Feuer auf der Zunge Persische Gedichte herausgegeben von Jasmin Tank Edition Pajam

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In der von Jasmin Tank herausgegebenen Lyriksammlung persischer Gedichte finden sich Texte aus allen Zeiten, der älteste Dichter aus dem 11. Jahrhundert, die Jüngste 1977 geboren. Die Herausgeberin hat darauf geachtet, dass auch Dichterinnen Eingang fanden. Die Gedichte sind schön. Für mich besonders die der Frauen. Was mich allerdings richtig begeistert hat sind die Illustrationen von Jasmin Tank. Stimmiger können Dichtung und Illustration keine Verbindung eingehen. Sie treffen vielleicht auch gerade deshalb so sehr meinen Geschmack, weil ich mich mit ähnlichen Materialien in meinen Arbeiten befasse.

Der schmale Band hat ein ungewöhnliches Format, was aber die Zeichnungen am Besten zur Geltung bringt. Er ist beinah quadratisch und hat etwa die Höhe von A5. Der Band ist nicht durchgehend zweisprachig, aber es tauchen immer wieder Übersetzungen auf und in die Illustrationen eingearbeitete arabische Schriftzeichen. Weshalb sich die in Berlin lebende Illustratorin Jasmin Tank mit der persischen Lyrik beschäftigt, erfährt man in ihrem Vorwort. Sie geht mit diesen Arbeiten und mit dem Sichten der Gedichte auch auf die Suche nach den eigenen iranischen Wurzeln, und das auf die schönte Weise, wie ich finde.

Es finden sich Gedichte der weltbekannten Klassiker der persischen Dichtung Farruchi, Hâfez, Dschâmi und auch einer Dichterin aus dem 17. Jahrhundert Zêbunissâ Makfi.

Von Forugh Farrochzād, der 1935 in Teheran geborenen, 1967 gestorbenen Lyrikerin, gibt es unter anderem das wunderbare Gedicht „Das Geschenk“ (siehe Foto oben). Sie war eine der ersten Frauen, die auch die Geschlechterrollen in ihren Gedichten hinterfragte, die in einer freien Versform schrieb, klar und direkt. Es wundert wenig, dass ihre Lyrik von der Regierung verboten wurde. Ich möchte den Text hier noch einmal zitieren, weil die wenigen Zeilen so viel beinhalten:

Geschenk

Vom Ende der Nacht spreche ich,
vom Ende der Finsternis
und vom Ende der Nacht spreche ich.

Kommst du in mein Haus, freundlicher Mensch,
so bringe bitte für mich eine Lampe
und ein Fensterchen, dass ich dadurch
das Gedränge auf glücklichen Straßen erblicken kann.

Eine zeitgenössische Lyrikerin finde ich vor allem noch interessant. Das ist Leila Nouri Naini. sie wurde 1970 in Teheran geboren und lebt in Deutschland. Sie fand zur Lyrik unter anderem durch eine Begegnung mit dem ebenfalls hier im Buch vertretenen Dichter Shamlu. (Ihr Gedicht siehe Foto oben).

Alle Dichter/innen sind am Ende des Buches mit einer Kurzbiografie vorgestellt, zudem gibt es Literatur- und Quellennachweise zu den einzelnen Texten.

Jasmin Tank ist ein wunderschöner Band gelungen, den man als Ein- und Überblick über die persische Dichtung benutzen kann, den man aber auch wegen seiner farbenfrohen und ausstrahlungskräftigen Bilder einfach genießen kann.

Der Band erschien in der Edition Pajam im Goethe & Hafis Verlag.

Mehr über Persische Lyrik gibt es von mir hier und hier.

Hier ist Iran! Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum sujet Verlag

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Kürzlich hörte man wieder von Demonstrationen im Iran. Unzufriedene, gerade auch Frauen, wenden sich gegen die strikten Gesetze der religiösen Staatsoberhäupter. Eine, die über ihre eigene Situation in ihrer Heimat Iran meist nur aus dem Ausland schreiben kann ist Granaz Muossavi. Ihren Lyrikband habe ich vor einiger Zeit besprochen.

Der vorliegende Band jedoch vereint Stimmen von Dichtern, die meist schon länger nicht mehr in ihrer Heimat leben: „Persische Lyrik im deutschsprachigen Raum“ ist der Band untertitelt und er enthält eine reiche Fülle an Dichtung aus dem Persischen.

Eine wunderbare Sammlung hat Gerrit Wustmann, selbst Lyriker mit Faible für die Türkei und Iran, herausgegeben. Mit Gedichten vertreten sind unter vielen anderen, die mir bekannten Namen wie Abbas Maroufi, Sudabeh Mohafez, SAID und Farhad Showgi. Von jedem Dichter/jeder Dichterin gibt es mehrere Gedichte zu lesen. Die Autor*innen werden mit einer Kurzbiografie vorgestellt.

Farhad Showghi möchte ich hier aus aktuellem Anlass herausheben, da er soeben den Peter-Huchel-Preis 2018 erhalten hat. Von ihm habe ich bereits vor längerer Zeit einen Lyrikband erworben aus dem Verlag kookbooks: „In verbrachter Zeit“ heißt er und es sind Prosagedichte, die den Lesern vorgestellt werden. Auch in der Anthologie sind es prosaähnliche Texte, die meist weniger als eine halbe Seite in Anspruch nehmen. Inhaltsschwer, dicht, sich nicht sofort öffnend, zumindest nicht auf tieferer Ebene, dabei reich an Bildern und Symbolen. Mir kommen diese Gedichte sehr nah. Showghi wurde 1961 in Prag geboren. Er ist Psychiater und Psychotherapeut in Hamburg.


Abbas Maroufi kam 1996 nach Deutschland und betreibt in Berlin die Buchhandlung Hedayat für persische und orientalische Literatur und schreibt auch Romane und Theaterstücke.
Sudabeh Mohafez wurde 1963 in Teheran geboren, sie schreibt auch Romane und Erzählungen und veröffentlichte ihre letzten Bücher im kleinen Verlag Edition Azur.
Said dürfte wohl der bekannteste Dichter dieses Bandes sein. Der 1947 in Teheran geborene kam 1965 nach Deutschland. Er schreibt Lyrik und Prosa.

Unter den jüngeren Stimmen, die sich intensiv und oft kritisch mit dem Herkunftsland auseinandersetzen, habe ich zwei Favoriten: Die 1974 in Teheran geborene und 2009 nach Deutschland gekommene Pegah Ahmadi. Hier der Auszug eines ihrer Gedichte mit dem Titel Kugelhagel:

„Außer der Republik, deiner Stimme ist in mir
Kein Wort mehr, Genosse, Bruder, Vaterland!
Ganz egal!
Eines Tages
Gehen wir alle zusammen ins Wasser.“

Und die 1980 in Sarab geborene, seit 2010 in Deutschland lebende Sanaz Zaresani. Ihr Gedicht Herzlich willkommen bedichtet die Sprachunterschiede:

„Ich habe so viele Jahre mit den Wörtern meiner
/Muttersprache gespielt,
und jetzt spiele ich in meiner Adoptivmuttersprache mit
/dem Leben.“

Auch der 1968 in Teheran geborene Farhad Ahmadkhan wird sehr deutlich in seinem Gedicht mit dem Titel Nächstenliebe:

„Wieder hat ein Mensch
mit einer Überdosis Gott
am Orte aller Orte
seine Mitmenschen
mit ins Paradies genommen.“

Wir erfahren im Vorwort viel über die Bedeutung der Literatur im Iran und der Lyrik im Speziellen. Wustmann nennt die traditionellen Dichter, wie Rumi, Nizami oder Hafis. Aber auch die europäischen Dichter wie Celan, Rilke, Goethe nehmen Einfluß. Mit vielen Widrigkeiten haben Schriftsteller dort zu kämpfen. Oft thematisieren die Lyriker in ihren deutschsprachigen Gedichten dann auch die Hin- und Hergerissenheit zwischen alter und neuer Heimat, zwischen Tradition und Moderne oder die Suche nach dem Wer-bin-ich. Was auffällt sind die starken ausdrucksvollen Bilder, die durch die Texte strahlen. Zum Entdecken der Vielfalt persischer Lyrik kann ich diese Sammlung nur empfehlen. Erschienen ist das Buch im sujet Verlag, dessen Inhaber Madjid Mohit selbst in den neunziger Jahren aus dem Iran nach Deutschland ins Exil floh. Ein Interview mit dem Verleger kann man im Börsenblatt lesen.

Danke an den Verlag für das Rezensionsexemplar!