Hanne Ørstavik: Roman. Milano Karl Rauch Verlag

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„Es ist so, als lebten wir ein Leben, von dem wir nichts wissen, denkt Val.“

Es ist das vierte Buch der Norwegerin Hanne Ørstavik, das ich lese und ich kann von ihrer Sprache nicht genug bekommen. Andreas Donat hat „Roman. Milano“ wie schon zuvor Die Zeit, die es dauert hervorragend übersetzt. Wenn ich auf Seite 9 bereits die ersten Zeilen anstreiche, dann weiß ich, ich bin im richtigen Buch. Wenn Ørstaviks Romane bisher schon allerfeinste Seelen- und Sozialstudien des Menschlichen waren, so geht die Autorin in diesem Buch noch weiter. Ihre Heldin Val zeigt sie bis in die Tiefen ihres Seins und geht mit großem Feingefühl und ebensolchem Sprachgefühl vor.

Die Norwegerin Val, 27, zieht zu ihrem italienischen Freund Paolo nach Mailand. Er ist wesentlich älter und arbeitet für einen großen Galeriekonzern, sie ist Zeichnerin. Beide haben sich auf ihrer Ausstellung in Oslo kennengelernt. Paolo hat sie umworben, sie sind zusammen verreist, haben sich Kunst angesehen und dann hat hat sich Val entschieden den großen Schritt zu machen. Für sie ist es schwer in einer Beziehung mit jemandem so eng zusammenzuleben, für Paolo leicht. Paolo ist noch verheiratet, obwohl seine Frau und er sich vor über 10 Jahren trennten. Val behagt das nicht. Sie versteht es nicht, doch Paolo erklärt ihr, dass es nur materielle Hintergründe hat und dass er nur sie liebe.

Val beginnt Mailand zu erkunden, von der Erdgeschoßwohnung mit den vergitterten Fenstern aus, die Blick auf eine kleine Piazza mit einer kleinen Kirche hat. Ihr Blick ist aufmerksam und genau. Sie blättert Fotobände über die Geschichte der Stadt durch, begegnet dem Faschismus unter Mussolini und entdeckt zwischen den geschichtlichen Texten auch Bilder eines Kinderheims, die sie sehr berühren. Waisenkinder sind es, Mädchen, Stelline genannt. Val versteht sie gut, denn ihre Eltern haben sie als Kleinkind an die Tante abgegeben, bei der sie dann im Reihenhaus wohnte. Die Eltern gingen nach Kalifornien, um Karriere zu machen und vergaßen sie. Erst als sie 12 Jahre alt war, gab es ein Treffen, dann noch einen Mittelmeerurlaub und dann gab es nichts mehr. Danach geben die Eltern der Teenagertochter sogar schriftlich zu verstehen, dass sie sie nicht wollen, dass sie für ein Kind eben nicht geeignet sind.

Als Leserin kann ich direkt nachvollziehen, was Val geprägt hat. Eine andauernde Vorstellung vom „nicht gewollt sein“, vom Ausgegrenztsein. Sie wünscht sich dazu zu gehören, hat aber Bindung als Kind nie erfahren, als es wichtig gewesen wäre. Und deshalb bleibt sie auch bei Paolo. Er will sie. Er liebt sie. Nur verstehen kann er sie vermutlich nicht. Er sieht nicht alles von ihr. Nicht die Dunkelheit, die Verlorenheit, das beinahe Verschwinden.

Val begibt sich mithilfe ihrer Zeichnungen, die sie ganz intuitiv entstehen lässt, immer wieder tief in ihr Innerstes. Sie überlässt sich ganz ihren Eingebungen, ihrer Fantasie und ihren Träumen. So kann sie dem Leben besser entgegentreten. Sie erfindet Figuren, die sie real flüchtig gesehen hat und in ihren Zeichnungen und Notizen ausschmückt und ihnen Leben und Vergangenheit einhaucht. Dass diese Geschichten und Bilder immer mit ihrer eigenen Person zu tun haben, dessen ist sie sich bewusst.

„Dieses Gefühl, dass es eine andere Wirklichkeit gibt.
Jene, da draußen, von der die Fotografen erzählen. Und dann gibt es die, die sie selbst in sich trägt, in ihrem Innersten. Die, mit der sie durch die Welt geht. Die für Val die stärkste ist. Als ginge sie durch die Welt, in ihrem eigenen Inneren. Kommen die beiden überhaupt in Berührung?“

Die Autorin lässt Figuren und Formen verschmelzen. Sie lässt die Stadt in den Augen Vals aufscheinen, die Architektur studiert hat, weil sie dann einen Beruf hatte, in dem sie zeichnen konnte. Gearbeitet hat sie nie als Architektin, aber sie geht mit diesem Blick durch die Stadt. Auch der menschliche Körper ist für sie in eine Form gepresst, durch die Muskeln gehalten. Oft hat sie das Gefühl, ihren Körper nicht in seiner Form halten zu können, zu zerfließen, sich aufzulösen. Dann will sie ihren Körper durch übertriebene Sportlichkeit formen. Auch der Blick Paolos auf sie ist ihr wichtig. Gleichzeitig erkennt sie auf den Festen und Ausstellungseröffnungen, die sie mit ihm besucht, wie wichtig Äußerlichkeiten in dessen Leben zu sein scheinen, wieviel Oberflächlichkeit in seinen Kreisen herrscht, wie verlogen die Kunstszene ist. Immer hinterfragt sie, was darunter liegt. Unter den Masken der Menschen und unter der neuen Architektur der Stadt. Für sie die Hochsensible, die Melancholische, geht alles ins Existenzielle. Sie gerät immer neu an ihre Grenzen.

„Ja, vielleicht kann das Zeichnen, kann die Kunst ein Freund sein, denkt Val. Vielleicht kann die Kunst die andere in mir sein. Das Fremde in mir, zu dem ich sonst keinen Zugang habe. Schattenräume in mir, versteckte. Die ich brauche, um zu wachsen. Durch deren Berührung ich mich verändern und wirklich werden kann?

In kurzen Kapiteln folgen wir Val durch ihr reales Leben in Mailand mit Paolo, durch ihre Vergangenheit in Norwegen und durch ihre Träume und die erzeichneten und erfundenen Geschichten über Jason, Vivian und die Waisenmädchen. Man fühlt, wie alles miteinander zusammenhängt. Wie ein Leben innen und außen so unterschiedlich gelebt werden kann. Dank Ørstaviks Sprache und Einfühlungsvermögen ist es ein intensives Leseerlebnis, das sich auf das Wesentliche konzentriert. Und ein tiefer Einblick in die Welt einer authentischen Künstlerin, für die ihr Tun heilsame Kräfte entwickelt. Einziges Manko, und dass sicher auch nur für mich: ein Happyend.

Geschickt und stimmig, wie Ørstavik Szenen aus Filmen von Michelangelo Antonioni mit einfügt. Froh bin ich auch über den Hinweis zur Künstlerin Marlene Dumas, deren Bilder im Roman mehrmals erwähnt werden und die mich sofort ansprechen. Große Lust, Mailand zu erkunden, habe ich bekommen. Danke auch dafür, Hanne Ørstavik! Strahlendes Leuchten!

Der Roman erschien im Karl Rauch Verlag. Er ist wieder wunderbar haptisch gestaltet mit feinem Papier, farbiger Fadenheftung und passendem Lesebändchen. Dank an Übersetzer Andreas Donat für das Rezensionsexemplar!

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Tayari Jones: An American Marriage

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Der Roman „An American Marriage“ von Tayari Jones Roman wurde bei Oprah Winfrey, der bekanntesten Literatursendung in den USA vorgestellt, der gestandene Leser Barack Obama empfiehlt ihn und schließlich wurde er mit dem Womans Prize for Fiction 2019 ausgezeichnet. Auch ins Deutsche wurde er übersetzt und erschien im Frühjahr im Arche Verlag unter dem Titel „In guten wie in schlechten Tagen“. Es ist nicht der erste Roman der 48-jährigen US-Amerikanerin, sie erhielt bereits viele Auszeichnungen und unterrichtet Creative Writing.

Ich habe diesmal zum Original gegriffen und nun also meinen ersten Roman in Englisch gelesen, um ihn auf dem Blog vorzustellen. Bisher habe ich mir schwer vorstellen können, etwas in der Originalsprache zu lesen, dazu sind meine Sprachkenntnisse in Fremdsprachen jeweils zu gering. Gerade, wenn es sich um anspruchsvolle Literatur dreht, gar um Lyrik. In der Tat bin ich aber nun mit diesem Roman erstaunlich gut zurecht gekommen und werde in Zukunft vielleicht mutiger.

Es ist eine spannende Beziehungsgeschichte die Jones hier erzählt. Tatsächlich ist es auch die Story, die mich hier am meisten interessiert. Die Sprache ist mir, es geht mir immer wieder so mit US-Autoren, oft zu beliebig, pathetisch, mit Metaphern überfrachtet – handwerklich gut – aber mit wenig Eigenart. Es geht um Roy und Celestial, zwei junge Afroamerikaner, beide geförderte Collegeabgänger mit guten Jobs, die seit einem Jahr verheiratet sind. Eines Tages wird Roy zu Unrecht der Vergewaltigung beschuldigt. Beide wissen, dass er es nicht getan hat, dennoch wird er verurteilt und zwar sehr hart (womöglich wegen seiner schwarzen Hautfarbe?): Zwölf Jahre Haft.

Von der Tat und der Verhandlung wird fast gar nichts erzählt, sondern vor allem von den Empfindungen der beiden vor- und nachher. Jones teilt das Buch auf, in Kapitel, die jeweils aus der Sicht von Roy oder Celestial erzählt werden. Einzelne im Lauf der Geschichte auch von Andre, der seit Kindertagen Celestials bester Freund ist. Die Handlung bezieht sich somit vor allem darauf, was aus der Beziehung der beiden wird durch diese ungewollte Trennung. Und es zeigt ein Bild der Südstaaten-Mentalität, in der vor allem Religion, Abstammung und eine extrem traditionsbehaftete Sichtweise auf die Ehe und die Geschlechterrollen vorhanden sind. Auch die Elternbeziehung und der Kinderwunsch, der hier sehr stark im Vordergrund steht, als gäbe es keine Partnerschaft, ohne Kinder zu haben, als wäre es oberste Pflicht, auch von Eltern und Schwiegereltern gefordert, Kinder zu bekommen. (Alles Sichtweisen, die mir mehr als fremd sind.)

So kommt es auch dann zu besonderen Konflikten, als sich Celestial erlaubt ihr Leben mit dem Focus auf ihre Kunst, sie stellt Puppen her, weiterzuleben, auch ohne Roy. Sie emanzipiert sich im Verlauf der Geschichte mehr und mehr und wird zur gefragten und gut bezahlten Künstlerin. So entfernt sie sich von Roy, der Kontakt bleibt immer mehr aus und es entsteht wieder große Nähe zu Andre, der an ihrer Seite bleibt. Als Roy nach fünf Jahren unerwartet frei gelassen wird, kommt es natürlich zu Turbulenzen …

Im Laufe der Geschichte werden auch die bisher schamhaft verschwiegenen Seiten in den Familien aufgedeckt. Roy ist ein adoptiertes Kind, sein biologischer Vater hatte sich noch vor seiner Geburt davon gemacht. Celestials Mutter ist die zweite Ehefrau des Vaters und hat sozusagen die Ehe mit der ersten Frau „zerstört“. Alles Ereignisse, die beiden schwer zu schaffen machen.

Ehrlich gesagt sind mir die beiden männlichen Figuren im Roman eher unsympathisch. Die Heldin Celestial hingegen ist immerhin eine reflektierende, sich entwickelnde Persönlichkeit und so ist es sicher auch von der Autorin beabsichtigt. Im weitesten Sinne könnte man diesen Roman in den Bereich der feministischen Literatur einordnen.

Fazit: Lesenswert durchaus, aber kein Lesehighlight.

Jan Peter Bremer: Der junge Doktorand Berlin Verlag

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Als Jan Peter Bremers neuer Roman „Der junge Doktorand“ auf der Longlist zum Deutschen Buchpreis landete, erinnerte ich mich, dass ich bereits „Der amerikanische Investor“ von ihm gelesen hatte. Ein Roman, der in einem Haus in Berlin spielt, das neu renoviert wird und einer Familie, deren Wohnung dadurch immer maroder wird, was sich auch im Familienleben spiegelt. Auch im neuen Buch geht es um Beziehungskonstellationen, die durch etwas aus dem Außen eindringendes komplett aus dem Ruder laufen.

Welch ein herrliches Buch! Ich habe mich köstlich damit amüsiert. Allein der Titel. Der junge Doktorand wird in dieser Geschichte zwar unentwegt genannt, spielt die Hauptrolle, obgleich er selbst eigentlich kaum vorkommt, geschweige denn etwas zu sagen hätte. Hätte wohl schon, aber man lässt ihn nicht zu Wort kommen.

Wir befinden uns in der alten ausgebauten Wassermühle des Malers Günter Greilach und seiner Frau Natascha. Der alternde Maler droht als Künstler in Vergessenheit zu geraten und so ist es beiden gerade recht, dass ihnen der Besuch eines jungen Doktoranden ins Haus steht, der seine Arbeit über Greilach Werk schreiben will. Das die Ankündigung von der ehrgeizigen Mutter des Doktoranden kommt und der junge Doktorand selbst immer wieder per Postkarte mitteilt (die Greilachs haben kein Internet), dass sein Kommen sich leider verzögere, finden die Greilachs in ihrer Vorfreude auf den Gast gar nicht seltsam, es steigert sogar ihre Anspannung.

Die Geschichte beginnt an dem verregneten Abend, als der Doktorand dann doch endlich auftaucht. Er wird vom Ehepaar Greilach vollkommen aufgeregt in Empfang genommen und schon in diesen ersten Minuten wird klar, dass es hier nicht um den jungen Mann geht, sonder einzig und allein um die beiden. Sofort entspinnt sich ein Dialog zwischen den Eheleuten, der den Doktoranden, die Hauptperson sogleich außen vor lässt, bei dem der Leserin sofort unwohl wird. Beide versuchen jeweils das Wort an sich zu reißen, den besten Eindruck zu hinterlassen und merken nicht, wie sie dabei ihren Gast vollkommen ausblenden. Sie werfen sich ruppige Worte an den Kopf, sie ereifern sich, sie führen ihre Dispute in gleicher Weise wie immer fort (nur endlich mit Publikum) und es wird klar, dass die beiden sich lange schon nicht mehr leiden können, nur noch aus Gewohnheit zusammen leben.

Nataschas Erwartungen sind hoch. Sie erhofft sich ein weiteres Aufblühen. Begonnen hat dieses Gefühl schon mit der Ankündigung des Gasts. Sie verklärt den jungen Mann vollkommen, fantasiert sich ein Bild und eine Biografie von ihm, die ihr zupass kommt, mit der sie vor ihrer Freundin in der Provinzstadt glänzen kann.

Greilach erhofft sich einen Bewunderer, einen den er sich zurechtbiegen kann, dem er womöglich die Doktorarbeit gleich selbst diktieren kann. Es ist seine Chance wieder in den Focus der Kunstwelt zu kommen.

Der junge Doktorand namens Florian, wie man recht spät erfährt, entspricht keiner der Erwartungen seiner Gastgeber. Er, der in der Schule einmal eine Lithografie Greilachs in einem Aufsatz besprach (weshalb die ganze Geschichte ins Rollen kam), hat gar keine künstlerischen Ambitionen mehr seit seine Mutter eine Affäre mit dem ehemaligen Kunstlehrer hat. Er will nicht studieren, ist nicht besonders ehrgeizig, sondern hat eine Aufgabe gefunden, bei der er sich geborgen und angenommen fühlt. Er kümmert sich freundschaftlich um Geflüchtete und arbeitet in einer Sprachschule, in der er Deutsch unterrichtet.

„Ohne seinen Blick vom Telefon zu heben, trat der junge Doktorand auf den Tisch zu, setzte sich auf den angebotenen Stuhl, legte das Gerät vor sich ab und zog seinen Tabakbeutel aus der Bauchtasche hervor.“

Zu lesen, wie die Greilachs es schaffen, den jungen Doktoranden als Anlass für ihre hanebüchenen gegenseitigen Beschuldigungen und Vorwürfe zu benutzen, die offenbar das Einzige sind, was sie noch verbindet, sich immer mehr in diese hineinzusteigern, ist enorm witzig und höchst traurig zugleich. Der junge Doktorand hingegen hält sich am Mobiltelefon fest, welches ab und an sirrt oder tutet, dreht Zigaretten und man ist nicht sicher, ob all die Dia- und Monologe ohne Schaden an ihm vorbeiziehen …

Bremer hat ein intensives, gekonnt konstruiertes Buch geschrieben, bei dem man nicht recht weiß, ob man lachen oder weinen soll. Sicher ist jedoch, dass sich alles genauso abspielt, tagtäglich da draußen. Der Roman jedoch leuchtet!

„Der junge Doktorand“ erschien im Berlin Verlag. Er steht auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis 2019. Mehr über Buch und Autor hier. Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.

 

Judith Kuckart: Kein Sturm, nur Wetter Dumont Verlag

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Der wunderbaren Autorin Judith Kuckart wünsche ich mehr Aufmerksamkeit für ihre Bücher. Ich lese ihre Romane schon lange und bin jedesmal angenehm überrascht über die Vielfalt, die sie in aller Ruhe in ihren Geschichten ausbreitet. Das Unspektakuläre liegt ihr, denn sie schafft es durch ihre fantasiereiche Sprache etwas ganz Besonderes daraus zu machen.

„Ob das neue teure Stadthaus, einen Steinwurf von meinem alten Hinterhaus entfernt, das so prunkvoll Licht und Luft verdrängt, sich daran erinnert, dass es mal eine Lücke war?“

Schwierig zu erläutern, um was es in diesem Roman geht. Oberflächlich gesehen, geht es um eine 54jährige Frau, die über die vergangenen Partnerschaften und daraus resultierend übers Älterwerden in ihrem Leben nachdenkt. Zu recht ein wenig melancholisch, aber extrem reflektiert sieht das dann aus, wenn Judith Kuckart eine solche Geschichte erzählt.

Der Überbau der Geschichte: Eine Frau sitzt als recht spezielle Freizeitbeschäftigung an Wochenenden am Flughafen Tegel Berlin, trinkt, und beobachtet die Menschen rundherum. Fliegen wird sie nicht, darum geht es nicht. Eines Sonntags kommt sie mit einem Mann ins Gespräch. Sie erfährt, dass er 36 ist, beruflich nach Sibirien fliegt und am nächsten Samstag zurückkehrt. Sie findet ihn sympathisch.

Die 36 scheint eine magische Zahl im Leben unserer Heldin Konstanze zu sein und so gerät sie ob dieser Begegnung in einen Erinnerungsstrom. Sie begibt sich rückblickend auf ihre Verflossenen auf eine Reise in die Vergangenheit. Als Studentin mit 18 lernt sie den politisch engagierten, unruhigen Viktor kennen, der damals 36 Jahre alt war. Doppelt so alt wie sie. Gleich zu Beginn entdeckt sie Dinge an Viktor, die sie eigentlich eher abschrecken, sich auf ihn einzulassen. So ist diese Beziehung immer eine Gratwanderung.  Dennoch verbringt sie viele viele Jahre mit ihm.

„Wie war er an dem Abend eigentlich an den raschen Urteilen ihres Verstands vorbeigekommen? Hatte er das richtige Passwort … ?“

Als sie selbst dann 36 ist, lernt sie ihren zukünftigen Partner Johan kennen, der ebenfalls 36 ist und erlebt eine lange, zunächst sehr ausgeglichene Beziehung, welche allerdings mehr und mehr von beider beruflich prekären Situation geprägt wird.

„In seinem [Zimmer] baute er sich einen riesigen neuen Schreibtisch mit zwei Telefonanschlüssen, Scanner und großem Computerbildschirm, auf dem er seine Ratlosigkeit verwaltete.“

Das Ende der Beziehungen kommt dann jeweils wenig überraschend. Hier zitiert Kuckart das Gedicht „Sachliche Romanze“ von Erich Kästner, welches ich hier mit einbinde, weil es so stimmig zum Roman und so schön ist:

Sachliche Romanze

Als sie einander acht Jahre kannten
(und man darf sagen: sie kannten sich gut),
kam ihre Liebe plötzlich abhanden.
Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.

Sie waren traurig, betrugen sich heiter,
versuchten Küsse, als ob nichts sei,
und sahen sich an und wußten nicht weiter.
Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.

Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken.
Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier
und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken.
Nebenan übte ein Mensch Klavier.

Sie gingen ins kleinste Cafe am Ort
und rührten in ihren Tassen.
Am Abend saßen sie immer noch dort.
Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wort
und konnten es einfach nicht fassen.

Bei Lyrikline liest Kästner es vor.

Und nun der 18 Jahre jüngere, also wieder 36-jährige Robert Sturm am Flughafen. Noch während des Gesprächs, malt sie sich aus, wie dieser Sturm lebt, ob sie sich wiedersehen und gerät in den Bann des jüngeren Manns. Sturm fliegt davon und sie bewegt sich in Gedanken immer ihren Fantasien über ein Wiedersehen folgend, durch ihren Alltag, ihre Arbeitswoche in einem wissenschaftlichen Versuchslabor. Sie hat ihm eine Visitenkarte entwendet und sucht sein Wohnhaus, ruft seine Telefonnummer an, obwohl sie weiß, dass er nicht da ist. Was wie Stalking klingt, wenn ich es hier so hinschreibe, ist etwas ganz anderes. Ich bin mir sicher, dass es eine unbenennbare Sehnsucht ist, die die Heldin vorantreibt, vielleicht die Sehnsucht nach tiefer Liebe, nach dem großen Sinn. Vielleicht vom Alleinleben, vom Älterwerden geprägt, äußert sich dieser Wunsch in einer schrulligen, skurrilen Art und Weise. Kuckarts Hauptfigur ist mir sehr sympathisch.

Sie hinterfragt, wie die Beziehungen zu Ende gehen konnten, ob sie es nicht lang zuvor schon waren und nur noch in der Gewohnheit gelebt wurden. Was war gut, was war schlecht? Wie hätte es besser gemacht werden können? Sie erinnert sich an ihr Studienfach Neurobiologie und an das Schreiben ihrer Doktorarbeit unter dem Titel „Emotionale Ansteckung“, die im Grunde vielleicht Antworten auf die Fragen hätte geben können. Denn oft hatte sie sich angepasst an die Gewohnheiten und Bedürfnisse der Partner.

Kuckart teilt ihren Roman in 7 Kapitel ein, die jeweils einem der Wochentage entsprechen, bis Sturm von seiner Reise zurückkehrt. Zwischen den Kapiteln fügt sich eine Art Traumtagebuch ein, falls ich das richtig definiere, welches einmal mehr Auskunft gibt über den Gemütszustand der Heldin. Es sind solche Sätze, solche Passagen, die das Lesen zur Freude machen:

„Sie hatte dem zukünftigen Vermieter nicht widersprechen wollen. Er war ein munterer Rheinländer, den die Welt erst etwas anging, wenn sie lustig zusammengefasst als Karnevalsumzug direkt durch die Straße kam.“

Wer so virtuos und mutig und auch witzig mit Sprache umgeht, hat mehr Aufmerksamkeit verdient. Eine Nominierung für den Deutschen Buchpreis sollte dieses Jahr eigentlich mal drin sein …

„Kein Sturm, nur Wetter“ erschien im Dumont Verlag. Eine Leseprobe gibt es hier.
Ich danke dem Verlag für das Rezensionsexemplar.
Eine weitere Besprechung gibt es bei letteratura.

Einen weiteren Roman von Judith Kuckart mit dem wunderbaren Titel „Dass man durch Belgien muss auf dem Weg zum Glück“ habe ich hier auf dem Blog besprochen. Und kann ihn ebenso wie alle zuvor erschienenen sehr empfehlen.

Hinweis: Der Umstand, dass es sich um ein Rezensionsexemplar handelt, hat keinerlei Auswirkung auf meine Wahrnehmung und Rezension des Buches.