seite.

Octave Mirbeau: Diese verdammte Hand Weidle Verlag

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Ein Mann besucht ein wenig widerwillig einen alten Freund, einen Künstler. Dieser erscheint ihm verwirrt, gar verrückt. Als Erklärung seines Zustands erhält er folgende Aufzeichnungen zu lesen:
Darin geht es um einen höchst sensiblen Menschen, dessen Dasein schon von Kindesbeinen an von Schwermut und Traurigkeit geprägt ist.. Eine Familie, die ganz und gar nicht versteht, was mit diesem Jungen bloß los ist, warum er nicht funktioniert. Die ganze Kindheit hindurch hatte man ihm seine Empfindsamkeit, seine Phantasie ausgetrieben und nach dem Collége waren dann auch die Reste jeglichen Eigensinns verloren. Fortan trudelt er verwirrt und planlos durchs Leben, bis er den Maler Lucien kennenlernt.

„Eines musst du dir bewusst machen: Eine Landschaft … eine Figur … ein beliebiger Gegenstand … all das existiert nicht an sich. Es existiert bloß in dir. Du stellst dir vor, daß es Bäume gibt, Ebenen, Flüsse, Meere. Weit gefehlt, mein Freund … Nichts von alldem gibt es, jedenfalls letztlich.“

Mirbeau legt den Maler Lucien nach dem Vorbild Vincent van Goghs an. Mirbeau war auch der einzige, der zeitlebens zwei Gemälde von van Gogh kaufte. Er selbst war Schriftsteller und eine schillernde, gleichzeitig kluge und kritische Gestalt der französischen „Belle Époque“. Eines seiner bekanntesten Bücher war „Tagebuch einer Kammerzofe“, eine Kritik an der Bourgeoisie, das von Jean Renoir und später von Luis Buñuel verfilmt wurde. Es lohnt sich Mirbeau neu zu entdecken.
Wenn van Gogh wirklich so klug und ganzheitlich dachte, wie Mirbeau ihn in dieser Geschichte schildert, war er in der Tat ein verkanntes Genie …

In „Diese verdammte Hand“ wird sich der Maler Lucien aus Selbstzweifel am Schluss seine „verdammte“ Hand absägen, die Hand die den Pinsel führt, die aber den neuzeitlichen Ideen und kreativen Ergüssen dieses eigensinnigen Künstlergehirns scheinbar nicht hinlänglich folgen will. So verblutet er in jener einzigen Nacht, die sein ergebener Freund, oben genannter Sensibler, durchschläft. Zuvor hatte er jede Nacht über ihn gewacht, aus Angst um ihn, der ihm immer verrückter und wahnhafter erschien und dessen Kunst auf ihn mehr als verstörend wirkte. Lucien hatte ihn zum Schreiben angeregt, doch was aus seiner Feder kommt, ist nicht genügend, viel zu vorhersehbar, wie ihm Lucien vorhält. Die Leidenschaft, die Lucien hat, fehlt ihm gänzlich. Er ist ein ängstlicher Mensch, in Liebesdingen vollkommen naiv, wie sich im Falle Fräulein Julias zeigt, und dennoch ein treuer Freund, der jegliche Eskapaden mitmacht, weil er sich sonst vollkommen verloren und einsam fühlt. Was aus ihm nach Luciens Tod wird, steht in den Sternen. Der Autor verrät es nicht …

„Ist Kunst wahrhaftig diese Qual, diese Hölle? Würde auch ich – der ich sie mir in meinen, erneut unsagbar wirren Träumen tatsächlich als eine solch große Linderung vorstellte, ein solches beispielloses und phantastisches und unendliches Paradies, in dem der Mensch nichts anderes erschafft als das Glück – in diesem fortwährenden Wehklagen leben, mit diesem vor Schmerz verzogenen Gesicht und diesem zuckenden Auge, welches der fahle Blitz des Wahnsinns getroffen hat?“

Das Buch erschien im Weidle Verlag in bekannt schöner Gestaltung, hinter der wie immer Friedrich Forssman steckt: Feinstes Papier, fadengeheftet. Papier und Schrift werden im Impressum genannt. Übersetzt wurde es von Eva Scharenberg. Zudem gibt es ein aufschlussreiches Nachwort von Pierre Michel. Mehr über Verlag und Buch findet man hier.
Eine weitere Besprechung findet man bei Birgit von Sätze & Schätze.